Wer lügt denn da so faustdick?

Neues von Münchhausen he_muenchhausen_titelseite

 

Wer kennt ihn nicht, den Lügenbaron von Münchhausen? Sprichwörtlich fabuliert er das Blaue vom Himmel herunter. Als Jugendbuch ist der Münchhausen, zumeist in der Fassung von Erich Kästner, weit verbreitet. Tollkühn reitet er auf einer Kanonenkugel. Seine Leistungen auf der Jagd sind legendär. Gleich zweimal gerät er während Seeabenteuern in den Rachen eines Fisches, kann sich aber durch ingeniöse Mittel befreien. Ja, einmal zieht er sich und sein Pferd gar am eigenen Zopf aus einem Sumpf. Und auf dem Mond ist er natürlich auch gewesen.

Seit neustem ist das Lügen wieder in Mode gekommen. Fake News und postfaktisch sind die Unwörter der Zeit. Hat Münchhausen zeitgenössische Politiker vorweggenommen? Und welche Rolle spielt das Lügen in unserer Gesellschaft?

Stefan Howald, Publizist in Dielsdorf, hat bislang unbekannte originale Erzählungen über Münchhausen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und zusammen mit Bernhard Wiebel in einem Buch veröffentlicht. Der Vortrag wird zahlreiche Bilder präsentieren, wie der Aufschneider und Prahlhans auf der ganzen Welt verkörpert worden ist. Im Gestus der Übertreibung stellen seine Erzählungen mal vergnüglich mal tiefgründig die Frage nach Wahrheit und Lüge. So ist Münchhausen aktuell geblieben.

MünchhausenBrevier_Titelbild

Samstag, 18. November 2017, 20 Uhr
philosophe, Forum & Bistro
Regensbergstrasse 26, 8157 Dielsdorf

 

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Teures Geld

Geld ist ein eigentümliches Ding. Als Fetisch schreiben wir ihm besondere Kräfte zu. Doch was schlägt uns da hinterrücks in Bann? Welche Bilder von Wirtschaft und Gesellschaft drücken sich darin aus? WOZ-Redaktor Stefan Howald unternimmt einen Streifzug durch die Kulturgeschichte des Kapitalismus. Er beschreibt dessen psychische Dynamik und skizziert ein paar Vermutungen, wie eine alternative Wirtschaft aussehen könnte.

Der Vortrag findet statt im Rahmen einer Öffentlichen Ringvorlesung zu «Design Ökonomien» an der Zürcher Hochschule der Künste. Montag, 16. Oktober, 13 bis 15 Uhr. ZHdK, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich. Hörsaal 1, Ebene 3.

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A bunch from September

– Oh dear, the NBA champs Golden State Warriors don’t want to have anything to do with this #losertrump

– Oh dear, the NFL champs as well want have nothing to do with this #losertrump, BAD sport.

– Needing the Democrats to hammer out a deal on immigration – that sure is a winner with your voters, #losertrump

– Even Sean Spicer is mocking you at the Emmy’s, so you are the last man drowning #losertrump

– And still no Emmy for your life-time achievement of bullying, cheating and lying – the eternal #losertrump

– Supporting the wrong guy for the Senate – losing seems to become something of a habit, #losertrump

– Steve Bannon is no longer a «friend», so who is left in your mad house casino, #losertrump?

– The bill for your security mounts and mounts – hey, #losertrump, are you afraid that someone would steal your toupee?

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Gewichtiger Einwand

Linksbüchneriade 28

«Der gewichtigste Einwand: Im gleichmacherischen Dauerkreisel wird die Klassenfrage eingeebnet», heisst es in der Besprechung einer Inszenierung von Büchners «Woyzeck» in Basel. Und das Blatt, in dem die scharfsinnige Kritik erschienen ist, kennt sich in der Klassenfrage bestens aus. Die «Neue Zürcher Zeitung» hat unter der nicht mehr so neuen Chefredaktion von E. G. samt Kulturchef R. S. entdeckt, wo sich die scharfen Gegensätze durch unsere Gesellschaft ziehen und wo die Unterdrücker hocken: in den rot-grünen Stadtregierungen, in der Bürokratie und in Genossenschaftswohnungen, oder bei der Political correctness, insbesondere in der Gender-Theorie. «Alle, auch die gesellschaftlich mächtigen Täter, sind Opfer der allumfassenden Weltenmaschinerie. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Büchners Intention in seinem bewusst parteilich anklagenden Proteststück», hält die «Woyzeck»-Besprechung fest. Aber es ist ziemlich genau das Verfahren der NZZ, wenn die Rechtsintellektuellen sich zu armen Opfern stilisieren, wobei Slavoj Žižek in seiner jüngsten Inkarnation als antilinker Nonkonformist als Gewährsmann dient. Dass G. und S. alle Artikel in der eigenen Zeitung lesen, ist wohl nicht zu hoffen – das erledigen ja nächstens KorrektorInnen in Bosnien.

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«Linker Fussball war immer eine Schimäre»

2017_TeamsDie WOZ hat vor zwei Wochen gegen die NZZ ein Fussballspiel ausgetragen. Beginnen wir mit dem Anfang.

Anfänge werden generell überschätzt.

Geschichtsphilosophisch zweifellos.

Das Konzept des Anfangs ist der Beginn jeder illusionären, ja ideologisch verfestigten Kausalität. Ein Urknall soll alles erklären. Ursprungsmythen sind entsprechend politisch dubios. Dabei ist jeder Anfang bloss ein willkürlicher Punkt in einem Raum/Zeit-Kontinuum, auf den man mehr oder weniger vorbereitet ist.

Beginnen wir also mit dem Raum vor dem Anfang.

Strahlendes Wetter, nicht zu warm, die Platzwahl geschickt so gewählt, dass die Sonne dem Gegner in die Augen schien.

Und dennoch, irgendwann wird jedes Spiel angepfiffen.

Ein insignifikanter Moment im steten Fluss der Ereignisse, in dem unser Fuss nie zweimal vom gleichen Wasser benetzt wird.

… mit anderen Worten, die WOZ lag nach fünf Minuten 0:2 hinten?

Mit anderen Worten, ja.

Was war geschehen?

Schöner Flügellauf rechts, Pass in die Mitte, Tor. Schöne Kombination in der Mitte, strammer Schuss von der Strafraumgrenze, Tor.

Und was machte die WOZ dabei?

Keine besonders gute Figur.

Könntest Du das ein bisschen erläutern?

Nun, die Verteilung im Raum klappte nicht so richtig. Die Zweikämpfe gingen verloren. Wir waren zu langsam. Und nicht bereit.

Das tönt ziemlich – unterlegen.

Aber dann gings aufwärts. Die Zweikämpfe gingen nicht mehr alle verloren. Die Pässe kamen zuweilen beim Mitspieler oder bei der Mitspielerin an.

Ausser zu Beginn der zweiten Halbzeit.

Ja, da waren wir dann wieder im Fluss der Geschichte verloren.

Und so stand es schon bald 0:4.

Aber dann gings wieder aufwärts. Und gegen Schluss kamen wir sogar vors gegnerische Tor.

Ohne zählbares Ergebnis freilich … Kann man aus dem Endresultat etwas herauslesen?

Es gibt ja zwei Interpretationsansätze. Fussball als Abbild der herrschenden gesellschaftlichen Zustände. Fussball als Vorschein künftiger gesellschaftlicher Entwicklungen.

Ersteres hiesse …?

Die realen Machtverhältnisse haben sich schonungslos abgebildet. Die bürgerliche Hegemonie ist ungebrochen.

Und zweiteres …?

Das wäre kaum ausdenkbar.

Abbild und Vorschein: Sind nicht beide Ansätze in der Spiegelmetapher gefangen?

Womöglich.

Und ist die nicht deterministisch – mal abgesehen von Lacan, den wir hier wie anderswo ignorieren wollen? Könnte Fussball nicht auch gesellschaftliche Zustände durchqueren, verqueren?

Was soll das heissen? Könntest Du ein wenig konkreter werden?

Nun, es schien, von aussen, die NZZ-Mannschaft eine recht gut geölte Maschine, klar in der Raumaufteilung, sauber im Zusammenspiel, mit andern Worten: ein funktionierendes Kollektiv. Die Summe mehr als die einzelnen Teile (zumindest auf dem Spielfeld). Hinwiederum bei der WOZ liessen Einzelne mehr vermuten, als das Ganze erkennen liess.

Und Deine Schlussfolgerung wäre?

Die Beziehung zwischen Ideologie und produktivem Resultat ist nicht ganz gradlinig.

So weit sind wir alle längst schon Gramscianer. Auch und gerade in der NZZ. Im Übrigen: Linker Fussball war immer ein wenig eine Schimäre. Der argentinische Trainer César Luis Menotti wollte darin ein Spiel sehen, das sich durch Schönheit, Spielwitz und Fantasie auszeichnet. Er selbst verweigerte den argentinischen Generälen 1978 nach dem Weltmeistertitel den Handschlag. Das war tapfer und nobel. Aber die Form des Fussballs war daraus nicht abzuleiten. Das linke Engagement von Clubs wie dem FC St. Pauli oder dem FC Winterthur findet neben, nicht auf dem Spielfeld statt. Ausser, man würde die notorische Zweitklassigkeit zum linken Markenzeichen erklären.

Der NZZ gelang es sogar, Vorgesetzte und Chefs in ihren Reihen strategisch günstig zu platzieren und zu integrieren bzw. zu neutralisieren.

Was in der WOZ allerdings kein Thema ist. Zudem hat sie die Geschlechterfrage angepackt. Von Parität liess sich auch bei ihr nicht wirklich sprechen. Aber es war ein Schritt in die richtige Richtung, schön sozialdemokratisch gesagt.

NZZ und WOZ konnten sich darauf einigen, ohne Schiedsrichter zu spielen. Was darf man daraus ablesen?

Man könnte das die kleinste gemeinsame Schnittmenge nennen. Anarcho-libertär, vielleicht. Bei der NZZ das Vertrauen auf die Selbstregulationsfähigkeit des Systems, bei der WOZ das Vertrauen auf das altruistische Gen in uns allen.

Wir haben auch von freundlichen Zugeständnissen der NZZ-Stürmer gehört: eine vom Türhüter aufgenommene Rückgabe nicht geahndet, ein möglicher Elfmeter nicht gerade vehement gefordert …

Tatsächlich. Schon beinahe beschämend. Aber die WOZ hat auch schon anderes erlebt. Etwa beim Spiel gegen die FADS, die fussballspielenden Autoren der Schweiz. Die brachten uns, unter Einsatz aller moralischen Druckmittel, dazu, dass wir ein von uns erzieltes reguläres Tor für ungültig erklärten, nur weil wir ein paar Minuten später zu zwölft auf dem Platz gestanden waren.[1]

Tja, man muss die Autoren verstehen. Sie habens sonst schon schwer im Leben. 

Vielleicht ist Nachsicht ja eine kleinbürgerliche Tugend. Darf ich eine persönliche Anekdote anfügen?

Ich werde Dich kaum daran hindern können.

Einst, im Londoner East End spielend, kam ich im gegnerischen Strafraum zu Fall, und der Schiedsrichter wollte mir einen Strafstoss zusprechen; auf wütendes Insistieren des gegnerischen Verteidigers räumte ich ein, dass ich doch wohl eher das Gleichgewicht verloren hatte denn über dessen Bein gestolpert war; worauf der Schiedsrichter zu aller, auch meiner, Überraschung den Penaltyentscheid umstiess – was mir in der Halbzeit eisiges Schweigen meiner Kollegen eintrug, umso mehr, als wir das Cupspiel schliesslich 0:1 verloren, und erst nachträglich ist die Episode in die Annalen von Philosophy Football eingegangen.

Enden wir mit einem tröstlichen Ausblick. Auf den Stehrampen dominierte die WOZ unwidersprochen, die Unterstützung war, wenn auch resultatmässig wirkungslos, so doch emotional überwältigend.

Kein Wunder. Schliesslich legt die WOZ anders als die NZZ an Auflage zu.

 

Für die WOZ liefen auf:

Romain G.; Donat K., Dinu G., Wendelin B., Kevin B., Roman E., David L.; Florian K., Yves W., Carlos H., Oliver W., Adrian R., Raphael A., Kaspar S., Jan J.; David L., Silvia S., Sarah S., Stefan H.

 

Und hier folgt noch die Bildergalerie: http://www.stefanhowald.ch/galerie/main.php?g2_itemId=1753


 

[1] Siehe www.stefanhowald.ch/actualities/index.php/knirschendes-kollektiv-1

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Europa, bleiche Schönheit

Ist Europa noch zu retten? Gibts Alternativen zum neoliberalen Kurs der Europäischen Union? Wie können wir neue Formen demokratischer Mitgestaltung entwickeln? Ein paar Fragen und Antworten zum Europakongress der WOZ am 8./9. September in Zürich.

Von Stefan Howald

Warum will die WOZ hier und heute über Europa diskutieren?

Europa ist gegenwärtig in aller Munde und zugleich ein Tabu. In der Schweiz bedient die SVP entsprechende Ressentiments für ihre fremdenfeindliche Agenda. Auf der Linken begnügen wir uns mit technokratischen Hilfskonstrukten. Dagegen braucht es eine scharfe, vorurteilsfreie Analyse und positive Ideen.

Und das wollt Ihr mit ein paar Podiumsgesprächen erreichen?

Wir bieten acht Podien und sechs Workshops an, für viele Interessen und Geschmäcker. Wir bringen 25 PodiumsteilnehmerInnen aus zehn verschiedenen Ländern und aus verschiedenen sozialen Bereichen zusammen: Wissenschaftlerinnen, Aktivisten, PolitikerInnen. Es wird informiert und diskutiert, und es werden Möglichkeiten zur praktischen Mitarbeit geboten.

Schön und gut. Doch die EU steckt in einer tiefen Krise. Britannien sucht den Austritt, Polen und Ungarn provozieren mit antidemokratischen Massnahmen. Nationalstaatliches Denken erlebt ein Comeback.

Gerade in dieser Situation darf man die Diskussion nicht den rechtsbürgerlichen Kreisen überlassen. Man muss sich der Chancen und Möglichkeiten gesellschaftlichen Fortschritts jenseits des Nationalstaats vergewissern.

Das ist wohl ein bitterer Witz. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der EU hat viele Menschen vor allem in Südeuropa verarmen lassen.

Ja. Deshalb wollen wir Alternativen diskutieren, auf einem Podium mit James K. Galbraith, Philipp Löpfe, Tom Kucharz und Mascha Madörin. Wir brauchen Vorstellungen, wie die Ungleichheit abgebaut werden kann.

An Europas Aussengrenze sterben täglich Menschen.

Das ist ein weiterer Skandal. Flucht und Migration nach Europa müssen sicherer werden und gemeinsam bewältigt werden. Darüber diskutieren Andreas Cassee, Rokhaya Diallo, Saskia Sassen und Damir Skenderovic. Auch darüber, wie Migration in den Köpfen anders gedacht werden kann.

Wo soll denn all dies in den undemokratischen EU-Strukturen verwirklicht werden?

Das ist die Frage: Wer hat wo was zu sagen? Agniezka Dziemianowicz-Bak, Andreas Gross, Teresa Pullano und Thomas Seibert debattieren, ob man die institutionellen Formen ausbauen oder nach neuen Formen der BürgerInnenbeteiligung suchen soll. Und wie Europa endlich grün werden kann, erörtern Eva Gelinsky, Balthasar Glättli und Alexandra Strickner.

Die europäische Identität ist doch eine Schimäre.

Europäische Gemeinschaftlichkeit kann nicht verordnet werden, sondern sich nur in der Praxis herausbilden. Milo Rau und Maria Stepanowa bringen mit Cédric Wermuth ihre reichhaltigen Erfahrungen und provokativen Ideen in die Debatte ein.

Ich sehe, dass auf dem Auftaktpodium am Freitag niemand aus einem EU-Staat stammt …

Europa ist ja mehr als die EU. Obwohl Europa ohne die EU nicht sein wird. Saskia Sassen (USA), Ece Temelkuran (Türkei), Jakob Tanner (Schweiz) spannen das Thema weit auf, historisch und topografisch.

Kommen auch Nicht-AkademikerInnen?

Ich hoffe, das ist nicht antiintellektuell gemeint? Aber ja, es gibt bewegungsorientierte AktivistInnen auf allen Podien. Im Übrigen sind solche Zuschreibungen längst fragwürdig. Rokhaya Diallo aus Paris ist Publizistin und zugleich antirassistische Aktivistin. Und es gibt spezifische Veranstaltungen zu einer Politik von unten. Wo stehen die Barrikaden? fragen wir Catarina Principe, Paul Rechsteiner und Raul Zelik.

Soll die Schweiz tatsächlich in die EU?

Ja. Nein. Vermutlich schon. Lieber nicht. Auf jeden Fall braucht es eine informierte Diskussion. Wir benötigen klare Vorstellungen und Vorschläge. Wir dürfen uns nicht von rechts treiben lassen, sondern müssen die europäische Zukunft aktiv mitgestalten.

Zugegeben: Das tönt alles recht interessant. Wen erwartet Ihr an der Tagung?

Möglichst viele Interessierte, Engagierte, Diskussionsfreudige. Deshalb haben wir die Eintrittspreise tief angesetzt: 40 Franken für das ganze Programm. Wo kriegt man in der Hochpreisinsel Schweiz sonst noch solch hochkarätigen Gegenwert?


Programm und Anmeldung unter www.europakongress.ch

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Rechtsausleger – Linksausleger

Der Klassiker unter den Fussballderbys

WOZ versus NZZ 

Montag, 7. August, 19 Uhr, Juchhof 2, Bernerstrasse 331, Zürich

Ein titanischer Kulturkampf ist für den Montagabend angesagt, wenn sich WOZ und NZZ auf dem Fussballfeld messen. Die von den Favoriten von der Falkenstrasse gewählte Taktik dürfte auch Aufschlüsse über den in der Redaktion favorisierten ideologischen Kurs vermitteln: postmodern befestigter Neoliberalismus oder strenger Ordoliberalismus? Wird die NZZ weiterhin ohne linken Flügel auskommen, oder wird Kulturchef Rene Scheu in seinem heroischen Kampf gegen die Political Correctness gerade umgekehrt die linke Seite verstärken? Vernebelt das Feindbild des genossenschaftlichen Wohnungsbaus der Lokalredaktion die Sicht auf die womöglichen Stärken des WOZ-Kollektivs? Leitet Chefredaktor Eric Gujers fatale Liebe für schiefe Sprachbilder den Spielfluss des eigenen Teams in die falschen Kanäle? Oder kann die Sportredaktion die Fackel sachlicher Aufklärung auch auf dem Spielfeld scheinen lassen?

DSC_1001Von der WOZ ist verlässlicher Unverlässlichkeit zu erwarten: Theoretisieren über the beautiful game kommt vor der Praxis der harten Trainingsarbeit, der Topos anarchischer Zufälligkeit ersetzt die ausgefeilte Spieltaktik, und in kollektiver Verantwortung soll sich die informelle Hierarchie auf dem Spielfeld im Verlauf der Geschehnisse herausbilden. Notwendenderweise ruft die WOZ deshalb in ihrer Vorankündigung in echt basisdemokratischer Manier zur Unterstützung durch das lesende Publikum auf.

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Keeping track with #losertrump

  • Director of communications fires chief of staff; new chief of staff fires DoC: just another day at the madhouse of #losertrump

  • So your first chief of staff was a «fucking paranoid schizophrenic»? Well, it took one to choose one, #losertrump

  • Trumpcare: Gone up in smoke, dopehead. When will you try to fill this void of a plan with another void, #losertrump?

  • Obamacare: Another vote, another disaster: You can’t even control the Republican party,  #losertrump

  • Parliament doesn’t trust you on all matters Russian – maybe Putin can give you a pat on your big head, #losertrump

  • Opposing LGBT people in the military – #losertrump, are you afraid of something in your closet?

  • So you have to wheel out a nine-year-old as your last fan, #losertrump. How truly SAD.

  • Good riddance to Sean Spicer, your biggest fan – is there anybody left to rant at at four o’clock in the morning, #losertrump?

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Aus dem Teufelskreis

Beftim2_1 Die Depression ist nie fern. Ständig droht sie einen, im Alltag anzuspringen. Gegen vielfältige Anfechtungen muss gekämpft werden. Um die eigene Sprache wird gerungen, und um die Identität.

Neunzehn Stücke versammelt die zweite CD von The B. Sie ist musikalisch vielfältig, der Rap wird unterschiedlich orchestriert, von Techno bis zu balkanischen Volksmusikklängen, zuweilen perlt ein Klavier vor sich hin, dann wieder wird zünftig gescratcht.

The B., Blerim Tatari, gehört seit etlichen Jahren zur Schweizer Albano-Rap-Szene. Was ein fragwürdiger Begriff ist, weil er ethnisch kategorisiert und damit einhegt. The B. rappt schliesslich zumeist in Mundart. Allerdings hat sich tatsächlich eine entsprechende Szene mit einer selbstständigen Infrastruktur, mit Aufnahmestudios und Videokanälen und einem eigenen Publikum etabliert.

The B. sticht daraus hervor mit geradezu schwermütig-existenziellen Texten. «Suech de Sinn», heisst ein Stück beispielsweise, ohne Scheu. Wenn sich kein Ausweg aus dem Labyrinth von Fragen zeigt und man doch einen Lebenssinn festhalten möchte. Wenn man in den verdammten Nächten von Alpträumen verfolgt wird, «won ich langsam usswändig weiss: ich wott use us dem Scheiss, doch bliib i da i dem verdammte Tüüfels-chreis». Man bekämpft die Versuchung in sich, mit einem Gin, und dann gewinnt sie sowieso. Rau hingerappt tönt das geradezu anrührend authentisch.

Der Schwermut antwortet der trotzige Widerstand: Erhobenen Haupts möchte man seinen Platz erobern. Wieder lebendig sein, sich selber treu bleiben. Die eigene Sache durchziehen. In seinen Texten ist The B. radikal allein. Entfremdung ist ihr Ausgangspunkt. Das ist eine soziale Aussage, auch ohne politische Parolen. So bleibt The B. repräsentativ für eine Szene und in ihr verankert. Auf dieser CD finden sich denn auch etliche Kollaborationen mit Kollegen, auf albanisch, englisch, französisch, berndeutsch. Dabei ist klar: Kunst ist Lebenshilfe, um seinen Platz zwischen Fremdsein und Integration in der Eigenständigkeit zu finden.

Stefan Howald


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The B.: «#Beftim2». Winterthur 2017.

«Beftim2» kann gratis gestreamt werden via soundcloud.


Dieser Artikel erschien in der WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 28/17 vom 13.7.2017, siehe www.woz.ch

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Der Wert der Arbeit

LtoR-Liam-Tanme-Siubhan-Harrison-Gillian-Bevan-Peter-Polycarpou-Krysten-Cummings-Dean-Chisnall-in-WORKING-credit-Robert-WorkmanUnd dann kommt der Song eines Feuerwehrmanns: ein ehemaliger Polizist, der den Job aufgegeben hat, nachdem er beinahe einen Unschuldigen erschoss – jetzt, als Feuerwehrmann, fühlt er, dass er etwas Sinnvolles tut, zuweilen gar Leben rettet. Und im Publikum weiss man nicht, soll man tapfer klatschen oder betroffen schweigen, während in einem die Bilder des Grenfell Tower im Londoner Bezirk Kensington aufsteigen, in dem zwei Tage zuvor mindestens 79 Menschen verbrannt und ebenso viele von der Feuerwehr gerettet worden sind.

Das ist nur ein Moment, der diese Londoner Theateraufführung von «Working» besonders aktuell macht. Das Stück basiert auf einem Buch von Studs Terkel, dem US-amerikanischen Historiker und Radiomann. 1974 erschienen, handelt es von dem, was der Titel benennt: vom Arbeiten. Was immer noch ziemlich selten auf die Bühne kommt.

Studs Terkel (1912–2008) schuf mit «Hard Times» (1970) über die grosse Depression der 1930er-Jahre und mit «Working» Klassiker der Oral History. Er gab den Leuten ihre Stimme, auch in zahllosen Radiointerviews bis ins hohe Alter im National Public Radio. «Working» hat einen sprechenden Untertitel: «People talk about what they do all day and what they feel about what they do». Terkel liess die Menschen erzählen über das, was sie ganz konkret tun, die Handgriffe, die angewandten Fähigkeiten, das Zusammenwirken mit andern, und dabei reflektieren sie, mehr oder weniger elaboriert, wie sich das für sie anfühlt, was es bedeutet, welchen persönlichen Wert sie aus ihrer Arbeit ziehen.

Suche nach Identität

Wie soll man stolz darauf sein, vierzig Jahre lang Tag für Tag das gleiche zu machen, meint ein Stahlarbeiter; ein Steinmetz träumt umgekehrt davon, einmal ein Haus ganz aus Stein zu bauen, auch die Haustür – obwohl, wie er anfügt, die ein wenig schwer würde. Die Kellnerin in einem gehobeneren Restaurant imaginiert sich ihre Tätigkeit als Kunst, während die Flight Attendant ihre einst als glamourös beworbene Arbeit zunehmend desillusioniert erlebt.

Terkel hielt sich zurück, seinen kunstvoll verdichteten Interviews eine These aufzubürden, aber engagierte Sozialrecherche sind sie, weil sie die Kraft und die Würde der einzelnen Menschen zeigen. Und weil sie den Doppelcharakter der Arbeit sichtbar machen. Da ist der konkrete Arbeitsvorgang mit den resultierenden Gebrauchswerten. Der bleibt eingebunden in die kapitalistische Tauschwertproduktion. Der Widerspruch braucht eine Bewegungsform: eine Identität, die sich der Arbeit bei allen Beschränkungen abgewinnen lässt.

Bereits 1977 machte Stephen Schwartz aus der Vorlage ein Musical, oder besser eine Abfolge von choreografierten Songs, mithilfe verschiedener KomponistInnen. 35 Jahre später mit neuen Songs ergänzt, wurde das Stück ein moderater Off-Broadway-Erfolg und erlebt jetzt in London die europäische Erstaufführung.

Schmissig

Die vorgeführten Jobs und Arbeitssituationen sind US-amerikanisch, und US-amerikanisch ist auch die Musik. Das heisst, sie ist schmissig und funktional, zuweilen jazzig, zuweilen balladeks, aber immer kräftig bühnentauglich. Die Texte allerdings gehen über ihren spezifischen Kontext hinaus. «Brother Trucker» oder «Millwork» von James Taylor scheinen klassische Bilder von blue collar work zu bedienen, die angeblich am Aussterben ist. Aber wenn die Fabrikarbeiterin ihren konkreten Arbeitsablauf beschreibt, im Achtzig-Sekunden-Rhythmus, dann ist man in den Sweatshops der Weltwirtschaft angelangt. Und wenn der Lastwagenfahrer seine Freiheit zu beschwören versucht, dann werden Mentalitäten sichtbar, die in den USA neue Urständ gefeiert haben. Dabei entziehen sich die Texte nostalgischer Identifikation. Man mag mit der Lehrerin mitfühlen, die früher zwanzig Kindern pro Klasse englische Literatur beibrachte und heute fünfzig Kindern pro Klasse Englisch als zweite Sprache einpauken muss, während die gelangweilt ihre Handys bedienen ­– bis sich die Lehrerin als Anhängerin der Prügelstrafe zu erkennen gibt. Und die neueren Stücke beschäftigen sich mit ausgelagerten und flexibilisierten Jobs: ein Angestellter in einem Call Center in Indien, ein Pizza-Auslieferer, der auf eigene Rechnung arbeitet.

Die Gesangsleistungen der sechs HauptdarstellerInnen sind erstaunlich, die Choreografie im beschränkten Raum des Southwark Playhouse ist beachtlich. Zum Schlusslied findet sich das Ensemble zu einer Art US-amerikanisch optimistischen Version von Brechts Gedicht «Fragen eines lesenden Arbeiters» zusammen – dass alle, die an und in einem Hochhaus gearbeitet haben, verewigt werden auf einer riesigen Plakette, die sich das ganze Haus entlang hochzieht. Das ist eine hübsch symbolische Idee: den Wert der Arbeit öffentlich anerkennen. Dann denkt man an den Brand im Grenfell Tower und muss sich sagen, dass Arbeit nicht in einem luftleeren Raum stattfindet, sondern unter bestimmten Produktions- und Machtverhältnissen. Die Feuerwehr hat angesichts der Katastrophe heroische Arbeit geleistet. Aber wenn die konservativ dominierte Behörde des reichen Councils die Sozialwohnungen für die ärmeren QuartierbewohnerInnen besser unterhalten hätte, hätte es die Feuerwehrleute nicht als HeldInnen gebraucht.

Stefan Howald


«Working» läuft im Southwark Playhouse noch bis zum 8. Juli, siehe www.southwarkplayhouse.co.uk

 

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