Metaphysik der Kunst

Zuweilen wurde es schon beinahe aufgewühlt an diesem Montag im bücherraum f. Jeannette Fischer hatte als erstes Buch für ihre Präsentation in der Reihe «ausgelesen» einen Band von Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907) gewählt. In deren Briefen und Tagebüchern als Teenager und dann als Malerin aus der Künstlerkolonie in Worpswede fand Fischer ein obsessives Verlangen nach Vollkommenheit, das ständig ins Leiden umkippe, ein unkritisches Streben nach Grösse, autoritäres Gehabe, ja, es fiel sogar das f-Wort: faschistoid. Das wollten ZuhörerInnen aus dem Publikum nicht auf der Künstlerin sitzen lassen. Solche Suche nach dem Vollkommenen sei doch zeitbedingt, stehe in der romantischen Tradition, und überhaupt: selbstverständliche Anstrengung des künstlerischen Geistes. Dagegen wollte Fischer präzisieren: Indem die Kunst metaphysisch überhöht werde, entwerte sie zugleich die Wirklichkeit. Der Hass auf alles, was die Grösse verhindere, behindere zugleich den Aufbau realistischer Beziehungsformen. Neben ihrer psychoanalytischen Praxis ist Jeannette Fischer vielfältig in künstlerischen Aktionen involviert; letztes Jahr hat sie sowohl einen Band basierend auf Gesprächen mit der Performance-Künstlerin Marina Abramovic wie ein Buch zum Thema «Angst» publiziert. Interessiert ist sie an den Vorstellungen über Kunst, an deren Umsetzungen und Widersprüchen, wie sie sich in Formen und Dynamiken von Beziehungen äussern, generell an «Beziehungsbruchgeschichten».

Die US-Lyrikerin Silvia Plath (1932 – 1963) verübte mit 31 Jahren Suizid, so wie Paula Modersohn-Becker mit 31 Jahren im Kindbett verstorben war. In der Silvia-Plath-Gemeinde gibt es eine Tendenz, ihrem damaligen Mann, dem Lyriker Ted Hughes, eine mehr oder minder grosse Verantwortung für diesen Tod anzulasten. Jeannette Fischer konzentrierte sich dagegen auf die Beziehungsgeschichte zur Mutter Aurelia Schober Plath. Letztere publizierte 1975 Silvias «Letters Home: 1950 – 1963», mit einer langen, persönlichen Einleitung. Darin wird die Tochter zum Genie erhöht, zugleich mit gezielt-unbewussten oder unbewusst-gezielten Bemerkungen immer wieder abgewertet. Silvia Plath selbst war sich, wie Modersohn-Becker, über ihre Berufung schon früh im Klaren, und das wurde wiederum, diesmal von der Mutter, vorangetrieben. Dabei entstand eine «Parentifizierung», eine Umkehrung der Rolle von Elternteil und Kind, da Silvia durch ihre einsetzenden Erfolge ihrer Mutter stellvertretend die Gratifikationen zukommen lassen musste, die normalerweise ein Kind von seinen Eltern erhält. Zumeist schickten sich Mutter und Tochter wöchentlich einen Brief; nur nach der Geburt ihres ersten Kindes musste Silvia ihrer Mutter schneidend schreiben, diese sei wohl so beschäftigt gewesen, die Nachricht der breiteren Welt zu verkünden, dass sie keine Zeit gefunden habe, sich bei Silvia direkt zu melden. Zum Zeitpunkt ihres Selbstmords schien alles bereit für ein erfüllteres Leben, doch war zugleich offensichtlich, dass die Mutter nicht bereit war, ihre Tochter aus der Umklammerung zu lassen.

Wenn so sich die Generationen im Verfolgen künstlerischen Ruhms ineinander verhakten, verstrickten sich die Surrealisten «traditioneller» im Rollenverhältnis zwischen den Geschlechtern. Die Kunstwissenschaftlerin Xavière Gauthier analysierte 1971 dieses Verhältnis in einem fulminanten Buch «Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit». Misogyne Aperçus lassen sich bei den Surrealisten zuhauf aufspüren, etwa «Ich bearbeite Frauen wie Brotteig.» Nicht die selbstständige Frau war das Ziel ihrer vordergründigen Verehrung des Weiblichen, sondern die Kindfrau. Auch die beschworene androgyne Verschmelzung der Geschlechter diente vor allem der Anreicherung des männlichen Ichs. So wurden die Frauen selbst abgewertet und durchgestrichen.

Als Beispiel führte Fischer Leonora Carrington (1917 – 2011) an, die als Malerin, Bildhauerin und Schriftstellerin in surrealistischen Kreisen aktiv war, etwa durch den Erzählband «Die ovale Dame» (1939) mit seinem magischen Realismus und durch den Bericht «Unten» (1940) über ihren psychotischen Zusammenbruch und den mehrmonatigen Aufenthalt in einem Sanatorium nach der Flucht aus dem von den Nazis besetzten Frankreich. Geschrieben wurden die beiden Bücher teilweise während der Beziehung zu dem viele Jahre älteren Max Ernst, und sie sind durchzogen von Allmachts- und zugleich Ohnmachtsfantasien. – Wie die nebenstehenden Ausleihzettel zeigen, wurden die Bücher Ende der 1980er-Jahre bei Schema f recht häufig bezogen.

Eine Gemeinsamkeit dieser Fallstudien sah Fischer in der sozialen Herkunft der KünstlerInnen, die ihre künstlerischen Träume nicht zuletzt durch das Geld der Väter oder Ehemänner finanzieren konnten. Dazu wurde freilich aus dem Publikum angemahnt, man müsse diese Konstruktionen wiederum aus dem sozialen Milieu heraus verstehen: Die künstlerische Berufung sei für Frauen ein ebenso glänzender wie gefährdeter Weg gewesen, da andere Karrieren versperrt waren.

Worauf die Diskussion nochmals zum Beginn zurückkehrte. Was den Vorwurf des Autoritären betrifft, so kann er weniger die konkreten Inhalte treffen, die durchaus gegen herrschende Autoritäten ins Feld geführt wurden, sondern womöglich die Form – inwiefern in dieser Metaphysik der Kunst, von der Heil und Erlösung erwartet wurden, nicht eine Unterwerfungsstruktur vertreten wurde. Zweifellos grenzt sich Ausrichtung auf das Eigene, Aparte, Besondere von den anderen, vom Gewöhnlichen und von der Masse ab. Ob damit die moralische Abwertung der andern und der Gemeinschaft folgt, blieb umstritten; wobei man sich als anzustrebendes Gegenbild auf den intersubjektiven Diskurs verständigen konnte.

Dem Vernehmen nach setzten sich die Diskussionen noch in der Beiz fort. Was wollen Bücher und der bücherraum f mehr?

sh

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Wohn-Nöte

Wohnen müssen wir alle, und deshalb können wir auch alle aus eigener Erfahrung und Betroffenheit mitreden, wenn es um die Zürcher Wohnsituation geht. So entwickelte sich im bücherraum f am 7. März eine lebhafte Debatte zum Thema Wohnbaugenossenschaften.

Die Veranstaltung eröffnete die neue Reihe «in der diskussion» zu aktuellen Themen. Und die Wohnfrage ist aktuell, ja brennend. Können Wohnbaugenossenschaften die nötige Verdichtung, Umnutzung und ökologische Erneuerung garantieren? Wo sie doch selbst in die Kritik geraten sind, weil sie angeblich nur für ihre eigene Klientel schauen?

Darüber sprachen und diskutierten Alfons Sonderegger, langjähriger Präsident der Familienheim-Genossenschaft im Friesenberg, und Christian Häberli, Gründungsmitglied der neuen Wohnbaugenossenschaft Grubenacker in Seebach.

Alfons Sonderegger lieferte einleitend ein paar grundsätzliche Informationen zu Wohnbaugenossenschaften. Nur vier Prozent allen Wohnraums wird in der Schweiz genossenschaftlich verwaltet, wobei die Städte Zürich und Biel mit 18 Prozent herausstechen. 2011 entschied das Zürcher Stimmvolk, bis 2050 solle der Anteil genossenschaftlicher und gemeinnütziger Wohnungen und Häuser von rund 25 Prozent auf einen Drittel steigen. Genossenschaften haben sich dabei an die strikt geregelte Kostenmiete zu halten, dürfen also nur anfallende Kapital- und Unterhaltskosten verrechnen. Gewinn dürfen sie keinen erzielen, und wenn sie auf einen Nebenverdienst durch Landverkäufe spekulieren, dann braucht es dafür zumeist eine Zweidrittelmehrheit aller Genossenschaftsmitglieder.

Die Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) wurde 1924 gegründet, am Rande Zürichs als so genannte Gartenstadt nach dem Vorbild der englischen Reformbewegung um 1900, die Arbeiterfamilien aus den Slums der Industriestädte ein erschwingliches Wohnen ermöglichen wollte. Die FGZ wuchs anfänglich langsam, ist mittlerweile mit 2300 Wohnungen aber eine der grössten in der Schweiz. Sie ist eine Mitgliedergenossenschaft, das heisst alle Mitglieder sind zugleich Mieter. Und sie ist eine Siedlungsgenossenschaft, weil ihre Bauten konzentriert am Friesenberg sind. Von den 11’000 Quartiersmitgliedern wohnt etwas mehr als die Hälfte in der Genossenschaft.

Im Rahmen der städtischen Verdichtung plant die FGZ in einem mit der Stadt erarbeiteten Masterplan einen Ausbau auf 2800 bis 2900 Wohneinheiten. Betroffen wäre auch die Gründungssiedlung mit insgesamt 144 Einfamilienhäusern und Wohnungen aus den Jahren 1925 bis 1928. Deren Renovation käme so teuer, dass die neuen Mieten das bisherige Mietgefüge der Genossenschaft sprengen würden. Deshalb ist mittelfristig ein Ersatzneubau geplant, der fast doppelt so viele günstigere Wohnungen erlaubt.

Vorbild für die Verdichtung ist die FGZ-Siedlung Grünmatt, die 2012 bis 2014 bezogen wurde. Anstelle von 64 Reihenhäusern gibt es dort jetzt 155 Wohneinheiten mit 500 statt 200 BewohnerInnen.

Die Pläne für den Ersatz der Gründungssiedlung haben die FGZ in ein eher unliebsames mediales Rampenlicht gerückt. Es gibt eine interne Opposition, und der Heimatschutz erhob Rekurs gegen den Stadtratsbeschluss, die Siedlung nicht unter Schutz zu stellen. Der Rekurs wurde vom Baurekursgericht abgelehnt, doch ist er kürzlich, im Januar, vom Verwaltungsgericht gestützt worden. Dagegen will die FGZ nun ihrerseits zusammen mit der Stadt ans Bundesgericht gelangen, um abklären zu lassen, ob das heimatschützerische Interesse dasjenige an baulicher Erneuerung, Verdichtung und preisgünstigen Wohnungen überwiege.

Scheinbar von der entgegen gesetzten Ausgangslage her kommt Christian Häberli. Er wohnt nämlich in einem Einfamilienhaus in Seebach, und gleich vis-à-vis plant die Stadt die grosse Überbauung Thurgauerstrasse West.

Wo jetzt Schrebergärten und ein Parkplatz stehen, soll die grösste städtische Baureserve für drei Hochhäuser und mehrere Querbauten genützt werden, die rund 2000 Menschen Platz böten. Die jetzigen Einfamilienhäuser würden dadurch schroff überragt. Die Neuüberbauung soll eine Ausnützungsziffer von gegen 300 Prozent aufweisen; und gleich vor deren Haustür würde es locker bebaut bei rund 30 Prozent bleiben.

Dagegen hat sich zunächst die Interessengemeinschaft Grubenacker gebildet, um die Stadt zum Überdenken der grandiosen Pläne zu veranlassen. Sollen damit bloss die eigenen Pfründe verteidigt werden? Nein, denn es geht den HausbesitzerInnen nicht (nur) um die Bewahrung ihrer eigenen Lebensqualität, sondern um eine stärker durchmischte, zukunftsträchtige Planung der Nachbarschaft.

Gefordert werden mehr Ideen, nicht einfach grosse Wohnklötze, gefordert wird eine ganzheitliche Planung für das ganze Gebiet. Offeriert wird auch der Einbezug der eigenen privaten Grundstücke. Zu diesem Zweck ist kürzlich die Wohnbaugenossenschaft Grubenacker gegründet worden, mit der die EigenheimbesitzerInnen ihre Grundstücke zusammenschliessen wollen, um prospektiv das so geschaffene Gebiet gemeinsam zu entwickeln.

Deshalb wird auch die Zusammenarbeit mit dem Projekt NeNa1 «Neustart Nachbarschaft die Erste» gesucht, das auch schon alternative Ideen zur Überbauung Thurgauerstrasse West formuliert hat, und deshalb hat der Urbanist Hans Widmer alias P.M. für den Grubenacker fürs Jahr 2040 einen seiner hübschen Pläne gezeichnet, mit viel Grün und bunten Nachbarschaften, in dem die Thurgauerstrasse überbrückt und der Grubenacker ans Leutschenbach angebunden wird.

Denn im Grundsatz wollen Häberli und Sonderegger das selbe: eine vernünftige Verdichtung. Auf etliche Nachfragen erläuterte Sonderegger die sozialen Massnahmen (Richtquoten, Verdienstausgleich, Zügelfristen) und ökologischen Anstrengungen der FGZ. Und er beschrieb die Mühen der Ebenen, rigide behördliche Vorgaben pragmatisch umzusetzen.

Häberli seinerseits beschrieb die Mühen der Ebenen, überhaupt in den Planungsprozess einbezogen zu werden. Das habe sich in den letzten Monaten gebessert, aber es verlange viel Einsatz, die zuweilen von Behördenseite unter- und gering geschätzt wird.

Wie weiter? Unbestritten ist, dass neuere Genossenschaften auf höheres Eigenkapital und damit höhere Genossenschaftsbeiträge angewiesen sind, weil Hypotheken nicht mehr so freigiebig fliessen. Auch wenn man nicht der Anti-Genossenschafts-Kampagne der NZZ aufsitzen sollte, bleibt doch die Frage legitim, ob die neuen Wohnbauinitiativen nicht vorrangig eine mittelständische Klientel ansprechen und die soziale Durchmischung der bisherigen Genossenschaften nicht erreichen.

Gemässigt kontrovers beurteilt wurden einzelne Massnahmen: Wenn die Stadt Bauland zu heutigen Marktpreisen aufkauft, heizt sie dann die Bodenspekulation an, oder entzieht sie das Land zumindest der künftigen Spekulation? Als grundsätzliches Manko allerdings ergab sich: Es existiert keine übergeordnete Planung. Der Gestaltungsplan als erste Stufe der öffentlichen Diskussion gibt schon zu detaillierte Vorgaben, erschwert übergreifende Konzepte und alternative Ideen. Die Nutzungsplanung über das gesamte Areal der FGZ im Friesenberg geht da laut Sonderegger zumindest in die richtige Richtung. Im Fall der Thurgauerstrasse hingegen bedroht der vorliegende Gestaltungsplan das Entstehen einer vielfältigen urbanen Wohnlandschaft und letztlich auch die Realisierung zusätzlicher kostengünstiger Wohneinheiten. An diesem Beispiel wird laut Häberli deutlich, dass die bisherigen Planungsinstrumente nicht tauglich sind für die innere Verdichtung im städtischen Raum.

Wenn beide Formen der vorgestellten Genossenschaften sich um eine übergeordnete Planung bemühen, so stösst eine solche aber vielfach auch an die Grenzen des geltenden Bodenrechts.

sh

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Die Farbenwelt der Dora Koster

Gemalt hat sie auch, und zwar so, wie sie gesprochen und geschrieben hat: ungebärdig und schrankenlos. Ihr Farbgefühl war bemerkenswert, ihr Kompositionsgespür stark. Zuweilen hat sie wie im Rausch mehrere Bilder am Tag verfertigt. Unter den Werken finden sich schnelle Gelegenheitsprodukte, aber immer wieder entstanden solche von erstaunlicher Qualität und Vielfalt.

Gegenwärtig wird der Nachlass von Dora Koster (1939 – 2017) erschlossen, an der Forschungsstelle Dora Koster im bücherraum f. Neben den Manuskripten soll auch das malerische Werk gesammelt werden. Die bislang bekannten Werke sind nun in einer Fotogalerie im Internet auf dieser Website aufbereitet; siehe den Link unter Galerien (www.stefanhowald.ch/aktuell/?page_id=1762).

Nur von einer Minderheit der Gemälde ist der gegenwärtige Standort bekannt. Die meisten sind bloss durch Fotografien dokumentiert, und entsprechend ist die Wiedergabequalität nicht über jeden Verdacht erhaben. Weitere Informationen und Ergänzungen werden dankend entgegengenommen, unter sthowald@bluewin.ch

 

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Revolutionäre Aufbrüche

Robert Grimm in Oerlikon

Die Lehrwerkstätte lag gleich um die Ecke vom bücherraum f: Dort, wo jetzt der Binzgarten wirtschaftet, stand einst die Buchdruckerei Meier. In ihr absolvierte Robert Grimm vom Mai 1897 bis in den Mai 1899 seine Lehre. Grimm war 1881 in Wald in einer Arbeiterfamilie geboren, ein aufgeweckter, redseliger Knabe. Er sollte auch in der Fabrik arbeiten gehen, doch als er knapp sechzehn Jahre alt war, finanzierte ihm die Schwester Albertine ein Inserat in einer Zürcher Tageszeitung, in dem für einen willigen, einsatzbereiten Jungen eine Lehrstelle gegen eine moderate Entlöhnung gesucht wurde. Buchdrucker Meier stellte ihn auf den Mai 1897 ein; seine Druckerei befand sich an der Affolternstrasse 8 in Oerlikon. Dem städtischen Meldeschein lässt sich entnehmen, dass der junge Robert im Verlauf der zweijährigen Lehre an verschiedenen Stellen in der Nähe des Wohnsitzes seines Arbeitgebers in Fluntern zur Untermiete wohnte. Der führte auch ein Restaurant, in dem Grimm gelegentlich aushalf.

Monika Wicki, Präsidentin der Robert-Grimm-Gesellschaft, veranschaulichte diese Anfänge des späteren Sozialisten und Generalstreikführers mit vielen Bildern in einem lebhaften Vortrag im bücherraum f. In der Druckerei Meier wurden unter anderem die Lokalzeitungen «Echo vom Zürichberg» und «Limmat» gedruckt, und Wicki machte mit Ausschnitten daraus das geschichtliche Umfeld deutlich, das Grimm antraf, etwa einen Auftritt von SP-Gründer Herman Greulich im Gemeinderat, aktuelle Bauvorhaben in der schnell wachsenden Gemeinde oder Debatten zum Ausbau der gemeinnützigen Krankenpflege.

Anhand von zeitgenössischen Fotografien wurde auch die Strecke abgeschritten, die Grimm von Fluntern in die Druckerei womöglich benützt hatte. Oerlikon hatte sich 1872 von der Munizipalgemeinde Schwamendingen, der es seit 1799 angehört hatte, selbstständig gemacht und war im industriellen Aufschwung begriffen, gefördert durch den 1855 begonnenen Bau der Nordostbahn. Die 1876 gegründete Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) begann ihre rasante Erfolgsgeschichte, als sie 1884 auf die neue Elektrotechnik setzte. Die Fotografien zeigten, bei beinahe idyllischer Ausgangslage, diesen rasanten Umbruch ansatzweise. Etliche der lokal ansässigen Anwesenden konnten bei der genaueren Verortung mithelfen. Hier wäre Grimm rechterhand an der Kirche vorbeigekommen, und dieser bescheidene Bahnübergang musste wohl die heutige Regensbergbrücke sein. Die Affolternstrasse, an der die Buchdruckerei Meier gestanden hatte, ist ja mit dem Umbau des Bahnhofs vor ein paar Jahren ein wenig nach Nordwesten gerückt.

Blick auf Oerlikon um 1900 entlang der Schaffhauserstrasse Richtung Milchbuck

Insbesondere Bahn und Strassenbahn veränderten um 1900 das lokale Verkehrsnetz und die Bebauung. Kurz nach dem Lehrantritt von Robert Grimm wurden die ersten Tramschienen gelegt. Die Strassenbahn war ein Privatunternehmen, die MFO hatte auf Antrag die Genehmigung für eine eigene Linie bekommen, und die AG «Strassenbahn Zürich-Oerlikon-Seebach» ZOS nahm im Oktober 1897 den Betrieb auf. Weil die Schweizerische Nordostbahn aus Konkurrenzgründen das Kreuzen ihrer Geleise durch Passagiertrams untersagte, führte die ZOS die Tramzüge anfänglich vom Zürcher Central bis zum Bahnhof Oerlikon, wo die Passagiere nach Seebach ausstiegen, den Bahnübergang zu Fuss überquerten und auf der anderen Seite in ein bereitstehendes Tram stiegen, das sie nach Seebach brachte.

Restaurant und Hotel Sternen, im Februar 1897 im alten Teil des Quartiers eröffnet, hatte Grimm wohl auch gekannt. Gegenüber der Buchdruckerei, an der Affolternstrasse 9, stand das Restaurant Heimat, in das sich später die 1903 gegründete Oerlikoner Sektion des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbands SMUV mit Sekretariat und Versammlungslokal einmietete.

In der Druckerei begann Grimm, wie er selbst angemerkt hat, zu schreiben. Handfeste Belege liegen nicht vor, da die Beiträge in den Lokalzeitungen nicht namentlich gezeichnet wurden, aber Wicki präsentierte in konjektureller Geschichtsschreibung einige zeitgenössische Texte, die er womöglich hätte verfassen können, etwa über den Herbstmarkt in seiner Heimatgemeinde Wald, den er vielleicht im Oktober 1897 besucht hatte, oder über die Kantonsratswahlen 1899. Es sind funktionale Texte, und darin lässt sich noch nichts vom späteren rhetorischen Feuer von Grimm erkennen.

Im Mai 1899 schloss Robert Grimm seine Lehre ab und trat die erste Stelle in Horgen bei der Buchdruckerei Schläpfer an. Ein Jahr später startete er zu den berufsüblichen Wanderjahren. Wicki zeigte die beträchtlichen Distanzen die damals zurückgelegt wurden, zum Schluss, im August 1902 waren es von Triest her wohl 700 Kilometer in zwanzig Tagen: Eine Fotografie zeigt einen entsprechend abgekämpften Wandergesellen Grimm. Mehrfach engagierte er sich danach in Arbeitskämpfen und wurde 1905 auf eine schwarze Liste gesetzt. Jetzt wird er Gewerkschaftsfunktionär, und damit beginnt eine Karriere, die ihn zu einem der bekanntesten europäischen Arbeiterführer macht. Bekannt wird er zuerst in Bern, in Zusammenarbeit mit den radikaleren Zürchern, auf deren Liste er 1911 in den Nationalrat gewählt wird. Seine internationale Bedeutung erringt er als Kriegsgegner, der 1915 und 1916 die Konferenzen der europäischen KriegsgegnerInnen in Zimmerwald und Kiental organisiert. Auf dem Teilnahmeblatt findet sich sein Name unter anderem neben denen von  Lenin, Trotzki, Karl Radek, Georg Ledebour und Henriette Roland Holst. Es sind Friedenskonferenzen, wie Monika Wicki betont, obwohl diejenige von Kiental ein radikaleres gesellschaftspolitisches Manifest verabschiedet. Denn Grimm, Zeit seines Lebens Marxist, distanziert sich schon bald von der kommunistischen Bewegung.

Wicki streifte beiläufig auch die zeitgenössisch eher patriarchale Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, die Grimms erste Ehe mit Rosa Reichesberg scheitern liess. Wir verliessen Grimm noch vor seiner Rolle bei dem letztes Jahr umfänglich gewürdigten Generalstreik mit einer raschen Auflistung seiner zahlreichen späteren Funktionen und Ämter. Es war eine vergnügliche Geschichtsstunde, mit aktuellen politischen wie auch lokalen städtebaulichen Bezügen.

Stefan Howald

Weitere Informationen: http://www.robertgrimm.ch/


Fotografien: Städtebauliches Archiv, Verein Ortsgeschichte Seebach, Monika Wicki
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Unbedingtheit des Sprechens

Die Eroberung des Lesens: Eindringlich schilderte Melinda Nadj Abonji zur Einführung ins «ausgelesen» das Aufwachsen in einer Familie, in der nur ein einziges Buch, die Bibel, vorhanden war, und wie sich ihr durch die Bücher aus der lokalen Bibliothek neue Lese- und Lebensräume aufgetan hatten. Die Veranstaltung am 18. Februar im bücherraum f nahm sie zum Anlass, nicht etwa über Bücher zu berichten, die sie gut kannte, sondern sich AutorInnen und Bücher neu einzuverleiben, die sie schon lange hatte lesen wollen, aufgrund eines Eindrucks oder eines Zitats, das sie länger oder kürzer mit sich herumgetragen hatte. Da war zuerst Marlen Haushofer, samt einem Exkurs zu Marieluise Fleisser, dazu gesellten sich Ernst Bloch, Rosa Luxemburg und Albert Camus. Bemerkenswerterweise also etliche Texte von TheoretikerInnen, die aber ins Literarische hinüberschillern. Im Mittelpunkt von Nadj Abonjis Faszination durch diese AutorInnen steht denn auch die Sprache, die sich dem Herkömmlichen entzieht.

Wo wäre Zuhausesein? Die lange vergessene österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920–1970) handelt in ihrem Roman «Die Mansarde» (1969) über die soziale Ort- und Heimatlosigkeit. «Aber ich weiss, dass ich lieber hier nicht zu Hause bin als anderswo. Das ist vielleicht schon ein grosses Glück.» So fasst die Ich-Erzählerin angesichts der Zwänge von Familien- und Geschlechterrollen die Frage nach dem kleinen oder grossen oder erträglichen Glück zusammen. Zur Kunst werde dies durch die Unbedingtheit des Sprechens, durch eine intensiv bearbeitete und geformte Sprache, die tönt und klingt.

Wenn Ernst Bloch das Noch-Nicht des erfüllten Daseins suchte, war er ebenfalls auf eine eigentümliche, leuchtende Sprache verwiesen. Als genauer Beobachter der Alltagskultur analysierte er in «Wut und Lachlust» aus «Erbschaft dieser Zeit» (1935) die Tanzmarathons in den wilden dreissiger Jahren, die etwa im Film «They Shoot Horses, Don’t They?» von Sydney Pollack (1969) in einem anderen Medium dargestellt wurden und die in «Big Brother» und weiteren Entblössungssendungen weiter getrieben worden sind. Dabei ergab sich ein Anknüpfungspunkt an die Ernst-Bloch-Veranstaltung vom 11. Februar im bücherraum f, bei der Beat Dietschy ebenfalls «Erbschaft dieser Zeit» als eines der aktuellsten Bücher von Bloch bezeichnet hatte.

Von Rosa Luxemburg präsentierte Nadj Abonji eine Briefausgabe, die selbst eine Geschichte erzählt: «Briefe an Freunde» wurde 1950 «nach dem von Luise Kautsky fertiggestellten Manuskript herausgegeben von Benedikt Kautsky» erstmals in der Europäischen Verlagsanstalt publiziert. In den bücherraum gelangte das Buch, wie ein handschriftlicher Vermerk zeigt, weil es als Doublette ausgeschieden und antiquarisch für zehn Franken erworben worden war. In Luxemburgs Briefen etwa an Hans Diefenbach zeigt sich besonders eindrücklich, wie weit sie ihre Interessen und Kenntnisse spannte, wenn sie von der zärtlichen Beobachtung von Hummeln zur gestrengen Auseinandersetzung mit Literatur wanderte, und es zeigt sich ihr humaner Enthusiasmus, der noch im Gefängnis nicht die Hoffnung verlor, dass der Mensch gut und die Gesellschaft veränderbar sei. Dabei muss man sich aktuell gegen eine Geschichtsvergessenheit wehren, wenn Luxemburg wieder ins Nichts verdrängt werden soll.

In Albert Camus’ «Der Mensch in der Revolte» (1951) interessierte Nadj Abonji insbesondere die Definition jener Kunst, die den Herrschaftsanspruch der Wirklichkeit nicht dulden will und doch auf diese angewiesen bleibt. Mit der damit angeschlagenen Revolte verwies sie zugleich auf aktuelle Demonstrationen, von den Gilets jaunes über Novi Sad bis zum Klimastreik. Eine untergründige Gemeinsamkeit der ausgewählten Werke ergab sich dabei durch die Betonung der Utopie und der Hoffnung auf die durch die Revolte ermöglichte Veränderung.

Fotos: Renée Gruber

Die anschliessenden lebhaften Fragen aus dem angenehm gefüllten bücherraum zielten auf weitere Auskünfte der Autorin: Wie sie vom Lesen zum Schreiben gekommen sei, oder wo sie Parallelen oder Abgrenzungen gegenüber anderen zeitgenössischen AutorInnen und literarischen Gattungen wie dem Kriminalroman ziehe.

Zu Beginn hatte Melinda Nadj Abonji eine Anekdote angeführt, wonach sie im Kindergarten, des Deutschen noch kaum mächtig, beim «Schneewittchen»-Schultheater zu einem Tannenbaum ausgestattet worden sei – gut gemeint gegenüber dem Kind, aber dieses in der Sprachlosigkeit belassend. Eine Zuhörerin sah sich dadurch auf ein ähnliches Erlebnis mit ihrem eigenen Sohn verwiesen und bekannte, mit etwas Scham, dass sie damals die Integrationsabsicht höher als die Ausgrenzung bewertet habe. So ergab sich ein Dialog über die Zeiten hinweg.

In seiner hilfreichen Einleitung hatte Jonathan Pärli einem Originaltext von Melinda Nadj Abonji aus ihrem jüngsten Buch «Schildkrötensoldat» das Prädikat verliehen: anspruchsvoll, aber lohnend. Das galt treffend auch für ihre Ausführungen. Geradezu epigrammatisch zugespitzte Sätze liessen sich notieren, etwa «Wenn ich zeitungsmüde bin, lese ich Ernst Bloch.» Dass sie allerdings gesagt haben soll, «Am schönsten ist es, ein Buch an einem Tag zu essen», mag einem Wunsch des Berichterstatters entspringen. In einer Zuschrift meint jedenfalls Klaus V.: «Ich finde eure Formel, dass ein Autor, eine Autorin über Bücher von anderen spricht und daraus liest, interessanter als die klassischen Lesungen. Ich erfuhr mehr über Nadj Abonji und ihr Schreiben, als wenn sie einfach aus ihrem Werk vorgelesen hätte.»

sh

 

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Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen

Zweimal musste der Philosoph Ernst Bloch ins Schweizer Exil, 1917/18 und 1933/34. Schon zuvor hatte es Anknüpfungspunkte zur Schweiz gegeben, und subkutan lassen sich Ausläufer in seiner Philosophie feststellen. Beat Dietschy, in den siebziger Jahren letzter persönlicher Mitarbeiter Blochs in Tübingen, referierte darüber ebenso unterhaltsam wie kenntnisreich am 11. Februar im bücherraum f.

Dietschy hatte den ihm eher spielerisch vorgesetzten Titel «Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen» zum Anlass für eine weit reichende Recherche zur Beziehung von Ernst Bloch zur Schweiz sowohl in lebensgeschichtlichen Anekdoten wie in der philosophischen Auseinandersetzung mit dem ‹Prinzip Schweiz› genommen. Ausgebildeter Theologe und Philosoph, ist Dietschy lange Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit und als Journalist tätig gewesen, in produktiver Verbindung von Theorie und Praxis. Acht Bücher von ihm verfasst oder mit Beiträgen von ihm finden sich im bücherraum f, seine Dissertation «Gebrochene Gegenwart» zu Bloch, Artikel im «Vorschein», den Jahrbüchern der Ernst-Bloch-Assoziation, ebenso wie das von ihm mit herausgegebene magistrale «Bloch-Wörterbuch». Auch das andere Interessens- und Arbeitsgebiet der kritischen Theologie ist vertreten: «Ist unser Gott auch euer Gott?» mit vielen Gesprächen über Kolonialismus und Befreiung und der zusammen mit Annette Dietschy herausgegebene Band «Kein Raum für Gnade? Weltwirtschaft und christlicher Glaube», der Impulse aus vier Kontinenten versammelt. Das Werk von Ernst Bloch selbst darf unter dem Stichwort Kritischer Marxismus durchaus als ein Schwerpunkt der Politisch-philosophischen Bibliothek f gelten – von ihm finden sich nicht weniger als 110 Laufzentimeter sowie 35 Zentimeter Sekundärliteratur. Stöbern lohnt sich.

Fotos: Renée Gruber

 

 

 

Der früh selbstbewusst in sich ruhende und zugleich umfassend neugierig auf die Welt zugehende Bloch war, wie Dietschy belegte, jeweils schnell in ein vielfältiges Beziehungsgeflecht eingebunden. Ab 1917, in Bern, Thun und Interlaken ansässig, schrieb er für «Die Freie Zeitung» unter Pseudonym über hundert Artikel. Die zweimal in der Woche in Bern erscheinende Zeitung mit dem Untertitel «Unabhängiges Organ für demokratische Politik» wurde publizistisch wesentlich vom Ex-Dadaisten Hugo Ball geprägt und setzte sich gegen den preussischen Militarismus und den Weltkrieg ein – unterstützt wurde sie übrigens vom pazifistischen Schokoladefabrikanten Theodor Tobler, so dass sich in vielen Ausgaben Inserate für die 1908 patentierte Toblerone finden. Bloch selbst erhielt zuweilen Geld durch den zum Kriegsgegner gewordenen ehemaligen Krupp-Direktor Wilhelm Muehlon, was ihm erlaubte, sein erstes grosses Werk «Geist der Utopie» zu beenden. 1918 befreundete sich Bloch mit dem ihm in manchem wesenverwandten Walter Benjamin, der damals in Bern dissertierte. Freunde schlugen Bloch als Ehrenbürger von Interlaken vor, um so eine Einbürgerung zu erleichtern. Doch als in Deutschland die Novemberrevolution begann, sah er dazu keine Notwendigkeit mehr, da er hoffte, ein neues Zeitalter breche an, wenn sich andere Länder die Schweiz als Bundesgenossenschaft als ein Vorbild nähmen und so etwas wie eine Weltschweiz entstünde.

Dass ihm die Schweiz auch 1933 ein Asyl bot, hat er ihr nie vergessen, obwohl der zweite Aufenthalt bitter endete. Vorübergehend wohnte er mit seiner Frau Karola an der Zollikerstrasse in Tiefenbrunnen bei Hans Mühlestein, einer heftig glühenden Gestalt des Schweizer Kulturlebens, dessen «Grosser Schweizerischer Bauernkrieg» von 1942 in Einigem von Blochs «Thomas Müntzer als Theologe der Revolution» profitiert haben mag. Blochs «Erbschaft dieser Zeit» erschien 1935 in Zürich bei Hans Oprecht, als Bloch wegen seiner publizistischen Tätigkeit schon des Landes verwiesen worden und via Italien nach Wien gereist war. Im gleichen Jahr publizierte Mühlestein einen Roman «Aurora» (1935); knapp zehn Jahre später wurde unter dem Namen Aurora als Synonym für die politische Morgenröte in New York ein Exil-Verlag gegründet, in dem Bloch 1946 sein Buch «Freiheit und Ordnung» veröffentlichte.

Sichtbar wurde, gerade aus Dietschys persönlicher Kenntnis, Blochs imposante, zuweilen widersprüchliche Persönlichkeit. Den nie anwesenden, dennoch rettenden Augenblick mit seiner messianischen Verheissung suchte er durchaus auch in seinen Beziehungen zu Frauen. Dietschy warf denn auch Seitenblicke auf Blochs Ehefrauen, die Bildhauerin Else von Stritzky und Karola Bloch, née Piotrowska. Oder auch auf die etwa im Umkreis der «Neuen Wege» tätige Publizistin Margarete Susman. Da zeigte sich, leicht ironisch gesehen, eine gewisse behäbige patriarchale Selbstverständlichkeit. Zugleich war Bloch unendlich interessiert an Spuren des Ausbruchs, der Bewegung, des Aufbruchs. Diese Neugier stellte ihn 1968 entschieden an die Seite der antiautoritären Bewegung.

Dietschy vermochte die Anwesenden eine Stunde lang in Bann zu halten, gefolgt von Fragen und Interventionen, über Blochs Beziehung zu ausserdeutscher Philosophie, über das Verhältnis zur Sowjetunion, über Aktualität und Nachwirkung. Hübsch anekdotisch erläuterte er Blochs lässlichen Umgang mit Zitatquellen – ein apokrypher «Pseudoaristoteles» hat es sogar in den Ergänzungsband der Gesamtausgabe geschafft. Die

Aktualität sieht Dietschy etwa in der «Erbschaft dieser Zeit» als einer nicht ökonomistischen Faschismusstudie, mit Vorgriffen zur Analyse des Populismus in Alltag und Medien. Die Optik auf die konkrete Schweiz mag ein wenig nostalgisch gefärbt gewesen sein, aber Bloch hatte, wie Dietschy betonte, ein Gespür für das Genossenschaftliche, die Commons, das Gemeinwohl – da fand sich einiges utopisches, vorscheinendes Material in der Schweiz.

«Ernst Bloch hätte Freude gehabt an diesem Bücherraum», hat Beat Dietschy in unser Gästebuch geschrieben. Was uns natürlich freut.

sh

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Zwischen Aufbruch und Abbruch

Sie hat viel zu erzählen – 50 Jahre war Monika Stocker in der Sozialarbeit tätig, theoretisch, praktisch und politisch. Im bücherraum f präsentierte sie am 28. Januar vor gut gefüllten Reihen ein paar Ausschnitte aus diesem halben Jahrhundert, zum Teil frei extemporiert, zum Teil aus «Mittendrin» vorgetragen, ihrem jüngsten Buch, in einer Mischung von Anekdoten und Reflexionen, lebhaft, anschaulich, gut in den Zeitgeist eingebettet.

Dem Aufbruch von 68 rechnet sie sich zu, als das Wünschen noch stark war und zuweilen geholfen hat. In mehreren Bewegungen war sie aktiv, in der Frauen- und Friedensbewegung, später in der Ökobewegung, für sie auch in die Parteipolitik einstieg: 1987 wurde Monika Stocker Nationalrätin der Grünen, als die sie 1991 die erste Frauensession initiierte. 1994 dann der Sprung ins Exekutivamt, als Sozialvorsteherin der Stadt Zürich, sofort mit dem Drogenproblem konfrontiert. Angesichts der zunehmenden Verelendung der offenen Drogenszene waren in Zürich fortschrittliche Ansätze erprobt worden, doch blieb die Politik immer im Spannungsfeld zwischen Liberalisierung bzw. Legalisierung und Repression. Drastisch schilderte Monika Stocker, wie man am Zürcher Letten mit Baggern Müll und Dreck wegräumte, um den Abhängigen ein paar Wochen lang einen weniger schmutzigen Überlebenskampf zu ermöglichen. Und der Staat sah sich in den Kampf der Drogendealer verwickelt. Nach dem Tod mehrerer Kleinhändler hatten die libanesischen Händler einen Boykott ausgerufen, mit verheerenden Folgen, und so wurde beschlossen, die Leiche eines Landsmanns vorzeitig freizugeben, damit der Boykott aufgehoben wurde. Der Versuch, pragmatisch und liberal mit der schrecklichen Realität umzugehen, wurde umgekehrt im benachbarten östlichen Ausland mit wütenden Attacken wegen des angeblich drohenden Untergangs des Abendlands beantwortet.

In anderen Bereichen war, trotz lang anhaltenden neoliberalen Drucks, um die Jahrhundertwende herum ebenfalls noch ein Rest Aufbruchstimmung vorhanden, etwa im Ausbau menschengerechter Alterspflege oder bei der Verwirklichung des Quartierzentrums Bäckeranlage, was Monika Stocker als einen ihrer grössten Erfolge bewertet. Stockers Sozialpolitik wurde dabei zuweilen von linker Seite bestritten, wie es eine Intervention an diesem Abend ansprach, etwa der Aufbau eines zweiten Arbeitsmarkts, dessen Löhne die normalen Mindestlöhne auszuhöhlen und die Unternehmen aus der Pflicht zur Integration behinderter Menschen zu entlassen schienen.

Auch auf ihren schwierigen Abgang 2008 kam Monika Stocker offen zu sprechen, als sensationalistisch über einzelne Betreuungsfälle berichtet wurde und sie sich nicht verteidigen wollte und konnte, weil sie es aus juristischen und ethischen Gründen ablehnte, Details einzelner Fälle offenzulegen – so wie sie auch den Namen jenes «Weltwoche»-Journalisten nicht nannte, der ihr unverhohlen angekündigt hatte, sie öffentlich fertig zu machen.

Sozialarbeit befindet sich seit längerem in der Defensive, wie es einige lebhafte Nachfragen und Interventionen aus der Praxis deutlich machten, und auch etliche Medienschelte ist, etwa bezüglich der Diskussion um die Kesb, nicht unberechtigt. Umso wichtiger sind solche Erinnerungen an zeitgenössische Alternativen.

sh

Monika Stockers «Mittendrin» und ihre anderen Bücher sind erhältlich unter http://www.monikastocker.ch/, oder in der befreundeten Buchhandlung Nievergelt in Zürich-Oerlikon; siehe www.buchnievergelt.ch/

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«Basel West»

Ein Abend mit «Haus im Jura»

An einem Januarabend in zügigem Schritt an den grossbürgerlichen Häusern in Basel entlang bis zum Barfüsserplatz, dann den Heuberg hoch, an der Uni vorbei zur Hebelschanze und etwas weniger gediegen weiter bis zum «lokal.» an der Hebelstrasse 108, einem Ort für «soziale Vernetzung und Kultur». Eine kleine Bar, zwei Dutzend Stühle, mit wöchentlichem Konzert. Da spielt heute «Haus im Jura», ein Trio, seit 2010 unterwegs, für diesen Abend aufgestockt zum Quartett. Roger Monnerat, vielfältiger Autor, schreibt Lieder, Stephan Anastasia legt mit seiner Gitarre einen soliden Rhythmus darunter, Christine Planta zupft sanfte oder entschiedenere Basslinien darüber, und dann gibt es noch etwas Zusatzpep mit dem Saxophon von Reto Planta.

Monnerat hat eine biegsame Stimme und auch das Aussehen, samt Zigarette (vor dem Lokal natürlich), für einen Chanteur. Heute Abend gibt es eine kleine Zeit- und Ortsreise. «Basel West», was einem so auffällt im Quartier, nicht weltbewegend, aber alltäglich lebendig. «Blues in Jahreszeiten», ein bisschen mit Rilke spielend: «der Sommer war ein greller Schrei», und dann melancholisch den Mühen der Ebenen nachspürend: «um nicht allein zu schlafen, versöhnt sich manches Paar». «Jazz, Haschisch und Wein» hält an den milden künstlichen Paradiesen fest. «Sterben ist bei Gott kein Spass» macht sich einen Spass mit drei Leben, mit etlichem Sprachwitz, wobei Joe Ackermann, vom goldenen Fallschirm beschwert, nur einen harten Aufprall schafft – da überspringt der Wunsch die Realität. Eine kleine Mäkelei zu den «schwarzen Raben in den Feldern». Schwarze Raben? Ja, es braucht sie als Kontrast zu den weissen Wolken und den gelben Feldern, aber vielleicht hätte man die Tautologie doch umspielen und als Herausforderung begreifen können. Solch müssige Gedanken kommen einem, wenn es gut zu und her geht. Ein wohltuender Abend, ohne Hektik, mit sanft in die Fussspitzen ziehenden Klängen und ein paar rhetorischen Fussangeln.

sh

Haus im Jura

 

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Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen

Ernst Bloch, der grosse Philosoph der Hoffnung und der Not wendenden Utopie, hat vielfältige Beziehungen zur Schweiz. Beat Dietschy wird in unterhaltsamer Weise lebensgeschichtliche Anekdoten, philosophische Einsichten und politische Bezugnahmen verknüpfen.

Der Theologe und Philosoph Beat Dietschy war einst Assistent von Bloch in Tübingen, verbrachte einige Jahre in Lateinamerika, war Redaktor beim Schweizer Radio, dann in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, schliesslich acht Jahre lang Geschäftsführer von «Brot für alle». So verbindet er einen philosophisch-ethischen Impetus mit praktischer Sozialpolitik.

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Sprechendes Wandbild

Adolf Funk und das Fresko an der Binzmühlestrasse

Der dritte Zürcher Büchner-Rundgang, der am 16. Dezember im bücherraum f an der Jungstrasse 9 beim Bahnhof Oerlikon begann, endete zwanglos in der Nähe an der Jungholzstrasse. Gleich um die Ecke vom bücherraum f befindet sich nämlich ein Mehrfamilienhaus, mit der Adresse Jungholzstrasse 27/29. Das Haus beziehungsweise dessen Anbau entlang der Binzmühlestrasse ist in der lokalen Überlieferung auch als SMUV-Haus bekannt, der Quartierverein Seebach spricht auf seiner Website sogar vom «SMUV-Hüsli». Die Hausfassade ziert ein hübsches Fresko.

Tatsächlich befand sich in diesem Anbau seit 1943 das Sekretariat der Sektion Oerlikon des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbands (SMUV). In den Verbandsunterlagen im Sozialarchiv lässt sich die folgende Entstehungsgeschichte rekonstruieren.

Der SMUV, einst die bedeutendste Gewerkschaft der Schweiz, suchte seit längerem Räume für ein grösseres Zentralsekretariat in Zürich. 1939 war die «Bürohaus am Stauffacher AG» gegründet worden, mit dem Zweck der «Erwerbung von Liegenschaften an der Stauffacher- und Werdstrasse in Zürich 4 und die Errichtung und Verwaltung eines Büro- und Wohnhauses auf dem erworbenen Areal». Darin sollte das Zürcher Zentralsekretariat einziehen. Das Sekretariat der Lokalsektion Oerlikon befand sich seit Anbeginn 1903 und noch bis 1943 in der «Heimat» an der Affolternstrasse 9 – die «Heimat» diente dann vor und nach Kriegsende kurzfristig der Volksküche, die dort billige Mahlzeiten anbot, wobei die Menschenschlange zuweilen bis zur Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) reichte, wie sich eine damalige Kellnerin in der NZZ vom 14. Januar 1973 erinnerte; von circa 1960 bis 1975 wurde das Restaurant von einem italienischen Pächter geführt und war ein Treffpunkt für viele Fremdarbeiter, bis es durch einen Neubau ersetzt wurde.  Doch zurück zum SMUV-Haus. 1943 entwarf das «Architektur- und Baubüro Bauplan» eine grössere Wohnkolonie «Binzmühle» mit vier Häusern à zwölf Dreizimmerwohnungen von der Ecke Jungholzstrasse an entlang der Binzmühlestrasse. Im Mai 1943 übernahm der SMUV via die Bürohaus AG von «Bauplan» den östlichsten Block mit den Strassennummern Jungholzstrasse 27/29. Dazu schoss die Gewerkschaft ihrer Tochtergesellschaft einen Kredit von insgesamt 311000 Franken vor. Da sich die Häuser schon im Bau befanden, wurden kurzfristig Umbaupläne für einen Büroanbau entwickelt, was den Bau nicht nur verteuerte, sondern auch verzögerte.

Um das Gebäude äusserlich zu markieren, wurde ein kleiner Wettbewerb für ein Wandfresko ausgeschrieben. Am 12. Januar 1944 reichte der Maler Adolf Funk eine Projektskizze samt Kostenvoranschlag ein; am 18. Januar erteilte ihm die Bürohaus am Stauffacher AG den Auftrag für 2000 Franken, «Maurerarbeiten und Gerüststellung inbegriffen».

Funk, 1903 in Nidau geboren, war ein recht bekannter Maler, der an der Expo 39 vertreten gewesen war und schon verschiedene Häuser geschmückt hatte, etwa 1941 den Treppenaufgang im 1760 erbauten Haus zur Münz, am Münzplatz hinter der Bahnhofstrasse.

 

Den Umbau des Hauses zum Münz 1940/41 verantwortete die Architektin Lux Gujer, deren Leistung in der Innenausstattung geradezu als Gesamtkunstwerk gerühmt wurde. Doch 1960 brannte das Haus aus; seither steht dort der Hauptsitz der Bank Julius Bär.

 

 

 

 

1942 malte Funk ein grosses Fresko im Schulhaus bei der Zürcher Kornhausbrücke.

Zumeist konzentrierte er sich in seinen erfolgreichsten Arbeiten auf Natur- und Tiermotive.

Den Auftrag des SMUV bestätigte Funk aus dem Militärdienst in einem Feldpostbrief vom 21. Januar 1944; das Fresko selbst wurde dann relativ schnell fertiggestellt. Es verströmt etwas Italianità, mit warmen Farben, Trauben und Weinkrug, was der Mitgliedschaft im SMUV durchaus angemessen war.

    Weitere Fresken von Funk finden sich beispielsweise im Schulhaus Lachenzelg in Höngg (1954) und im Ämtlerschulhaus (1957).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verheiratet war Funk seit 1933 mit der Stickerin Lissy Funk (1909 – 2005), die zahlreiche bekannte Wandteppiche geschaffen hat, etwa im Zürcher Rathaus oder im Kloster Allerheiligen in Schaffhausen; die gemeinsame Tochter ist die ebenso bekannte Malerin Rosina Kuhn (*1940). Funk starb 1996 in Zürich.

 

 

 

Aus dem Innern eines Miethauses

Die Vermietung an der Jungholzstrasse 27/29 begann auf den 1. April 1944, zu einem Mietzins von 1500 Franken für die Dreizimmerwohnung, pro Jahr natürlich, Heizkosten exklusive. Den Unterlagen lassen sich selbst bei flüchtiger Durchsicht zuweilen Vignetten über die Zeitumstände entnehmen. So machte das Büromaschinenunternehmen J. Guntersweiler & Erndt dem Vermieter Ende 1945 Mitteilung, dass es einem Wohnungsmieter eine Schreibmaschine auf Miete und später eine weitere auf Teilzahlung überlassen habe – solche Beurkundungen waren kurz nach dem Krieg für Unternehmen offenbar vorgeschrieben und nötig, um sich gegen das «Retentionsrecht», das Sicherungsrecht des Hauseigentümers seinerseits abzusichern.

Bedrückender wirkt eine andere Episode. Auf Ende Dezember 1947 wurde einer ohne Vornamen angeschriebenen Frau R. an der Jungholzstrasse 29 per Chargé-Express mitgeteilt: «Wie man uns mitteilt lebt Ihr Ehemann Herr R. nicht mehr bei Ihnen. Wir haben ihm deshalb mit heutigem Datum die bisher innegehabte Wohnung […] gekündigt. Zu Ihrer Kenntnisnahme diene, dass wir den Mietvertrag Ihnen gegenüber nicht aufrecht erhalten können. […] Sie haben deshalb die Wohnung spätestens per 31. März 1948 zu verlassen und dieselbe in absolut ordnungsgemässem Zustande abzugeben.» In ähnlich barschem Ton wurde angekündigt, falls die letzten fälligen Mietzinse nicht einträfen, sehe man sich allenfalls zu einer früheren Auflösung des Vertragsverhältnisses gezwungen. Worauf ein Brief von Herrn R. bei der Verwaltung eintraf, er sei gegenwärtig nur aus Arbeitsgründen aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, hoffe aber, künftig wieder in Zürich arbeiten und wohnen zu können – der Erfolg oder Misserfolg der Intervention ist nicht dokumentiert.

Zuweilen machten sich auch einige Mieter das Leben gegenseitig schwer. Wiederkehrendes Ärgernis bereitete offenbar die Familie G., der Ende Januar 1951 wegen «dauernden Differenzen mit Ihren Mietmietern» gekündigt wurde. Auf einen «befremdeten» Brief von Herrn G. kam es zu einer Aussprache, wonach die Kündigung zurückgezogen wurde, verknüpft mit dem «dringenden Wunsch, Ihre Frau möchte in Zukunft im Interesse eines gedeihlichen und friedlichen Zusammenwohnens unangebrachte Diskussionen vermeiden». Knapp drei Jahre später wandte sich eine andere Mieterin mit einer Klage über die Familie G. an den Verwalter. Insbesondere listete sie drei Punkte auf: Der Knabe der G.’s habe den ganzen Sommer lang Zierbeeren in ihr Schlafzimmer geworfen und mit dem Gartenschlauch in die Stube gespritzt. Der dreijährigen Tochter der Mitmieter verstecke er den Fussball, zudem wecke Frau G. deren zweimonatige Tochter, wenn diese im Kinderwagen im Treppenhaus schlafe. Wiederum konnten die Wogen vorübergehend geglättet werden, bis dann, immerhin viereinhalb Jahre später, nach erneut «schwerwiegenden Klagen» einiger Mieter an einer Generalversammlung der vermietenden AG der Beschluss zur endgültigen Kündigung gefasst wurde, versehen mit dem Hinweis, dass man in Zukunft vermehrt nur noch Gewerkschaftsmitglieder als Mieter berücksichtigen möchte.

sh

 

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