30 Jahre Solifonds
Mai 28th, 2013
30 Jahre Solidaritätsarbeit – das muss gefeiert werden.
Und zwar am Samstag, den 1. Juni in Zürich.
Der Solidaritätsfonds für soziale Befreiungskämpfe in der Dritten Welt (Solifonds) ist 1983 entstanden und hat seither zahlreiche Protestaktionen, Mobilisierungskampagnen und Streiks auf der ganzen Welt unterstützt.
Seinen 30. Geburtstag feiert er mit einem Kulturprogramm und einem Buffet. Um 16 Uhr wird der Dokumentarfilm «Raising Resistance» über den Kampf der Campesinos in Paraguay gezeigt. Ab 18 Uhr 30 gibt es dann einen Apéro mit Buffet und Konzert (Anmeldung erforderlich, Eintritt 25 bis 50 Franken). Nach dem Essen spielt die Gruppe Rimini, und dann gibt es Disco. Ort: Quartierhaus Zürich, Sihlquai 115, 8005 Zürich (Infos unter 044 272 60 37, mail@solifonds.ch)
Dazu der aktuelle Artikel
Ein Mosaik sozialer Befreiungsbewegungen
Dreissig Jahre Solidarität mit den Ländern des Südens. Unterstützung für zahlreiche Projekte mit politischem Anspruch. Der Solifonds zeigt, wie wichtig das weiterhin ist.
Von Stefan Howald
Hat jemand auf der Schweizer Linken den Arabischen Frühling von 2011 vorausgesehen? Gab es zuvor Solidaritätskomitees für marokkanische LandarbeiterInnen oder tunesische Gewerkschaften?
Leider nein. Oder doch. Eine Organisation hat seit etlichen Jahren die regimekritische politische Aufbauarbeit im Maghreb gefördert. Der Solifonds – der Solidaritätsfonds für soziale Befreiungskämpfe in der Dritten Welt – unterstützte bereits im Jahr 2008 in Tunesien die vom Regime unabhängige Gewerkschaft Confédération Générale Tunisienne du Travail (CGTT). Dank eines finanziellen Beitrags konnten GewerkschaftsvertreterInnen nach Genf zur Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) reisen und ihre Anerkennung beantragen. […] 2009 wurden Projekte zur gewerkschaftlichen Bildung von Frauen in Algerien unterstützt. Und 2010 förderte der Solifonds Bemühungen, die Gewerkschaften im Maghreb zu vernetzen. Seit 2011 sind die Kontakte zu Arbeitslosenkomitees in der Region intensiviert worden.
Diese weitsichtige Solidaritätsarbeit wurde parallel zur Zusammenarbeit mit langjährigen PartnerInnen in Afrika und Asien und Lateinamerika und Europa betrieben. In dreissig Jahren hat der Solifonds den Kampf gegen die Apartheid und deren Folgen in Südafrika unterstützt, Beiträge an Gewerkschaften in der Türkei, in Peru und in Togo geleistet, chinesischen WanderarbeiterInnen, LandarbeiterInnen in Südspanien und Textilarbeiterinnen in Bangladesh geholfen. Er hat jahrelang den Fall des ermordeten kolumbianischen Gewerkschafters Luciano Romero dokumentiert und die Klage gegen Nestlé mitgetragen, die kürzlich abgewiesen worden ist (siehe WOZ Nr. 10/12 und 19/13). […]
Lesen Sie weiter in der WOZ Die Wochenzeitung Nr. 21/13 vom 23. Mai 2013.
Trica
Mai 23rd, 2013Unzuverlässigkeit der Geschichte
Mai 10th, 2013Er verstehe die Leute hier nicht mehr, was und wie die redeten, meint ein etwas weinseliger Barbesucher, der sich ungefragt neben den trübseligen Niko an die Theke setzt. Aber, na ja, er habe das Land auch vor sechzig Jahren verlassen. Warum denn?, fragt Niko peinlich berührt und zugleich pflichtschuldig zurück, und der Mann, sagen wir etwa siebzig Jahre alt, mit Bart, leicht heruntergekommen aber nicht verkommen, beginnt zu erzählen. Diese Strasse da draussen sei er als Kind hinauf- und hinuntergeradelt, auf einem viel zu grossen Fahrrad, und eines Nachts, eben vor sechzig Jahren, habe ihn sein Vater aufgefordert, auf die Strasse zu treten, wo sich schon eine Menge versammelt hatte, und dann hätten die Menschen, Nachbarn auch, damit begonnen, Steine in die Schaufenster der Geschäfte in der Strasse zu werfen, und sein Vater habe eigenhändig das Lokal verwüstet, das genau an dieser Stelle hier gestanden habe. Er aber habe von der anderen Strassenseite her zugeschaut, und plötzlich habe er zu weinen begonnen, und weisst Du warum, fragt der Mann seinen unfreiwilligen Gesprächspartner, aber eigentlich eher sich selber, weisst Du warum? Weil er plötzlich gemerkt habe, dass er angesichts all der Scherben auf der Strasse nicht mehr werde Fahrrad fahren können. Dann habe er das Land verlassen, und seit er vor kurzem zurückgekehrt sei, verstehe er nicht mehr, was die Leute hier so redeten. Es ist eine lakonische Geschichte, schön und traurig zugleich (mal abgesehen davon, dass der Mann danach mit grosser Geste ins Freie tritt, wo er zusammenbricht und in der Notaufnahme des Spitals stirbt, ohne Verwandte oder Freunde, nur begleitet von Niko).

Vor sechzig Jahren also. Aber 1938, die Kristallnacht, läge doch, wenn der Film in der Gegenwart spielt, woran zu zweifeln es keinerlei Indizien gibt, nicht sechzig, sondern fünfundsiebzig Jahre zurück. Dann müsste der Mann mindestens achtzig Jahre alt. Und dann hätte er wohl nicht ausdrücklich zweimal die sechzig Jahre angeführt. Diese erste Assoziation an 1938 hatte sich auch deswegen ganz selbstverständlich eingestellt, weil Niko zuvor mit einem Schauspielerfreund die Dreharbeiten zu einem Film über einen Nazioffizier am Kriegsende besucht hatte. Vor sechzig Jahren war allerdings, an fünf Tagen im Juni, in der damaligen DDR rebelliert worden. Aber waren damals auch die Scheiben von Geschäften eingeschlagen worden und nicht nur die von Parteilokalen? Und spielte die Szene im aktuellen Film an einer Stelle, die sich im damaligen Ostberlin befunden hatte? Vielleicht aber wurde hier auch nur eine schöne und traurige Geschichte jenseits der Geschichte erzählt.
