#losertrump, second batch

Hey, #losertrump, what about your travel ban? So there is another defeat by some judge. You know, three strikes and you’re out!

Your first military engagement, and already the first casualties. Will you tell the relatives that this is the mark of a successful commander, #losertrump?

The Mexicans will pay for the wall, you said. And now you have to pencil in some billions in your budget for it: what a loser, #losertrump.

Even Arnie doesn’t love you any more: You really are terminated, #losertrump.

Ask Fox TV, you said when asked an awkward question. So you have to hide behind someone else, because you really are a #losertrump.

So you think you have been tappwired!? Is there nobody else who listens to your ramblings? Sad! #losertrump

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Einbahnverkehr

Weniger flamboyant ist nicht mehr möglich. Ein gesetzter Mann, Glatze, Brille und Bauch, betritt die Bühne, äussert ein paar freundliche Worte, schliesst die Gitarre an, schnallt sie um, und los geht es mit bluesigem Rock.

Dave Mason ist siebzig. Einst spielte er mit Steve Winwood in Traffic. Seine Stimme tönt zuerst ein wenig brüchig und gedrückt, gewinnt dann an Kraft. Sein Gitarrenspiel ist klar, präzis und scharf. Traffic gründete er 1967 in Birmingham, mit Winwood, Drummer Jim Capaldi und Bläser Chris Wood. Die Gruppe existierte in wechselnder Besetzung bis 1975, in einer eigenen Nische zwischen Progrock und Folkrock. Mason sprang mehrfach ab, hatte dann moderaten Erfolg als Solomusiker in den USA, wirkte auf zahlreichen Alben, mit George Harrison, Eric Clapton, Fleetwood Mac oder Michael Jackson.

Die unvergleichliche Union Chapel in Islington ist an diesem Freitagabend gut besetzt, aber beileibe nicht ausverkauft. Es ist ein beschaulich gesetztes Publikum. Wenn andere Pop-Dinosaurier auftreten, Bob Dylan, die Rolling Stones oder selbst Patti Smith, um drei beliebige Beispiele zu nehmen, dann dominieren zwar ebenfalls ältere Fans, aber dazwischen finden sich doch etliche jüngere, die diese Musik neu entdeckt haben. Bei Dave Mason scheint das nicht der Fall zu sein. Dafür war er nie ganz der grosse Star, und so ist ihm überwiegend sein ehemaliges Publikum treu geblieben. Der mehrfach gecoverte Hit «Feelin’ Alright» wird mittlerweile in einem Werbespot von der spanischen Bank Santander benutzt, das bringt angenehme Tantiemen. Aber es ist doch ein bisschen ernüchternd, wenn man eigenhändig auf den bescheidenen Merchandising-Stand in der Eingangshalle hinweisen muss.

Dave Mason - Traffic Jam

Dave Mason – Traffic Jam

Bei Traffic war Mason für den psychedelischen Touch zuständig; in einem beiläufigen Witz meint er, in einem der damaligen Stücke habe er Sitar gespielt, jetzt könnte er nicht mal mehr die entsprechende Sitzhaltung einnehmen. Mittlerweile gibt er sich traditioneller: gepflegter Rock oder Bluesrock. Schlagzeuger Alvino Bennett schlägt einen soliden Rhythmus, kein Takt ausser der Reihe, Gitarrist Johnne Sambataro darf zweimal den Solisten mimen, und Keyboarder Tony Patler zeigt gelegentlich, was er könnte, wenn er sich nicht zumeist auf Basslinien beschränken würde.

Im Mittelpunkt aber steht Dave Masons Gitarre, inklusive Wah-Wah-Pedal. Ja, Mason hat mit Jimi Hendrix auf dessen epochaler Version von «All Along the Watchtower» gespielt, und er präsentiert seit etlichen Jahren eine eigene Version. Schöne, muskulöse Gitarrenläufe, aber das Charismatische fehlt, natürlich.

Das Konzert rockt so vor sich hin, angenehm, unterhaltsam, gewinnt an Tiefe, wenn ein altes Traffic-Stück gespielt wird. Aber insgesamt ist es doch eher ein melancholischer Abend.

Stefan Howald

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Londoner Festung

London_SilhouetteDas Barbican sitzt wie ein Schlachtschiff mitten in London. Abgeschlossen von der Aussenwelt durch brutalistische Riegelbauten, drei Hochhäuser ragen empor, und man prallt an Beton ab. Drinnen dann ein künstlicher Teich, viel Grün, und noch mehr Beton.

Der Name Barbican stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Festung, und tatsächlich ist die Überbauung streckenweise an die römische Ringmauer von Londinium angelehnt. Dabei ist sie noch nicht einmal fünfzig Jahre alt. In den 1960er-Jahren wurde auf einer zerbombten Fläche im Quartier Cripplegate der City of London der Barbican Estate als eine beinahe autarke Wohnsiedlung erbaut. 1969 eröffnet, wurde sie Mitte der 1970er-Jahre durch drei Hochhäuser mit je 42 Stockwerken ergänzt und beherbergt gegenwärtig rund 4000 BewohnerInnen mitten im Finanzdistrikt der Finanzmetropole. Sie ist ein führendes Beispiel des Nachkriegsbrutalismus, die, selten für England, Ideen von Le Corbusier aufnimmt. 1982 wurde der Estate durch das Barbican Center ergänzt, das mit Theater- und Konzertsaal, Kinos und Ausstellungsräumen eines der grössten Kultur- und Konferenzzentren in Europas bildet.

2014 haben die FilmemacherInnen Ila Bêka und Louise Lemoine den Film «Barbicana» gedreht, ein faszinierendes Porträt über dieses einmalige architektonische und soziale Biotop. Der Film wird am kommenden Mittwoch an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur vorgeführt. Im Anschluss daran diskutieren HTW-Dozent Daniel Walser und der Journalist Stefan Howald, der eine Zeitlang im Barbican gelebt hat.

Mittwoch, 1. März, 18.30 Uhr

Chur

Aula HTW, Pulvermühlestrasse 57

London_0907 007

 

 

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Autoritärer Ausnahmezustand

Die BBC-TV-Serie «Sherlock» setzte 2010 mit ihrer ersten Staffel neue Massstäbe atemraubender Krimiunterhaltung. Mit der vierten Staffel ist sie bei der nervtötenden Selbstparodie gelandet.

Als der müssiggängerische Privatmann Sherlock Holmes 1887 erstmals einen Fall löste, war er von seinem Schöpfer Arthur Conan Doyle als Verkörperung des wissenschaftlichen Fortschritts seiner Zeit angelegt: Er wertete Fingerabdrücke aus, analysierte die Zusammensetzung von Giften und die Herkunft von Stofffasern am Tatort und verband diese empirische Induktion mit der Deduktion logischer Schlüsse.

Als die BBC 2010 unter dem Titel «Sherlock» wieder mal eine Verfilmung wagte, führte sie den Viktorianer ins zeitgenössische London über. Mit allen technischen Mitteln wurden eine Topografie des Denkens entworfen und Denkprozesse veranschaulicht, die Assoziationsketten glitten computeranimiert über den Bildschirm, in die dritte Dimension hinein verlängert, und man hörte die Synapsen klicken. Das war grandios. Mit der zweiten Staffel 2012 wurde Sherlock Holmes zusehends psychologisiert. Schon Conan Doyle hatte entsprechende Spuren gelegt, die Kokainsucht, welche die im Tiefsten lauernde Depression betäubt, die unglückseligen Beziehungen zu Frauen und der homoerotische Klang, den die Beziehung zu seinem Helfer Dr. John Watson anschlägt. «Sherlock» umkreiste zunehmend den genialen Denker als Soziopathen – auch «The Big Bang Theory» zieht dadurch ihren, mittlerweile recht gleichförmigen, Witz. Es gibt eine besonders hübsche Episode, als Sherlock (Benedict Cumberbatch) die Hochzeitsrede für John Watson (Martin Freeman) halten soll, wobei sich sein Bemühen, sozialen Konventionen zu genügen, mit wirklicher Affektion und dem Versuch, parallel einen kniffligen Kriminalfall zu lösen, verzwirnt.

Zugleich mit der Psychologisierung der Hauptfigur wurden die Nebenfiguren aufgewertet. John Watson erhielt ein eigenes Profil und erfand, metareflexiv, als Blogschreiber die öffentliche Figur «Sherlock». Mycroft Holmes, der ältere Bruder von Sherlock, der bei Conan Coyle nur sehr gelegentlich auftaucht, erschien jetzt regelmässig als ebenso geheimnisvolle wie mächtige graue Eminenz der britischen Regierung und arrogantes Spiegelbild seines Bruders – wohl gefördert durch die Tatsache, dass er von einem der Drehbuchschreiber (Mark Gatiss) gespielt wird. Hinzu kam schliesslich Mary Morstan (Amanda Abbington), jene Frau, die Watson heiratet und die bei Conan Doyle zweimal ganz beiläufig erwähnt wird. In «Sherlock» stellt sich heraus, dass es sich dabei um eine vorgetäuschte Identität handelt, hinter der sich eine frühere Geheimdienstagentin verbirgt, wobei diese Ermächtigung einer Frauenfigur eher alibimässig wirkt.

Wie hältst Du es mit dem Bösen?

Ohne VerbrecherInnen keine Krimis. Das Böse ist freilich immer ein Problem. Zuerst gattungsimmanent: Der Verbrecher oder die Verbrecherin sollen gewieft sein, clever, ressourcenreich, damit der Detektiv ins umso bessere Licht gerückt werden kann, und doch müssen sie letztlich überführt werden. Conan Doyle entwarf einst Moriarty, einen Überbösewicht, der die ganze britische Gesellschaft zu unterwandern und zu gefährden droht. Das war nie sehr realistisch, sondern als spielerischer Kampf beinahe ebenbürtiger Intelligenzen und Verwandlungskünstler inszeniert. Die gesellschaftlichen Zustände schlagen trotzdem durch, als personalisierte Angst vor dem sozialen Umsturz. «Sherlock» machte den Bösewicht zu Beginn formal interessant, indem dessen Machtmittel durch visuell umgesetzte Drogenräusche und mediale Überwältigungen erweitert wurden. Als Figur aber agierte Moriarty (Andrew Scott) zusehends manieriert.

Für die vierte, Anfang Jahr von der BBC ausgestrahlte Staffel ist noch eins drauf gesetzt worden, und so entspringt – halber spoiler alert! – der Kindheit oder Jugend von Sherlock etwas ganz Böses, das er vollkommen verdrängt hat. Dieses Böse ist wirklich böse, ja, es ist das eigentlich BÖSE, und deshalb ist es vom älteren Bruder Mycroft, der immer viel cleverer und lebenstüchtiger als Sherlock gewesen ist, auf einer Hochsicherheitsinsel weggesperrt worden.

Womit «Sherlock» jede Prätention auf Plausibilität aufgibt. Es stellt sich nämlich heraus, dass sich das BÖSE mal aus diesem Hochsicherheitstrakt befreit hat, um sowohl Sherlock wie Watson in Verkleidung zu begegnen und hinters Licht zu führen, nur um sich dann wieder lammfromm in die Isolationshaft zurückbegeben. Dort besuchen ES Sherlock, Mycroft und Watson. Doch die drei werden ihrerseits gefangen gesetzt. Beiläufig stellt sich heraus, dass das BÖSE auch Moriarty zu seinen letzten Taten angestiftet hat.

Ausnahmezustand

Kriminalfälle reichen den Machern von «Sherlock» längst nicht mehr. Mit der abschliessenden Episode geht es ihnen um Höheres, oder Tieferes, um «Philosophie» und «Ethik» und letzte Fragen. Zu diesem Zweck werden Sherlock, Watson und Mycroft vom BÖSEN verschiedenen mörderischen Tests ausgesetzt. Also zum Beispiel folgendem Dilemma: Mycroft und Watson müssen untereinander aushandeln, wer den ebenfalls gefangen gehaltenen Gefängnisdirektor tötet, andernfalls stirbt die Frau des Gefängnisdirektors. Keiner der beiden will die Tötung auf sich nehmen, worauf sich der Gefängnisdirektor selbst tötet – aber seine Frau wird danach trotzdem liquidiert.

In einer zweiten tödlichen Prüfung muss Holmes unter Zeitdruck herausfinden, wer von drei Brüdern einen Menschen getötet hat, damit dieser seinerseits der tödlichen Strafe zugeführt werden kann. Sherlock löst den Fall, trotzdem werden alle drei Brüder in den Tod gestürzt. Und dann muss sich Sherlock natürlich auch noch entscheiden, ob er Mycroft oder John opfert, um den je anderen und sich zu retten. Inszeniert wird das als zynisches Spiel mit der Provokation, und eingerahmt ist es in eine Versuchsanordnung, die an das Stück «Terror» von Ferdinand von Schirrach erinnert, da Sherlock, neben allem anderen Ungemach der ihm gestellten Aufgaben und moralischen Dilemmata, immer wieder von einem Kind um Hilfe angefleht wird, das in einem Flugzeug voller ohnmächtig gewordener Menschen sitzt und damit auf eine Stadt zu stürzen droht.

Ähnliches Foto

Diese konstruierten Extremsituationen beanspruchen, grundlegende Wahrheiten zu enthüllen. Steht uns der Bruder oder der Freund näher? Ist der Mensch dem Menschen ein Wolf, geht es ums Survival of the Fittest, oder sind wir doch Menschenfreunde und besitzen ein altruistisches Gen? Aber Entscheidungen in Ausnahmesituationen verdeutlichen nichts, sondern verzerren. Die Zuspitzung aufs Entweder-Oder kürzt differenzierte Erwägungen ab. Deshalb wird der Ausnahmezustand vor allem von rechts beschworen (obwohl er leider auch linke Anhänger hat): Wären Sie immer noch ein Pazifist und Gutmensch, wenn ihre Liebste gewalttätig bedroht würde?

Solche Versuchsanordnungen favorisieren autoritäre Prinzipien. Sie orientieren auf den Einzelnen, aufs entscheidungsfreudige Führerprinzip. Entscheidungen im Ausnahmezustand sind nicht anfechtbar. Eine lebensorientierte Politik und Ethik aber besteht darin, es nicht zu solchen Extremsituationen kommen zu lassen.

«Sherlock» wird gegen Schluss dann doch noch von ein paar liberalen Skrupeln angekränkelt und unterzieht das BÖSE einer vulgären Psychoanalyse. Denn dieses ist seinerseits beschädigt und hat mit all seinen bösen Taten nur die bislang verwehrt gebliebene menschliche Nähe gesucht. Aber damit ist der autoritäre Schund dieser letzten «Sherlock»-Episode nicht mehr zu retten.

Stefan Howald

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#losertrump

What does a megalomaniac narcissist fear most? Yes, to lose. So we are introducing the new global hashtag: #losertrump. It will be a regular feature in these pages.

 

Tough on China? At the first telephone call, #losertrump loses his mettle and accommodates the new superpower with a one-nation-policy.

Another defeat. #losertrump loses the second court case. See you in court again? Sure, buddy, and you will get another beating.

Too dumb to understand the law? Court explains to #losertrump that his presidential order was very badly prepared.

Afraid of Putin? #losertrump signals to end the sanctions against Russia.

Not very bright people around him. #losertrump has to «counsel» his most trusted counsel Kellyanne Conway.

Flogging a dead horse? #losertrump needs buddies to flog his daughter Ivanka’s stuff.

Uncool, or what. #losertrump wears a bathrobe and can’t even admit it.

Defeated. #losertrump loses his first court case – many to follow.

Billionaire? Humbug! #losertrump still hasn’t published his tax returns. Maybe some of his billions are just a figment of his imagination.

Afraid to walk alone? #losertrump has to take the hand of matron Theresa May when he meets her fierce gaze.

Afraid of strangers? #losertrump has to allay his fears and hide behind a huge wall.

Not very popular. #losertrump has been snubbed by the Mexican president who cancelled a meeting with him.

Popular? #losertrump lost the contest of the audiences at the most recent inaugurations by half a million.

Popular mandate? Bah! #losertrump lost the popular vote by three million votes.

 

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Anarchie in D.

Am Sonntagnachmittag im formidablen Kulturzentrum philosophe in D. wurde wieder einmal der schöne Brauch des Büchertauschs gepflegt: also mitzubringen, was man selbst nicht mehr möchte und doch anderen dienen könnte, und mitzunehmen, was einen so gelüstet. Die Auswahl reichte von vielfältiger Belletristik über Kochbücher bis zu, ja, Politliteratur. Zumeist gut gepflegte neue Bücher. Dazwischen dann allerdings doch ein paar ältere Ausgaben, darunter von Erich Mühsam: «Publizistik. Unpolitische Erinnerungen». Aus dem Verlag Volk und Welt in der untergegangenen DDR, die zweite Auflage von 1985, nach der ersten Ausgabe von 1978. Mühsam war schon früher in der DDR wieder aufgelegt worden, was doch für einen unermüdlichen Anarchisten einigermassen erstaunlich ist; aber er wurde wohl, wenn es auch zynisch klingt, durch seine Ermordung 1934 im KZ Oranienburg für würdig befunden, in die kommunistische Tradition integriert zu werden.

Jedenfalls, im Buch, schon etwas zerlesen, mit wenigen Anstreichungen, fanden sich ein paar eingesteckte Beilagen: eine Einladung zu einer «Taufkreisefete» aus dem Jahr 1986, eine Einkaufsliste («Milch, Butter … Malzkaffee»), und dann eine ältere, leicht zerfledderte «Zahlkarte». Offensichtlich ein Einzahlungsschein für das Postscheckamt Berlin-Britz. Ausgestellt für «Herrn Erich Mühsam». Wie, was? Ein Originalrelikt (eine Reliquie)? Tatsächlich, das Verzeichnis der Studienbibliothek des verstorbenen Theo Pinkus in der Zürcher Zentralbibliothek verzeichnet eine gleichartige Zahlkarte, beiliegend dem «Fanal», der anarchistischen Monatsschrift, die Mühsam zwischen 1926 und 1931 in Berlin herausgab und verlegte und weitgehend schrieb. Was zeigt, dass ein Fanal selbst das beschauliche D. erreichen kann.

Zahlkarte_Mühsam

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Katalogbruch und Infoklinik

Beim Gespräch über die Möglichkeiten, eine private Büchersammlung in eine breiter zugängliche Bibliothek zu verwandeln, überraschte eine lang gediente Bibliothekarin mit einer schnöden Bemerkung über die schöne neue Welt der elektronischen Katalogisierung grosser Bibliotheken. In jeder solchen, führte sie aus, gebe es nämlich mindestens einen Katalogbruch, wie das ganz treffend heisse: Wenn bei einer Umstellung von einem System zum nächsten Bücher im Katalog einfach verloren gingen, und die würden dann auch wirklich in ihrer materiellen Gestalt verloren gegeben, obwohl sie womöglich oder sehr wahrscheinlich in einer Kiste oder in einem Regal einsam vor sich hin vegetierten.

Die Vehemenz, mit der diese Kritik vorgetragen wurde, war ein wenig überraschend, doch am gleichen Tag liessen sich in der grössten Bibliothek am Ort zwar nicht gerade ein Katalogbruch, aber doch einige überraschende Fehlleistungen feststellen. So war ein Band mit Aufsätzen zum gelegentlich beschworenen «Zerfall der Öffentlichkeit» auf dem Einband mit einer Etikette «Zufall der Öffentlichkeit» beschriftet worden. Und im Katalog wird zu einer Sonderausgabe einer Wochenzeitung, die von der Genossenschaft Infolink herausgegeben wird, vermerkt, Herausgeber sei die Genossenschaft Infoklinik. Da es sich bei der entsprechenden Ausgabe um eine Sondernummer zum Thema Sex handelt, mögen da allerlei Assoziationen zu Gesundheit und Reparaturtechniken oder zu spezifischen Fantasien und Spielereien mitgespielt haben. Und wenn solche Beispiele auch ins Fach launiger Anekdoten abgelegt werden können, so tauchen sie zugleich die Seriosität der Institution in ein leicht anderes Licht.

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Klassenkampf auf dem Fischmarkt

Linksbüchneriade 27

Wenn Georg Büchner jeweils auf dem Zürcher Fischmarkt unter den Lauben beim Rüden seine Barbe bei Fritz Peyer fürs Präparieren ausgewählt hatte, begab er sich zusammen mit dem Fischer zum Fischwäger, der ihnen das Gewicht beschied, worauf Georg den entsprechenden Preis entrichtete. Gelegentlich, bemerkte er, betrachteten die Zürcher Fischer den fremden Fötzel aus dem Schaffhausischen mit scheelen Augen, und ein, zwei Mal war es schon vorgekommen, dass sich einer der Zürcher in der Reihe vor Fritz Peyer geschoben hatte. Zumeist allerdings verlief alles manierlich, man war ja in Zürich, dieser behäbigen Republik.

Obwohl, vielleicht konnte man sich da auch ein wenig täuschen, denn es schien mehr Konflikte zu geben, als sich dem blossen Auge erschlossen, und einer davon drang gar an die Öffentlichkeit, wenige Monate nachdem der so jung verstorbene Georg Büchner ins Grab auf dem Krautgartenfriedhof gesenkt worden war. Im November 1837 erschien nämlich in dem Anfang Jahr erstmals publizierten Tagblatt der Stadt Zürich eine anonyme Zuschrift, in der schwerwiegende Vorwürfe gegen den Fischwäger erhoben wurden, der jene Lieferanten bevorzuge, die ihm zum Voraus günstige Versprechungen in seinen Sack zusicherten, und andere Fische so lange liegen lasse, bis sie verdorben seien. Wenige Tage später replizierte im gleichen Blatt eben dieser Fischwäger, Jakob Peter, in kunstvoll gedrechselten sarkastischen Sätzen. Dabei erhielt der Konflikt plötzlich eine politische Note. Der Fischwäger, nachdem er sich gegen die üblen Schmierereien verwahrt hatte, identifizierte den Kläger nämlich umstandslos mit einem reichen Fabrikbesitzer im Drahtschmidli, der sich gelegentlich zum Beruf eines Fischers huldvollst herunterlasse, und, um den Wäglohn zu sparen, durch seine Mägde und Knechte die Fische direkt in Wirtschaften anbiete und erst dann zu ihm, dem Wäger, komme, wenn er seine Ware nicht anderweitig abgebracht habe.

Nun wäre zu klären, was denn ein Fabrikbesitzer im damaligen kleinstädtischen Zürich darstellte, und in der Funktion des Wägmeisters zeigen sich wohl noch alte zünftische Vorrechte, und dennoch ist unzweideutig klar, auf welcher Seite Georg Büchner in diesem Klassenkampf auf dem Zürcher Fischmarkt gestanden hätte.

 

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Menschenrechte im Zwischenlager

Seit zwanzig Jahren wartet das grosse «Menschenrechtsdenkmal» von Bettina Eichin darauf, öffentlich aufgestellt zu werden. Pläne für Aarau sind vorläufig gestoppt worden.

Von Stefan Howald

Die Menschenrechte haben es gegenwärtig nicht einfach. Nicht einmal in einer in Metall gegossenen Form. In der Schweiz wird seit beinahe zwanzig Jahren ein Platz für ein Menschenrechtsdenkmal gesucht. Geschaffen von der Künstlerin Bettina Eichin, sollte es jetzt in Aarau aufgestellt werden, dort, wo die moderne Schweiz mit der Helvetik ihren Anfang genommen hat. Doch der Aarauer Stadtrat will davon vorläufig nichts wissen.

Das Denkmal wurde von privaten Mäzenen für das Jahr 1998 in Auftrag gegeben, auf den 200. Jahrestag der Helvetischen Republik und den 150. Jahrestag des Schweizer Bundesstaats. Erinnert werden sollte damit auch an Peter Ochs (1752–1821), den lange verfemten radikalen Politiker und Autor der ersten Helvetischen Verfassung. Die Künstlerin Bettina Eichin, deren Skulptur «Helvetia auf der Reise» am Basler Rheinufer immer wieder für Furore gesorgt hat, entwarf dafür eine Installation. Ein grosser dreieckiger Raum, in dessen Innern sich eine Schreibstube der Aufklärung befindet; an den jeweils fünf Meter langen und zweieinhalb Meter hohen Aussenwänden sollen, wie Wandzeitungen, die drei frühesten Menschenrechtserklärungen in Bronze gegossen präsentiert werden: die amerikanische Virginia Bill of Rights von 1776, die französische Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von 1789 und die von Olympe de Gouges verfasste Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne von 1791, die erstmals Frauen und Männer gleichstellt. Alle drei in der Originalsprache ebenso wie auf Deutsch.

Im Bundeshaus überflüssig

Zeitgerecht wurde das «Menschenrechtsdenkmal» als Rohbau in Basel vorgestellt; die drei überlebensgrossen Texttafeln gelangten vorerst als eigenständige Skulptur auf Grund einer Petition von 120 ParlamentarierInnen ins Bundeshaus in Bern. Doch dann geriet das Projekt in Gegenwind. In Basel konnte weder auf dem Petersplatz noch anderswo ein adäquater Ort gefunden werden. Und anlässlich des Umbaus des Bundeshauses in Bern 2005 wurde die Bronzeskulptur für überflüssig erklärt. Also wurde sie zwischengelagert, später kurzfristig in Basel und Freiburg präsentiert, landete 2015 für eine Ausstellung zur Demokratie im Aarauer Stadtmuseum (siehe WOZ Nr. 19/15) und ist seither wieder eingelagert.

Anstelle der ursprünglichen Bronzetexte gravierte Bettina Eichin für das Denkmal die Texte in einer eigens entworfenen Schrift auf Tafeln, ergänzt durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Ein Aarauer Patronatskomitee wollte das solcherart vervollständigte «Menschenrechtsdenkmal» nunmehr nach Aarau holen. In Aarau hatte Peter Ochs am 12. April 1798 die Helvetische Republik ausgerufen. Was wäre da passender, als das Denkmal im öffentlichen Kasinopark gegen die Laurenzenvorstadt hin aufzustellen?

Im vergangenen Mai wurde ein entsprechendes Baugesuch eingereicht. Dagegen gab es Einsprachen, vom Heimatschutz, aber auch von Privatpersonen. Simone Silbereisen vom Patronatskomitee kann die Einwände nicht ganz nachvollziehen. Da seien viele Missverständnisse vorhanden, private Interessen würden vorgebracht, auch politische Untertöne seien nicht zu überhören.

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Bettina Eichin (zweite von links) vor ihrer Bronzeskulptur «Menschenrechte im Bundeshaus, 1776, 1889, 1791», umgeben von Aarauer UnterstützerInnen.                   Foto: Stefan Ulrich, SRF

Mit Datum vom 12. Dezember 2016 hat der Aarauer Stadtrat jetzt für die Einwohnergemeinde als Grundeigentümerin entschieden, den Park für das Denkmal nicht zur Verfügung zu stellen. Damit werde auch das Baugesuch vorerst hinfällig. Der Stadtrat nennt eine Reihe von Gründen, etwa die Konkurrenz zum Zschokke-Denkmal im selben Park. Aber der Schriftsteller und Pädagoge Heinrich Zschokke (1771–1848) hätte als unerschütterlicher Aufklärer die Nachbar

schaft des sprachmächtigen Denkmals sicherlich begrüsst. Am ehesten kann Silbereisen, die als Umweltberaterin tätig ist, noch die Bedenken wegen einer anstehenden Gesamtkonzeption für den Stadtpark verstehen. Ein ausgereiftes Projekt steht dafür allerdings nicht in Aussicht.

Ein anderer Standort?

Grundsätzlich, sagt Stadtschreiber Daniel Roth, sei der Stadtrat dem Vorhaben nicht abgeneigt. Nur die vorgeschlagene Stelle scheine ihm dafür nicht geeignet. Man sei aber bereit, zusammen mit dem Komitee über mögliche andere Aufstellungsorte zu diskutieren. Das wäre doch eine Jubiläumstat, etwa zum Jahrestag der Gründung der Helvetik am 12. April.

Das Aarauer Komitee will nach dem ersten Rückschlag nicht aufgeben, wie Simone Silbereisen bekräftigt. Die Diskussion um Menschen- und Frauenrechte bleibe ein wichtiges Anliegen. Womöglich werde man in der Öffentlichkeit vermehrt für das Projekt werben. Und ein anderer Standort sei durchaus erwägenswert.

Das Denkmal selbst ist, nach seiner langen Leidensgeschichte, zum grösseren Teil vollständig. Über 300 StifterInnen haben es bislang mit 300 000 Franken unterstützt. Noch fehlen der vierte Text von 1948 und die Schrifttafel, die das Denkmal am Ort erklärt. Wofür es noch Geld braucht. Auch kleine Summen helfen: Jede und jeder kann einzelne Lettern oder Wörter aus den Menschenrechtstexten sponsern.

Dieses Jahr wird im Parlament die Initiative der SVP «Schweizer Recht statt fremde Richter» diskutiert werden. Sie richtet sich zentral gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Das «Menschenrechtsdenkmal» wäre ein eindrücklicher Beitrag zu deren Verteidigung. Vorausgesetzt, es findet schnell einen öffentlichen Platz.

www.menschenrechtsdenkmal.ch

 

Dieser Artikel erschien in der WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 2 vom 12. Januar 2017. Siehe www.woz.ch

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Spitzkick!

«Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen des Menschen weiss, verdanke ich dem Fussball», so hat die Londoner Initiative «Philosophy Football» vor etlichen Jahren einen apokryphen Spruch von Albert Camus rekonstruiert, der als gelegentlicher Torhüter die existenzielle Angst ebendesselben vor dem Elfmeter gefühlt und sich dabei mit Sisyphus verglichen hatte, der den (runden!) Stein ewig vor sich hinstösst, nur um ihn immer wieder aus den Tiefen des Abgrunds holen zu müssen. Des eingedenk sei an dieser Stelle eine tief schürfende Frage zur philosophischen Debatte gestellt: Ist ein Spitzkick eine zulässige Waffe, um im Direktschuss ein Tor zu erzielen? Auf der einen Seite entspricht er, solange er diesseits der Mittellinie in der gegnerischen Hälfte abgefeuert wird, den herkömmlichen Regeln des Hallenfussballs. Auf der andern Seite birgt er doch etliche Verletzungsgefahr, wenn er dröhnend in jene Körpergegend einschlägt, die wir hier als Weichteile bezeichnen wollen,  und darüber hinaus, und in diesem Zusammenhang wichtiger, mag er ethisch jenem Gebot widersprechen, wonach wir uns doch, bitte schön, nicht irgendwelcher Brechstangenmethoden bedienen, sondern uns dazu verpflichten sollten, das SCHÖNE SPIEL zu pflegen, mit butterweichen Pässen, raffinierten 220px-tippkick1Kombinationen, imaginativen Spielfeldverlagerungen, atemberaubenden Tricks (wobei allerdings ein toller Weitschuss auch innere Qualitäten haben mag). So müsste dann der Hinweis auf die formale Berechtigung des Mittels (das womöglich instrumentalistisch jeden Zweck rechtfertigt!) mit dem Verweis auf eben jene ethischen Werte widerlegt werden, die sich der formalen Verbriefung entziehen, sondern sich im freien Aushandeln freier Individuen untereinander und mit ihrem Gewissen, diesem inneren «Gerichtshof» oder «Leuchtturm» unseres besseren Selbst (Kant und/oder Novalis) ergeben. Hinwiederum allerdings hat Marx darauf hingewiesen, dass auch Ethik, Gewissen etc. pp. in die Klassenverhältnisse eingebunden sind, in denen Interessen wirken, die sich in jenen ausdrücken, so dass also, im aktuellen Beispiel, derjenige, der ein mittels Spitzkick erzieltes Tor abkriegt, dieses mit scheelerem Blick betrachtet als derjenige, der es gerade erzielt hat und im Triumph sich abdreht und beschwingt ein paar Minuten später den Kunstschuss wiederholt, diesmal freilich mit dem Innenrist, was natürlich einen kategorialen Wechsel und einen qualitativen Sprung bedeutet und damit für die aktuelle Diskussion ausser Abschied und Traktanden fällt.

Item, vorweihnächtlich hatten sich am vergangenen Freitag nur acht Spieler eingefunden, so dass die beiden Dreierteams, jeweils mit einem Auswechselspieler, pausenlos im Einsatz standen, wobei es viel zu bewundern gab. Cz., Sä, M. und St. erwiesen sich als erstaunlich kampfstark und reihten Tor an Tor und Sieg an Sieg, was die sich durchaus redlich abmühenden A., K., C., Sil. doch ein wenig erstaunte. Insbesondere M. hypnotisierte die Gegner mit seinen raffiniert tempoarmen Dribblings und versenkte, nachdem er sich solcherart ein wenig Raum verschafft hatte, seine Schüsse zielgenau in die rechte, wahlweise auch linke, obere Torecke. Auch St. gelang es gelegentlich, einem Gegner an der Mittellinie den Ball abluchsen und daraus ein Tor zu erzielen, doch erweis er sich mit zunehmender Spieldauer als Chancentod, da er insbesondere im vierten Spiel beim Stand von 4 : 4 einen Kopfball aus dreissig Zentimetern an den Pfosten setzte und dann einen Ball achtzehn Zentimeter vor der Torlinie verstolperte, wobei im Gegenzug das 4 : 5 fiel.

Der pausenlose Einsatz führte allerdings zu einem beträchtlichen Verschleiss an Muskeln und zuweilen auch an Nerven, wovon der oben aufgeworfene philosophische Disput Zeugnis ablegen mag. Nach einem vorübergehenden Unterbruch stürzte man sich jedoch nochmals ins Getümmel, wobei St. – «jetzt der auch noch» – zwei Tore erzielte und M. weitere zwei Tore zu einem berauschenden 5 : 0 beitrug; doch dann überschattete eine Zerrung in der linken Wade das persönliche Comeback und ging in Dul-X-Schwaden unter; und was den Spitzkick betrifft, ist das letzte Wort zwischen Regelkonformität und Ethik noch nicht gesprochen.

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