Aus dem Teufelskreis

Beftim2_1 Die Depression ist nie fern. Ständig droht sie einen, im Alltag anzuspringen. Gegen vielfältige Anfechtungen muss gekämpft werden. Um die eigene Sprache wird gerungen, und um die Identität.

Neunzehn Stücke versammelt die zweite CD von The B. Sie ist musikalisch vielfältig, der Rap wird unterschiedlich orchestriert, von Techno bis zu balkanischen Volksmusikklängen, zuweilen perlt ein Klavier vor sich hin, dann wieder wird zünftig gescratcht.

The B., Blerim Tatari, gehört seit etlichen Jahren zur Schweizer Albano-Rap-Szene. Was ein fragwürdiger Begriff ist, weil er ethnisch kategorisiert und damit einhegt. The B. rappt schliesslich zumeist in Mundart. Allerdings hat sich tatsächlich eine entsprechende Szene mit einer selbstständigen Infrastruktur, mit Aufnahmestudios und Videokanälen und einem eigenen Publikum etabliert.

The B. sticht daraus hervor mit geradezu schwermütig-existenziellen Texten. «Suech de Sinn», heisst ein Stück beispielsweise, ohne Scheu. Wenn sich kein Ausweg aus dem Labyrinth von Fragen zeigt und man doch einen Lebenssinn festhalten möchte. Wenn man in den verdammten Nächten von Alpträumen verfolgt wird, «won ich langsam usswändig weiss: ich wott use us dem Scheiss, doch bliib i da i dem verdammte Tüüfels-chreis». Man bekämpft die Versuchung in sich, mit einem Gin, und dann gewinnt sie sowieso. Rau hingerappt tönt das geradezu anrührend authentisch.

Der Schwermut antwortet der trotzige Widerstand: Erhobenen Haupts möchte man seinen Platz erobern. Wieder lebendig sein, sich selber treu bleiben. Die eigene Sache durchziehen. In seinen Texten ist The B. radikal allein. Entfremdung ist ihr Ausgangspunkt. Das ist eine soziale Aussage, auch ohne politische Parolen. So bleibt The B. repräsentativ für eine Szene und in ihr verankert. Auf dieser CD finden sich denn auch etliche Kollaborationen mit Kollegen, auf albanisch, englisch, französisch, berndeutsch. Dabei ist klar: Kunst ist Lebenshilfe, um seinen Platz zwischen Fremdsein und Integration in der Eigenständigkeit zu finden.

Stefan Howald


Beftim2_2

 

 

The B.: «#Beftim2». Winterthur 2017.

«Beftim2» kann gratis gestreamt werden via soundcloud.


Dieser Artikel erschien in der WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 28/17 vom 13.7.2017, siehe www.woz.ch

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Der Wert der Arbeit

LtoR-Liam-Tanme-Siubhan-Harrison-Gillian-Bevan-Peter-Polycarpou-Krysten-Cummings-Dean-Chisnall-in-WORKING-credit-Robert-WorkmanUnd dann kommt der Song eines Feuerwehrmanns: ein ehemaliger Polizist, der den Job aufgegeben hat, nachdem er beinahe einen Unschuldigen erschoss – jetzt, als Feuerwehrmann, fühlt er, dass er etwas Sinnvolles tut, zuweilen gar Leben rettet. Und im Publikum weiss man nicht, soll man tapfer klatschen oder betroffen schweigen, während in einem die Bilder des Grenfell Tower im Londoner Bezirk Kensington aufsteigen, in dem zwei Tage zuvor mindestens 79 Menschen verbrannt und ebenso viele von der Feuerwehr gerettet worden sind.

Das ist nur ein Moment, der diese Londoner Theateraufführung von «Working» besonders aktuell macht. Das Stück basiert auf einem Buch von Studs Terkel, dem US-amerikanischen Historiker und Radiomann. 1974 erschienen, handelt es von dem, was der Titel benennt: vom Arbeiten. Was immer noch ziemlich selten auf die Bühne kommt.

Studs Terkel (1912–2008) schuf mit «Hard Times» (1970) über die grosse Depression der 1930er-Jahre und mit «Working» Klassiker der Oral History. Er gab den Leuten ihre Stimme, auch in zahllosen Radiointerviews bis ins hohe Alter im National Public Radio. «Working» hat einen sprechenden Untertitel: «People talk about what they do all day and what they feel about what they do». Terkel liess die Menschen erzählen über das, was sie ganz konkret tun, die Handgriffe, die angewandten Fähigkeiten, das Zusammenwirken mit andern, und dabei reflektieren sie, mehr oder weniger elaboriert, wie sich das für sie anfühlt, was es bedeutet, welchen persönlichen Wert sie aus ihrer Arbeit ziehen.

Suche nach Identität

Wie soll man stolz darauf sein, vierzig Jahre lang Tag für Tag das gleiche zu machen, meint ein Stahlarbeiter; ein Steinmetz träumt umgekehrt davon, einmal ein Haus ganz aus Stein zu bauen, auch die Haustür – obwohl, wie er anfügt, die ein wenig schwer würde. Die Kellnerin in einem gehobeneren Restaurant imaginiert sich ihre Tätigkeit als Kunst, während die Flight Attendant ihre einst als glamourös beworbene Arbeit zunehmend desillusioniert erlebt.

Terkel hielt sich zurück, seinen kunstvoll verdichteten Interviews eine These aufzubürden, aber engagierte Sozialrecherche sind sie, weil sie die Kraft und die Würde der einzelnen Menschen zeigen. Und weil sie den Doppelcharakter der Arbeit sichtbar machen. Da ist der konkrete Arbeitsvorgang mit den resultierenden Gebrauchswerten. Der bleibt eingebunden in die kapitalistische Tauschwertproduktion. Der Widerspruch braucht eine Bewegungsform: eine Identität, die sich der Arbeit bei allen Beschränkungen abgewinnen lässt.

Bereits 1977 machte Stephen Schwartz aus der Vorlage ein Musical, oder besser eine Abfolge von choreografierten Songs, mithilfe verschiedener KomponistInnen. 35 Jahre später mit neuen Songs ergänzt, wurde das Stück ein moderater Off-Broadway-Erfolg und erlebt jetzt in London die europäische Erstaufführung.

Schmissig

Die vorgeführten Jobs und Arbeitssituationen sind US-amerikanisch, und US-amerikanisch ist auch die Musik. Das heisst, sie ist schmissig und funktional, zuweilen jazzig, zuweilen balladeks, aber immer kräftig bühnentauglich. Die Texte allerdings gehen über ihren spezifischen Kontext hinaus. «Brother Trucker» oder «Millwork» von James Taylor scheinen klassische Bilder von blue collar work zu bedienen, die angeblich am Aussterben ist. Aber wenn die Fabrikarbeiterin ihren konkreten Arbeitsablauf beschreibt, im Achtzig-Sekunden-Rhythmus, dann ist man in den Sweatshops der Weltwirtschaft angelangt. Und wenn der Lastwagenfahrer seine Freiheit zu beschwören versucht, dann werden Mentalitäten sichtbar, die in den USA neue Urständ gefeiert haben. Dabei entziehen sich die Texte nostalgischer Identifikation. Man mag mit der Lehrerin mitfühlen, die früher zwanzig Kindern pro Klasse englische Literatur beibrachte und heute fünfzig Kindern pro Klasse Englisch als zweite Sprache einpauken muss, während die gelangweilt ihre Handys bedienen ­– bis sich die Lehrerin als Anhängerin der Prügelstrafe zu erkennen gibt. Und die neueren Stücke beschäftigen sich mit ausgelagerten und flexibilisierten Jobs: ein Angestellter in einem Call Center in Indien, ein Pizza-Auslieferer, der auf eigene Rechnung arbeitet.

Die Gesangsleistungen der sechs HauptdarstellerInnen sind erstaunlich, die Choreografie im beschränkten Raum des Southwark Playhouse ist beachtlich. Zum Schlusslied findet sich das Ensemble zu einer Art US-amerikanisch optimistischen Version von Brechts Gedicht «Fragen eines lesenden Arbeiters» zusammen – dass alle, die an und in einem Hochhaus gearbeitet haben, verewigt werden auf einer riesigen Plakette, die sich das ganze Haus entlang hochzieht. Das ist eine hübsch symbolische Idee: den Wert der Arbeit öffentlich anerkennen. Dann denkt man an den Brand im Grenfell Tower und muss sich sagen, dass Arbeit nicht in einem luftleeren Raum stattfindet, sondern unter bestimmten Produktions- und Machtverhältnissen. Die Feuerwehr hat angesichts der Katastrophe heroische Arbeit geleistet. Aber wenn die konservativ dominierte Behörde des reichen Councils die Sozialwohnungen für die ärmeren QuartierbewohnerInnen besser unterhalten hätte, hätte es die Feuerwehrleute nicht als HeldInnen gebraucht.

Stefan Howald


«Working» läuft im Southwark Playhouse noch bis zum 8. Juli, siehe www.southwarkplayhouse.co.uk

 

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Klinken putzen

Kreide fressen müssen viele nach dem unerwartet guten Abschneiden von Jeremy Corbyns Labour Party bei den britischen Parlamentswahlen. Nein, wir wollen nicht übertreiben: Gewonnen hat er die Wahlen nicht, aber angesichts der Voraussetzungen einen unerwarteten, sensationellen Zwischenerfolg errungen.

Zu den Voraussetzungen gehörte die Feindseligkeit des überwiegenden Teils der Medien. Selbst auf der linksliberalen Seite. Eines der grössten Opfer ist der New Statesman unter seinem Chefredaktor Jason Cowley. Der hat in der letzten Nummer vor der Wahl einen länglichen Artikel geschrieben, wie Labour vernichtend geschlagen werde, auf 150 Sitze zusammenschrumpfe, weil Corbyn mit seinem Programm aus den Siebzigern jeden Kontakt zu den durchschnittlichen Leuten verloren habe. Wie gesagt, was die Wahlresultate betrifft, so haben sich viele getäuscht, aber Cowleys Artikel sticht heraus in seinem totalen Unverständnis, auch nur etwas vom neuen Sog im Labour-Manifest, in den neuen Mitgliedern und in Corbyns unkonventionellem  Politikstil zu spüren, und stattdessen von Patriotismus zu schwafeln, den Corbyn nicht verstehe und dabei noch auf George Orwell zu rekurrieren, der den englischen Patriotismus in einer schwachen Stunde während des Zweiten Weltkriegs zur grundlegenden Charaktereigenschaft der Briten erklärt hatte. Me thinks he should resign (nicht Orwell, sondern Cowley).

Auch ich fresse Kreide, weil ich es schon als Erfolg verstehen wollte, wenn Labour bei den Stimmen moderat zugelegt und die Sitzzahl hätte halten können. Aber für mich, und darauf halte ich mir etwas zu gute, war die Frage bezüglich Corbyn immer, ob er seinen unbestreitbaren und erfreulichen Erfolg bei der Mobilisierung neuer Mitglieder für Labour umsetzen könne in die Aktivierung dieser neuen Mitglieder vor Ort. Diesen Test hat die neue Bewegung nun fürs Erste bestanden.

Dabei sind die sozialen Medien wieder mal in den Vordergrund gerückt. Corbyn, dieser «naiv gutmeinende» oder «gefährliche» Rückfall in die siebziger Jahre, hat den Kampf bei den neuen Medien klar für sich entschieden. Seine Twitter- und Facebook-Accounts hatten mehr als doppelt so viele Followers als die von Theresa May, und vor allem haben sie kurz vor den Wahlen überproportional zugenommen.

Auch die Mobilisierung der neuen Mitglieder ist mehrheitlich durch diese Medien erfolgt. Da wird es aber interessant: Mobilisierung wofür? Nun, für lokale Veranstaltungen und vor allem fürs Canvassing. Canvassing ist eine angloamerikanische Spezialität: das Türklinkenputzen. Die Parteien bauen nicht einfach Stände auf öffentlichen Plätzen auf und warten, ob jemand sich ihrer erbarmt und ihnen ein Flugblatt abnimmt. Sondern sie gehen von Tür zu Tür, um ihre Werbung direkt an Mann, Frau, Kind und Hund zu bringen. Das tönt furchtbar altmodisch, aber gerade die neuen Labour-Mitglieder haben in nie gesehener Zahl solches Canvassing betrieben. Und dabei hat Momentum eine zentrale Rolle gespielt. Momentum war ein Wahlverein für Corbyn innerhalb der Labour Party, und weil ein paar unrekonstruierte KommunistInnen und Trotzkisten eine gewisse Rolle darin spielten, wurde die ganze Organisation gleich verschwörungstheoretisch abqualifiziert. Für diese Wahlen nun hat Momentum neben der Labour-Party-Maschinerie die neuen Mitglieder motiviert, und dies unabhängig von irgendwelchen parteiinternen Spielchen: Ziel war es, Labour mehr Sitze zu verschaffen. Während die offiziellen Labour-Sektionen vor allem an die Verteidigung von womöglich gefährdeten Sitzen dachten, mobilisierte Momentum frech für Marginals, also solche Sitze, in denen die Tories (oder gelegentlich auch die Liberaldemokraten) nur über eine knappe Mehrheit verfügten und wo, bei optimistischer Gemütslage, eine geringe Chance bestand, dass Labour den einen oder anderen Sitz holen würde. Der Erfolg der Mobilisierung war teilweise im Wortsinn überwältigend: In einzelnen Wahlbezirken trafen so viele HelferInnen ein, dass gar nicht mehr alle eingesetzt werden konnten. Beziehungsweise neue Aufgaben übernahmen. Denn normalerweise besteht Canvassing darin, dass man nicht beliebig von Tür zu Tür geht, sondern sich auf jene Haushalte konzentriert, die schon mal Labour gewählt haben oder Sympathien bekundet haben oder Sympathien haben könnten – es geht also vor allem darum, potentielle Labour-WählerInnen überhaupt an die Urne zu bringen und den einen oder anderen Unentschiedenen noch zu überzeugen. Doch weil in einigen Wahlbezirken die erste Welle von Freiwilligen schon alle entsprechenden Klinken geputzt hatten und weiterhin Leute eintrafen, entschied man: Na, dann läuten wir doch wirklich an jeder Tür, auch an solchen, wo ein Plakat verkündet, hier wähle man die Tories oder Libdem. Und siehe da: Einer dieser Sitze ging mit einem rekordverdächtigen Swing von 14 Prozent an Labour (Swing ist auch wieder so was spezifisch Angelsächsisches: wie sich die Wählerverhältnisse zwischen den beiden im Wahlkreis grössten Parteien verändern. Das ist nicht identisch mit WechselwählerInnen, da ja sehr viele neue WählerInnen für Labour gestimmt und damit deren absolute Stimmenzahl erhöht haben. Aber weil andererseits die Tories viele Ukip-Stimmen geerbt haben (ein Grund, weshalb sie trotz ihrer Niederlage mehr Stimmen als bei den letzten Wahlen erzielt haben), müssen doch etliche Tory-WählerInnen zu Labour gewechselt haben.

Die sozialen Medien sind noch immer vorwiegend ein Kommunikationsmittel. Sie sind nicht schon als solche die digitale Demokratie. Es braucht weiterhin die handfeste, leibhaftige, persönliche Aktivität vor Ort. Die britischen Wahlen zeigten auch: Viele derjenigen, die erstmals Klinken putzten, waren begeistert und wollen weitermachen. Jetzt muss das fortgesetzt werden mit handfester, leibhaftiger, persönlicher lokaler Politik. Damit bei den nächsten Wahlen Labour wirklich gewinnt.

Stefan Howald

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#losertrump, a fifth batch from May

  • You complain that you are the most maligned president in history. Oh dear, #losertrump, shall I lend you a handkerchief or hold your hand?
  • You wrote you had an AMAZING time remembering the Holocaust, #losertrump – although it is just an invention of the leftwing Hollywood mafia
  • When you are cosying up to the Saudis, you think they will butter your bacon with some more fishy and oily deals, #losertrump?
  • So you do not even realise when you offer the Russians some classified intelligence? Losing your marbles seems to be in your blood, #losertrump
  • Sacking FBI-chief Comey: Obviously, #losertrump, you are feeling something is coming your way
  • Sacking him because of «horrible Hillary». No, because of this «Russian thing» – sorry, folks, it is difficult to keep taps in my muddled mind
  • Climate change? Hoax! I will build an axis of strong independent countries with Nicaragua and Syria. Trust me, friends, for I am #losertrump
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Sprossenbruch oder Die Tragödie in der Turnhalle

Ach du volle Neune, jetzt kommen die wieder. Da wird, sage ich zu Sprosse 3 unter mir, vermutlich ziemlich geholzt, was sie mit einem Kichern quittiert. Sie ist halt ein einfaches Gemüt. Mir wird es ewig unverständlich bleiben, wie man in dieser Halle hinter einem runden Ding herhetzen kann, durcheinander, hin und her, im hektischen Chaos. Schliesslich sind wir ja auch ganz zufrieden, so festgemacht, alle in der Reihe und schön in der Ordnung. Wo kämen wir hin, wenn ich mich aus meiner Verankerung lösen und raufklettern würde, über die anderen Sprossen hinaus. Da bräche doch bald alles zusammen. Nein, man muss wissen, wohin man gehört. Obwohl, seine Reize hätte es vielleicht doch, ich muss ja meinen ganzen Körper verdrehen, wenn ich die Halle überblicken will, und da oben wäre die Aussicht vermutlich besser und die Luft weniger von diesen üblen Schweissdämpfen durchzogen. Naja, was soll man machen, bleiben wir halt beim beschaulichen Leben. Aber sie sollen mir zumindest vom Leib bleiben, immer schön in der Mitte, bei diesem zentralen Ding, das Gool, wie es Sprosse 9 mit seiner knarrenden Stimme mal genannt hat – der Feuergott hab ihn selig, da er schon lang aufgegangen ist in Asche.

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In der Mitte bleiben! hab ich gesagt, aber nein, jetzt muss dieses runde und gar nicht so weiche Ding ganz in der Nähe einschlagen. Sprosse 3 quietscht ganz verschreckt, sie ist doch so hilflos, ihre gebräunte Haut glänzt, und man würde am liebsten ihre fein gedrechselten Kurven beschützen, man ist ja schliesslich nicht aus Holz – oder, ich meine … jedenfalls, die alte Sprosse 8 über mir knarrt wieder mal verächtlich: Rüpel. Ach, sie hat nicht mich gemeint, merke ich leicht aufgeschreckt, sondern die mit dem runden Dings, das sie wild in der Halle herumballern. Das soll ein besonders raffinierter Spielzug sein, mischt sich Sprosse 12 von oben herab ein, den Ball so von uns abprallen zu lassen, dass er an einen günstigen Ort zurückkehrt, und irgendwie ist es doch ganz cool, nicht, dass wir auch irgendwie mitspielen? Cool würde ich das nicht nennen, wenn sie sich mit ihren schweissigen Händen auf uns abstützen, murre ich, aber den Witz versteht wieder keiner. War auch nicht besonders gut, muss ich gestehen, ein wenig hölzern. Pah, das ist noch gar nichts, quatscht Sprosse 12 weiter, der den Überblick hat, oder es zumindest behauptet, zum Glück sind wir nicht auf der anderen Seite – er macht eine dramatische Pause und fährt dann fort: Dort drüben klettern sie nämlich auf einem hoch, Sprosse für Sprosse, treten einen mit ihren komischen Extremitäten, und dabei sind sie ganz schön schwer. Eklig, knurrt Sprosse 8 und vibriert leicht vor Indignation. Was du alles weisst, säuselt Sprosse 3 unter mir, und der Zwölfer knarrt geschmeichelt. Dabei ist er nur ein eingebildeter Holzkopf.

Jetzt kommen sie schon wieder auf unsere Seite, bloss nicht – aua, was ist das, voll in die Mitte, ein Stich durch den ganzen Körper, ein Blitz mitten hindurch, dieser Schmerz, es zerreisst mich, mir wird schwarz, etwas ist gebrochen, abgesplittert ragt ein Stummel in die Luft, und da unten fehlt mir etwas, wo höre ich denn auf, aber was heisst ich, ich bin hier und da zugleich, in einem zweiten Stummel, der Schmerz ist in mir und zugleich an einem anderen Ort, in einem anderen Teil von mir. Ich bin entzwei – und bin zwei. Hilfe! rufe ich mir zu, wo bist du, und wie ein Echo rufe ich in meine zweite Hälfte hinein und rufe ein neues Echo hervor.

137573_web_R_K_by_Harry-Hautumm_pixelio.de_Da packen mich rohe Hände, drehen, zerren, ein Schmerz wieder durch den ganzen, den halben, den zweifachen Körper, ein Fusstritt, unerträgliches Pochen, ein glühendes Rot, gelähmt liege ich am Boden, liegen wir zwei am Boden, dunkel, und dann nichts mehr.

 


 

Bei der Tragödie anwesend waren:

Christoph, Andi, David, Sämi; Küde, Adi, Adrian1, Stefan; Adrian2, Max, Michi, Tino.

 

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Demokratie – kritische Reflexionen

Die gegenwärtige repräsentative Demokratie ist zunehmend in Verruf geraten. Teils wird sie als blosse Kehrseite des Kapitalismus fundamental kritisiert, teils wird der Ruf nach direkteren Demokratieformen laut. Das «Schulheft» Nummer 164 aus der «pädagogischen Taschenbuchreihe» führt eine Auseinandersetzung zum Thema Demokratie aus pädagogischen und gesellschaftspolitischen Perspektiven abseits von Mainstream und medialen Darstellungen.

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Aus dem Inhalt

Christine Rabl: Wie kann die Demokratie zur Aufgabe der Pädagogik werden? Perspektiven kritischer Erziehungswissenschaft auf den Zusammenhang von Pädagogik und Demokratie

Conrad Schuhler: Kapitalismus oder Demokratie?

Stefanie Wöhl: Die Krise der repräsentativen Demokratie in Europa

Marion Löffler: Postdemokratie – Probleme mit der Demokratie heute

Gundula Ludwig: Postdemokratie und Geschlecht

Stefan Howald: Volkes Wille? Wie hält es die Schweiz mit der Demokratie? Kann sie der EU etwas vormachen? Ein paar grundsätzliche Überlegungen anhand einiger Beispiele

Ruby Salgado: Das Management, der Tod, der Rest

Hans Hautmann: Österreich 1918-1933. Von der Erringung zur Beseitigung der Demokratie

Hauke Straehler-Pohl und Michael Sertl: Demokratie und pädagogische Rechte

Wolfgang Popp: Friedenserziehung als Demokratieerziehung

Michael Brandmayr: Was nützt der Projektunterricht in Zeiten der Demokratie?


«Schulheft 164»: Demokratie – kritische Reflexionen. 41. Jahrgang. Studien Verlag. Innsbruck 2016. 144 Seiten. 16 Euro.

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Not to be forgotten, the fourth batch from April

  • Where is the wall towards Mexico? Can’t you find any American workers who will build it? What a #losertrump
  • So you threw the «mother of all bombs» in Afghanistan. Hey, #losertrump, you know what they say about men using big weapons?
  • This GOOD guy Steve Bannon is out of the picture. So SAD. Help, I am lost in my own shrivelled mind, #losertrump
  • Your speaker thinks there was no poison gas used before Assad in Syria. But then the puppet doesn’t know more as his master, #losertrump
  • You send an aircraft carrier to North Korea but it gets lost in the big ocean; as you will #losertrump
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Eidgenössische Geschichtslosigkeit

Agrargeschichte ist nicht förderungswürdig. Findet zumindest das zuständige Staatssekretariat. Stattdessen setzt es auf «Technologiekompetenzzentren». Da stellen sich grundsätzliche wissenschaftspolitische Fragen.

Von Stefan Howald

Seine Qualität steht ausser Zweifel. In bescheidenem Rahmen wird hier Erstaunliches geleistet. Das Archiv für Agrargeschichte (AfA), 2002 gegründet, ist nicht nur eine zentrale Arbeitsstelle zur Agrargeschichte, sondern zur ländlichen Gesellschaft generell.

Auch der Schweizerische Wissenschafts- und Innovationsrat (SWIR) ist voll des Lobes. «Unverzichtbar», «einmalig», sei das erste virtuelle Archiv in der Schweiz, und es besitze eine «bemerkenswerte Ausstrahlung» über die Landesgrenzen hinaus. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) stimmt dieser Einschätzung zu. Und hat nun dennoch ein Gesuch um subsidiäre Bundesunterstützung abgelehnt.

Der herrschende Bürokratismus

Der Entscheid bedeutet vermutlich nicht gerade das Ende des Archivs. Aber damit müssen wichtige Dienstleistungen wie die Online-Portale aufgegeben werden. Die von einem Verein getragene Forschungseinrichtung entstammt einer Initiative des Historikers Peter Moser, der jahrelang auch für die WOZ über die Bedeutung von Agrar- und Bodenpolitik geschrieben hat. Dabei sammelt das AfA selbst nur wenige Dokumente; es sucht und erschliesst vor allem Archivbestände (bisher rund 200), die dann von staatlichen Archiven aufbewahrt werden. Die Findmittel zu den Beständen sind auf der Website www.agrararchiv.ch zugänglich.

Die Begründung der Ablehnung trieft vor Bürokratismus. Zuerst geht es ums Geld, das beschränkt ist. Natürlich, nicht alles kann gefördert werden. Aber angesichts des gesamten Kreditrahmens von 422 Millionen Franken wären die 760 000 Franken, um die das Archiv für vier Jahre nachsuchte, schon noch irgendwo aufzutreiben gewesen. Doch die Förderung der Agrargeschichte fällt vor allem der gegenwärtigen Prioritätensetzung zum Opfer. Da geht es zentral um «Technologiekompetenzzentren» – und um die «bestmögliche Konsolidierung von Forschungsinfrastrukturen mit dem Ziel der minimalen Mengenausweitung». Zu Deutsch: Der erstmalige Antrag des AfA hatte von vornherein keine Chance. Wieso hat dann der Bund ein zweijähriges, für Archiv und Wissenschaftsrat aufwändiges Evaluationsverfahren durchgeführt?

Das AfA hat jetzt Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Das juristische Geplänkel wird sich hinziehen. Aber darin steckt auch eine grundsätzlichere wissenschaftspolitische Frage: Welche Funktion kommt dem SWIR zu? Wozu braucht es ihn, wenn sich das zuständige Departement über dessen Sachverstand hinwegsetzen kann?

Magisches Elixier

Der Rat kann, als politisch unabhängige Kommission, Gesuche beurteilen und Empfehlungen zuhanden des SBFI abgeben. Diese werden laut Gerd Folkers, Präsident des SWIR und Professor für pharmazeutische Chemie an der ETH Zürich, in mehrfachen Durchgängen bereinigt. Danach aber ist die Arbeit des Rats beendet. Die konkreten Entscheide ebenso wie die forschungspolitischen Rahmenbedingungen fallen in die Kompetenz des Bundesrats. Dass weltweit die Humanwissenschaften zurückgedrängt und die utilitaristischen Technologien forciert werden, nimmt allerdings auch Folkers kritisch zur Kenntnis.

Wenn die Politik auf die Industrie 4.0 als magisches Elixier setzen will, muss die Geschichte hinten anstehen. Was das Archiv für Agrargeschichte betrifft, bin ich allerdings eingestandermassen Partei. Bei seinen Findmitteln stösst man nämlich auch auf den Namen Oskar Howald, der ab 1922 Mitarbeiter beim Bauernsekretariat war und 1939 Direktor des Bauernverbands wurde. Der Nachlass meines Grossvaters ist nur dank des Archivs fachgerecht erschlossen worden und der Forschung jetzt verfügbar. Das Archiv wird seine Arbeit weiterhin sachgerecht in einer Mietwohnung in Bern betreiben. Die Eidgenossenschaft aber vergibt sich eine Chance, einen Teil ihrer eigenen Geschichte vermehrt kritisch aufzuarbeiten.


Dieser Artikel erschien in der WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 15/17 vom 13.4.2017; siehe www.woz.ch

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Dem Lieblingsonkel einen Trick beibringen

Ein europäischer Sonderweg via Brexit erweckt den Anspruch und die Illusion der nationalen Souveränität. Das kennen wir zur Genüge aus der Schweiz. Gelegenheit für einen Vergleich zweier Staaten und ihrer insularen Denkweisen.

Von Stefan Howald

Ein solcher Verfassungszusatz käme teuer zu stehen, durch Rechtsunsicherheit und Nachverhandlungen. Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten von Economiesuisse bezüglich der SVP-Initiative «Landesrecht vor Völkerrecht». Mit beiden Hypotheken noch schwerer belastet sieht sich Britannien, da es sich von der EU trennen will. Rund 20 000 Verordnungen, Regelungen und Gesetze sind bei einer Scheidung betroffen. Der Schweizer Aussenminister Didier Burkhalter klingt dazu wie die Ansage beim Aussteigen aus der Londoner U-Bahn: «Mind the gap», Vorsicht vor einer Lücke. Deshalb stehe der Bundesrat für schnelle Verhandlungen mit Britannien bereit.

Seit einigen Jahren produziert die Schweiz unerwartete Exportgüter. Da ist der Rechtspopulismus samt Sujets für fremdenfeindliche Plakate. Da ist das Mittel der Volksinitiative, die auch von der Alternative für Deutschland entdeckt worden ist. Und dann haben englische Brexit-VertreterInnen, als sie den Austritt Britanniens aus der Europäischen Union verfochten, medienträchtig vom Schweizer Weg abseits der EU geschwärmt.

Fussball für Konfekt

Wenns konkret wird, sieht es freilich anders aus. Der erwogene Anschluss Britanniens an die Europäische Freihandelsassoziation (Efta) hat sich mittlerweile als jene Schnapsidee verflüchtigt, die er immer war. Die wirtschaftliche Grossmacht braucht schliesslich keine Abkommen mit Liechtenstein und Norwegen, sondern mit China und den USA. Dafür kann der bilaterale Pfad der Schweiz durchaus verlockend leuchten. Sie hat ja als Pionierin einen Freihandelsvertrag mit China abgeschlossen.

Oder wie wäre es mit einem Steuerparadies vor dem Festland – nicht bloss Jersey, sondern ganz England (ohne störrische SchottInnen)? In Sachen Steuerprivilegien zeigen sich allerdings verschobene Entwicklungen und gegensätzliche Trends. Hier ist die Schweiz international seit langem unter Druck und hat die Fähigkeit zur Eigeninitiative eingebüsst.

Eben dieser autonome Handlungsspielraum aber liegt jeder Imagination einer nationalen Sonderrolle zugrunde. Die Erwartung, man werde die Geschichte schon steuern können, und zwar alleine, bitteschön. Darin sind sich die beiden Länder ähnlich. Britannien ist schliesslich eine Insel – und die Schweiz stellt sich vor, eine Insel zu sein. Umbrandet von fremden Mächten, nur auf sich gestellt.

Tatsächlich existieren langjährige reale Beziehungen. BritInnnen haben den Wintertourismus in der Schweiz erfunden, bei der Industrialisierung geholfen und Fussball in die Schweiz exportiert; im Gegenzug haben sie einen Entwurf für die Uhr von Big Ben und Tessiner Konfekt gekriegt sowie das Swiss Cottage, was einst ein exotischer Baustil war und weiterhin eine U-Bahn-Station in London ist.

Natürlich, die Beziehung vollzieht sich nicht zwischen Gleichen. Die Schweiz ist der bewundernde Neffe, der dem Lieblingsonkel zuweilen einen Trick beibringen kann. Am stärksten gleicht man sich in einer Mentalität: insulares Denken.

Dieses geht in zwei Richtungen. Einerseits gilt das eigene Land als selbstgenügsamer Mittelpunkt eines Universums, dominieren die Nabelschau, der Rückzug, die «splendid isolation» und das «Réduit». Andererseits wirkt der Anspruch, nach aussen zu wirken, als Vorbild, mit Sendungsbewusstsein und Gottesgnadentum.

Britannien hat ein paar handfestere Gründe mehr, insular zu denken. Doch erliegen auch viele BritInnen imaginären Identitäten. Geschürt werden die von EU-feindlichen Medien in einer Weise, wie sie bei uns kaum unvorstellbar ist. Selbst die politisch unverdächtige BBC trägt zu einem Klima der Abgrenzung bei. In ihren Soap Operas sind die minoritären Ethnien aus dem Commonwealth mittlerweile schön paritätisch vertreten, während Kontinentaleuropa nur als Feriendestination existiert. In den beliebten Spitalserien, die realistisch Privatisierungstendenzen thematisieren, kommen jene nicht vor, die das englische Gesundheitswesen vor dem Kollaps bewahren: das Pflegepersonal aus der EU. Die Abwehr der anderen geschieht so durch Verschweigen.

Ursprungsmythos einer neuen Souveränität

Und jetzt wird also der Ursprungsmythos einer neuen nationalen Souveränität beschworen. Was verloren ging, soll wieder gewonnen werden. Das ist in der globalisierten Wirtschaft eine Schimäre – sie gewinnt jedoch imaginäre Kraft, wenn sie konkretisiert wird: bei der Migration, also bei der Personenfreizügigkeit.

Insulares Denken als Mentalität äussert sich je nach sozialer Lage und Interessen unterschiedlich. Abgewehrt wird unten, was am direktesten auf den Leib rückt: der polnische Handwerker, nicht die indische IT-Spezialistin. Für die Wirtschaftskreise oben hingegen ist das Sendungsbewusstsein des insularen Denkens vom Isolationismus entkoppelt. Deshalb wird sich die City, der Londoner Finanzplatz, der gegen den Brexit war, mit diesem einrichten können: Unsicherheit schafft Gelegenheiten fürs schnelle Geld.

Noch eine Parallele zur Schweiz gibt es: die Schwierigkeit der Linken, eine Haltung gegenüber der EU einzunehmen. Labour sieht sich gegenwärtig durch diese Frage paralysiert. Die – plausible – Position von Labour-Chef Jeremy Corbyn, man könne nicht uneingeschränkt für die EU sein, hat vor dem Referendum beide sozialen Blöcke innerhalb der Partei, ArbeiterInnen wie Mittelstand, verärgert. Jetzt braucht es klare Themen und klare Positionen. Was den Wert flankierender Massnahmen betrifft: Da könnte die Schweiz England durchaus einen Trick beibringen.

 Insular

WOZ-Redaktor Stefan Howald hat schon 2004 ein Buch zum Thema geschrieben: «Insular denken. Grossbritannien und die Schweiz». Der im NZZ-Verlag erschienene Band ist nur noch antiquarisch erhältlich.


Dieser Artikel erschien in der WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 14/17 vom 6.4.2017. Siehe www.woz.ch

 

 

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#losertrump, a quick third batch

An office for your daughter: So your money is already running out – #losertrump is a leech

New jobs for miners? They will disappear in the black hole of the economy you can’t handle, #losertrump

Destroy Obamacare? You wish. Instead, its Obama-scare: Trump runs scared of having another fight: He really is a #losertrump

So you are not even able to bang some heads together in the Republican party. And you want to deal with China? Good luck, #losertrump

Your approval rates are getting worse and worse: The worst figures ever in a «honeymoon-period»: #losertrump really is a loser

And the travel ban is still illegal – definitively a #losertrump

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