Ein Mann und eine Frau, die nicht nur Marx Ideen gaben

Radikaldemokrat und bahnbrechender Ökonom: Wilhelm Schulz (1797-1860) war als hessischer Oppositioneller mehrfach in Haft und lebte nach einer tollkühnen Flucht ab 1836 im Zürcher Exil, Wand an Wand mit Georg Büchner an der Spiegelgasse. Ein profilierter Publizist, wurde er 1848/49 Parlamentarier in der Frankfurter Paulskirche und war danach bis zum Tod wieder in Zürich wohnhaft. Seine Frau Caroline Schulz Sartorius (1801 – 1847) war ihm eine unentbehrliche Partnerin, eine ältere Vertraute für Georg Büchner, Georg Herwegh und Gottfried Keller.

Geschichten aus der Geschichte der deutschen wie der schweizerischen Demokratie finden sich in einem längeren, reich illustrierten Text über dieses bemerkenswerte Paar, und zwar hier:

CarolineundWilhelmSchulz

 

 

Veröffentlicht unter Kulturkritik, Linksbüchneriade, Politik | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Reisen um die Büchners

Die Luise-Büchner-Gesellschaft kam rechtzeitig zum Frauenstreik 2019 nach Zürich. Vor knapp zehn Jahren in Darmstadt gegründet, widmet sich die Gesellschaft Leben und Werk von Luise Büchner (1821–1877). Die jüngere Schwester von Georg Büchner war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bekannte Bildungsreformerin und Frauenrechtlerin; verschiedene ihrer Sachbücher und belletristischen Werke sind in Neuauflagen weiterhin erhältlich. Dass die mehrtägige Reise der Gesellschaftsmitglieder den zweiten Schweizer Frauenstreik am 14. Juni einschloss, war da durchaus passend.

Unter der kundigen Leitung von Martina Kuoni setzte man sich am Freitag zuerst auf die Spuren von Frauen in Zürich, von Emilie Kempin-Spyri über Claire Goll und Ricarda Huch bis zu Caroline Farner. Im Gymnasium auf der Hohen Promenade übten die Jugendlichen gerade Debatten zu Klimanotstand und Frauenstreik. Und die Frauendemo am späteren Nachmittag beeindruckte die BesucherInnen aus Hessen aufs Schönste.

 

Rosa Luxemburg

Am Abend war die Gesellschaft dann im bücherraum f eingeladen. Melinda Nadj Abonji, stark bewegt vom Frauenstreik, hatte eben gerade einen Text fertig gestellt, über Rosa Luxemburg, den sie druckfrisch vortrug; seither ist er digital in der «Republik» erschienen.

Die Revolutionärin Rosa Luxemburg (1871–1919) hat neun Jahre in Zürich verbracht und hier studiert, weil im deutschsprachigen Raum nur an der Universität Zürich Frauen und Männer gleichberechtigt zugelassen waren. Ab Mai 1889 wohnte sie in Zürich Oberstrass, ab Oktober 1889 belegte sie Philosophie, Mathematik, Botanik und Zoologie. 1892 nahm sie das Studium der Rechtswissenschaft auf, 1893 schrieb sie sich zudem in Staatswissenschaften ein.

Mehrfach wechselte sie in den neun Zürcher Jahren die Unterkunft, immer in der Nähe der Universität verbleibend. Rasch fand sie Kontakt zu deutschen, polnischen und russischen EmigrantInnen. Eine Zeitlang wohnte sie beim emigrierten SPD-Politiker Carl Lübeck, dessen Sohn Gustav sie später heiratete, um den deutschen Pass zu bekommen. In einem weiten Freundes- und Gesprächskreis suchte sie emigrierte StudentInnen und Arbeitern zusammenzubringen. Im Mai 1897 wurde ihre Doktorarbeit über «Polens industrielle Entwicklung» von der Universität angenommen, womit sie als erste Frau in Zürich zur Dr. oec. promovierte; ihr Doktorvater Julius Wolf nannte sie später den «begabtesten Schüler» seiner Zürcher Zeit. Im Mai 1898 reiste sie schliesslich nach Deutschland.

Melinda Nadj Abonji beschrieb ihre Faszination durch Luxemburg, deren Vielseitigkeit und Offenheit, in einem dichten Text. Erst spät, gegen herrschende Vorurteile, sei sie Luxemburgs Sätzen begegnet und habe in diesen einen «klaren, kräftigen Herzschlag» vernommen, so ganz anders als in andern politischen Texten. Bei Luxemburg sei jederzeit eine Sprachmelodie voll erzählerischer Eleganz und Genauigkeit zu spüren.

Mit Briefzitaten belegte Nadj Abonji Luxemburgs Verbundenheit mit der Natur, die keine bloss aufgesetzte Empathie sei, sondern ein Mitfühlen im genauen Wortsinn. Luxemburgs Existenz gehöre einem «Lebensrhythmus an durch ihre zugewandte Aufmerksamkeit und ihre Vorstellungskraft», die Details mit grösseren Zusammenhängen verbinde. Gerade daraus sei ihr radikaler Antimilitarismus ebenso wie der Antiimperialismus erwachsen, gegen alle Gewalt, die den Menschen, Tieren und Dingen weltweit angetan werde.

Doch jede Beschäftigung mit Luxemburg sehe sich schliesslich mit dem Schmerz ihrer Ermordung konfrontiert, die unter schändlicher Duldung oder gar mit Hilfe der deutschen Sozialdemokratie geschehen sei. So viel sollte mit ihr getötet werden: Aufmerksamkeit, Weiterdenken, Hoffnung, Kritik am jämmerlichen Opportunismus, revolutionäre Ungeduld. Und dennoch sei das alles nicht verstummt. «Ja, die vielsprachige Rosa Luxemburg gibt keine Ruhe, sie ruft mir beherzt zu, auf Polnisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Jiddisch: ‹Die Revolution ist grossartig, alles andere ist Quark!›»

Der Zürcher Aufenthalt hat immerhin eine kleine Spur hinterlassen, eine Gedenktafel an der Plattenstrasse 47, wo sie 1894/95 wohnte, angebracht am Haus zur Platte, der Villa Wehrli, in dem das Englische Seminar der Universität residiert.

Melinda Nadj Abonji ist das entschieden zu wenig. «Baut dieser Frau endlich ein Denkmal!», ruft sie der Stadt Zürich zu und hat auch schon zwei mögliche Vorschläge: Eine Skulptur Rücken an Rücken zu Alfred Escher auf den Bahnhofplatz gestellt, um Eschers Blick auf die Bahnhofstrasse als Ort des Geldes und des Konsums die Sicht auf den Bahnhof als Ort des migrantischen Daseins entgegenzustellen. Oder dann könnte man den Helvetiaplatz umbenennen. «‹Treffen wir uns am Rosalux?› Klingt doch gut!»

Der Vorschlag fand im bücherraum f lebhaften Zuspruch – die Luise-Büchner-Gesellschaft hat nach langem Lobbyieren letztes Jahr in Darmstadt ein Denkmal für die Frauenrechtlerin einweihen können.

 

Von der Spiegelgasse nach Hottingen

Am Samstag machte sich die Gesellschaft unter Anleitung von Stefan Howald auf die Spuren von Georg Büchner, vom alten Universitätsgebäude an der Kappelergasse über den Fischmarkt und – natürlich! – die Spiegelgasse bis zum ehemaligen Krautgartenfriedhof beim Kunsthaus. Man endete mit einem Abstecher nach Hottingen, wo Marie Heim-Vögtlin gearbeitet und gelebt hatte, die 1875 als erste Schweizer Ärztin zu praktizieren begann. Im Haus an der Hottingerstrasse 25 war sie von Luise Büchner im gleichen Jahr besucht worden, anlässlich der Gedenkfeier für Georg Büchner, nachdem dessen Gebeine vom aufgehobenen Friedhof Krautgarten auf den Germaniahügel beim Rigiblick versetzt worden waren. Luise Büchner verfasste darüber einen Bericht; beinahe interessanter als die offizielle Gedenkfeier, die überwiegend von Männern dominiert wurde, beschreibt sie ihren weiteren Zürich-Aufenthalt. Sie benutzte nämlich die Gelegenheit, um Schweizer Bildungsreformerinnen zu besuchen, neben Heim-Vögtlin etwa auch die Italienischlehrerin Sophie Heim und die Schriftstellerin Susanna Müller, die sie ihrerseits in das Schweizer Bildungssystem einführten.

 

Ein radikales Ehepaar

Am 27. Juni erwiderte Stefan Howald den deutschen Besuch in Riedstadt-Goddelau, im bewundernswürdigen Büchnerhaus. Im Gepäck trug er einen Vortrag über Caroline und Wilhelm Schulz mit: «Aus der Geschichte der deutschen Demokratie, und der schweizerischen dazu». Wilhelm Schulz (1797–1860), ehemaliger hessischer Offizier, kam wegen eines kritischen «Frag- und Antwortbüchleins» bereits 1819 in einjährige Untersuchungshaft, betätigte sich dann als vielseitiger radikaldemokratischer Publizist. 1833 wurde er erneut verhaftet und 1834 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, konnte aber dank eines von seiner Frau Caroline Schulz Sartorius (1801–1847) minutiös geplanten und unterstützten spektakulären Ausbruchs flüchten und nach Strassburg exilieren. Dort trafen die Schulzens Anfang 1836 den ebenfalls aus Hessen exilierten Georg Büchner und befreundeten sich mit ihm. Ab November 1836 wohnten die drei in Zürich, Wand an Wand an der Spiegelgasse 12. Caroline Schulz pflegte Georg Büchner in den letzten Wochen bis zu dessen Tod am 19. Februar 1837 und hat bewegende Notizen dazu hinterlassen.

Kurz danach zogen die Schulzens vor die Tore der Stadt, nach Hottingen, an die Gemeindestrasse 27. Hottingen war damals noch – bis zur Eingemeindung 1893 – eine eigenständige Ortschaft, 1837 von gut 2000 Menschen besiedelt, mit grossen Rebbergen den Zürichberg hinauf, aber auch beträchtlicher Heimarbeit und Manufaktur, sowie relativ billigem Wohnraum für KünstlerInnen und ExilantInnen. Die Schulzens verkehrten vor allem in der deutschen Exilszene um Adolf Ludwig Follen und Julius Fröbel, befreundeten sich mit Georg und Emma Herwegh, mit Ferdinand und Ida Freiligrath, auch mit einem jungen Gottfried Keller. 1843 veröffentlichte Schulz im Literarischen Comptoir von Julius Fröbel das Buch «Bewegung der Produktion», in dem er eine materialistische Gesellschaftsentwicklung skizzierte. Wegen dieses Buchs stellte der Historiker Walter Grab, der Schulz 1979 wieder für die Öffentlichkeit entdeckte, seine Biografie unter den Titel «Ein Mann der Marx Ideen gab». Als vielseitiger Publizist veröffentlichte Schulz aber beispielsweise auch eine Satire über die «wahrhaftige Geschichte des deutschen Michel und seiner Schwester» mit Illustrationen des Schweizer Satirikers Martin Disteli.

Caroline erlag 1847 einer vermuteten Krebserkrankung. Die schriftlichen Dokumente von ihr sind spärlich, aber allen Zeugnissen nach muss sie eine eindrückliche, ebenso selbständige wie hilfsbereite Frau gewesen sein, die nicht nur Georg Büchner, sondern auch Georg Herwegh und Gottfried Keller eine anregende ältere Freundin war. Gottfried Keller zog Mitte 1847 ein halbes Jahr lang zu Schulz, da dieser den Alltag nicht allein bewältigen konnte. Offenbar noch von Caroline eingefädelt, verheiratete sich der Witwer danach mit deren bester Freundin, Anna Katharina «Kitty» Bodmer, aus altem Zürcher Geschlecht.

Nach den Märzstürmen in Wien und Berlin konnte Schulz 1848 erstmals wieder auf das Gebiet des deutschen Bundes zurückkehren und gehörte 1848/49 als hessischer Abgeordneter zu den gemässigten Linken im Frankfurter Parlament. Nach dessen Scheitern kehrte er nach Hottingen zurück. Hier blieb er weiterhin publizistisch tätig, insbesondere zur Militär- und Aussenpolitik, mit abnehmender Wirkung. 1860 starb er in Hottingen, weitgehend vergessen. Die Biografie von Walter Grab brachte ihm kurzfristigen Nachruf, der aber wieder verblasst ist. Weitere Forschungen zu Caroline und Wilhelm Schulz wären wichtige Beiträge zur Geschichte der deutschen und der schweizerischen Demokratie.

Stefan Howald

 

 

 

 

 

 

Von Wilhelm Schulz existiert eine einzige Darstellung, anonym, vermutlich von 1820; von Caroline Schulz ist bislang keine Darstellung bekannt.

Veröffentlicht unter Linksbüchneriade, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentare deaktiviert für Reisen um die Büchners

Nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte

Fotografien von Florian Bachmann: Gegenwärtig im bücherraum f an der Jungstrasse 9 in Zürich

Veröffentlicht unter bücherraum f, Linksbüchneriade | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte

Wie man so geht

Am Anfang waren die Füsse. Und die Kunst. Also die Füsse in der Kunst. Von den wohlgeformten, fein gesalbten bei den alten Meistern bis zu den unförmigen Klumpen von Giacometti.

Darin steckt natürlich mehr: Wie wir in der Welt stehen und wie wir uns darin bewegen. Verglichen mit dem geschmeidigen Gang der Tiere tappen wir ziemlich unbeholfen herum. So schilderte Isolde Schaad einen Antrieb für ihr jüngstes Buch «Giacometti hinkt», das sie kürzlich im bücherraum f vorstellte. Die Erzählungen des Bands nehmen das Motiv des Welt-Ergehens auf, umspielen es in fünf Wegstrecken und drei Zwischenhalten, anhand unterschiedlicher Leben und Milieus.

Nicht ganz zufällig, dass ein Erzählband von Isolde Schaad so  komponiert daherkommt. Ihr Werk ist jederzeit reflektiert. Im Gespräch wies sie zwar zu Recht darauf hin, dass ihr Interesse an erzählten Geschichten seit etlicher Zeit zugenommen habe und ihre Texte handlungsorientierter geworden seien. Weiterhin bleiben sie allerdings essayistisch grundiert. Darin besteht ihr ganz eigener Ton. Hier geschieht nichts einfach so. Vielmehr werden die Geschehnisse durchleuchtet auf ihren möglichen Sinn, und ebenso wird die Sprache abgeklopft, was sie weiterhin enthält, in Sprachwitz und Doppeldeutigkeiten.

Mir ihren frühen Essaybänden hat Isolde Schaad regelmässig die neusten Sitten und Moden aufgespiesst, eine Ethnologie des Alltags betrieben. Das zeigte sich schon in den sprechenden Buchtiteln: «Know-how am Klimandscharo. Verkehrsformen und Stammesverhalten von Schweizern», «Zürcher Constipation. Texte aus der extremen Mitte des Wohlstandes» (1986), «Küsschentschüss. Sprachbilder und Geschichten zur öffentlichen Psychohygiene» (1989), «Body & Sofa. Liebesgeschichten aus der Kaufkraftklasse» (1994). Mit dem ersten Roman «Keiner wars» (2001) wurde das Spektrum weiter aufgespannt, da er eine Bilanz der 68er unternahm. «Robinson und Julia» (2010) ging noch weiter, spürte wechselnden Geschlechterrollen durch die Jahrhunderte und die Literatur hindurch auf.

Jetzt also «Giacometti hinkt», ein neuer Erzählband. Bei ihrer Lesung stellte Isolde Schaad Passagen aus drei Erzählungen vor, auch drei unterschiedliche Erzählformen. Einer Nationalrätin der Grünen werden Militärschuhe ihres deutschen Partners zu Objekten des Anstosses. In der Irritation bündelt sich manches, Lebensgeschichtliches, Politisches, ebenso wie die etwas schal gewordene Beziehung. Ihr linksalternatives Engagement hat sich zu hochfliegenden Plänen verstiegen, die allmählich auf den Boden geholt werden, milde ironisch. Denn die Schuhe loszuwerden ist gar nicht so einfach; beim Versuch, damit einen eritreischen Jungen als Objekt für die persönliche sozialpolitische Wohltätigkeit zu gewinnen, stösst sie an die eigenen Vorurteile.

In der titelgebenden Erzählung geht es um die bildende Kunst, die Schaad immer beschäftigt hat, und zwar am Beispiel von Alberto Giacometti, dieser klassischen Referenz der Moderne. Diese fraglose Verehrung! Andererseits: diese Füsse! Anhand eines Studenten, der einen neuen Blick auf das Werk sucht, entwickelt sich eine Satire auf den Kunstwissenschaftsbetrieb. Und angesichts des Marktwerts von Giacometti kann schon beinahe zwangsläufig ein kriminalistischer Plot damit verknüpft werden. Wobei durchaus ernsthaft die Frage nach der aktuellen Bedeutung von Kunst gestellt ist: Geht es ihr ums Leiden oder um den Erfolg? Kann sich die gefährdete Authentizität behaupten, oder hat Kunst nur noch jene Funktionalität, die ihr die Gesellschaft jeweils zuschreibt? Ja, auch das Hinken von Giacometti steht in diesem Kontext der Suche nach dem authentischen Leiden.

In einer dritten Erzählung wird eine Rechtsanwältin von der Vergangenheit eingeholt, in Gestalt einer ehemaligen politischen Weggefährtin. Die trifft sie im Pflegeheim, wo sie ihre Tante besucht. Da die jüngere gegen ihren Willen eingeliefert scheint, erwägt die Anwältin sogleich Befreiungspläne. Als Mittel dazu und als Ablenkung erwählt sie sich einen Rollator. Den entwickelt sie sich als unentbehrliches Mitbringsel, in einer kleinen Groteske: Was kann man mit einem Rollator alles machen, so dass der vom Gefährt geradezu zum Gefährten wird! Ja, bekräftigte eine Zuhörerin, das sei eine schöne Ermächtigung für ältere Frauen, und dem Einwand im bücherraum, erkauft werde diese Ermächtigung durch eine grundlegende Kränkung über die eigene Gebrechlichkeit, wurde entgegengehalten, dass sich in solchen unterschiedlichen Reaktionen gerade auch geschlechtsspezifische Erfahrungen und Werte äusserten.

Identifizierbar sind diese Geschichten, ihre Orte und ihre Menschen – auch auf Oerlikon wird von Schwamendingen aus ein Blick geworfen. Und sie zielen doch darüber hinaus, in soziale Milieus und gesellschaftliche Lebensformen. Wie man geht, so lebt man.

sh

Isolde Schaad: «Giacometti hinkt». Fünf Wegstrecken, drei Zwischenhalte. Erzählungen. Limmat Verlag. Zürich 2019, 280 Seiten.

Veröffentlicht unter bücherraum f, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Wie man so geht

Gut eidgenössisch

Bemerkenswert, mit welch unverhohlener Freude die meisten Zeitungen diese Faustjustiz begrüssten. Wer im Sommer 1957 von einer Reise aus Moskau in die Schweiz zurückkehrte, hatte ein paar guteidgenössische Prügel verdient. Dass auch gleich noch die Koffer der Reisenden geplündert und in Brand gesteckt wurden: lässliche Überreaktion. Die NZZ hatte es schon vorgemacht, 1956, als sie die Adresse des Marxisten Konrad Farner publizierte und scheinheilig fragte, ob wohl die Schweizer Bevölkerung ihren Unmut über den Moskausöldling ausdrücken werde? Sie war es 1957 wiederum, die die ganze Kampagne gegen die Schweizer TeilnehmerInnen an den Weltjugendfestspielen in Moskau öffentlich orchestrierte. Andere Zeitungen wie das «Basler Volksblatt» oder die «Luzerner Neueste Nachrichten» folgten getreulich. Der «Freie Schweizer» ging noch ein bisschen weiter, nannte die Reisenden «Parasiten» und forderte die Entlassung allfällig beteiligter Lehrpersonen.

Rafael Lutz präsentierte diese erschreckenden O-Töne bei der Vernissage seines Buchs «Heisse Fäuste im Kalten Krieg» im bücherraum f. Er hat ausführlich über jenen Ausbruch gutbürgerlicher Gewalt recherchiert, mit dem die RückkehrerInnen aus Moskau in Zürich empfangen wurden, hat mit den wenigen noch verbliebenen ZeitzeugInnen gesprochen, zeitgenössische öffentliche und private Berichte sowie einschlägige Polizeidossiers ausgewertet und darüber ein gut lesbares Buch geschrieben.

Rund 350 junge Leute aus der Schweiz waren Ende Juli an die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau gereist. Obwohl von der kommunistischen Partei der Arbeit (PdA) initiiert, waren wohl nicht einmal hundert der Reisenden PdA-Mitglieder. Doch das reichte im Zeichen des Kalten Kriegs schon, um das eidgenössische Abendland in Gefahr zu sehen, zumindest in der Deutschschweiz. In der welschen Schweiz nahm man die Sache ein bisschen gelassener; nicht nur stammte die Mehrheit der TeilnehmerInnen aus Genf und aus der Waadt, sondern dort schürten die Medien so wenig öffentliche Empörung, dass die NZZ gleich auch noch indigniert über den mangelnden antikommunistischen Eifer der Welschen herziehen musste.

Am 11. August verkündete die laufende Leuchtschrift am Zürcher Bahnhofplatz die genaue Uhrzeit, zu der die «Moskauwallfahrer» mit dem Arlberg-Express im Bahnhof Zürich Enge eintreffen würden. Rund 300 Leute versammelten sich, mit Plakaten und schlagtüchtigen Schirmen. Die Polizei war auch vor Ort; doch sie griff kaum ein, als einige der dreissig Zürcher Reisenden beim Aussteigen unsanft gepackt wurden, bevor sie aus dem Bahnhof Enge flüchten konnten oder sich in den Zug zurückzogen und sich verbarrikadierten, um später in einem ungefährlicheren Bahnhof auszusteigen. Der NZZ-Redaktor und nachmalige Stadt- und Nationalrat Ernst Bieri hatte bei der Abreise Ende Juli einige Sprachregelungen vorgegeben und von PdA-Schutzstaffeln schwadroniert, die die Pressefotografen an der Ausübung ihrer hehren Pflicht gehindert hätten – ironischerweise hätte es solchen privaten Schutzes durchaus gebraucht, da die Polizei ihren gesetzlichen Auftrag nicht erfüllte. In der Halle gerieten Gepäckstücke unter die Räder des Zugs, und jener Gepäckwagen, auf dem die Polizei die zurückgebliebenen Koffer der Geflüchteten eingesammelt hatte, war, bevor er auf dem Tessinerplatz eintraf, vollständig geplündert worden. Danach wollten die Biedermänner von der Falkenstrasse wieder mal keine Brandstifter gewesen sein: Für ein paar übereifrige Jugendliche sei man nicht verantwortlich. Aber die NZZ störte sich keineswegs daran, dass für einmal in der Schweiz Ruhe und Ordnung nicht gewährleistet worden waren.

Als Kollateralschaden kriegte mindestens ein US-amerikanischer Tourist guteidgenössische Schläge ab; doch da erkannte der Tourismusverein schnell, dass man ihn mit allerlei Geschenken begütigen musste, so dass der Vorfall, nach dem ursprünglichen «Missverständnis», geradezu als Musterbeispiel für die Gastfreundschaft der Schweiz herumgeboten werden konnte.

Bei der lebhaften Buchvernissage im bücherraum f, von Limmat Verlag und Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung mit organisiert, waren auch zwei der damaligen Moskaureisenden anwesend. Edwin Bhend war am 11. August 1957, da Gerüchte über einen womöglich unfreundlichen Empfang den Zug erreicht hatten, schon im Bahnhof Rüschlikon ausgestiegen, hatte sich nachher, aus jugendlicher Neugier, zum Bahnhof Enge begeben, wo er aber vom Krawall nicht mehr viel mitbekam. Dafür erhielt er wenig später die Kündigung von der Schreinerei, bei der er gearbeitet hatte. Auch der damals fünfzehnjährige André Pinkus war in Moskau gewesen, reiste jedoch mit der zweiten Gruppe am 15. August zurück. Angesichts der Erfahrungen der ersten Gruppe stiegen die meisten ZürcherInnen gleich nach dem Grenzübertritt in Buchs aus, oder spätestens in Oberrieden, nachdem man, durchaus dem subversiven Image entsprechend, die Notbremse gezogen hatte. Im Bahnhof Enge wurde der Zug diesmal von beinahe tausend DemonstrantInnen erwartet. Also harrten die im Zug verbliebenen Welschen in den drei hintersten Wagen aus, um dann unbehelligt weiterzufahren. Die Polizei hatte trotz einer Hundertschaft die Halle nicht räumen können; erst nach der Weiterfahrt des Zugs zerstreute sich die Menge enttäuscht.

Eine Woche später erinnerte sich die LNN an ihre Denunziationsfunktion und veröffentlichte die Namen der vier Luzerner TeilnehmerInnen der Moskauer Reise. Alle verloren sie daraufhin ihre Stelle. Das ist eine der beunruhigendsten Tatsachen dieser Affäre: die Zusammenarbeit von staatlichen Behörden, privaten Organisationen und der Wirtschaft. Schon bei der Ausreise waren alle TeilnehmerInnen registriert worden, die Polizeiberichte wurden entschieden diffamierend verfasst, und die Angaben fanden dann den Weg zu rechtsbürgerlichen Organisationen, die sie wiederum an Arbeitgeber weiterreichten.

Natürlich, die Weltjugendfestspiele dienten dem sowjetischen Regime jeweils als Propagandashow, insbesondere nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956, und einige Erinnerungen von TeilnehmerInnen sind ein bisschen rosarot gefärbt. Aber in der Schweiz wurde schon der blosse Besuch in Moskau zum Staatsverrat erklärt, während umgekehrt Wirtschaftsbeziehungen durchaus gepflegt wurden. Dabei reichte der antikommunistische Konsens bis weit in sozialdemokratische Kreise hinein. Auch spätere links Engagierte wie Walter und Regula Renschler wirkten in entsprechenden studentischen Initiativen mit, ebenso wie die nachmalige Bundesrätin Elisabeth Kopp. Oder der damals neunzehnjährige Medizinstudent Berthold Rothschild. Aus Solidarität mit Ungarn an die Demonstration geeilt, liessen bei Rothschild die Massenszenen in der Enge aufgrund seiner jüdischen Herkunft unangenehme Assoziationen an Pogrome und die Nazizeit aufsteigen. Noch vor Ort fühlte er sich fehl am Platz; er erlebte den Abend als «negatives Damaskuserlebnis» und engagierte sich ab den siebziger Jahren unter anderem in den Reihen der einst verfemten PdA.

Das Buch von Rafael Lutz öffnet immer wieder Seitenblicke, etwa auf den Verleger und Impressario Nils Andersson, der «Die Geschichte vom Soldaten» von C.F. Ramuz und Igor Strawinsky in Moskau aufführen wollte, was an einem Veto des SRG-Generaldirektors scheiterte; oder auf den Fotografen Léonard Gianadda, der nach einer Reportage aus Moskau praktisch Berufsverbot erhielt. Einige Lücken bleiben, wie interessierte Nachfragen zeigten, etwa ob weitere Unbeteiligte betroffen waren. Ebenso spannend wären weitere Untersuchungen zur Traditionslinie des konservativen Engagements der Studentenschaft.

Der Krawall steht in einer Reihe des schweizerischen Antikommunismus, und im bücherraum f hat es etliche Bücher zu dessen unheimlicher Geschichte, etwa Jürgmeiers «Staatsfeinde oder Schwarzundweiss», Max Schmids «Demokratie von Fall zu Fall», auch die «Unheimlichen Patrioten» von Jürg Frischknecht, Peter Haffner, Ueli Haldimann und Peter Niggli sowie einen Sammelband «Niemals vergessen», unter welcher zweideutigen Parole die Kommunistenhatz 1956 betrieben worden war. Auch die andere Seite ist vertreten, mit einer Sammlung hochtrabender Leitartikel von NZZ-Chefredaktor Willy Bretscher; der 1963 erschienene Essayband «Unbehagen im Kleinstaat» des Germanisten Karl Schmid zeigte dann erste Bruchlinien in der bislang geschlossenen bürgerlichen Phalanx.

Der Krawall im Bahnhof Enge verweist auf das Thema des Rechtspopulismus, wie schon die vorangegangenen Veranstaltungen im bücherraum f mit Philipp Löpfe zum Phänomen Trump und mit Franziska Schutzbach über die Rhetorik der Rechten. Ja, man könnte beinahe den Verdacht hegen, das sei bei der Programmierung der jüngsten Veranstaltungen im bücherraum f so geplant worden.

Tatsächlich bleibt die Diskussion darüber dringlich. Am Beispiel des Krawalls 1957 wies ein Teilnehmer in der Diskussion auf die sozialpsychologische Funktion des Sündenbocks hin, den die MoskaufahrerInnen gespielt hätten. In seinem Buch schneidet Rafael Lutz solche Erklärungsansätze an, ebenso wie Ueli Mäder in einem Vorwort und der Psychoanalytiker Mario Gmür im Nachwort. Dabei sollte man allerdings nicht mit einem Begriff wie Hysterie einem individualpsychologischen Ansatz oder sogar einer Psychiatrisierung Vorschub leisten. Der Rechtspopulismus bleibt so gefährlich als Amalgam von ökonomischen Faktoren, sozialpsychologischen Mechanismen und gezielter Organisierung von oben.

sh

Veröffentlicht unter bücherraum f, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Gut eidgenössisch

Warum Giacometti hinkt

Veröffentlicht unter bücherraum f, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit | Kommentare deaktiviert für Warum Giacometti hinkt

Massenpsychologie und Orgonon

Bücherräumereien (IX): Eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

Es muss sich wohl doch um einen späteren Raubdruck handeln. Obwohl: Das Klein-format, 14 mal 11 cm, und das Titelbild entsprechen der Originalausgabe von 1933, auch die Typografie und der schlechte Druck. Aber die Originalausgabe hat einen roten Umschlag und nennt auf der Innenseite den «Verlag für Sexualpolitik» in Kopenhagen – Prag – Zürich als Herausgeber. Dieser Hinweis fehlt in der Ausgabe in der Politisch-philosophischen Bibliothek f. Offenbar ist diese ein fotomechanischer Nachdruck, wobei das Titelbild – ohne Verlagshinweis – ebenfalls übernommen wurde, allerdings als erste Innenseite nach links gerückt worden ist, während ein der Originalausgabe nachempfundenes, neu gestaltetes Titelblatt in Broschur um den Band gelegt worden ist. Textlich handelt es sich um die zweite Auflage aus dem Jahr 1934.

Mit der «Massenpsychologie des Faschismus» hatte Wilhelm Reich (1897 – 1957) der orthodoxen kommunistischen Interpretation des deutschen Faschismus, die sozioökonomische Gesichtspunkte betonte, eine psychoanalytische Dimension hinzugefügt beziehungsweise entgegengestellt. Der Untertitel «Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik» verkündete zugleich ein Programm, mit dem man gegen den Faschismus ankämpfen sollte oder hätte ankämpfen sollen. Im Gefolge von 1968 wurde der lange verfemte Wilhelm Reich wieder entdeckt, und in diesem Zusammenhang erfolgte offenbar auch der vorliegende Raubdruck. Im Internet-Antiquariatshandel werden drei solcher Raubdrucke angeboten, einer von 1970, dann ein «Junius-Druck» von 1972 und schliesslich eine Ausgabe der Anarcho-Press um circa 1980. Aber das Titelbild unserer Ausgabe stimmt mit keinem dieser drei überein; bei letzterer ist beispielsweise, nicht ganz anarchistisch, auf dem Umschlag ein Preis von «4 DM» vermerkt. Später wurde das Buch gar massenmarktfähig; ich besitze eine Ex-Libris-Ausgabe von Anfang der achtziger Jahre, aus einer Zeit, als Ex Libris nicht nur eine seriöse Buchgemeinschaft war, sondern sogar ein seriöser Verlag. Allerdings fehlt in dieser Ausgabe hinwiederum der Untertitel: «proletarische Sexualpolitik» hätte die bildungsbürgerlichen Sensibilitäten vielleicht doch ein bisschen zu stark verletzt.

Wohl ebenfalls aus dem gleichen 68er-Milieu stammt ein Raubdruck von Reichs «Charakteranalyse», der sich in unserer Bibliothek befindet: gleiches Kleinformat, gleiches Papier. Hier allerdings ist auf dem Innenblatt vermerkt «Im Selbstverlage des Verfassers». Diese beiden 1933 erschienenen Bücher von Reich sind zentrale Werke des Freudo-Marxismus, mit einer ebenso verwickelten wie weit reichenden Rezeption. Reich selbst beschäftigte sich später mit eher esoterisch anmutenden Themen, etwa mit der von ihm so genannten Orgonenergie, auch mit parapsychologischen Experimenten.

Die haben es sogar in die Popmusik geschafft. 1985 veröffentlichte die unvergleichliche Kate Bush ein Lied, das mit den Zeilen beginnt: «I still dream of Orgonon». Orgonon war die Heimatstätte und zugleich das Laboratorium von Wilhelm Reich ab 1943 in Maine/USA gewesen. Der Song heisst «Cloudbusting», und er handelt von jener Maschine, die Reich Anfang der fünfziger Jahre entworfen hatte, um die Wolken zu teilen und Regen zu machen. Ja, Regen zu machen. Nun ist man sich von Kate Bush Etliches gewöhnt; sie hat mal ein Lied geschrieben, in dem die häuslichen Wonnen einer Waschmaschine beschrieben werden.

Aber wie ist sie bloss auf Reichs Orgonon gekommen, und was hat es mit der Regenmaschine auf sich? Sie selbst hat berichtet, dass sie kaum etwas von Wilhelm Reich wusste, als sie den Song schrieb. Angestossen wurde der vielmehr durch das «Book of Dreams» von Peter Reich. Der Sohn von Wilhelm Reich, 1944 geboren, hatte seinen Vater nur als Heranwachsender erlebt, da Wilhelm Reich 1957 während einer politisch motivierten Gefängnisstrafe gestorben war. 1973 veröffentlichte Peter Reich eine lyrische Evokation an den verlorenen Vater, der ihm als faszinierender Schamane erscheinen wollte. Die Mischung musste Bush ansprechen, und fürs entsprechende Musikvideo gewann sie den Schauspieler Donald Sutherland, der ein paar Jahre zuvor tatsächlich mal Wilhelm Reich gelesen hatte, für eine Rolle in Bernardo Bertoluccis «Novecento» (1976). Das Video, mit Kate Bush als staunendem Buben, lässt sich heute nur noch aus ethnologischer Distanz beobachten, siehe https://www.youtube.com/watch?v=pllRW9wETzw. Aber darüber legt sich der weiterhin betörende Sound mit seinem insistierenden Rhythmus, der ein Kind, einen Sohn auf der Suche nach seinem Vater zwischen Verzweiflung und Hoffnung zeigt. Nachdem «the men in power» gekommen sind, um den Vater abzuführen, gelingt es dem Jungen, die Regenmaschine in Gang zu setzen, und als Regen niederprasselt, wird die Geschichte im Crescendo zur Emanzipationsgeschichte: «The sun’s coming out / your son’s coming out».

Bis zu seinem dramatischen und tragischen Ende hatte Reich einen weiten, konfliktreichen Weg zurückgelegt. Als brillanter Student war er bereits 1920 in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen worden und von Freud als einer von dessen – nicht ganz seltenen – Ziehsöhnen geschätzt worden. In wenigen Jahren schrieb er beinahe zwei Dutzend originelle Aufsätze zur psychoanalytischen Theorie. Dabei verschärfte Reich Freuds Libido- zu einer Orgasmustheorie. In der «Funktion des Orgasmus» (1927) wurde die seelische Gesundheit ganz dem Ausleben der orgiastischen Potenz überantwortet. Zugleich trieb er die Politisierung der Psychoanalyse voran. 1927 war er unter dem Eindruck der Juliereignisse in Wien – als protestierende ArbeiterInnnen wegen eines Skandalurteils den Justizpalast gestürmt hatten und dabei von der sozialdemokratisch geführten Polizei 84 Menschen erschossen wurden – insgeheim der KPÖ beigetreten, obwohl er offiziell Mitglied der österreichischen Sozialdemokraten blieb. In einer eigenen Praxis betrieb er klinisch-therapeutische Arbeit mit Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu und begann den Aufbau eines sexualpolitischen Netzwerks. Ursprünglich von der KPÖ unterstützt, wurde er im Januar 1930 aus dieser wegen «spalterischen Aktivitäten» ausgeschlossen. Er ging nach Berlin, trat der KPD bei und gründete den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik, kurz Sexpol. Kaum drei Jahre später wurde er auch aus der KPD ausgeschlossen. Nach der Machtübernahme der Nazis emigrierte er zuerst zurück nach Wien, dann nach Skandinavien.

Dort publizierte er im Eigenverlag die «Massenpsychologie des Faschismus». Sie rechnet mit den verkürzten Einschätzungen des Faschismus ab und legt das Gewicht auf die reaktionäre  Familienideologie, der auch viele Arbeiter zum Opfer gefallen seien. In historischen und aktuellen Analysen erkennt Reich die Unterdrückung der Sexualität als wichtigstes Instrument für die Durchsetzung einer autoritären Ideologie. Individualpsychologisch setzt er eine grundlegende Sexualökonomie an, das heisst die Art und Weise, wie ein Individuum mit seiner biologischen Energie umgeht, diese eindämmt oder orgiastisch entlädt. Orgiastische Impotenz charakterisiere den gegenwärtigen Durchschnittsmenschen und verursache biopathische (krankhafte) Symptome und gesellschaftliche Neurotisierungen. Durch Eindämmung und Umleitung der Sexualität seien mystische Irrationalismen und letztlich auch der Faschismus möglich geworden. Dagegen propagierte Reich die Freisetzung der Sexualenergie, mit einer Sexualpolitik, wie er sie zuvor schon in seiner klinischen Praxis erprobt hatte.

Im bücherraum f findet sich ein dritter Raubdruck von Reich. Unter dem Pseudonym Ernst Parell hatte dieser im Jahr 1934 die Broschüre «Was ist Klassenbewusstsein?» veröffentlicht, in seinem «Verlag für Sexualpolitik» als Nummer 1 der «Politisch-Psychologischen Schriftenreihe der Sex-pol». Beabsichtigt war damit nichts weniger als ein Beitrag zur «Neuformierung der Arbeiterbewegung». Das war ein verschärfter Angriff auf die orthodox kommunistische Linie, und zwar unmittelbar auf dem Gebiet der politischen Mobilisierung. Den kommunistischen Parteien warf er vor, das Klassenbewusstsein mechanistisch zu verstehen. «Die bisherige marxistischrevolutionäre Politik setzte ein Klassenbewusstsein im Proletariat als fertig vorhanden voraus, ohne es detaillieren, konkretisieren zu können. Das Klassenbewusstsein der Masse ist nicht fertig formuliert, wie die KP-Führung glaubte, fehlt auch nicht völlig und ist auch anders strukturiert, wie die SP-Führung meinte; es ist vielmehr in konkreten Elementen vorhanden, die an sich noch nicht Klassenbewusstsein sind (etwa blosser Hunger), es aber wohl in ihrer Zusammenfassung ergeben könnten; diese Elemente sind auch nicht rein vorhanden, sondern durchsetzt, vermischt, durchwoben mit gegenteiligen psychischen Kräften und Inhalten.»

Reich geht in leninistischer Tradition weiterhin von der Notwendigkeit einer Avantgardepartei und avantgardistischen Führern aus. Die müssten über ein hohes theoretisches Bewusstsein in ökonomischen wie politischen Belangen verfügen. Allerdings müsse man in der politischen Arbeit berücksichtigen, dass sich das Klassenbewusstsein der normalen Mitglieder deutlich davon unterscheide. Dieses sei «an den russisch-japanischen oder englisch-amerikanischen Gegensätzen gänzlich uninteressiert, ebenso am Fortschritt der Produktivkräfte; es orientiert sich einzig und allein an den subjektiven Spiegelungen, Verankerungen, Auswirkungen dieses objektiven Geschehens in millionenfach verschiedenen kleinsten Alltagsfragen; sein Inhalt also ist das Interesse an Nahrung, Kleidung, Mode, familiären Beziehungen, den Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung im engsten Sinne, an den sexuellen Spielen und Vergnügungen im weiteren Sinne, wie Kino, Theater, Schaubuden, Rummelparks und Tanz, ferner an den Schwierigkeiten der Kindererziehung, an Hausschmuck, an Länge und Gestalt der Freizeit etc. Das Sein der Menschen und seine Bedingungen spiegeln, verankern, reproduzieren sich in ihrer seelischen Struktur, indem sie sie formen. Nur durch diese seelische Struktur hindurch ist der objektive Prozess für uns erreichbar, seine Hemmung wie seine Förderung und Beherrschung. Nur durch den Kopf des Menschen, durch seinen Willen zur Arbeit und sein Sehnen nach Lebensglück, kurz seine psychische Existenz schaffen wir, konsumieren wir, verändern wir die Welt.»

Diese Betonung des vielfältig, auch widersprüchlich zusammengesetzten Alltagsbewusstseins, wie des Alltags überhaupt tönt wie aus den «Gefängnisheften» von Antonio Gramci. So wie ja auch das erste Kapitel der «Massenpsychologie», «Die Ideologie als materielle Gewalt», viel später ein lautes Echo bei Louis Althusser gefunden hat.

Reichs Freudo-Marxismus bereitete beiden Teilen des versuchten Bündnisses keine Freude. Parallel zum Ausschluss aus den kommunistischen Parteien wurde Reich auch aus der psychoanalytischen Bewegung vertrieben. Sigmund Freud selbst hatte sich bald von seinem ehemaligen Schüler distanziert, da dieser Freuds Todestrieb als Konzept ablehnte und den politischen Einsatz der Psychoanalyse gegen den Faschismus verlangt hatte. Im März 1933 teilte Freud Wilhelm Reich mit, das die Leitung des Internationalen Psychoanalytischen Verlags von einem mit Reich abgeschlossenen Vertrag zur Herausgabe von dessen «Charakteranalyse» zurücktrete, und zwar «mit Rücksicht auf die politischen Verhältnisse» – im Klartext: Eine Veröffentlichung des jüdischen Kommunisten Reich hätte die Stellung der IPV in Deutschland geschwächt. Im August 1934 wurde Reich auf dem XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Luzern aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) ausgeschlossen, offenbar auf Antrag der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG). In der Politisch-philosophischen Bibliothek f findet sich als Nachdruck von 1978 eine Stellungnahme aus dem Jahr 1934, die vermutlich von Reich selbst stammt, in der er sich gegen die verunglimpfende Darstellung wehrt, er sei aus freien Stücken aus der DPG und damit auch aus der IPV ausgetreten. Laut späterer kritischer Lesart war Reichs Ausschluss Teil einer «Gleichschaltung» der DPG mit dem Medizinbetrieb des NS-Staates, den Freud um des Überlebens seiner Schule willen mittrug, ja, es scheint sogar, dass er den Ausschluss Reichs aktiv gefordert und gefördert hatte.

In Norwegen von einer kleinen Gruppe unterstützt, aber im deutschsprachigen Raum beruflich seiner letzten Stützpunkte beraubt, flüchtete Reich 1939 in die USA und baute dort eine neue Klinik auf. 1944 überarbeitete er die «Massenpsychologie» zu einer dritten Fassung, die seither allen Neuauflagen zugrunde liegt. Dabei hält er sich immer noch an das vorgegebene politische und theoretische Gerüst. Allerdings nimmt er terminologische Veränderungen vor, die sich seines Erachtens aus soziologischen Entwicklungen ergäben, etwa wenn er «Proletarier» durch «Arbeitende» ersetzt. Und er baut die Kritik an der sowjetisch-stalinistischen Sexualpolitik aus. Zuweilen drängt auch die von Reich seither entwickelte Theorie der biologischen Verfasstheit des Menschen den ideologietheoretischen Ansatz zurück. Denn Reich vertrat mittlerweile ein Dreischichtenmodell, wie er im Vorwort von 1944 erläuterte: Unter der gesellschaftlich bedingten oberflächlichen Schicht der sozialen Charaktere und dem freudschen Unbewussten liege als dritte Schicht ein biologischer Kern, der inhärent gut und edel sei. Was auch plötzlich eine andere politische Strategie erfordert und ermöglicht: «Der internationale Faschismus wird nie durch politische Manöver besiegt werden. Er wird der internationalen natürlichen Organisation der Arbeit, der Liebe und des Wissen erliegen.» Doch bleibt das Buch in weiten Strecken anregend, weil es sich auch nach der Überarbeitung weitgehend auf die Mechanismen konzentriert, wie das Unbewusste in Irrationalitäten ebenso wie in bewusste Ideologien umgearbeitet wird.

Dabei war Reich in der Zwischenzeit längst in entferntere Gefilde vorangeschritten. Zwischen 1936 und 1940 hatte er die «Orgonenergie» als «kosmische Urenergie» entdeckt, die er mit naturwissenschaftlichen Spekulationen und empirischen Experimenten nachweisen zu können glaubte. Als praktische Behandlungstherapie sollte die atmosphärische Orgonenergie mittels eines «Orgonenergie-Akkumulators» konzentriert werden, um die gefesselten vegetativen Energien der Menschen und der Natur zu entbinden. 1973 spielten die SF-Rocker von Hawkwind das Stück «Orgone Acumulator» ein, ein wilder elektronischer Ritt, in der die Energetik der Musik die Frage hinfällig macht, wie ernst die textliche Bezugnahme gemeint sei; siehe https://www.youtube.com/watch?v=pllRW9wETzw.

Reich beteiligte sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch an der zeitgenössischen Suche nach der Sichtung von Ufos; ja, er behauptete, mit seinem Cloudbuster einmal ein solches Ufo neutralisiert zu haben. Die parapsychologischen Experimente weckten während des Kalten Kriegs sowohl das Interesse wie den Verdacht der US-amerikanischen Behörden; 1956 wurde Reich verhaftet und zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Nachdem er die Strafe im März 1957 angetreten hatte, verstarb er am 3. November im Gefängnis, nach offizieller Version an Herzversagen.

Helmut Dahmer hat, in fundierter, nicht unfreundlicher Auseinandersetzung gemeint: «Reichs Lebenswerk ist die konsequente Entfaltung einer naturalistischen, aus Freuds Trieblehre destillierten Anthropologie zu einer naturwissenschaftlich aufgemachten, ontologisch gefassten Lebens- und Heilslehre.» Dabei hatte dieses Werk durchaus Wirkungen entfaltet. Erich Fromm, der schon 1930 fürs Frankfurter Institut für Sozialforschung eine empirische sozialpsychologische Studie über Berliner Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Faschismus durchgeführt hatte, die aber erst später veröffentlich wurde, übernahm Motive von Reichs Werk für die Analyse des autoritären Charakters, ohne Reichs Vorarbeiten angemessen zu würdigen; auch die Gestalttherapie von Frederik S. Perls bediente sich bei dessen ursprünglich ganzheitlichem Ansatz. Die 68er-Bewegung griff Reichs sexualpolitische Schriften begierig auf. «Die Funktion des Orgasmus» (1927) und «Die sexuelle Revolution» (1945) gehörten bald zur Grundausstattung jeder WG. Dabei faszinierte sowohl der politisch revolutionäre Anspruch als auch die Tatsache, dass Reich an die Stelle der selbstreflexiven Aufklärung der eigenen Genitalität deren Apotheose setzte, die es mittels allerlei Techniken zu befreien galt. Umgekehrt wollten einige Reich-JüngerInnen insbesondere in den USA sein Erbe in ‹unverfälschter› Form weitertragen und versuchten und versuchen bis heute, auch seine technizistischen Experimente zur Orgonenergie durch die Zeitumstände zu rechtfertigen oder gar als Verwirrspiel gegenüber den US-amerikanischen wie den sowjetischen Geheimdiensten zu erklären. Kommt hinzu, dass die erst später veröffentlichten frühen Aufzeichnungen von Reich einen kaum reflektierten Umgang mit der eigenen Sexualität dokumentieren, bereits als Jugendlicher als Sohn eines mittelgrossen Landbesitzers mit Dienstmädchen und Prostituierten, später als Analytiker mit Patientinnen, wobei ihm Liebe, Triebe und Übertragung wiederholt durcheinander geraten. Wie so oft bei Pionieren ist sein Bild mittlerweile im Spiegelkabinett von Sektierereien, Beschuldigungen und Verschwörungstheorien verschwommen.

(sh)

In der Politisch-philosophischen Bibliothek f stehen zehn Titel von und fünf über Wilhelm Reich; zumeist eingeordnet unter Psychoanalyse/Psychologie, aber eine jüngere Ausgabe zur «Massenpsychologie des Faschismus» steht auch in der Abteilung zum Faschismus, und die pseudonym erschienene Schrift «Was ist Klassenbewusstsein?» ist unter den Dokumenten zur Geschichte der Arbeiterbewegung zu finden.

Veröffentlicht unter bücherraum f, Kulturkritik | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Massenpsychologie und Orgonon

Mitten drin

«Aus aktuellem Anlass», heisst es gross auf der Titelseite des Buchs von Franziska Schutzbach, und die «Rhetorik der Rechten», die sie darin analysiert, ist ja wirklich aktuell, wenn auch bei den jüngsten Schweizer Abstimmungen und EU-Wahlen zumindest der ganz grosse Durchmarsch verhindert worden ist.

Aktuell, doch nicht neu. Man kann den Bogen zurückspannen. Etwa zu einem Sammelband über den «Rechten Populismus», wie er sic in Deutschland anlässlich der Kandidatur von Franz Josef Strauss als Bundeskanzler 1980 gezeigt hatte. Das Buch ist im bücherraumf vorhanden, so wie ein noch etwas älteres, nämlich «Zur Kritik der Weiblichkeit» der Wiener Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, die sich darin schon 1905 mit allerlei reaktionären Sprachregelungen und Konzepten auseinandersetzte. Das Buch ist ein bemerkenswertes Dokument genauer Textlektüren und der Beschäftigung mit Alltagskultur anhand von so genannter Frauenliteratur oder Familienliteratur, was damals etwas anderes hiess als in unserem heutigen Verständnis.

An den einleitenden Hinweis auf diese beiden älteren Werke durch Stefan Howald knüpfte Franziska Schutzbach in ihrem Referat im bücherraum f zu Beginn spontan an, indem sie die von Mayreder scharf analysierte Frauenfeindlichkeit als untergründigen, doch immer wieder heftig an die Oberfläche tretenden, Zug rechter, völkischer Bewegungen benannte. Nationalismus werde immer an militaristische Männlichkeit gekoppelt. Beim mörderischen Andres Breivik bestand die Hälfte von dessen Manifest aus einem gewalttätigen Antifeminismus, was in der Aufarbeitung eher unzulänglich reflektiert worden sei. Ja, der Antifeminismus diene mancher rechter Ideologie als «scheinbar unverdächtige Einstiegsdroge».

Schutzbach ist Soziologin, Genderforscherin, Aktivistin und Publizistin, die sich immer wieder in aktuellen Debatten zu Wort meldet. Ihr Buch versteht sie als einen zusammenfassenden, didaktisch verfassten Beitrag mit eingreifender Absicht. Neben dem Antifeminismus charakterisierte sie verschiedene andere rechte Diskursstrategien. Dabei geht es ihr nicht um die extremsten Ausprägungen, sondern darum, wie rechtspopulistisches Gedankengut in den Mainstream eingedrungen ist, wie die Grenzen verwischt werden und es zu Normalisierungen kommt, durch gezielte Tabubrüche und Opferstilisierungen. Ein Motiv ist die Rede von den Ängsten der Abgehängten, Bedrohten, GlobalisierungsverliererInnen usw., die man ernst nehmen müsse. Aber dabei gilt es nach Schutzbach, projektive Ängste, die Missstände anderen – den Fremden, den Randständigen – zuschieben, von sozial bedingten Ängsten zu unterscheiden, die auch mit sozialen Massnahmen bekämpft werden können.

Dominiert wird die gegenwärtige Diskussionskultur vom Topos der Ausgewogenheit. Jede kritische, linke Position muss angeblich mit einer rechten ausgeglichen werden; das klassische Beispiel sind die Diskussionssendungen im Fernsehen, schweizerisch oder deutsch. Doch diese Äquidistanz verbiete sich jegliche Frage nach der unterschiedlichen Qualität der Argumente. Lebhaft und anschaulich, immer wieder auf eigene Erfahrungen zurückgreifend, schilderte Schutzbach, wie sachliche Expertise durch politische Meinungen ersetzt werde. In Diskussionrunden über Rassismus oder Sexismus würden von jeglicher Sachkenntnis unbeleckte MeinungsmacherInnen eingeladen; dagegen müsse man ein Mindestmass an Expertise auch auf der rechten Seite anmahnen und gegebenenfalls die Teilnahme an einer Diskussion überdenken.

Die Schweiz ist, wie verschiedene Studien mittlerweile belegt haben, geradezu ein Versuchslabor für rechtspopulistische Strategien. Dabei zeigt sich eine Ambivalenz der direkten Demokratie. Diese gibt rechten Bewegungen Ausdrucksmöglichkeiten, etwa mit der Volksinitiative, bindet sie im konsensualen Regierungsstil aber immer wieder ein – wobei man das nicht als fixe Garantie verstehen darf.

Was tun? Gegen etwaigen Pessimismus bringt Franziska Schutzbach den verstorbenen deutschen Publizisten Sebastian Haffner in Anschlag, der vor der Gefahr einer «melancholischen Behaglichkeit» warnte. Wiewohl die Formulierung vom «Aufgeben als Kollaboration» ein bisschen stark wirkt, stiess die Kritik des Pessimismus auf weitgehende Zustimmung im Publikum, wobei man dazu vielleicht doch als Ergänzung das Gramsci-Motto gesellen könnte: Pessimismus des Verstands und Optimismus des Willens.

Tatsächlich wies Schutzbach auf die Dialektik politischer Bewegungen: Der neue Antifeminismus sei zweifellos auch eine Reaktion auf die erstärkte feministische Bewegung.  «MeToo»: Das sei jüngst so allgegenwärtig gewesen, dass selbst sie sich manchmal schon beinahe genervt habe. So lasse sich das Patriarchat gegenwärtig vielleicht als angeschossenes Tier verstehen, das jetzt gefährlicher als je um sich schlage – offen musste bleiben, ob die Wunden schon tödlich sind.

Aber vielleicht müssen wir auch die Blickrichtung ändern, so sollte etwa in der Bildung neben der Kritik an den TäterInnen eher auf die Ermächtigung der Opfer gesetzt werden. Zugleich braucht es den Kampf um die Mitte. Von der muss eine, womöglich konservative, aber entschieden liberaldemokratische Haltung gefordert werden. Dies würde, von links her, bedeuten, Druck auf die Mitteparteien auszuüben und diese in eine Bündnispolitik einzubinden. Was den vehementen Hinweis hervorrief, der Ort der Kämpfe könne nicht nur die ideologische Auseinandersetzung sein, sondern Demokratiefeinde müsse man auch auf der Strasse konfrontieren.

Im lebhaften Austausch wollte man von Franziska Schutzbach wiederholt handfeste Tipps für den Alltag wissen; und einer stellte sich im Gespräch zweifellos heraus: Bei rassistischen, sexistischen Sprüchen zurückfragen. Argumente, Belege für Meinungen verlangen. Das bedeutet noch nicht, dass sich die Gegenüber überzeugen liessen, aber zumindest lassen sie sich ein wenig zum Nachdenken bringen, und ihre Meinungen lassen sich aufweichen. Allerdings müsse man realistisch bleiben und sich nicht in fruchtlosen Debatten aufreiben. Dabei betonte Schutzbach, dass auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Mittel angebracht und nötig seien. Im Alltag würde sie wohl so etwas wie «Sozialarbeit» versuchen; in der Öffentlichkeit dagegen müsse man klar fordern, antidemokratischen Kräften keine Plattform zu bieten. Wobei es nicht nur um die etwaige Zusammensetzung von Diskussionsrunden gehe, sondern auch um das framing, die Themensetzung und die Anlage von Debatten.

sh

Veröffentlicht unter bücherraum f, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Mitten drin

Heisse Fäuste im Kalten Krieg

Veröffentlicht unter bücherraum f, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Heisse Fäuste im Kalten Krieg

Die Sprache der Rechten

Veröffentlicht unter bücherraum f, Politik | Verschlagwortet mit | Kommentare deaktiviert für Die Sprache der Rechten