Linksbuechneriade (5)

Februar 1st, 2014

 

R. war, in ihrem unermuedlichen und unersaettlichen Radiokonsum, ein Interview mit dem deutschen Schauspieler Mario A. ins Ohr gefallen, in dem dieser erklärte, er habe in seinem Schauspielerleben ein Bedauern: dass ein Film über die letzte Reise von Karl Marx nach Algier nicht zustande gekommen sei. Man könne dieses gewaltige Leben ja nicht in einen einzigen Film drängen, doch diese letzte Reise von Marx, auch aus gesundheitlichen Gründen, kurz vor seinem Tod, unternommen, hätte interessante Aspekte veranschaulichen können. Marx habe sich nämlich, im Kontakt mit einem französischen Arzt, der wegen der Teilnahme an der Pariser Commune nach Algerien verbannt worden war, mit den demokratischen Formen unter den Kabylen beschäftigt und sich über seine wissenschaftlichen Leistungen Rechenschaft abgelegt; nach dem ihn erschütternden Tod seiner Frau habe sich gar eine zarte Liebesgeschichte im Hintergrund angedeutet, und dann dies: Er habe sich den Bart abrasieren lassen.

Tatsächlich gibt es eine Fotografie davon, oder zwei, nämlich eine vor und die zweite nach dem Haarschnitt aufgenommen, und ein Brief von Marx an Engels zeigt, dass er sich des ikonografischen Charakters seiner Haarpracht durchaus bewusst war.

Linksbuechneriade (5)

 

Aus linksbüchnerianischer Perspektive ist Marx natürlich nicht an seinen Bart gebunden, wie überhaupt das Konzept des Ikonischen dem aufklärerischen Gestus des Marxismus widerspricht. Umgekehrt lässt sich allerdings auch nicht die soziale Bedeutung von Kleidung und Frisur leugnen, wie sich gezeigt hat, als, kommerziell passend, zum Büchner-Jubiläum letztes Jahr ein angeblich neues Gemälde von Georg Büchner auftauchte oder aufgetaucht wurde. Es zeigte Büchner gesittet, geradezu nett, und griff damit in jene vor dreissig Jahren entbrannte Diskussion um die öffentliche Erscheinung Büchners anhand der einzigen beiden überlieferten Bildnisse von ihm ein: Bürgersöhnchen, das sich, nachdem es die Hörner abgestossen hätte, als Professor etabliert haben würde; oder rebellischer Geist, der alle sozialen Konventionen sprengte.

Doch während es sich in dieser Debatte um eine Fremdzuschreibung - und ziemlich sicher um eine Fehlzuschreibung - handelt, war die algerische Frisur  bei Marx ein bewusster Ausgang aus der selbstverschuldeten haarigen Situation.

Stefan Howald

Linksbuechneriade (4)

Januar 6th, 2014

 

1836 ist Franz Woyzeck von den Stützen der damaligen Gesellschaft gequält und gefoltert worden, die ihn als dumm, rechtlos, unzivilisiert, ja tierisch behandelten - eine geschundene Kreatur. Als ich kürzlich ins schöne Städtchen R. hoch wanderte und dort, seit langem wieder einmal, den Turm bestieg, las ich in einer knappen Bildtafel, 1838, zwei Jahre nach Woyzeck, sei in eben diesem Städtchen im ehemaligen Schloss eine private Anstalt zur Unterbringung von geistig Minderbemittelten eröffnet worden, so genannten Kretins, mit welchem Terminus und sozialer Figur damals körperlich und geistig Defiziente vor allem aus der Unterschicht bezeichnet wurden, deren Missbildung man später auf eine Schilddrüsenerkrankung zurückführte; tatsächlich hatte ich schon Reiseberichte über die Schweiz vom Anfang des 19. Jahrhunderts gelesen, in denen geradezu ein europaweiter Tourismus insbesondere ins Wallis zu solchen Kretins beschrieben wird, und dies durchaus in naturwissenschaftlich-aufklärerischer Absicht: Das bislang Verdrängte, Dunkle, Bedrohliche sollte öffentlich besichtigt und womöglich geheilt werden, wobei sich allerdings eine exkludierende Inklusion oder inkludierende Exklusion vollzog, da durch die Sprengung der ständischen Gesellschaft mehr Menschen ins öffentliche Bild rückten, die aber zugleich wieder in spezielle Anstalten weggeschlossen werden sollten. So zeigt sich, dachte ich während des Abstiegs ins Dorf hinunter, der zivilisatorische Prozess in seiner tiefen Ambivalenz.

 Als ich zuhause den Fall nachrecherchieren wollte, stiess ich allerdings auf eine umfassende Lücke. Das immer noch existierende, mittlerweile als Stiftung ins 21. Jahrhundert übergeführte Sonderschulheim beugt sich auf seiner Website nur auf das Jahr 1881 zurück, als die Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zürich eine Kommission einsetzte, die sich mit der Gründung einer «Institution für Geistigbehinderte» befasste, was dann 1883 verwirklicht wurde. Über die in die Zeit von Woyzeck zurückreichende Vorgeschichte fand sich hingegen auch bei ausgedehnter Internet-Suche nichts Weiteres, auch deswegen, weil Google in seiner sich Zensur annähernden Steuerung die meisten Anfragen nach R. auf eine beinahe, aber eben nur beinahe gleich lautende Stadt in Deutschland umleitete. Mehrfach wurde immerhin als erstes entsprechendes Institut in der Schweiz die von Johann Jakob Guggenbühl 1841 in Interlaken gegründete «Heilanstalt für Kretinen und blödsinnige Kinder» erwähnt. Bei genauerer Lektüre einer Schrift zum 50-jährigen Jubiläum der Anstalt in R. aus dem Jahr 1933 stiess ich dann auf den Namen Karl Kölle als erster Anstaltsleiter, und diesen Namen hatte ich, erinnerte ich mich dunkel, auf der Bildtafel im Turm als denjenigen des Initiators von 1838 entziffert-  dass er beide Anstalten über eine Zeitspanne von 45 Jahren hinweg geleitet hatte, schien allerdings kaum möglich, so dass ich den Schluss ziehen musste, offenbar die letzten beiden Ziffern der Jahreszahl vertauscht zu haben. Was sich aus linksbüchnerianischer Sicht aus dem unermüdlichen Bemühen erklären und durchaus rechtfertigen lässt, die Entrechteten und Vergessenen der Geschichte dem Schweigen der Geschichtsschreibung der Sieger zu entreissen.

Stefan Howald

Linksbuechneriade (3)

Dezember 18th, 2013

 

Es ist ja durchaus möglich, den «Woyzeck» auf dem Jahrmarkt beginnen zu lassen, mit einer Ballade über Liebe und Tod, und das machen die englischen Tiger Lillies als Bänkelsänger, ihr Bandleader Martyn Jacques grell geschminkt, wie Joker in «Batman», obwohl der natürlich seinerseits auf ältere Vorbilder zurückgeht. 2011 sind diese zwölf Songs in Wien als Musical uraufgeführt worden, mit Brass Band, doch beim ausverkauften Konzert im Zürcher Theater Rigiblick wird zuerst das neuste Werk der Tiger Lillies, die «Lulu» vorgesetzt - die, da die in England für die Opernpremiere in Leeds vorgesehenen «stunning virtual sets» durch ein bisschen Trockeneis ersetzt werden mussten, eher gleichförmig wirkt, visuell wie musikalisch, ein knappes Dutzend Songs über die «lust» und die «perverts», die sich über ein Stück Fleisch hermachen, was alles in Selbstmord und Mord endet. Erst nach der Pause also beginnt die auf sechs Songs und damit auf die Hälfte gekürzte Geschichte des armen Franz, und da wehen dann plötzlich die Verlassenheit und die Eifersucht und die «rage»; sehnsüchtig klagend und wild aufbegehrend - «just an inch», um dem Hauptmann beim Rasieren die Kehle durchzuschneiden, oder der rote Nebel, der sich unterm roten Mond über alles senkt. Obwohl man aus linksbüchnerianischer Sicht wohl bemängeln müsste, dass die gesellschaftlichen Zustände unter dem von den Tiger Lillies leider bevorzugten Begriff der Perversion moralisiert werden; aber für einmal wollen wir angesichts dieser wehmütigen Akkordeonklänge und des verstörenden Falsettogesangs doch grossherzig sein.

Stefan Howald