Sprechendes Wandbild

Adolf Funk und das Fresko an der Binzmühlestrasse

Der dritte Zürcher Büchner-Rundgang, der am 16. Dezember im bücherraum f an der Jungstrasse 9 beim Bahnhof Oerlikon begann, endete zwanglos in der Nähe an der Jungholzstrasse. Gleich um die Ecke vom bücherraum f befindet sich nämlich ein Mehrfamilienhaus, mit der Adresse Jungholzstrasse 27/29. Das Haus beziehungsweise dessen Anbau entlang der Binzmühlestrasse ist in der lokalen Überlieferung auch als SMUV-Haus bekannt, der Quartierverein Seebach spricht auf seiner Website sogar vom «SMUV-Hüsli». Die Hausfassade ziert ein hübsches Fresko.

Tatsächlich befand sich in diesem Anbau seit 1943 das Sekretariat der Sektion Oerlikon des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbands (SMUV). In den Verbandsunterlagen im Sozialarchiv lässt sich die folgende Entstehungsgeschichte rekonstruieren.

Der SMUV, einst die bedeutendste Gewerkschaft der Schweiz, suchte seit längerem Räume für ein grösseres Zentralsekretariat in Zürich. 1939 war die «Bürohaus am Stauffacher AG» gegründet worden, mit dem Zweck der «Erwerbung von Liegenschaften an der Stauffacher- und Werdstrasse in Zürich 4 und die Errichtung und Verwaltung eines Büro- und Wohnhauses auf dem erworbenen Areal». Darin sollte das Zürcher Zentralsekretariat einziehen. Das Sekretariat der Lokalsektion Oerlikon befand sich seit Anbeginn 1903 und noch bis 1943 in der «Heimat» an der Affolternstrasse 9 – die «Heimat» diente dann vor und nach Kriegsende kurzfristig der Volksküche, die dort billige Mahlzeiten anbot, wobei die Menschenschlange zuweilen bis zur Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) reichte, wie sich eine damalige Kellnerin in der NZZ vom 14. Januar 1973 erinnerte; von circa 1960 bis 1975 wurde das Restaurant von einem italienischen Pächter geführt und war ein Treffpunkt für viele Fremdarbeiter, bis es durch einen Neubau ersetzt wurde.  Doch zurück zum SMUV-Haus. 1943 entwarf das «Architektur- und Baubüro Bauplan» eine grössere Wohnkolonie «Binzmühle» mit vier Häusern à zwölf Dreizimmerwohnungen von der Ecke Jungholzstrasse an entlang der Binzmühlestrasse. Im Mai 1943 übernahm der SMUV via die Bürohaus AG von «Bauplan» den östlichsten Block mit den Strassennummern Jungholzstrasse 27/29. Dazu schoss die Gewerkschaft ihrer Tochtergesellschaft einen Kredit von insgesamt 311000 Franken vor. Da sich die Häuser schon im Bau befanden, wurden kurzfristig Umbaupläne für einen Büroanbau entwickelt, was den Bau nicht nur verteuerte, sondern auch verzögerte.

Um das Gebäude äusserlich zu markieren, wurde ein kleiner Wettbewerb für ein Wandfresko ausgeschrieben. Am 12. Januar 1944 reichte der Maler Adolf Funk eine Projektskizze samt Kostenvoranschlag ein; am 18. Januar erteilte ihm die Bürohaus am Stauffacher AG den Auftrag für 2000 Franken, «Maurerarbeiten und Gerüststellung inbegriffen».

Funk, 1903 in Nidau geboren, war ein recht bekannter Maler, der an der Expo 39 vertreten gewesen war und schon verschiedene Häuser geschmückt hatte, etwa 1941 den Treppenaufgang im 1760 erbauten Haus zur Münz, am Münzplatz hinter der Bahnhofstrasse.

 

Den Umbau des Hauses zum Münz 1940/41 verantwortete die Architektin Lux Gujer, deren Leistung in der Innenausstattung geradezu als Gesamtkunstwerk gerühmt wurde. Doch 1960 brannte das Haus aus; seither steht dort der Hauptsitz der Bank Julius Bär.

 

 

 

 

1942 malte Funk ein grosses Fresko im Schulhaus bei der Zürcher Kornhausbrücke.

Zumeist konzentrierte er sich in seinen erfolgreichsten Arbeiten auf Natur- und Tiermotive.

Den Auftrag des SMUV bestätigte Funk aus dem Militärdienst in einem Feldpostbrief vom 21. Januar 1944; das Fresko selbst wurde dann relativ schnell fertiggestellt. Es verströmt etwas Italianità, mit warmen Farben, Trauben und Weinkrug, was der Mitgliedschaft im SMUV durchaus angemessen war.

    Weitere Fresken von Funk finden sich beispielsweise im Schulhaus Lachenzelg in Höngg (1954) und im Ämtlerschulhaus (1957).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verheiratet war Funk seit 1933 mit der Stickerin Lissy Funk (1909 – 2005), die zahlreiche bekannte Wandteppiche geschaffen hat, etwa im Zürcher Rathaus oder im Kloster Allerheiligen in Schaffhausen; die gemeinsame Tochter ist die ebenso bekannte Malerin Rosina Kuhn (*1940). Funk starb 1996 in Zürich.

 

 

 

Aus dem Innern eines Miethauses

Die Vermietung an der Jungholzstrasse 27/29 begann auf den 1. April 1944, zu einem Mietzins von 1500 Franken für die Dreizimmerwohnung, pro Jahr natürlich, Heizkosten exklusive. Den Unterlagen lassen sich selbst bei flüchtiger Durchsicht zuweilen Vignetten über die Zeitumstände entnehmen. So machte das Büromaschinenunternehmen J. Guntersweiler & Erndt dem Vermieter Ende 1945 Mitteilung, dass es einem Wohnungsmieter eine Schreibmaschine auf Miete und später eine weitere auf Teilzahlung überlassen habe – solche Beurkundungen waren kurz nach dem Krieg für Unternehmen offenbar vorgeschrieben und nötig, um sich gegen das «Retentionsrecht», das Sicherungsrecht des Hauseigentümers seinerseits abzusichern.

Bedrückender wirkt eine andere Episode. Auf Ende Dezember 1947 wurde einer ohne Vornamen angeschriebenen Frau R. an der Jungholzstrasse 29 per Chargé-Express mitgeteilt: «Wie man uns mitteilt lebt Ihr Ehemann Herr R. nicht mehr bei Ihnen. Wir haben ihm deshalb mit heutigem Datum die bisher innegehabte Wohnung […] gekündigt. Zu Ihrer Kenntnisnahme diene, dass wir den Mietvertrag Ihnen gegenüber nicht aufrecht erhalten können. […] Sie haben deshalb die Wohnung spätestens per 31. März 1948 zu verlassen und dieselbe in absolut ordnungsgemässem Zustande abzugeben.» In ähnlich barschem Ton wurde angekündigt, falls die letzten fälligen Mietzinse nicht einträfen, sehe man sich allenfalls zu einer früheren Auflösung des Vertragsverhältnisses gezwungen. Worauf ein Brief von Herrn R. bei der Verwaltung eintraf, er sei gegenwärtig nur aus Arbeitsgründen aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, hoffe aber, künftig wieder in Zürich arbeiten und wohnen zu können – der Erfolg oder Misserfolg der Intervention ist nicht dokumentiert.

Zuweilen machten sich auch einige Mieter das Leben gegenseitig schwer. Wiederkehrendes Ärgernis bereitete offenbar die Familie G., der Ende Januar 1951 wegen «dauernden Differenzen mit Ihren Mietmietern» gekündigt wurde. Auf einen «befremdeten» Brief von Herrn G. kam es zu einer Aussprache, wonach die Kündigung zurückgezogen wurde, verknüpft mit dem «dringenden Wunsch, Ihre Frau möchte in Zukunft im Interesse eines gedeihlichen und friedlichen Zusammenwohnens unangebrachte Diskussionen vermeiden». Knapp drei Jahre später wandte sich eine andere Mieterin mit einer Klage über die Familie G. an den Verwalter. Insbesondere listete sie drei Punkte auf: Der Knabe der G.’s habe den ganzen Sommer lang Zierbeeren in ihr Schlafzimmer geworfen und mit dem Gartenschlauch in die Stube gespritzt. Der dreijährigen Tochter der Mitmieter verstecke er den Fussball, zudem wecke Frau G. deren zweimonatige Tochter, wenn diese im Kinderwagen im Treppenhaus schlafe. Wiederum konnten die Wogen vorübergehend geglättet werden, bis dann, immerhin viereinhalb Jahre später, nach erneut «schwerwiegenden Klagen» einiger Mieter an einer Generalversammlung der vermietenden AG der Beschluss zur endgültigen Kündigung gefasst wurde, versehen mit dem Hinweis, dass man in Zukunft vermehrt nur noch Gewerkschaftsmitglieder als Mieter berücksichtigen möchte.

sh

 

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«…dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte…»

Dritter Zürcher Büchner-Rundgang

Den 20. ging Lenz bekanntlich ins Gebirg. «… Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte.» Auch Georg Büchner wanderte gern. Hier wäre er vorbeigekommen, wenn er denn bei seiner Einreise in die Schweiz 1836 von Baden aus den Abstecher über die Lägern gemacht und via Oerlikon nach Zürich gelangt wäre.

Der Tannenhof, 1678 erbaut, ist eines der ältesten noch existierenden Gebäude in Zürich-Seebach. Gleich nebenan stand bis 1961 die ehemalige Binzmühle, und die wiederum, 1212 erbaut, versorgte sowohl Seebach wie Oerlikon mit Mehl.

Die Allmannstrasse 4 war die erste Station des Dritten Zürcher Büchner-Rundgangs 2018. Wegen Sturmwarnungen war er um eine Woche verschoben worden; so machten sich am 16. Dezember zwei Dutzend Afficionados vom bücherraum f an der Jungstrasse 9 bei etwas freundlicherem Wetter durch den frisch gefallenen Schnee auf und folgten den Spuren, die Georg Büchner in Oerlikon hinterlassen hat, direkt oder durch sein Angedenken. Denn dazu gab es Einiges zu sagen und einige Büchner-Texte vorzutragen.

Auf den Tannenhof hätte er am 19. Oktober 1836 einen flüchtigen Blick geworfen, wenn er denn die Kutsche von Strassburg via Basel in Baden verlassen hätte. Die Schnellverbindung zwischen Basel und Zürich war erst vor einigen Jahren eingerichtet worden. Bis 1830 gab es von Zürich aus nur gemächliche Postwagen nach Schaffhausen, Konstanz und St. Gallen. Doch, berichtete Friedrich Vogel 1841 in seinem Neuen Orts-Lexikon des Kantons Zürich in stolzem Fortschrittsoptimismus: «In wenigen Administrationszweigen sind in den letzten Jahren, sowohl in der Schweiz im Allgemeinen, als ganz besonders im Canton Zürich, so bedeutende Fortschritte gemacht worden, als in demjenigen des Postwesens.» 1830 einigten sich die Postverwaltungen von Aargau, Basel und Zürich auf die Einrichtung eines Eilwagens zwischen Basel und Zürich, der «ebenso sehr die Freude als die Zweifel des Publikums erregte, ob ein solches Unternehmen Bestand haben werde». Es hatte. 1834 folgte ein Eilwagen zwischen Zürich und St. Gallen sowie normale Postwagen den beiden Seeufern entlang bis Rapperswil beziehungsweise Richterswil. 1835 wurden eine tägliche Diligence zwischen Zürich und Luzern sowie tägliche Eilwagenkurse nach Schaffhausen und dann nach Bern eingerichtet; im Jahr darauf folgten Kurse innerhalb der Kantonsgrenzen zwei mal in der Woche nach Wald über die Forch, nach Hinwil via Uster und nach Bauma über Fehraltorf. 

Entsprechend stiegen die Zahlen der Reisenden. 1832 waren von Zürich aus 12’000 Personen befördert worden, 1836 waren es bereits 39’848; entsprechend hatten sich auch die Einnahmen und Staatsabgaben bedeutend vermehrt. Für das Jahr 1839 zählt Vogel dann fünfzehn tägliche Kurse auf, dazu vier weitere Kurse mindestens dreimal in der Woche, mit insgesamt 59’363 Reisenden.  

Und so hätte Büchner auf der Lägern kurz geruht, bevor er über Dielsdorf – damals ein Bauerndorf mit immerhin 640 zumeist in der Landwirtschaft tätigen BewohnerInnen, aber auch mit einer Mühle, einer Reibe, einer Schleife, einer Schmiede, einer Metzg und einer Taverne – nach Oerlikon gekommen wäre. Jedenfalls beschrieb er die ersten Eindrücke der Schweiz in scharfem Kontrast zu den verrotteten Zuständen in der Heimat. «Die Schweiz ist eine Republik», bestätigte er den Eltern in einem Brief, und trotzdem (oder vielleicht deswegen) sei nichts von «Anarchie, Mord und Totschlag» zu spüren, wie es den «guten Deutschen» weisgemacht werde, im Gegenteil. 

Beim Rundgang wurden solche Erläuterungen und Texte von Armin Büttner, Stefan Howald und Adrian Riklin kundig ergänzt durch lokalhistorische und kulturelle Informationen, etwa über H. R. Gigers phantastisches Atelier an der Grubenackerstrasse.   

Nach der Binzmühle ging es beispielsweise zum städtebaulich noch etwas verloren wirkenden Max-Frisch-Platz in Neu-Oerlikon. Frisch hatte 1958 als erster nicht-deutscher Schriftsteller den renommierten Büchner-Preis erhalten und in seiner Preisrede in auch heute noch aktuellen Gedanken über Heimat, Exil und Nationalismus räsonniert. Nicht weit davon entfernt bot der etwas grandiosere Max-Bill-Platz Gelegenheit, sich dessen geplantes Büchner-Denkmal in Darmstadt zu vergegenwärtigen sowie die Gründe, warum es nicht zustande kam.

Am MFO-Park wurde die feudale Rückständigkeit in Hessen mit der Industrialisierung in Zürich-Oerlikon kontrastiert. Ein Thema waren auch die Frauen um und mit Georg Büchner. Etwa die Schwester Luise Büchner (1821–1877), eine bekannte Bildungsreformerin und Frauenrechtlerin, die 1875 anlässlich der Einweihung der Büchner-Gedenkstätte beim Rigiblick nach Zürich reiste und danach bemerkenswerte Einblicke in die hiesigen Bestrebungen zur Mädchen- und Frauenbildung vermittelte.

Es gab so viel zu sagen und zu zeigen, dass nicht alles zur Sprache kommen konnte. Deshalb wird ein weiterer Rundgang geplant, bei milderen Temperaturen. Einige Informationen sind gesammelt im dritten Zürcher Büchner-Brevier, das über diese Website oder diejenige des bücherraums f unter www.buecherraumf.ch zu beziehen ist.

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Verschoben

Ein Sturm weht vom Paradiese her.

Wegen widriger Wetterverhältnisse wird der

Büchner-Rundgang

um eine Woche verschoben

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Georg Büchner in Oerlikon

Hier in Goddelau wurde Georg Büchner am 17. Oktober 1813 geboren

Und hier wird am 9. Dezember 2018 der Rundgang auf den Spuren von Georg Büchner in Zürich Oerlikon starten.

Siehe http://www.buecherraumf.ch/veranstaltungen.php

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«Links und bündig» in Basel

Montag, 29. Oktober, 20 Uhr

Restaurant Hirscheneck, Lindenberg 23, Basel

Stefan Howald, Autor der WOZ-Geschichte «Links und bündig» (Rotpunktverlag), präsentiert Anekdoten aus den heroischen Anfangszeiten der WOZ und von später: mit schrägen Bildern und Nacherzählung heftiger Debatten.

Ausserdem Lesung spannender Texte aus vier Jahrzehnten WOZ von Schauspieler Matthias Flückiger, nebem anderen als WOZ-Wunsch-Fee und WOZ-Vertreter an der Generalversammlung der UBS bekannt.

Eintritt frei, Büchertisch

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Nach Italien und zurück

Beim Besuch in London blättert man gerne in der gratis aufliegenden «Islington Tribune», ein Lokalblatt mit Berichten über unliebsame Löcher in den Strassen, Geschäftseröffnungen, Vereinsfeierlichkeiten und lokalem Sportgeschehen, das von kleingewerblichen Anzeigen lebt, sich aber auch ein wenig daran orientieren muss, dass die Mehrheit seiner LeserInnen in der Labour-Hochburg Islington doch eher links gerichtet denkt. Darin habe ich kürzlich einen Artikel mit dem Titel «Smithfield trader who escaped from POW camp» gelesen, über Keith Killby, der Anfang September 102-jährig gestorben ist. Killby war im Zweiten Weltkrieg im Mai 1943 in italienische Kriegsgefangenschaft geraten, dann als Prisoner of War (POW) aus dem Lager ausgebrochen und hatte sich zu den alliierten Truppen durchgeschlagen, die Italien vom Süden her eroberten. In London gründete er nach einer erfolgreichen Karriere im familiären Metzgereiunternehmen als Pensionierter den Monte San Martino Trust, der im Andenken an jene ItalienerInnen, die ihm 1943/44 geholfen hatten, die Erinnerung an diese antifaschistische Solidarität aufrechterhält und zugleich Sprachstipendien an junge ItalienerInnen in London vergibt.

Einst hatte ich in London einen ebensolchen ehemaligen Kriegsgefangenen persönlich kennen gelernt. Stuart Hood, geboren 1915, war ein höchst faszinierender Mensch, nach dem Krieg Programmdirektor bei der BBC, freischaffender Drehbuchautor, Übersetzer aus dem Deutschen und Italienischen, Verfasser mehrerer Romane, jederzeit links engagiert. Wie Keith Killby war er 1943 in italienische Kriegsgefangenschaft geraten, allerdings in Nordafrika, doch dann nach Norditalien verfrachtet worden; im autobiografischen Bericht «Carlino» hatte er über seine Erfahrungen in Italien geschrieben, wo er sich nach der Absetzung Mussolinis im September 1943 aus dem von den italienischen Wachen aufgegebenen Kriegsgefangenenlager in Fontanellato entfernt und sich den italienischen Partisanen gegen die deutschen Besatzungstruppen angeschlossen hatte. Dieses Buch habe ich, ebenso wie einen Roman von ihm über die deutsche Rote-Armee-Fraktion, jeweils für die edition 8 ins Deutsche übersetzt. Hood war Anfang 2011, 96-jährig, verstorben, unter eher verstörenden Umständen, da seine damalige Frau mehrere Jahre lang keinerlei Kontakt mehr mit ihm zugelassen hatte, nicht einmal Hoods Kindern, die vom Tod ihres Vaters erst mit beinahe einjähriger Verspätung erfuhren.

Zwar war Keith Killby in einem anderen italienischen Lager untergebracht gewesen als Hood, aber auf der Website seiner Stiftung fand ich einen Beitrag zu diesem, von Hilary Horrocks, und dem liess sich entnehmen, dass zu Hoods 100. Geburtstag im Jahr 2015 sogar zwei Konferenzen in Edinburg und London stattgefunden hatten. Also schrieb ich eine E-Mail, und eineinhalb Stunden später erreichte mich schon eine freundliche Antwort von Horrocks. Was mich dazu veranlasste, meine einstigen Recherchenotizen zu konsultieren. In Horrocks Artikel wird auf einen Bericht über das Gefangenenlager in Fontanellato, «The Cage» von Dan Billany, verwiesen. Tatsächlich befindet sich das Buch, was ich vergessen oder verdrängt hatte, in meiner Bibliothek, in der zweiten Ausgabe von 1951, mit einem zerrissenen Schutzumschlag, auf dem aus der Erstausgabe die Bitte an die Leserschaft um Hinweise auf das mögliche Verbleiben des Ende des Kriegs verschollenen Autors abgedruckt wird und anschliessend erklärt wird, er sei umgekommen, als er einen Verräter in den britischen Reihen gestellt habe. Auf das Buch war ich durch einen Artikel von Ken Worpole gestossen, den ich seinerseits in anderem Zusammenhang, als Städteplaner nämlich, in London kennen gelernt hatte. Bei der Lektüre, circa 2008, hatte ich mir notiert, dass es sich bei jener Figur, die im Buch als Alan eingeführt wird, womöglich um Hood handeln könnte, weil er als Radikaler charakterisiert wird; was sich bei fortlaufender Lektüre als eher unwahrscheinlich herausgestellt hatte. Immerhin gibt es eine ganze Seite, in dem ein Offizier aus der Oberschicht darüber wettert, dass die britische Armee mittlerweile schon Kommunisten zu Offizieren gemacht hat, was unzweideutig auf Hood zielte.

Letztmals mit Hood beschäftigt hatte ich mich 2012, nach seinem so bestürzend verspätet bekannt gewordenen Tod. Eine kurze Internetrecherche zeigte, dass seither das Thema der britischen Kriegsgefangenen in Italien weiter recherchiert worden ist. Schon Hood hatte von jährlichen Gedenkveranstaltungen in Italien erzählt, an denen er jeweils teilgenommen hatte. Die sind weitergegangen, zugleich mit weiteren akademischen und autobiografischen Recherchen. Es existieren mehrere Websites, die alle damaligen Lager auflisten; ein Sammelband einer Konferenz ist auf Italienisch erschienen, und die BBC hat Dokumente über einzelne POWs gesammelt, etwa über William John Frank Clarke, der, wie Hood, in Fontanellato interniert gewesen und dann nach Süden marschiert war, dann kurz vor dem Übertritt zu den alliierten Truppen von den Deutschen erneut gefangen genommen wurde und mit einem Zug nach Deutschland abtransportiert werden sollte; doch gelang ihm die erneute Flucht und der Übertritt in die Schweiz – was ein weiteres Thema eröffnet.

In England wird die Bezugnahme auf den Zweiten Weltkrieg gelegentlich übertrieben, weil er an die letzte heroische Phase der britischen Geschichte erinnert, bevor man von einer Weltmacht zu einer Regionalmacht mit ebenso lobenswerten wie skurrilen und fragwürdigen Zügen herabsank. Aber die Traditionspflege zu den POWs steht durchaus im Zeichen dessen, was man ein wenig pathetisch Völkerfreundschaft nennen könnte; und die Solidarität, mit der die Landbevölkerung damals die flüchtigen britischen Soldaten unter eigener Lebensgefahr unterstützt hatte, reibt sich schmerzhaft mit der heutigen italienischen Lage, in der Politiker sich ihrer Grausamkeiten gegenüber ImmigrantInnen geradezu rühmen; und diese Tradition steht natürlich auch quer zur Brexit-Hysterie, die Kontinentaleuropa von England aus wenn nicht als Gegner, so doch zumindest als unerheblich betrachtet.

Vielleicht also, denke ich, lohnt es sich, ein weiteres Buch von Hood zu übersetzen, zum Beispiel «The Book of Judith» von 1995. Das spielt Ende 1975, in Spanien, während der in Senilität versunkene Diktator Francisco Franco stirbt. Ein britischer linker Journalist und seine Partnerin reisen nach Spanien, der eine, um Material für einen Dokumentarfilm über das britische Expeditionskorps zu sammeln, das 1808 bis 1814 die Spanier gegen die napoleonische Fremdherrschaft unterstützt hatte, seine Partnerin auf den Spuren ihres Vaters, der im Spanischen Bürgerkrieg 1938 gefallen war. Das Buch enthält beiläufig auch eine Geschichte des monströsen Franco-Monuments, dessen Zukunft gegenwärtig in Spanien heftig diskutiert wird. Als Mitglied einer linken britischen Splittergruppe wird der Journalist zugleich als Waffenkurier für ein geplantes Attentat gegen die Staatsmacht eingespannt; und da er seine Partnerin wider deren Willen in seine Pläne verwickelt, überlagert die politische Loyalität die Geschlechterbeziehung missbräuchlich. Schliesslich tötet Judith, ausweglos, ihren Holofernes. Als sie zurückfliegt, wird sie im Flugzeug «von bodenloser, unkontrollierbarer Trauer überwältigt. Sie gab keinen Laut von sich, aber die Tränen rannen ihr über die Wangen, und sie spürte sie salzig auf den Lippen. Sie konnte den Strom kaum mit zusammengeknüllten Papertaschentüchern stoppen. Eine Hand berührte ihre Schulter.                                                                                                                                              «Ist alles in Ordnung?», fragte die Stewardess besorgt und reichte ihr ein paar weitere Taschentücher.                                                                                                                                   «Ich bin mir nicht sicher», sagte Judith.                                                                                  «Kann ich Ihnen irgendetwas bringen? Wasser? Ein Aspirin?»                                         Judith schüttelte den Kopf.                                                                                                       «Danke», sagte sie, «aber ich glaube nicht, dass das helfen würde.»

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Ausgelesen

bücherraum f, Jungstrasse 9, 8050 Zürich-Oerlikon

Montag, 22. Oktober 2018, 19 Uhr

Elisabeth Joris stellt Bücher aus der Bibliothek vor

Elisabeth Joris, Historikerin und langjährige Aktivistin der Neuen Frauenbewegung, hat die im bücherraum f integrierte Bibliothek des Frauenzentrums seit den 1970er als Leserin von feministisch geprägter Theorie und Literatur genutzt. Neben den bahnbrechenden «Frauengeschichte(n)» von 1986 finden sich in ihren Büchern immer wieder «Tiefenbohrungen» im doppelten Wortsinn.

 

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Dieses merkwürdige Ding des Geldes

Zürcher Hochschule der Künste

Montag, 22. Oktober 2018,  13 bis 15 Uhr

Öffentliche Ringvorlesung – Design Ökonomien

Vorlesung 5:

Stefan Howald

Dieses merkwürdige Ding des Geldes – ein Streifzug durch die Kulturgeschichte der Kapitalwirtschaft

Warum Voltaire riet, einem Schweizer Bankier hintennachzuspringen, wenn der sich aus einem Fenster stürzt. Wie Geld in der Schweizer Literatur auftaucht. Warum das Design von Banknoten schon mal zu Streit führen kann. Weshalb der Fetisch Geld uns hinterrücks in Bann schlägt.

Eine Analyse der psychischen Dynamik der Kapitalwirtschaft. Und ein paar Vermutungen, wie eine alternative Gesellschaft aussehen könnte. Mit etlichen Illustrationen.

Toni-Areal, Hörsaal 1, Ebene 3. Pfingstweidstrasse 96, Zürich


Die Ringvorlesung behandelt das Verhältnis von Design und Ökonomien aus unterschiedlichen Positionen. Es kommen Expertinnen und Experten zu Wort, die sich reflektiert und / oder kritisch mit ökonomischen Systemen und Zukunftsszenarien aus Perspektive der Arbeit, der Kultur, der Innovation und deren jeweiligen Wechselwirkungen auf das ökonomische Verhalten des Menschen auseinandersetzen.

 

 

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Sackgasse Brexit

Grossbritannien im Gespräch

Mittwoch, 3. Oktober 2018, 19.30 Uhr

Zentrum Karl der Grosse, Kirchgasse 14, 8001 Zürich, Saal

Ab dem 30. März 2019 ist Grossbritannien nicht mehr in der EU. Wie konnte es zum Brexit kommen? Wird er hart oder weich? Kommen auf Grossbritannien goldene Zeiten zu oder eher düstere?

In seinem neuen Buch «Sackgasse Brexit» hat der Journalist Peter Stäuber ein Land zwischen boomender City und vergessener Peripherie, zwischen neoliberalem Wirtschaftswahn und sozialem Elend bereist. Im Gespräch mit Ina Habermann, Professorin für Anglistik an der Uni Basel und Leiterin des kulturwissenschaftlichen Podcast-Projekts «Road to Brexit», diskutiert er über die Zukunft Grossbritanniens. Moderation: Stefan Howald (WOZ).

Eine Kooperation von Karl der Grosse und Rotpunktverlag. Eintritt: 5 Franken.

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Die Ingenieurin und die Frau des Botanikers

Bücherräumereien (III):

Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f in Zürich Oerlikon

Vermutlich zwei Eichen im Vordergrund. Zwei Reihen anderer Bäume dahinter. Und Lilien in den vier Ecken. Nicht gerade virtuos, aber hübsch. Naturverbunden. So präsentiert sich das Ex Libris in einem Exemplar im bücherraum f. Das Buchzeichen schmückt ein eher unerwartetes Buch, 1956 von einem Mitglied des britischen Königshauses, ihre Hoheit Prinzessin Marie Louise, geschrieben. Der Ruhm dieser Enkelin von Königin Viktoria besteht vor allem darin, sechs britische Regentschaften miterlebt zu haben, von Viktoria bis Elisabeth II., und gelinde wohltätig gewesen zu sein. 

Wie das Buch wohl in die Bibliothek in Zürich-Oerlikon gekommen ist? Wer weiss!

Aber wir wissen, wem es einst gehört hat. Denn auf dem Ex Libris steht nicht nur der Name Caroline Haslett, sondern das Buch enthält auch eine persönliche Widmung an diese. Haslett (1895 – 1957) ist eine bekannte und imposante Persönlichkeit. Sie begann mit 18 Jahren als Kontoristin in einer Maschinenfabrik in London zu arbeiten, eignete sich im Ersten Weltkrieg Kenntnisse in der  Produktion an und schloss darauf ein Studium als Elektroingenieurin ab. 1919, mit 24 Jahren, gründete sie die «Women’s Engineering Society» (was in einem Artikel auf der Website «Fembio» eher unelegant mit «Gesellschaft weiblicher Ingenieure» übersetzt wird), 1924 die «Electrical Association for Women». Da war die Konstruktion «for Women» geradezu Programm: Die Elektrizität sollte den Frauen dienen, insbesondere die Hausarbeit erleichtern – denn die «Elektrizität ermöglicht den Weg für eine höhere Gattung von Frauen – Frauen, die sich lästiger Pflichten entledigt haben, die Zeit zum Nachdenken und Selbstvertrauen haben». Haslett gab zu diesem Zweck Zeitschriften heraus, organisierte Kongresse und sass in zahlreichen Kommissionen; von englischen Elektrizitätsarbeitern soll sie bewundern «Lady Dynamo» genannt worden sein. 1947 wurde sie von der neuen Labourregierung als einzige Frau in den Aufsichtsrat der Kommission berufen, die die staatliche Energieindustrie leiten sollte; im gleichen Jahr wurde sie als Dame Commander of the Order of the British Empire in den Adelsstand erhoben.

Das Buch, das jetzt im bücherraum f steht, erhielt sie 1956, ein Jahr vor ihrem Tod. Das Buchzeichen allerdings ist einige Jahre älter. Datieren lässt es sich auf 1939, gezeichnet hat es Cicely Hurcomb. Zu Cicely selbst findet sich im Internet nichts, aber sie taucht doch auf, als Anhängsel, einmal ihres Vaters, einmal ihres Mannes. Die Recherche in Bibliotheken in England muss warten, deshalb hier vorerst, was sich aus dem Internet erschliessen lässt. Ihr Vater war Cyril Hurcomb (1883 – 1975), Staatssekretär im englischen Transportministerium vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Offensichtlich war er bekannt mit Caroline Haslett, die beiden sassen gemeinsam in mehreren Gremien. 1948 wurde Hurcomb erster Vorsitzender der neuen Kommission zur Verstaatlichung der britischen Bahnen (das waren noch Zeiten …), 1950 als 1st Baron Hurcomb geadelt. Hurcomb war aber auch ein passionierter Ornithologe, ein Hobby, das nach seinem Rücktritt vom Berufsleben die meiste Zeit beanspruchte. So war er massgeblich an der Einführung eines Vogelschutzgesetzes von 1954 und dessen Verbesserung 1967 beteiligt und leitete etliche Jahre lang die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), die grösste Naturschutzorganisation in Europa.

Das Geburtsdatum seiner Tochter Cicely wird in den knappen biografischen Angaben zu Lord Hurcomb nicht mitgeliefert, aber wir wissen aus einem Nachruf auf ihren Ehemann, wann sie geheiratet hat, nämlich 1940. Ihr Ehemann Tony Norris aus Worcestershire war Jahrgang 1917, zur Zeit der Heirat also 23 Jahre alt, und wir können davon ausgehen, dass Cicely vielleicht ein, zwei Jahre jünger war.

Norris arbeitete in der Druckerei seines Grossvaters in Birmingham und war von Jugend an ein begeisterter Vogelschützer – so kam wohl die Verbindung mit den Hurcombs zustande. Er war früh bei der Etablierung lokaler Vogelschutzgebiete aktiv und folgte später seinem Schwiegervater als Präsident regionaler Vogelschutzorganisationen nach. Man würde wohl, wenn man in die Mikrohistorie eintauchen könnte, auf seine Frau im Hintergrund oder auch im Vordergrund treffen. In den Weiten des Internets aber taucht sie nur noch einmal auf: Tony Norris, der auch als Botaniker wirkte und sich als Züchter vor allem auf Nerine, also südafrikanische Lilien spezialisierte, hat 1985 eine Variante nach seiner bereits 1976 verstorbenen Gattin benannt: Nerine Cicely Norris. Auch davon findet sich im Internet kein Bild.

So bleibt es vorläufig bei den eigenhändig gezeichneten Lilien im bücherraum f.

sh

Siehe www.buecherraumf.ch

 

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