Autoritärer Ausnahmezustand

Die BBC-TV-Serie «Sherlock» setzte 2010 mit ihrer ersten Staffel neue Massstäbe atemraubender Krimiunterhaltung. Mit der vierten Staffel ist sie bei der nervtötenden Selbstparodie gelandet.

Als der müssiggängerische Privatmann Sherlock Holmes 1887 erstmals einen Fall löste, war er von seinem Schöpfer Arthur Conan Doyle als Verkörperung des wissenschaftlichen Fortschritts seiner Zeit angelegt: Er wertete Fingerabdrücke aus, analysierte die Zusammensetzung von Giften und die Herkunft von Stofffasern am Tatort und verband diese empirische Induktion mit der Deduktion logischer Schlüsse.

Als die BBC 2010 unter dem Titel «Sherlock» wieder mal eine Verfilmung wagte, führte sie den Viktorianer ins zeitgenössische London über. Mit allen technischen Mitteln wurden eine Topografie des Denkens entworfen und Denkprozesse veranschaulicht, die Assoziationsketten glitten computeranimiert über den Bildschirm, in die dritte Dimension hinein verlängert, und man hörte die Synapsen klicken. Das war grandios. Mit der zweiten Staffel 2012 wurde Sherlock Holmes zusehends psychologisiert. Schon Conan Doyle hatte entsprechende Spuren gelegt, die Kokainsucht, welche die im Tiefsten lauernde Depression betäubt, die unglückseligen Beziehungen zu Frauen und der homoerotische Klang, den die Beziehung zu seinem Helfer Dr. John Watson anschlägt. «Sherlock» umkreiste zunehmend den genialen Denker als Soziopathen – auch «The Big Bang Theory» zieht dadurch ihren, mittlerweile recht gleichförmigen, Witz. Es gibt eine besonders hübsche Episode, als Sherlock (Benedict Cumberbatch) die Hochzeitsrede für John Watson (Martin Freeman) halten soll, wobei sich sein Bemühen, sozialen Konventionen zu genügen, mit wirklicher Affektion und dem Versuch, parallel einen kniffligen Kriminalfall zu lösen, verzwirnt.

Zugleich mit der Psychologisierung der Hauptfigur wurden die Nebenfiguren aufgewertet. John Watson erhielt ein eigenes Profil und erfand, metareflexiv, als Blogschreiber die öffentliche Figur «Sherlock». Mycroft Holmes, der ältere Bruder von Sherlock, der bei Conan Coyle nur sehr gelegentlich auftaucht, erschien jetzt regelmässig als ebenso geheimnisvolle wie mächtige graue Eminenz der britischen Regierung und arrogantes Spiegelbild seines Bruders – wohl gefördert durch die Tatsache, dass er von einem der Drehbuchschreiber (Mark Gatiss) gespielt wird. Hinzu kam schliesslich Mary Morstan (Amanda Abbington), jene Frau, die Watson heiratet und die bei Conan Doyle zweimal ganz beiläufig erwähnt wird. In «Sherlock» stellt sich heraus, dass es sich dabei um eine vorgetäuschte Identität handelt, hinter der sich eine frühere Geheimdienstagentin verbirgt, wobei diese Ermächtigung einer Frauenfigur eher alibimässig wirkt.

Wie hältst Du es mit dem Bösen?

Ohne VerbrecherInnen keine Krimis. Das Böse ist freilich immer ein Problem. Zuerst gattungsimmanent: Der Verbrecher oder die Verbrecherin sollen gewieft sein, clever, ressourcenreich, damit der Detektiv ins umso bessere Licht gerückt werden kann, und doch müssen sie letztlich überführt werden. Conan Doyle entwarf einst Moriarty, einen Überbösewicht, der die ganze britische Gesellschaft zu unterwandern und zu gefährden droht. Das war nie sehr realistisch, sondern als spielerischer Kampf beinahe ebenbürtiger Intelligenzen und Verwandlungskünstler inszeniert. Die gesellschaftlichen Zustände schlagen trotzdem durch, als personalisierte Angst vor dem sozialen Umsturz. «Sherlock» machte den Bösewicht zu Beginn formal interessant, indem dessen Machtmittel durch visuell umgesetzte Drogenräusche und mediale Überwältigungen erweitert wurden. Als Figur aber agierte Moriarty (Andrew Scott) zusehends manieriert.

Für die vierte, Anfang Jahr von der BBC ausgestrahlte Staffel ist noch eins drauf gesetzt worden, und so entspringt – halber spoiler alert! – der Kindheit oder Jugend von Sherlock etwas ganz Böses, das er vollkommen verdrängt hat. Dieses Böse ist wirklich böse, ja, es ist das eigentlich BÖSE, und deshalb ist es vom älteren Bruder Mycroft, der immer viel cleverer und lebenstüchtiger als Sherlock gewesen ist, auf einer Hochsicherheitsinsel weggesperrt worden.

Womit «Sherlock» jede Prätention auf Plausibilität aufgibt. Es stellt sich nämlich heraus, dass sich das BÖSE mal aus diesem Hochsicherheitstrakt befreit hat, um sowohl Sherlock wie Watson in Verkleidung zu begegnen und hinters Licht zu führen, nur um sich dann wieder lammfromm in die Isolationshaft zurückbegeben. Dort besuchen ES Sherlock, Mycroft und Watson. Doch die drei werden ihrerseits gefangen gesetzt. Beiläufig stellt sich heraus, dass das BÖSE auch Moriarty zu seinen letzten Taten angestiftet hat.

Ausnahmezustand

Kriminalfälle reichen den Machern von «Sherlock» längst nicht mehr. Mit der abschliessenden Episode geht es ihnen um Höheres, oder Tieferes, um «Philosophie» und «Ethik» und letzte Fragen. Zu diesem Zweck werden Sherlock, Watson und Mycroft vom BÖSEN verschiedenen mörderischen Tests ausgesetzt. Also zum Beispiel folgendem Dilemma: Mycroft und Watson müssen untereinander aushandeln, wer den ebenfalls gefangen gehaltenen Gefängnisdirektor tötet, andernfalls stirbt die Frau des Gefängnisdirektors. Keiner der beiden will die Tötung auf sich nehmen, worauf sich der Gefängnisdirektor selbst tötet – aber seine Frau wird danach trotzdem liquidiert.

In einer zweiten tödlichen Prüfung muss Holmes unter Zeitdruck herausfinden, wer von drei Brüdern einen Menschen getötet hat, damit dieser seinerseits der tödlichen Strafe zugeführt werden kann. Sherlock löst den Fall, trotzdem werden alle drei Brüder in den Tod gestürzt. Und dann muss sich Sherlock natürlich auch noch entscheiden, ob er Mycroft oder John opfert, um den je anderen und sich zu retten. Inszeniert wird das als zynisches Spiel mit der Provokation, und eingerahmt ist es in eine Versuchsanordnung, die an das Stück «Terror» von Ferdinand von Schirrach erinnert, da Sherlock, neben allem anderen Ungemach der ihm gestellten Aufgaben und moralischen Dilemmata, immer wieder von einem Kind um Hilfe angefleht wird, das in einem Flugzeug voller ohnmächtig gewordener Menschen sitzt und damit auf eine Stadt zu stürzen droht.

Ähnliches Foto

Diese konstruierten Extremsituationen beanspruchen, grundlegende Wahrheiten zu enthüllen. Steht uns der Bruder oder der Freund näher? Ist der Mensch dem Menschen ein Wolf, geht es ums Survival of the Fittest, oder sind wir doch Menschenfreunde und besitzen ein altruistisches Gen? Aber Entscheidungen in Ausnahmesituationen verdeutlichen nichts, sondern verzerren. Die Zuspitzung aufs Entweder-Oder kürzt differenzierte Erwägungen ab. Deshalb wird der Ausnahmezustand vor allem von rechts beschworen (obwohl er leider auch linke Anhänger hat): Wären Sie immer noch ein Pazifist und Gutmensch, wenn ihre Liebste gewalttätig bedroht würde?

Solche Versuchsanordnungen favorisieren autoritäre Prinzipien. Sie orientieren auf den Einzelnen, aufs entscheidungsfreudige Führerprinzip. Entscheidungen im Ausnahmezustand sind nicht anfechtbar. Eine lebensorientierte Politik und Ethik aber besteht darin, es nicht zu solchen Extremsituationen kommen zu lassen.

«Sherlock» wird gegen Schluss dann doch noch von ein paar liberalen Skrupeln angekränkelt und unterzieht das BÖSE einer vulgären Psychoanalyse. Denn dieses ist seinerseits beschädigt und hat mit all seinen bösen Taten nur die bislang verwehrt gebliebene menschliche Nähe gesucht. Aber damit ist der autoritäre Schund dieser letzten «Sherlock»-Episode nicht mehr zu retten.

Stefan Howald

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#losertrump

What does a megalomaniac narcissist fear most? Yes, to lose. So we are introducing the new global hashtag: #losertrump. It will be a regular feature in these pages.

 

Tough on China? At the first telephone call, #losertrump loses his mettle and accommodates the new superpower with a one-nation-policy.

Another defeat. #losertrump loses the second court case. See you in court again? Sure, buddy, and you will get another beating.

Too dumb to understand the law? Court explains to #losertrump that his presidential order was very badly prepared.

Afraid of Putin? #losertrump signals to end the sanctions against Russia.

Not very bright people around him. #losertrump has to «counsel» his most trusted counsel Kellyanne Conway.

Flogging a dead horse? #losertrump needs buddies to flog his daughter Ivanka’s stuff.

Uncool, or what. #losertrump wears a bathrobe and can’t even admit it.

Defeated. #losertrump loses his first court case – many to follow.

Billionaire? Humbug! #losertrump still hasn’t published his tax returns. Maybe some of his billions are just a figment of his imagination.

Afraid to walk alone? #losertrump has to take the hand of matron Theresa May when he meets her fierce gaze.

Afraid of strangers? #losertrump has to allay his fears and hide behind a huge wall.

Not very popular. #losertrump has been snubbed by the Mexican president who cancelled a meeting with him.

Popular? #losertrump lost the contest of the audiences at the most recent inaugurations by half a million.

Popular mandate? Bah! #losertrump lost the popular vote by three million votes.

 

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Anarchie in D.

Am Sonntagnachmittag im formidablen Kulturzentrum philosophe in D. wurde wieder einmal der schöne Brauch des Büchertauschs gepflegt: also mitzubringen, was man selbst nicht mehr möchte und doch anderen dienen könnte, und mitzunehmen, was einen so gelüstet. Die Auswahl reichte von vielfältiger Belletristik über Kochbücher bis zu, ja, Politliteratur. Zumeist gut gepflegte neue Bücher. Dazwischen dann allerdings doch ein paar ältere Ausgaben, darunter von Erich Mühsam: «Publizistik. Unpolitische Erinnerungen». Aus dem Verlag Volk und Welt in der untergegangenen DDR, die zweite Auflage von 1985, nach der ersten Ausgabe von 1978. Mühsam war schon früher in der DDR wieder aufgelegt worden, was doch für einen unermüdlichen Anarchisten einigermassen erstaunlich ist; aber er wurde wohl, wenn es auch zynisch klingt, durch seine Ermordung 1934 im KZ Oranienburg für würdig befunden, in die kommunistische Tradition integriert zu werden.

Jedenfalls, im Buch, schon etwas zerlesen, mit wenigen Anstreichungen, fanden sich ein paar eingesteckte Beilagen: eine Einladung zu einer «Taufkreisefete» aus dem Jahr 1986, eine Einkaufsliste («Milch, Butter … Malzkaffee»), und dann eine ältere, leicht zerfledderte «Zahlkarte». Offensichtlich ein Einzahlungsschein für das Postscheckamt Berlin-Britz. Ausgestellt für «Herrn Erich Mühsam». Wie, was? Ein Originalrelikt (eine Reliquie)? Tatsächlich, das Verzeichnis der Studienbibliothek des verstorbenen Theo Pinkus in der Zürcher Zentralbibliothek verzeichnet eine gleichartige Zahlkarte, beiliegend dem «Fanal», der anarchistischen Monatsschrift, die Mühsam zwischen 1926 und 1931 in Berlin herausgab und verlegte und weitgehend schrieb. Was zeigt, dass ein Fanal selbst das beschauliche D. erreichen kann.

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Katalogbruch und Infoklinik

Beim Gespräch über die Möglichkeiten, eine private Büchersammlung in eine breiter zugängliche Bibliothek zu verwandeln, überraschte eine lang gediente Bibliothekarin mit einer schnöden Bemerkung über die schöne neue Welt der elektronischen Katalogisierung grosser Bibliotheken. In jeder solchen, führte sie aus, gebe es nämlich mindestens einen Katalogbruch, wie das ganz treffend heisse: Wenn bei einer Umstellung von einem System zum nächsten Bücher im Katalog einfach verloren gingen, und die würden dann auch wirklich in ihrer materiellen Gestalt verloren gegeben, obwohl sie womöglich oder sehr wahrscheinlich in einer Kiste oder in einem Regal einsam vor sich hin vegetierten.

Die Vehemenz, mit der diese Kritik vorgetragen wurde, war ein wenig überraschend, doch am gleichen Tag liessen sich in der grössten Bibliothek am Ort zwar nicht gerade ein Katalogbruch, aber doch einige überraschende Fehlleistungen feststellen. So war ein Band mit Aufsätzen zum gelegentlich beschworenen «Zerfall der Öffentlichkeit» auf dem Einband mit einer Etikette «Zufall der Öffentlichkeit» beschriftet worden. Und im Katalog wird zu einer Sonderausgabe einer Wochenzeitung, die von der Genossenschaft Infolink herausgegeben wird, vermerkt, Herausgeber sei die Genossenschaft Infoklinik. Da es sich bei der entsprechenden Ausgabe um eine Sondernummer zum Thema Sex handelt, mögen da allerlei Assoziationen zu Gesundheit und Reparaturtechniken oder zu spezifischen Fantasien und Spielereien mitgespielt haben. Und wenn solche Beispiele auch ins Fach launiger Anekdoten abgelegt werden können, so tauchen sie zugleich die Seriosität der Institution in ein leicht anderes Licht.

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Klassenkampf auf dem Fischmarkt

Linksbüchneriade 27

Wenn Georg Büchner jeweils auf dem Zürcher Fischmarkt unter den Lauben beim Rüden seine Barbe bei Fritz Peyer fürs Präparieren ausgewählt hatte, begab er sich zusammen mit dem Fischer zum Fischwäger, der ihnen das Gewicht beschied, worauf Georg den entsprechenden Preis entrichtete. Gelegentlich, bemerkte er, betrachteten die Zürcher Fischer den fremden Fötzel aus dem Schaffhausischen mit scheelen Augen, und ein, zwei Mal war es schon vorgekommen, dass sich einer der Zürcher in der Reihe vor Fritz Peyer geschoben hatte. Zumeist allerdings verlief alles manierlich, man war ja in Zürich, dieser behäbigen Republik.

Obwohl, vielleicht konnte man sich da auch ein wenig täuschen, denn es schien mehr Konflikte zu geben, als sich dem blossen Auge erschlossen, und einer davon drang gar an die Öffentlichkeit, wenige Monate nachdem der so jung verstorbene Georg Büchner ins Grab auf dem Krautgartenfriedhof gesenkt worden war. Im November 1837 erschien nämlich in dem Anfang Jahr erstmals publizierten Tagblatt der Stadt Zürich eine anonyme Zuschrift, in der schwerwiegende Vorwürfe gegen den Fischwäger erhoben wurden, der jene Lieferanten bevorzuge, die ihm zum Voraus günstige Versprechungen in seinen Sack zusicherten, und andere Fische so lange liegen lasse, bis sie verdorben seien. Wenige Tage später replizierte im gleichen Blatt eben dieser Fischwäger, Jakob Peter, in kunstvoll gedrechselten sarkastischen Sätzen. Dabei erhielt der Konflikt plötzlich eine politische Note. Der Fischwäger, nachdem er sich gegen die üblen Schmierereien verwahrt hatte, identifizierte den Kläger nämlich umstandslos mit einem reichen Fabrikbesitzer im Drahtschmidli, der sich gelegentlich zum Beruf eines Fischers huldvollst herunterlasse, und, um den Wäglohn zu sparen, durch seine Mägde und Knechte die Fische direkt in Wirtschaften anbiete und erst dann zu ihm, dem Wäger, komme, wenn er seine Ware nicht anderweitig abgebracht habe.

Nun wäre zu klären, was denn ein Fabrikbesitzer im damaligen kleinstädtischen Zürich darstellte, und in der Funktion des Wägmeisters zeigen sich wohl noch alte zünftische Vorrechte, und dennoch ist unzweideutig klar, auf welcher Seite Georg Büchner in diesem Klassenkampf auf dem Zürcher Fischmarkt gestanden hätte.

 

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Menschenrechte im Zwischenlager

Seit zwanzig Jahren wartet das grosse «Menschenrechtsdenkmal» von Bettina Eichin darauf, öffentlich aufgestellt zu werden. Pläne für Aarau sind vorläufig gestoppt worden.

Von Stefan Howald

Die Menschenrechte haben es gegenwärtig nicht einfach. Nicht einmal in einer in Metall gegossenen Form. In der Schweiz wird seit beinahe zwanzig Jahren ein Platz für ein Menschenrechtsdenkmal gesucht. Geschaffen von der Künstlerin Bettina Eichin, sollte es jetzt in Aarau aufgestellt werden, dort, wo die moderne Schweiz mit der Helvetik ihren Anfang genommen hat. Doch der Aarauer Stadtrat will davon vorläufig nichts wissen.

Das Denkmal wurde von privaten Mäzenen für das Jahr 1998 in Auftrag gegeben, auf den 200. Jahrestag der Helvetischen Republik und den 150. Jahrestag des Schweizer Bundesstaats. Erinnert werden sollte damit auch an Peter Ochs (1752–1821), den lange verfemten radikalen Politiker und Autor der ersten Helvetischen Verfassung. Die Künstlerin Bettina Eichin, deren Skulptur «Helvetia auf der Reise» am Basler Rheinufer immer wieder für Furore gesorgt hat, entwarf dafür eine Installation. Ein grosser dreieckiger Raum, in dessen Innern sich eine Schreibstube der Aufklärung befindet; an den jeweils fünf Meter langen und zweieinhalb Meter hohen Aussenwänden sollen, wie Wandzeitungen, die drei frühesten Menschenrechtserklärungen in Bronze gegossen präsentiert werden: die amerikanische Virginia Bill of Rights von 1776, die französische Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von 1789 und die von Olympe de Gouges verfasste Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne von 1791, die erstmals Frauen und Männer gleichstellt. Alle drei in der Originalsprache ebenso wie auf Deutsch.

Im Bundeshaus überflüssig

Zeitgerecht wurde das «Menschenrechtsdenkmal» als Rohbau in Basel vorgestellt; die drei überlebensgrossen Texttafeln gelangten vorerst als eigenständige Skulptur auf Grund einer Petition von 120 ParlamentarierInnen ins Bundeshaus in Bern. Doch dann geriet das Projekt in Gegenwind. In Basel konnte weder auf dem Petersplatz noch anderswo ein adäquater Ort gefunden werden. Und anlässlich des Umbaus des Bundeshauses in Bern 2005 wurde die Bronzeskulptur für überflüssig erklärt. Also wurde sie zwischengelagert, später kurzfristig in Basel und Freiburg präsentiert, landete 2015 für eine Ausstellung zur Demokratie im Aarauer Stadtmuseum (siehe WOZ Nr. 19/15) und ist seither wieder eingelagert.

Anstelle der ursprünglichen Bronzetexte gravierte Bettina Eichin für das Denkmal die Texte in einer eigens entworfenen Schrift auf Tafeln, ergänzt durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Ein Aarauer Patronatskomitee wollte das solcherart vervollständigte «Menschenrechtsdenkmal» nunmehr nach Aarau holen. In Aarau hatte Peter Ochs am 12. April 1798 die Helvetische Republik ausgerufen. Was wäre da passender, als das Denkmal im öffentlichen Kasinopark gegen die Laurenzenvorstadt hin aufzustellen?

Im vergangenen Mai wurde ein entsprechendes Baugesuch eingereicht. Dagegen gab es Einsprachen, vom Heimatschutz, aber auch von Privatpersonen. Simone Silbereisen vom Patronatskomitee kann die Einwände nicht ganz nachvollziehen. Da seien viele Missverständnisse vorhanden, private Interessen würden vorgebracht, auch politische Untertöne seien nicht zu überhören.

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Bettina Eichin (zweite von links) vor ihrer Bronzeskulptur «Menschenrechte im Bundeshaus, 1776, 1889, 1791», umgeben von Aarauer UnterstützerInnen.                   Foto: Stefan Ulrich, SRF

Mit Datum vom 12. Dezember 2016 hat der Aarauer Stadtrat jetzt für die Einwohnergemeinde als Grundeigentümerin entschieden, den Park für das Denkmal nicht zur Verfügung zu stellen. Damit werde auch das Baugesuch vorerst hinfällig. Der Stadtrat nennt eine Reihe von Gründen, etwa die Konkurrenz zum Zschokke-Denkmal im selben Park. Aber der Schriftsteller und Pädagoge Heinrich Zschokke (1771–1848) hätte als unerschütterlicher Aufklärer die Nachbar

schaft des sprachmächtigen Denkmals sicherlich begrüsst. Am ehesten kann Silbereisen, die als Umweltberaterin tätig ist, noch die Bedenken wegen einer anstehenden Gesamtkonzeption für den Stadtpark verstehen. Ein ausgereiftes Projekt steht dafür allerdings nicht in Aussicht.

Ein anderer Standort?

Grundsätzlich, sagt Stadtschreiber Daniel Roth, sei der Stadtrat dem Vorhaben nicht abgeneigt. Nur die vorgeschlagene Stelle scheine ihm dafür nicht geeignet. Man sei aber bereit, zusammen mit dem Komitee über mögliche andere Aufstellungsorte zu diskutieren. Das wäre doch eine Jubiläumstat, etwa zum Jahrestag der Gründung der Helvetik am 12. April.

Das Aarauer Komitee will nach dem ersten Rückschlag nicht aufgeben, wie Simone Silbereisen bekräftigt. Die Diskussion um Menschen- und Frauenrechte bleibe ein wichtiges Anliegen. Womöglich werde man in der Öffentlichkeit vermehrt für das Projekt werben. Und ein anderer Standort sei durchaus erwägenswert.

Das Denkmal selbst ist, nach seiner langen Leidensgeschichte, zum grösseren Teil vollständig. Über 300 StifterInnen haben es bislang mit 300 000 Franken unterstützt. Noch fehlen der vierte Text von 1948 und die Schrifttafel, die das Denkmal am Ort erklärt. Wofür es noch Geld braucht. Auch kleine Summen helfen: Jede und jeder kann einzelne Lettern oder Wörter aus den Menschenrechtstexten sponsern.

Dieses Jahr wird im Parlament die Initiative der SVP «Schweizer Recht statt fremde Richter» diskutiert werden. Sie richtet sich zentral gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Das «Menschenrechtsdenkmal» wäre ein eindrücklicher Beitrag zu deren Verteidigung. Vorausgesetzt, es findet schnell einen öffentlichen Platz.

www.menschenrechtsdenkmal.ch

 

Dieser Artikel erschien in der WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 2 vom 12. Januar 2017. Siehe www.woz.ch

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Spitzkick!

«Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen des Menschen weiss, verdanke ich dem Fussball», so hat die Londoner Initiative «Philosophy Football» vor etlichen Jahren einen apokryphen Spruch von Albert Camus rekonstruiert, der als gelegentlicher Torhüter die existenzielle Angst ebendesselben vor dem Elfmeter gefühlt und sich dabei mit Sisyphus verglichen hatte, der den (runden!) Stein ewig vor sich hinstösst, nur um ihn immer wieder aus den Tiefen des Abgrunds holen zu müssen. Des eingedenk sei an dieser Stelle eine tief schürfende Frage zur philosophischen Debatte gestellt: Ist ein Spitzkick eine zulässige Waffe, um im Direktschuss ein Tor zu erzielen? Auf der einen Seite entspricht er, solange er diesseits der Mittellinie in der gegnerischen Hälfte abgefeuert wird, den herkömmlichen Regeln des Hallenfussballs. Auf der andern Seite birgt er doch etliche Verletzungsgefahr, wenn er dröhnend in jene Körpergegend einschlägt, die wir hier als Weichteile bezeichnen wollen,  und darüber hinaus, und in diesem Zusammenhang wichtiger, mag er ethisch jenem Gebot widersprechen, wonach wir uns doch, bitte schön, nicht irgendwelcher Brechstangenmethoden bedienen, sondern uns dazu verpflichten sollten, das SCHÖNE SPIEL zu pflegen, mit butterweichen Pässen, raffinierten 220px-tippkick1Kombinationen, imaginativen Spielfeldverlagerungen, atemberaubenden Tricks (wobei allerdings ein toller Weitschuss auch innere Qualitäten haben mag). So müsste dann der Hinweis auf die formale Berechtigung des Mittels (das womöglich instrumentalistisch jeden Zweck rechtfertigt!) mit dem Verweis auf eben jene ethischen Werte widerlegt werden, die sich der formalen Verbriefung entziehen, sondern sich im freien Aushandeln freier Individuen untereinander und mit ihrem Gewissen, diesem inneren «Gerichtshof» oder «Leuchtturm» unseres besseren Selbst (Kant und/oder Novalis) ergeben. Hinwiederum allerdings hat Marx darauf hingewiesen, dass auch Ethik, Gewissen etc. pp. in die Klassenverhältnisse eingebunden sind, in denen Interessen wirken, die sich in jenen ausdrücken, so dass also, im aktuellen Beispiel, derjenige, der ein mittels Spitzkick erzieltes Tor abkriegt, dieses mit scheelerem Blick betrachtet als derjenige, der es gerade erzielt hat und im Triumph sich abdreht und beschwingt ein paar Minuten später den Kunstschuss wiederholt, diesmal freilich mit dem Innenrist, was natürlich einen kategorialen Wechsel und einen qualitativen Sprung bedeutet und damit für die aktuelle Diskussion ausser Abschied und Traktanden fällt.

Item, vorweihnächtlich hatten sich am vergangenen Freitag nur acht Spieler eingefunden, so dass die beiden Dreierteams, jeweils mit einem Auswechselspieler, pausenlos im Einsatz standen, wobei es viel zu bewundern gab. Cz., Sä, M. und St. erwiesen sich als erstaunlich kampfstark und reihten Tor an Tor und Sieg an Sieg, was die sich durchaus redlich abmühenden A., K., C., Sil. doch ein wenig erstaunte. Insbesondere M. hypnotisierte die Gegner mit seinen raffiniert tempoarmen Dribblings und versenkte, nachdem er sich solcherart ein wenig Raum verschafft hatte, seine Schüsse zielgenau in die rechte, wahlweise auch linke, obere Torecke. Auch St. gelang es gelegentlich, einem Gegner an der Mittellinie den Ball abluchsen und daraus ein Tor zu erzielen, doch erweis er sich mit zunehmender Spieldauer als Chancentod, da er insbesondere im vierten Spiel beim Stand von 4 : 4 einen Kopfball aus dreissig Zentimetern an den Pfosten setzte und dann einen Ball achtzehn Zentimeter vor der Torlinie verstolperte, wobei im Gegenzug das 4 : 5 fiel.

Der pausenlose Einsatz führte allerdings zu einem beträchtlichen Verschleiss an Muskeln und zuweilen auch an Nerven, wovon der oben aufgeworfene philosophische Disput Zeugnis ablegen mag. Nach einem vorübergehenden Unterbruch stürzte man sich jedoch nochmals ins Getümmel, wobei St. – «jetzt der auch noch» – zwei Tore erzielte und M. weitere zwei Tore zu einem berauschenden 5 : 0 beitrug; doch dann überschattete eine Zerrung in der linken Wade das persönliche Comeback und ging in Dul-X-Schwaden unter; und was den Spitzkick betrifft, ist das letzte Wort zwischen Regelkonformität und Ethik noch nicht gesprochen.

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Back to Germany – With Interest

 

 

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A new German Edition of Baron Munchausen’s Adventures Sparks a Lively Intercultural Exchange

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Munchausen is a familiar name in literature as well as in psychology. ‘Munchausen Syndrome’was first diagnosed in 1951 by Richard Asher as a psychiatric disorder. Since then variants of the syndrome have been identified, including ‘Munchausen by Proxy’ and even ‘Munchausen by Internet’, where people affected by the disorder use the much enhanced possibilities of the internet to create stories of imaginary illness.

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The baffling name stems from the literary figure of Baron Munchausen. His adventures were published worldwide in sundry editions and sixty languages. He is well known in Russia and France, in Japan and Mexico. England and Germany, where his reputation is highest, both claim him as their own – with some justification. The real Baron Münchhausen, on whom some of the stories are based, originated in Germany, but his name, partially anglicised to ‘Munchausen’, appears for the first time in a 1786 text written in English and published in London by a German émigré, Rudolf Erich Raspe.

In Germany public perception is somewhat different. Gottfried August Bürger, first translator of Raspe’s English original, is credited as creator of the original work, and numerous children’s books are based on his translation. This wouldn’t be a problem – different cultures create their own history of literature –, but for one pertinent fact: Bürger only translated Raspe’s first volume. The second, published in London in 1792, was completely unknown in the Germanspeaking world until now.

Newly translated and edited by Bernhard Wiebel and Stefan Howald, this edition is the first to present both of Raspe’s volumes in German. Wiebel is an accepted authority on Münchhausen/Munchausen, and has established a private library of some thousand books on the subject (www.munchausen.org), a collection which also takes in Münchhausen in art, in film and on tv, on cigarette packets, playing cards, mugs, as parlour games and so on.

In England, Raspe may be credited with authorship of the book (the British Library lists dozens of Munchausen editions under his name), but this fascinating Enlightenment intellectual is all but forgotten as a figure in his own right. Born in 1736 in Hannover, he studied in Göttingen, became a librarian in Hannover, then in Kassel. Alongside his work, he discovered and published unknown manuscripts by Leibniz, wrote a drama, started a magazine in the tradition of the Spectator, and began to explore Germany’s volcanic landscape.

But then an incident occurred worthy of one of Munchausen’s fantastic adventures. His salary being rather meagre, Raspe began selling some of the valuable coins owned by his employer, the Landgraf Friedrich II of Hessen‐Kassel. Raspe had catalogued the coins in his usual thorough and systematic way, making it relatively easy for the missing items to be spotted when his employer took an interest in the collection. In 1775 therefore Raspe fled, pursued by a police warrant, to London. In recognition of his work on German volcanoes Raspe had, in 1769, been elected a member of the Royal Society but, when news of his disgrace reached England, his world collapsed. Nonetheless he began working with Georg Forster on a German edition of Forster’s book about his first voyage with James Cook, and translated Lessing’s Nathan der Weise into English (available at the British Library). To earn some money he used his expertise as a geologist to work for the entrepreneur Matthew Boulton, exploring possible mineral deposits in Cornwall, and started another inventory, this time for an English art dealer cataloguing the 12,000 precious stones belonging to the Russian Empress, Catherine the Great. In between, in 1786, he published, anonymously, a small booklet containing some adventures and yarns by Baron Munchausen.

These stories were not original. In 1781 a journal in Berlin had printed some anecdotes of the fantastical endeavours of a somewhat cryptically named ‘M‐h‐s‐en’ during various hunts and military campaigns. Contemporary readers might have identified this person as Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen who had fought in two Russo‐Turkish wars and had settled in Bodenwerder near Hannover, creating a name for himself in the area as a narrator of tall stories. Raspe translated these eighteen tales into English, adding some of his own. Published in London, the anthology proved a success, on which Raspe quickly built, so making Baron Munchausen/Münchhausen into a figure in his own right.

dore_zopfIn Göttingen Gottfried August Bürger, another underrated figure of the German Enlightenment, read the booklet, translated the second edition into German and published it, also anonymously, in the same year. Two years later, in 1788, he produced an enlarged edition based on the enlarged fifth English edition. Bürger’s translation has much merit. Indeed, he enriched Raspe’s book with two of the most famous episodes – Münchhausen’s ride on a cannon ball, and an adventure in which the Baron averts mortal danger by lifting himself and his horse out of a swamp by the pigtail of his own wig. These episodes were later to return to England via a French edition illustrated by Gustave Doré. As Doré’s illustrations became internationally famous, they were taken over by some English publishers who also adopted the French text, itself inspired by Bürger’s German translation, as their original source.

In Germany however, there was only one ‘original edition’, namely the text by Bürger. In the twentieth century Erich Kästner created the most successful adaptation for children, and wrote the script for the first and very successful film about Münchhausen. Produced in Nazi Germany in 1942 it is an ambivalent undertaking – made for war‐time entertainment and to enhance Germany’s reputation in the field of technically advanced film‐making –, Münchhausen boasts some impressive scenes and creates an emblematic picture of actor Hans Albers riding on a canon ball.

However, both Bürger and Kästner left out some elements mainly of interest to the English reader, and neither Bürger nor Kästner were aware that Raspe had published a supplement as well as a sequel in 1792. Astonishingly both volumes were to remain unknown in the Germanspeaking Münchhausen tradition for the next two hundred years.

The present edition presents a new Münchhausen. The second volume comprises three main strands which significantly correct the image in Germany of Münchhausen as a buffoon and a blunderer. The sequel contains more literary persiflage, is profoundly interested in discussions of technological progress and science and is more topically satirical. From the third edition of the first volume onwards, Raspe’s book was entitled Gulliver Revived, or, The Vice of Lying Properly Exposed, and had Jonathan Swift as a focal point. In the second volume Raspe engages with other authors, for instance with Oliver Goldsmith, with Sterne or Cervantes. Cervantes’ Don Quixote enters the scene as a ‘real’ figure (in the fiction which is Munchausen), and his disputes with Baron Munchausen are written as a parody of Cervantes’s parodistic style – resulting in somewhat long‐winded passages, but which illustrate interesting cross‐cultural breeding. On the other hand, Raspe quite cleverly recreates Sterne’s satirical dealing with sentimentality: his infamously suggestive chapter in Tristram Shandy about ‘whiskers’, for example, is reconstructed by Raspe, but with slightly more political edge. Munchausen’s interest in technology is most particularly reflected in ways of conquering the air. He encounters balloons – only invented by the brothers Montgolfière some ten years before –, he rides and directs an eagle to circumvent the globe, and demonstrates the balloon’s capability of lifting heavy loads by raising the building of the Society of Physicians into the air and holding it there for months – during which time nobody dies in London.

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First and foremost, Raspe’s sequel deals with the topical race to Africa, politically as well as economically and scientifically. There is a passage in which the Baron encounters a fleet of ‘Negromen’ on the coast of Guinea, ships on which black slave‐owners transport white slaves to the South Pole where they are set to work on plantations. Munchausen – aggrieved by this barbaric practice and especially by the reasoning of the black slave‐owners that whites don’t possess a soul and so are not entitled to a humane life – conquers the ships, liberates the white slaves and throws the black crews into the water. This scene reproduces as a mirror image the infamous case some years previously of the slave‐ship Zonga, when a captain ordered one hundred and forty black slaves to be thrown overboard, following which the owners of the vessel attempted to claim compensation from their insurer for lost profits – a shocking court case which advanced the abolitionist cause.

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In Africa Munchausen attempts to introduce English manners to the indigenous population – an endeavour which allows Raspe a piercing critique of the kind found in Montesquieu’s Lettres persanes, or in Swift’s work, or indeed Adolphe Freiherr Knigge’s Benjamin Noldmanns Geschichte der Aufklärung in Abyssinien, published in the same year as Raspe’s sequel. Some of Raspe’s stories are specifically concerned with English matters, for example a hilarious account of a Lord Mayor’s Show, or Munchausen’s raising of the hull of the HMS Royal George, a Royal Naval vessel which had seen distinguished service but had sunk with the loss of more than eight hundred lives during routine maintenance work in 1782. But his hero is also caught up in the French revolution, saving Marie Antoinette from the Unholy Trinity of Rousseau, Voltaire and Beelzebub – alas not to much avail.

Overall Raspe’s sequel amounts to a wide‐ranging discussion of Europe on the brink of modernity. For instance, during an expedition to find the Northwest Passage, Munchausen is distracted by his hunting instinct and pursues a polar bear. Having killed it, he is encircled by hundreds of bears, but putting on the dead bear’s skin, he gains their confidence, only to slaughter all of them afterwards – so demonstrating the unleashing of commercial and technological advances to deadly effect.

The new German edition depicts the historical background to all the stories and is richly illustrated, presenting the international tradition and impact of the multicultural figure of Munchausen/Münchhausen, and providing an innovative addition to European culture and cultures.

Stefan Howald, Dielsdorf, Switzerland

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Rudolf Erich Raspe: «Münchhausens Abenteuer». Übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Stefan Howald und Bernhard Wiebel. Gestaltet von Helen Ebert.

Stroemfeld Verlag. Frankfurt/M 2015. 272 Seiten, 55 Illustrationen. 34 Euro/38 sFr


This text was first published in: «Friends Newsletter» November 2016. Friends of Germanic Studies at the Institute of Modern Languages Research at the University of London. London 2016.

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Preiswürdig

goethe_farbenkreis_1809Goethe schreibt in seiner Farbenlehre, es gebe «keinen Anblick, der unser Auge so frappiert und unser Gemüth so verstört wie die Verbindung der beiden sekundären Farben Violett und Grün, in der sich Sinnlichkeit und Phantasie wunderlich mischen», und wer würde sich anmassen, damit rechten zu wollen, so dass also frappierte Augen und verstörte Gemüter zuhauf durch die Halle irrten, nachdem sie C. und D. in ihren respektiven Trikots nebeneinander im selben Team hatten auflaufen sehen, und ergänzt durch die in Rot gekleideten Sä. und M. erhält Team 1 deshalb den erstmals ausgesetzten, künftig wohl eher unregelmässig verliehenen Prix Haute Couture zugesprochen. Eine lobende Erwähnung geht an P. und Adr. für ihre knallgelbe Bekleidung.

Nach seinem durchzogenen Debüt von letzter Woche gelangen St. kurz nach Anstoss die ersten Tore, eines davon dank hartnäckigem vierfachem Nachsetzen; worauf die Mächte, die da walten, das Spiel noch nicht offiziell für begonnen erklärten, so dass die beiden Tore unfairerweise nicht in die offizielle Statistik Eingang finden werden. Sil. hatte in seinem Kommentar zum letzten Matchbericht profunde taktische Fragen aufgeworfen, inwiefern die Eindämmung neuer und eher unbeabsichtigt eingeführter Offensivwaffen durch Dreierteams befördert werden würde, und anfänglich schien dies auch einzutreffen; doch nach kurzer Kulturkampfdiskussion wurde beschlossen, von Dreierteams mit Auswechselspieler wieder zu Viererteams zurückzukehren, wobei die solcherart praktizierte Basisdemokratie – wie meist – nicht unumstritten blieb.

Nach dem ersten 0:0-Unentschieden rollte eine eher unerwartete Torflut heran, mit einem 4:0 und drei 3:0-Siegen; deswegen auf unterschiedlich stark zusammengesetzte Mannschaften schliessen zu wollen, wäre aber ein gelindes Unrecht, denn auf ein klares 4:0 konnte im folgenden Spiel zwischen den gleichen Teams ein 1:2 folgen, oder auf ein vermeintlich einseitiges 3:0 ein hart umkämpftes 0:0. (In Klammern sei ohne irgendwelche persönliche Bevorzugung im reinen Interesse objektiver Berichterstattung darauf hingewiesen, dass St. sein Torkonto im Verlauf des Abends mit insgesamt drei Treffern eröffnete.) Über den ganzen Abend gesehen erwiesen sich A., Sil., T. und Adr2 als kampfstärkstes und erfolgreichstes Team, weshalb sie den Preis Streber der ersten Kategorie, mit Lorbeerzweig erhalten. fussball_tino_251116

Um das so genannte Finalspiel, vor gelichteten Zuschauerreihen ausgetragen, rankten sich schon bald sagenhafte Gerüchte und kaum glaubliche Erzählungen, wonach T. nicht weniger als SECHS Tore erzielt habe, und selbst wenn wir im gegenwärtigen postfaktischen Zeitalter die Hälfte davon abziehen, so wären DREI Tore erstaunlich genug, da er im nachträglichen Live-Interview an der Seitenlinie eingestand, in einem Finalspiel (oder gar in seiner ganzen Karriere?) noch nie einen Hattrick erzielt zu haben, so dass ihm also der Premio se non è vero … verliehen wird.

Ausgehend von trilateralen Diskussionen unter der Dusche über die allfällig möglichen Regelauslegungen bei einer als Foul gegebenen Intervention gegenüber F. erhält dieser aufgrund seiner ebenso kühlen wie unvoreingenommenen Einschätzung den künftig wohl kaum mehr verliehenen Fairnesspreis.

Die weiteren Preisgewinner sind:

C.:  Premio voz robusto für die unmissverständlichsten taktischen Anweisungen

D.: Prix Fantasio für die imaginativsten Flügelläufe

Sä.: Thors Hammer-Preis für den härtesten Schuss (ungeachtet der Zielgenauigkeit)

M.: Premio Catenaccio für das beste Abschirmen des Balls mittels aller erdenklicher Körperteile (vormals Prix Czech)

Sil.: Prix Surprise für den nonchalantesten erfolgreichen Freistoss, Torwart und Schützen gleichermassen überraschend

A.: Premi puzzo für die abgeklärteste Angriffsauslösung

Adr2: Prix Souplesse für die kontrollierteste Ballführung auf engstem Raum

P.: Premio Libero für die beste (und zweitbeste) Klärung auf der Torlinie

Adr.: Prix Finesse für den subtilsten Absatztrick

St. aber sprechen wir den Man Booker Prize für die malerischste Schürfwunde am rechten Schienbein zu.

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Schmerzlich

Natürlich ist das auch ein Angedenken an Badoux, der uns vor drei Wochen so plötzlich und schmerzlich entrissen worden ist.

badoux1Denn er gehörte ja in diese jahrzehntelange Tradition, sich in den Wintermonaten jeweils Freitagabends in der Turnhalle an der Bullingerstrasse herzhaft abzumühen. Wie hätte das aufgegeben werden können? St. hatte sich im Sommer neue Tausendfüssler gekauft, in einem Fachgeschäft, die junge Verkäuferin, tätowiert, halb geschorener Kopf, hatte ihn fachkundig beraten und gemeint, als er nach kurzem Zögern die eindeutig besseren Schuhe wählte, das habe sie sich gedacht, dass er sich so entscheide, was ihm erst nachher als zwiespältiges Kompliment erschienen war, da die Schuhe natürlich auch teurer waren, und als sie ihn fragte, ob er denn noch als Schiedsrichter tätig sei, versicherte er ihr scherzhaft indigniert – oder indigniert scherzhaft –, die Bemerkung fasse er schon beinahe als Beleidigung auf, da sie ihm offenbar nicht mehr zutraue, selbst mitzuspielen, was sie nur halbwegs überzeugend konterte, indem sie entgegnete, auch Schiedsrichter müssten ja viel laufen.

Item, als er sich am vergangenen Freitag bereit machen wollte, bemerkte er, dass er gar keine Turnschuhe mehr für die Halle besass und solche also während den so bequemen obwohl aus gewerkschaftlichen wie gesellschaftspolitischen Gründen fragwürdigen späten Ladenöffnungszeiten erwerben musste, diesmal eine billige Variante, obwohl erstaunlich gut. Wie nostalgisch rührte es an, wieder einmal um das Gebäude herumzuirren, um den Hintereingang zu finden. Und sofort darauf hingewiesen zu werden, dass schwarze Turnschuhe mit schwarzen Sohlen nicht erlaubt seien; aber das hatte St. schon geahnt und darauf geachtet, dass die Turnschuhe graue Sohlen aufwiesen.

Wenn einem, da man erwachsen in das Dorf der Kindheit zurückkehrt, alles klein erscheinen mag, so mag einem, wenn man in noch reiferem Alter an den Ort früherer Untaten zurückkehrt, der Fenstersims auf der einen Hallenseite, auf den man sich während der Spielpausen setzen sollte, plötzlich unendlich hoch erscheinen. Item, zwölf Spieler waren erschienen, wie abgezählt für drei Teams, die sich ständig wechselnd sechs Minuten lang gegenüberstanden. Sechs Minuten. Wie kurz, und wie lang. Diese Subjektivität des Zeitempfindens. Im ersten Team, nennen wir es 1, dirigierte A. wie gewohnt umsichtig, T. hatte nichts von seiner plötzlichen Beschleunigung eingebüsst,  J. blieb jederzeit die Ruhe selbst und D. vorne wie hinten unentbehrlich. Auf der Gegenseite, bei 2, verteidigte C. so imposant wie immer, war Sä. kompromisslos im Vorwärtsgang, riss K. die Räume auf und wühlte Adr. unermüdlich. Im Team 3 standen Sil., kampfstark, hartnäckig, M. unerschütterlich im Tor und F., jung, dynamisch und ballsicher wie eh. Dazu dann halt St. Man könnte jetzt – copy/paste – aus alten Berichten zitieren, wonach ihm das forward pressing in der Halle auf ewig ein Rätsel bleiben wird, also irrte er erneut, mit zunehmend schwerer werdendem Schritt, hin und her, her und hin – wie ein Weberschiffchen, hätte eine entsprechende Metapher (beziehungsweise ein Vergleich) früher gelautet, jetzt wohl eher wie ein binärer Code, der sich in den Echokammern eines Algorithmus verirrt hat –, bot sich, zunehmend ermüdet, vorne rochierend an, hetzte, zunehmend ermattet, den von M. hoffnungsfroh nach vorne gedroschenen Bällen hinterher.

Alle Spiele waren, wie es so schön heisst, hart umkämpft, zumeist entschied ein Tor, oder dann fand sich gerade noch Zeit für den ehrenhaften Ausgleich. Diese Subjektivität des Zeitempfindens. Ein ohne Gewähr gegebener Überblick liesse vermuten, dass Team 2 den Abend mit neun Punkten beendete, Team 1 mit sieben und Team 3 mit unglaublichen acht. St. hatte zwei, drei Mal Pech mit einem Pfostenschuss und knapp verpassten Abschlüssen, wobei man auch hier wieder – copy/paste – darauf hinweisen könnten, dass man erst mal am richtigen Ort stehen muss, um Chancen versieben zu können. Aber Tore für sein Team erzielten doch die andern, F., und Sil., der etwa einen Strafstoss souverän verwandelte, dazu A. von Team 1, der den Ball souverän ins eigene Tor schob, wobei man diesen Siegtreffer doch zu mindestens 68 Prozent St. zugute halten darf, der, schleppenden Schritts, das forward pressing betrieben hatte.

badoux2Im allerletzten Spiel wuchs dann Team 1 über sich hinaus, kanterte Team 2 mit 4:2 nieder, wobei D. beinahe (oder wirklich?) einen Hattrick erzielte; danach war dann abrupt Schluss und begann das Leiden der gestressten Muskeln im Alltag.

Natürlich ist das auch ein Angedenken an Badoux, der uns vor drei Wochen so plötzlich und schmerzlich entrissen worden ist.

 

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