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Stefan Howald - Aktuell

24.01.12

Ein Kollege und Freund

André Rothenbühler
15.12.1957 - 18.1.2012
Frauenfeld

André hat sieben Jahre lang die Geschicke der Aktion Finanzplatz Schweiz (AFP) wesentlich mitgeprägt. Nun hat ihn ein Herzinfarkt jäh aus dem Leben gerissen.

Wir verlieren einen engagierten Geschäftsleiter und trauern um einen aufmerksamen und herzlichen Kollegen und Freund.

Aktion Finanzplatz Schweiz
Vorstand und Mitwirkende

Kennen gelernt habe ich André Ende 2004. 2005 und 2006 waren wir zwei Jahre lang zusammen für die Aktion Finanzplatz Schweiz verantwortlich. Auch nach meinem Austritt blieben wir beruflich und freundschaftlich verbunden.

Als André bei der Aktion Finanzplatz eintrat, hatte er klare Vorstellungen, was er machen wollte. Hier konnte er sich für eine gute Sache engagieren: Mithelfen, Diktatorengelder aus der Dritten Welt, die in der Schweiz gelandet waren, in die betroffenen Länder zurückzuführen; dazu beitragen, die Verschuldung der ärmsten Länder der Welt zu lindern. Das war ihm nicht nur ein theoretisches Anliegen, in publizistischen Arbeiten darauf hinzuweisen, sondern ihn bekümmerten konkrete und handfeste Verbesserungen. So versuchte er, mit Entscheidungsträgern ins Gespräch zu kommen, etwa mit jenen Stellen der Bundesverwaltung, die sich für solche Anliegen als zugänglich erwiesen.

Tatsächlich war André ein vermittelnder Mensch. Die Konfrontation lag ihm weniger. Lieber suchte er das Gespräch, das Aushandeln, auch den tragbaren Kompromiss.

Dem entsprach sein Arbeitsstil. Bei der Aktion Finanzplatz haben wir vieles gemeinsam erarbeitet: im Gespräch, in Diskussionen. Mir wurde es zuweilen etwas gar viel und etwas zu umständlich, weil ich fand, wir sollten vorwärtsmachen; aber André ging es darum, dass alle Beteiligten schliesslich zufrieden mit dem Ergebnis sein konnten. Das galt auch für seine mehrere Jahre dauernde Zusammenarbeit bei der Aktion Finanzplatz mit Max Mader, der letztes Jahr ebenfalls viel zu früh verstorben ist.

Zuweilen neckte ich André, wenn er mit einer bunten Krawatte zu einem Treffen erschien, während ich bei meiner weniger formellen Kleidung blieb. Aber das gehörte zu ihm und entsprach seinem Naturell. Er war korrekt, und er war zuvorkommend. Er ging auf die Leute zu, engagierte sie im Gespräch. Damit konnte er für seine Arbeit viele Beziehungen knüpfen. Das Konzept illegitimer Schulden, die armen Ländern zu erlassen seien, hat er zusammen mit anderen mitbefördert und versucht, ihm offizielle Anerkennung zu verschaffen. In diesen Arbeitsgebieten schätzte man ihn, auch in internationalen Zusammenhängen.

In Erinnerung bleiben wird mir allerdings auch, wie er sich um die leibliche Basis all unserer Sitzungen und Arbeitsmeetings kümmerte. Verlässlich organisierte er Zwischenverpflegungen – Sandwiches, schön ausgewogen zwischen vegetarischen und solchen mit Fleisch, aber auch gesundes Obst, und vielleicht auch mal eine Leckerei. Und er liebte es, irgendwelche Dienste mit liebevoll ausgewählten Geschenken aus der Kartause Ittingen zu vergelten. Schenken machte ihm Freude. Das zeigte seine fürsorgliche, Anteil nehmende Seite.

André war ein grundsätzlich positiv eingestellter Mensch. Das schloss, wie bei uns allen, Zeiten der Anfechtungen, Bekümmernisse und Sorgen nicht aus. Aber er sprach sie aus, und das war zumeist der erste Schritt zu einer Lösung.

Kunst interessierte ihn, die alten Meister, auch Musik, vor allem klassischer Jazz. Da war sein Geschmack eher konservativ. Als er in Basel gewohnt hatte, war er auch ein engagierter Fasnächtler gewesen. Engagiert, wie alles, was er tat. So übernachtete er einst bei uns, weil er von uns aus den Morgestraich zeitiger erreichen konnte als von Frauenfeld aus. In den letzten Jahren trafen wir uns gelegentlich zum Pingpong-Spielen auf der Zürcher Josefwiese. Er kümmerte sich, wie ich das von ihm gewohnt war, um die Vorbereitung, besorgte Netz und Bälle und Schläger. Er spielte so, wie er gelebt hat: Seriös, zuverlässig, mit gelegentlichen überraschenden Angriffsbällen.

Ab Frühling 2010 war André bei der Aktion Finanzplatz alleiniger Geschäftsführer. Das machte ihm zu Beginn etliche Sorgen. Aber er kniete sich in die Arbeit und entwickelte einen neuen Elan. Dass er vielfältig arbeiten konnte, journalistisch, politisch und administrativ, verstand er zu Recht als Bereicherung.

Umso schockierender ist sein allzu früher Tod.

Wir vermissen ihn sehr.

Stefan Howald
Beitrag zum Gedenkgottesdienst vom 24.1.2012 in der Kirche von Béocourt/Jura

23.01.12

Ein paar Schritte zur Gewalt

Am Anfang eines Jahres hatte ich mit der Übersetzung eines englischsprachigen Buchs begonnen, das sich mit der Roten Armee Fraktion und der deutschen Terrorismuszene in den 1970er Jahren beschäftigte. Der schottische Autor war im Zweiten Weltkrieg Offizier gewesen, in italienische Kriegsgefangenschaft geraten, hatte sich den italienischen Partisanen angeschlossen und zu den Alliierten durchgeschlagen; über seine Erlebnisse hatte er einen autobiografischen Bericht veröffentlicht, in dem er die Verheerungen durch die Gewalt, auch die notwendige antifaschistische, eindringlich schilderte und analysierte.

Während der Übersetzung des Buchs über die RAF hatte ich gemerkt, wie der Autor recherchiert hatte und zeitgenössische Dokumente zitierte. Tatsächlich hatte er mir im Gespräch einmal gesagt, dass er in London während der 1970er Jahre deutsche Studentenführer kennen gelernt habe, von denen der eine oder andere später wohl auch in den Untergrund abgetaucht sei.

Ich hatte die Übersetzung beinahe abgeschlossen, als ich für eine Wochenzeitung den Auftrag erhielt, die neuste Verfilmung zur Geschichte der RAF zu besprechen. Der Film liess mich aufgewühlt und ratlos: Einerseits so schlecht, in Hollywoodmanier inszeniert, mit dem einen Bösen, der all die anderen verführt und ins Elend führt, und doch sagte der Film ja etwas aus, über eine Szene, in der sich von aussen erlebte Gewalt im Innern reproduziert hatte und dann wiederum, mörderisch, nach aussen gewendet worden war. Im Vergleich sah ich allerdings, wie genau der schottische Autor gearbeitet hatte, und wie unendlich überlegen seine Verarbeitung diesem Filmspektakel war.

Zur gleichen Zeit hatte ich für ein Literaturfestival in einer kleineren Stadt im Schweizer Mittelland einen Autor vorzustellen, den ich seit längerem bewunderte, da er in der ehemaligen DDR einen kritischen Standpunkt von links beibehalten hatte, dessen jüngste Laufbahn ich aber nicht mehr vollständig verfolgt hatte. Beim nachträglichen Lesen einiger Werke stiess ich auch auf einen Roman, den er über die im Jahr 1993 erfolgte Erschiessung eines RAF-Mitglieds der letzten Generation geschrieben hatte. Da zeigte sich wiederum ein anderer Ansatz als in den anderen beiden Werken, da es vor allem um die Auswirkungen von Gewaltbereitschaft und Gewalt auf die Eltern und die Freunde des RAF-Mitglieds ging; der Roman war im Übrigen zumeist auf Unverständnis oder Ablehnung gestossen.

Am ersten Abend des Literaturfestivals wartete ich in der kleinen Stadt am Bahnhof auf den Zug, der mich nach Hause bringen sollte, und geriet plötzlich in eine Bewegung: ein Pulk, aus dem sich ein Junge löste und dem Bahnsteig entlang rannte, Schreie flogen hoch, während andere Jugendliche dem Flüchtigen hinterher rannten, und dann wieder warnende Stimmen und nochmals Rennen, und ich konnte radebrechende Flüche identifizieren, in jenem Idiom, das schon beinahe zur Karikatur der Jugendszene einer Generation aus einem benachbarten, fremden Land geworden war. Ich blieb nahe am Geschehen stehen, nahm zur Vorsicht immerhin mein Handy in der Manteltasche in die Hand und schaute aus einem Augenwinkel der erregten Debatte zu, die sich in einem Kreis entfaltete. Einige versuchten, so viel erschloss ich, ihren Kollegen zurückzuhalten, die Verfolgung des Geflüchteten fortzusetzen, aber der Kollege wies immer wieder auf sein langsam anschwellendes Auge und schilderte in Details, was er mit dem Hurensohn und dessen Mutter machen würde, während die Kollegen behaupteten, der Schlag aufs Auge sei Zufall gewesen und der andere habe die Regeln noch nicht gekannt, und wie er – der Kollege – sich denn verhalten hätte, wenn ihn fünf Angreifer aufs Bahngeleise hätten schubsen wollen, aber das alles reichte kaum zur Besänftigung.

Schliesslich kam eine Polizeistreife. Sie nahm die Personalien auf, die die Jungs gehorsam preisgaben, weil sie ja wirklich nichts zu befürchten hatten, und dann gab es eine Diskussion, ob derjenige mit dem geschwollenen Auge eine Strafanzeige einreichen wolle, und die Polizisten, der eine gross und einschüchternd, der andere breit und väterlich, und als dritte eine Frau daneben, die von den Jungen offenbar in eine andere Kategorie eingereiht wurde, erwogen mit den Jugendlichen das Dafür und das Dawider, rieten aber eher ab, weil vielleicht doch nicht so ganz klar gewesen sei, ob nicht doch eine Provokation durch das spätere Opfer erfolgt sei, und schliesslich kam mein Zug und ich stieg ein und blickte auf den ruhiger gewordenen Bahnsteig zurück.

Am folgenden Abend erzählte ich die Anekdote dem deutschen Autoren, der trocken meinte, in Berlin wäre das nicht möglich gewesen, nicht die Gewalt – die jederzeit! –, sondern das Aushandeln; da wäre bei ihnen unweigerlich eine Eskalation erfolgt. Und ich wusste wieder einmal nicht, ob ich das als Lob für die hierzulande immer noch herrschende friedliebendere Kultur verstehen sollte oder als agnostizistische Anerkennung der Tatsache, dass die Schweiz weiterhin von vielen Weltläuften verschont bleibt.

22.01.12

Psychose, Unzurechnungsfähigkeit und Normalität

Ist der norwegische Massenmörder Anders Breivik ein unzurechnungsfähiger Psychopath? Aber wo wäre die Grenze seines Wahnsystems zur Normalität?

Kürzlich fand es ein Kollege bei einem Gespräch merkwürdig, ja geradezu unverständlich, dass die Medien trotz all der Tausenden von Zeilen, die übers furchtbare Attentat in Norwegen und den Attentäter Anders Behring Breivik geschrieben worden waren, dessen Manifest ignoriert hatten. Das sei ja auf dem Internet zugänglich und biete eine interessante Lektüre; er hatte sich durch die 1500 Seiten hindurchgeblättert und faszinierend gefunden, wie da zuweilen ganz rational argumentiert wurde, wie detailreich Überlegungen gemacht wurden, für die Bombe Stickstoff auf einer Farm herzustellen und die als Bio-Farm zu tarnen, wie ganz herkömmlich die Geschichte des islamischen Einfalls in Europa im 8. Jahrhundert referiert wurde, durchaus mit Augenmerk für die wichtigen Dinge wie die Parallelität von militärischem Vormarsch und Nahrungsmittelversorgung.

Ich fand diese Faszination merkwürdig, ja geradezu morbid. Genügten nicht die wenigen bekannten Bruchstücke dieses Wahnsystems? Natürlich, da verdrängten die Medien zweifellos etwas, und dennoch, was sollte dieses detaillierte Interesse? Musste man diesem ungeniessbaren Mischmasch noch zusätzlichen Status verleihen und Breivik den Sauerstoff der Öffentlichkeit vermitteln, den er so sehr suchte?

Nach einer heftigen Diskussion einigten wir uns: Das Manifest kann als Anschauungsmaterial benützt werden, wie sich ein mörderisches Denksystem aus dem und im Alltag organisiert.

Nun ist der geständige Breivik nach Überzeugung von zwei Rechtspsychiatern als «psychotisch» einzuschätzen und «wegen paranoider Schizophrenie» nicht strafrechtlich zurechnungsfähig. Zur Tatzeit sei er nicht Herr seiner Taten gewesen, sondern habe in einer Wahnwelt gelebt, in der allein er die Normen gesetzt habe.

Darauf hat der norwegische Schriftsteller Erik Fosnes Hansen (übersetzt im Spiegel Nr. 49/11) bekräftigt, Breivik habe tatsächlich in einer Parallelwelt gelebt, einem Traumreich, einer Nebengesellschaft, von seinen Landleuten «derart weit entfernt, dass er nicht zu uns gezählt werden kann».

Mit der psychiatrischen Festlegung von Zurechnungsfähigkeit geraten wir allerdings in eine Ambivalenz der Moderne. Historisch bedeutet die Psychiatrie (und hinter ihr die Psychoanalyse) einen Fortschritt. Der Mensch wird aus den göttlichen Zwangsgesetzen befreit, aber auch nicht mehr als blosse Maschine oder als vollkommen autonomes Subjekt gedacht. Es entwickelt sich ein differenzierteres Verständnis psychischer Prozesse. Vergehen und Verbrechen stehen nicht mehr alleinig im Mittelpunkt, sondern die Motive einer Tat werden mit einbezogen. Der einfache Mechanismus von Vergeltung und Bestrafung wird aufgebrochen. Obwohl die Unzurechnungsfähigkeit durchaus nicht vor Strafe schützt – Breivik würde sogar länger psychiatrisch verwahrt als ins Gefängnis gesperrt.

Und seine Wegsperrung ist gegenwärtig zweifellos nötig und gerechtfertigt.

Aber die Psychiatrie bleibt als eine gesellschaftliche Instanz und Institution von herrschenden Vorstellungen durchzogen. Die psychiatrische Diagnose hat nicht nur einen Effekt für den Attentäter, sondern auch für die Gesellschaft: Sie rückt den Attentäter von der Gesellschaft weg. Oder die Gesellschaft weg vom Attentäter. Plötzlich klafft eine unüberbrückbare Kluft des pathologischen Verhaltens zum normalen Funktionieren. Das Abschieben in den Untergrund der unergründlichen Psyche. Oder des unergründlichen Bösen. Das hat ja in letzter Zeit eine fundamentalistische Renaissance erlebt. Der unhintergehbare Protest dagegen bleibt Hannah Arendts Studie über den Nazi-Verwaltungsmassenmörder Adolf Eichmann (1963/64). In ihr zeigt sie nicht nur, wie die Taten von Eichmann aus banalen psychischen Motiven entspringen und wie er sie zu rechtfertigen versteht, sondern wie auch die gesellschaftlichen Umstände und die Menschen in diesen seine Taten erst ermöglichen. Ein Fazit ihrer Studie lautet: Das Erschreckende an Eichmann war seine «Normalität»

Was aber sind die Normen der Normalität? Und geht die Beziehung nicht in beide Richtungen, aufs Individuum wie die Gesellschaft hin? Als Sigmund Freud 1901 die «Psychopathologie des Alltagslebens» veröffentlichte, zeigte er die Pathologie im Alltag. Es gibt aber auch die Pathologie des Alltags. Der normale Wahnsinn der Gesellschaft.

Nun droht ja in den letzten Jahren die Neurologie die Psychoanalyse als Analyseinstrument für psychische Prozesse abzulösen. Der US-Hirnforscher Michael Gazzaniga zeigt (im Spiegel Nr. 50/11) die Ambivalenzen, in die dieser Ansatz gerät. Indem sich alle menschlichen Fähigkeiten bestimmten Hirnregionen und biochemischen Prozessen zuordnen lassen, hält er die Menschen einerseits, wie einst La Mettrie, für blosse «Maschinen, die rein deterministisch arbeiten». Der angebliche freie Wille sei ein künstliches Konstrukt.

Andererseits betont Gazzaniga die Wichtigkeit der gesellschaftlichen Interaktion: «Nichts ereignet sich isoliert vom Rest der Welt.» Tatsächlich wehrt er immer wieder monokausale neurologische Erklärungen ab. Einen Kompromiss sucht er mit dem Ansatz, jeder Mensch webe sich für sein Leben eine eigene subjektive Storyline, und zwar durch ein Areal in der linken Gehirnhälfte, das er als «Interpreten» bezeichnet. Da er solche Stories letztlich für eine (wiederum determinierte) Illusion hält, gerät er in einen Erklärungsnotstand und muss den Zufall in Anspruch nehmen: Dass wir überhaupt miteinander klarkämen, «liegt wohl daran, dass die meisten Menschen zum Glück Realitäten haben, die sich stark überschneiden». Aber diese Realitäten haben natürlich reale Voraussetzungen, Bedingungen und Gründe.

Das Manifest von Breivik liefert dazu Anschauungsmaterial. Wie werden die herrschenden Normen in die eigenen übergeführt? Wie wird ein Weltbild aufgebaut, das den herkömmlichen Alltag abstösst und ihn zugleich bewältigen lässt? Noch die wütendste Ablehnung der ihm umgebenden Gesellschaft durch Breivik brauchte in all den Jahren, in denen sie latent blieb, eine Alltagsphilosophie. Die kann widersprüchlich sein. Die Rationalität des Funktionierens und das mörderische Ziel können koexistieren. Auch das Wahnsystem sucht die Begründung und Absicherung durch eine geschichtliche Tradition. Der Hass will einen Gründungsmythos: bei Breivik ist es zufälligerweise der islamische Vormarsch im 8. Jahrhundert. Dieser Gründungsmythos läuft gesellschaftlichen Entwicklungen parallel und bedient ihre Struktur.

Auch auf der anderen Seite dürfen wir es uns nicht zu einfach machen. Das Manifest ist nicht einfach rechtsextrem. Es ist ein Konglomerat. Mit rechtsextremen Einsprengseln, mit mehrheitsfähiger Fremdenfeindlichkeit, mit praktischen Anleitungen. Erklärungsbedürftig ist gerade die Mischung. Die technische Rationalität und Funktionalität, und der Wahn.

Es gibt dazu einen unerwarteten Bezugspunkt in einem Roman aus den dreissiger Jahren. Von interessierter Seite wird ja die Literatur erhöht, indem ihr zugeschrieben wird, sie könne psychische Zustände und Verhalten vergegenwärtigen, wie es der wissenschaftlichen Analyse nie gelinge. Das Klischee trifft gelegentlich zu. In Robert Musils unvollendetem Roman «Der Mann ohne Eigenschaften» (1930/33/43) taucht der Mörder Mossbrugger auf, der eine Prostituierte getötet hat. Musil diskutiert den Fall in seinem Roman essayistisch in mehreren Kapiteln, wovon das eine «Für die Juristen gibt es keine halbverrückten Menschen» heisst. In ihm werden die verschiedenen Positionen zur Unzurechnungsfähigkeit satirisch auseinandergelegt. Unzurechnungsfähigkeit setzt sich immer in ein polares System, und sie grenzt aus, stösst etwas ab, und lehnt die Verantwortung dafür ab. Zusätzlich aber beschreibt Musil in den Kapiteln «Moosbrugger denkt nach» und «Moosbrugger tanzt» genau diese Dinge, die er in den Kapiteltiteln benennt: wie der Mörder denkt, wie er fühlt und tanzt und zugestochen hat.

Müssen wir die alte Wahrheit in Erinnerung rufen, zu verstehen suchen sei nicht verzeihen? Wir müssen. Denn das Verstehen ist nötig, um dagegen anzugehen. Wenn verständlich ist, wie antidemokratisches Gedankengut in ein Gedankengebäude eingebaut wird, dann kann dieses genauer bekämpft werden.

Das Verstehen stösst an Grenzen. Als konkrete Tat mag die Handlung tatsächlich unerklärlich sein: Was diesen Menschen, Anders Breivik, dazu gebracht hat, seine Vorstellungen in Handlungen umzusetzen, junge Menschen kaltblütig zu erschiessen. Aber auch das Unerklärliche entspringt nicht dem Nichts, sondern aus bestimmten Bedingungen, aus realen Erfahrungen, aus gesellschaftlichen Zuständen, aus deren Verarbeitung, aus Denkgebäuden einer Alltagsphilosophie, aus bewussten Entscheidungen, aus psychotischen Schüben. Das alles mag zur Erklärung nicht ausreichen. Aber diese Aspekte sind notwendig für eine annähernde Erklärung.

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