bücherraum f: das Jahr 2019

21 öffentliche Veranstaltungen: So viele Abende hat der bücherraum f im Jahr 2019 organisiert, dazu kamen 5 weitere Aktionen, an denen wir beteiligt waren.

Das Spektrum reichte von der Philosophie über die Kultur bis zur Politik. Insgesamt nahmen rund 500 Besuchende an diesen Veranstaltungen teil, wobei wir mittlerweile auf einige treue StammbesucherInnen zählen dürfen.

Das Programm lässt sich grob in drei Stränge einteilen: Da ist erstens die beliebte Rubrik «ausgelesen». Zweitens klassische Lesungen zumeist zu literarischen Büchern. Drittens Vorträge und Diskussionen eher zu politischen Themen.

D en Auftakt in der Reihe «ausgelesen» machte Melinda Nadj Abonji. Sie sprach zuerst über die Bedeutung, die Literatur für sie selbst hat, und stellte dann eine Auswahl engagierter literarischer und politischer Bücher vor, wobei sie insbesondere auf Rosa Luxemburg hinwies, zu der gegenwärtig verschiedene Initiativen laufen, eine Strasse oder einen Platz in Zürich nach ihr zu benennen. Nadj Abonji nahm später im bücherraum f nochmals an einer geschlossenen Veranstaltung mit der Luise-Büchner-Gesellschaft aus Darmstadt teil.

Stefan Howald führte die Gesellschaft zudem auf den Spuren von Luise Büchner durch Zürich und später andere Interessierte auf den Spuren ihres Bruders Georg Büchner durch Oerlikon. Zu dieser Gelegenheit gab es im bücherraum eine kleine Ausstellung des Fotografen Florian Bachmann mit Bildern eines durch ein modernes Zürich flanierenden Büchner.

Jeannette Fischer stellte ihr «ausgelesen» unter das Motto Künstlerinnen und ihre Mütter, mit teilweise provokativen Thesen, die lebhafte Diskussionen auslösten. Ueli Mäder referierte eloquent über 68 und die Folgen, bis in die Gegenwart, mit Hinweisen auf den unermüdlichen Jean Ziegler und Bini Adamczak. Jo Lang präsentierte anhand einiger einschlägiger Bücher den Weg in der Schweiz zum Frauenstimmrecht, den er in der prägnanten These zusammenfasste, dass dessen Akzeptanz möglich geworden sei, nachdem das traditionelle Armee- und damit Männerbild sich zu zersetzen begonnen habe. Peter Schneider zeigte, mit lebensgeschichtlichen Anekdoten unterlegt, die Debatten über Folgen und Grenzen der modernen Welterschliessung durch Psychoanalyse und Philosophie.

Was Vorträge betrifft, so referierte Beat Dietschy unter dem Titel «Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen» aus breiter Sachkenntnis über die Beziehungen von Ernst Bloch zur Schweiz, in Leben und Werk. Philipp Löpfe präsentierte fundierte Thesen zum Phänomen Trump und wagte vorsichtige Prognosen, wie seine Wiederwahl verhindert werden könnte. Daran knüpfte Franziska Schutzbach mit Analysen zur Rhetorik der Rechten und deren ideologischen Bezugnahmen zu Alltagsfragen an. Rolf Bossart sprach über die verflixte Beziehung der Linken zur Religion und plädierte für eine grössere Kenntnisnahme und Offenheit; Urs Sekinger zog eine Bilanz über die internationale Solidaritätsbewegung in der Schweiz, wobei sich die Diskussion um mögliche Lehren aus der und für die Klimabewegung drehte; und Catherine Aubert skizzierte einige Probleme, die sich in binationalen Ehen ergeben und welche politisch-sozialen Forderungen sich daraus ableiten lassen.

 

Für Lesungen durften wir insbesondere einige prominente Autorinnen begrüssen. Den Jahresauftakt machte Monika Stocker, die aus Geschichten vorlas, die sich aus ihren vielfältigen Erfahrungen im Sozialbereich speisen. Isolde Schaad stellte aus ihrem neusten Buch «Giacometti hinkt» Gangarten in der modernen Stadt vor, in Texten, die doppelbödige Ironie mit liebevoller Nähe verbinden. Dagmar Schifferli vergegenwärtigt in ihrem jüngsten Werk «Wegen Wersai» lebhaft die sechziger Jahre, die bis ins Kulinarische hinein nachvollziehbar wurden. Zusammen mit dem Limmat Verlag und der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung organisierten wir eine Vernissage für das Buch «Heisse Fäuste im Kalten Krieg» von Rafael Lutz, einer Studie über den Antikommunismus in der Schweiz in den fünfziger Jahren, wobei auch einige damalige Zeitgenossen teilnahmen. Besondere Beachtung fand der Besuch von Else Laudan, die mit viel Enthusiasmus über politische Krimis generell und ihre Arbeit als Herausgeberin der bekannten «Ariadne»-Reihe im Argument-Verlag sprach und ebenso engagiert Lesetipps vermittelte.Einige Veranstaltungen hatten einen lokalen Bezug, so berichtete Monika Wicki über Robert Grimm in Oerlikon, mit vielen Dias, die bei einigen Anwesenden nostalgische Erinnerungen weckten. Eine Diskussion über Genossenschaften mit Alfons Sonderegger und Christian Häberli stellte auch die IG Grubenacker vor, die ein alternatives Konzept für die städtische Überbauung an der Thurgauerstrasse in Seebach vorschlägt.

Der bücherraum f ist ja an der Grenze zwischen Oerlikon und Seebach angesiedelt; wir haben deshalb an der Adventsfensteraktion des Quartiervereins Seebach teilgenommen, selbstverständlich mit einem säkularen Fenster, in dem rote und andere Sterne einem Stapel Bücher entspringen. Im Dezember fand auch die Wortpflanzung mit René Gisler statt: Seither steht exklusiv an der Jungstrasse 9 die «Reimgewinn» (incrementum loqui).

Dem bücherraum angeschlossen ist zudem die Forschungsstelle Dora Koster. Stefan Howald hat deren Nachlass erschlossen und präsentierte zum 2. Todestag der Zürcher Malerin und Schriftstellerin Bekanntes und Unbekanntes. Dazu las Martin Butzke eindringlich ein paar unverwechselbare Gedichte von Dora Koster; im bücherraum sind weiterhin ein paar Gemälde von ihr ausgestellt.

Ausführliche Berichte zu allen Veranstaltungen sind auf unserer Website unter blog/Aktuelles nachzulesen.

Die Erschliessung der beiden Bibliotheken geht weiter. Deren Benutzung könnte noch gesteigert werden. Wir sind dreimal in der Woche zu unterschiedlichen Zeiten geöffnet. Insbesondere für Studierende oder an einem speziellen Thema aus unseren Sammelbeständen Interessierte bieten wir vielfältige Materialien, die vor Ort gesichtet und ausgewertet werden können. Die Kataloge der beiden Bibliotheken sind online einsehbar. Berichte über einzelne Stücke aus unseren Beständen sind ebenfalls auf unserer Website nachzulesen, etwa über Afrikanische Heldinnen, Karl Kraus, Wilhelm Reich, die «frauezitig» oder jüngst über die Zeitschrift «alternative».

Bücher kann man nie genug haben. Wenn die Büchergestelle voll sind, empfiehlt es sich, die bisherigen Bestände teilweise auszutauschen. Mittel dazu finden sich in unserem Doublettenverkauf. Für 3 bzw. 5 Franken stehen mittlerweile rund 500 Titel zur Auswahl, siehe https://www.buecherraumf.ch/doubletten.php.

Unsere gediegenen Werbeauftritte besorgt weiterhin die Grafikerin Helen Ebert. Der bücherraum f wurde 2019 in grösseren Artikeln im BOA-Info, in der Lokalzeitung Zürich Nord sowie im Info der Studienbibliothek vorgestellt. Verdankenswerterweise hat uns in diesem Jahr die max-bill-georges-vantongerloo-stiftung mit einem namhaften Beitrag unterstützt. Dazu zählen wir weiterhin auf unsere MäzenInnen und Mitglieder sowie auf Spenden und Kollekten.

Wir bemühen uns auch im kommenden Jahr, für unterschiedliche Geschmäcker etwas zu bieten; das Unterhaltende mit dem Lehrreichen zu verbinden, mit einer feministischen und fortschrittlichen Perspektive, wie es dem f im bücherraum f entspricht.

Stefan Howald

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Rote Hefte im Format A5

Bücherräumereien (XVIII): die «alternative»

Ihr Name war Programm: Die «alternative» war ab Mitte der 1960er Jahre die wichtigste kritische kultur- und literaturtheoretische Zeitschrift im deutschsprachigen Raum. Sie rekonstruierte marxistische Positionen aus der Weimarer Republik und transportierte nach 68 die französische Literatursoziologie und den Poststrukturalismus nach Deutschland, vor allem auch in seiner marxistischen Variante: Louis Althusser und Etienne Balibar.

Begonnen hatte sie als Literaturzeitschrift «Lyrische Blätter». Im Umfeld der Protestbewegung gegen die drohende nukleare Aufrüstung der Bundesrepublik fusionierten die «Lyrischen Blätter» mit dem kleinen Magazin «Visum für Lyrik, Prosa und Graphik» zur «Alternative – Blätter für Lyrik und Prosa», herausgegeben von Reimar Lenz und Richard Salis. Ihr Anspruch war es, «Alternativen zur sprachlichen und existenziellen Indifferenz» Raum zu geben. Zunächst stand besonders der literarische Austausch zwischen Ost und West im Fokus der vierteljährlich erscheinenden Hefte. Ende 1963 wurden in der bereits von der Literaturwissenschaftlerin Hildegard Brenner verantworteten Doppelnummer 33/34 Texte einer neuen Generation von DDR-SchriftstellerInnen erstveröffentlicht, zum Beispiel Volker Braun, Peter Hacks, Christa Reinig, Johannes Bobrowski, Wolf Biermann, Günter Kunert, Heiner Müller, Franz Fühmann und andern.

1964 übernahm Brenner den Verlag und die Herausgabe der Zeitschrift, nunmehr mit dem Untertitel «Zeitschrift für Literatur und Diskussion». Die «alternative»-Jahrgänge wurden mit Jahrgang 7 weitergezählt. Zur Redaktion gehörten in den ersten Jahren neben Hildegard Brenner unter andern Georg Fülberth, Helga Gallas, Klaus Laermann, Helmut Lethen und Peter B. Schumann. Mit dem Jahrgang 1964 wurde auch die unverwechselbare, bis zuletzt beibehaltene Gestaltung durch Ulrich Harsch eingeführt: rote Hefte im Format A5, fernab jeden Glamours, mit einem verstärkten matten Kartoneinband, einfach (bzw. zweifach) geheftet. Oben und unten und am linken Rand stand der Text eng gedrängt, während auf der rechten Seite ein breiterer Rand für Notizen blieb.

Von Benjamin zur Literatursoziologie

Brenner schrieb selbst nicht so häufig, blieb aber all die Jahre über unbestrittener Mittelpunkt der Redaktion. Mit ihr verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend in Richtung theoretischer Diskussionen und kritischer Kulturtheorie. Sie selbst hat das in der letzten «alternative» 145/146, die 1982 erschien, skizziert. «Stück für Stück holten wir die durch die NS-Zeit abgebrochene linke Tradition der Weimarer Republik hervor: Namen wie [Karl] Korsch, den kannte damals niemand, und die MASCH, die marxistische Arbeiterschule in Neukölln, die Lehrstücke Brechts in den späten 20ern, seine Film- und Radioexperimente; des weiteren [Hanns] Eisler, Carl Einstein und andere.» Walter Benjamin natürlich, muss man hinzufügen. Da legte sich die «alternative» in zwei Heften 1967/68 mit dem Gralshüter Theodor W. Adorno und dem Suhrkamp Verlag an, denen vorgeworfen wurde, die damals begonnene Benjamin-Edition dazu zu benützen, Benjamins Politisierung der letzten Jahre kleinzureden.

1966 waren bereits der russische Formalismus und die Literatursoziologie von Lucien Goldmann vorgestellt worden. Letztere bedeutete nicht nur eine Auseinandersetzung um interpretatorische Methoden, sondern auch um die Verhältnisse, in denen solche Methoden angewandt wurden, also eine Analyse von Universitäten, Lehrerausbildung und Lehrmitteln. Mit Nummer 67/68 startete dann 1969 eine Debatte um eine «materialistische Literaturtheorie», die sich über elf Hefte bis Anfang 1976 hinzog.

Abschweifung nach Frankreich

Parallel dazu wurde eine noch radikalere Linie aufgegriffen. In Heft 66 vom Juni 1969 wurde unter dem Titel «Revolutionäre Texttheorie» die Gruppe Tel Quel präsentiert. Die Zeitschrift «Tel Quel» war 1960 in Paris gestartet worden, geprägt von Philipp Sollers, lose mit dem nouveau roman und anfänglich mit Autoren wie Michel Foucault und Jacques Derrida verbunden, die allerdings nie zur Kerngruppe gehörten, deren wichtigste RepräsentantInnen wurden später Roland Barthes und Julia Kristeva. Im «alternative»-Heft kam vor allem Philippe Sollers mit programmatischen Texten zu Wort, dazu kaum geniessbare literarische Texte, die den nouveau roman in sich als politisches Zertrümmern gerierender Hermetik zu übertrumpfen suchten.

Diesem Heft im bücherraum f liegt ein vervielfältigtes Typoskript bei: «Jenseits von Tel Quel – Die Bewegung des Kollektivs Change», eine wütende Abrechnung mit der Gruppe Tel Quel, der vorgeworfen wurde, im Mai 68 ihr wahres revisionistisches bzw. unpolitisches Gesicht gezeigt und sich aller internationalen Solidarität enthalten zu haben. Tatsächlich war in Frankreich 1968 ein Gegenprojekt gestartet worden, massgeblich geprägt von Jean-Pierre Faye, der aus der Redaktion von «Tel Quel» ausgeschieden war. Zwar balgte man sich zuweilen um die gleichen AutorInnen und erst recht um das gleiche Zielpublikum, doch wurde in «Change» einerseits stärker die Linguistik als neue Leitwissenschaft zur Analyse von Herrschaftsstruktur betont, andererseits der Anschluss an Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt gesucht. Ironischerweise wandte sich parallel dazu ab 1972 «Tel Quel» dem Maoismus zu, was 1974 zur berüchtigten Beurteilung der chinesischen Kulturrevolution als «Erfolg» führte. «Change» erschien vorerst dreimal im Jahr, ab 1979 dann nur noch als Jahrbuch, die Ausgabe vom März 1983 war die letzte; im Übrigen war «Tel Quel» schon ein Jahr zuvor durch ein Nachfolgeprojekt ersetzt worden.

Althusser und das Ende

Um 1970 erreichten die «alternative»-Hefte eine Auflage um die 8000, einzelne Hefte gar 10000 Exemplare. Einen neuen Schub erhielt das Projekt mit der «Entdeckung» von Louis Althusser und dessen Analyse ideologischer Staatsapparate. 1973 war im befreundeten VSA-Verlag ein Sammelband mit Althusser-Texen zu «Marxismus und Ideologie» erschienen, editorisch und typografisch grenzwertig dilettantisch, aber unverzichtbar wegen der deutschen Erstübersetzung von Althussers einflussreichem Artikel «Ideologie und ideologische Staatsapparate (Skizzen für eine Untersuchung)». Die «alternative» griff die Anregung begierig auf.

In der Nummer 97 von 1974 wurde ein früher Beitrag von Althusser zu Carlo Bertolazzi und Bertolt Brecht als «seltener Fall» vorgestellt, in dem «ein theoretisches Konzept – das der ideologisch-ästhetischen Praxis – an bekannten bzw. rekonstruierbaren Aufführungen (und zu ihnen gehören die Zuschauer) dargelegt wird». Dazu legten Otto Kallscheuer und Peter Schöttler begeisterte Rekonstruktionen des Ansatzes von Althusser vor. In der folgenden Nummer 98 begründeten Etienne Balibar und Pierre Macherey ein an Althusser geschultes Modell der Analyse der «Schule als Produktionsstätte literarischer Effekte». In Heft 99 wurde zudem unter dem Stichwort Ideologische Staatsapparate die Situation in Deutschland untersucht.

Drei Jahre später kam Etienne Balibar in der Nummer 116 erneut zu Wort, diesmal etliches pessimistischer, da angesichts der Neuen Philosophen in Frankreich die «Austreibung des Marxismus aus den Köpfen» thematisiert wurde. In zwei Doppelheften 1976/77 war auch ein Ausflug in die feministische Psychoanalyse unternommen worden, auflagenmässig erfolgreich, aber von der «alternative» kaum weiterverfolgt.

Tatsächlich erschöpfte sich der «alternative» Antrieb langsam. Der Jahrgang 1980 war schon von Melancholie überschattet. Die Nummer 130/31 thematisierte «Italienisches post-politico» und die folgende Doppelnummer sprach über Walter Benjamin nicht mehr als Produktivkraft, sondern über die «Faszination Benjamin», und geradezu kulturpessimistisch wurde festgehalten: «Armut heute: Warum ein brennendes Auto interessanter ist als ein politischer Inhalt». Zwar versammelte wenig später das Heft 137 nochmals Texte von Althusser, aber kurz darauf ging es um das «Indiz Sprachlosigkeit», im Titel noch mit einem Fragezeichen versehen, doch zeugten die Texte eher von Unverständnis gegenüber den neuen Protestformen etwa in der Punkbewegung. Die Auflage war auf unter 3000 gesunken, Tendenz weiter sinkend.

Dann, 1982, war mit einer Doppelnummer 145/46 Schluss. Der politischen Theorie war die Bewegung abhanden gekommen, oder, wie Hildegard Brenner im Rückblick relativierte: Der von ihr verkörperten Generation und deren theoretischen Anstrengungen war die Bewegung abhanden gekommen. Neue Theorieansätze und Politikformen waren nicht auszuschliessen, aber deren Vermittlung konnte und wollte die «alternative»-Redaktion nicht mehr leisten.

Was sich auch noch in der «alternative» lesen lässt: Der Münchhausen-Effekt:

http://www.stefanhowald.ch/aktuell/?p=3358

Im bücherraum f sind folgende «alternative»-Nummern vorhanden:

Hefte 46/66, 56+57/67, 59+60/68, 64/69, 66/69, 67+68/69, 72+73/70, 75/70, 83/72, 88/73, 92/73, 97/74, 98/74, 99/74, 104/75, 105/75, 106/76, 110+111/76, 118/78, 124/79, 130+131/80, 132+133/80, 137/81, 140+141/81, 145+146/82

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Freie Rhythmen

Bücherräumereien (XVII): Streiflichter auf die «Neue Schweizer Rundschau» 

Friedrich Hölderlin und Walter Benjamin: Das sind nur zwei der Namen, die in der «Neuen Schweizer Rundschau» um 1930 auftauchten. Die NSR war eine Monatszeitschrift mit bemerkenswert breitem Horizont, die 1907 als «Wissen und Leben» begonnen hatte und 1926 zur «Neuen Schweizer Rundschau» mutierte.

Die Nummer vom Juli 1931 beginnt kulturbeflissen genug, mit einem Beitrag über «chinesische Heiterkeit» und einem Auszug aus André Gides Drama «Oedipus». Dann folgt der Beitrag «Ein deutsches Gespräch» von Franz Blei, das zwischen einem mittelalterlichen Rheinländer, einem älteren Österreicher und einem jungen Bayern geführt wird. «Irgendein Anlass» lässt die drei das Gespräch mit Hölderlin beginnen, den der Bayer bewundert. Nicht so sehr als Dichter, wie der erzählende Österreicher vermutet: «Ich bin geneigt anzunehmen, dass er sich mehr mit Hölderlin dem deutschen Patrioten beschäftigt, auf der Suche nach dem geistigen Rüstzeug für seine politische Gesinnung. Er ist nämlich Nationalsozialist mit grossen Zweifeln an dem Hitler, geringeren an dem Goebbels und gar keinen an Ernst Jünger, Frontsoldat gleich ihm».

Nun feiern wir eben gerade Hölderlin zum 250. Geburtstag, siehe die kommende Ausgabe der WOZ vom 19. März, und da bleibt die konservative, ja faschistische Indienstnahme Hölderlins ein Thema. Im Aufsatz von Blei wird sie sozusagen im Gedankenlabor untersucht. Ausgangspunkt sind nicht iegendwelche Inhalte, sondern die Form der späten Gedichte, die der Bayer als «Hymnen in freien Rhythmen» bezeichnet, was der Österreicher als Widerspruch in sich abtut. Mehr noch, er findet bei Hölderlin immer wieder Lücken, die dieser «im fortreissenden Duktus» offen gelassen habe, um sie später womöglich auszufüllen, oder auch nicht. Für den Bayer hingegen «fehlt da nichts». Dahinter steckt dann doch eine inhaltliche Differenz, weil, wie der Österreicher meint, der Bayer «an dem Geschlossenen und Vollendeten dieser letzten Kompositionen des Dichters eben wegen deren Dunkelheit im Ganzen deshalb so interessiert [ist], weil sich daraus am besten das erlesen lasse, was ihm zu finden im Sinn liege: den prophetischen Seher, der den Nationalsozialismus voraussage». Der Österreicher hält den National-Sozialismus für einen Widerspruch in sich, zwischen dem Nationalen und Sozialen, was unweigerlich zur Sprengung führen müsse. Das ist historisch insofern berechtigt, als wenige Jahre später der «soziale» Flügel um Otto Strasser liquidiert wurde, unterschätzt aber doch den Nationalsozialismus und dessen Fähigkeit, Widersprüche für seine Anhänger lebbar zu machen.

Nicht vorhandener Wahnsinn

Von Hölderlin geht das Gespräch über den Nationalismus und das vermeintliche Deutschtum zu Ernst Jünger und der Kriegsverherrlichung, bis zum Schluss Hölderlin nochmals gestreift wird: «Dem Österreicher gefiel es, die Frage zuzuspitzen. […] Er griff auf Hölderlins nicht vorhandenen Wahnsinn zurück und auf das Erleiden einer ihm mässig feindlich gesinnten Umgebung, die ihn isolierte.» Diese recht abgewogene Darstellung wird nun tatsächlich weiter zugespitzt anhand des Serienmörders Peter Kürten, der damals eine Zelebrität war, und der «wie Hölderlin» sein Leben unbedingt leben wollte – was nun nicht nur beim Bayer, sondern auch beim Leser, ja beim Österreicher selbst eine Irritation auslöst, so dass er sich, nachdem er sich von seinen Gesprächspartnern verabschiedet hat, in einer Coda zu erklären versucht. Am Extremfall von Kürten könne der Ort des Mörderischen in unserer Gesellschaft bestimmt und zugleich die falsche Ansicht bekämpft werden, erfülltes Leben bestehe im Ausleben höchster Spannung, was etwa die Kriegsverherrlichung von Jünger und das Raubtierverhalten des Nationalsozialismus zumindest ideologisch abzuwehren vermöchte – wobei die Beziehung zu Hölderlin denn doch als eine fragwürdige Zuspitzung, womöglich Verirrung erscheint.

Hölderlin war übrigens schon früher in der NSR aufgetaucht: Franz Zinkernagel hatte 1926 in Heft 4 «Neue Hölderlin-Funde» vorgestellt, im Vorfeld der von ihm verantworteten Hölderlin-Gesamtausgabe. Es handelte sich dabei um zwei Jugendgedichte und einige Jugendbriefe, ferner um drei Fragmente, die schon in den 1840er Jahren von Christoph Schwab gesammelt worden waren. Darunter der Ansatz zu einem «novellenartigen Dialog», mit dem schönen Titel «Communismus der Geister», der durchaus communistisch das Gemeinschaftliche meint, aber doch vor allem im Bereich des Geistes als Bildung einer deutschen Akademie.

Idealismus des guten Willens

«Wissen und Leben» wurde 1907 massgeblich von Ernest Bovet (1870–1941) begründet, mit einem weit zielenden, selbstbewussten Namen, und formulierte im Editorial der ersten Nummer als Absicht die «Schaffung engerer Beziehungen zwischen Wissenschaft und Praxis, nicht nur um einer guten Popularisierung und vielseitigen Kultur zu dienen, sondern und hauptsächlich um die Entwicklung kräftiger, zielbewusster Individualitäten in idealistischer Richtung zu fördern». Bovet, Romanistikprofessor an der Uni Zürich, war ein umtriebiger Intellektueller, der nacheinander als Präsident des Schweizer Heimatschutzes und als Generalsekretär der Schweizerischen Vereinigung für den Völkerbund amten konnte. «Wissen und Leben» wollte gegen den schnöden Materialismus einen Idealismus des guten Willens fördern, distanzierte sich von jeder politischen Parteirichtung, vertrat aber durchaus fortschrittliche Postulate in der Sozialpolitik und setzte sich auch etwa für «volle Frauenrechte» ein.

1926 dann erschien sie mit neuem Namen und in neuem Gewand, weiterhin unter der redaktionellen Leitung von Max Rychner (1897–1965), der die Leitung 1922 übernommen hatte. Während die beiden ersten Jahrgänge noch bei Orell Füssli erschienen, wurde sie ab 1928 im Eigenverlag der Neuen Schweizer Rundschau mit Sitz bei Girsberger & Cie in Zürich herausgegeben.

Fünf Ausgaben liegen im bücherraum f vor, eine kleine Auswahl, doch zeigt sie die weit gespannten Themenbereiche, die frei schwebenden, zuweilen auch widersprüchlichen Ansätze und Positionen, wobei die Lektüre manche historischen Beziehungen aufspannt.

So enthält die Nummer vom Februar 1926 zuerst einen Schwerpunkt zur Religion, mit Beiträgen zum protestantischen Kirchenproblem und zum katholischen Kardinal J. H. Newman. Gleich anschliessend folgt ein Beitrag zur Psychoanalyse als Weltanschauung, der bemerkenswert positiv daherkommt. Er wiederum wird gefolgt von einem Beitrag über die «Amerikanerinnen», in einem Stil verfasst, der sich feuilletonistisch munter gibt, aber schon damals kaum fürs minderste Feuilleton taugte. Verfasser ist ein Reinhard Weer, wie es heisst «Schriftsteller in Zürich», und wenn man den einzigen weiteren Beitrag von ihm, der sich im Internet aufspüren lässt, als Massstab nimmt, dann ist es kein grosser Verlust, dass er seither als Autor vergessen gegangen ist. Gleich anschliessend berichtet ein Dr. jur. Ernst Honegger über die Säkularisierung in der Türkei; auch ihm haben es die Frauen angetan, so dass er tief in die Vergleichskiste der Zoologie greift: «die Haartracht zwar noch wohl bedeckt, doch ohne Schleier, so dass ihre ewig gleichen, scheuen Antilopen-Gesichtchen sich offen geben, knuspern auf den grossen Sandhaufen mit kleinen Bissen an ihren Maiskolben, so wie Eichhörnchen knuspern». Kulturgeschichtlich bemerkenswert kommt auch er auf die «Psychanalyse» zu sprechen und mutmasst, warum diese weder in der Türkei noch in Rumänien bisher habe Fuss fassen können. In ersterer sei man unhinterfragt in einem Kulturkreis eingeschlossen, in zweiterem würden die Triebe ausgelebt; in beiden Ländern seien entsprechend Mechanismen der Verdrängung nicht nötig – dieser angeblich wohlwollende Exotismus lässt dann allerdings auch durchblicken, dass auch die Sublimierung nicht vorhanden sei.

Ein angestocktes Seehundsgebiss

In der Nummer vom März 1927 steht ein Beitrag des deutschtümelnden Literaturprofessors Josef Nadler neben einer scharfen Abrechnung mit dem französischen nationalistischen Antidemokraten Charles Maurras. Bemerkens- und lobenswert ist die internationale Perspektive, in Politik wie Kultur. Anfang 1929 finden sich zum Beispiel ein Beitrag von Ernst Robert Curtius zu James Joyce, Texte von und zu Lytton Strachey, dazu Analysen jüngerer französischer Literatur. Wenig später, in der Nummer vom April, gibt es einen Schwerpunkt zu Bertrand Russell, und dann stösst man auf einen Beitrag von: Walter Benjamin. «Marseille» gehört zu einer Reihe von Städtebildern, die Benjamin, nachdem ihm eine akademische Karriere verwehrt worden war, zum Geldverdienen schrieb. Aus der selben Reihe hatte die NSR schon einmal, im Oktober 1928, einen Beitrag über «Weimar» abgedruckt. Marseille erscheint Benjamin als «gelbes, angestocktes Seehundsgebiss», das nach «schwarzen und braunen Proletenleibern» schnappt. Tatsächlich spürt er, wie Peter Szondi in einem Nachwort zu einem 1992 veröffentlichten Band solcher Städtebilder meint, dem Sozialen, Gemeinschaftlichen als Gegenstück zu der schmerzhaft erlebten Vereinzelung nach; das Metaphorische, das Szondi bei Benjamin feiert, kann ich am Beispiel von Marseille freilich nicht in allem als gelungen nachvollziehen.

Der Verlag der Neuen Schweizer Rundschau gab auch eigene Bücher heraus, etwa von Max Scheler und C. G. Jung. Die Zeitschrift wurde dann im April 1955 eingestellt, womöglich, weil ihre internationalistische Ausrichtung im beginnenden Kalten Krieg nicht mehr auf Interesse stiess. Rychner seinerseits hatte schon 1931 nach Köln gewechselt und war bis 1937 als Redaktor der «Kölnischen Zeitung» und Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» tätig. Nach zweijähriger Tätigkeit als Feuilletonchef beim Berner «Bund» leitete er von 1939 bis 1962 die Kulturredaktion der «Tat» in Zürich – das ist eine andere Geschichte.

Im bücherraum f sind folgende Nummern der «Neuen Schweizer Rundschau» vorhanden: 2/1926, 3/1927, 1/1929, 4/1929, 7/1931.

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Zuhause lesen

Aber es gibt ja eine Alternative: Zuhause lesen.

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Münchhausen-Effekt

Beim Stöbern in älteren Buchbeständen, was man nicht gerade als Aufräumen bezeichnen kann, auf das «alternative»-Heft Nummer 118 aus dem Jahr 1978 gestossen. Ja, die «alternative». Die war mal bahnbrechend, transportierte ab Ende der sechziger Jahre den französischen Poststrukturalismus nach Deutschland, vor allem in seiner marxistischen Variante: Louis Althusser und Etienne Balibar zuvorderst, aber etwa auch Michel Pêcheux.

Von dem stammt dieser Begriff: «Münchhausen-Effekt». Er trifft mich, da wir gerade die redaktionellen Arbeiten an einem Band mit «neuen Perspektiven» zum «Phänomen Münchhausen» abschliessen. Pêcheux hat den Begriff in seinem Buch «Les vérités de La Palice. Linguistique, sémantique, philosophie» von 1975 eingeführt. Mit ihm will er auf die «metaphysische Phantasie» aufmerksam machen, wonach sich das Subjekt als Quelle seiner eigenen Existenz versteht, sich als mächtig, eigenverantwortlich usw. setzt, obwohl es doch nur der Effekt ökonomischer und ideologischer Mechanismen ist, und er benennt diese Illusion in «Erinnerung an den unsterblichen Baron» und dessen in der klassischen, von Gottfried August Bürger der ersten englischen Münchhausen-Fassung beigefügten Geschichte überlieferten Fähigkeit, sich, mitsamt Pferd, am Perückenzopf aus dem Sumpf zu ziehen, in dem er zu versinken droht.

Nun gebe ich nicht vor, Pêcheuxs Buch gelesen zu haben; einige Auszüge daraus, im ursprünglichen «alternative»-Heft wie aktuell auf Englisch im Internet überflogen, bestärken mich im Vorurteil, dass der bei Althusser vorherrschende Gestus der vorbereitenden Umkreisung und Zerlegung von Problemen, der doch zumeist zu einer anregenden These führt, bei Pêcheux nur den ewigen Aufschub vorführt, und das bei Althusser zuweilen mystifizierende Vokabular, das doch zumeist einen realen Kern enthält, zum mystifizierenden Geraune geworden ist.

 Der «Münchhausen-Effekt», immerhin, ist ein verständliches, kräftiges Bild. Ebenso kräftig, wenn auch nicht gerade virtuos, ist die auf dem Titelblatt der «alternative» abgedruckte anonyme Illustration, die im Bildnis, oder besser: im Kopf des Barons anscheinend auf die berühmteste Münchhausen-Darstellung von Gustave Doré zurückgreift.

Die Zeichnung hat das Subjekt M. zerstückelt: in Haupt (mit Perücke) und Arm. Dabei hat die Hand den Zopf bereits losgelassen und lässt das Haupt zu Boden stürzen, in eine Blutlache: Das Subjekt ist doppelt entmachtet; ein Vorfall, der in zeitgenössischer Terminologie zuweilen mehr oder weniger weitreichend und gelegentlich auch blutig als Revolution gedacht und benannt wurde.

Tatsächlich erinnert das Bild ikonografisch an jene Phase der französischen Revolution, in der die Häupter der Adligen durch die Guillotine von ihren Rümpfen getrennt wurden, und es mag, im Jahr 1978, auch an jene Taten erinnern, die im einleitenden Artikel im gleichen «alternative»-Heft als «Provokationen der RAF» bezeichnet werden. Andererseits mag sich die Lache auch als grosser Tintenklecks lesen lassen, was den Subjektsturz zum literarischen Akt erklärte.

Erkenntnistheoretisch bleibt das Bild allerdings defizitär. So verspricht es, die Frage der Subjektkonstituierung mit einem Streich zu erledigen, indem die Frage durchgestrichen, also der gordische Knoten zerhauen wird. Mit diesem Voluntarismus wird gerade nicht eingelöst, was der Untertitel des Hefts verspricht, nämlich die Materialität der Ideologie zu zeigen, die Subjektivität entstehen lässt. Insofern illustriert die Zeichnung nicht nur den Sturz des Subjekts, sondern auch die Ohnmacht der Theorie, die das Subjekt gestürzt hat.

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Wieder mal Neues im Büchergestell

Nein, Bücher kann man nie genug haben. Man hat vielleicht zu wenig Platz. Dann wechselt man eben aus. Der bücherraum f bietet Ersatzstoff aus seinen Beständen. 500 Bücher sind es mittlerweile. 500 gebrauchte Bücher warten auf neue LeserInnen. Sie stammen aus einem weiten Spektrum: Von Krimis bis zu feministischen Studien. Von antiautoritärer Erziehung über den konservativen Wertewandel bis zu Globalisierungs-Analysen. Über die Schweiz lässt sich auch einiges erfahren – wer etwa Niklaus Meienbergs Wille und Wahn wieder haben möchte, oder Ueli Mäders macht.ch wird hier bedient. Auch Literatur ist vertreten, und nicht zu knapp, fremd- ebenso wie deutschsprachige. Von Charles Baudelaire über William Burroughs und Peter Hanke (ja, Handke) bis zu Bruno Schnyder.

Weitere Informationen finden sich fein säuberlich aufgelistet, mit Umfang und Zustand der Bücher, samt Foto, hier: http://www.stefanhowald.ch/bookcase/index.php?frontpage

Und billig ist das alles: 3 Franken fürs Taschenbuch, 5 Franken gebunden. Doch wie kommt man zu solchen Schätzen? Man begibt sich entweder in den bücherraum f (Jungstrasse 9, fünf Minuten vom Bahnhof Zürich Oerlikon Nord) und blättert sich durch alle 500 Titel durch. Oder man bestellt via diese Website. Für ein Taschenbuch reicht ein Briefcouvert – da werden 2 Franken zusätzlich verrechnet. Bei dickerer Post braucht es ein Paket, und das kostet dann halt leider 7 Franken mehr. Immer noch ein Schnäppchen. Also, ab ins Lesegetümmel.

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Auch die dominierende Klasse muss sich organisieren

 Andreas Rieger im bücherraum f

Plötzlich tauchte der Klassenbegriff in der Öffentlichkeit wieder auf, und sogar die Arbeiterklasse war auferstanden. Seine Schock-Wahl verdankte Donald Trump 2016 unter anderem den Stimmen im rust belt, den de-industrialisierten Gebieten in Pennsylvania, Wisconsin und Michigan, wo viele enttäuschte ArbeiterInnen (oder doch vorwiegend Arbeiter) für ihn gestimmt hatten. Auch bei der Brexit-Annahme vor dreieinhalb Jahren und beim jüngsten Wahlerfolg der Konservativen in England waren viele ArbeiterInnen in den ehemaligen Industriestädten in Mittel- und Nordengland zu den Tories übergelaufen.

Manche KommentatorInnen griffen entsprechend zum Schlagwort vom «Verrat an der Arbeiterklasse», das den Demokraten und der Labour Party mehr oder weniger höhnisch um die Ohren geschlagen werden konnte. Selbst wohlwollende Kommentare verwendeten dabei einen essenzialistischen Klassenbegriff. Denn was da so fürsorglich wiederentdeckt worden ist, ist ja die weisse Kernarbeiterschaft in den ehemaligen Schwerindustrien. Dagegen müsste eine zeitgemässe Klassenanalyse berücksichtigen, dass die ehemalige Arbeiterklasse sich längst ausdifferenziert oder ausgeweitet hat, auch Beschäftigte im Tertiärbereiche, Nicht-Weisse, Frauen, Teilzeitbeschäftigte umfasst.

Tatsächlich ist die Klassenanalyse, trotz der kurzfristigen politologischen Renaissance der Arbeiterklasse, seit Jahrzehnten verpönt worden. Daran erinnerte der Soziologe und Gewerkschafter Andreas Rieger kürzlich bei einem Vortrag im bücherraum f.

Rieger skizzierte zu Beginn verschiedene Ansätze, wie der im Geruch des Marxismus stehende Klassenbegriff zuerst durch den noch halbwegs kritischen Begriff Lohnabhängige ersetzt wurde, sich dann die These von der Mittelschichts- oder Mittelstandsgesellschaft durchsetzte. Eine «Mittelstandsillusion» ist das für ihn sowohl was die gesellschaftliche Realität als auch was die subjektiv darin gesetzten Hoffnungen betrifft. Durch die etwa von Thomas Piketty angestossene Diskussion über die zunehmende Ungleichheit hat zumindest die «soziale Frage» einen moderaten Aufschwung genommen.

Andreas Rieger hat in den letzten Jahren mehrfach zu einem differenzierten Klassenbegriff gearbeitet. So im Buch «Verkannte Arbeit» über Dienstleistungsangestellte in der Schweiz (rotpunktverlag 2012) oder im Sammelband «MarxnoMarx» (denknetz, edition 8, 2018). Und als Gewerkschaftssekretär war er natürlich ganz praktisch mit der Klassenfrage konfrontiert.

Im bücherraum f ging es ihm um den anderen Pol, um die «dominierende Klasse». Was eine begriffliche Entscheidung bedeutet. Rieger spricht statt vom historisch belasteten Begriff der herrschenden lieber von der dominierenden Klasse. Das mag als rhetorische Mässigung erscheinen, lässt sich aber auch an die theoretischen Bemühungen von Antonio Gramsci und dessen Begriff der Hegemonie zurückbinden; mit diesem rücken die vielfältigen Mittel in den Vordergrund, durch die eine Klasse eine Gesellschaft zu dominieren versteht – in der massgebenden deutschen Gramsci-Ausgabe wird mit einem leicht anderen Akzent von der «führenden Klasse» gesprochen.

Mit welchen Kriterien, so fragte Rieger, soll man die dominierende Klasse fassen? Im Vordergrund steht oberflächlich der Besitz, das Vermögen. Jeweils anschaulich gemacht wird das in den Ranglisten der Wirtschaftspresse, in der Schweiz beleuchtet jeweils die «Bilanz» die 300 Reichsten. Dieser Ansatz äussert sich auch im linken Schlagwort von der Spaltung der Gesellschaft in die 1 Prozent da oben gegen die 99 Prozent hier unten – wichtig zur Mobilisierung, aber ebenfalls vereinfachend.

Denn das reine Vermögen, so betonte Rieger, reicht nicht zur Dominanz. Geld muss als Kapital eingesetzt werden, erst so koppelt sich Besitz mit Verfügungsmacht.

Bei der Klassenanalyse geht es auch nicht ihn erster Linie um die Einzelnen (obwohl die nicht zu vernachlässigen sind), sondern man muss diese als Charaktermasken (Marx), das heisst in ihren gesellschaftlichen Funktionen betrachten. Der Begriff Elite hat dagegen eine unrühmliche Schlagseite; indem man sich auf einzelne Personen und deren Verknüpfungen konzentriert, entsteht eine Tendenz zu Verschwörungstheorien. Oder der Begriff kann polemisch gewendet werden: Mittlerweile spricht die NZZ, schon immer gut im Klassenkampf von oben, von so etwas wie einer links-grünen Bourgeoisie.

Als Hauptpunkt seiner Ausführungen unterstrich Rieger, dass sich die dominierende Klasse der Kpaitalbesitzer organisieren muss. Macht ist kein Selbstläufer. Deshalb schliessen sich UnternehmerInnen und bürgerliche ProtagonistInnen in vielfältigen Verbänden, Interessengruppen und Thinktanks zusammen, um die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu organisieren.

In der Schweiz lässt sich, wie Rieger erläuterte, von einem «liberalen Korporatismus» sprechen. Gegenüber einem schwachen Bundesstaat sind die nationalen Verbände relativ stark, und es gibt ein gut ausgebildetes System parastaatlicher Institutionen. Die Gewerkschaften sind durch die Sozialpartnerschaft mehr oder weniger eingebunden, das Bündnis des Bürgertums mit den Bauern zeigt sich im wirtschaftspolitischen Protektionismus im Binnenmarkt, der mit Freihandel nach aussen einhergeht.

In den letzten zwei Jahrzehnten sind allerdings die Widersprüche zwischen den einzelnen Kapitalfraktionen gewachsen. Exportorientierte Industrie, Finanzbranche und nationale Kapitale verfolgen nicht nur unterschiedliche wirtschaftspolitische Strategien, sondern es hat sich ein eigentliches «Schisma» im Neoliberalismus ergeben. Rieger erläuterte das anschaulich am Beispiel der tief bürgerlichen Hayek-Gesellschaft Deutschland, in der Machtkämpfe zu persönlichen Entzweiungen geführt hätten und eine ehemalige bête noir der Linken wie Gerhard Schwarz, langjähriger Wirtschaftschef der NZZ, sich plötzlich auf der Seite der in die Minderheit versetzten Gemässigten wiederfinde, gegen die Stahlhelmfraktion, die gerade auch von Ideologen aus der Schweiz wie Roger Köppel und Konrad Hummler gespiesen wird.

In der Schweiz sind die Mehrheitsverhältnisse noch umgekehrt. Hier dominiert gegenüber dem nationalkonservativen Neoliberalismus der SVP-Vordenker weiterhin der global orientierte Neoliberalismus, der sich, durchaus im Eigeninteresse, in Fragen der Migration und der EU weniger rabiat gibt.

Dabei sind die Unternehmerorganisationen nach einer Schwächephase in den letzten Jahren wieder stärker geworden. Die etwa von André Mach behauptete Erosion des Schweizer Korporatismus durch Globalisierung und verschärfte Konkurrenz sowie Abschwächung der informellen Netze ist laut Rieger zumindest gestoppt worden. Die Arbeitergeberorganisationen repräsentieren weiterhin Unternehmen mit 3 Millionen Beschäftigten, rund 60 Prozent aller Arbeitskräfte in der Schweiz, mit zusätzlicher informeller Vernetzung im lokalen Rahmen (in Klammern – das irreführende Begriffspaar Arbeitgeber/Arbeitnehmer kann immer noch nicht vollständig ersetzt werden). Auch die Abdeckung durch Gesamtarbeitsverträge bleibt mit 52 Prozent international gesehen relativ hoch. Teilweise hat sich das Gewicht der Unternehmerorganisationen sogar verstärkt, etwa im Gesundheitswesen, wo sich jetzt auch private Firmen im neuen Verband curaviva zusammengeschlossen haben, der Betriebe mit 130´000 Beschäftigten vertritt.

Seit etwa zwanzig Jahren hat sich allerdings die personelle Zusammensetzung in den wirtschaftspolitischen Interessenverbänden verändert; parallel zur Gesamtwirtschaft mit der Tertialisierung und der zunehmenden Bedeutung des Finanzsektors hat das Gewicht der entsprechenden VertreterInnen zugenommen. Dabei ist der Angriff der SVP auf die Kommandohöhen der Wirtschaft in letzter Zeit ins Stocken geraten, ja sogar ein wenig zurückgedrängt worden. Jedenfalls ist es, wie Rieger aus eigener gewerkschaftlicher Erfahrung berichten konnte, seit einem Jahr wieder möglich, mit Economiesuisse zu sprechen und Kompromisse zu erzielen, etwa bei der zweiten Säule der Altersversorgung – wo allerdings die FDP eben gerade ihrem kompromissbereiteren Wirtschaftsverband in den Rücken gefallen ist.

So weit, so schweizerisch. Wie sieht es mit der globalen Verflechtung aus?, wurde aus dem Publikum gefragt. Mittlerweile stammt ja ein Drittel der führenden Manager in den Schweizer Grossbetrieben aus dem Ausland. Auch das Kapital hat sich weiter globalisiert. Und die Finanzialisierung hat neue Formen und Möglichkeiten für Kapitalbesitz und Verfügungsmacht geschaffen. In die sind selbst Industrieunternehmen eingestiegen, da sie sich selbst finanzieren und auf Einkaufstour gehen. Nestlé ist, wie Rieger eingängig formulierte, mittlerweile eine Bank mit einer Produktionsabteilung.

Ob sich die soziale Durchlässigkeit vergrössert habe, liesse sich mit einem Jein beantworten. Weiterhin reproduzieren sich Kapital und Macht vorwiegend durch ererbten Reichtum und entsprechende Bildungs- und Vernetzungschancen sowie Heiraten. Allerdings haben sich in neuen Branchen wie dem IT-Sektor, aber auch im Finanzbereich die Chancen für Quereinsteiger erhöht. Was wiederum die Frage nach der Rolle der Manager aufwirft. Schon 1941 hat der Soziologe James Burnham in einem einflussreichen Buch «Die Herrschaft der Manager» ausgerufen. Das war allzu technokratisch gedacht; aber mittlerweile verfügen nicht nur Industrie- sondern etwa auch Fonds-Manager von Hedge Funds über erweiterte Verfügungsgewalt. Manager müssen deshalb wohl unter einen erweiterten Begriff der dominierenden Klasse subsumiert werden. Hinzu kommen die Pensionskassen als schwarzes Loch, von denen Macht ausgeübt wird, die noch zu wenig analysiert ist.

Silicon Valley kann sich gesellschaftspolitisch fortschrittlich geben und sich gelegentlich sogar mit Donald Trump anlegen. Wenn es aber um Fragen der Besteuerung oder der Einschränkung der Geschäftstätigkeit geht, findet man sich wieder zusammen. Die Widersprüche zwischen den verschiedenen Kapitalfraktionen und ihren politischen Wortführern mögen sich kurzfristig verstärken, doch zeigen sich daneben und darüber hinaus neue Arrondierungen zur Herrschaftssicherung des Kapitalprinzips. Und während dieser Klassenkampf von oben immer noch erfolgreich geführt wird, bleiben wir unten geschwächt, ja zersplittert.

sh

Weitere Informationen hat Andreas Rieger in diesem Dokument zusammengestellt:

Dominierende Klasse 1_2020-2

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Erkaltete Liebe, und neu entflammt

Da ist also dieses Buch, Marlen Haushofers «Die Wand», 1963 erschienen, in einer Taschenbuchausgabe von 1985, und einer Freundin am 16. November 1985 gewidmet worden. Aber dann ist es am 18. Mai 1986 mit einer weiteren Widmung versehen worden, womöglich in der gleichen Schrift, jedoch mit anderen Initialen unterschrieben? Da wäre also das ihr geschenkte Buch von der Beschenkten weitergeschenkt worden, oder die Schenkende hätte es gar – versehentlich oder absichtlich – zurück erhalten und es dann, hartnäckig, erneut verschenkt. Jedenfalls ist das Buch mehrfach verwendet worden, und das ist ja gut so.

Denn Bücher müssen gebraucht werden, und da es zu viele gibt – aber kann es denn zu viele Bücher geben? –, gibt es zusehends Orte, Veranstaltungen, öffentliche Kästen und Kisten, in denen sie getauscht und ausgetauscht werden können. Im philosophe, dem gediegenen Kulturtreff in Dielsdorf, ist das, jeweils kurz nach Weihnachten, bereits zu einer schönen Tradition geworden. Einmal habe ich dabei eine Ausgabe aus dem Jahr 1985 mit Schriften von Erich Mühsam gefunden, dem eine auf den Namen Erich Mühsam ausgestellte Zahlkarte für seine Zeitschrift «Fanal» von circa 1930 beilag. Solche Funde sind freilich die Ausnahme, weil für diesen in lockerem Rahmen, mit Kaffee (oder Tee) und Kuchen durchgeführten Anlass eher modernere Titel mitgebracht werden. Deren guter Zustand ist selbstverständlich, niemand will sich, selbst anonym nicht, mit Eselsohren blamieren. Sagen wir also Bücher ab den 1980er Jahren. Viel zeitgenössische Schweizer Literatur, Hansjörg Schneider, Helen Meier, Martin Suter, und was von den ErstleserInnen abgegeben wird, spricht ja kein Werturteil über die betreffenden AutorInnen aus, sondern dokumentiert zuerst einmal das breite Spektrum an bereits Gelesenem, dann, dass da Platz geschaffen wird für Neues, und schliesslich, dass das Gebrauchte wohl immer noch oder vielleicht oder hoffentlich neue LeserInnen findet.

Zuweilen scheint ein ganzes Gestell ausgemistet oder eine Liebe erkaltet zu sein: Da sind sechs Bücher von Johannes Mario Simmel aufgereiht, den man durchaus nicht gering schätzen sollte, da er mal grüne Krimis avant la lettre geschrieben hat. Daneben eine Beige Hans Küng – auch der war mal für eine Generation und ein Milieu wichtig.

Neben Koch- und Reisebüchern sind natürlich ebenfalls Yoga und Lebensberatung vorhanden. Ansonsten eher wenig politische Sachbücher; eine Studie über «Rote Patriarchen» sticht heraus, nicht wegen des eher blassen Umschlags. Ganz unauffällig ist ein wenig Erotik unter das Angebot gestreut, ein Taschenbuch von E. L. James´ «50 Shades of Grey», von denen es drei Bände geben soll, also insgesamt 150 Schattierungen, die längst im Mainstream angekommen sind, und ein Band über den «Super-Orgasmus», der aber (aber?) zur Lebensberatung gehört haben mag.

Dann wieder, erhebend zu sehen, Lyrik, etwa Anna Achmatowas «Requiem» in einer schönen Ausgabe von 1987 aus dem Oberbaum-Verlag, den ich während meines Studienjahrs in Berlin noch als maoistische Kaderschmiede gekannt hatte. Geschenkt worden ist das «Requiem» von einer Mutter an ihre Tochter: Dass sie nie den Mut verlieren solle. Eine deutsche Taschenbuchausgabe von Simone De Beauvoirs «Die Mandarine von Paris» ist mit dem handschriftlichen Vermerk versehen «Von meinem Sternchen erhalten», und das wirft nun Fragen nach dem Geschlecht dieses Sternchens auf, was zugleich einen launigen Kalauer mit dem gender-Sternchen in der heutigen Schreibweise darstellt.

Ebenso findet sich, grau, kompakt, düster, der dritte Band der «Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss – ob da jemand die Lektüre nach den ersten beiden Bänden aufgegeben hat? aber dann hätte er diese vermutlich auch zum Tauschen mitgenommen, oder es war ein bewusster Entscheid, die ersten beiden Bände als wichtiger oder lesbarer einzuschätzen, was ein Irrtum wäre, doch ein verständlicher, weil dieser dritte Band in den unerbittlich genau geschilderten Tod in KZ und Nazi-Gefängnissen und beinahe in die Verzweiflung mündet, die doch nur durch einen letzten Kraftakt in einem allerdings wieder umwerfenden Bild von der Selbstermächtigung aufgehoben werden kann.

Eine der jüngeren TeilnehmerInnen nimmt sich vor allem ältere Bücher vor, Tolstoi in einer Ausgabe des Schweizer Druck- und Verlagshauses, einst auch in den Büchergestellen meiner Eltern vorhanden, und Platon, in Reclam-Gelb. Selbstverständlich kann auch ich nicht widerstehen, wobei meine Begierde ebenfalls eher aufs Ältere zielt. Ein Band «Gegen rote und braune Fäuste. 380 Zeichnungen aus dem Nebelspalter 1934 bis 1948», leicht verbogen, ein Zeitdokument zum aufrechten Zeichner Bö, nur mit einer kleinen Spur Schweizer Selbstgerechtigkeit. Und von Elsie Attenhofer ein Erinnerungsband, den sie nicht nur signiert, sondern auch mit ihren früheren Büchern annotiert hat.

Die meisten, die kommen, bringen Bücher mit, alle gehen mit einigen weg, insgesamt zwar weniger, als sie gebracht haben, und dennoch hält der Austausch die Lesekultur in Gang.

sh

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Harry in Düsseldorf

Bücherräumereien (XVI): eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

Wann kommt denn endlich diese sagenhafte Rheinstrecke?, fragten wir uns, als wir kurz nach Weihnachten im Panoramawagen der Deutschen Bahn von Basel nach Köln reisten. Angesichts der eher langweiligen baden-württembergischen Tiefebene stimmte ich mich vorbeugend mit der Lektüre von Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ein, diesem „humoristischen Reiseepos“, wie Heine es selbst gegenüber seinem treuen Verleger Julius Campe angekündigt hatte. Die 1844 im Pariser Exil geschriebenen zahlreichen Vierzeiler in 27 Caput seien „ein ganz neues Genre, versifizierte Reisebilder und werden eine höhere Politik atmen als die bekannten politischen Stänkerreime“.

Gegen deren plakative Diktion war es Heines Versuch, den politischen Anspruch nicht preiszugeben, doch ihn mit Poesie und Romantik zu verbinden und deren mögliche Sentimentalität ihrerseits durch Ironie und Frivolität zu unterlaufen. 1843 war er nach 12 Jahren im Pariser Exil erstmals wieder nach Deutschland gereist. Diese temporäre Rückreise bildete der Text ab. Er beginnt mit einem glühenden Bekenntnis zur Freiheit und zu einer Diesseitigkeitsreligion:

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleissige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Danach steigt er zuweilen in die Niederungen des kulturellen Handgemenges, schreckt auch vor Kalauer und Witzchen nicht zurück. Die Weiterarbeit am Kölner Dom wird als Symbol der zu befürchtenden Vorherrschaft Preussens verdammt, und Heine wünscht sich, dass er nie vollendet werde, was von heute aus gesehen doch ein wenig denkmalstürmerisch erscheint. Da ich von der Lektüre aufblickte, kam, nach Mannheim, die sagenhafte Rheinstrecke doch noch in den Blick, das linksrheinische Ufer des Flusses, der mir kein „Vater Rhein“ sein konnte, gelegentlich verbaut, gelegentlich frei sichtbar, an und ab ein träges Schiff darauf, ein mächtiger Strom, eingezwängt zwischen zwei Hügelzügen, erstaunlich hoch und eng, beinahe klaustrophobisch, das trübe Wetter half nicht; immerhin war der Service der Deutschen Bahn besser als ihr ramponierter Ruf.

In der Bilkerstrasse

Von Köln später mit dem Vorortszug nach Düsseldorf, wo das Heinrich-Heine-Institut zeigt, was alles in Heine drinsteckt. Das Institut, zugleich Forschungsstätte und Museum sitzt in einem hübschen klassizistischen Haus, das Museum nimmt zwei Stockwerke ein. Die Darbietung zu Leben und Werk ist eher traditionell, in Schaukästen, mit etlichem Text, moderne Medien werden nur für ein wenig Nachleben in Videos verwendet. Eingangs will Heines Haarlocke von Authentizität zeugen und zehren, dabei waren solche Haarlocken schon zu Zeiten  Heines Tod beinahe eine industrialisierte Reliquie – von welchem Dichterjüngling gäbe es keine? Aber die Auswahl der Themen ist plausibel und konzentriert, die Texte sind knapp und kenntnisreich. Heines Herkunft aus einer jüdischen Familie, zwischen Erfolg und antisemitischer Ausgrenzung. Erste Erfolge, erstes Engagement. Danach die Flucht aus dem dumpfen Deutschland nach Paris. Die Präsenz in verschiedenen Szenen, im direkten Kontakt mit der ganzen französischen Kulturwelt und im indirekten mit der deutschen; von den Franzosen geschätzt, von Deutschen aufgesucht, mit vieler Erwartung im Heimatland – ein wahrer übernationaler Geist, und gerade das „Wintermärchen“ bezeichnet exakt die Ambivalenz des Exilierten.

Hierauf die gescheiterten Hoffnungen von 1848, in beiden Ländern, und schliesslich die Matratzengruft in Paris. Dazu passend die Frauen, die er doch ziemlich – ziemlich – gleichberechtigt behandelte, und der irdische Sensualismus – die Zuckererbsen –, den auch der Linksbüchnerianismus schon in „Dantons Tod“ als Erbschaft Heines für Büchner reklamiert hat. In einigen Videoaufnahmen dann Vertonungen und Verfilmungen von Heine-Texten, zwischen bittersüss und bitterbös.

Schon im Vorfeld der Reise gab es eine überraschende aktuelle Anknüpfung. Der chinesische Künstler und Dissident Ai Weiwei erklärte in einem Interview im Mai 2019, Heines „Wintermärchen“ schon mit zehn Jahren gelesen zu haben. Darin habe er so viel Schönes, Wertvolles und Humorvolles gefunden. „Der Typ ist verrückt. Ich liebe ihn.“ Und in einem im Tages-Anzeiger gedruckten Interview doppelte er kurz vor Weihnachten nach und zitierte Heines Satz, wonach die Liebe zum Vaterland ins Exil zwinge.

Im Eingang des Museums steht eine alte Truhe, mit ausgemusterten Büchern. Nicht gerade aus dem Institut, weil da doch einige Schätze zu erwarten wären, sondern von Angestellten und dem Publikum gespiesen, breit gestreut, vom Reiseführer über den Durchschnittskrimi bis zu wissenschaftlichen Werken, darunter eine Studie zu Peter Weiss, die doch tatsächlich in meiner Sammlung fehlt, weshalb ich sie, in Ermangelung einer Gegengabe in Form eines Buchs im Austausch für einen freiwilligen Obolus, mitnahm.

Den Hinweis auf den winzigen Fehler in der Ausstellung, den ich mit einem entschuldigenden Witzchen monierte – nichts Gewichtiges, eine einfache Verwechslung einer Bildlegende zu einer Abbildung, die Clara Schumann als Karl Gutzkow missinterpretiert –, stiess beim Aufsichtspersonal nur auf mässiges Interesse – solche Besserwisser sind wohl nicht gar so selten.

Abschweifung mit Jonas Fränkel

Im bücherraum f findet sich eine Leipziger Heine-Ausgabe aus den 1910er-Jahren, nicht ganz alle zehn Bände, aber doch die wichtigeren Texte, so in Band 2 auch das „Wintermärchen“. Hergerichtet ist dieser Band wesentlich von Jonas Fränkel. Dieser jüdisch-österreichisch-schweizerische Philologe (1879 – 1965), der sich zuerst als Privatgelehrter, dann als zumindest ausserordentlicher Professor an der Uni Bern mehr schlecht denn recht durchschlug, legte sich in der Zwischenkriegszeit mit seinen textkritischen Gottfried-Keller- und Carl-Spitteler-Ausgaben mit dem schweizerischen Kulturestablishment an, oder besser: dieses legte sich mit ihm an, indem ihm nicht nur Steine in den wissenschaftlichen Weg gelegt wurden, sondern man ihn faktisch auf übelste Weise ausbootete, wobei der gutbürgerliche nationalkonservative Antisemitismus nicht fehlen durfte. Die Person und die Causa Fränkel würden eine grössere Studie verdienen. Der Publizist Fredi Lerch hat sich einmal um eine solche bemüht, länger daran gearbeitet, sich dann aber offenbar mit dem Sohn Fränkel nicht über die Benutzung des Nachlasses einigen können und deshalb das „Projekt Fränkel“ schliesslich abgebrochen, wie er auf seiner Website dokumentiert hat (www.fredilerch.ch). Auch Charles Linsmayer hat zur skandalösen Ausgrenzung Fränkels ein paar deutliche Worte gesagt (www.linsmayer.ch).

Meine Heine-Ausgabe, die ich im Zug las, war ein Reclam-Bändchen, nicht aus Stuttgart freilich, sondern aus Leipzig, also aus den Beständen der längst untergegangenen DDR. Die Edition stützt sich auf die Ausgabe von Fränkel, dessen Verdienste anerkannt werden; das Nachwort häuft dann die damals üblichen Sprechblasen an. Man musste Heine ja lobpreisen, ohne die von ihm so geschmähte Politliteratur vollkommen abzuwerten und aufzugeben. Also hebt man Heine in die grösseren, schon beinahe überzeitlichen Werte hinauf, die er den Politliteraten voraus gehabt habe, bescheinigt ihm eine „überlegene geschichtliche Einsicht“, und natürlich darf auch der Bezug darauf nicht fehlen, dass er damit das deutsche „Volksschicksal als Ganzes“ in dessen historischer, menschheitsgeschichtlicher Mission im Auge gehabt habe – solchen Sätzen haben wir einst, peinlich berührt sei es gesagt, einen kritischen Kern und eine historische Berechtigung abzugewinnen versucht.

Item, im bücherraum f sind einige Bände der Leipziger Ausgabe einzusehen und Heines Vielfalt zu erlesen: Politik und Romantik und Ironie

sh

 

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Wer beherrscht die Schweiz?

Verbunden mit den besten Wünschen zum neuen Jahr sei auf die nächste Veranstaltung im bücherraum f hingewiesen. Wir starten mit Grundsätzlichem und stellen die Machtfrage: Wer beherrscht die Schweiz? Darüber wird am Donnerstag den 9. Januar debattiert. Wer in der Schweiz politisch das Sagen hat, wird in Spiderdiagrammen und Listen der angeblich einflussreichsten ParlamentarierInnen ausgebreitet. Aber wo die wirklich Mächtigen hocken, bleibt zumeist im Dunkeln. Andreas Rieger analysiert die herrschenden Verhältnisse in der Wirtschaft. Wer besitzt die grossen Firmen, wer kann die wesentlichen Entscheidungen treffen, wer hat die Politik auf seiner Gehaltsliste? Rieger kennt als langjähriger Gewerkschaftssekretär und Co-Präsident von Unia die Macht- und auch die Ohnmachtsbeziehungen aus eigener Anschauung und hat dazu soeben eine neue Untersuchung fertiggestellt.

Die Veranstaltung im bücherraum f an der Jungstrasse 9 beim Bahnhof Zürich Oerlikon Nord beginnt um 19 Uhr. Eintritt frei, Kollekte.

Hingewiesen sei auch bereits auf die zweite Veranstaltung im bücherraum. Am Donnerstag, den 23. Januar wird Alice Grünfelder über die deutsche Friedensbewegung berichten.

Zudem ist der bücherraum f jetzt, gelegentlich, auf Twitter unterwegs, siehe @buecherraum. Und wer sich auf die Mailingliste setzen will, kann das mit einer Nachricht an diese Website oder an www.buecherraumf.ch tun.

 

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