«Links und bündig» in Basel

Montag, 29. Oktober, 20 Uhr

Restaurant Hirscheneck, Lindenberg 23, Basel

Stefan Howald, Autor der WOZ-Geschichte «Links und bündig» (Rotpunktverlag), präsentiert Anekdoten aus den heroischen Anfangszeiten der WOZ und von später: mit schrägen Bildern und Nacherzählung heftiger Debatten.

Ausserdem Lesung spannender Texte aus vier Jahrzehnten WOZ von Schauspieler Matthias Flückiger, nebem anderen als WOZ-Wunsch-Fee und WOZ-Vertreter an der Generalversammlung der UBS bekannt.

Eintritt frei, Büchertisch

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Nach Italien und zurück

Beim Besuch in London blättert man gerne in der gratis aufliegenden «Islington Tribune», ein Lokalblatt mit Berichten über unliebsame Löcher in den Strassen, Geschäftseröffnungen, Vereinsfeierlichkeiten und lokalem Sportgeschehen, das von kleingewerblichen Anzeigen lebt, sich aber auch ein wenig daran orientieren muss, dass die Mehrheit seiner LeserInnen in der Labour-Hochburg Islington doch eher links gerichtet denkt. Darin habe ich kürzlich einen Artikel mit dem Titel «Smithfield trader who escaped from POW camp» gelesen, über Keith Killby, der Anfang September 102-jährig gestorben ist. Killby war im Zweiten Weltkrieg im Mai 1943 in italienische Kriegsgefangenschaft geraten, dann als Prisoner of War (POW) aus dem Lager ausgebrochen und hatte sich zu den alliierten Truppen durchgeschlagen, die Italien vom Süden her eroberten. In London gründete er nach einer erfolgreichen Karriere im familiären Metzgereiunternehmen als Pensionierter den Monte San Martino Trust, der im Andenken an jene ItalienerInnen, die ihm 1943/44 geholfen hatten, die Erinnerung an diese antifaschistische Solidarität aufrechterhält und zugleich Sprachstipendien an junge ItalienerInnen in London vergibt.

Einst hatte ich in London einen ebensolchen ehemaligen Kriegsgefangenen persönlich kennen gelernt. Stuart Hood, geboren 1915, war ein höchst faszinierender Mensch, nach dem Krieg Programmdirektor bei der BBC, freischaffender Drehbuchautor, Übersetzer aus dem Deutschen und Italienischen, Verfasser mehrerer Romane, jederzeit links engagiert. Wie Keith Killby war er 1943 in italienische Kriegsgefangenschaft geraten, allerdings in Nordafrika, doch dann nach Norditalien verfrachtet worden; im autobiografischen Bericht «Carlino» hatte er über seine Erfahrungen in Italien geschrieben, wo er sich nach der Absetzung Mussolinis im September 1943 aus dem von den italienischen Wachen aufgegebenen Kriegsgefangenenlager in Fontanellato entfernt und sich den italienischen Partisanen gegen die deutschen Besatzungstruppen angeschlossen hatte. Dieses Buch habe ich, ebenso wie einen Roman von ihm über die deutsche Rote-Armee-Fraktion, jeweils für die edition 8 ins Deutsche übersetzt. Hood war Anfang 2011, 96-jährig, verstorben, unter eher verstörenden Umständen, da seine damalige Frau mehrere Jahre lang keinerlei Kontakt mehr mit ihm zugelassen hatte, nicht einmal Hoods Kindern, die vom Tod ihres Vaters erst mit beinahe einjähriger Verspätung erfuhren.

Zwar war Keith Killby in einem anderen italienischen Lager untergebracht gewesen als Hood, aber auf der Website seiner Stiftung fand ich einen Beitrag zu diesem, von Hilary Horrocks, und dem liess sich entnehmen, dass zu Hoods 100. Geburtstag im Jahr 2015 sogar zwei Konferenzen in Edinburg und London stattgefunden hatten. Also schrieb ich eine E-Mail, und eineinhalb Stunden später erreichte mich schon eine freundliche Antwort von Horrocks. Was mich dazu veranlasste, meine einstigen Recherchenotizen zu konsultieren. In Horrocks Artikel wird auf einen Bericht über das Gefangenenlager in Fontanellato, «The Cage» von Dan Billany, verwiesen. Tatsächlich befindet sich das Buch, was ich vergessen oder verdrängt hatte, in meiner Bibliothek, in der zweiten Ausgabe von 1951, mit einem zerrissenen Schutzumschlag, auf dem aus der Erstausgabe die Bitte an die Leserschaft um Hinweise auf das mögliche Verbleiben des Ende des Kriegs verschollenen Autors abgedruckt wird und anschliessend erklärt wird, er sei umgekommen, als er einen Verräter in den britischen Reihen gestellt habe. Auf das Buch war ich durch einen Artikel von Ken Worpole gestossen, den ich seinerseits in anderem Zusammenhang, als Städteplaner nämlich, in London kennen gelernt hatte. Bei der Lektüre, circa 2008, hatte ich mir notiert, dass es sich bei jener Figur, die im Buch als Alan eingeführt wird, womöglich um Hood handeln könnte, weil er als Radikaler charakterisiert wird; was sich bei fortlaufender Lektüre als eher unwahrscheinlich herausgestellt hatte. Immerhin gibt es eine ganze Seite, in dem ein Offizier aus der Oberschicht darüber wettert, dass die britische Armee mittlerweile schon Kommunisten zu Offizieren gemacht hat, was unzweideutig auf Hood zielte.

Letztmals mit Hood beschäftigt hatte ich mich 2012, nach seinem so bestürzend verspätet bekannt gewordenen Tod. Eine kurze Internetrecherche zeigte, dass seither das Thema der britischen Kriegsgefangenen in Italien weiter recherchiert worden ist. Schon Hood hatte von jährlichen Gedenkveranstaltungen in Italien erzählt, an denen er jeweils teilgenommen hatte. Die sind weitergegangen, zugleich mit weiteren akademischen und autobiografischen Recherchen. Es existieren mehrere Websites, die alle damaligen Lager auflisten; ein Sammelband einer Konferenz ist auf Italienisch erschienen, und die BBC hat Dokumente über einzelne POWs gesammelt, etwa über William John Frank Clarke, der, wie Hood, in Fontanellato interniert gewesen und dann nach Süden marschiert war, dann kurz vor dem Übertritt zu den alliierten Truppen von den Deutschen erneut gefangen genommen wurde und mit einem Zug nach Deutschland abtransportiert werden sollte; doch gelang ihm die erneute Flucht und der Übertritt in die Schweiz – was ein weiteres Thema eröffnet.

In England wird die Bezugnahme auf den Zweiten Weltkrieg gelegentlich übertrieben, weil er an die letzte heroische Phase der britischen Geschichte erinnert, bevor man von einer Weltmacht zu einer Regionalmacht mit ebenso lobenswerten wie skurrilen und fragwürdigen Zügen herabsank. Aber die Traditionspflege zu den POWs steht durchaus im Zeichen dessen, was man ein wenig pathetisch Völkerfreundschaft nennen könnte; und die Solidarität, mit der die Landbevölkerung damals die flüchtigen britischen Soldaten unter eigener Lebensgefahr unterstützt hatte, reibt sich schmerzhaft mit der heutigen italienischen Lage, in der Politiker sich ihrer Grausamkeiten gegenüber ImmigrantInnen geradezu rühmen; und diese Tradition steht natürlich auch quer zur Brexit-Hysterie, die Kontinentaleuropa von England aus wenn nicht als Gegner, so doch zumindest als unerheblich betrachtet.

Vielleicht also, denke ich, lohnt es sich, ein weiteres Buch von Hood zu übersetzen, zum Beispiel «The Book of Judith» von 1995. Das spielt Ende 1975, in Spanien, während der in Senilität versunkene Diktator Francisco Franco stirbt. Ein britischer linker Journalist und seine Partnerin reisen nach Spanien, der eine, um Material für einen Dokumentarfilm über das britische Expeditionskorps zu sammeln, das 1808 bis 1814 die Spanier gegen die napoleonische Fremdherrschaft unterstützt hatte, seine Partnerin auf den Spuren ihres Vaters, der im Spanischen Bürgerkrieg 1938 gefallen war. Das Buch enthält beiläufig auch eine Geschichte des monströsen Franco-Monuments, dessen Zukunft gegenwärtig in Spanien heftig diskutiert wird. Als Mitglied einer linken britischen Splittergruppe wird der Journalist zugleich als Waffenkurier für ein geplantes Attentat gegen die Staatsmacht eingespannt; und da er seine Partnerin wider deren Willen in seine Pläne verwickelt, überlagert die politische Loyalität die Geschlechterbeziehung missbräuchlich. Schliesslich tötet Judith, ausweglos, ihren Holofernes. Als sie zurückfliegt, wird sie im Flugzeug «von bodenloser, unkontrollierbarer Trauer überwältigt. Sie gab keinen Laut von sich, aber die Tränen rannen ihr über die Wangen, und sie spürte sie salzig auf den Lippen. Sie konnte den Strom kaum mit zusammengeknüllten Papertaschentüchern stoppen. Eine Hand berührte ihre Schulter.                                                                                                                                              «Ist alles in Ordnung?», fragte die Stewardess besorgt und reichte ihr ein paar weitere Taschentücher.                                                                                                                                   «Ich bin mir nicht sicher», sagte Judith.                                                                                  «Kann ich Ihnen irgendetwas bringen? Wasser? Ein Aspirin?»                                         Judith schüttelte den Kopf.                                                                                                       «Danke», sagte sie, «aber ich glaube nicht, dass das helfen würde.»

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Ausgelesen

bücherraum f, Jungstrasse 9, 8050 Zürich-Oerlikon

Montag, 22. Oktober 2018, 19 Uhr

Elisabeth Joris stellt Bücher aus der Bibliothek vor

Elisabeth Joris, Historikerin und langjährige Aktivistin der Neuen Frauenbewegung, hat die im bücherraum f integrierte Bibliothek des Frauenzentrums seit den 1970er als Leserin von feministisch geprägter Theorie und Literatur genutzt. Neben den bahnbrechenden «Frauengeschichte(n)» von 1986 finden sich in ihren Büchern immer wieder «Tiefenbohrungen» im doppelten Wortsinn.

 

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Dieses merkwürdige Ding des Geldes

Zürcher Hochschule der Künste

Montag, 22. Oktober 2018,  13 bis 15 Uhr

Öffentliche Ringvorlesung – Design Ökonomien

Vorlesung 5:

Stefan Howald

Dieses merkwürdige Ding des Geldes – ein Streifzug durch die Kulturgeschichte der Kapitalwirtschaft

Warum Voltaire riet, einem Schweizer Bankier hintennachzuspringen, wenn der sich aus einem Fenster stürzt. Wie Geld in der Schweizer Literatur auftaucht. Warum das Design von Banknoten schon mal zu Streit führen kann. Weshalb der Fetisch Geld uns hinterrücks in Bann schlägt.

Eine Analyse der psychischen Dynamik der Kapitalwirtschaft. Und ein paar Vermutungen, wie eine alternative Gesellschaft aussehen könnte. Mit etlichen Illustrationen.

Toni-Areal, Hörsaal 1, Ebene 3. Pfingstweidstrasse 96, Zürich


Die Ringvorlesung behandelt das Verhältnis von Design und Ökonomien aus unterschiedlichen Positionen. Es kommen Expertinnen und Experten zu Wort, die sich reflektiert und / oder kritisch mit ökonomischen Systemen und Zukunftsszenarien aus Perspektive der Arbeit, der Kultur, der Innovation und deren jeweiligen Wechselwirkungen auf das ökonomische Verhalten des Menschen auseinandersetzen.

 

 

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Sackgasse Brexit

Grossbritannien im Gespräch

Mittwoch, 3. Oktober 2018, 19.30 Uhr

Zentrum Karl der Grosse, Kirchgasse 14, 8001 Zürich, Saal

Ab dem 30. März 2019 ist Grossbritannien nicht mehr in der EU. Wie konnte es zum Brexit kommen? Wird er hart oder weich? Kommen auf Grossbritannien goldene Zeiten zu oder eher düstere?

In seinem neuen Buch «Sackgasse Brexit» hat der Journalist Peter Stäuber ein Land zwischen boomender City und vergessener Peripherie, zwischen neoliberalem Wirtschaftswahn und sozialem Elend bereist. Im Gespräch mit Ina Habermann, Professorin für Anglistik an der Uni Basel und Leiterin des kulturwissenschaftlichen Podcast-Projekts «Road to Brexit», diskutiert er über die Zukunft Grossbritanniens. Moderation: Stefan Howald (WOZ).

Eine Kooperation von Karl der Grosse und Rotpunktverlag. Eintritt: 5 Franken.

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Die Ingenieurin und die Frau des Botanikers

Bücherräumereien (III):

Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f in Zürich Oerlikon

Vermutlich zwei Eichen im Vordergrund. Zwei Reihen anderer Bäume dahinter. Und Lilien in den vier Ecken. Nicht gerade virtuos, aber hübsch. Naturverbunden. So präsentiert sich das Ex Libris in einem Exemplar im bücherraum f. Das Buchzeichen schmückt ein eher unerwartetes Buch, 1956 von einem Mitglied des britischen Königshauses, ihre Hoheit Prinzessin Marie Louise, geschrieben. Der Ruhm dieser Enkelin von Königin Viktoria besteht vor allem darin, sechs britische Regentschaften miterlebt zu haben, von Viktoria bis Elisabeth II., und gelinde wohltätig gewesen zu sein. 

Wie das Buch wohl in die Bibliothek in Zürich-Oerlikon gekommen ist? Wer weiss!

Aber wir wissen, wem es einst gehört hat. Denn auf dem Ex Libris steht nicht nur der Name Caroline Haslett, sondern das Buch enthält auch eine persönliche Widmung an diese. Haslett (1895 – 1957) ist eine bekannte und imposante Persönlichkeit. Sie begann mit 18 Jahren als Kontoristin in einer Maschinenfabrik in London zu arbeiten, eignete sich im Ersten Weltkrieg Kenntnisse in der  Produktion an und schloss darauf ein Studium als Elektroingenieurin ab. 1919, mit 24 Jahren, gründete sie die «Women’s Engineering Society» (was in einem Artikel auf der Website «Fembio» eher unelegant mit «Gesellschaft weiblicher Ingenieure» übersetzt wird), 1924 die «Electrical Association for Women». Da war die Konstruktion «for Women» geradezu Programm: Die Elektrizität sollte den Frauen dienen, insbesondere die Hausarbeit erleichtern – denn die «Elektrizität ermöglicht den Weg für eine höhere Gattung von Frauen – Frauen, die sich lästiger Pflichten entledigt haben, die Zeit zum Nachdenken und Selbstvertrauen haben». Haslett gab zu diesem Zweck Zeitschriften heraus, organisierte Kongresse und sass in zahlreichen Kommissionen; von englischen Elektrizitätsarbeitern soll sie bewundern «Lady Dynamo» genannt worden sein. 1947 wurde sie von der neuen Labourregierung als einzige Frau in den Aufsichtsrat der Kommission berufen, die die staatliche Energieindustrie leiten sollte; im gleichen Jahr wurde sie als Dame Commander of the Order of the British Empire in den Adelsstand erhoben.

Das Buch, das jetzt im bücherraum f steht, erhielt sie 1956, ein Jahr vor ihrem Tod. Das Buchzeichen allerdings ist einige Jahre älter. Datieren lässt es sich auf 1939, gezeichnet hat es Cicely Hurcomb. Zu Cicely selbst findet sich im Internet nichts, aber sie taucht doch auf, als Anhängsel, einmal ihres Vaters, einmal ihres Mannes. Die Recherche in Bibliotheken in England muss warten, deshalb hier vorerst, was sich aus dem Internet erschliessen lässt. Ihr Vater war Cyril Hurcomb (1883 – 1975), Staatssekretär im englischen Transportministerium vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Offensichtlich war er bekannt mit Caroline Haslett, die beiden sassen gemeinsam in mehreren Gremien. 1948 wurde Hurcomb erster Vorsitzender der neuen Kommission zur Verstaatlichung der britischen Bahnen (das waren noch Zeiten …), 1950 als 1st Baron Hurcomb geadelt. Hurcomb war aber auch ein passionierter Ornithologe, ein Hobby, das nach seinem Rücktritt vom Berufsleben die meiste Zeit beanspruchte. So war er massgeblich an der Einführung eines Vogelschutzgesetzes von 1954 und dessen Verbesserung 1967 beteiligt und leitete etliche Jahre lang die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), die grösste Naturschutzorganisation in Europa.

Das Geburtsdatum seiner Tochter Cicely wird in den knappen biografischen Angaben zu Lord Hurcomb nicht mitgeliefert, aber wir wissen aus einem Nachruf auf ihren Ehemann, wann sie geheiratet hat, nämlich 1940. Ihr Ehemann Tony Norris aus Worcestershire war Jahrgang 1917, zur Zeit der Heirat also 23 Jahre alt, und wir können davon ausgehen, dass Cicely vielleicht ein, zwei Jahre jünger war.

Norris arbeitete in der Druckerei seines Grossvaters in Birmingham und war von Jugend an ein begeisterter Vogelschützer – so kam wohl die Verbindung mit den Hurcombs zustande. Er war früh bei der Etablierung lokaler Vogelschutzgebiete aktiv und folgte später seinem Schwiegervater als Präsident regionaler Vogelschutzorganisationen nach. Man würde wohl, wenn man in die Mikrohistorie eintauchen könnte, auf seine Frau im Hintergrund oder auch im Vordergrund treffen. In den Weiten des Internets aber taucht sie nur noch einmal auf: Tony Norris, der auch als Botaniker wirkte und sich als Züchter vor allem auf Nerine, also südafrikanische Lilien spezialisierte, hat 1985 eine Variante nach seiner bereits 1976 verstorbenen Gattin benannt: Nerine Cicely Norris. Auch davon findet sich im Internet kein Bild.

So bleibt es vorläufig bei den eigenhändig gezeichneten Lilien im bücherraum f.

sh

Siehe www.buecherraumf.ch

 

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Die WOZ in Dielsdorf

Samstag, 15. September 2018, 20 Uhr

Bistro Philosophe

8157 Dielsdorf

Links und bündig

Die WOZ – eine alternative Mediengeschichte

Zeitungen ist es auch schon besser gegangen. Auf der einen Seite werden sie bedroht durch Auflagenschwund und Konzentrationsprozesse. Andererseits hat ihre Glaubwürdigkeit durch die Debatte um Fake News gelitten. 

Dabei funktioniert Demokratie nur mit lebendigen, vielfältigen Medien. «Die Wochenzeitung», oder kurz: die WOZ hat sich seit ihrer Gründung 1981 als seriöse Alternative verstanden. Andere Informationen wollte sie vermitteln und soziale Bewegungen unterstützen. Sie war unbotmässig, manchmal auch dogmatisch. Mehrmals stand sie vor dem Konkurs. Aber sie hat bis heute überlebt und entgegen allen Trends ihre Auflage in den letzten Jahren steigern können. Und funktioniert immer noch als selbstverwaltete Genossenschaft, mit Einheitslohn.

Stefan Howald, Journalist und Publizist in Dielsdorf, hat die WOZ-Geschichte im Buch «Links und bündig» aufgearbeitet. Wie lässt sich der Erfolg erklären? Was kann kritisches Engagement bewirken? (Und was nicht?) Ein Abend mit Anekdoten, Illustrationen und Einsichten.

Bistro Philosophe

Regensbergstrasse 26
8157 Dielsdorf

Info: www.philosophe.ch

Reservationen: 076 343 32 82 (gerne per SMS)

 

Ab 19.00  Uhr ist die Bar geöffnet.

Unkostenbeitrag: 25.– / Begünstigte 20.–

Wir freuen uns über Ihr Kommen.

 

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Jetzt wird geöffnet

bücherraum f

eine neue Bibliothek und ein kultureller Treffpunkt in Zürich-Oerlikon

Samstag, 8. September 2018, 12 bis 18 Uhr

Eröffnung und Tag der offenen Tür

 Der bücherraum f stellt sich erstmals öffentlich vor. Er präsentiert rund 20’000 Bücher und Dokumente aus zwei eigenständigen Beständen. Schwerpunkte sind unter anderem einerseits Geschichte und Aktualität der feministischen Bewegung, soziale Fragen und Frauenkrimis, andererseits Debatten zur politischen Ökonomie, zur Psychoanalyse, zur Demokratietheorie und zur Geschichte der Schweiz.

Im bücherraum f werden regelmässig Debatten und Veranstaltungen stattfinden.

Der bücherraum f liegt an der Jungstrasse 9 in Zürich-Oerlikon, fünf Gehminuten vom Bahnhof Oerlikon Ost und der entsprechenden Tramhaltestelle der Linien 10 und 14.

Wir freuen uns auf viel Besuch und Interesse.

Mehr Informationen unter www.buecherraumf.ch

 

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Etwas faul im Staate Dänemark

Es war aufregend, so lange der Höhenflug dauerte. «Borgen» (2010 – 2013) bleibt vorbildlich, wie sich kleinräumige Politik scharfsinnig verdichten lässt, und «Die Brücke» (2011 – 2018) mit der umwerfenden Saga Norén beeindruckend im Mix von Kulturen und Persönlichkeiten («Kommissarin Lund» fand ich immer ein bisschen überschätzt). Mittlerweile ist der in unsere Breitengrade importierte Scandi noir in den Niederungen des biederen Durchschnitts angelangt. Etwa bei «Dicte, Gerichtsreporterin», in Dänemark bereits zwischen 2012 und 2016 in drei Staffeln ausgestrahlt, und bei uns allmählich nachzuholen.* Die Sendung basiert auf der schon beinahe Mainstream gewordenen Prämisse einer selbstbewussten, eigenständigen Ermittlerin mit turbulentem Privatleben. Dicte Svendsen ist Gerichtsreporterin bei einer Zeitung in Aarhus und zeigt den männlichen Kollegen und Polizisten, was eine Harke ist. Allerdings wird auf eine realistische Ermittlungsarbeit keinerlei Wert mehr gelegt. Dictes unfehlbarer Spürsinn und gradlinige Technik ersetzen ein ganzes Polizeikorps, und wenn nötig teilt ihr der einzige sympathische Polizist, John Wagner, mehr oder weniger bereitwillig alle offiziellen Ermittlungsergebnisse mit. Die Doppelrolle von Journalistin und Ermittlerin führt nur zum Problem, dass sie ihre Recherchen vor der Publikation zuweilen ein wenig zurückhält.

Interessanter denn als Krimi ist «Dicte» wegen der darin präsentierten Sexual- und Familienpolitik. Dass die Hauptfigur geschieden ist und ihre knapp erwachsene Tochter zwischen Mutter und Vater pendelt, versteht sich von selbst; dass sie ihr erstes, in jungen Jahren und unehelich geborenes Kind auf Druck ihrer Eltern, die zu den Zeugen Jehovas gehören, ins Kinderheim geben musste, verleiht allerdings ein wenig Exotik. Als sich Dicte mit einem Kollegen, dem geschiedenen Fotografen Bo, einlässt, stellt sich schon bald die burschikose Frage: Wollen sie eine Zweierkiste auftun? Ihre eigenen Wohnungen aufgeben und zusammenziehen, und gar vor den Altar schreiten? Aarhus ist allerdings klaustrophobisch eng. So lebt Dictes beste Freundin mittlerweile mit deren Ex-Mann zusammen und will ein Kind von diesem, worauf Dicte als Go-between vermitteln soll, dass ihr Ex-Mann im Moment kein zweites Kind möchte. Die Tochter ihrerseits hat sich mit einem jungen Fussballstar verlobt, den in den Boulevardblättern ein paar Affären einholen; die tränenreiche Trennung erfordert den Einsatz der ganzen Patchwork-Familie. Ach ja, zwischendurch beginnt eine Polizeikollegin von Wagner eine Affäre mit der verheirateten Polizeichefin, und die Verführungen spielen sich gelegentlich im Dienstzimmer ab. Und das alles in eineinhalb Stunden. Gespielt wird in einem knappen Naturalismus, der symbolisch aufgeladen wird – kurze Handlung, entsprechendes Gefühl, so dass möglichst schnell viele Punkte abgehakt werden können.

«Die Brücke» nahm ihren Ausgangspunkt und zog ihren Reiz aus grenzübergreifenden Ermittlungen der dänischen und schwedischen Polizei. Ansonsten aber ist der Niedergang einer Krimiserie absehbar, sobald sie für einen Fall ins Ausland disloziert. Die dritte Staffel von «Dicte» beginnt damit, dass Dictes neuer Gatte Bo einen Fotoauftrag im Libanon annimmt und dort sogleich gekidnappt wird. Wie er der Haft entkommt, darüber erzählt er später eine Version, die bald ins Zwielicht gerät. Zur Rede gestellt und in die Enge seiner Gefühle des Versagens gegenüber dem zurückgelassenen Kollegen getrieben, schlägt er Dicte. Als sie ihm, trotz allem, verzeihen will, eröffnet er ihr, dass er wieder mit seiner Ex-Frau schläft – die folgende Folge beginnt damit, wie Dicte seine Hi-tech-Apparate aus der gemeinsamen Wohnung zerhackt.

Alle diese emotionalen Belastungen hindern unsere Journalistin nicht daran, auf die Schnelle zwei dubiose Todesfälle in einer psychiatrischen Klinik aufzuklären, auf die sie ihre Tochter aufmerksam gemacht hat, die dort gerade ein Praktikum absolviert. Dicte nistet sich mitfühlend bei den jeweiligen Angehörigen ein (ob ihre Berufsbezeichnung als Journalistin dabei hilft oder behindert, bleibt offen), und steckt schon auch mal einer Insassin ein Zigarettenpäckchen durch das Gitter, mit dem der Aussenbezirk der psychiatrischen Klinik abgesperrt ist. Drei Verdächtige werden kurz erwogen: ein Mitinsasse, der wegen sexueller Übergriffe eingeliefert worden ist und der Tochter bedrohlich hinterher spioniert; der Oberarzt, der zu erkennen gibt, dass er die Leben der beiden Getöteten nicht mehr für lebenswert hielt; und ein drogenabhängiger Pfleger. Aber die fallen jeweils nach fünf Minuten aus Abschied und Traktanden. Denn Dicte schlussfolgert aus einigen dubiosen Gefühlsreaktionen, dass zwei Angehörige von Insassen sich zu einem Pakt verbunden haben, aus Mitleid dem jeweils anderen unheilbar Kranken Sterbehilfe zu leisten. Dicte ihrerseits schafft den Übergang von der mitfühlenden Vertrauten der Angehörigen zur entlarvenden Strafverfolgerin mit ein paar schnellen Kummerfalten.

Dabei ist ihr Einsatz umso nötiger, da sich Wagner vorübergehend hat beurlauben lassen, und der Polizist, der an seiner Stelle die Untersuchung leitet, ein sexistisches Fossil ist, was augenrollend aber doch akzeptiert wird, zumindest eine Folge lang; immerhin beginnt die temporäre Ersatzpolizistin für Wagner, bei der es sich (es ist klaustrophobisch in Aarhus) um dessen Ex-Frau handelt, langsam zu zeigen, was eine Harke ist.

Dictes Tochter hat mittlerweile festgestellt, dass sie schwanger von einem One-Night-Stand ist, und will abtreiben. Aber ihre neue Mutter in der Patchwork-Familie, die als Krankenschwester arbeitet (was Dicte bei einigen Fällen zupass kommt), fragt sie, ob sie nicht gemerkt habe, dass sie bereits viereinhalb Monate lang schwanger sei, was eine Abtreibung verunmögliche. Worauf sich drei Elternteile verständnisvoll über die Tochter beugen (den Ex-Mann der besten Freundin habe ich aus den Augen verloren) und beschliessen, sich auf ihr Dasein als Grosseltern zu freuen.

Dänemark gehörte mal zum glücklichen nordischen Wohlfahrtsstaatsparadies, aber das ist ja längst vorbei. «Borgen» bildete die Bedrohungen durch zerfallende Solidargemeinschaften und Rechtspopulismus differenziert und kritisch ab; in «Dicte» sind sie als blosse Zeichen schon unkritisch entschärft, ja verinnerlicht.

sh


* Die ersten beiden Staffeln liefen bzw. laufen auf SRG bzw. ZDF neo; der britische Channel 4 bringt gegenwärtig die dritte und letzte Staffel.

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Buchzeichen

Bücherräumereien (II):

Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f in Zürich Oerlikon

So geht es einem mit Büchern. Da trifft eine E-Mail-Anfrage eines Universitätsinstituts ein, zu einer kleinen Debatte von 1949, die in der Zeitschrift «Neue Wege» ausgetragen worden war: Ob ich vielleicht wisse, wer damals für die Zeitschrift mit dem Kürzel «F.» tätig gewesen sei. Es gehe um eine Buchrezension, die den eminenten jüdischen Gelehrten Martin Buber zu einer kurzen Erwiderung provoziert habe, und für eine neue Werkausgabe von Martin Buber wäre jeder Hinweis auf diesen «F.» wertvoll.

Nun habe ich vor ein paar Jahren mit dem leider verstorbenen Willy Spieler und Ruedi Brassel-Moser am Buch «Für die Freiheit des Wortes» zusammengearbeitet, in dem «ein Jahrhundert im Spiegel der Zeitschrift des religiösen Sozialismus» aufgearbeitet worden ist, und habe dabei etliche Jahrgänge der «Neuen Wege» gelesen. Aber ein wirklicher Spezialist bin ich nicht; es fehlt uns schmerzlich Willy Spieler, der diese Frage sofort – na, sehr schnell – hätte beantworten können.

Verdankenswerterweise sind die «Neuen Wege» mittlerweile elektronisch erschlossen – das war noch von Willy Spieler vor seinem unzeitigen Tod veranlasst worden. Also schaue ich schnell die Jahrgänge 1947 bis 1953 durch (die schon im Original durch ein Jahresverzeichnis mustergültig erschlossen waren), und darin gibt es nur einen einzigen, eben den fraglichen, Artikel, der mit «F.» gekennzeichnet ist. Um einen regelmässigen Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin kann es sich also nicht gehandelt haben; und unter den gelegentlichen stechen mir nur zwei in die Augen, deren Name mit F. begann: Es könnte sich womöglich, denke ich, um den Marxisten Konrad Farner gehandelt haben, obwohl der erst 1952 quasi offiziell im Rahmen der «Neuen Wege» auftauchte und das entsprechende Buch des konservativen Soziologen Othmar Spann wohl noch schärfer kritisiert hätte. Knapp möglich wäre auch Paul Furrer, der 1956 die Redaktion der Zeitschrift übernahm, doch in den Jahren zuvor als sympathisierender Lehrer vielleicht ein Pseudonym wählen musste. Aber das ist alles, wie ich in meiner Antwort ans Universitätsinstitut bereitwillig einräume, ein bisschen aus der Luft konstruiert, und so wird die Frage nach dem «F.» in der Martin-Buber-Werkausgabe wohl unaufgelöst bleiben.

Am gleichen Tag allerdings schaue ich in ein Büchlein, das ich aus einem Nachlass für den bücherraum f bekommen habe, eine Sammlung von Ex Libris des deutsch-jüdischen Grafikers EM Lilien (1874 – 1925). Das ist 1973 in London offenbar vom Sohn zusammengestellt und herausgegeben worden, als Liebhaberdruck in begrenzter Auflage, und enthält die Reproduktionen von neununddreissig Buchzeichen, die Lilien zwischen 1897 und 1907 für verschiedene Leute verfertigt hat. Sie sind in gewieftem Jugendstil gehalten, es finden sich, passend zum Namen, etliche Lilien und Lianen und andere Linien, dazu sanft gerundete Frauen, die offenbar eine Muse oder eine Leserin oder die Bücher als solche repräsentieren, und deren lange Haare ihren Körper mehr oder weniger bedecken oder enthüllen, auch einige muskulöse, ebenfalls freikörperkultürliche Jünglinge. Andere Buchzeichen sind spezifischer gemacht, den Tätigkeiten der Auftraggeber entsprechend, zu denen bekannte Persönlichkeiten wie Franz Oppenheimer oder Stefan Zweig sowie jüdische Organisationen zählen. Und, siehe da, auch Martin Buber. «Mein ist das Land» ist dessen Buchzeichen angeschrieben und zeigt ein Jerusalem, ummauert in der Form eines Davidsterns. Meiner abschlägigen Antwort ans Universitätsinstitut bezüglich der Identität von «F.» schliesse ich den Fund bei, der dort offenbar noch unbekannt ist, und so kann ich zumindest etwas Inoffizielles zur Buber-Forschung beitragen.

Unter den Buchzeichen findet sich übrigens auch eines für Anna von Münchhausen, die Frau des Schriftstellers Börries von Münchhausen; aber der Bezug dazu ist dann eine andere Bücherräumerei.

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