WOZ on tour

Die Welt spinnt –
die WOZ erklärt, warum.

5. Juni 2018
um 20 Uhr im Café Kairo
Dammweg 43 | Bern
Einlass ab 19 Uhr
Der Eintritt ist kostenlos

Gleich im Doppelpack kommt die Wochenzeitung WOZ nach Bern.

«Links und bündig» heisst das soeben erschienene Buch, das die Geschichte der WOZ seit ihrer Gründung 1981 umfassend dokumentiert. Der Cartoonist Ruedi Widmer ist seit über einem Jahrzehnt mit seinen Zeichnungen und Texten ein unverzichtbarer Bestandteil der Zeitung. In Bern wird er seinen unvergleichlichen Witz in Cartoons und Geschichten präsentieren. WOZ-Historiker Stefan Howald wird über Politik, Kultur und Kladderadatsch aus der Schweizer Mediengeschichte berichten.

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Beide Bücher können vorab über den WOZ-Shop unter www.woz.ch gekauft werden. Oder decken Sie sich am Büchertisch bei der Veranstaltung ein, die Autoren signieren Ihr Exemplar gerne.

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Vom Mond

Pere Ubu in London

Der «Borderline» in London gehört zu jenen Clubs, bei denen man sich jedes Mal fragt, warum man sich das antut. Tief in einem Keller in Soho vergraben, schummeriges Licht, biergeschwängerte Luft, tief herunterhängende Decke, Stehplatz für zweihundert, ein paar auch hinter zwei grossen Säulen, und dann schlägt einem das ohrenbetäubende Spektakel aus nächster Distanz auf den Magen und in die Ohren.

Aber das Programm ist gut, und David Thomas mit Pere Ubu beginnt hier eine Europatournee, die ihn heute Dienstag auch in die Rote Fabrik in Zürich führt. Die Jahre sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er kommt auf einen schweren Stock gestützt auf die Bühne, sitzt während des ganzen Konzerts schwergewichtig und schwer auf einem Sessel und nimmt gelegentlich einen Schluck aus einer Glasbouteille, die Rotwein oder auch Holundersirup enthalten könnte.

PereUbu2018

Das achtköpfige Ensemble beginnt mit einem stampfenden Blues, in den sich die Stimme ihres Bandleaders allmählich einklinkt, und dann noch einem Blues. Das ist hübsch, aber deswegen ist man ja nicht zu Pere Ubu gekommen. Mit «Carnival» sind wir dann bei der Sache: «The monkey is loose in my head», singt David Thomas, oder er spricht es und sing es und schreit es, Gefühle und Geschichten rankt er um die Tonkulissen, und die Aggregatszustände gehen ineinander über, so wie die einzelnen Stücke. Das ganze Konzert ist ein fortlaufendes Gespräch; einmal ermahnt er ungeduldig seine Band, die kurz pausiert, gleich weiterzumachen. Dazwischen ein paar Worte mit dem Publikum, über die Zumutung, ein gefälliger Mensch zu sein, wie es gerade seine Mutter in einem Telefonanruf aus Philadelphia gefordert habe.

Pere Ubu baut an diesem Abend auf überraschend klassischen Rockrhythmen auf, mit allerlei elektronischen Geräuschen und einer Klarinette angereichert, gebrochen, verwoben, zu einem neuen Klangteppich. Die Zugabe ist dann ein fetziger alternativer Rock, wo sich die drei Gitarristen um das schrillste Riff duellieren. David Thomas hält das in seiner ebenso schroff widerborstigen wie skurril abseitigen Art zusammen. «I live on the moon», singt er in einem Lied, und man ist froh, dass er gelegentlich vom Mond zu uns gewöhnlichen Sterblichen hinuntersteigt.

Stefan Howald

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Rhetorik in der Politik: Was kommt nach dem Ausmisten?

Kampf um Worte: Was die Politik von der Lyrik lernen sollte. Und warum uns ein bewegtes Bild nicht mehr sagt als tausend Worte.

Von Stefan Howald

«Mission accomplished», Mission erfüllt, verkündete US-Präsident Donald Trump auf Twitter, nachdem er illegal ein paar Raketen auf Syrien hatte abfeuern lassen. Es ist eine schlagkräftige Sentenz. Ein zweisilbiger energischer Auftakt mit spitzem Vokal wird in einen Dreisilber weitergezogen und endet mit einem zischenden Binnenreim. Die Wörter sind mit Religion und Kommerz assoziiert, sind positiv, leistungsbezogen, prahlerisch: typischer Trump.

Die berühmteste politische Maxime der letzten Jahre ist Angela Merkels «Wir schaffen das!», gesprochen auf dem Höhepunkt der «Flüchtlingskrise» 2015. Ein zweisilbiges Verb eingerahmt von zwei einsilbigen Wörtern. Wiederum ein Binnenreim, mit einem hellen, freundlichen Vokal. «Wir» als selbstbewusstes Subjekt, das Verb appelliert an Stolz und Tüchtigkeit, an deutsche (und auch schweizerische) Sekundärtugenden und lässt das sieghafte «Yes, we can» von Barack Obama anklingen.

Doch Maximen sind kontextabhängig, und sie müssen sich bei aller rhetorischen Kraft zuweilen an der Realität messen. In Angela Merkels Sentenz wurde das «Wir» bald als fragile Konstruktion sichtbar, auch von links als paternalistisch, ja, undemokratisch kritisiert, zumindest aber als forciert entlarvt. Moralisch ist die Maxime immer noch eine Verteidigung wert, aber rhetorisch ist sie längst höhnisch oder satirisch zerfetzt. Trump seinerseits hat seinen Spruch bei George W. Bush geklaut, der im Mai 2003 die US-Intervention im Irak gefeiert hatte, worauf weitere fünfzehn Jahre blutiger Krieg folgten. Aber solche Geschichte kann den jetzigen US-Präsidenten nicht anfechten. Dessen Tweets leben nur im und vom Moment. Was kümmert ihn sein Getwitter von vorgestern?

Die private Beichte wird öffentlich

Der Aufstieg von Tweets zum Kommunikationsmittel der Weltpolitik ist bemerkenswert. Twitter ist ein schriftliches Medium, das von der Mündlichkeit zehrt. Als Zwitter will es nicht recht in die grosse medienhistorische Entwicklung passen. 1962 hatte Marshall McLuhan das Ende der Gutenberg-Galaxis, den Niedergang des Buchzeitalters verkündigt. Vorrangig beschrieb er das Aufkommen neuer Speichermedien, doch implizit war auch die Zurückdrängung der Schrift durch die Visualisierung gemeint. Tatsächlich scheinen wir in vielem eine visuelle Gesellschaft. Aber trotz Fernsehen und Video und Facebook-Foodporn ist das Reden wichtig geblieben. Ja, die Medialisierung hat, unerwartet, zugleich die mündliche Rede aufgewertet. Oder umgekehrt: Die Flut von Bildern hat nicht zu einer verbesserten Fähigkeit geführt, Bilder zu lesen.

Radionachrichten sind weiterhin inhaltsreicher als Fernsehnachrichten. Auf den Newskanälen, auch im Internet, muss pausenlos geredet werden, um die Leere der ständig wechselnden Bilder zu übertünchen. Youtube funktioniert häufig nur mit «talking heads»; gleich nach den Tiervideos kommen als erfolgreichstes Genre Beratungsvideos, in denen jemand wortreich erklärt, wie man sich schminkt oder wie man Poker spielt oder wie man erfolgreiche Beratungsvideos dreht.

Auch auf dem politischen Markt entzünden sich Auseinandersetzungen zumeist nicht an Reportagen, sondern an der «Arena» oder am «Club» oder an «Anne Will». Die Late-Night-Talkshows sind vor einigen Jahren als neues Medium der politischen Berichterstattung gehypt worden; Viel- und SchnellrednerInnen haben einen Marktvorteil und machen daraus eine Karriere.

Dazu kommen die inszenierten Abbitten für begangene Sünden. Die schriftliche Entschuldigung reicht nicht, es braucht den direkten Auftritt. Die private Beichte ist öffentlich geworden. Handys haben die Schamgrenze privaten Redens generell verschoben. SMS waren die erste Form verschriftlichter Mündlichkeit. Twitter hat dies in die Öffentlichkeit verlegt.

Tweets sind schnell und kurz: Wer könnte dem widerstehen? Dagegen hat Florian Bissig in der «Schweiz am Wochenende» ein Plädoyer für Gedichte gehalten, als Oase der Mehrdeutigkeit, Komplexität und Bedachtsamkeit. Aber die von ihm favorisierte anspruchsvolle schriftliche Lyrik ist nur die eine historische Entwicklungsform. Die andere kommt vom öffentlichen Vortrag her, vom mündlichen Epos, vom Lied. Daran haben Poetry-Slam und Spoken Word wieder angeknüpft, als Sprechakt und Performance. In deren Erfolg äussert sich der Wunsch nach Spontaneität und Authentizität, die Sehnsucht nach dem Echten, zugleich nach Emotionalität. Aber das ist erarbeitet, mit rhetorischen Mitteln wie Hyperbel, Metapher und Wiederholung oder mit lyrischen: Vers-Takt, Reim. Noch jeder Rap macht sich einen Ehrgeiz daraus, «chick» auf «bitch» zu reimen.

Die politische Rechte hat diese Mittel im Kampf um die Worte bislang besser eingesetzt. Vollzieht sich hier eine Wende? Gegenwärtig lautet das Schlüsselwort der SVP «Ausmisten». Christoph Blocher hat sich laut «NZZ am Sonntag» empört darüber gezeigt, dass die SVP Zürich ihren ursprünglichen Wahlslogan «Saustall Stadtrat ausmisten!» aus Rücksicht auf den Wahlpartner FDP zurückgezogen hat. Die SVP Schweiz macht ihre Website mit einer etwas dezenteren Schlagzeile auf: «Aufdecken, Anpacken und Ausmisten: Damit die Schweiz Schweiz bleibt». Das ist ein triumphierender Stabreim. Dabei bricht die Reihenfolge an einer symptomatischen Stelle ab. Denn was kommt für richtige BäuerInnen nach dem Ausmisten? Einstreuen und Füttern. In den Ställen der SVP würden hingegen alle Tiere verenden. Kein Wunder, kommt sie kaum in Exekutiven oder fliegt aus solchen raus, in denen sie drin war.

Was bietet dagegen die SP an? «Für alle statt für wenige» verspricht sie mit einer restriktiven Konjunktion. Bei der britischen Labour Party heisst das ein wenig präziser «For the many, not the few». Die SP will, weniger entschieden, niemanden ausschliessen, zudem endet ihre Version rhetorisch zu lange beim Negativen, während doch, wie im Englischen, die vielen die wenigen in den Schatten stellen sollten.

Die Qualität des Puddings

Kürzlich ertönte in Bern der Demoslogan «Schweizer Waffen, Schweizer Geld / morden mit in aller Welt». Das ist ein beinahe klassischer trochäischer Vierheber, früher «anakreontischer Vers» genannt, nur ein bisschen geschwächt durch einen unreinen Endreim. Honorig und inhaltlich nicht unrichtig, aber es setzt voraus, dass das adjektivische «Schweizer» genügend negativ verstanden wird und «alle Welt» genügend positiv konnotiert ist.

Auf die Emotionalisierung der Politik muss von links mit der Präzisierung der Emotionalisierung geantwortet werden. Das heisst, Diskurse zu analysieren auf ihre rhetorischen Mittel, aber auch auf jene Mechanismen, die Sigmund Freud in seiner Traumanalyse eingeführt hatte: Verschiebung, Symptome, Kettenbildungen – was also hinter Bildern und Argumenten steckt und wie Argumentationen gebaut werden. Letztlich zeigt sich die Qualität des Puddings beim Essen und die Wirksamkeit der Rhetorik anhand ihrer Plausibilität für handfeste Probleme.


Dieser Beitrag erschien erstmals in der Literaturbeilage der Wochenzeitung WOZ vom 3. Mai 2018; siehe www.woz.ch, sowie am 14. Mai auf infosperber, https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Rhetorik-in-der-Politik-Was-kommt-nach-dem-Ausmisten

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Ohne Seele und Schuld

Zuweilen kriegt man den Mund nicht mehr zu ob der Unverfrorenheit von Wirtschafts- und Bankenvertretern. Hartnäckig verfolgen sie die Idee, dass Unternehmen Geldbussen, die ihnen im Ausland aufgebrummt wurden, von den Steuern abziehen dürfen. Bundesrat, Ständerat und Bundesgericht haben gegenteilig entschieden. Doch nun hat der Präsident der Vereinigung Schweizerischer Privatbanken, Yves Mirabaud, in der NZZ vorgeschlagen, zumindest für Bussen über fünf Millionen Franken eine generelle Amnestie einzuführen. Und der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser, der eine Kommissionsmehrheit auf die Abzugsfähigkeit von Bussen eingeschworen hatte, bevor der Vorschlag vom Ständerat im März gekippt wurde, hofft jetzt auf einen willfährigeren Nationalrat, in dessen Wirtschaftskommission die Sache gegenwärtig beraten wird.

Dabei wird mit einer Schimäre operiert: Unternehmen seien nicht schuldfähig. Also dürfe man sie auch nicht übermässig bestrafen. Das geradezu metaphysische Argument wird auch von Bundesanwalt Michael Lauber in verwandter Sache vorgebracht. In der «SonntagsZeitung» meint er, langwierige Ermittlungen zu eventuell schuldhaftem Verhalten von Unternehmen seien sinnlos. Deshalb sollten die Strafbehörden, wie etwa in den USA üblich, mit Unternehmen ganz pragmatisch Vergleiche abschliessen. Klingt gut, hat aber einen Haken: Deals sind undurchsichtig, und die Strafen fallen zumeist geringer aus als bei einer Strafverfolgung. Letztlich höhlen sie das Öffentlichkeitsprinzip aus.

Solche hektischen Initiativen reagieren auf die Konzernverantwortungsinitiative (Kovini). Nach der ersten Fundamentalopposition haben sich bürgerliche PolitikerInnen und WirtschaftsvertreterInnen unter dem Druck einer breiten Unterstützung für die Initiative vorsichtig bewegt. So will die Rechtskommission des Nationalrats einen indirekten Gegenvorschlag weiterverfolgen. Der macht zwar grosse Abstriche am Initiativtext, erkennt aber immerhin den Grundsatz der Verantwortung an.

Man kann das aber auch als bürgerliche Arbeitsteilung sehen: einerseits Entgegenkommen signalisieren, dafür an anderer Stelle den Gegenangriff lancieren.

Stefan Howald

 

Dieser Artikel erschien in der WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 17/18 vom 26.4.2018, siehe www.woz.ch

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Trotzki und der Kartoffelsack: Eine Geschichte der Manipulation

Vom Handgriff bis zum psychologischen Kniff: Manipulation hat eine reiche Geschichte. Dem Überlisten und Übertölpeln muss die aufklärerische Kritik antworten. Wenn die Manipulationskritik abstrakt bleibt, droht sie aber, in den Glauben an die Allmacht der Manipulation umzukippen.

Von Stefan Howald

Manipulation Marionette© Pixabay

Bei den alten Römern war Politik scheinbar einfach: Panem et circenses, Brot und Spiele. Der Plebs wurden ein paar Krumen hingeworfen und öffentlich ein paar Christen abgeschlachtet, und schon unterstützte sie, was der Kaiser wollte.

Mit der Moderne wurde es komplizierter. Es entstanden Zeitungen. Parteien. Politische Versammlungen. Öffentlichkeit. Mehr Bildung. Aufgeklärte BürgerInnen. Da brauchte es raffiniertere Mittel, die Menschen zu ihrem Glück zu überzeugen. Mittlerweile werden komplexe Algorithmen eingesetzt, um sie zum richtigen Verhalten zu verleiten. Keine unserer Regungen bleibt mehr verborgen, und aus vergangenen Handlungen werden künftige extrapoliert.

Beide gängigen Auffassungen simplifizieren. Schon die römische Plebs war nicht immer so leicht zu übertölpeln. Umgekehrt ist die Moderne nicht so ausgeklügelt, wie sie selbst behauptet. Beide Auffassungen haben zudem gemein, dass sie die Menschen als formbares Wachs in den Händen höherer Mächte verstehen.

Hand- und Kunstgriffe

«Die Welt will betrogen sein», vermeinten schon die Römer zu wissen. Oder moderner: Sie wird manipuliert. Dabei begann dieser Begriff ganz unschuldig. In Denis Diderots «Enzyklopädie», die das Wissen der Aufklärung versammelte, wird die «manipulation» als handwerklich-technischer Hand- und Kunstgriff eingeführt, und so kommt sie auch als Lehnwort ins Deutsche. Friedrich Engels bezeichnet damit die repetitiven Tätigkeiten in den Fabriken Manchesters. Erst im 20. Jahrhundert wird Manipulation auch für den Vorgang verwendet, Menschen zu beeinflussen.

Selbstverständlich, schon in der Aufklärung rückte die Beeinflussung anderer kritisch ins Blickfeld. Es werde Licht!, lautete die Losung gegen dunkle Absichten und finstere Hintermänner. Das richtete sich zunächst gegen die Religion. Die Pfaffen und Priester träufelten den Menschen mit allerlei fantastischen Erfindungen Honig in die schwärenden Wunden. In der Priestertrugstheorie, wie sie die frühen atheistischen Materialisten vertraten, gab es einen klaren Schurken. Écrasez l’infâme! – Rottet den Aberglauben aus! Das wurde in der marxschen Ideologiekritik verallgemeinert: Nicht nur Priester, sondern auch Lehrer, Beamte, Richter arbeiteten den Herrschenden zu.

Tatsächlich ist die bürgerliche Gesellschaft stärker auf massenhafte Zustimmung angewiesen. Das spektakuläre Kolosseum der römischen Stadtrepublik oder das zeremonielle Versailles des Absolutismus mochten die UntertanInnen beeindruckt und willfährig gehalten haben, aber in den industrialisierten Grossstädten nisteten Diversität und Unruhe. Die Massendemokratie muss mehr und unterschiedlichere Leute ruhig halten.

Die Medien vervielfachten die Möglichkeiten, die Emotionen der Menschen zu beeinflussen. Dabei konnte die Manipulation, wie in der ursprünglichen Bedeutung, ganz handfest sein: wenn etwa ein Bild retuschiert wurde. Schon im US-Bürgerkrieg wurden Fotos gestellt, um Sympathien für die eine Seite zu wecken. Die platte Fälschung, die freche Lüge traten zusehends selbstbewusster auf. Stalin liess auf Fotografien von Lenin den daneben stehenden Trotzki wegretuschieren; US-Aussenminister Colin Powell läutete vor der Uno mit gefälschten Angaben den Irakkrieg ein. Dagegen braucht es die kritische Aufdeckung und Entlarvung.

Tiefenpsychologie

Doch die Manipulation kann auch mit feineren Methoden arbeiten. Entwickelt wurden diese Anfang des 20. Jahrhunderts besonders in den USA. Edward L. Bernays, ein Neffe Sigmund Freuds, stützte sich auf massenpsychologische Erkenntnisse und begründete die Public Relations mit. «Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft», schrieb er und verstand dies positiv als Erziehung der Öffentlichkeit. Bernays hatte im Ersten Weltkrieg Propaganda für die US-Armee und den Kriegseintritt der USA gegen Deutschland gemacht, ehe er sich der Privatwirtschaft zuwandte. Nicht mehr den Krieg galt es zu verkaufen, sondern die Waren der Konsumgesellschaft. PR wurde zur Pseudowissenschaft.

Für die Schweiz ist immer noch der berühmte Satz des Werbers Rudolf Farner stilbildend: «Für eine Million Franken mache ich aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat.» Diesen Spruch soll Farner um 1960 geäussert haben, nachdem seine Agentur erstmals amerikanische PR-Methoden in der Schweiz etabliert hatte. Ob er ihn wirklich je gesagt hat, wollte er lange weder bestätigen noch dementieren, denn die Aussage gehörte bald zu seinem Image, und sie umschrieb nicht nur die Bedeutung des Geldes, sondern vor allem die Macht, die man den neuen PR-Methoden zutraute. 1957 hatte der US-amerikanische Publizist Vance Packard das Buch «The Hidden Persuaders» veröffentlicht, das ein Jahr später unter dem Titel «Die geheimen Verführer. Der Griff nach dem Unbewussten in jedermann» auf Deutsch erschien und zum Sensationserfolg wurde. Packard schilderte in schrillsten Tönen die neuen Methoden der sogenannten Tiefenpsychologie und der PR. Farben, die zum Kauf anregen sollten, die raffinierte Platzierung von billigeren und teureren Waren, das Auslösen von Spontankäufen. Noch faszinierender: technoide Verfahren. Unterschwellige Werbung, kurze Sequenzen, nur Millisekunden lang, in einen Film geschnitten, sollten sich ins Unbewusste einbrennen und Massenkäufe auslösen (die Studie, auf die er sich dabei bezog, erwies sich später als gefälscht). Mit konservativem Vorbehalt evozierte er ein Bild, das von der kommunistischen Gehirnwäsche als politischem Schreckgespenst zehrte, aber zugleich ein ungeahntes Feld kommerzieller Verlockungen eröffnete.

Darauf antwortete die Manipulationskritik. Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, durch die Erfahrungen der US-Konsumgesellschaft hindurchgegangen, betrachtete die Vereinnahmung der Menschen als allumfassend und unumkehrbar. Bernays hatte 1947 einen Essay mit dem Titel «The Engineering of Consent» veröffentlicht, über die Herstellung von Zustimmung. Vierzig Jahre später setzte dem der kritische Linguist und Aktivist Noam Chomsky zusammen mit Edward S. Herman im Buch «Manufacturing Consent» eine scharfe Kritik der Manipulation entgegen.

Drahtzieher

Die Krux des Manipulationsbegriffs aber besteht darin, dass die Manipulation schillernder vorgestellt wird als der Betrug und die Lüge, weniger greifbar und zugleich tiefgreifender. Sie droht dann in die Denunziation geheimer Mächte umzuschlagen. Wenn man sich den Algorithmen von Google ausliefert und nach Bildern zum Begriff sucht, erscheint zu fünfzig Prozent ein Marionettenspieler, an dessen Fäden die Manipulierten tanzen. Der Drahtzieher ist ein berüchtigter Topos der politischen Justiz. Die unbotmässige Masse kann nur als blinde Herde imaginiert werden, die durch Ausschaltung des Rädelsführers ihres zerstörerischen Willens beraubt werden muss. Aber auch die Kritik an der Manipulation kann in den allumfassenden Glauben an diese umschlagen. Das ist in beide Richtungen defizitär: Die Manipulierten werden als verführbar und dumm gedacht, die ManipulatorInnen als allmächtig.

Natürlich: Fake News, Social-Media-Blasen existieren und haben Effekte. Wie genau sie wirken und vor allem, wie ihnen begegnet werden kann: Zur Beantwortung dieser Fragen braucht es ein komplexeres Modell kognitiver und sozialpsychologischer Prozesse.

Denn so schmerzend es dem aufgeklärten linken Bewusstsein erscheinen mag: Selbst die Bedienung eines Facebook-Accounts ist nicht blosser Befehlsempfang, sondern eine aktive Tätigkeit. Man wählt aus, man produziert. Dass diejenigen, die der Manipulation ausgesetzt sind, selbst aktiv mitwirken, geht bei deren Überschätzung verloren – und damit auch ein Ansatzpunkt des Widerstands gegen die Manipulation.

 

Dieser Text ist erstmals in der «WOZ – Die Wochenzeitung» Nr. 16/18 vom 19.4.2018, S. 11, erschienen, siehe https://www.woz.ch/1816. Danach auch publiziert auf «infosperber», siehe https://www.infosperber.ch/Artikel/Gesellschaft/Trotzki-und-KartoffelsackltbrgtEine-Geschichte-der-Manipulation.

 

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Die morsche Stadltür

Linksbüchneriade 29

Der Untergang der Buchkultur ist wieder einmal vertagt worden. Zwar hat der Umsatz des Schweizer Buchhandels letztes Jahr erneut leicht abgenommen, aber das hat viel mit Devisenschwankungen zu tun. Umgekehrt spriessen neue Buchhandlungen und Orte des Lesens und Debattierens, vom «Buchsalon Kosmos» bis zur Bibliothek der Jesuiten in Zürich. Zugleich häufen sich die Berichte darüber; da Lesen und Vorlesen wieder hip scheinen.

Noch beinahe ganz neu ist «Material», der «Raum für Buchkultur» an der Klingenstrasse in Zürich. Da wurde kürzlich eine Doppellesung durchgeführt, mit Friederike Kretzen und Michael Fehr, in anheimelnder Atmosphäre, knapp zwanzig Leute, interessiert und interessant. Die Buchhandlung in zwei Räumen einer ehemaligen Parterrewohnung führt ein Angebot an der Schnittstelle zwischen Literatur und bildender Kunst, das meiner eher konventionellen Bildung so avantgardistisch erschien, dass ich kaum einen der ausgelegten AutorInnen auch nur vom Namen her kannte. Umso erfreuter stürzte ich mich auf einen Band von Harun Farocki zu Peter Weiss, und zudem stach mir beim müssigen Blättern ein Band von Hank Schmidt in der Beek in die Nase, der so einfach gestrickt ist, dass er zweifellos als avantgardistisch gelten darf. Seine 2016 in Berlin erschienene «Enzyklopädie der grossen Geister» druckt circa 160 Titelblätter aus den unvergänglichen «rororo bildmonographien» ab und gesellt ihnen auf der gegenüberliegenden Seite jeweils einen Vierzeiler hinzu, in denen der Autor darüber berichtet, wie er die bekannten Persönlichkeiten vor seiner Stadltür angetroffen hat, wie er mit ihnen etwas getrunken oder gespeist und vor allem mit ihnen ein wenig musiziert hat. Der Band beginnt mit Franz Kafka und endet nach vielerlei musikalischen und kulinarischen Vignetten mit Georg Büchner: «Hinter meiner Stadltür / Steht der Büchner Schorsch / Das Bier is schal, die Bassgeig’n stad / Und d’Stadltür ist morsch». Womit lapidar und genau erfasst ist, was Schorsch von den schalen Vergnügungen der abgelebten Gesellschaft und deren morschem Zustand gehalten hat.

Stefan Howald

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Links und bündig

Soeben erschienen: die Geschichte der WOZ

Stefan Howald: «Links und bündig» – eine Geschichte der  WOZ. Auch ein Beitrag zur Mediengeschichte der Schweiz

Ab wann verdient eine Zeitung eine Biografie? Die Wochenzeitung WOZ ist jetzt 36 Jahre alt und stärker denn je – angesichts der Agonie der schweizerischen Presselandschaft ein Paradox. Genau der richtige Zeitpunkt, die Geschichte der WOZ zu schreiben.

Stefan Howald hat sich dafür durch Tausende von Zeitungsseiten hindurch gelesen und mit zahlreichen Beteiligten gesprochen. Er beschreibt viele Höhe- und einige Tiefpunkte, ebenso wie die Mühen des Alltags. Warum Computer einst als des Teufels galten. Wer den Kulturboykott organisierte. Was man gegen die SVP tun kann (und was nicht). Wie eine Geheim-WOZ den Schweizer Geheimdienstchef enttarnte.

Ach ja, fast pleite gegangen ist die Zeitung auch, zwei- oder dreimal. Jedes Mal aufgefangen von der Solidarität der Leserinnen und Leser. Die Bedeutung der WOZ geht weit über ihre beschränkte Auflage hinaus. Das Buch, das im Zürcher Rotpunktverlag erscheint, schildert eine alternative Erfolgsgeschichte.

360 Seiten, gebunden. 39 Franken.
ISBN 978-3-85869-755-4
Mit zahlreichen Fotos und Dokumenten

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Demnächst in Zürich Oerlikon

bücherraum f

2018-02-28 18.13.21

Politische, philosophische, feministische Bücher

Diskussionen und Vorträge

Ausstellungen und Führungen

 

mehr Informationen unter contact@stefanhowald.ch

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Rettende Filme

Warnung: «The Post» kann zu einer Depression führen. Der hoch gehandelte Film über die «Pentagon Papers» beschwört eine heroische Zeit unerschrockener Zeitungsleute auf der Suche nach der Wahrheit, die führenden Politikern durchaus unangenehm werden und gar zu ihrem Sturz führen kann. Da muss man unweigerlich daran denken, dass es für die heutigen Führer der US-Nation so etwas wie Wahrheit als Konzept schon gar nicht mehr gibt.

Aber war es Anfang der siebziger Jahre tatsächlich so viel besser als heute? Die Zeitungen waren damals behäbig und pompös, auf institutionelle Politik konzentriert; die seltenen sensationellen Enthüllungen wurden in kaum leserlichem Administrationsenglisch verpackt und mussten auf Seite 7 ausgegraben werden. Auch machte schon Richard Nixon lange vor Donald Trump das, was dieser jetzt zelebriert, nämlich Privatkriege gegen kritische Zeitungen anzuzetteln und sie von Pressekonferenzen auszuschliessen. Indem «The Post» die Veröffentlichung der «Pentagon Papers» als Drama innerhalb der «Washington Post» inszeniert, rücken die Medien allzu stark in den Vordergrund; Proteste auf der Strasse gegen den Vietnamkrieg tauchen nur als bunte Hintergrundskulisse auf.

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Beinahe interessanter als die medienpolitische Verklärung ist die Geschlechterfrage. Meryl Streep spielt die Verlegerin, die nur durch den Tod ihres Mannes in diese Funktion und Rolle geraten ist und von den Männern um sie herum nicht ganz ernst genommen wird, mit aller durchaus schmerzhaften Zögerlichkeit. Bis der Entscheid, gegen die Interessen der guten Kreise, in denen sie sich bislang bewegt hat, die Geheimpapiere zu veröffentlichen und sich damit des Geheimnisverrats schuldig zu machen, geradezu aus ihr herausbricht – dass sie danach entschieden und selbstbewusst auftritt, wird als lange vorbereitete Katharsis sogar plausibel. Zum Schluss geht sie bescheiden durch eine Phalanx bewundernd zu ihr aufblickender junger Frauen, was denn doch ein wenig anachronistisch wirkt.

Die Selbstbeweihräucherung der US-Zeitungen ist übrigens schon in Billy Wilders «Frontpage» (1974) zerlegt worden. «The Post» mag zudem falsche Hoffnungen wecken. Dass Tricky Dicky zwar nicht gerade an den «Pentagon Papers», aber immerhin am daraus sich entwickelnden Watergate-Skandal scheiterte, kann uns vorgaukeln, Gleiches könnte auch mit Trump geschehen.

Wenn wir denn schon Helden brauchen, dann wäre Daniel Ellsberg unser Mann. Mit ihm, dem brillanten Politanalytiker mit Gewissen, der die geheimen Regierungsunterlagen mitlaufen und den Zeitungen zukommen lässt, beginnt der Film, lässt ihn dann allerdings ziemlich schnöde auf einem Abstellgeleise verschwinden. Ellsberg lebt ja noch, mittlerweile sechsundachtzig Jahre alt. Über die Vorgänge um die «Pentagon Papers» hat er schon 2002 autobiografisch berichtet. Dabei war der Vietnamkrieg als Anlass für seinen zivilen Ungehorsam eigentlich sekundär. Umgetrieben hat ihn vor allem die atomare Gefahr, wie er in einem soeben erschienenen zweiten Memoirenband «The Doomsday Machine. Confessions of a Nuclear War Planer» beschreibt.[1] Tatsächlich war er als Systemanalytiker in die militärische Planung während des Kalten Kriegs einbezogen. Bei seinen Schilderungen packt einen das kalte Grausen. Da wurde von militärischer, aber auch von politischer Seite ganz selbstverständlich mit Millionen von Toten gehandelt. Generäle wollten die Sowjetunion flächendeckend zerstören, und China auch gleich mit, damit sich die USA ein paar Jahre später nicht wieder mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sähen.

Mittlerweile redet Trump ganz offen davon, Nordkorea plattzumachen. Natürlich, es besteht immer die Möglichkeit, dass er nächstens in Pjöngjang einen Golfplatz samt Luxushotel eröffnet, aber darauf kann man ja leider nicht zählen. Im Übrigen sind die Pläne für einen Nukleareinsatz längst ohne Trump gemacht und wären auch ohne ihn umsetzbar. Die «New York Review of Books» hat in den letzten Monaten etliche besorgte Artikel der Frage gewidmet, inwiefern die Besetzung wichtiger Stellen in der Trump-Administration durch hohe Militärs einen realpolitischen Schutzschild gegen dessen Unberechenbarkeit darstellt oder mittelfristig strukturell den Primat der Politik aushöhlt.

Wie also gegen diesen Unverstand ankämpfen? «Three Billboards outside Ebbing, Missouri» liefert dafür nicht unbedingt eine Antwort. Der Film wird gerade als Meisterwerk gefeiert, mehr oder weniger implizit auch als Ode an den Widerstand gegen Trump-befeuerten Rassismus und Sexismus. Tatsächlich ist er höchst unterhaltsam, und Frances McDormand verdient für ihre Hauptrolle jeden Preis, den sie kriegen kann. Wie sie im schwarzen Hoodie ein paar Mollies gegen die Polizeistation wirft, ist hohe Kunst, in mehrfacher Hinsicht. Allerdings hat Daniela Janser in der WOZ zu Recht darauf hingewiesen, dass darin denn doch ein eher bedenkliches Gesellschaftsbild steckt.[2] Man kann die Geschichte der Mutter, die die schlampige Arbeit der Polizei bei der Aufklärung der Ermordung ihrer Tochter anprangert, als Emanzipationsgeschichte lesen, aber sind wir tatsächlich so weit ins Abseits geraten, dass wir dabei die Selbstjustiz als letzten Ausweg feiern müssen?

https://static01.nyt.com/images/2017/11/10/arts/10threebillboards1/10threebillboards-web-master768.jpgDer unbestreitbare Unterhaltungswert des Films entspringt daraus, dass er eine Kunstwelt mit eigenen Gesetzen aufbaut. Doch auch Kunstwelten weisen strukturelle Bezugspunkte zur Realität auf, bei «Three Billboards» von der Filmkritik zusätzlich befeuert. Der Film handelt ja in Trump-Land – in Missouri gewann Donald T. mit 56,8 Prozent gegenüber Clintons 38,1 Prozent, bei einem Swing verglichen mit 2012 von 9 Prozent. Dabei sind die meisten Figuren  lustvoll gezeichnete Klischee – dimwits, white trash. In manchen Filmkritiken lese ich, die Personen seien ambivalent, vielschichtig usw. Aber wo steckt die Ambivalenz, wenn ein gewalttätiger, rassistischer, sexistischer Polizist durch den väterlich ermahnenden Brief seines toten Vorgesetzten urplötzlich auf die rechtschaffene Bahn gesetzt wird? Und wo steckt die Ambivalenz, wenn durch das Auftauchen eines schwarzen Polizeichefs plötzlich die Rassenfrage gelöst ist? Im besten Fall sind das naive liberale Wunscherfüllungsfantasien. Für den weltanschaulichen Kampf in Trump-Land lernen lässt sich daraus nichts.

Stefan Howald


[1] Siehe «New York Review of Books» Nr. 1/LXV vom 18.1.2018, S. 13 – 15.

[2] Siehe WOZ Nr. 4 vom 25.1.2018, S. 23.

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Raum für Bücher

Der neue «bücherraum f» in Oerlikon

Welch ein schöner Titel: «Lebendiges Buch!» So hiess eine Tagung, an der ich kürzlich  teilgenommen habe, und nach einem Samstag mit vielfältigen Vorträgen und Gesprächen hatte sich bestätigt: Wie toll Bücher doch sind!

Es kann nie genug Bücher geben, und doch gibt es so viele davon. Unsere Bücherräume, mitsamt jenen der Organisationen, die wir aufgebaut haben, platzen aus allen Nähten. Wer könnte allerdings mit gutem Gewissen Bücher entsorgen, gar fortwerfen?

Deshalb wird mit dem «bücherraum f» eine neue Bibliothek in Zürich entstehen. Sie soll Geschichte aufbewahren und aktualisieren. Der «bücherraum f» setzt sich aus zwei Hauptbeständen zusammen. Da ist die Sammlung, die sich um die Zeitschrift «Widerspruch» herum gebildet hat: In 36 Jahren sind manche Bände zu Politik, Philosophie, Sozialwissenschaften und Psychologie ebenso wie zahlreiche Zeitschriften und Dossiers zu  einzelnen Themenheften zusammengekommen. Und da ist die Frauenlesbenbibliothek «schema f», mit einem weiten Spektrum an Literatur und Theorie, die im Zürcher Frauenzentrum untergebracht war und 2008 dort ausziehen musste. Seither schlummert sie in einem Lagerraum und kann nicht öffentlich benutzt werden, so wenig wie die «Widerspruch»-Bibliothek.

Im «bücherraum f» sollen beide Sammlungen zugänglich werden. Ergänzt durch ausgewählte Stücke aus Privatbibliotheken.

Bücher aufstellen aber reicht nicht. Ein Buch lebt erst im Lesen und im Austausch darüber, es muss Leserinnen und Leser finden. Deshalb ist der «bücherraum f» als ein kleiner Kulturtreffpunkt für verschiedenste Aktivitäten gedacht.

Inmitten der etwa 18’000 Bücher und Zeitschriften soll ein Ort für Recherchen und Lektüren sowie Reflexionen und Diskussionen entstehen. Konkret werden im «bücherraum f» Arbeitsmöglichkeiten geschaffen, es wird Platz für Sitzungen und Lesezirkel zur Verfügung stehen, und es werden Kultur- und Politveranstaltungen in kleinerem Rahmen stattfinden.

Gibt es solche Orte nicht schon? Das Sozialarchiv in Zürich enthält ziemlich viele Bücher aus dem links-alternativ-feministischen Spektrum, und die Bestände von Theo Pinkus in der Zentralbibliothek tun das erst recht. Aber der «bücherraum f» kann eine eigenständige Identität anbieten. In den Beständen von «schema f» finden sich Lesben- und Frauenkrimis oder Berg- und Wanderbücher. Es gibt Bücher aus Eigenverlagen, Broschüren von Lesbengruppen, feministischen Organisationen und Gewerkschaften zu Frauenthemen, universitäre Abschlussarbeiten. Beim «Widerspruch» lassen sich die vielfältigen Strömungen der Kritischen Theorie verfolgen. Oder da stehen Werke von Heidegger neben denen seiner Kritiker, und so lässt sich vielleicht erschliessen, warum so etwas wie ein Linksheideggerianismus entstanden ist (und warum der falsch liegt). Dazu gibt es Dossiers zu relevanten Debatten, zu diversen Protagonisten und zu «Widerspruch»-Themenschwerpunkten. Beim taktilen Stöbern in den Beständen entstehen womöglich neue Zusammenhänge. Hier also ist Simone de Beauvoir platziert, und da drüben, oder daneben, oder dagegen, steht Jean-Paul Sartre.

Gibt es nicht auch schon vielfältige Kulturangebote? Ja. Doch mit kommerziellen Veranstaltungen will der «bücherraum f» nicht konkurrenzieren. Wir möchten ein wenig intimere, vielleicht intensivere Veranstaltungen und Diskussionen anbieten. Aus vielfältigen Interessen heraus Neuerscheinungen vorstellen, Entdeckungen aus den Beständen der Bibliothek präsentieren. Arbeitszusammenhänge dokumentieren. Von Mary Burns bis Georg Büchner, vom Populismus bis Nina Power, von Münchhausen bis Ella Maillart.

Geplant ist der «bücherraum f» an einem nicht ganz gewohnten Ort, in Oerlikon, an der Grenze zwischen dem alten Teil gegen Schwamendingen zu und dem neuen Stadtteil um den Max-Bill-Platz herum.

Oerlikon? Da scheint für StadtzürcherInnen eine psychologische Barriere zu bestehen. Was Herausforderung und Chance ist. Dezentralisierung, lokales Engagement: Das sind gute linke Stichworte. Zudem ist Oerlikon im Kommen. Institute der Universität und andere Bildungsinstitutionen bringen ein jüngeres Publikum, und die Wohnblöcke um den Max-Bill-Platz können etwas kulturelle Aufpeppung vertragen. So werden Veranstaltungen auf die Lokalität Bezug nehmen. Schliesslich sind manche jener Frauen, nach denen im neuen Oerlikon eine Strasse oder ein Platz benannt worden ist, mit Werken im «bücherraum f» vertreten.

Der «bücherraum f» wird von einem Verein getragen. An der Umsetzung sind zurzeit beteiligt: Monika Zemp, Clara Zellweger, Monika Saxer, Jonathan Pärli, Stefan Howald, Pierre Franzen, Dolores Zoé Bertschinger. Gespräche mit zusätzlichen TrägerInnen sind im Gang.

Wir können weitere Unterstützung gut gebrauchen. Einfache Vereinsmitglieder zahlen 60 Franken pro Jahr, Fördermitglieder 240 Franken. Nützen würde es uns auch, wenn unser Projekt im weiteren Umfeld bekannt gemacht würde. Und wir sind interessiert an Menschen, die Ideen für Veranstaltungen haben und diese umsetzen möchten. Zusätzliche Informationen finden sich auf unserer Website.

Stefan Howald

www.buecherraumf.wordpress.com / buecherraumf@gmail.com


Dieser Text erschien auch im Info der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung, siehe http://studienbibliothek.ch/

 

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