Dora Koster – ein Gedenken

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«Hoch die internationale …»

Urs Sekinger im bücherraum f

Was denn die drei Pünktchen im Titel zur Veranstaltung zu bedeuten hätten, habe er sich bei der Vorbereitung auf diesen Abend gefragt: ironische Distanz oder gar Absage an die internationale Solidarität? In letzterem Fall müsste er denn doch Widerspruch anmelden, meinte Urs Sekinger bei einem Vortrag im bücherraum f. Denn, ja, internationale Solidarität sei weiterhin nötig, und, ja, sie existiere auch. Beim Solifonds habe er immer wieder eindrückliche Menschen kennen gelernt, die sich unermüdlich und unerschrocken für eine gerechtere Gesellschaft einsetzten.

28 Jahre lang hat Urs Sekinger als Koordinator für den Solifonds gewirkt, und im bücherraum f blickte er Anfang Oktober auf die Geschichte der Schweizer Solidaritätsbewegung zurück. Dabei verortete er diese in Bezug zur Gapo, der globalen ausserparlamentarischen Opposition. Und er wies auch auf grundlegende Spannungen hin: Das unvermeidliche Geld stelle asymmetrische Machtbeziehungen her, vor allem zwischen Nord und Süd, aber auch im Norden selbst, wo unbezahlte und bezahlte Solidaritätsarbeit aufeinander träfen.

Die 1970er Jahre waren theoretisch ebenso wie praktisch gekennzeichnet durch einen Antiimperialismus und die Dependenztheorie. Verschiedenste Strömungen waren in der Drittweltarbeit aktiv, die Bananenfrauen ebenso wie Befreiungstheologen. Ein entscheidendes Ereignis für die Schweizer Solidaritätsbewegung bedeutete das grosse «Symposium der Solidarität» vom Mai 1981 mit 3000 BesucherInnen. Dabei wurde dem vorherrschenden Konzept der «Entwicklungshilfe» eine neue Definition von Entwicklung entgegengesetzt: «Entwicklung heisst Befreiung», und zwar Befreiung aus Unterdrückung, Abhängigkeit und Armut. Auch der «Solidaritätsfonds für den sozialen Befreiungskampf in der Dritten Welt» wurde 1983 in diesem Rahmen gegründet und hat seither als Solifonds Dutzende solcher Kämpfe unterstützt.

In dieser neuen Entwicklungszusammenarbeit wurde immer auch der Kontakt zur migrantischen Bewegung gesucht und die Verantwortung des Finanzplatzes Schweiz thematisiert – Urs Sekinger beschrieb diesen ebenso breiten wie tiefen Ansatz nicht nostalgisch, aber ein bisschen wehmütig, weil beide Aspekte seither eher zu kurz gekommen seien.

Denn in den 1990er Jahren gewann einerseits der neoliberale bzw. neokonservative backlash an gewalttätiger Dominanz, andererseits kamen manche kritische Initiativen in den internationalen Institutionen an. 1992 wurden bei der Uno-Konferenz für Umwelt und Entwicklung erstmals die Zivilgesellschaft und NGOs als GesprächspartnerInnen berücksichtigt. Letzteres führte aber auch zu Spannungen in der Solidaritätsszene, da jene Organisationen, die sich durch Lobbying und Mitarbeit an runden Tischen mehr Einfluss erhofften, direkte Aktionen zuweilen als kontraproduktiv ablehnten. Schmerzhaft deutlich wurde die Spaltung 1992 anlässlich der Abstimmung, ob die Schweiz dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank beitreten solle: Sollte man sich im Innern des Molochs um Reformen bemühen oder von aussen an der Fundamentalkritik festhalten? Gleiches galt in Bezug auf das WEF in Davos: Einerseits wurde gegen dessen Abhaltung demonstriert, andererseits wurden Gegenveranstaltungen organisiert, die schliesslich in den offiziellen Rahmen eingefügt wurden.

Neue Politformen aus dem Süden

Parallel dazu erhielt die internationale Bewegung ungeahnte Anstösse durch den Aufstand der Zapatistas, die zugleich eine neue Form widerständiger Politik vorführten, oder durch die Gründung von Via Campesina der KleinbäuerInnen, Landlosen und Indigenen mit Mitgliedern aus über achtzig Ländern. Ein People`s Global Network entstand. Die Uno-Frauenkonferenz von 1995 war ein Verbindungsstück: in offiziellem Rahmen abgehalten, aber weitgehend selbst gestaltet. Umgekehrt erreichte die Konfrontationsstrategie ihren Höhepunkt 1999 bei den Demonstrationen gegen das WTO-Treffen in Seattle und 2001 in Genua, wo ein Demonstrant von einem jungen italienischen Polizisten erschossen wurde. Dem standen seit 2001 die basisdemokratischen und selbstverantwortlichen Weltsozialforen gegenüber. Kurz zuvor war Attac gegründet worden, womit aufs Neue grundsätzliche Fragen nach einem gerechteren Weltwirtschaftssystem aufgeworfen wurden: Eine andere Globalisierung ist möglich. Margaret Thatchers Slogan TINA («There is no alternative») wurde TATA entgegengestellt: «There are thousands of alternatives».

Die Debatte um ein neues Weltwirtschaftssystem hat für Sekinger nach der Weltfinanzkrise von 2008 neue Bedeutung gewonnen; sie ist eingebettet in und direkt verbunden mit dem Kampf um Menschenrechte und um öffentliche Güter.

Dabei stossen viele Sozialbewegungen heute auf eine zunehmende Kriminalisierung, sei es durch Repression in den Ländern des Südens, sei es etwa mit dem Einfrieren von Unterstützungsgeldern unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung im Norden, wobei sich für einmal die Schweizer Banken mit vorauseilendem Gehorsam hervortun. Umso wichtiger seien gezielte Unterstützungen; und er erfahre immer wieder aufs Neue, wie die Menschen im Süden durch Solidaritätsbekundungen aus dem Norden ermutigt würden.

Jetzt hat sich mit der Klimabewegung ein neuer Wind erhoben. Sie ist zu Recht wachstumskritisch. Aber, fragte Sekinger zum Abschluss, kann sie auch die sozialen Fragen im Süden aufgreifen? Die Jungen dächten verdienstvollerweise global, aber sie müssten sowohl sozial wie global denken.

Wider die bipolare Weltsicht

Hier setzte die lebhafte Diskussion ein. TeilnehmerInnen an den bisherigen Klimademos wiesen darauf hin, dass die Bewegung bislang schon ganz erstaunliche Verbindungen zwischen einer älteren und einer neueren Generation herzustellen vermochte; vermehrt würden VertreterInnen aus dem durch die Klimakatastrophe bedrohten Süden eingeladen, was konkrete Solidaritätserfahrungen ermögliche, und entsprechend würden auch soziale Forderungen neu gestellt – denen in den Leitmedien sofort mit abwiegelnden, eingrenzenden Ratschlägen geantwortet wird.

Einigen konnte, oder musste, man sich darauf, dass der Bewegung eine mittlere Generation verloren gegangen ist, jene 35- bis 50-Jährigen, die im Neoliberalismus aufgewachsen sind. Auch bestimmte humanitäre und kirchliche Institutionen haben sich entpolitisiert. Diese Generation ist zwar für kurzfristige, punktuelle Solidarität zu mobilisieren, aber nicht mehr für langfristige Verpflichtungen.

Nach aktuellen Aktionen befragt, äusserte Sekinger einen gelinden Vorbehalt gegen die Konzernverantwortungsinitiave. Natürlich sei diese wichtig, die Diskussion darüber und ihre womögliche Annahme wären ein Fortschritt. Aber sie drohe auch, anderweitig benötigte Ressourcen abzuziehen, denn eventuelle Gerichtsverfahren seien notorisch lang und kostspielig, wie Erfahrungen der südafrikanischen Apartheidopfer und ihre Entschädigungsklagen in den USA gezeigt hätten.

Unzweifelhaft sind frühere Gewissheiten unsicher geworden, ja zerbrochen. Zum Glück, wurde aus dem Publikum bekräftigt. Tatsächlich haben die grossen übergreifenden Erzählungen zur Weltgeschichte, eine bipolare Weltsicht zu verheerenden Entwicklungen und Enttäuschungen geführt. Was umso dringender die Frage aufwirft: Wie lässt sich eine neue gefühlsmässige Empathie, ein nachhaltiges Engagement herstellen?

Für Urs Sekinger basiert eine kritische Entwicklungszusammenarbeit weiterhin auf Selbstbestimmung, auf gegenseitiger Anerkennung und Respekt. Doch wer darf im konkreten Fall bestimmen, was Widerstand heisst, wurde gefragt? Soll eine indigene Gemeinschaft unterstützt werden, die unökologisch den Urwald abbrennt? Nach Sekinger müssen solche Fragen vorgängig geklärt werden, wenn eine Kooperation entschieden wird – dabei behalte sich der Solifonds aufgrund seiner Position durchaus kritische Stellungnahmen vor.

Tatsächlich leuchtet die Hoffnung weiter voran. Neben Klimabewegung und Frauenstreik gewinnt Sekinger auch Zuversicht aus dem Arabischen Frühling. Natürlich, der ist in einzelnen Ländern zurückgegangen, hat in Repression und Bürgerkrieg geendet. In andern Ländern aber ist das kritische, selbstbewusste Denken immer noch, oder wieder, da, in Marokko, Algerien, selbst in Ägypten, oder dann auch in Brasilien und in Kolumbien.

Es ist die alte Ermessensfrage: Ist ein Glas halb voll oder halb leer? Sekinger tendiert zu Ersterem. Neben seiner Tätigkeit beim Solifonds hat er sich auch sonst vielfältig engagiert, über dreissig Jahre lang, von Nummer 12/86 bis 72/18, als Redaktor beim «Widerspruch», als Präsident der Sektion NGOs beim VPOD, als Stiftungsrat bei verschiedenen Initiativen. Auch nach dem Rücktritt beim Solifonds wird er solches Engagement weiterführen, mutig und ermutigend.

sh


Buchhinweis aus dem bücherraum f:

Dieses kostbare Gut der Solidarität. 25 Jahre Solifonds. Herausgegeben von Stefan Howald. Edition 8, Zürich 2008.

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Der Mörder ist niemals die Gärtnerin

Sind Krimis die erfolgversprechendsten Recherchemittel gegen die Übel unserer Gesellschaft? Antworten darauf im Vortrag von Else Laudan am kommenden Donnerstag um 19 Uhr im bücherraum f. Seit 1988 betreut Else Laudan die Ariadne-Krimis im Argument-Verlag. In diesen dreissig Jahren hat sie Hunderte von Kriminalromanen begutachtet und lektoriert; dazu rund zwanzig Bücher selbst übersetzt. Bei Ariadne sind mittlerweile etwa 230 Titel erschienen. In den letzten Jahren ist die Reihe immer wieder mit deutschen Krimipreisen ausgezeichnet worden. Im bücherraum f wird Else Laudan über Entwicklung und Stand des feministischen und politischen Krimis Auskunft geben, mit vielen Beispielen.

bücherraum f, Jungstrasse 9, 8050 Zürich (beim Bahnhof Oerlikon). Donnerstag, 7. November, 19 Uhr.

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Noch ein Handke, oder doch lieber eine Olympe?

Auf der Frankfurter Buchmesse sind wieder ein paar Zehntausend neue Titel präsentiert worden. Schön! Aber es gibt auch ältere schöne und nützliche Titel. Die Büchergestelle mögen voll sein, und trotzdem fehlt noch dies und jenes. Jetzt können Lücken gefüllt werden beim Doublettenverkauf im bücherraum f. Wir bieten 300 Titel aus den Bereichen Philosophie, Politik, Krimis, deutschsprachige und angelsächsische Belletristik, Arbeiterbewegung, Feminismus und vieles mehr, zu günstigsten Preisen. Rund hundert Titel sind aufgelistet an der folgenden Stelle im bookcase, und es kommen ständig mehr hinzu: http://www.stefanhowald.ch/bookcase/index.php?frontpage

Wer also ein altes «Olympe»-Heft braucht oder einen «Widerspruch», einen Handke überprüfen möchte oder das bahnbrechende Werk von Maria Mies über «Patriarchat und Kapital» verschenkt hat und es erneut möchte, der oder dem kann an dieser Stelle geholfen werden.

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Mehrfache Identität im bücherraum f

36 Prozent der Ehen in der Schweiz werden zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Staatsangehörigkeit geschlossen: Binationale Paare und Gemeinschaften sind bei uns längst Alltag.
Seit 1980 setzt sich die IG Binational für binationale Paare und Familien ein. Der Verein vereint Sichtweisen Einheimischer und Zugewanderter und vertritt damit eine duale Perspektive. Catherine Aubert Barry und David Stettler stellen den Verein vor, sprechen über Stärken und Schwierigkeiten solcher Partnerschaften sowie ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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Als die Haare der Männer länger wurden

Jo Lang im bücherraum f

Eine bemerkenswerte These, warum sich das Frauenstimmrecht in der Schweiz nach vielen Ansätzen 1971 schliesslich durchsetzen konnte, präsentierte der Historiker und ehemalige Nationalrat Jo Lang am 9. September im gut besetzten bücherraum f. Warum hatten, so die Ausgangsfrage, 1959 zwei Drittel aller Männer die politische Gleichberechtigung der Frauen abgelehnt, und ein Jahrzehnt später, 1971, stimmten ihr zwei Drittel zu? Neun Bücher und Aufsätze zum Thema hatte Jo Lang ausgelesen, und sorgfältig arbeitete er heraus, was aus den einzelnen Studien für einen Erklärungsansatz zu gewinnen sei. Lotte Ruckstuhls Arbeit beispielsweise präsentiert eine Fülle von Zahlen zu kantonalen Abstimmungen übers Stimm- und Wahlrecht. Daraus lassen sich Phasen ablesen. 1959 bis 1966 gab es langsame Fortschritte, vor allem in der Westschweiz, 1966 setzte eine Beschleunigung ein, die ab 1968 schneller wurde und 1971 zur Einführung auf eidgenössischer Ebene führte – wobei nicht so sehr die 68er Bewegung im engeren Sinn dafür verantwortlich zeichnet.

Eine These, die in mehreren Studien vertreten wird, verwirft Jo Lang: Die erhöhte Beschäftigungsquote der Frauen habe diese in der Öffentlichkeit sichtbarer gemacht. Tatsächlich nahm die Erwerbstätigkeit der Frauen in den sechziger Jahren sogar ab und erreichte 1970 mit weniger als 30 Prozent einen historischen Tiefstand. Das war der Hochkonjunktur geschuldet, in der ab den fünfziger Jahren der männliche «Ernährerlohn» erstmals tatsächlich zum Unterhalt einer Familie genügte – er blieb in der Folge auch nach der Einführung der politischen Mitbestimmung ein ideologisch wirksames Konstrukt, das die wirtschaftliche Gleichstellung verlangsamte.

Die Tatsache der abnehmenden Erwerbstätigkeit zeigt für Jo Lang, dass eine strukturelle Erklärung fürs Frauenstimmrecht nicht ausreicht, sondern dass die «mentale Modernisierung» und die politischen Bewegungskräfte berücksichtigt werden müssen.

Wie etwa Jost Aregger gezeigt hat, war die Macht der katholischen Kirche vor allem in ihren Stammlanden Ende der fünfziger Jahre noch kaum gebrochen. Die Schweizer Kirche hinkte da, wie das ganze Land, der Entwicklung hinterher. 1945 hatte der Papst zur Teilnahme der Frauen an den italienischen Wahlen aufgerufen – allerdings auch aus wahltaktischen Gründen, weil man von den ländlichen Frauen eher Stimmen für die Democrazia Cristiana erhoffte. Dennoch wurde dieses Bekenntnis zum Frauenstimmrecht von der Führung der Schweizer KatholikInnen abgelehnt und dessen Erwähnung in Predigten untersagt.

Bedeutsamer war freilich eine übergreifende Konstruktion geschlechtsspezifischer Bilder, geschaffen durch den Zweiten Weltkrieg und den nachfolgenden Kalten Krieg. Während der wehrhafte Schweizer auch nach der Demobilisierung das Bild eines wahren Schweizer Mannes prägte, wurden die Frauen nach dem kurzzeitigen Einbezug in die Landesökonomie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Haushalt zurückgedrängt. Wehrmann versus Hausfrau bildete die prägende Dichotomie.

Bezüglich der politischen Bewegungskräfte wollte Jo Lang differenzieren. Während die Bedeutung der «traditionellen», auch bürgerlichen Frauenbewegung nicht unterschätzt werden sollte, hat Beatrix Mesmer darauf hingewiesen, dass bekannte Männer, die das Frauenstimmrecht grundsätzlich bejahten, auf die Frauen einen dämpfenden Einfluss ausübten. Zentral wurden allerdings zwei taktische Fragen. Erstens: Sollte man sich darauf konzentrieren, den bestehenden Artikel 74 der Bundesverfassung, der «allen Schweizern» das Stimm- und Wahlrecht garantierte, so zu interpretieren, dass er auch alle Schweizerinnen einschlösse, oder ging es offensiv darum, in einer Neuformulierung «alle Schweizerinnen» explizit zu erwähnen. Gewichtiger noch war die zweite Frage um den Beitritt der Schweiz zur Europäischen Menschenrechtskonvention. Der Bundesrat hatte vorgeschlagen, dieser mit dem Vorbehalt des fehlenden Frauenstimmrechts beizutreten. Diese Position wurde auch von der SPS unterstützt. Dagegen wurde von alter wie neuer Frauenbewegung argumentiert, ein solcher Beitritt mit Vorbehalt komme einer Bankrotterklärung der schweizerischen Demokratie gleich. Der Marsch auf Bern am 1. März 1969 mit 5000 Frauen und einigen Männern, bei dem, angeführt von Emilie Lieberherr, eine Petition überreicht wurde, löste ein gewaltiges mediales Echo aus und verstärkte den politischen Druck für eine schnelle Einführung des Frauenstimmrechts.

Für Jo Lang entsprach die Haltung der SP einem unkritischen Modernismus, der den grundsätzlichen Anschluss an Europa über die konkreten Inhalte setzte. Er verglich das aus seiner eigenen Aktivität in der GSoA mit der Debatte um die Auslandseinsätze der Schweizer Armee. In beiden Fällen sei die SP, weil sie sich von den sozialen Bewegungen entfernt habe, von einem kritischen Bevölkerungssegment abgestraft worden.

Von dieser politischen Auseinandersetzung schlug er den Bogen zurück zu den mentalen Bildern. Entwicklungen wie die Pille brachten einerseits das Bild der selbstgenügsamen Hausfrau ins Wanken. Entschieden aber wurde die Einführung des Frauenstimmrechts durch die immer noch allein stimmberechtigten Männer. Auch für diese wurde in den sechziger Jahren der Wehrmann als Selbstbildnis zusehends blasser, ja im Alltag obsolet. Umgekehrt liesse sich sogar von einer «Feminisierung» der Männer sprechen. Jo Lang fasste das in die griffige These zusammen: Die Männer wurden reif für das Frauenstimmrecht, als sie begannen, längere Haare zu tragen.

Ein brandneuer Film, «Tambour battant», als Walliser Komödie angeboten, liefert dazu Anschauungsmaterial. Er ist im Frühjahr 1970 angesiedelt, ein Jahr vor der Abstimmung zum Frauenstimmrecht. In einem idyllischen Dörfchen im Unterwallis gerät eine traditionelle Blaskapelle in die Krise und wird durch eine neue Formation konkurrenziert. Der Film spielt, bewusst, mit allen Klischees, was nicht immer gut geht. Doch immer wieder veranschaulicht er die mentalen Umbrüche der sechziger Jahre. Die Haarlänge der Protagonisten ist nicht ganz eindeutig zuzuordnen – der reaktionäre Fiesling trägt seine schmierigen Haare beinahe so lang wie der hippiemässige Rückkehrer aus der Grossstadt. Doch die Haltungen sind es. Die «Feminisierung» bezieht sich nicht nur auf den Einbezug von Frauen und Ausländern in die neue Blaskapelle, sondern auf das subversive Unterlaufen herkömmlicher männlicher Verhaltensweisen, wobei das Frauenstimmrecht als unumkehrbare Tatsache am historischen Horizont winkt. Dass am Schluss die heterosexuelle Liebe mehrfach siegt, ist dann wohl mehr den Genreanforderungen als irgendeiner Schweizer Harmoniesucht geschuldet.

sh

Jo Langs Literaturliste:

– Lotti Ruckstuhl: Frauen sprengen Fesseln. Interfeminas Verlag (oJ).
– Zeitschrift für Geschichte, Nr. 3/1996. Thema: Geschlecht und Staat (Beitrag Brigitte Studer).
– Yvonne Vögeli: Zwischen Hausrat und Rathaus. Chronos Verlag 1997.
– Jost Aregger: Presse, Geschlecht, Politik. Berner Texte 1998.
– Mario König/Georg Kreis/Franziska Meister/Gaetano Romano (Hrsg.): Dynamisierung und Umbau. Die Schweiz in den 60er und 70er Jahren, Band 3 der Reihe Die Schweiz 1798-1998. Chronos Verlag 1998 (Beitrag May B. Broda/Elisabeth Joris/Regina Müller).
– Christof Dejung/Regula Stämpfli (Hrsg.): Armee, Staat und Geschlecht. Chronos Verlag 2003 (Beiträge Regula Stämpfli und Elisabeth Joris).
– Studien und Quellen 30 (Zeitschrift des Schweizerischen Bundesarchivs): Die Erfindung der Demokratie in der Schweiz. Chronos Verlag 2004 (Beitrag Sibylle Hardmeier).
– Beatrix Mesmer: Staatsbürgerinnen ohne Stimmrecht. Chronos Verlag 2007.
– Franziska Rogger: Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte. NZZ Verlag 2015.

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Hoch die internationale …

Millionen weltweit gegen den Klimanotstand – erfreulich. Wie sieht es in sozialen Fragen mit der internationalen Solidarität aus? Nationalismus und Abschottung sind Trumpf, oder der aggressive Wirtschaftskrieg. Dabei sind die globalen Herausforderungen nicht geringer geworden.
Urs Sekinger berichtet am Freitag, den 4. Oktober, im bücherraum f aus seiner dreissigjährigen Erfahrung beim Solifonds, über Erfolge und Rückschläge. Und wie internationale Solidarität heute aussehen könnte. Denn der Widerstand gegen den vorherrschenden Neoliberalismus ist dringender denn je.


Die Veranstaltung am 4. Oktober beginnt um 19 Uhr im bücherraum f an der Jungstrasse 9 beim Bahnhof Zürich Oerlikon. Eintritt frei, mit Kollekte.

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Bemerkenswert, bewunderungswürdig

Zum zwanzigsten Geburtstag der edition 8

Meine Rolle als Präsident der Genossenschaft edition 8 fülle ich ziemlich nachlässig aus. Auf die Schnelle hätte ich nicht einmal sagen können, seit wann ich dieses ehrenvolle Amt ausübe, sondern musste in den Protokollen nachschlagen, wann die Wahl stattfand – es war 2016. Auch hat ein Kollege bei Gelegenheit etwas süffisant darauf hingewiesen, dass ich auf der Website des Verlags in einem ovalen Bilderrahmen wie eine leicht angegraute Ikone über dem Team schwebe, was ich geflissentlich vergessen hatte.

Immerhin, ich gehe an die Generalversammlungen der Genossenschaft, die jeweils in überschaubarem Rahmen stattfinden, und lese die Verlagsprotokolle, die zumeist am nächsten Tag nach der Teamsitzung eintreffen und schneller geschrieben sind als ich sie lesen kann. Was da alles drinsteht. Diese Dutzenden von Projekten und Büchern, die jeweils behandelt und jongliert werden! Bemerkenswert, bewunderungswürdig.

Die Zusammenarbeit mit dem Verlag dauert allerdings schon länger. Insgesamt bin ich mittlerweile an neun Büchern beteiligt gewesen, als Übersetzer, als Mitautor, Herausgeber oder Lektor. Ja, wie beim Geburtstagsfest, das am vergangenen Freitag stattfand, erinnert wurde, gehörte eines dieser Bücher 1999 zum ersten eigenen Programm der edition 8, nämlich die Übersetzung einer Biografie über Noam Chomsky.

Was mich 1999 sogleich für den Verlag eingenommen hat, war das Lesebändchen, mit dem die Bücher ausgestattet waren. Darin zeigte sich für mich die Liebe zum Buch und die Sorgfalt fürs Detail. Auch die weiteren Erfahrungen waren durchweg positiv. Geris sorgfältige Lektoratsarbeit, Heinz, der die Geduld selbst dann kaum verlor, wenn eine Autorin, die ich betreute, unbedingt noch da einen Abschnitt und dort einen Satz anfügen wollte, obwohl das Manuskript schon längst in die Druckerei hätte sollen.

Die schöne ursprüngliche Ausstattung von Eugen Bisig mit der Unterschrift auf dem Buchumschlag hat übrigens anfänglich zu einem Missverständnis geführt. Als ich Noam Chomsky um seine Unterschrift anfragte, schrieb er etwas unwirsch zurück, er unterschreibe keine Belobigungen für irgendwelche Bücher, schon gar nicht für eine Biografie über sich, und ich musste ihn dann davon überzeugen, dass wir seine handschriftliche Signatur nur zur Verzierung brauchten und sie auch nicht für irgendwelche Scheckfälschungen verwenden würden.

Gemeinsam haben wir uns sogar mal in die Grauzone der Verlagstätigkeit begeben. Ein schottischer Autor, von dem die edition 8 in einer Übersetzung ein tolles Buch veröffentlicht hatte, war ein paar Jahre später unter merkwürdigen, traurigen Umständen gestorben, da er, wie selbst sein Sohn schmerzlich feststellen musste, in den letzten Lebensjahren von seiner Witwe von allen andern Menschen abgeschirmt worden war. Anfragen bei dieser wegen des Copyrights für eine zweite Übersetzung blieben unbeantwortet, so dass wir das Buch ohne Bewilligung veröffentlichten. Worauf ein Jahr später ein Protestbrief der Witwe eintraf, den wir souverän ignorierten. Immerhin hatte Heinz zuvor ein spezielles Konto für die möglichen Tantiemen aus dem Buchverkauf angelegt, und ich glaube, eine bestimmte Geldsumme ist noch immer auf diesem Sperrkonto deponiert.

Die edition 8 macht gelegentlich auch vergnügliche Schnitzer, etwa wenn es auf der Website heisst, ich hätte ein Buch zusammen mit Bettina Dyttfurt herausgegeben, was eine renommierte deutsche Politikerin mit einer renommierten Schweizer Journalistin verkoppelt.

Foto: Christian Altorfer

Bei der Geburtstagsfeier am letzten Freitag zu zwanzig Jahren edition 8 sind ein paar Höhepunkte aus der Verlagsgeschichte präsentiert worden und ein paar Geburtstagsgrüsse aus der Lyrik- und Musikabteilung, von Hans Gysi, Brigitte Fuchs, Erwin Messmer, Roland Merk und Joanna Lisiak, unterlegt von Andreas Stahel mit Flöten und Obertonstimme. Dazu trug Eugen Bisig verrätselte Videos bei. Das alles zeigte Weite und Vielfalt der Produktion und war zugleich ein schönes Lob für das jetzige Team, das aus Geri Balsiger, Jeannine Horni, Heinz Scheidegger, Katja Schurter, Marianne Sliman, Verena Stettler und Brigitte Walz-Richter besteht.

Rund 270 Titel figurieren mittlerweile im Programm der edition 8, davon 190 Eigenproduktionen, zumeist zehn pro Jahr, etwa hälftig Belletristik und Sachbücher. Wie viel Arbeit da drin steckt. Das Bedürfnis, sich in einem Buch zu veräussern, ist ja trotz allen Krisen des Verlagsgeschäfts ungebrochen, und entsprechend viele Anfragen treffen an der Quellenstrasse ein. Wie schafft es, frage ich mich manchmal, das Team nur, all diese eingesandten und angeforderten Manuskripte zu lesen, zu diskutieren, zu bewerten, dann zu lektorieren, zu layouten, zu bewerben, und dies grossmehrheitlich gratis?

Die VerlegerInnen tun das unverdrossen, auch wenn es zumeist nicht zu einem Bestseller reicht. Wenn die Auflagen nicht gar so gross sind und die Besprechungen in den grossen Massenmedien zuweilen ausbleiben. Unermüdlich werden Texte – Prosa, Gedichte und Sachbücher – angeboten und allen Interessierten zur Verfügung gestellt.

Es muss die unerschütterliche Liebe zum Wort und zum Buch sein.

Herzlichen Dank dafür, und auf die nächsten zwanzig Jahre.

Stefan Howald

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Noch ein paar Bücher

Wer am Samstag nicht an die Klimademo nach Bern gehen kann, kommt statt dessen zum Büchertausch des bücherraums f in Zürich Oerlikon:

 

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Die eigenen Erbsen picken

Wer wünschte nicht, Gemüse zu essen, das noch nach Erde Sonne Wind schmeckt, in denen es gewachsen ist: aromatische Artischoken, buttergelbe Bohnen, federleichte Frühlingszwiebeln

Wer wünschte nicht, dies Gemüse ohne künstliche Pestizide Farbstoffe Konservierungsmittel zu verzehren: feiner Fenchel, geschmackvolle Gurken, kräftige Kartoffeln

Wer wünschte nicht, den hektischen Kauf beim Grossverteiler mit Abfall Plastik Überfluss zu vermeiden: knackige Karotten, köstliche Krautstiele, leckerer Lauch

Wer wünschte nicht, das heimzutragen, was man selbst gesetzt gepflegt geerntet hat, im eigenen Schweiss: mächtige Maiskolben, pralle Peperoni, seidiger Salat

Wer wünschte nicht, zu kochen, was die Saison bietet, mit Fantasie auch noch die Resten zu verwerten: strammer Stangensellerie, tadellose Tomaten, würziger Wirsing

Wer wünschte nicht, dies mit andern zu tun, jenseits des eigenen Hochbeets die Erbsen gemeinsam zu picken, vergesellschaftet, der Mensch, das solidarische Tier.

Ja, solch solidarische Landwirtschaft wird jetzt auch im Zürcher Unterland betrieben, in Sünikon, wo die ErbsenpickerInnen ihren Garten im Räckhölderli bestellen.

Das Feld steckt nicht nur voller Gemüse, sondern auch voller Blumen, die eben gerade nach Regensberg getragen worden sind.

Am Sonntag, dem 22. September, ist Tag der offenen Tür; weitere Informationen finden sich unter https://erbsenpicker.jimdo.com

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