Noch ein Posthorn, und zwar ein sozialistisches

Bücherräumereien (XXIV): Eine junge Saat

«Die junge Saat» hiess 1917 eine Monatsbeilage der in Zürich erscheinenden «Freien Jugend» für die Arbeiterkinder, und da vertraute man noch auf die vorwärtsdrängende Kraft der Geschichte wie der Natur. Alle vier Jahrgänge, die unter diesem Namen erschienen sind, liegen gebunden im bücherraum f vor, in einem schwarz-rot marmorierten Kartoneinband. Der Band stammt noch aus den Beständen von Gretlers Panoptikum, aus dem uns freundlicherweise ein paar Trouvaillen überlassen worden sind.

Die Nummer 1 der «Jungen Saat» erschien am 1. Juli 1917, eingeleitet von einem Brief an «Meine jungen Freunde». Darin wird von einer Wanderung der Zürcher Arbeiterjugendgruppe berichtet, mit Spielen und Geschichtenerzählen, wobei einige Kinder gefragt hätten, wie denn diese Erzählungen auch Kinder in anderen Schweizer Städten hören könnten: Und das Resultat sei eben diese eigene Zeitung für die Kinder. Die enthält tatsächlich Geschichten und Märchen und Anekdoten, vom Eulenspiegel und von den Gebrüdern Grimm, aber auch kindertaugliche Texte von Goethe bis Meinrad Lienert. Als politisch im eigentlichen Sinn lässt sich in den ersten Nummern vor allem ein Porträt über Harriet Tubman, die «Sklavenbefreierin», bezeichnen.

Auf der abschliessenden Seite 8 werden jeweils «Spiel und Scherz» geboten. Da findet sich, in einer späteren Ausgabe, ein Spiel im Freien, das «Der Jakobiner» heisst. Dabei soll auf eine Stange eine Jakobinermütze gesteckt werden, die Kinder stellen sich im Kreis darum herum auf und singen ein Lied über die tollen Jakobiner. Dabei geht ein – natürlich roter – Plumpsack um, und wenn das Lied aufhört, muss jener in die Mitte und sich die Mütze aufsetzen, der den Plumpsack gerade hält. Danach versucht er, mit dem Plumpsack ein anderes Kind zu treffen, dem er die Mütze anhängen kann, was die Identifikation mit dem Jakobinertum etwas abschwächt, wobei man umgekehrt darin auch das direktdemokratische Prinzip der Ämterrotation sehen könnte.

Der Verantwortliche für die Beilage wird nicht genannt, aber es kann sich nur um einen handeln: Willi Münzenberg. Der hatte auf den 1. August 1912 die Leitung der «Freien Jugend» übernommen. In seinem 1930 publizierten Buch «Die Dritte Front» über «15 Jahre proletarischer Jugendbewegung» listet er, etwas eitel, den Erfolg auf: Von 40´000 im Jahr verkauften Exemplaren der Monatszeitung hat er sie drei Jahre später auf 60´000 Exemplare gesteigert, und, nachdem sie zu zweiwöchentlichem Erscheinen gewechselt hat, wird für 1917 eine Jahresauflage von 185`000 Exemplaren erreicht, also eine Auflage von 7500 Exemplaren pro Nummer. Kurz vermerkt er in einem Satz auch, dass 1917 eine neue Kinderbeilage mit einer Auflage von 3000 gegründet worden sei.

In der Nummer 7 vom Januar 1918 löst niemand anderer als Emil Oprecht die bisherige Anonymität auf: «Unser lieber Genosse Münzenberg ist von bösen Menschen daran gehindert, die Zeitung selbst zu machen.» Der liebe Genosse sass zu dieser Zeit in der Polizeikaserne in Zürich ein, da er nach den blutigen Auseinandersetzungen vom 16. und 17. November 1917 wegen Aufruhrs zur Gewalt verhaftet worden war. Mit dieser Nummer 7 wird auch ein ordentliches Impressum eingeführt: Oprecht figuriert als Redaktor, Administration und Verlag erledigt Emil Arnold. Nun liegt dem Sammelband im bücherraum f eine handschriftliche Notiz von Roland Gretler bei: Münzenberg habe 1918 das Pseudonym E. Arnold verwendet. Allerdings gab es auch einen realen Emil Arnold, der mit Münzenberg im Jugendverband zusammenarbeitete und später zur KPS stiess – also müsste man nicht von einem Pseudonym sprechen, sondern von einem zur Tarnung verwendeten realen Namen, unter dem Münzenberg aus der Untersuchungshaft heraus die Zeitung weiter redigierte. Im Mai 1918 kurzfristig entlassen, wurde er kurz darauf erneut verhaftet und im November aus der Schweiz ausgewiesen.

Tatsächlich taucht der reale oder fiktiv-reale Emil Arnold ab Juli 1918 im Impressum nicht mehr auf. Ab diesem Zeitpunkt wird die Zeitung von einer neuen Trägerschaft herausgegeben, vom Schweizerischen Sozialdemokratischen Schulverein; in einer Ankündigung in der Nummer wird allerdings vom «sozialistischen Schulverein» gesprochen.

In der «Jungen Saat» findet sich zu dieser Zeit eine Geschichte «Wie Münchhausen in einer Kanone schlief», erzählt von einem C. Hering. Es handelt sich um eine Geschichte, die Hering sicherlich von Gottfried August Bürgers Version der Münchhausen-Geschichten übernommen hat. Münchhausen, der sich in einer Kanone zum Schlaf gebettet hat, wird über die Themse geschossen und landet auf einem Heuhaufen, er wird erst nach Monaten geweckt, als der Bauer sein Heu verkaufen will. Der Herr Hering bricht die Anekdote an dieser Stelle ab und verschenkt damit gerade eine klassenkämpferische Pointe. Bei Bürger fällt der geweckte Münchhausen nämlich auf den Bauer und tötet diesen, den aber niemand betrauert, da er ein übler Geschäftemacher gewesen sei. In Rudolf Erich Raspes ursprünglicher Erzählung wird der Bauer in die Nähe mit dem im entsprechenden Londoner Hafen damals betriebenen Sklavenhandel gerückt, während Bürger bei der Übersetzung ins Deutsche ein antisemitischer Lapsus unterläuft, da der habgierige Bauer zu einem «abscheulichen Juden» wird.

Zuvor schon ist in der «Jungen Saat» eine kleine Geschichte abgedruckt worden, «Das Posthorn». Womit wir endlich beim Titel dieser Erörterungen gelandet wären. Dabei handelt es sich um die Episode aus dem Münchhausen, in der die während eines Tags geblasenen, doch in der Eiseskälte eingefrorenen Töne eines Posthorns abends in der Kneipe auftauen, wodurch aus dem Horn ohne menschliches Zutun ein buntes Potpourri an Liedern erklingt. Charakterisiert wird die Geschichte als «Märchen seit Grimm». Unzweifelhaft stammt aber auch diese Episode aus dem Bürger´schen Münchhausen. Nun hat der Literatur- und Musikwissenschaftler Frieder von Ammon in einem soeben erschienenen, sehr empfehlenswerten Sammelband zum Phänomen Münchhausen gezeigt, dass in den verschiedenen Fassungen des Münchhausen all die Jahre hindurch jeweils aktuelle Gassenhauer genannt werden. Auch in der «Jungen Saat» werden ein paar Liedtitel angeführt, darunter «Du, Du liegst mir am Herzen» – worauf also R., der ich meinen Fund zeigte, sogleich zu summen begann, da sie die Melodie samt Text aus ihrer Jugend kannte (zugegeben, nur die erste Strophe). Tatsächlich soll es sich laut Wikipedia um ein Volkslied von etwa 1830 handeln; wie das in ein Schweizer Bergtal gelangt ist, muss hier unaufgelöst bleiben.

Item, daneben werden andere Titel genannt, etwa «Schier dreissig Jahre bist Du alt» – ein Soldatenlied von Karl von Holtei aus dem Jahr 1827, auch bekannt als «Mantellied», in dem die Freundschaft eines Soldaten mit und Abhängigkeit von seinem Wintermantel beschrieben wird, dem ich frivolerweise eine homoerotische Komponente unterschieben würde. Daneben gibt es noch «Mädel ruck ruck ruck», wobei das «ruck ruck ruck» einigermassen harmlos mit «zur Seite» fortgesetzt wird. «Das Lied gehört», verrät uns die unverwüstliche Wikipedia «zu den Klassikern der Stimmungslieder und war bereits Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt. Im Jahr 1836 ergänzte Heinrich Wagner (1783-1863) die bereits vorhandene erste Strophe um zwei weitere. Die Melodie stammt von einer älteren Volksweise, die Friedrich Silcher (1789-1860) überarbeitete.»

Die vorliegenden Ausgaben der «Jungen Saat» sind im Übrigen mit handschriftlichen Anmerkungen versehen, mit Werturteilen und Korrekturen ebenso wie mit Anmerkungen zum Vorlesen. Als lokalgeschichtliches Aperçu sei zudem der Brief einer Sonntagsschülerin aus Oerlikon erwähnt, die sich darüber gefreut hat, bei einer Wanderung mit Kameradinnen und Kameraden aus dem weit entfernten Zürich gespielt haben zu können.

Ab Juli 1921 hiess die Zeitschrift dann «Der junge Genosse» – ob die junge Saat aufgegangen war, steht auf anderen Blättern.


«Die junge Saat» befindet sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek im bücherraum f in der Abteilung DC.4

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Eine Tradition feministischer Bücher

Liebe Freund*Innen von Widersprüchen,                                                                                   liebe Anwesende

Es freut uns, Euch hier im bücherraum f für diese Vernissage des neuen Widerspruch begrüssen zu dürfen. Die Nummer 74, die wir vorstellen möchten, bietet nicht nur eine Fülle an neuen Stoffen, sondern sie trägt auch ein neues Kleid. Das neue, elegantere Layout gliedert deutlicher, bietet ein fotografisch angereichertes Titelblatt, dazu längere Inhaltsangaben, sorgfältig erarbeitet; ein Wermutstropfen bleiben leere Seiten, die man vielleicht aus ökologischen wie inhaltlichen Gründen hätte füllen können. Ihr könnt das mit den bisherigen Ausgaben vergleichen, denen die gegenwärtige Redaktion freundlicherweise ein «schickes Achtzigerjahre-Layout» zugesprochen hat; sie befinden sich in diesem Gestell, in aller Farbenpracht, die den einstigen Regenbogen der edition suhrkamp weiterführt. Mit der Umgestaltung ist auch eine neue Rubrik eingeführt worden: «Spezial», was natürlich neugierig macht. Dem Spezial im neuen Heft 74 wollen wir uns an diesem Abend widmen.

Das ist ja sehr angebracht: Im vorliegenden Widerspruch-Spezial stellen elf Autorinnen elf feministische Bücher vor, und der bücherraum f enthält eine feministische Bibliothek, schema f, mit über 10000 Bänden. Die meisten Bücher aus der Widerspruch-Auswahl sind hier vorhanden, einseh- und ausleihbar, wobei die Politisch-philosophische Bibliothek linkerhand auch mit ein oder zwei Titeln aushelfen kann. So entsteht eine kleine, aber feine Geschichte feministischer Theorie und ihrer historisch-aktuellen Aneignung.

Das Spezial beginnt standesgemäss mit dem Standardwerk von Simone de Beauvoir, «Das andere Geschlecht» (1949). Es liegt bei uns in einer handlichen Taschenbuchausgabe vor. Elisabeth Joris, die 2018 als eine der ersten an einer Veranstaltung im bücherraum f auftrat, weist darauf hin, dass das Buch trotz gewisser Einwände «weiterhin ein radikales Werk von epochaler Bedeutung» sei. Insbesondere bleibe die Analyse «der machtspezifischen Wirksamkeit der Produktion des Anderen auch heute noch von höchstem politischen Interesse». Im Übrigen können wir auch eine französische Ausgabe vorweisen, nicht gerade die Erstausgabe von 1949, aber immerhin von 1958. Und das ist nicht ganz unerheblich, weil Joanna Biggs in einem langen Artikel über Simone de Beauvoir in der «London Review of Books» soeben darauf hingewiesen hat, dass «Le deuxième sexe» im angelsächsischen Raum nur in zwei ungenügenden Übersetzungen erhältlich sei.

Iris von Roten ist mit «Frauen im Laufgitter» unter den elf ausgewählten Autorinnen die einzige Schweizerin. Sibylle Stillhart erwähnt, dass die – für das Erscheinungsjahr 1958 optimistisch hoch angesetzte – Erstauflage von 3000 Exemplaren nach elf Wochen ausverkauft war. Tatsächlich, das Exemplar in unserer Bibliothek gehört bereits zur dritten Auflage 1959, vorhanden ist auch die Neuauflage, die 1991 erstaunlich spät erfolgte. Das Buch bleibt «originell und weitsichtig», dies auch aus eher zwiespältigem Grund: Weil manche Ideen bis heute nicht in die Tat umgesetzt sind. Deshalb schlägt Sibylle Stillhart vor, die Lektüre «in den Schulunterricht zu integrieren».

Nun springen wir ein wenig geografisch, von der Schweiz in die weite Welt. Die Studie «Frauen, die letzte Kolonie» haben Claudia von Werlhof, Maria Mies und Veronika Bennholdt-Thomsen im Jahr 1983 publiziert und sich dabei wesentlich auf die Dritte Welt, die Länder des Südens bezogen. Wir springen auch ein wenig zeitlich, zu einer neuen theoretischen und politischen Generation. Regula Flury erläutert, was das Buch für die autonomen Feministinnen der Achtziger bedeutet habe – nicht nur die Überwindung der Doktrin von Haupt- und Nebenwiderspruch – zu der sich einige ältliche Veranschaulichungen in der Politisch-philosophischen Bibliothek befinden. Sondern vor allem die «theoretische Einbettung der unbezahlten oder schlecht bezahlten und mehrheitlich von Frauen geleisteten Reproduktionsarbeit in die kapitalistische Ökonomie», und dies unter «Einbezug einer globalen Perspektive auf Subsistenzarbeit im Süden». Silvia Federici hat dann in «Caliban und die Hexe» (2004) dieses Thema wieder aufgegriffen, indem sie, wie Rahel Locher zeigt, den marxschen Akkumulationsbegriff erweitert und nicht als abgeschlossenen, vielmehr als weiter gehenden Prozess betrachtet. Federici hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt, wohl stärker als der Bielefelder Ansatz von Werlhofs et al., vielleicht weil sie sich stärker in einer aktivistischen Bewegung verortet – dem italienischen Operaismus – und damit «an den konkreten Kämpfen der Menschen» orientiert.

Zeitlich noch vor diesen beiden Büchern, zumindest im US-amerikanischen Original, liegt der Kampf um eine neue Identität in Audre Lordes «ZAMI. Eine neue Schreibweise meines Namens» (1982). Von Lorde haben wir zwei später ins Deutsche übersetzte Bücher in den Beständen, die stärker zum damals von schema f schwerpunktmässig gesammelten Thema Körper/Gesundheit passen. Für Rahel El-Maawi allerdings hatte gerade das frühere Buch ganz konkrete Auswirkungen: Lorde «war und ist eine wichtige Wegbereiterin für einen intersektional verstandenen Feminismus» und «prägt meinen Aktivismus massgeblich»; auf diesem Hintergrund ist auch die Gründung des Schweizer Netzwerk Schwarze Frauen Bla*Sh im Jahr 2013 zu verstehen.

In umgekehrter Hinsicht hat der Aufsatz von Christina Thürmer-Rohr «Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung» (1983) für Shelley Berlowitz «bahnbrechend» gewirkt, und zwar weil er «den weissen westlichen Feminismus aus der Komfortzone geschleudert» habe. «Der Gedanke der Mittäterschaft» (der übrigens weiterhin auch eine Herausforderung für eine geschlechtergerechte Sprache darstellt) habe einen neuen «Denk-Weg eröffnet»: «Wie funktioniert Macht in unserem Gesellschaftssystem? Wie stützen wir diese Macht, wie stimmen wir ihr zu, wie lassen wir sie geschehen oder arbeiten ihr zu?» 1987 ist er im Sammelband «Vagabundinnen» wieder abgedruckt worden; in diesen Zusammenhang gehören auch Beiträge von Frigga Haug, die in mehreren Bänden zur Opfer/Täter-Debatte gesammelt sind.

Gender und Identität und Identitätspolitik: Wie könnten da Luce Irigaray und Judith Butler fehlen? Luce Irigarays «Ethik der sexuellen Differenz» (1984) wird von Tove Soiland vorgestellt, von der selbstverständlich auch die profunde Studie «Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz» im bücherraum f vorhanden ist. Irigaray versuche keine Definition männlicher und weiblicher Wesenheiten, sondern zeige einen «in den symbolischen Strukturen eingelagerten phantasmatischen Bezug zum Körper der Mutter», der «eine Art Magma, oder Nacht» darstelle, aus der die Männer, die Menschheit unentgeltlich alles Nährende, Belebende bezögen.

Patricia Purtschert beschreibt ihre anfängliche Irritation durch Judith Butlers «Das Unbehagen der Geschlechter» (1990), das sowohl sprachlicher wie inhaltlicher Natur gewesen sei, da Butler «mehrere Prämissen eines vorherrschenden Feminismus in Frage» gestellt habe; noch immer reibt sie sich daran, findet am Buch aber unvergleichlich anregend «den Gestus der feministischen Kritik, den es beharrlich und virtuos vorführt, auch auf sich selbst anzuwenden». In der Ausleihstatistik von schema f für das Jahr 1993 gewinnt Butler übrigens das Rennen gegenüber Iris von Roten mit einer Länge.                                                                                                                                                                                                                          

Nun kommen zwei Titel, bei denen wir leider passen müssen. Schema f hat ja eine Lücke von einem guten Jahrzehnt, und genau das decken diese beiden Titel ab. Die Lektüre von Virginie Despentes «King Kong Theorie» (2006) bedeutete für Naiara Korta Martiartu ein «feministisches Werden», da sich Despentes um die «Randzonen, das Monströse» bemühe. Ihre brutale Ehrlichkeit im Beschreiben von Hässlichkeit und Unerwünschtem münde in einen «Aufruf, sich eine postgeschlechtliche oder postidentitäre Möglichkeit vorzustellen. Eine Überschreitung des Binären. Ein Monster*werden». Ebenso nahe auf den Leib rückt Kirsten Achteliks «Selbstbestimme Norm» (2015) über pränatale Untersuchungen. Für Aisha Fahmy wird darin analysiert, wie das Konzept der Selbstbestimmung verhängnisvoll durch die neoliberale Individualisierung und Atomisierung vereinnahmt werde, statt sich an einer solidarischen Gesellschaft auszurichten. Dabei ermögliche das Buch einen direkten Anschluss und eine Weiterschreibung früherer feministischer Bewegungen. «Alle, die den selbst ernannten Lebensschützern mehr als nur Mein Bauch gehört mir! entgegnen wollen, sollten dieses Buch lesen.» Wie gesagt, diese beiden Bücher stehen nicht in unseren Regalen – wir nehmen sie aber gerne als Geschenke entgegen.

Den Schluss macht, ganz angemessen, die Kultur. Andi Zeisler zerzaust in ihrem Buch «Wir waren doch mal Feministinnen» (2016) die Pop- ebenso wie die Alltagskultur. Da fühlen wir uns wieder auf etwas sichererem Boden – von den Spice Girls ebenso wie von den Riot Grrrls haben selbst ältere Semester schon mal gehört. Lisia Bürgi nennt einige der ebenso witzig wie scharf beschriebenen alltagskulturellen Phänomene aus Zeislers Buch, die Frauen seit Neustem wieder als Selbstbestimmung angeboten würden: vom Make-up über flache Schuhe bis zum Velofahren. Doch dieser «Verwässerung und Vermarktung feministischer Ideale» sei im Gegenzug eine «nachhaltige und kritische feministische Kultur» entgegenzustellen.

So weit ein kurzer Streifzug durch das «Spezial» des Widerspruch 74. Natürlich enthält die Nummer 74 mit dem Schwerpunkt «Frauen*streiken» daneben zahlreiche gehaltvolle Artikel: nicht spezial, aber speziell. Und damit laden wir Euch zur weiteren Lektüre ein, unterstützt von etwas Rosé und rosaroten Häppchen.

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Stürme der Geschichte

Bücherräumereien (XXIII): Bruchstücke zu Rosa Meyer-Leviné

«A Storm from paradise» beschreibt eine Liebesgeschichte kurz vor dem 1. Weltkrieg. Ein schottischer Provinzlehrer wird von der russischen Emigrantin Elizabeth de Pass, die es auf verwickelten Wegen in sein Dorf verschlagen hat, für einen Winter und einen Frühling aus seinem engen, vorgespurten Leben gerissen. Doch er vermag die ihm gebotene Ausbruchsmöglichkeit nach ihrer Abreise nicht zu ergreifen und zieht sich in eine konventionelle Ehe und Karriere zurück.

Erschienen ist das Buch 1985 in London, und sein Autor Stuart Hood schreibt darin über seinen Vater, zwischen Realität und Fiktion. Der eindrücklich evozierten Herkunft, den sozialen Verhältnissen und Zwängen wird die fiktive Liebesbeziehung überschrieben. Später hat mir Hood, als ich einen früheren Roman von ihm übersetzte, in London gesagt, für die Figur der russischen Emigrantin habe er sich von Rosa Meyer-Leviné inspirieren lassen, die er in den sechziger Jahren in London gekannt habe.

Rosa Meyer-Leviné (1890–1979) führt tief in die Geschichte der kommunistischen Bewegung im kurzen 20. Jahrhundert zurück. Sie hat im hohen Alter zwei Bücher veröffentlicht, eines über ihren ersten, eines über ihren zweiten Ehemann. Die Männer stehen jeweils im Zentrum der Darstellungen, doch durch Meyer-Levinés unverwechselbare Erzählungen wird zugleich deren eigene Persönlichkeit sichtbar. Da ist erstens «Leviné. Leben und Tod eines Revolutionärs». Der russisch-deutsche Revolutionär Eugen Leviné (1883–1919) war der Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in München und im April 1919 der Anführer der zweiten Regierung der dortigen Räterepublik. Nach deren Niederschlagung wurde er am 13. Mai gefangengenommen und nach einem Kriegsgerichtsverfahren am 4. Juni erschossen. Das zweite Buch «Im inneren Kreis. Erinnerungen einer Kommunistin in Deutschland 1920–1933» ist hauptsächlich dem Schicksal von Ernst Meyer (1887–1930) nacherzählt. Der war wie Leviné Mitgründer der KPD, danach zweimal Parteivorsitzender und in mehr oder weniger führender Position tätig bis zu seinem Tod wegen Tuberkulose.

Rosa Meyer-Leviné selbst wurde 1890 als zwölftes Kind eines Rabbiners im damaligen Russisch-Polen geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters reiste sie als junge Frau nach Wien und dann nach Heidelberg, schlug sich als Gouvernante und Privatlehrerin durch, lernte 1910 Eugen Leviné kennen und heiratete diesen 1915 in Berlin.

Märtyrer

Das erste Buch, auf Deutsch 1972 und auf Englisch 1973 mit einer Einleitung von Eric Hobsbawm erschienen, hat einen entschieden revolutionären Impetus. Allerdings beschreibt Rosa Leviné darin bereits eine Ambivalenz der kommunistischen Bewegung. Eugen Leviné und mit ihm die KPD hielten die Ausrufung der Räterepublik in München am 7. April 1919 für verfrüht und abenteuerlich; aber, einmal begonnen, stellte sich Leviné hinter den Aufstand, wie es einst Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bei der Januarrevolution in Berlin getan hatten. Nach einem niedergeschlagenen Gegenputsch setzte sich die KPD unter Leviné an die Spitze der zweiten Räteregierung, während frühere anarchistische Protagonisten wie Gustav Landauer und Erich Mühsam an den Rand gedrängt wurden. In der Historiografie wird das zumeist als Machtübernahme durch die Kommunisten beschrieben; Rosa Leviné stellt es eher als Aufopferung dar. Eugen Leviné habe gewusst, dass die Räterepublik zum Scheitern verurteilt gewesen sei, aber einmal in Gang gesetzt, habe jemand die Sache bis zum bitteren Ende ausfechten müssen.

Trotz, oder wegen, der traumatischen Erfahrung, der Hinrichtung ihres Mannes beiwohnen zu müssen, blieb Rosa Leviné ihrem politischen Engagement treu. 1922 heiratete sie Ernst Meyer. Damit geriet sie in den «inneren Kreis» der kommunistischen Politik in den zwanziger und dreissiger Jahren. Meyer war 1922 und wieder 1927/28 KPD-Parteivorsitzender, dazwischen und danach, bis zu seinem Tod 1930, der Vertreter einer «mittleren» Position, die sich im Widerspruch zur «ultraradikalen» wie der «reformistischen» Strömung in der KPD befand. Verzahnt war das mit der globalen Entwicklung. Die KPD war die mächtigste kommunistische Partei ausserhalb der jungen Sowjetunion, ihr Schicksal entsprechend eng mit der Kommunistischen Internationale, der Komintern verknüpft. Meyer und Meyer-Leviné reisten in den zwanziger Jahren mehrfach nach Moskau; Meyer-Leviné sprach ja russisch und wirkte zuweilen als Dolmetscherin.

Enttäuschungen

Die Lektüre ihres zweiten Buchs ist eine über weite Strecken deprimierende Angelegenheit. Was sich als roter Faden durchzieht: Die KPD hat «im inneren Kreis» vor allem aus Fraktionskämpfen bestanden. Linke, Mitte und Rechte befehdeten sich beinahe bis aufs Blut. Kaum ein führendes Mitglied, das nicht einmal entmachtet, gar ausgeschlossen wurde. Natürlich, dahinter lagen politische Meinungsunterschiede, insbesondere zwischen «Offensivstrategie» und «Einheitsfront». Befand man sich kurz nach dem 1. Weltkrieg in einer revolutionären Situation und sollte auf Waffengewalt zur Erringung der Diktatur des Proletariats gesetzt werden, oder musste man sich um eine Zusammenarbeit mit der sozialdemokratischen Mehrheit in Gewerkschaften und Arbeiterbewegung bemühen? Wie hielt man es mit dem Parlamentarismus und der Tolerierung von Mitte-Links-Regierungen in einzelnen Freistaaten Deutschlands? Rosa Meyer-Leviné versucht das an Stimmungen, Meinungen, Positionen in der Arbeiterschaft zurück zu binden, wobei sie als nicht-mandatsgebundene Mitarbeiterin ihres Mannes durchaus ein Ohr bei der Basis hatte. Aber der subjektive Faktor, die Führer – und die gelegentliche Führerin – spielen doch die entscheidende Rolle. Häufiger ändernde Positionen von KPD und Komintern dienen, ebenso wie die wechselnden Koalitionen, vor allem der Absicherung der eigenen Macht. Ab 1928 setzt dann die Komintern die absurde, verheerende Sozialfaschismustheorie durch, wonach nicht die aufkommenden Nazis oder das Bürgertum, sondern die Sozialdemokratie den Hauptfeind darstellte. Es war eine Wiederaufnahme der schon einmal gescheiterten ultralinken Position, abgesichert vom willfährigen Ernst Thälmann.

Meyer-Leviné kann sich dabei zuweilen den widersprüchlichen Einschätzungen nicht einfach entziehen. Wünsche und Realitäten geraten durcheinander. Im deutschen Oktober 1923 wäre, so schreibt sie, die Bereitschaft vorhanden gewesen, die durch die reaktionäre Reichsregierung entmachtete Volksfrontregierung in Sachsen und Thüringen mit einem Generalstreik, gar mit Waffen zu verteidigen. Doch plötzlich will der Betriebsrätekongress nicht mitmachen. Ist das ein Versäumnis der KPD oder ein Verrat der SPD? Der Kampf um die Zitadellen der Macht wird jämmerlich abgebrochen, obwohl sich «die Arbeiterschaft viele Monate lang mit ganzem Herzen vorbereitet hatte». Nur in Hamburg wird auf den Barrikaden gekämpft. Ist das heroischer Widerstand oder selbstmörderisches Abenteurertum, durch ein Missverständnis ausgelöst? Noch in der Niederlage versucht Meyer-Leviné, einen Hoffnungsschimmer zu entdecken. «Die Bewegung gewann aus all ihren tragischen Irrtümern doch auch unschätzbare Erfahrungen für die Zukunft.»

Noch deutlicher wird dieses Schwanken in der Beschreibung ihrer Reisen in die Sowjetunion. 1925 erscheint ihr als Höhepunkt der dortigen revolutionären Entwicklung: überall Begeisterung, neue Ideen, Initiativen, ja, neue Menschen. Aber dann trifft sie den Komintern-Vorsitzenden Grigorj Sinowjew, und als der wider besseres Wissen die damaligen Intrigen in der KPD gegen Ernst Meyer leugnet, «begriff ich, treue, inbrünstige Kommunistin, blitzartig die Bedeutung eines totalitären Staates». 1928 haben sich wirtschaftliche wie politische Lage verschlechtert. Sie sieht die abgewürgte Eigeninitiative im täglichen Leben und erlebt «verstört» den ersten Schauprozess gegen technische Kader, denen Sabotage vorgeworfen wird. Zugleich aber: die Frauen! Intelligent, erfrischend, ehrgeizig, kurzum: «Kinder der neuen Ordnung». 1930 können sie und ihr Mann, beide an Tuberkulose erkrankt, ein Sanatorium besuchen, und das ist «wie eine lebendige Illustration der sozialen Gerechtigkeit». Gleichzeitig erlebt sie auch im persönlichen Bekanntenkreis, wie sich in der Sowjetunion das Duckmäusertum durchsetzt, wie sich Ehepartner über der Frage, wie weit man sich anpassen muss, gefährlich entzweien.

Abrechnungen

In ihrem Buch rechnet sie unbarmherzig mit der Politik der KPD ab: Im März 1921 nahm die, um das angebliche revolutionäre Feuer zu schüren, «Zuflucht zu Sabotage, Bombenlegerei und schlichter Provokation. Ja, es hat Versuche gegeben, die Schutzpolizei so zu provozieren, dass sie als erste angriff, damit die Arbeiter losschlügen. [..] Es schien keine Rolle zu spielen, wessen Blut da noch floss.» Während der späteren ultraradikalen Phase 1924 hätten «Lug und Trug» die Partei beherrscht; 1925 habe die Kandidatur von Ernst Thälmann bei der Reichspräsidentenwahl die Wahl des Monarchisten Paul von Hindenburg gegen den Kandidaten der Mitte ermöglicht; der Aufbau unabhängiger roter Gewerkschaften sei jämmerlich gescheitert; der Aufruf zu einer Demonstration am 1. Mai 1929 in Berlin, die in ein Blutbad durch die sozialdemokratisch kommandierte Polizei mündete, sei ein unverantwortlicher katastrophaler Fehlschlag gewesen; die Komintern habe schon vor der Machtübernahme von Stalin die KPD unter ihre Knute gezwungen und recht eigentlich zerstört.

Und sie liefert ebenso unbarmherzige Psychogramme. Ruth Fischer, die ultralinke KPD-Führerin von 1924/25: aufgeblasenes Selbstbewusstsein und Besserwisserei bei politischer Ignoranz. Deren Bruder Gerhart Eisler (beides im Übrigen Geschwister des Komponisten Hanns Eisler): zuerst überwältigende, bestürzende Dünkelhaftigkeit, dann 1932 ein zerstörter, geduckter Mensch. Ernst Thälmann, KPD-Vorsitzender ab 1925: ein tapsiger Bär, ein dürftiger Denker, dann eine willfährige Marionette der Komintern. Heinz Neumann, früh ein Opfer, spielte selber eine prominente Rolle bei der «Rückgratbrecherei»; Arthur Ewert, der einige Jahre zusammen mit Meyer die «Mitte»-Fraktion führte, beging 1930 einen «schändlichen Akt der Unterwerfung». Selbst Willi Münzenberg, der legendäre Propagandist, sei ein intriganter Opportunist gewesen, zunehmend politisch korrupt. Die einzige der grossen KPD-Gestalten, die einigermassen unbeschadet davon kommt, ist Clara Zetkin. Unangetastet bleibt auch Lenin, den Rosa Meyer-Leviné einmal, 1922 in Moskau, bei einem Kongress als überwältigend erlebt hat, und der aus den Erfahrungsberichten, die sie aus erster Hand erhält, ebenfalls als Leuchtfigur hervorgeht. Auch die überragenden politischen und theoretischen Trotzkis Fähigkeiten werden gewürdigt, wobei dieser sich zuweilen in einen anderen Menschen verwandelt habe, wenn seine Eitelkeit ihn übermannt habe. Zu Karl Radek und Grigori Sinowjew und Nikolai Bucharin pflegt sie anfänglich gute, ja freundschaftliche Beziehungen, aber die drei unterwerfen sich einer nach dem anderen der stalinistischen Linie und sind schliesslich zerbrochene Männer – viele Jahre bevor sie nach Schauprozessen hingerichtet werden oder im Gefängnis umkommen.

Selbstkritik

Zweifellos, Rosa Meyer-Leviné ist befangen, und sie findet, Ihr Ehemann Ernst Meyer sei der einzige, der die KPD je politisch und administrativ erfolgreich geleitet habe. Aber sie überliefert auch von diesem erschreckende Positionen, etwa wenn er 1925 meint, man hätte Sinowjew wegen dessen Zerstörung der KPD aufknüpfen sollen. Und Meyer, der sich über lange Jahre hinweg persönlicher Intrigen enthalten hat, vollzieht auch einmal im «Interesse der Partei» eine Absage an frühere Positionen und gibt damit seine «moralische Integrität» preis. Sie selbst nimmt sich von der Kritik ebenfalls nicht aus. Nach dem Tod ihres Mannes 1930 entschliesst sie sich, auch aus finanziellen Gründen, für die sowjetische Seite Propagandaarbeit zu übernehmen und als Russland-Berichterstatterin für die deutsche kommunistische Presse zu wirken. Dabei schreibt sie einen langen Artikel über den ersten Fünfjahresplan: «vierundzwanzig Seiten lang Lügen. Rückblickend lesen sie sich wie das Gefasel einer Irren.» Und sie stimmt mit grundsätzlichen Beschreibungen etwa von Margarete-Buber-Neumann überein, der Witwe von Heinz Neumann, wie Parteikader sich allmählich in Illusionen, Lügen verstrickt, sich selbst entfremdet und schliesslich allen absurden Vorwürfen unterworfen hätten.

Anfang 1933 wird Rosa Meyer-Leviné die Lage in der Sowjetunion unerträglich, und sie reist nach Deutschland zurück. Wenige Wochen später ist Adolf Hitler an der Macht, also flieht sie nach Prag, dann nach Frankreich und im Oktober 1934 nach London. Wo sie bis zu ihrem Tod 1979 leben wird, von einem kurzen Aufenthalt in Heidelberg unterbrochen.

Eine Hypothese

Trotz ihres Antistalinismus und anders als Buber-Neumann, die eine der Kronzeuginnen des Antikommunismus wurde, hat Rosa Meyer-Leviné ihre linken Überzeugungen nie aufgegeben. So erscheint sie denn auch in Stuart Hoods Buch «A storm from paradise». Der schreibt von einem Ich-Erzähler her über seine Figur: «For the purpose of my romance I have given her H´s looks, intelligence and directness, but I require other details which I shall take from someone else with another destiny than hers whom I knew much later.» Tatsächlich skizziert er, als «my hypothesis», den Lebenslauf einer Rabbiner-Tochter aus Russisch-Polen, die gegen ihre Herkunft rebelliert und sich in sozialistischen Kreisen politisiert. An der Figur interessieren Hood zwei Dinge, die die Figur des Vaters aus der konservativen schottischen Atmosphäre herausholen sollen: ihre politische Haltung und eine Freizügigkeit in persönlichen Beziehungen und in der Erotik. Letztere hat Rosa Meyer-Leviné in den ersten Seiten ihrer Leviné-Biografie angedeutet, wenn sie schreibt, dass sie bis zur Heirat mit Leviné neben ihren Liebesbeziehungen auch mit Männern zusammenlebte, die ihr den Lebensunterhalt sicherten.

Gegen Ende von Hoods Buch, nachdem sich der Vater/Schullehrer in einem konventionellen Leben eingerichtet hat, skizziert der Ich-Erzähler als Alternative das Leben von Elizabeth de Pless in den zwanziger und dreissiger und schildert deren politische und soziale Tätigkeit in Deutschland. Nun nennt er sie bei ihrem richtigen Namen: Elizavyeta Mueller-Potapova. Darin wird Rosa Meyer-Leviné sichtbar, aber doch wieder halb fiktiv überdeckt. Zudem wird ihr späteres Leben in London nach dem 2. Weltkrieg beschrieben. «her interest in politics awoke once more so that in the fifties and sixties she drew to her flat young people on the left: a radical publisher, the editor of a Marxist journal, members of various Trotskyist group […] There was always in her comments on the present a clear dialectic process at work, a sharpness and a practicality that deflated the arguments of revolutionary utopians and cut through the verbiage of fashionable theory.» Das scheint der Realität zu entsprechen, wie sich bruchstückhaft rekonstruieren lässt. Der eminente Kommunismusforscher Hermann Weber lernte sie offenbar in den sechziger Jahren kennen und benützte als erster ihr Privatarchiv insbesondere zu Studien über Ernst Meyer. Eric Hobsbawm verkehrte bei ihr, wie sein Nachwort zur Leviné-Biografie belegt. 1972 spannte sie offenbar den in der Nachbarschaft wohnenden Erich Fried ein, um in der Bundesrepublik eine Rehabilitierung ihres erschossenen ersten Mannes Eugen Leviné zu erreichen. Auch in einem Nachruf auf den 2013 verstorbenen israelischen Sozialisten Akiva Orr taucht sie als regelmässige Gesprächspartnerin auf.

Stuart Hood hat mir gelegentlich einen Eindruck von ihr vermittelt. «Sie lebte in London und telefonierte mir gelegentlich, ich solle sie besuchen. Dann hat sie mir Geschichten erzählt, in Russisch und Deutsch, über die deutsche Politik, über Trotzki und Bucharin in Wien, unglaubliche Geschichten, manche davon sicher wahr, einige vielleicht auch nicht. Sie hasste Trotzki. Sie hatte einst einen neuen Rock gekauft, ich glaube, zu dieser Zeit war sie die Freundin eines linken österreichischen Industriellen. Trotzki machte eine abschätzige Bemerkung darüber, und das hat sie ihm nie verziehen.» Im Übrigen hat Hood in «A storm from paradise» mit einer Nebenbemerkung seine eigene Geschichte hinein verwoben. Er selbst war Ende sechziger, Anfang siebziger Jahre verheiratet mit Renée Goddard, einer Tochter von Werner Scholem – der seinerseits in den zwanziger Jahren einer der prominentesten innerparteilichen Gegner von Rosa Meyer-Levinés Ehemann Ernst Meyer gewesen war.

Hermann Weber hat in den siebziger Jahren die Herausgabe der beiden Bücher von Rosa Meyer-Leviné unterstützt und die in ihrem Todesjahr erschienenen «Erinnerungen» herausgegeben und kommentiert. Seither werden ihre Bücher in historischen Studien als Quellen angeführt, aber ihre eigene Rolle in der deutschen ArbeiterInnenbewegung ist bisher nicht aufgearbeitet worden. In zwei kürzlich erschienenen Biografien zu Werner Scholem wird sie nur ganz beiläufig erwähnt. Auch der im Bundesarchiv in Konstanz vorhandene Nachlass ist nicht weiter ausgewertet. In einer Studie über «Nachlässe und Sammlungen deutschsprachiger Personen im britischen Exil» von 2017 wird ihr Todesjahr falsch angegeben, und als Nachlass wird einzig ihre Leviné-Biografie aufgelistet.

Immerhin: Hoods Buch, dessen Titel sich an Walter Benjamins Engel der Geschichte orientiert, hat ihr ansatzweise ein eigenwilliges Denkmal gesetzt.

Stefan Howald


Die beiden Bücher von Rosa Meyer-Leviné sind im bücherraum f in der Politisch-philosophischen Bibliothek in der Abteilung GB vorhanden.

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Aus der Hölle

Bücherräumereien (XXII): Nachtrag zu Rudolf Olden und andern

Der Band stand mir vor Augen, ein einfacher blauer Einband samt aufgeklebtem Vermerk, dass es sich um einen Fehldruck handle. Aber das Buch war nicht dort, wo es in meiner Bibliothek stehen sollte, und erst beim Aufräumen in einem Zimmer kann es an einer Stelle zum Vorschein, wo es ebenfalls eine Berechtigung hatte, zu stehen. Es stammt von Irmgard Litten und heisst «Die Hölle sieht dich an. Der Fall Litten».

Hans Litten (1903–1938) war ein Jurist während der Weimarer Republik, der sich öfters mit den Nazis anlegte und schliesslich in einem KZ starb. Geschrieben ist das Buch von seiner Mutter Irmgard, als Rechenschaftsbericht über die Verbrechen der Nazis wie über die letztlich fruchtlosen Bemühungen, den Sohn zu retten.

Litten, schon ganz jung ein scharfsinniger Rechtsanwalt, verteidigte ab 1928 mehrmals angeklagte Kommunisten oder trat als Privatkläger gegen nazistische Schläger auf. 1929 reichte er eine Klage gegen den sozialdemokratischen Berliner Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel ein, weil der eine 1.-Mai-Demonstration mit Waffengewalt hatte auflösen lassen, wobei 33 Arbeiter starben. Besonders bekannt wurde Litten 1931 durch einen Prozess, in dem er Adolf Hitler als Zeugen vorlud und ihm zwei Stunden lang illegale Aufrufe zur Gewalt nachwies. Seither war ihm der Hass der Nazis gewiss, und er wurde wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 als einer der ersten Systemgegner verhaftet.

Die Mutter schildert das fünfjährige Martyrium ihres Sohns durch diverse Konzentrationslager. Und sie schildert ihre Anstrengungen um den Sohn, auch wie sie sich zuweilen taktisch verhält, wie wechselweise entschiedenes Auftreten oder emotionale Appelle einer verzweifelten Mutter bei unteren Gestapo-Beamten ein gewisses Entgegenkommen bewirken können; dennoch ist Hans Littens Tod, der sich schliesslich angeblich selbst erhängte, angesichts des nazistischen Terrorregimes unausweichlich.

Das Buch enthält ein Vorwort von Rudolf Olden aus dem März 1940, also ein paar Monate geschrieben, bevor dieser selbst durch das Torpedo eines deutschen U-Boots gegen das Passagierschiff, auf dem er exilieren wollte, umkam. Olden hat Litten schon als jungen Referendar kennen gelernt, der nicht parteipolitisch gebunden, aber unbestechlich links engagiert für die Wahrheit gekämpft habe. Er, der doch selbst ein unermüdlicher Kämpfer war, hat dem jüngeren Kollegen offenbar geraten, gelegentlich etwas weniger rigid aufzutreten, was Litten aber angesichts von dessen «franciscanisch» reinem Charakter nicht möglich gewesen sei. Der «Opfergang» Littens zeigt für Olden aber auch, was die Justiz sein müsste: «der breite und feste Quader in der Grundlage abendländischer, christlicher Zivilisation».

Der Band stammt aus der Bibliothek eines verstorbenen befreundeten Ehepaars; auf dem Titelblatt ist ein Stempel der «VPOD-Bibliothek» ersichtlich geworden, nachdem die mit Bleistift vorgenommene Verdunkelung vorsichtig wegradiert worden ist. Offensichtlich handelt es sich um eine Erstausgabe, 1940 im Pariser Exilverlag Editions Nouvelles Internationales erschienen. Ein Blatt zwischen Umschlag und Titelblatt ist herausgerissen; ob es sich um Vorsatzblatt oder um Schmutztitel gehandelt hat, ist nicht zu entscheiden, und zur Unklarheit trägt bei, dass es im Impressum heisst: «Umschlagzeichnung von Walter Trier». Eine solche Umschlagzeichnung fehlt; es wäre merkwürdig, wenn diese sich auf dem Vorsatzblatt befunden hätte, ein anderer Umschlag ist allerdings auch nicht bezeugt, wobei der jetzige Buchumschlag original zeitgenössisch zu sein scheint.

                                                                                          

Warum es sich dabei um einen Fehleinband handeln soll, kann aus dem Buchrücken halbwegs erschlossen werden, weil dort der Buchtitel orthografische Fehler aufweist. So ist «Hölle» kleingeschrieben, und auf dem o findet sich statt der Umlautzeichen ein circonflexe. Das mögen allerdings für eine Ausgabe in einem Exilverlag in Paris lässliche Sünden sein; doch zu weiteren Indizien reicht es nicht, weil unter dem an zwei Ecken ein wenig losen Zettel auf der Vorderseite sich nur der aufgeprägte Name Litten und nicht mehr entziffern lässt. Eine englische Kollegin, mit der ich einst über deutsche Literatur im englischen Exil zusammengearbeitete hatte und die mehrfach über Olden und Litten geschrieben hat, wird sich jetzt um weitere Aufklärung bemühen.

Ein Nachtrag noch zum Illustrator Walter Trier (1890–1951). Der hatte sich schon in den zwanziger Jahren einen Namen als Zeichner für Zeitschriften und mit Buchumschlägen gemacht, Ab 1929 arbeitete er mit Erich Kästner zusammen und illustrierte fortan alle von dessen erfolgreichen Jugendbücher und Adaptionen, darunter auch eine Fassung des Münchhausen. 1936 flüchtete er nach London, von wo aus die Zusammenarbeit mit einem französischen Exilverlag durchaus möglich war.

Erstes Sammelwerk zur verfemten Literatur

Rudolf Olden ist auch vertreten in einem Sammelband «verboten und verbrannt. Deutsche Literatur – 12 Jahre unterdrückt». Der ist 1947 herausgegeben worden von Richard Drews und Alfred Kantorowicz. Als Verleger zeichneten Heinz Ullstein und Helmut Kindler. Nach dem Krieg hatten Ullstein und Kindler zusammen mit Ruth Andreas-Friedrich von den Alliierten die Lizenz für die Frauenzeitschrift «sie» erhalten; ein Projekt, das wohl als politisch unbedenklich eingestuft wurde, sich dabei durchaus um eine liberale «Entnazifizierung» bemühte. In der «sie» erschien Anfang 1947 ein sechzehnseitiger Sonderdruck mit dem Titel «verboten und verbrannt», der vor allem an AutorInnen aus der sogenannten inneren Emigration erinnern sollte. Für eine Buchpublikation erweiterte der selbst aus der Emigration zurückgekehrte Alfred Kantorowicz die Ausgabe massgeblich. So präsentiert der auf holzhaltigem gelblichem Nachkriegspapier gedruckte Pappband auf 180 Seiten nicht weniger als 190 verbotene und verbrannte Autorinnen und Autoren. Nach einem kurzen biografischen Abriss, der sowohl die Verfolgung durch die Nazis wie die Exilstationen enthält, folgt jeweils ein kurzer Textausschnitt. Hinzugefügt sind 15 Seiten mit ganz kurzen Hinweisen zu weiteren AutorInnen. Das Personenregister umfasst, handgezählt, 764 Namen. Es ist eine bemerkenswerte Leistung. Wie im Vorwort zu Recht bemerkt, war es die erste Sammlung und das erste Gedenken dieser Art und hat dies heute noch bibliografisch-dokumentarische Bedeutung.

Das Vorwort macht ein kleines Zugeständnis an die damalige deutsche Öffentlichkeit, indem die nicht unproblematische «innere Emigration» etwas gar schnell zum «inneren Widerstand» aufgewertet wird; der weit überwiegende Teil der aufgeführten AutorInnen sind allerdings genuin Exilierte und Verfolgte. Von den 190 Aufgeführten sind, zeitgenössisch, gerade mal 15 Frauen. Man sollte sich allerdings daran erinnern, dass Jürgen Serke 1980 in seinem Buch «Die verbrannten Dichter», das damals eine neue Phase der Beschäftigung mit der Exilliteratur einläutete, neben 27 Autoren auch nur 5 Autorinnen aufführte.

«verboten und verbrannt» scheint ein grosser und verdienter Erfolg gewesen zu sein. «Die 60 000 Exemplare, die kurz vor Weihnachten 1947 erschienen, waren Anfang 1948 bereits vergriffen», hat Joachim Güntner in einem Nachruf auf Helmut Kindler 2008 in der NZZ vermeldet. Nur wenig später, 1949, begann der Aufbau des «Exilarchivs 1933 – 1945» in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt.


«verboten und verbrannt» findet sich im bücherraum f in der Politisch-philosophischen Bibliothek in der Abteilung L.2

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Münchhausen: eine Vernissage

Sehr geehrte Damen und Herren, geehrte Münchhausianerinnen und Münchhausologen, liebe Freundinnen der Fantastik, Verächter der Lügen und Fans der Weltliteratur

Wir begrüßen Sie ganz herzlich zu dieser Buchvernissage im bücherraum f in Zürich-Seebach. Sie atmen hier durchaus historischen Atem. Ganz in der Nähe hat sich ja jener Vorfall abgespielt, der nicht nur in die Weltliteratur eingegangen ist, sondern auch einen wesentlichen Einschnitt in der abendländischen Philosophie darstellt. Im Binzmühlegebiet ist der kühne Baron von Münchhausen samt Pferd beinahe jämmerlich in die Binsen gegangen; wir werden darauf zurückkommen.

Aber beginnen wir am Anfang. Hieronymus von Münchhausen ist ja vor genau 300 Jahren, am 11. Mai 1720, in Bodenwerder geboren worden. Es war ein strahlender, geradezu heißer Tag, und kaum hatte der junge Erdenbürger das Licht der Welt erblickt, verlangte er mit kräftiger Stimme nach stärkendem Bier, ein Getränk, das er bald für edlere Tropfen eintauschte. In einem Nebengebäude, der «Schulenburg», ist mittlerweile ein Museum eingerichtet; während das ehemalige Herrenhaus der Adelsfamilie heutzutage, wie es sich gehört, als Rathaus dient.

Hieronymus ist der Anlass für diese Veranstaltung und für das Buch, das wir Ihnen nachher gerne präsentieren werden. Aus der Partnerstadt Bodenwerder haben uns die besten Wünsche erreicht, die wir hiermit erwidern möchten. Insbesondere begrüßen wir Claudia Erler, unermüdliche Museumsleiterin. Dank für vielfältige Unterstützung in der Causa Münchhausen gilt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sowie Landesbischof Ralf Meister. Es freut uns sehr, dass Politik und Kirche sich in diesen denkwürdigen Zeiten zusammengefunden haben. Begrüßen möchten wir auch Fred Burkert als Vertreter der Samtgemeindeverwaltung Bodenwerder-Polle sowie verschiedene Mitglieder beiderlei Geschlechts der mittlerweile doch recht weit verzweigten Familie Münchhausen. Unser Dank gilt zudem Axel Halle, dem unermüdlichen Bibliotheksdirektor der Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, der dieses Buch nicht nur angeregt, sondern neben dem nicht immer ganz erquicklichen Umbau des Ausstellungsraums in der Bibliothek Zeit gefunden hat, seinen Fortgang freundschaftlich zu begleiten.

Um Hieronymus also geht es zuvörderst. So hat er im Alter ausgesehen, in Kupfer gestochen von Gottlieb Müller. Oder vielleicht hat er auch nicht ganz so ausgesehen. Es ist halt so eine Sache bei ihm und um ihn mit den Fakten und den Fiktionen.

Tatsächlich: Münchhausen, wie wir ihn lieben und schätzen, ist sowohl eine historische wie eine literarische Gestalt. Die Beziehung zwischen den beiden ist durchaus nicht ohne Spannung. Hieronymus hat, wie schon erwähnt, ein langes Leben gelebt, wohl nicht zuletzt gekräftigt wegen der frühen Stärkung durch ein kühles Blondes aus der Familienbrauerei. Dieses sein Leben teilt sich in zwei Phasen. Von früher Jugend an bis ins 30. Lebensjahr durchreiste er fremde Länder, residierte an prunkvollen Höfen, nahm an dramatischen Schlachten ebenso wie an grandiosen Festen teil. Ab 1750 hat er in Bodenwerder gelebt. Und er hat wohl zusehends in der Vergangenheit gelebt, über die er bei einem Glas Tokajer schnurrig und launig berichtete. Ja, man könnte sagen, er hat zusehends in den eigenen Erzählungen gelebt und sich dabei allmählich in seinen eigenen Mythos verwandelt. Als der dann von verschiedener Seite aufgegriffen und in die Öffentlichkeit getragen worden ist, hat ihn das freilich nicht sehr befriedigt, und er hat die verantwortlichen oder auch die nicht verantwortlichen Skribenten mit deutlichen Worten dafür gescholten. Wer möchte denn nicht die Verfügungsgewalt über die Erzählungen zur eigenen Person besitzen?

Allerdings, so geht ein Gerücht, soll der Autor vor mehr als fünfzig Jahren von Roland Barthes zu Grabe getragen worden sein. Beim Baron von Münchhausen verkompliziert sich die Sache, weil er nicht nur Hieronymus, sondern daneben mehrere weitere Personen als mögliche Autoren vorzuweisen hat. Über diese verwickelte Geschichte könnte man ganze Bücher verfassen; wir begnügen uns hier mit ein paar wenigen kräftigen Strichen. Dabei würde es uns nicht ganz richtig dünken, die verschiedenen Autoren in der Ursuppe, besser: im Ursumpf der historischen Entwicklung versinken zu lassen, ohne ihnen Hilfe in Form eines wohlgeformten Haarzopfes anzubieten. Auch die künstlerische Produktion hat trotz aller nicht mehr so ganz modischer Importe aus Frankreich immer noch, mit Bertolt Brecht gesprochen, Name und Anschrift.

Zuerst soll jetzt aber auf den genius loci eingegangen werden. Wie, werden Sie sich fragen, ist denn der weitgereiste Münchhausen in den Seebacher Binsen gelandet? Nun, das trug sich folgendermaßen zu. Zu seinen Zeiten befand sich im Zürcher Unterländer Weiler D. eine kleine, aber gediegene Pferdezucht, deren Ruhm sich im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitete – noch heute pilgern ja etliche Pferdefreunde an den Fuß der Lägern. Auch Münchhausen erfuhr davon, und als begnadeter Reiter und Jäger wollte er einem der Pferde habhaft werden. Gesagt, getan, und nach erfolgreich getätigtem Handel, dessen Details uns hier nicht weiter interessieren sollen, ritt er vergnügt von dannen.

Wie Sie wohl wissen, war das jetzt so dicht überbaute Grenzgebiet zwischen Seebach und Oerlikon im 18. Jahrhundert noch kaum kultiviert. Der Name Seebach geht ja auf jenen Bach zurück, der mittlerweile als Chatzenbach vom Chatzensee über den Büsisee in den Leutschenbach fließt, der das Gebiet seinerseits im Süden begrenzt. Dazwischen lag eine mit Binsen bewachsene Niederung, von der die Binzmühle und das Binzmühlequartier ihren Namen beziehen. Das 1212 erstmals erwähnte Mühlengebäude, zugleich die erste urkundliche Erwähnung von Seebach, wurde 1961 abgebrochen. Das Nachbarhaus, der «Tannenhof» aus dem Jahr 1678, steht noch, an der jetzigen Allmannstrasse 4, fünf Minuten von hier entfernt.

In dieses Binsengebiet geriet der Baron nun beim Heimritt, sei es, weil, wie ein eminenter Literaturwissenschaftler in anderem Zusammenhang erklärt hat, die Dufour-Karte die Schweiz erst ab 1845 abbildete, sei es, weil Münchhausen dem doch eher herben Zürcher Landwein etwas gar stark zugesprochen hatte. Dabei sank sein Pferd allmählich im Feuchtgebiet ein – in diesem Zusammenhang von einem Sumpf zu sprechen, wie es Gottfried August Bürger in seinen nachträglichen ‹Erzählungen› tut, ist wohl eher dessen Hang zum Übertreiben geschuldet. Die Gefahr freilich war sehr real und seine Abhilfe ebenso real wie ingeniös: sich am eigenen Haarzopf aus den Seebacher Binsen emporzuziehen.

Diese Episode und Bürger sind ja einigermaßen bekannt. Deshalb sollte im neuen Band mit neuen Perspektiven, da sind sich die Herausgeber einig, vor allem Rudolf Erich Raspe in den Vordergrund gerückt und geschoben werden.

Münchhausen war ein streitbarer Mensch. Auch Rudolf Erich Raspe hat sich immer wieder in Auseinandersetzungen verwickelt gesehen. Andrea Linnebach rückt im hier präsentierten Buch eine solche Auseinandersetzung in die zeitgenössische Gelehrtenrepublik. Raspe tritt in Erscheinung als Parteigänger von Lessing in einem öffentlichen akademischen, mit heftiger Polemik ausgefochtenen Streit. Als Aufklärer hat er sich zwangsläufig in den avanciertesten Debatten engagiert. Melanie Beese zeigt auf, wie die aufstrebenden Naturwissenschaften ihren Niederschlag in seinen Erzählungen finden. Laura Tarkka-Robinson beschreibt Münchhausen als aktiven Propagandisten der Aufklärung und die hannoversche Aufklärung als eine spezielle Variante dieser großen geistigen und materiellen Bewegung.

Ecrasez l‘infâme!, hieß einer der Schlachtrufe dieses versuchten Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit; entsprechend geht Martin Scharfe in seinem Beitrag blasphemischen Passagen im Münchhausen nach und belegt, wie das Buch als Bestandteil einer untergründigen volkstümlichen antiklerikalen Strömung eine grundsätzliche Religionskritik transportiert – wir bitten Herrn Landesbischof Meister hier um christliche Nachsicht. Die Auseinandersetzung mit der Kirche wird auch in anderem Zusammenhang virulent: Franziska Maag analysiert einen als Kinderbuch getarnten russischen Münchhausen aus dem Jahr 1860 als scharfe antizaristische und antipopistische Kampfschrift. Wobei das Blasphemische immer auch ins Schlüpfrige und Skatologische übergeht – wer könnte je die Austernmahlzeiten des Papstes vergessen, aus deren Konsequenzen sich die Familie Münchhausen ja herleitet, oder zumindest ein Zweig der Familie, dem, wie wir sogleich klarstellen möchten, niemand der heute hier anwesenden Münchhauserinnen und Münchhauser angehört.

Apropos Papst und Austern und umstrittene Urheber- und Nachkommenschaften: Zum Spiegelkabinett unterschiedlicher Vaterschaften des Münchhausen ist auch in jüngerer Zeit eifrig angebaut worden. So hat kurz nach dem Ersten Weltkrieg und der russischen Revolution der polnisch-russische Autor Sigismund Krzyżanowski den alten Hieronymus noch leibhaftig erlebt, der offenbar in geradezu jungfräulicher Weise seinem eigenen Buch entsprungen war, worüber Krzyżanowski in einem menschlich ebenso anrührenden wie erkenntnistheoretisch verstörenden Porträt berichtet, dessen Übertragung aus dem Russischen ins Deutsche uns die Übersetzerin Dorothea Trottenberg mit einer Leseprobe vorstellt, kommentiert von ihr und Thomas Grob.

Kürzlich ist Hieronymus sogar in einem Münchner Vorgarten gesichtet worden. Harry Kämmerer schildert die philosophischen Zugewinne und gartenbaulichen Kollateralschäden dieser unerwarteten Begegnung der dritten Art. Peter Weber bringt einen weiteren Baron ins Spiel, der mit magischen Bohnen um sich werfen soll, und dies in Zürich, ausgerechnet! Genug der Fantastereien, ist man versucht zu sagen.

Deshalb möchten wir hier ein kurzes musikalisches Intermezzo einspielen. Vielleicht könnte Anna-Verena den ipod in Gang bringen; und dürften wir auch die hinteren Reihen um etwas Ruhe und Aufmerksamkeit bitten, damit wir uns ganz dem Genuss dieses Zusammenschnitts all jener Töne hingeben können, die in den verschiedenen Fassungen aus Münchhausens Posthorn neben dem Kachelofen in der Kaschemme aufgetaut sind und den Baron und sein Gefolge unterhalten haben. Frieder von Ammon ist diesen Tonspuren im vorliegenden Band minutiös nachgegangen. Dabei zeigen sich nicht nur lautmalerische Varianten – Tereng! Tereng! Teng! Teng! – mit mehr oder weniger Ausrufezeichen, sondern zuweilen lässt sich eine Jukebox des zeitgenössischen musikalischen Geschmacks ausmachen.

Münchhausen ist auch ein visuelles Geschehen, wie die folgende Diaschau vergegenwärtigt.

Vielleicht könnten wir dazu das Licht ein wenig herunterschalten oder dimmen. Ja, danke, das sollte reichen.

Rudolf Erich Raspe hat ja selber Illustrationen verfertigt; doch der gewaltigste und wirkungsmächtigste Illustrator ist ohne Zweifel der industrielle Romantiker Gustave Doré. Der leider verstorbene Norbert Schneider demonstriert dies im vorliegenden Sammelband in aller Pracht. Da ist einerseits die überbordende Fantasie, mit der Doré zum Beispiel die fantastische Meeresfauna aufzeichnet, die Münchhausens Vater während des Ritts auf dem Grund des Ärmelkanals begegnet ist; und da sind andererseits die kühnen Perspektiven, in denen Doré das Geschehen zeigt, etwa wenn sich Münchhausen zwischen Krokodil und Löwe wiederfindet. Manche dieser Doré-Zeichnungen sind in unserem Prachtband abgedruckt, neben vielen anderen. Insgesamt sind es 70 Illustrationen, die genau den 70 Jahren des Lebens von Hieronymus zwischen 1720 und 1790 entsprechen (wobei wir die letzten sieben Jahre nicht berücksichtigt haben, die im Schatten junger Mädchenblüte doch ein wenig, nun, verschattet waren).

Doch kehren wir nochmals etwas weiter in die Geschichte zurück. Aufregende Spuren und überraschende Dokumente zum Vater des Freiherrn von Münchhausen hat Otto Freiherr von Blomberg in Archiven gefunden, die fast wie erfunden scheinen. Auch Axel Wellner hat sich in einer «genealogischen Miniatur» einen Vater vorgenommen – nämlich Christian Theophilus Raspe, den Vater von Rudolf Erich Raspe. Dass dieser Vater als Beamter in einem Berghandelscomptoir gearbeitet hat, mag nicht ganz unschuldig daran gewesen sein, dass sein Filius zu einem bedeutenden Geologen wurde – ein schönes Beispiel für Newtons Gleichnis vom Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt. Mehr über Rudolf Erich Raspes Rolle als Vermittler von Wissen und Know-how in den Geowissenschaften zwischen Deutschland und England erfahren wir im Beitrag von Friedrich Waitz von Eschen.

Soweit so gut und schön und richtig. Wie aber, werden Sie fragen, halten wir es mit der Lüge? Weit ausgreifend setzt sich Thomas Fries diesem Thema auf die Spur und führt uns kundig in die Antike und zu einem grundsätzlichen Dilemma zurück. Könnte jedoch die Wahl zwischen Lukians freudiger Reise zum Mond und Platons düsterer Höhlenexistenz anders als mit einem klaren Bekenntnis zur literarischen Freiheit ausfallen? Etwas verdüstert müssen dagegen Jürg Kesselrings Ausführungen zum Münchhausen-Syndrom in der Medizin und Psychiatrie ausfallen, die zeigen, dass auch in der medizinischen Arbeit die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge problematisch ist.

Sehr geehrte Frau Erler, geehrter Herr Ministerpräsident, Herr Landesbischof, meine Damen und Herren, liebe Münchhausens, wir haben damit eine weite, doch hoffentlich kurzweilige Reise zurückgelegt, so wie ja auch Münchhausen mehrfach die Erde bis ins Innerste erkundet und das All bis zum Mond vermessen hat.

Nun bitten wir Sie zu einem kleinen Apéro, den Maître le Crac angerichtet hat und der, wie es sich gehört, aus Münchhausen´schen Zutaten hergestellt worden ist: Entenbrustscheibchen à la laisse; Hirschkeule mit frischem Lorbeer; gut abgehangener Eisbärenschinken; dazu einen kräftigen Tokajer. Eine vegane Variante kann auf Wunsch vor Ort zubereitet werden.

Erhältlich ist natürlich, sozusagen als Dessert, auch unser Buch.


Stefan Howald / Bernhard Wiebel (Hrsg.): «Das Phänomen Münchhausen. Neue Perspektiven». kassel university press. Kassel 2020. 264 Seiten, 70 Illustrationen. € 29.

Es ist ab sofort zu bestellen bei den Herausgebern: Bernhard Wiebel (bernhard@wiebel.ch) und Stefan Howald (sthowald@bluewin.ch).

Gerne werden dabei auch die soeben von der Bundesbank ausgegebenen Münchhausen-Gedenkmünzen à 20 Euro in Zahlung genommen, wobei Sie verstehen werden, dass wir angesichts der doch eher dubiosen Herkunft darauf einen Echtheits-Zuschlag erheben müssen.

Nun also: Guten Appetit und erquickliche Lektüre

Stefan Howald

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Gegen die Wundertäter: der Liberale Rudolf Olden

Bücherräumereien (XXI)

«Er hält nichts von Verträgen, Paragraphen oder Verfassung. […] Ja, er hält die Gesetze für verbrecherisch, wenn sie den Schutz der Schwachen bezwecken. […] Der Vorgang, dass der Starke sich selbst Fesseln anlegt, sich durch Geschriebenes bindet, dem Schwachen eine Waffe gibt und sich ihr unterwirft – der Inbegriff der Zivilisation ist ihm widerlich, erscheint ihm pervers, der Ordnung, die allein ihm verständlich ist, in einer ärgerlichen Weise zuwider.»

Dass das Verhältnis zu Recht und Justiz gerade ein Gradmesser für die Zivilisiertheit einer Gesellschaft und eines Staats ist: Darum kümmern sich die politischen Heilsversprecher und Wundertäter nicht.

«Es gibt noch ein anderes Begriffsmerkmal für den Wundertäter, von dem wir sprechen, das ist der Glaube. Nur wer an sich selbst glaubt, dem glauben die anderen. Das ist, was wir narzistische Versunkenheit nennen. […] Bei alledem scheint immer eines gemeinsam: Führer und Geführte teilen mit dem Glauben auch die Eigenschaft, dass die Scheidewand zwischen Bewusstsein und dem, was unter ihm ist, gelockert ist. Eine Eigenschaft also, die auch den Neurosen zu Grunde liegt.»

Nein, hier wird nicht von Donald Trump gesprochen, sondern die Sätze stammen von 1932/1933 und meinen Adolf Hitler. Genauer: Sie meinen die Form des damals neu aufkommenden zeitgenössischen Führers, der sich kurz darauf fürchterlich in der Realität betätigte. Geschrieben hat die Sätze Rudolf Olden, einer der führenden Journalisten und Demokraten der kurzlebigen Weimarer Republik.

Dabei war Rudolf Olden (1885–1940) erst spät zum Journalismus und zum politischen Engagement gekommen. In Stettin geboren, mit den Eltern durch vielerlei deutsche Städte gezogen, studierte er ursprünglich Rechtswissenschaften, legte das Staatsexamen ab und wirkte ein paar Jahre als Referendar; die Schul- und Studiennoten waren zumeist gerade «ausreichend», die Berufstätigkeit unspektakulär. Wie viele deutsche Beamte und Intellektuelle rückte er 1914 begeistert als Kriegsfreiwilliger ins Feld. Da entwickelte er sich zum Pazifisten und antipreussischen Demokraten.

1918 wurde Olden, praktisch als journalistischer Novize, von Benno Karpeles an die führende liberale Wochen- beziehungsweise Tageszeitung in Österreich geholt. Insbesondere um die Redaktion des «Neuen Tags» versammelten sich zahlreiche Talente wie Alfred Polgar, Arnold Höllriegel, Egon Erwin Kisch, Karl Otten und Joseph Roth. Olden etablierte sich innert Jahresfrist zu einem führenden Kommentator und sollte in den folgenden 15 Jahren rund 1000 Artikel schreiben, zumeist unverwechselbare scharfsinnige Analysen.

Wegen seiner präzisen Beobachtung der deutschen Politik von Wien aus warb ihn Theodor Wolff 1926 zum liberal-demokratischen «Berliner Tageblatt» ab, und in Berlin verkehrte er auch im Kreis um die «Weltbühne».

Als ausgebildeter Jurist beschäftigte sich Olden immer wieder grundsätzlich mit dem Verhältnis von Recht zu Gesellschaft und Staat; er begleitete auch verschiedene spektakuläre Gerichtsfälle journalistisch, etwa den Fall des wohl unschuldig hingerichteten polnischen Landarbeiters Josef Jakubowski. Ab 1929 als Strafverteidiger in Berlin zugelassen, wirkte er zuweilen selbst als Anwalt; so verteidigte er den «Weltbühne»-Herausgeber Carl von Ossietzky oder argumentierte gegen das Verbot des Bertolt-Brecht-Films «Kuhle Wampe». Sein Plädoyer, mit dem er 1932 einen Freispruch für Ossietzky gegen die Anklage einer «Beleidigung der Reichswehr» erreichte, gilt noch immer als ein Meisterstück forensisch-philosophischer Analyse.

Bereits 1923 hatte Olden nach dem gescheiterten Hitler-Putsch über diesen geschrieben und auch dessen «Mein Kampf» studiert. 1932 erschien der von Olden herausgegebene Band «Propheten in deutscher Krise: das Wunderbare oder die Verzauberten», in dem er den «ungeheuren Umschwung vom Rationalen zum Irrationalen» in der deutschen Politik analysierte. Nach einem Besitzer- und Kurswechsel wurde er auf Ende 1931 beim «Tageblatt» entlassen. Was seine Aktivität nicht hemmte. Er schrieb jetzt in der «Weltbühne» und im «Tage-Buch», wirkte an Buchprojekten mit, trat vor Gericht auf und gehörte im Februar 1933 zu den Organisatoren des Kongresses «Das freie Wort». Wenige Tage später, nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar, musste er als den Nazis zutiefst verhasster Publizist und Anwalt zuerst nach Prag und Ende 1933 nach London flüchten.

Von links: Rudolf Olden, Carl von Ossietzky, Alfred Apfel, 1932 in Berlin.

Auch in England wirkte Olden unermüdlich. 1933 veröffentlichte er die Schrift «Hitler als Eroberer». Darin lieferte er einerseits ein Psychogramm von Hitler. Obwohl er diesen in seiner Wirkungsmacht nie unterschätzt hatte, sah er ihn andererseits doch vor allem als «Agenten», als Statthalter für mächtige ökonomische Konglomerate und konservative politische Interessengruppen. 1934 gab er in einem Pariser Exilverlag ein «Schwarzbuch» über «die Lage der Juden in Deutschland 1933» heraus, die wohl erste Bestandsaufnahme über die Auswirkungen des nazistischen Antisemitismus. 1935 analysierte er in einem weiteren Buch Feldmarschall und Reichspräsident Hindenburg, der den Aufstieg Hitlers letztlich abgesegnet hatte, und zwar als ein Produkt des preussischen Militarismus und Junkertums. In einer Neuauflage seines Hitler-Buchs deutete Olden 1935 allerdings an, dass er Hitler nun nicht mehr bloss als Spielfigur sah, sondern als einer, der das ganze Spiel übernahm.

Olden schrieb für verschiedene Exilzeitschriften, versuchte auch, Artikel in der englischen Presse zu lancieren, von der er eher als lästig abgewehrt wurde. Eine neue Haupttätigkeit ergab sich als Sekretär des deutschen PEN-Zentrums im Exil, für das er nicht weniger als 1779 Briefe mit Hilferufen und Unterstützungsgutachten verfasste. Seine junge – dritte – Ehefrau Ika Olden (1908–1940), geborene Halperin, unterstützte ihn unerschütterlich, war auch an der Verfassung seiner Bücher im Exil beteiligt.

Die grösste Enttäuschung in England bildete für Olden die Tatsache, dass er von offizieller Seite nicht für den politisch-publizistischen Kampf gegen Hitler eingesetzt wurde; ja, 1940 wurde er kurzfristig als «enemy alien» interniert. Obwohl er gesundheitlich angeschlagen war, liess man ihn nur unter der Bedingung frei, dass er England verlasse.

Mit rund 200 anderen Flüchtlingen reisten Rudolf und Ika Olden im September 1940 auf dem britischen Passagierdampfer «City of Benares» über den Atlantik. Am 18. September 1940 wurde das Schiff von einem deutschen U-Boot angegriffen. Dabei kamen inklusive Besatzungsmitglieder insgesamt 248 Menschen, darunter 77 evakuierte britische Kinder, ums Leben. Ika Olden wurde laut überlebenden Augenzeugen gedrängt, ein Rettungsboot zu besteigen, doch wollte sie sich nicht von ihrem Ehemann trennen, der zu schwach war, die schwer havarierte «City of Benares» zu verlassen. So ertranken beide im untergehenden Schiff.

Der verantwortliche deutsche U-Boot-Kommandant Heinrich Bleichrodt (1909-1977) hat einen eigenen Eintrag in Wikipedia als «einer der erfolgreichsten U-Boot-Fahrer des Zweiten Weltkriegs». Zwar wird beiläufig erwähnt, von ihm sei anders als von anderen Crewmitgliedern nach dem Zweiten Weltkrieg keine Entschuldigung für die Versenkung der «City of Benares» «überliefert»; davon abgesehen werden all seine «Feindfahrten» aufgelistet und die von ihm versenkten 27 Schiffe zu den entsprechend vernichteten Bruttoregistertonnen aufaddiert, als ob es sich dabei um sportliche Rekorde handle.

In den 1980er Jahren sind einige Bücher von Rudolf Olden anlässlich einer Wiederentdeckung der deutschen Exilliteratur neu aufgelegt worden. 2010 hat die Deutsche Nationalbibliothek Olden eine Ausstellung gewidmet; das vorliegende Buch ist eine Art Katalog dazu. Verschiedene Beiträge würdigen ihn als Journalist, als Jurist, als Buchautor und Analytiker; die Tochter Mary Elizabeth (Kutzi) Sufott, die als Zweieinhalbjährige nach Kanada evakuiert worden war, steuert ein paar persönliche Reminiszenzen bei; die bedrückende Zeit in England wird beschrieben, und ein Beitrag beschäftigt sich mit dem älteren Bruder Balder Olden, ebenfalls ein erfolgreicher, aber nicht so profilierter Schriftsteller.Von Rudolf Olden selbst sind gegenwärtig zwei Bücher, «Hitler der Eroberer» und eine Biografie über Gustav Stresemann in Taschenbuchausgaben erhältlich. Eine weiterhin lohnende Lektüre.

Sylvia Asmus / Brita Eckert (Hrsg.): «Rudolf Olden. Journalist gegen Hitler – Anwalt der Republik». Eine Ausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933 – 1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Frankfurt am Main, 26. März bis 28. Juli 2010. Deutsche Nationalbibliothek, Frankfurt 2010. 176 Seiten, mit zahlreichen Illustrationen.


Das Buch befindet sich im bücherraum f in der Politisch-philosophischen Bibliothek in der Abteilung DE.2.

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Vom proletarischen Jugendwohnheim zum Szenelokal

Bücherräumereien (XX): Das Café Boy

Natürlich gab es im ersten Jugendhaus in Uster gleich zu Beginn eine hauseigene Bibliothek. Schliesslich gehörten Lesen und Bildung zur politischen Aufklärungsarbeit. Auch im wenige Jahre später gegründeten Wohnheim Sihlfeld und im Café Boy wurde eine Bibliothek eingerichtet.

Mit dem Café Boy verbinden sich vielfältige Geschichten, und es ist vielfältig in die Geschichte des Roten Zürich verwoben. Ein wunderschön gestaltetes Buch zum 100. Geburtstag erinnert daran. Dabei ist der Name ja nur die halbe Wahrheit. Das eigentliche Zentrum der Geschichte bildet die Genossenschaft Proletarische Jugend Zürich und ihr Wohnheim Sihlfeld, das günstigen Wohnraum für junge ArbeiterInnen bieten sollte. Das im Erdgeschoss angesiedelte Café Boy war sozusagen ein Nebenprodukt, stand und steht aber gelegentlich für das ganze Unternehmen.

Es begann mit einem Jugendheim in Uster. Der Seidenfabrikant Gustav Nüssli (1871–1919),der religiös-sozialistischen Bewegung nahestehend, stellte Geld zur Verfügung, und im Dezember 1917 konnte das Jugendhaus eröffnet werden. Die Dokumente darüber sind spärlich, wie Luca Stoppa in seiner ausführlichen Recherche im Jubiläumsband schreibt. Nüssli war auch Initiant anderer Genossenschaften und Konsumvereine. Doch im Dezember 1919 starb er unerwartet; aus seinem Erbe fiel der Gruppe um das Jugendhaus Uster eine Restsumme zu. Damit wurde1923 die Genossenschaft Proletarische Jugend (GPJ) gegründet. Sie dislozierte nach Zürich und war vorerst im Umfeld der Kommunistischen Partei (KPS) verankert. Das Geld reichte allerdings nicht für die ursprüngliche Idee eines Wohnheims für proletarische Jugendliche. Dafür konnte 1925 in Böschenrot am Zugersee ein Ferienheim eröffnet werden. Es wurde von Gruppen aus der kommunistischen Bewegung, aber auch von Tagesausflüglern frequentiert und wirtschaftete durchaus erfolgreich. Doch 1931 verstärkte sich der politische Druck auf die KPS, und 1935 musste das Heim aufgrund von Behördenschikanen aufgegeben werden.

Dazwischen, 1928, war die Genossenschaft durch eine Stiftung despazifistischen Architekten Max Rotter zu zwei Häusern an der Sihlfeldstrasse gekommen. Schon am 1. Juni 1928 konnte dort endlich das Proletarische Wohnheim eröffnet werden, mit elf Einer- und sechs Doppelzimmern. Dazu kam eine gemeinschaftliche Infrastruktur mit Aufenthaltsräumen – selbstverständlich samt kleiner Bibliothek – eine Bastelwerkstätte und ein grosser Speisesaal mit Gemeinschaftsküche.

Das Haus sollte nicht nur Wohnort, sondern zugleich Versammlungsort sein. So wurde ein breites Kulturprogramm geboten, politisch wie kulturell. Doch im ersten Jahresbericht hiess es ein wenig enttäuscht, die Jugendlichen seien vor allem an den Unterhaltungsabenden interessiert gewesen.

 In den folgenden Jahren verbreiterte sich die Trägerschaft, in den zeitgenössischen Linienkämpfen setzte sich allmählicheine (links)sozialdemokratische und gewerkschaftliche Orientierung durch. Bereits 1932 gab es Pläne für einen Umbau beziehungsweise Neubau an der Sihlfeldstrasse, der dann im Oktober 1934 eröffnet wurde. Er ist ein Wurf, und ist bis heute, nach einer sanften Renovation, ein Wahrzeichen Neuen Bauens aus den 1930er Jahren geblieben. Architekt Franz Stephan Hüttenmoser hat daneben nur sehr wenig gebaut, doch Muriel Pérez stellt ihn in einem Beitrag zum Jubiläumsbuch in die internationale Diskussion über funktionales und zugleich sozial avanciertes Bauen.

Das Konzept eines integrierten Wohnheims funktionierte etwa zwanzig Jahre lang. Das Wohnheim war gut besetzt, wenn die MieterInnen auch stark fluktuierten. Die Räume wurden von diversen Kultur- und Sportvereinen benützt, die Werkstätten waren gut ausgelastet. Zwei Mieterinnen aus dieser Phase, Mentona Moser und Rosa Grimm, führen tief in die Geschichte der Schweizer Arbeiter- und Frauenbewegung.

Doch in den fünfziger Jahren hob sich der Lebensstandard der Arbeiterklasse, und die Arbeiterbewegung begann, sich in den bürgerlichen Staat zu integrieren. Die «proletarische Jugend» verflüchtigte sich; langjährigen MieterInnen konnte nicht gekündigt werden, also stieg das Durchschnittsalter, und um 1960 kamen «Randständige», wurden Sozialhilfebezüger von der Stadt Zürich einquartiert. Die Werkstätten waren ab 1965 finanziell nicht mehr tragbar.

Das alkoholfrei geführte Café Boy hatte schon zuvor ein Eigenleben entwickelt. Mitte der sechziger Jahre begann ein Aufschwung, der das Image bis heute mitprägt. Gruppen der Neuen Linken versammelten sich in den Räumen im Untergeschoss. Die Antiatombewegung fand hier einen Stützpunkt, die Junge Sektion der PdA plante die Aufmischung der herkömmlichen Politik und entwarf radikale Flugblätter, die Werkstatt schreibender Arbeiter feilte an Texten, der «Zeitdienst» von Theo Pinkus ordnete das Material für seine Seiten, und die Führungsgruppe der RAZ, der Revolutionäre Aufbauorganisation Zürich, schmiedete jeden Sonntagabend am Aufstand herum. Ich erinnere mich vage an zwei, drei Sitzungen, bei denen ich Anfang 1974 als Vertreter der Basisgruppe Germanistik an Versammlungen des Hochschulkampfs teilgenommen habe; wobei mir die damals dominierende RAZ ein bisschen zu revolutionär war; sie hat sich dann auch wenig später aufgelöst – ohne mein Zutun natürlich.Die «revolutionäre» Tradition blieb freilich gewahrt mit Vorgruppen des heutigen Revolutionären Aufbaus. Und mit Spitzeleien des Staatsschutzes, die schliesslich 1986 in der WOZ enttarnt wurden.

Dabei bleibt es ein Paradox: Das Café Boy gehörte zwanzig Jahre lang zur linken Infrastruktur, aber all diese Sitzungen und Aktivitäten hatten keinerlei belebende Auswirkungen auf die Genossenschaft. Ja, in den abgedruckten Gesprächen stellen ehemalige ExponentInnen und MieterInnen bereits ab 1953 eine Stagnation fest. Das Wohnheim und das Gesamtunternehmen dümpelten vor sich hin, konnten die Impuls von 68, von 80 oder von neu entstandenen Wohnbauinitiativen wie Karthago nicht aufnehmen. Im Nachwort zum Jubiläumsbuch wird von Oliver Schwarz, Mitglied des heutigen Genossenschaftsvorstands, ein schon beinahe unbarmherziges Fazit gezogen. Umgekehrt beurteilt ein langjähriger Genossenschafter wie Eugen Stiefel die neuste Entwicklung der Genossenschaft ziemlich kritisch.

Das Café Boy, immerhin, konnte unter verschiedenen Pächtern überleben, auch weil 1987 ein Alkoholpatent erworben worden war. Als erfolgreichste Phase gilt einhellig diejenigeunter Christian Egger von 1990 bis 1995, der einen levantinischen Kochstil nach Zürich brachte und durch seine Musikliebhaberei ein neues Publikum anzog. Unterschiedliche Betriebsauffassungen zwischen ihm und dem Genossenschaftsvorstand scheinen aber zu einem nicht ganz reibungslosen Abgang geführt zu haben.

Wenige Jahre häutete sich die Genossenschaftgrundlegend. 1998 wurde auf Initiative des langjährigen Präsidenten Bruno Kammerer ein zweites Haus an der Langstrasse erworben. Möglich wurde diese, weil das Wohnheim offenbar dank erhöhten, wiewohl immer noch günstigen Wohnpreisen gut gewirtschaftet hatte, und dank einer günstigen Hypothekarbelastung. Seither stützt sich die Genossenschaft auf zwei Häuser, die beide renoviert worden sind. 2005 gab man sich einen neuen Namen: bonlieuGenossenschaft. Und einen neuen Zweck, nämlich «preisgünstigen Wohnraum» und «kulturpolitisches Engagement» anzubieten und dabei geradezu «Kapital und Geist» zusammenzubringen.

Nach zehn durchaus erfolgreichen Jahren unter einem jungen Wirtepaar sollte das Café Boy im Herbst 2019 an die Anfänge anknüpfen, da die SP-nahe Genossenschaft Zum guten Menschen die Pacht für Restaurant und Versammlungsräume übernahm, um dort auch politische und kulturelle Veranstaltungen anzubieten. Das Projekt ist jetzt freilich voll in den Corona-Stillstand hineingeraten. Aber das Café Boy wird hoffentlich weiterleben.

Proletarische Jugend Zürich: Die Geschichte einer linken Genossenschaft zwischen revolutionärer Utopie und reformistischem Pragmatismus: Freie Jugend Uster – Proletarische Jugend Zürich – Wohnheim Sihlfeld – bonlieuGenossenschaft 1917 – 2017.

Herausgegeben vom Vorstand der bonlieuGenossenschaft. Mit Beiträgen von Luca Stoppa und Muriel Pérez. Scheidegger & Spiess, Zürich 2018. 176 Seiten, zahlreiche Fotografien und Illustrationen.

Das Buch befindet sich im bücherraum f in der Abteilung DC.13. Siehe auch http://bonlieu.ch/die-genossenschaft.html

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Posthorn und Buchzeichen

Im «Mann ohne Eigenschaften» von Robert Musil taucht im 11. Kapitel plötzlich der Baron von Münchhausen auf. Die Stelle wird vom Germanisten und Musikwissenschaftler Frieder von Ammon in einem Beitrag zu einem Sammelband zu Münchhausen zitiert, der nächstens erscheinen wird. Musil nennt jenes Posthorn von Münchhausens Postillion, in dem die Töne beim ursprünglichen Blasen steckenbleiben und erst freigesetzt werden, nachdem sie in der warmen Herberge aufgetaut sind, in einer Aufzählung, in der die Entzauberung der Natur durch die Moderne beschrieben wird. Einst als wundersam erlebte und beschriebene Dinge sind plötzlich Realität geworden. «Man hat Wirklichkeit gewonnen und Traum verloren», kommentiert Musil. Der Verlust ist klar: «Münchhausens Posthorn war schöner als die fabriksmässige Stimmkonserve.» Das ist der Blick aus Musils Zeit, also fast aus der Gegenwart, zurück, ein ganz klein wenig nostalgisch; aber der Blick aus Münchhausens Zeit nach vorn lässt sich ebenso, wie von Ammon am Posthorn zeigt, als Vorwegnahme der technischen Reproduzierbarkeit der Kunst verstehen, so dass der Traum auf seine Verwirklichung drängt.

Münchhausen wird auch von einer anderen Ikone der Moderne – oder einem ikonischen Vorläufer der Moderne – ins Feld geführt. Georg Büchner beschreibt im Juli 1834 in einem Brief an seine Eltern, wie der zuständige kleinhessische Polizeikommissär das Haus von Schreiner Kraus in Butzbach, dem Wohnort des aufrechten Demokraten Ludwig Weidig, nach aufrührerischen Schriften durchsucht habe: «Er rennt, wie Münchhausen, an einen Balken, er schlägt Feuer aus seinem Nasenbein, das Blut fliesst, er achtet nichts und findet nichts. Unser lieber Grossherzog wird ihm aus einem Zivilverdienstorden ein Nasenfutteral machen.» Zu dieser Zeit müssen also selbst mindere Abenteuer des Barons bekannt gewesen sein. Doch nimmt Büchner eine Akzentverschiebung vor. Beim klassischen Münchhausen zieht dieser aus dem Zusammenprall seines Gesichts mit dem Türpfosten einen handfesten Nutzen, da er, aus der durchaus schmerzhaften Erfahrung schlau geworden, auf der Jagd in Ermangelung eines Zündsteins mit der Faust gegen seine Augen schlägt und mit den so entstehenden Funken die Lunte seiner Flinte entzünden kann. Bei Büchner fliesst neben den sprühenden Funken auch Blut, und es resultiert gar nichts daraus: Der Staatsbüttel ist in Parallele zu Münchhausen zum Hanswurst geworden.

Musil stiftet andernorts eine weitere Beziehung zu Münchhausen. Jürgen C. Thöming, idiosynkratischer emeritierter Germanistikprofessor aus Dresden, in den 1980er Jahren Herausgeber des Musil-Forums, hat zu einer vor zwei Jahren erschienenen Festschrift für die Germanistin Gudrun Schulz mit einem fulminanten Artikel zu Paul Celan und Ingeborg Bachmann beigetragen. Es ist ein dicker Band, 690 Seiten, und er enthält einen Strauss unterschiedlichster Beiträge, ganz dem Titelbild angemessen, das ein Stillleben von exotischen Blumen zeigt. So findet sich darin zum Beispiel ein Gedicht über Hölderlin, den die deutschsprachige Nation ja eben ausführlich gefeiert hat. Es findet sich weiterhin ein Gedicht von Volker Braun, über Bertolt Brecht zwar, doch Volker Braun hat früher ja auch einmal ein Gedicht über Hölderlin geschrieben, so wie er natürlich auch zu Büchner reflektiert hat – nicht allerdings zu Münchhausen.

So weit, so weit weg vom Baron. Doch findet sich im Band mit dem schönen Titel «Genussvolles Aneignen der Künste» ein scheinbar weniger spektakulärer Beitrag mit der Überschrift «Besser als jedes Messer?», worunter freilich vom Autor Hans Gärtner keine Gartenschere verstanden wird (welch schrecklicher Kalauer …), sondern ein Buchzeichen, das als «Aufschneider Münchhausen» benannt worden ist. Beigelegt war es einer Luxusausgabe eines Bandes mit Goethe-Gedichten, herausgegeben vom Verlag Langewiesche-Brandt. Und der Verlag warb sogar in Anzeigen mit den grossen Fähigkeiten dieses kleinen Instruments: «Eignet sich besser als jedes Messer zum Aufschneiden des Buches und kann auch als Lesezeichen verwendet werden». Aus der Beschreibung im Artikel wird allerdings nicht klar, ob man damit – etwa mit einer besonders geschärften Kante, die ja nicht ganz ungefährlich gewesen wäre – wirklich Seiten aufschneiden konnte, oder ob das eine blosse Aufschneiderei (und ein Reim) war und der Zweck des mit Jugendstilornamenten gestalteten Kartonstreifens nur darin bestand, als Buchzeichen zu dienen, was durchaus ehrenwert genug wäre.

Schliesslich besteht ein Buch nicht nur aus dem Buch selbst, diesem technischen Wunderwerk und ästhetisch-philosophischen Universum, sondern auch aus zusätzlichen Marginalien. Dazu zählt ein Lesebändchen, natürlich, und zuweilen als Ersatz oder als Ergänzung eben ein Buchzeichen, dessen Gestaltung sich in den letzten Jahrzehnten eher kühlem Werbekalkül unterworfen hat. Zu nennen wäre ebenso das Exlibris, das seinen Wert und seinen Platz allerdings in letzter Zeit etwas verloren hat. Zudem ist es durchaus ambivalent. So repräsentiert es ein individuelles Besitzdenken und ist zugleich mehr, weil es den Besitzer oder die Besitzerin noch nach der Veräusserung des damit geschmückten Buchs einbindet in die heimatsprachliche, ja globale Bücherwelt.

Der eminente Münchhausen-Kenner Bernhard Wiebel – um den Kreislauf zu schliessen – hat vor einiger Zeit aus seinem Familienbestand ein Exlibris sichergestellt. Es gehörte dem Theologen Martin Kähler, wurde etwa 1860 verfertigt, versehen mit einem religiösen Spruch in Latein über das Wort, das jenseits der irdischen Vergänglichkeit bleibt, und man möchte das in entzauberten Zeiten nicht nur aufs biblische Wort und auf das Buch der Bücher beschränkt wissen, sondern aufs Wort und das Buch generell ausweiten. Was bleibet aber, stiften die Dichter, lautet ja ein ikonischer Satz, und was von Münchhausen bleibt, wird in dem demnächst erscheinenden Sammelband zum «Phänomen Münchhausen» vielfältig untersucht, wobei Münchhausen in einem Beitrag von Thomas Fries zur Weltliteratur als Kontinuum der Literaturen der Welt geschlagen wird, so wie Musil und Büchner dazu gehören, die schliesslich Münchhausen ihrerseits zitiert haben.

Stefan Howald / Bernhard Wiebel (Hrsg.): Das Phänomen Münchhausen. Neue Perspektiven. Kassel: kassel university press 2020. 264 Seiten.

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Bahnwärter Michel und Schneider Glaus

Bücherräumereien (XIX): Gegen den Lohnabbau

«Der karge Arbeitslohn ist abgebaut» – die sechste Zeile der ersten Strophe dieser mehrstrophigen Politballade ist unterstrichen. Schliesslich ist sie vom «Aktionskomitee gegen den Lohnabbau» herausgegeben worden, und entsprechend wird zum Schluss ein kräftiges Nein bei der Eidgenössischen Volksabstimmung von Mai 1933 gefordert.

Die zehnseitige Broschüre ist, natürlich, in kräftigem Rot gehalten und trägt den Titel «Leben und leben lassen». Im Sozialarchiv gibt es einen Bestand zum Kantonal-Zürcherischen Aktionskomitee gegen den Lohnabbau, der wiederum aus den Beständen der Unia stammt; aber diese Materialien sind gegenwärtig nicht so wirklich zugänglich.

Deshalb bleibt vorerst der Blick auf diese Abstimmungsbroschüre. In sieben Achtzeilern werden die Konsequenzen des geplanten Lohnabbaus beim Bundespersonal geschildert. Da Bahnwärter Michel mit dem karger gewordenen Arbeitslohn beim Milchmann Gmür keine Butter mehr kaufen kann, gibt Bauer Schmutz wegen der weniger verkauften Milch bei Zimmermann Stalder keine Reparatur in Auftrag, Stalder seinerseits stellt die Anfertigung einer Arbeitskleidung beim Schneider Glaus zurück, worauf dieser bei Fabrikdirektor Hecht keinen Stoff mehr bestellt.

Das ist ein gut keynesianisches Lehrstück der Konsequenzen, wenn die Nachfragekette und die Kaufkraft einbrechen; wobei zum Schluss eine schärfere Pointe angehängt ist, da Direktor Hecht gleich zehn Leute entlässt.

Das Aktionskomitee gegen den Lohnabbau bildete sich, als der Bundesrat 1932 für das Bundespersonal eine Lohnkürzung von 10 Prozent beantragte. Wie Jakob Tanner in seiner «Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert» erläutert, stand dieser Vorstoss im Rahmen einer «prozyklischen, krisenverstärkenden Deflationspolitik» (Tanner 2015, 212). Für die damalige bürgerliche Regierung galten die «Goldparität der Währung und der ausgeglichene Staatshaushalt […] als Dogma». Doch um den Wert des Frankens hoch zu halten, musste die Staatskasse geplündert, beziehungsweise mussten die Ausgaben gesenkt werden.

Gegen die Vorlage des Bundes ergriffen Gewerkschaften und SP das Referendum, und die Vorlage wurde, was nicht ganz zu erwarten war, da es doch scheinbar um die Privilegien einer spezifischen Angestelltengruppe ging, im Mai 1933 mit 55 Prozent Neinstimmen abgelehnt – in Tanners Buch wird die Volksabstimmung mit einem Druckfehler allerdings ins Jahr 1932 zurückversetzt.

Die Achtzeiler sind hübsche Volkspoesie, etwa wie bei den Geschichten um Globi, der zeitgleich entstand. Die Zeichnungen dazu, hm, kräftig, funktional. Vermutlich richtete sich die Aufklärung nicht ans direkt betroffene Bundespersonal und wohl auch nicht an Fabrikarbeiter, sondern an Gewerbler und Mittelständler (die Frauen existierten als Stimmvolk ja noch nicht), worauf die verschiedenen Berufe hindeuten, die alle vom Lohnabbau beim Bundespersonal betroffen sein würden.

Zudem heisst es in der Schlussstrophe «Reich uns die Hand» – da wird eine Hand angesprochen, die von aussen sich zu den Gewerkschaften hin recken soll. Wobei es immerhin eine schwielige Hand ist, an der allerdings zumindest Schneider Glaus nicht die grösste Freude gehabt hätte, der übrigens auch ein bisschen anders gezeichnet wird als die anderen Handarbeiter, mit einer kühnen Haarlocke und einer Zigarette in der Hand.

«Drum wehr Dich und kämpfe! Und reih Dich ein                                            Und reich uns die schwielige Hand,
Und kämpfe mit einem wuchtigen Nein
Für Dein Glück! Für Dein Volk! Für Dein Land!»

Unmissverständlich ist der Aufruf, wobei er mit einer nicht unproblematischen Engführung von Volk und Land endet, mit der womöglich schon auf die «geistige Landesverteidigung» vorausgewiesen wird.

Nach der Verwerfung der Vorlage durch eine Volksmehrheit wurde der Lohnabbau dann durch einen nicht dem Referendum unterstehenden Dringlichkeitsbeschluss im Parlament durchgeboxt. «Die nationale Austeritätspolitik», urteilt Jakob Tanner freilich, «erwies sich als eklatanter Fehlschlag; die Arbeitslosigkeit stieg Mitte der 1930er Jahre im Jahresdurchschnitt auf über 80000, knapp 5 Prozent der Beschäftigten.»

Erhalten habe ich die Broschüre übrigens aus Deutschland, von J. T., einem Germanistikprofessor, der jahrelang an der Uni Vechta lehrte und jetzt emeritiert in Dresden lebt. T. und ich kannten uns von ferne in den 1980er Jahren durch die Robert-Musil-Forschung, als er das Musilforum kritisch edierte. Dann, vor etwa zehn Jahren, stellte sich plötzlich wieder ein Kontakt her, und seither halten wir uns vielleicht zweimal im Jahr über unsere gegenseitigen Aktivitäten auf dem Laufenden. 2015 trug er zum ersten Zürcher Büchner-Brevier mit einem Beitrag über «Büchner – Bühnen – Nacktes» bei, höchst spannend, unerwartet, in einem ganz eigentümlichen Stil verfasst. Die Broschüre «Leben und leben lassen» hat er mir zu treuen Händen geschickt, damit ich sie an ein Schweizer Archiv weitergebe, aber ich habe sie wohlweislich in einem Bücherregal aufbewahrt, und jetzt ist sie also der Bibliothek im bücherraum f einverleibt worden. In letzter Zeit hat sich T. darauf verlegt, die weihevolle Verehrung von Paul Celan ein wenig mit linken Zurufen zu stören, was zum gegenwärtigen 50. Todestag von Celan eine zusätzliche Bedeutung bekommen hat; aber das ist eine andere Geschichte.

sh

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Ein Diaspora-Intellektueller

Neue Bücher von Stuart Hall

«Diasporisch» ist der Begriff, den Stuart Hall für sich gewählt hat. Nicht exiliert, und schon gar nicht assimiliert. Sondern wie der Untertitel seiner autobiografischen Aufzeichnungen sagt: «Ein Leben zwischen zwei Inseln». Diasporische Subjekte gehören als Produkte diverser Historien, Kulturen und Narrative verschiedenen Heimaten an. Die Diaspora entsteht, durchaus prekär, in der Nachwirkung der Kolonialisierung, ist aber zugleich «eine kulturelle Formation, die die feststehenden Konturen von Rasse, Ethnie und Nation durchkreuzt und aufbricht» (Hall 2017, 183).

Der Soziologie und Kulturwissenschaftler Stuart Hall ist 1932 in Jamaika geboren, 1951 als Stipendiat nach England gekommen und bis zu seinem Tod im Jahr 2014 dort geblieben. Das sind die beiden Kulturen – in sich wiederum vielfältig ausdifferenziert –, denen er angehört hat.

Bekannt geworden ist Hall ab 1970 als Begründer der Cultural Studies, als scharfsinniger Analytiker und Kritiker des Rassismus, als Initiator wichtiger theoriepolitischer Zeitschriften sowie als gesellschaftspolitischer Kommentator, der sich mit bahnbrechenden Artikeln in aktuelle Debatten eingemischt hat. Posthum erschienen 2017 die autobiografischen Aufzeichnungen «Familiar Stranger», die Anfang Jahr unter dem Titel «Vertrauter Fremder» auch auf Deutsch im Argument Verlag vorgelegt worden sind.

In den 1990er Jahren habe ich Stuart Hall verschiedentlich bei öffentlichen Auftritten in London erlebt, und ich habe ihn später einmal in seinem Haus interviewt. Das ist nicht ganz nebensächlich, weil Hall ein eindringlicher Redner und Gesprächspartner war, ein Lehrer, Anreger und Förderer, der zumeist im Kollektiv gearbeitet hat. In Selbstreflexionen hat er diese Mündlichkeit in kulturelle Zusammenhänge gestellt, sie sowohl in der afro-karibischen Tradition verwurzelt gesehen wie auch das Dialogische als ein zentrales methodologisches Prinzip unter anderem beim russischen Strukturalisten Michael Bachtin verortet.

Bücher hat Hall nur wenige veröffentlicht; und wenn, dann waren es Zusammenstellungen, Sammelbände von Aufsätzen und Vorträgen und Forschungsarbeiten. Seine Bedeutung aber für die theoretischen und politischen Diskussionen um eine postkoloniale Analyse von Kultur und Politik und um einen erneuerten Marxismus kann nicht überschätzt werden.

«Vertrauter Fremder» beruht auf langen Gesprächen mit seinem Schüler und Mitarbeiter Bill Schwarz und ist von diesem posthum herausgegeben worden. Es ist eine Autobiografie besonderer Art, weil sie das Subjekt Stuart Hall hartnäckig auf dem Hintergrund der Verwerfungen des 20. Jahrhunderts betrachtet, als Objekt von Kolonialismus und Postkolonialismus. Hall selbst merkt an, Freunde in England, die ihn über lange Jahre kannten und sich als Antikolonialisten verstanden, hätten ihn ganz selbstverständlich in eine europäische Tradition einbezogen und nie ganz begriffen, warum ihn die Situation zwischen zwei Kulturen persönlich so umtreibe. Das vorliegende Buch macht die Brisanz dieser Frage nochmals deutlich.

Das reicht bis in die Sprache hinein. Die deutsche Ausgabe ist bezüglich spezifischer Übersetzungsprobleme von einem internationalen Editorial Board betreut worden. Insbesondere der Begriff «Rasse» macht im Deutschen Schwierigkeiten, weil er eindeutig in negativer, rassistischer Tradition steht. Dagegen ist der Begriff race im Englischen offener gehalten, taucht gelegentlich auch als Selbstbeschreibung emanzipatorischer Bewegungen auf. Er wird deshalb für die deutsche Fassung beibehalten, ebenso wie Menschen «of Colour». Dazu kommen weitere Festlegungen: «Weiss und Schwarz selbst sind keine Identitätskategorien oder Farben, sondern richten den analytischen Blick auf rassisierte Unterscheidungen, deshalb werden sie grossgeschrieben» (Hall 2020, 11), heisst es im Vorwort.

Koloniale Kultur

Es macht einen Reiz dieses Buchs aus, dass Stuart Hall die konkreten Erfahrungen plastisch beschreibt und sie zugleich verallgemeinert. Hall wurde 1932 auf Jamaika in einer Mittelschichtfamilie «of Colour» geboren, wobei die Eltern ihre Zugehörigkeit zur Mittelschicht unterschiedlich interpretierten. Der Vater ein genügsamer, mit den Verhältnissen einverstandener Beamter, die Mutter auf ihren vermeintlich besseren sozialen Status und auf das imaginäre Ideal englischer Zivilisation fixiert. So war die Familie von Fragen der Rasse und des Verhältnisses zu England durchzogen oder wie Hall formuliert: «Die wichtigste Lehre meiner Erziehung war die Erkenntnis, wie sehr die Spannungen, Ambivalenzen, Phantasien und Ängste einer kolonialen Kultur, zutiefst gespalten entlang der Grenzen von Race, Klasse, Colour und Geschlecht in der penetranten, emotional aufgeladenen, kranken Welt einer kolonialen Familie ausgelebt und verinnerlicht werden.» (Hall 2020, 72)

Hall beschreibt eindringlich die Geschichte Jamaikas und des Kolonialismus, schildert die vielfältigen Differenzierungen des jamaikanischen Gesellschaftssystems, die herkömmlichen Rassismen und Herrschaftsstrukturen, aber er geht darüber hinaus und fragt, wie einst Frantz Fanon: Was bewirkt diese Lage in den Subjekten? «Es gab auf diesem Entwicklungsweg keinen einzigen Augenblick, der nicht von meiner Race-Positionierung gesteuert war» (Hall 2020, 29), folgert er. Das war nicht immer nur negativ, sondern zum Teil auch positiv durch ein sich langsam entwickelndes antikoloniales Bewusstsein. Bereits während der Depression gab es 1938 auf Jamaika erste Aufstände von ArbeiterInnen, als Reaktion auf eine konjunkturelle Krise innerhalb einer strukturellen Krise der kolonialen Plantagenwirtschaft, aber auch durch das Erstarken der Gewerkschaften und anderer sozialer Bewegungen. Hall räumt dem eine besondere symbolische Bedeutung ein: «Auch wenn ich damals viel zu klein war, um verstehen zu können, was vorging, erkenne ich klar, wie stark ich von 1938 geprägt bin: Ich wurde ein Teil dieser politischen Generation.» (Hall 2020, 58)

In Oxford

Schon als Schüler lehnte er sich gegen die auf England ausgerichtete konservative Erziehung auf, aber auch gegen die assimilatorische Haltung seiner Eltern. Die Entdeckung von Literatur und Musik der Moderne war ein Mittel des Ausbruchs – doch diese Moderne bezog sich wenn auch kritisch so doch dezidiert auf den westlichen Kulturkanon und hielt letztlich an einem eurozentrischen Entwicklungsbegriff fest. Als hochtalentierter Stipendiat konnte Hall Jamaika 1951 verlassen und kam nach Oxford – in eine der Hochburgen der englischen Kultur. Es war ein Schock, und es folgte ein langer Desillusionierungsprozess. Der junge Stuart Hall war der einzige Schwarze Student in Oxford. Direkte rassistische Vorfälle hat er seiner Erinnerung nach nicht erlebt, aber es blieb jederzeit ein Abstand zu seinen englischen Mitstudenten. «Ich war ausgeschlossen von der Teilhabe an einem bestimmten Habitus – Lebensweise, sittliches Betragen, Alltagsverstand, was man für gegeben nimmt, spontane Identifikationen und stillschweigend Vorausgesetztes über die Gesellschaft, und wie alles funktioniert, unterhalb der bewussten oder rein kognitiven Ebene.» Das war verbunden mit einem bestimmten Begriff nationaler kultureller Identität, «eine Phantasie der Nation, obendrein ein Geschenk der Götter, ein Zustand der Gnade» (Hall 2020, 209). Das prägnanteste aktuelle Beispiel für dieses Gefühl des Auserwähltseins ist der jetzige britische Premierminister Boris Johnson, für den das Leben nur ein frivoles Spiel ist, in dem ihm und seinesgleichen selbstverständlich immer die besten Plätze zustehen.

Der junge Stuart Hall aber traf, als relativ Privilegierter, auch auf Angehörige der so genannten Windrush-Generation karibischer MigrantInnen, die seit 1948 als Arbeitssuchende in England gelandet waren. Dadurch veränderte sich die Blickweise, für ihn persönlich wie vor allem für die englische Gesellschaft. Weil «der Schwarze Andere hier in der Metropole war, in intimer und unmittelbarer Nähe präsent, mussten die übernommenen rassisierten Hierarchien erneuert werden, wenn sie weiterhin brauchbar sein sollten» (Hall 2020, 181).

New Left

Hall begann sich als Student vorerst in jamaikanischer Exil-Politik zu engagieren. Paradoxerweise, hat er gesagt, entstand so etwas wie eine gemeinsame «karibische Identität» aller westindischen Inseln erst in London, im Angesichts des gemeinsamen kolonialen Unterdrückers. Anders als mehrere Bekannte seiner Generation, die später führende Positionen in Regierungen und Verwaltungen der unabhängig gewordenen neuen Staaten einnahmen, verwarf Hall die Perspektive einer Rückkehr bald. Er engagierte sich in der englischen Innenpolitik, im Umfeld der Kommunistischen Partei, zu der damals einige eminente Intellektuelle zählten. Zum Wendepunkt wurde 1956, mit der britisch-französisch-israelischen Invasion in Ägypten und der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn durch die Sowjetarmee. In England distanzierten sich führende Intellektuelle von der KP und suchten einen neuen Raum für eine Neue Linke. «Die New Left formierte sich in dem politischen Raum, der sich zwischen diesen beiden entgegengesetzten Koordinaten auftat: zwischen dem aggressiven militärischen Autoritarismus der Nuklearmacht Sowjetunion, der die Degenerierung der revolutionären Ideale offenbarte, die sie einst verkörpert hatte, und der Wiederbelebung des aggressiven britischen Imperialismus, von dem viele fälschlich geglaubt hatten, er sei von der Sozialdemokratie begraben worden.» (Hall 2020 243f.) Mit dem Historiker Raphael Samuel und anderen gründete Hall eine neue Zeitschrift, «Universities and Left Review». Sie verkörperte zugleich die Wende von einem allzu eng verstandenen Begriff des Politischen zu einem breiteren Konzept des Kulturellen beziehungsweise zur Frage: Was trägt die Kultur zur Neuformierung des Politischen bei?

Daneben existierte der linkssozialistische «New Reasoner», geprägt vom HistorikerInnenpaar Dorothee und E. P. Thompson sowie dem Kulturtheoretiker Raymond Williams; auch Doris Lessing schrieb gelegentlich für das Blatt. 1959 fusionierten die beiden Zeitschriften zur «New Left Review». Die Zeitschrift, die heute noch existiert, wurde, wie es ihr Name versprach, zum Sammelbecken der Neuen Linken. Obwohl hauptsächlich an Universitäten und in intellektuellen Zirkeln verankert, war sie in sozialen Bewegungen engagiert, etwa in der Antiatombewegung CND, in Mietervereinigungen oder im Fall von Stuart Hall in den ersten Bürgerrechtsbewegungen im Londoner Stadtbezirk Notting Hill. In diesen Passagen zeichnet Hall ein lebhaftes Bild des damaligen Klimas des Aufbruchs; auch ein wenig voyeuristisches Interesse wird bedient, wenn er die Beziehung zu den so unterschiedlichen Übervätern Thompson und Williams analysiert, den unermüdlichen Raphael Samuel schildert oder beiläufig – und nicht eben freundlich – den Schriftsteller und Nobelpreisträger V.S. Naipaul charakterisiert.

Die autobiografischen Aufzeichnungen hören im Jahr 1962 auf, als Hall wegen Meinungsverschiedenheiten als Redaktor bei der «New Left Review» ausschied. Er hängt eine Coda an, wie er seine spätere langjährige Frau Catherine kennenlernte, die selbst eine eminente Forscherin zum Kolonialismus und zur Geschichte der Karibik wurde, wie er sich kurzzeitig aus der Politik zurückzog und Lehrer wurde.

Hall war zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt, in antikolonialen und neomarxistischen Kreisen schon gut bekannt; als führender Theoretiker aber kam er erst ein paar Jahre später in sein Recht. Die weitere Entwicklung ist in früheren Arbeiten dokumentiert. Mike Rustin, ein Weggenosse, hat kürzlich in einem grossen Interview in der Nummer 74 der Zeitschrift «Soundings» zusätzliche Facetten beigefügt und beiläufig erneut die Rolle von Hall als unermüdlicher Mentor sichtbar gemacht.

Das «Centre for Contemporary Cultural Studies»

Nach einer Stelle als Dozent für Medienanalysen an einem Londoner College wurde Hall vom Literaturprofessor Richard Hoggart aufgefordert, an der Universität Birmingham zu helfen, ein neues Institut aufzubauen. Hoggart hatte 1957 in seinem Buch «The Uses of Literacy» ein damals unerhörtes Plädoyer für die Populärkultur gehalten; ein Jahr später veröffentlichte Raymond Williams «Culture and Society», in der er Kultur als «umfassende Lebensweise» definierte, sie im Alltag aufzuspüren suchte und ebenfalls den herrschenden literarischen Kanon sprengte. An dem 1964 gegründeten «Centre for Contemporary Cultural Studies» (CCCS) sollten solche Programme umgesetzt werden, und so bildete sich das heraus, was sich später als «Cultural Studies» global verbreitete. Die Cultural Studies standen in zweifacher Frontstellung: Gegen den dogmatischen Marxismus erachteten sie die Untersuchung von Kultur als ebenso wichtig wie die von Ökonomie und Politik; gegen die herrschende Kulturauffassung stellten sie die kritische Aufarbeitung populärer, angeblich ‹niederer› Kulturformen und brachen aus dem Ghetto der traditionellen, unpolitischen Kulturberichterstattung aus. Von heute aus gesehen ist kaum mehr vorstellbar, wie umwälzend das damals war. Roland Barthes hatte 1957 mit seinen «Mythen des Alltags», die vom neuen Citroën, vom Guide Bleue, Einsteins Gehirn und der Tour de France handelten, eine erste Schneise geschlagen. Das CCCS stellte nun Arbeiter-, Alltags- und Populärkultur ins Zentrum und untersuchte sie sowohl empirisch wie theoretisch als Alltagspraxen: Soap Operas. Pfadfinderlager. Boulevardzeitungen. Frauenzeitschriften. Bilder von käuflicher Sexualität und von schwarzen Einwanderern. Eine nach wie vor erhellende Untersuchung aus diesem Umfeld ist diejenige von Paul Willis, «Spass am Widerstand. Learing to Labour», ursprünglich 1977 erschienen und vor ein paar Jahren in einer neuen Übersetzung auf deutsch wieder aufgelegt. Willis begleitete über drei Jahre hinweg Schüler in einem Arbeiterbezirk und zeigte, wie männliche Jugendliche aus der Arbeiterklasse in lustvoller Opposition gegen das sie ausschliessende Bildungswesen aufbegehren, dass sie sich damit aber selbst disqualifizieren und später in Hilfsjobs gefangen bleiben: Saufen macht Spass und entmündigt.

Für die Arbeiten am CCCS wurden wichtige theoretische Anregungen von Louis Althusser und Michel Foucault übernommen. Und vor allem Antonio Gramscis Hegemoniekonzept, wonach eine herrschende Klasse nicht nur mit politischem und ökonomischem Zwang herrschen kann, sondern auch die freiwillige Zustimmung breiter Schichten organisieren muss. So ging es um Aktivierungs- und Lähmungspotentiale in der populären Kultur.

Dabei wurden auch Anstösse der ‹linguistischen Wende› zur Textualität menschlicher Praxen sowie zur Materialität des symbolischen Felds aufgegriffen. Cultural Studies verstanden alltägliche Praxen, alltägliches Verhalten in ihrem Funktionieren diskursiv: das heisst sie werden formuliert und ausgehandelt. Aber diese Praxen sind keine Sprache, sie operieren nur wie eine Sprache, bleiben handfest und leibhaftig. Gegen idealistische Überspanntheiten, dass die Realität nur noch aus Diskursen bestehe, meinte Hall einmal. «Das, was an altem Materialisten an mir noch übriggeblieben ist, möchte extrem krude Sachen sagen wie: ‹Ihr solltet mal Eure Worte essen›.»

Die Krise politisieren

Hall hat die Kulturwissenschaften immer als politische Wissenschaft verstanden. 1967 verantwortete er zusammen mit E. P. Thompson und Raymond Williams das «New Left May Day Manifesto». In diesem wurde eine umfassende Analyse der Nachkriegsgesellschaft versucht, und die Autoren wandten sich gegen das technokratische Gesellschaftsverständnis der Labour Party sowie die Klassenkompromisse, die die Partei damals im Zeichen der korporativen Einbindung der Arbeiterbewegung in den Wohlfahrtsstaat einging. Doch in den 1970er Jahren war es nicht die Kritik von links, sondern die Politik von rechts, die mit diesem korporatistischen Konzept aufräumte: Margaret Thatchers neue Rechte. Der Erdölschock von 1973 leitete den Bruch ein, mit dem der Nachkriegskonsens eines sozial abgefederten Kapitalismus von rechts aufgekündigt wurde.

Aus dem Umfeld des CCCS wurde 1978 der Band «Policing the Crisis» publiziert, der die neuen Formen analysierte, mit denen die Krise durch eine Allianz von Wirtschaftsführern und neokonservativen Politikern gemeistert werden sollte. Laut Hall bildete sich ein «autoritärer Populismus» (Hall 2014, 122) heraus, eine Einbindung breiter Volksschichten bei gleichzeitiger Vergrösserung des repressiven Staatsapparats. Seine Analysen erschienen unter anderem in «Marxism Today», der Theoriezeitschrift der Kommunistischen Partei, die sich ab 1977 dem Eurokommunismus und neuen theoretischen Strömungen öffnete. Im Januar 1979, noch vor dem überwältigenden Wahlsieg von Margaret Thatcher im Mai desselben Jahrs, veröffentlichte Hall den Artikel «The Great Moving Right Show», in dem er den Begriff «Thatcherismus» prägte. Als einer der ersten erkannte er, dass nicht einfach eine konservative Krämerstochter zur ersten britischen Premierministerin gewählt werden würde, sondern dass mit einer konservativen Revolution ein grundsätzlicher Umbau der Gesellschaft versucht wurde. Vielfältig analysierte er, wie der Gegensatz von Lohnabhängige versus Machtblock zu einem zwischen einfachem Volk versus Staat umgeformt worden sei, wie soziale und wirtschaftliche Enttäuschungen der Arbeiterklasse diskursiv als Kritik des sozialstaatlichen Bürokratismus artikuliert wurden, und wie durch die Medien geschürte «moralische Paniken» eine Front zwischen herkömmlichen, anständigen, festen Werten und zersetzenden, unmoralischen, flottierenden aufbauten. Damit kritisierte er auch eine versteinerte Linke, die an klassenkämpferischen Floskeln festhielt oder hilflos von dämonischer Verführung und sozialdemokratischem Verrat sprach.

Diese differenzierten Analysen trugen Hall den Vorwurf ein, den Thatcherismus nur auf der Ebene der Ideen zu analysieren, damit oberflächlich zu bleiben und dessen ökonomische Klasseninteressen zu vernachlässigen. Darauf hat er schon 1984 geantwortet: «Ich arbeite zur politischen/ideologischen Dimension, a) weil ich auf diesem Gebiet zufällig einige Kompetenz habe und b) weil sie von der Linken allgemein und von einigen Marxisten vernachlässigt oder reduzierend behandelt wird. Die Annahme, man hielte, weil man auf dieser Ebene arbeitet, ökonomische Fragen für überflüssig oder unwichtig, ist absurd.» (Hall 2014, 128).

Der andere Vorwurf, mit seiner Begriffsprägung und Analysen überschätze er die Bedeutung des Thatcherismus als grundlegend neue Politikform, wurde schon bald durch dessen rabiate Politik blamiert. Nach einem Jahrzehnt versuchten Autorinnen und Autoren aus dem Umkreis von «Marxism Today» – Robin Murray, Beatrix Campbell, Michael Rustin, Göran Therborn und andere – im Sammelband «New Times», Bilanz zu ziehen und sich das «sich verändernde Gesicht der Politik in den 1990er-Jahren» zu imaginieren. Ein solches Unterfangen stand allerdings vor dem Dilemma, ob und wie man sich einen neuen linken Aufbruch mit Labour vorstellen konnte.

Dialog und Diskursanalyse

Hall hatte das CCCS nach dem Rücktritt von Richard Hoggart von 1968 bis 1979 geleitet und wechselte dann als Professor für Soziologie an die «Open University», einer Gründung der Labour Party und die führende Institution im Bereich der Erwachsenenbildung. Dabei ging es ihm immer um eingreifendes Denken, um theoretische Analysen in Zusammenhang mit und zur Beförderung politischer Bewegungen, ohne sich von diesen instrumentalisieren zu lassen. Gleichzeitig wurden die Cultural Studies an US-amerikanischen Universitäten institutionalisiert. In den 1990er Jahren vollzog sich in Grossbritannien – und mit Verzögerung und in geringerem Mass auch im deutschsprachigen Raum – eine ähnliche Entwicklung, als die neu aufgewerteten Fachhochschulen auf die Nachfrage einer neuen Studentengeneration mit Kursen zur Medienkritik reagierten. Hall analysierte solche Entwicklungen kritisch. Zwar hielt er eine beschränkte Institutionalisierung für unumgänglich und notwendig, wies aber auf die Entpolitisierung der Cultural Studies in den USA und in Grossbritannien hin, wo sich die neuen Kurse marktförmig zunehmend an den Bedürfnissen der Medienindustrie orientierten. Dagegen setzte Hall: «Ich verstehe nicht, wie eine Praxis das Ziel haben kann, etwas in der Welt zu verändern, ohne einen spezifischen oder eigenständigen Standpunkt einzunehmen, der ihr wirklich etwas bedeutet und den sie deutlich machen will.» (Hall 1994, 36)

Halls Arbeit ist immer auch Diskursanalyse, wobei Diskurs breit verstanden wird, als Denk- und Handlungssystem. Tatsächlich greift Hall in seinen Analysen nicht nur methodische Hilfsmittel von Sigmund Freud und Michel Foucault, sondern auch von Jacques Derrida und Ernesto Laclau / Chantal Mouffe auf. Dabei stehen für Hall die Veränderungen, die Übergänge und Brüche im Vordergrund. Er richtet den Blick nicht auf ein für alle mal fixierte Positionen, sondern auf kontingente Positionierungen. Die Positionierung bedeutet einerseits eine Historisierung: Positionen haben sich geändert, und andererseits eine Aktivierung: Positionen können sich ändern.

Dieses Denken, das Verfestigungen zerlegt, dieses Dialogische, Fliessende lässt sich in einem vor drei Jahren erschienenen Suhrkamp-Buch am Material verfolgen. Es ist die erste und bisher einzige Publikation von Hall in einem deutschsprachigen Mainstream-Verlag. Sie enthält drei Abhandlungen aus dem Jahr 1994 an der Harvard Universität in Cambridge / Massachusetts. In Auseinandersetzung mit älteren und zeitgenössischen Theoretikern wie W. E. B. Du Bois beziehungsweise Anthony Appiah analysiert er darin das «verhängnisvolle Dreieck» der drei Begriffe Rasse, Ethnie und Nation. Dabei will er die Begriffe «ins Wanken bringen» und dekonstruieren, sie als «gleitende Signifikanten» sichtbar machen, die sich historisch und je nach politisch-kulturellen Kräfteverhältnissen verändern.

Die Äquivalenzen des Rassismus

Wenn Rassismus einst biologistisch, wissenschaftlich, fundiert wurde, so kann er sich gegenwärtig nicht mehr auf die Mainstream-Wissenschaft berufen. Dennoch lässt er sich nicht einfach durchs aufgeklärte Bewusstsein wegzaubern. Die Differenz zwischen Menschen und Menschengruppen, auch in ihren Erfahrungen der Unterdrückung, kann nicht bestritten werden; umso wichtiger ist es, zu verstehen, wie sie rassifiziert werden, warum rassistische Klassifikationssysteme fortleben und wie sie als Bedeutungssysteme funktionieren. Hall analysiert zu diesem Zweck Äquivalenzketten, das heisst die Parallelführung einer bestimmten Reihe von Vorstellungen und Bedeutungen mit anderen Bedeutungen, die ursprünglich nichts mit ihnen zu tun haben. Dabei werden soziale Phänomene naturalisiert, das heisst für naturwüchsig und unabänderlich erklärt. Zum Beispiel wird die Kette «Biologie (Genetik) / Politik (Nation) / Gesellschaft (Zivilisation)» mit der Kette «negroid / fremd / unzivilisiert» parallelisiert. An die Stelle der weitgehend diskreditierten Genetik kann auch die Kultur treten. So wird aus der Kette «Kultur/Nation/Zivilisation» die Kette «eigenständig» / fremd / unzivilisiert», mit dem selben Resultat. Der kulturelle Rassismus ist neben dem biologistischen für Hall unmissverständlich nur ein anderes Register des Rassismus.

Der Kampf dagegen bedeutet aber auch «das Ende des essentiellen schwarzen Subjekts» (Hall 2017, 96), denn Essentialismus führt in die Sackgasse: «Identität kann überhaupt keine fixierte Essenz sein, so als ob sie unveränderlich ausserhalb von Geschichte und Kultur stünde, und das aus einem prinzipiellen Grund: Identität ist nichts ein für alle Mal Gegebenes, das durch die Gene übermittelt würde, die wir in unserer Hautfarbe mit uns tragen, sondern bildet und transformiert sich geschichtlich und kulturell.» (Hall 2017, 143)

Das mag einem linken Bewusstsein als selbstverständlich erscheinen, aber Hall zeigt am Beispiel des Begriffs der Ethnie, wie ein Essentialismus selbst bei explizit widerständigen Konzeptionen hinterrücks wiederkehrt. Wenn der diskreditierte Begriff der Rasse durch denjenigen der Ethnie ersetzt werde, könne das eine emanzipatorische Bewegung befeuern, aber es drohe zugleich die Gefahr, wiederum auf eine genau abgegrenzte, urtümliche, unvergängliche Identität zu rekurrieren.

Ebenso äussert Hall Vorbehalte gegen den Begriff des Multikulturellen. So stellt er fest, dass das Abfeiern multikultureller Vielfalt mit rassistischen Vorurteilen einhergehen kann – man kann Reggae oder Rap oder den Carnival in London oder Fussballer aus dem Kosovo in Zürich toll finden und trotzdem gegen Einwanderer sein.

Hall argumentiert auch gegen andere vorschnelle Thesen, etwa dass die Globalisierung die ganze Welt homogenisiere. Für ihn bleibt das Lokale weiterhin präsent, ja, es verstärkt sich noch. Einerseits ist der Kapitalismus ökonomisch auf die Ausbeutung von Differenz, die Ausnutzung von Differentialen angewiesen, und andererseits können bislang unterdrückte Bevölkerungen sich selbst als lokal verankerte neue Subjekte konstituieren.

Dagegen – oder dafür – betont Hall die Bedeutung der «kulturellen Frage»: «Durch unterschiedliche Geschichtsverläufe, unterschiedliche Kulturen, ist über grosse Zeiträume hinweg eine bunt zusammengewürfelte Welt entstanden. Doch jetzt stürzen die Barrieren ein. Die Menschen sind gezwungen, zusammenzuleben. Die multikulturelle Frage ist folgende: Wie können sie es schaffen, ohne das, was sie ausmacht, ohne ihre Identität aufzugeben? Das nenne ich Differenz. … Mich interessiert die Politik des Verhandelns, durch die eine multikulturelle Gesellschaft in Zukunft möglich wird. Mich interessiert auch, wie das Andere, wie Differenzen in den Köpfen der Menschen funktionieren.» (Hall 2014, 201f.)

Auch an seiner eigenen Geschichte hat er früh die Migration als das zentrale Ereignis und Geschehen der Spätmoderne erkannt. Und daraus den Zustand der Diaspora als neue Positionierung – sowohl als Realität wie als Ziel. Dabei dürfe man nicht auf falsche Verheissungen einer neuen Ungebundenheit hereinfallen. «Menschen wie diese [in der Diaspora] sind selbstverständlich weder die fixierten Seelen der geschlossenen Diskurse des Fundamentalismus noch die verfügbaren, umherziehenden Nomaden der Postmoderne oder der globalen Homogenisierung. Die Subjekte der Diaspora tragen die Spuren spezifischer Geschichten und Kulturen, die Äusserungstraditionen, Sprachen, Texte und Bedeutungswelten an sich, die sie unwiderruflich geprägt haben […]. Doch die Spuren, die in der Formation solcher Identitäten am Werke sind, sind niemals singuläre, sondern immer multiple». (Hall 2017, 184)

«New Labour»

«Marxism Today» wurde im Dezember 1991 eingestellt – die orthodox kommunistische Leserschaft war längst abgesprungen, eine neue konnte ohne institutionelle Anbindung nur ungenügend gewonnen werden. Das folgende Jahr bedeutete für die linke Politik in Grossbritannien eine Wasserscheide. Alle Linksengagierten hatten, öfters zähneknirschend und im Bewusstsein, dass es sich wohl nur um das kleinere Übel handeln werde, auf einen Wahlerfolg von Labour gehofft, um 13 Jahre konservativer, neoliberaler Dominanz brechen zu können. Doch die Konservativen schafften unter dem farblosen John Major nochmals den Machterhalt. Es gab zwei Reaktionsweisen darauf. Die eine war «New Labour»: die Partei mit allen Mitteln mehrheits- und machtfähig trimmen. Vieles über Bord werfen, an einigem Wenigem festhalten. Die andere war, hartnäckig an den Defiziten der Analyse und an deren Behebung weiterarbeiten.

1995 gründete Hall deshalb zusammen mit der Politgeografin Doreen Massey und dem Ökonomen Michael Rustin nochmals eine neue Zeitschrift, «Soundings». In der ersten Nummer im Herbst 1995 wurde von «ungemütlichen Zeiten» und davon gesprochen, dass der weiter voranschreitende Rechtsrutsch in den westlichen Gesellschaften Anlass zur Unruhe und Sorge sei. Allerdings wolle die Zeitschrift «gerade der Meinung entgegentreten, die Ideale von Demokratie und Gleichheit seien ein für allemal erledigt». Der Labour-Wahlsieg im Mai 1997 zog einen Teil der kritischen Intelligenz ab. Etliche ehemalige Kritiker, auch Mitarbeiter von «Marxism Today» wie Geoff Mulgan, machten sich auf einen neuen Marsch durch die Institutionen. Linksliberale Intellektuelle wie Anthony Giddens propagierten enthusiastisch einen nebulösen «dritten Weg». Zurück blieben eine paralysierte Linke und ein akademisches Ghetto. «Soundings» bemüht sich bis heute um die Verknüpfung dieser Bereiche und einen Dialog mit kontinentaleuropäischen Traditionen.

«Common-sense Neoliberalismus»

Politisch hatte sich Hall nie irgendwelchen Illusionen über New Labour hingegeben und veröffentlichte 1998 in «The Great Moving Nowhere Show» in Parallele zu seiner bahnbrechenden Thatcher-Kritik zwanzig Jahre zuvor eine scharfe Abrechnung mit Tony Blair. Weiterhin aber hielt er Labour für eine «hybride Konstruktion» (Hall 2014, 166), in der eine sozialdemokratische Agenda durch die neoliberale Agenda verdrängt werde, die allerdings in bestimmten Bereichen wie der Erziehung oder Gesundheitswesen noch auf Widerstand stosse.

Die Finanzmarktkrise von 2008 schien die Krise des Neoliberalismus einzuläuten. Doch in einem Gespräch mit Doreen Massey im Jahre 2010 deutete er an, was sich seither bestätigt hat: Trotz Finanzmarktkrise ist es den Ideologen des Kapitals gelungen, die Ökonomie vom Ideologischen und von der Alltagsphilosophie zu trennen. Es gab eine vorübergehende Kritik am ‹überbordenden› Finanzkapitalismus, an den Abzockern, sogar eine vorübergehende Rückkehr zu wirtschaftspolitischen Regulationen; aber das Denken über die Gesellschaft blieb das Alte. Die neoliberalen Verheerungen in den Köpfen zeigen sich im Promi-Kult, im Sport mit seinem meritokratischen Ethos, oder dem Versprechen, dass wir alle durchs Fernsehen Stars werden können.

2013 starteten die «Soundings»-HerausgeberInnen Stuart Hall, Doreen Massey und Michael Rustin eine Artikelserie «After Neoliberalisms? The Kilburn Manifesto». Noch einmal ging es darum, die Krise und ihre ‹Überwindung› besser zu verstehen. War der Neoliberalismus hegemonial geworden, hatte er sich also Gesellschaft und Subjekte, Körper und Seelen unterwerfen können? Solche Fragen sind nicht akademische Wortklaubereien, sondern dienen dazu, sich klarzumachen, wie man den Neoliberalismus bekämpfen und die Bedingungen für eine gute und gerechte Gesellschaft herstellen kann.

Stuart Hall hat in diesem Band, kurz vor seinem Tod, zusammen mit Alan O’Shea den «Common-sense Neoliberalismus» analysiert. Common-sense wird als inkohärenter Alltagsverstand gezeigt, der doch handlungsanleitend ist. Zumeist ist er konservativ, schleppt alte Elemente mit – etwa das alttestamentarische Motto «Auge für Auge, Zahn für Zahn» – , an deren Verbreitung von rechts zugleich aktiv gearbeitet wird. Common-sense enthält aber auch progressive Elemente, die man als «good sense», als sinnvoll bezeichnen könnte – etwa die Einsicht, dass wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Unsere verschiedenen sozialen Rollen müssen im Common-sense miteinander vereinbart werden, damit wir handeln können. Nach dreissig Jahren Neoliberalismus hat sich das Konsumdenken in eine dominante Position geschoben. Wir wissen zwar, dass es Menschen und Zeit braucht, um uns als Kranke zu pflegen, aber wir empfinden uns immer weniger als Patienten, sondern als Konsumenten von Gütern des Gesundheitsmarkts, der ‹rationell› bewirtschaftet werden kann.

Hall analysiert den zeitgenössischen Gebrauch eines Begriffs wie «Fairness». Die war einst ein Konzept im Wohlfahrtsstaat. Dieses Verständnis ist seit langem unterminiert. Ein Neoliberalismus, der sich des Common-sense der Menschen bemächtigen will, fordert jetzt Fairness für jene hart arbeitenden Menschen, die nicht – wie Ausländer oder Sozialschmarotzer – auf Kosten der anderen leben. Aus einem umfassenden Verständnis von Fairness ist ein selektives, ausschliessendes geworden. Fairness gilt nur für diejenigen, die etwas dafür leisten. So ist auch dieser Begriff ins Marktdenken eingefügt worden.

Hall zeigt aber in detaillierten Analysen von Online-Kommentaren der grössten englischen Boulevardzeitung «Sun», dass im Common-sense doch nicht alles so glatt abläuft, dass Widersprüche auftreten, dass Elemente solidarischen Verhaltens mit den Schwächeren der Gesellschaft unverhofft auftauchen, aber ‹wegerklärt› werden. Eine oppositionelle Politik müsste hier ansetzen: Die Rahmenbedingungen zeigen, in denen Diskurse stattfinden, und zugleich Eingriffe zu deren Umformulierung anbieten.

Die aktuelle Pandemie liefert dazu reichhaltiges Material. Gegen den allherrschenden Konkurrenzkapitalismus wird nicht nur die Rolle des Staates aufgewertet, sondern ein Begriff wie Solidarität ist plötzlich in aller Munde. Doch der Backlash beginnt bereits. Trump und die SVP versuchen, die Pandemie-Bekämpfung in ihre Konstruktion der Elite versus das wahre Volk einzubauen. Dabei entstehen durchaus Ambivalenzen und Widersprüche. Die Multimilliardärin aus Chur solidarisiert sich plötzlich mit der Coiffeuse aus dem Kosovo. Gegen solche Äquivalenzen muss eine real verankerte Bedeutung der Solidarität rekonstruiert werden.

Stefan Howald

Literatur

Stuart Hall: «Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln». Aus dem Englischen von Ronald Gutberlet. Argument / InkriT. Berlin 2020. 304 Seiten.

Stuart Hall: «Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse. Ethnie. Nation». Herausgegeben von Kobena Mercer. Mit einem Vorwort von Henry Louis Gates Jr. Aus dem Englischen von Frank Lachmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2017. 221 Seiten.

Stuart Hall: «Ausgewählte Schriften in 5 Bänden». Argument Verlag, Hamburg 1989ff.– «Ideologie. Kultur. Rassismus». Ausgewählte Schriften 1. Hamburg 1989 (Neuauflage 2012).– «Rassismus und kulturelle Identität». Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994 (Neuauflage 2012).– «Cultural Studies. Ein politisches Theorieprojekt». Ausgewählte Schriften 3. Hamburg 2000.– «Ideologie. Identität. Repräsentation». Ausgewählte Schriften 4. Hamburg 2004.– «Populismus. Hegemonie. Globalisierung». Ausgewählte Schriften 5. Hamburg 2014.

Der Argument-Verlag bereitet eine Zusammenfassung dieser fünf Bände in zwei Bänden vor, von denen der erste, «Schriften1», noch im Mai erscheinen sollte.


Teile dieses Artikels sind in einem Nachruf auf Stuart Hall 2014 im Widerspruch 65, S. 169–177, erschienen, siehe https://www.widerspruch.ch/widerspruch-65-0.

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