Ist Europa noch zu retten?

Anmerkungen zum Europakongress der WOZ – Die Wochenzeitung

Von Stefan Howald

Am Beginn stand eine Überraschung und ein Versäumnis: Die Redaktion der WOZ Die Wochenzeitung hatte, wie viele andere auch, im Juni 2016 nicht mit einem Ja zum Brexit gerechnet. Sie hatte keine vertiefte Berichterstattung zu einem möglichen Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union vorbereitet und musste sich kurzfristig neue Zugänge überlegen. Dabei zeigte sich: Innerhalb der Redaktion existierte ein vager Konsens zur Europapolitik, oder vielmehr ein klarer Konsens zum Nationalstaat – der steht in einer verheerenden Tradition und ist ein Auslaufmodell. Dagegen gab es keinen kohärenten Diskurs, keine ausformulierten Argumente für eine transnationale Politik. Und es gab umgekehrt wenig Einsicht in die vordergründigen oder tiefsitzenden Ressentiments gegenüber der EU und anderen transnationalen Institutionen, die sich im Brexit-Votum gerade auch bei sozial benachteiligten Schichten gezeigt hatten.

Deshalb beschloss das WOZ-Kollektiv, einen Europakongress zu organisieren. Der erste Impuls in der vorbereitenden Gruppe lautete: Argumente gegen Nationalismus und Xenophobie zu liefern, damit auch gegen die Schweizerische Volkspartei (SVP). Der zweite Impuls lautete: Bloss nicht die ewige Jammerei über den Rechtsnationalismus und die üblichen Verdächtigen. Sich nicht auf die Vorgaben von rechts einlassen, sondern umgekehrt formulieren, was uns an Europa beschäftigt – sicherlich, was uns daran ärgert und empört, aber auch, was wir davon erwarten und erhoffen. Ein Manifest sollte es nicht werden, etwa: Jetzt rein in die EU, oder kein Inländervorrang. Sondern zuerst einmal eine weit reichende Bestandesaufnahme. Zuerst einmal ein paar richtige Fragen, und dann vielleicht ein paar informierte Antworten.

Im Verlauf der Organisation mussten wir uns gelegentlich vor der Tendenz bewahren, Europa realpolitisch auf die Europäische Union – und das Verhältnis der Schweiz zu dieser – zu reduzieren. Vernehmbar werden sollten auch Stimmen von ausserhalb oder vom Rand. So luden wir etwa die türkische Schriftstellerin und Journalistin Ece Temelkuran ein. Damit begannen die aktuellen europäischen Geschichten. Denn Temelkuran wohnt gegenwärtig in Zagreb, mit einem zeitlich beschränkten Visum, und angesichts ihrer scharfen Kritik am Erdogan-Regime gab ihr Rechtsberater plötzlich zu bedenken, womöglich werde bei einer Teilnahme in Zürich die türkische Regierung von Kroatien verlangen, Temelkuran das Visum nicht mehr zu erneuern – eine nicht ganz unbegründete Befürchtung, wie die Verhaftung eines türkisch-deutschen Schriftstellers in Spanien gezeigt hat, ebenso wie der Druck, den das türkische Regime durch tausende von Interpol-Gesuchen aufs europäische Rechtssystem zu erzeugen versucht. So verzichtete Temelkuran mit Bedauern auf die Teilnahme.

Schliesslich kamen 25 ReferentInnen aus zehn Ländern für ein Wochenende nach Zürich. Der Europakongress der WOZ ging am 8./9. September 2017 über die Bühne des Zürcher Volkshauses, mit acht Podien sowie sechs Workshops in der Zürcher Bäckeranlage. Er war ein Erfolg, mit über 400 TeilnehmerInnen und sachorientierten, zuweilen auch kontroversen Debatten.

Nationalstaat und Transnationalität

Er war ein Erfolg, trotz Anlaufschwierigkeiten. Die Auftaktveranstaltung am Freitagabend verlief aufschlussreich, obwohl, oder weil, sie teilweise missglückte. Die US-Soziologin Saskia Sassen (The Global Cities) eröffnete als Starreferentin die Tagung  – und sagte in ihrem Eingangsreferat kein einziges Wort zu Europa. Stattdessen sprach sie über die Finanzialisierung der globalen Wirtschaft, über die weltweite Urbanisierung und die Aushöhlung des öffentlichen Raums sowie über die neue verschärfte Form der Migration, die viele Menschen durch die Zerstörung ihrer Lebensbedingungen in die Fremde ausstösst. Das war nicht so geplant, und es irritierte. Aber sie machte damit zweierlei: Erstens beschrieb sie globale Tendenzen, von denen auch Europa betroffen ist, und zweitens verdeutlichte sie die reduzierte Bedeutung der Entität «Europa».

Der Historiker Jakob Tanner knüpfte an diese signifikante Leerstelle an und rekonstruierte Europa und die Europäische Union als historisch flirrendes Bild. Für die Europäische Gemeinschaft (EG) beziehungsweise die EU gibt es, so führte er aus, keine monokausale Erklärung, sie entsprang unterschiedlichen Motiven und Traditionen und führte zu teilweise unbeabsichtigten Resultaten. Gerade die transnationale Institution rettete den eigentlich diskreditierten Nationalstaat, indem sie ihm in einem übergeordneten Gefüge eine neue Rolle zuwies. Die EU ist immer verschiedenes zugleich: ein Friedensprojekt und ein neoliberales Zwangsregime, ein Aushandlungsmechanismus und ein Machtkartell. Sie weist gravierende demokratische Defizite und zugleich neue demokratische Ansätze auf.

Solchen ansatzweise positiven Einschätzungen setzte Catarina Principe, Mitglied des portugiesischen «Bloco de Esquerda» (Linksblock), ein radikal anderes Bild entgegen. Die EU habe die Nationalstaaten grundsätzlich rekonfiguriert, die forcierte Konkurrenz der nationalen Volkswirtschaften den EU-Raum in Zentrum und Peripherie zerklüftet. Dabei werde die Austeritätspolitik als Klassenkampf von oben in den Nationalstaaten geführt. Dem müsse der Klassenkampf im Nationalstaat antworten. Principe verneinte dabei jedes demokratische Potenzial in der EU. Dem widersprach Jakob Tanner. Trotz ähnlicher Analyse der Defizite der EU sei für ihn deren Dämonisierung keine hilfreiche Strategie. Damit würden Notwendigkeiten verkannt. Zur Lösung bestimmter Probleme sei der Nationalstaat zu klein geworden. Die griechische Krise zum Beispiel könne national nicht bewältigt werden. Auch Saskia Sassen sekundierte, die globalen Finanzströme und die beharrende Kraft internationaler Institutionen verlangten nach transnationalen Gegenmitteln.

Damit war eine Frage angesprochen, die im Verlauf des Kongresses auf allen Podien wiederkehrte und diese implizit miteinander verschränkte: Welches sind die Räume für die aktuellen Kämpfe?

[…]

Lesen Sie weiter in der neusten Ausgabe des Widerspruch 71: Militarisierung, Krieg und Frieden. Zürich 2017, S. 127 – 133.

www.widerspruch.ch

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Wer lügt denn da so faustdick?

Neues von Münchhausen he_muenchhausen_titelseite

 

Wer kennt ihn nicht, den Lügenbaron von Münchhausen? Sprichwörtlich fabuliert er das Blaue vom Himmel herunter. Als Jugendbuch ist der Münchhausen, zumeist in der Fassung von Erich Kästner, weit verbreitet. Tollkühn reitet er auf einer Kanonenkugel. Seine Leistungen auf der Jagd sind legendär. Gleich zweimal gerät er während Seeabenteuern in den Rachen eines Fisches, kann sich aber durch ingeniöse Mittel befreien. Ja, einmal zieht er sich und sein Pferd gar am eigenen Zopf aus einem Sumpf. Und auf dem Mond ist er natürlich auch gewesen.

Seit neustem ist das Lügen wieder in Mode gekommen. Fake News und postfaktisch sind die Unwörter der Zeit. Hat Münchhausen zeitgenössische Politiker vorweggenommen? Und welche Rolle spielt das Lügen in unserer Gesellschaft?

Stefan Howald, Publizist in Dielsdorf, hat bislang unbekannte originale Erzählungen über Münchhausen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und zusammen mit Bernhard Wiebel in einem Buch veröffentlicht. Der Vortrag wird zahlreiche Bilder präsentieren, wie der Aufschneider und Prahlhans auf der ganzen Welt verkörpert worden ist. Im Gestus der Übertreibung stellen seine Erzählungen mal vergnüglich mal tiefgründig die Frage nach Wahrheit und Lüge. So ist Münchhausen aktuell geblieben.

MünchhausenBrevier_Titelbild

Samstag, 18. November 2017, 20 Uhr
philosophe, Forum & Bistro
Regensbergstrasse 26, 8157 Dielsdorf

 

Veröffentlicht unter Veranstaltungen | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Teures Geld

Geld ist ein eigentümliches Ding. Als Fetisch schreiben wir ihm besondere Kräfte zu. Doch was schlägt uns da hinterrücks in Bann? Welche Bilder von Wirtschaft und Gesellschaft drücken sich darin aus? WOZ-Redaktor Stefan Howald unternimmt einen Streifzug durch die Kulturgeschichte des Kapitalismus. Er beschreibt dessen psychische Dynamik und skizziert ein paar Vermutungen, wie eine alternative Wirtschaft aussehen könnte.

Der Vortrag findet statt im Rahmen einer Öffentlichen Ringvorlesung zu «Design Ökonomien» an der Zürcher Hochschule der Künste. Montag, 16. Oktober, 13 bis 15 Uhr. ZHdK, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich. Hörsaal 1, Ebene 3.

Veröffentlicht unter Veranstaltungen | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

A bunch from September

– Oh dear, the NBA champs Golden State Warriors don’t want to have anything to do with this #losertrump

– Oh dear, the NFL champs as well want have nothing to do with this #losertrump, BAD sport.

– Needing the Democrats to hammer out a deal on immigration – that sure is a winner with your voters, #losertrump

– Even Sean Spicer is mocking you at the Emmy’s, so you are the last man drowning #losertrump

– And still no Emmy for your life-time achievement of bullying, cheating and lying – the eternal #losertrump

– Supporting the wrong guy for the Senate – losing seems to become something of a habit, #losertrump

– Steve Bannon is no longer a «friend», so who is left in your mad house casino, #losertrump?

– The bill for your security mounts and mounts – hey, #losertrump, are you afraid that someone would steal your toupee?

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Gewichtiger Einwand

Linksbüchneriade 28

«Der gewichtigste Einwand: Im gleichmacherischen Dauerkreisel wird die Klassenfrage eingeebnet», heisst es in der Besprechung einer Inszenierung von Büchners «Woyzeck» in Basel. Und das Blatt, in dem die scharfsinnige Kritik erschienen ist, kennt sich in der Klassenfrage bestens aus. Die «Neue Zürcher Zeitung» hat unter der nicht mehr so neuen Chefredaktion von E. G. samt Kulturchef R. S. entdeckt, wo sich die scharfen Gegensätze durch unsere Gesellschaft ziehen und wo die Unterdrücker hocken: in den rot-grünen Stadtregierungen, in der Bürokratie und in Genossenschaftswohnungen, oder bei der Political correctness, insbesondere in der Gender-Theorie. «Alle, auch die gesellschaftlich mächtigen Täter, sind Opfer der allumfassenden Weltenmaschinerie. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Büchners Intention in seinem bewusst parteilich anklagenden Proteststück», hält die «Woyzeck»-Besprechung fest. Aber es ist ziemlich genau das Verfahren der NZZ, wenn die Rechtsintellektuellen sich zu armen Opfern stilisieren, wobei Slavoj Žižek in seiner jüngsten Inkarnation als antilinker Nonkonformist als Gewährsmann dient. Dass G. und S. alle Artikel in der eigenen Zeitung lesen, ist wohl nicht zu hoffen – das erledigen ja nächstens KorrektorInnen in Bosnien.

sh

Veröffentlicht unter Linksbüchneriade, Politik | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

«Linker Fussball war immer eine Schimäre»

2017_TeamsDie WOZ hat vor zwei Wochen gegen die NZZ ein Fussballspiel ausgetragen. Beginnen wir mit dem Anfang.

Anfänge werden generell überschätzt.

Geschichtsphilosophisch zweifellos.

Das Konzept des Anfangs ist der Beginn jeder illusionären, ja ideologisch verfestigten Kausalität. Ein Urknall soll alles erklären. Ursprungsmythen sind entsprechend politisch dubios. Dabei ist jeder Anfang bloss ein willkürlicher Punkt in einem Raum/Zeit-Kontinuum, auf den man mehr oder weniger vorbereitet ist.

Beginnen wir also mit dem Raum vor dem Anfang.

Strahlendes Wetter, nicht zu warm, die Platzwahl geschickt so gewählt, dass die Sonne dem Gegner in die Augen schien.

Und dennoch, irgendwann wird jedes Spiel angepfiffen.

Ein insignifikanter Moment im steten Fluss der Ereignisse, in dem unser Fuss nie zweimal vom gleichen Wasser benetzt wird.

… mit anderen Worten, die WOZ lag nach fünf Minuten 0:2 hinten?

Mit anderen Worten, ja.

Was war geschehen?

Schöner Flügellauf rechts, Pass in die Mitte, Tor. Schöne Kombination in der Mitte, strammer Schuss von der Strafraumgrenze, Tor.

Und was machte die WOZ dabei?

Keine besonders gute Figur.

Könntest Du das ein bisschen erläutern?

Nun, die Verteilung im Raum klappte nicht so richtig. Die Zweikämpfe gingen verloren. Wir waren zu langsam. Und nicht bereit.

Das tönt ziemlich – unterlegen.

Aber dann gings aufwärts. Die Zweikämpfe gingen nicht mehr alle verloren. Die Pässe kamen zuweilen beim Mitspieler oder bei der Mitspielerin an.

Ausser zu Beginn der zweiten Halbzeit.

Ja, da waren wir dann wieder im Fluss der Geschichte verloren.

Und so stand es schon bald 0:4.

Aber dann gings wieder aufwärts. Und gegen Schluss kamen wir sogar vors gegnerische Tor.

Ohne zählbares Ergebnis freilich … Kann man aus dem Endresultat etwas herauslesen?

Es gibt ja zwei Interpretationsansätze. Fussball als Abbild der herrschenden gesellschaftlichen Zustände. Fussball als Vorschein künftiger gesellschaftlicher Entwicklungen.

Ersteres hiesse …?

Die realen Machtverhältnisse haben sich schonungslos abgebildet. Die bürgerliche Hegemonie ist ungebrochen.

Und zweiteres …?

Das wäre kaum ausdenkbar.

Abbild und Vorschein: Sind nicht beide Ansätze in der Spiegelmetapher gefangen?

Womöglich.

Und ist die nicht deterministisch – mal abgesehen von Lacan, den wir hier wie anderswo ignorieren wollen? Könnte Fussball nicht auch gesellschaftliche Zustände durchqueren, verqueren?

Was soll das heissen? Könntest Du ein wenig konkreter werden?

Nun, es schien, von aussen, die NZZ-Mannschaft eine recht gut geölte Maschine, klar in der Raumaufteilung, sauber im Zusammenspiel, mit andern Worten: ein funktionierendes Kollektiv. Die Summe mehr als die einzelnen Teile (zumindest auf dem Spielfeld). Hinwiederum bei der WOZ liessen Einzelne mehr vermuten, als das Ganze erkennen liess.

Und Deine Schlussfolgerung wäre?

Die Beziehung zwischen Ideologie und produktivem Resultat ist nicht ganz gradlinig.

So weit sind wir alle längst schon Gramscianer. Auch und gerade in der NZZ. Im Übrigen: Linker Fussball war immer ein wenig eine Schimäre. Der argentinische Trainer César Luis Menotti wollte darin ein Spiel sehen, das sich durch Schönheit, Spielwitz und Fantasie auszeichnet. Er selbst verweigerte den argentinischen Generälen 1978 nach dem Weltmeistertitel den Handschlag. Das war tapfer und nobel. Aber die Form des Fussballs war daraus nicht abzuleiten. Das linke Engagement von Clubs wie dem FC St. Pauli oder dem FC Winterthur findet neben, nicht auf dem Spielfeld statt. Ausser, man würde die notorische Zweitklassigkeit zum linken Markenzeichen erklären.

Der NZZ gelang es sogar, Vorgesetzte und Chefs in ihren Reihen strategisch günstig zu platzieren und zu integrieren bzw. zu neutralisieren.

Was in der WOZ allerdings kein Thema ist. Zudem hat sie die Geschlechterfrage angepackt. Von Parität liess sich auch bei ihr nicht wirklich sprechen. Aber es war ein Schritt in die richtige Richtung, schön sozialdemokratisch gesagt.

NZZ und WOZ konnten sich darauf einigen, ohne Schiedsrichter zu spielen. Was darf man daraus ablesen?

Man könnte das die kleinste gemeinsame Schnittmenge nennen. Anarcho-libertär, vielleicht. Bei der NZZ das Vertrauen auf die Selbstregulationsfähigkeit des Systems, bei der WOZ das Vertrauen auf das altruistische Gen in uns allen.

Wir haben auch von freundlichen Zugeständnissen der NZZ-Stürmer gehört: eine vom Türhüter aufgenommene Rückgabe nicht geahndet, ein möglicher Elfmeter nicht gerade vehement gefordert …

Tatsächlich. Schon beinahe beschämend. Aber die WOZ hat auch schon anderes erlebt. Etwa beim Spiel gegen die FADS, die fussballspielenden Autoren der Schweiz. Die brachten uns, unter Einsatz aller moralischen Druckmittel, dazu, dass wir ein von uns erzieltes reguläres Tor für ungültig erklärten, nur weil wir ein paar Minuten später zu zwölft auf dem Platz gestanden waren.[1]

Tja, man muss die Autoren verstehen. Sie habens sonst schon schwer im Leben. 

Vielleicht ist Nachsicht ja eine kleinbürgerliche Tugend. Darf ich eine persönliche Anekdote anfügen?

Ich werde Dich kaum daran hindern können.

Einst, im Londoner East End spielend, kam ich im gegnerischen Strafraum zu Fall, und der Schiedsrichter wollte mir einen Strafstoss zusprechen; auf wütendes Insistieren des gegnerischen Verteidigers räumte ich ein, dass ich doch wohl eher das Gleichgewicht verloren hatte denn über dessen Bein gestolpert war; worauf der Schiedsrichter zu aller, auch meiner, Überraschung den Penaltyentscheid umstiess – was mir in der Halbzeit eisiges Schweigen meiner Kollegen eintrug, umso mehr, als wir das Cupspiel schliesslich 0:1 verloren, und erst nachträglich ist die Episode in die Annalen von Philosophy Football eingegangen.

Enden wir mit einem tröstlichen Ausblick. Auf den Stehrampen dominierte die WOZ unwidersprochen, die Unterstützung war, wenn auch resultatmässig wirkungslos, so doch emotional überwältigend.

Kein Wunder. Schliesslich legt die WOZ anders als die NZZ an Auflage zu.

 

Für die WOZ liefen auf:

Romain G.; Donat K., Dinu G., Wendelin B., Kevin B., Roman E., David L.; Florian K., Yves W., Carlos H., Oliver W., Adrian R., Raphael A., Kaspar S., Jan J.; David L., Silvia S., Sarah S., Stefan H.

 

Und hier folgt noch die Bildergalerie: http://www.stefanhowald.ch/galerie/main.php?g2_itemId=1753


 

[1] Siehe www.stefanhowald.ch/actualities/index.php/knirschendes-kollektiv-1

Veröffentlicht unter Fussball, Kulturkritik, Politik | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Europa, bleiche Schönheit

Ist Europa noch zu retten? Gibts Alternativen zum neoliberalen Kurs der Europäischen Union? Wie können wir neue Formen demokratischer Mitgestaltung entwickeln? Ein paar Fragen und Antworten zum Europakongress der WOZ am 8./9. September in Zürich.

Von Stefan Howald

Warum will die WOZ hier und heute über Europa diskutieren?

Europa ist gegenwärtig in aller Munde und zugleich ein Tabu. In der Schweiz bedient die SVP entsprechende Ressentiments für ihre fremdenfeindliche Agenda. Auf der Linken begnügen wir uns mit technokratischen Hilfskonstrukten. Dagegen braucht es eine scharfe, vorurteilsfreie Analyse und positive Ideen.

Und das wollt Ihr mit ein paar Podiumsgesprächen erreichen?

Wir bieten acht Podien und sechs Workshops an, für viele Interessen und Geschmäcker. Wir bringen 25 PodiumsteilnehmerInnen aus zehn verschiedenen Ländern und aus verschiedenen sozialen Bereichen zusammen: Wissenschaftlerinnen, Aktivisten, PolitikerInnen. Es wird informiert und diskutiert, und es werden Möglichkeiten zur praktischen Mitarbeit geboten.

Schön und gut. Doch die EU steckt in einer tiefen Krise. Britannien sucht den Austritt, Polen und Ungarn provozieren mit antidemokratischen Massnahmen. Nationalstaatliches Denken erlebt ein Comeback.

Gerade in dieser Situation darf man die Diskussion nicht den rechtsbürgerlichen Kreisen überlassen. Man muss sich der Chancen und Möglichkeiten gesellschaftlichen Fortschritts jenseits des Nationalstaats vergewissern.

Das ist wohl ein bitterer Witz. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der EU hat viele Menschen vor allem in Südeuropa verarmen lassen.

Ja. Deshalb wollen wir Alternativen diskutieren, auf einem Podium mit James K. Galbraith, Philipp Löpfe, Tom Kucharz und Mascha Madörin. Wir brauchen Vorstellungen, wie die Ungleichheit abgebaut werden kann.

An Europas Aussengrenze sterben täglich Menschen.

Das ist ein weiterer Skandal. Flucht und Migration nach Europa müssen sicherer werden und gemeinsam bewältigt werden. Darüber diskutieren Andreas Cassee, Rokhaya Diallo, Saskia Sassen und Damir Skenderovic. Auch darüber, wie Migration in den Köpfen anders gedacht werden kann.

Wo soll denn all dies in den undemokratischen EU-Strukturen verwirklicht werden?

Das ist die Frage: Wer hat wo was zu sagen? Agniezka Dziemianowicz-Bak, Andreas Gross, Teresa Pullano und Thomas Seibert debattieren, ob man die institutionellen Formen ausbauen oder nach neuen Formen der BürgerInnenbeteiligung suchen soll. Und wie Europa endlich grün werden kann, erörtern Eva Gelinsky, Balthasar Glättli und Alexandra Strickner.

Die europäische Identität ist doch eine Schimäre.

Europäische Gemeinschaftlichkeit kann nicht verordnet werden, sondern sich nur in der Praxis herausbilden. Milo Rau und Maria Stepanowa bringen mit Cédric Wermuth ihre reichhaltigen Erfahrungen und provokativen Ideen in die Debatte ein.

Ich sehe, dass auf dem Auftaktpodium am Freitag niemand aus einem EU-Staat stammt …

Europa ist ja mehr als die EU. Obwohl Europa ohne die EU nicht sein wird. Saskia Sassen (USA), Ece Temelkuran (Türkei), Jakob Tanner (Schweiz) spannen das Thema weit auf, historisch und topografisch.

Kommen auch Nicht-AkademikerInnen?

Ich hoffe, das ist nicht antiintellektuell gemeint? Aber ja, es gibt bewegungsorientierte AktivistInnen auf allen Podien. Im Übrigen sind solche Zuschreibungen längst fragwürdig. Rokhaya Diallo aus Paris ist Publizistin und zugleich antirassistische Aktivistin. Und es gibt spezifische Veranstaltungen zu einer Politik von unten. Wo stehen die Barrikaden? fragen wir Catarina Principe, Paul Rechsteiner und Raul Zelik.

Soll die Schweiz tatsächlich in die EU?

Ja. Nein. Vermutlich schon. Lieber nicht. Auf jeden Fall braucht es eine informierte Diskussion. Wir benötigen klare Vorstellungen und Vorschläge. Wir dürfen uns nicht von rechts treiben lassen, sondern müssen die europäische Zukunft aktiv mitgestalten.

Zugegeben: Das tönt alles recht interessant. Wen erwartet Ihr an der Tagung?

Möglichst viele Interessierte, Engagierte, Diskussionsfreudige. Deshalb haben wir die Eintrittspreise tief angesetzt: 40 Franken für das ganze Programm. Wo kriegt man in der Hochpreisinsel Schweiz sonst noch solch hochkarätigen Gegenwert?


Programm und Anmeldung unter www.europakongress.ch

Veröffentlicht unter Politik, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Rechtsausleger – Linksausleger

Der Klassiker unter den Fussballderbys

WOZ versus NZZ 

Montag, 7. August, 19 Uhr, Juchhof 2, Bernerstrasse 331, Zürich

Ein titanischer Kulturkampf ist für den Montagabend angesagt, wenn sich WOZ und NZZ auf dem Fussballfeld messen. Die von den Favoriten von der Falkenstrasse gewählte Taktik dürfte auch Aufschlüsse über den in der Redaktion favorisierten ideologischen Kurs vermitteln: postmodern befestigter Neoliberalismus oder strenger Ordoliberalismus? Wird die NZZ weiterhin ohne linken Flügel auskommen, oder wird Kulturchef Rene Scheu in seinem heroischen Kampf gegen die Political Correctness gerade umgekehrt die linke Seite verstärken? Vernebelt das Feindbild des genossenschaftlichen Wohnungsbaus der Lokalredaktion die Sicht auf die womöglichen Stärken des WOZ-Kollektivs? Leitet Chefredaktor Eric Gujers fatale Liebe für schiefe Sprachbilder den Spielfluss des eigenen Teams in die falschen Kanäle? Oder kann die Sportredaktion die Fackel sachlicher Aufklärung auch auf dem Spielfeld scheinen lassen?

DSC_1001Von der WOZ ist verlässlicher Unverlässlichkeit zu erwarten: Theoretisieren über the beautiful game kommt vor der Praxis der harten Trainingsarbeit, der Topos anarchischer Zufälligkeit ersetzt die ausgefeilte Spieltaktik, und in kollektiver Verantwortung soll sich die informelle Hierarchie auf dem Spielfeld im Verlauf der Geschehnisse herausbilden. Notwendenderweise ruft die WOZ deshalb in ihrer Vorankündigung in echt basisdemokratischer Manier zur Unterstützung durch das lesende Publikum auf.

Veröffentlicht unter Fussball, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Keeping track with #losertrump

  • Director of communications fires chief of staff; new chief of staff fires DoC: just another day at the madhouse of #losertrump

  • So your first chief of staff was a «fucking paranoid schizophrenic»? Well, it took one to choose one, #losertrump

  • Trumpcare: Gone up in smoke, dopehead. When will you try to fill this void of a plan with another void, #losertrump?

  • Obamacare: Another vote, another disaster: You can’t even control the Republican party,  #losertrump

  • Parliament doesn’t trust you on all matters Russian – maybe Putin can give you a pat on your big head, #losertrump

  • Opposing LGBT people in the military – #losertrump, are you afraid of something in your closet?

  • So you have to wheel out a nine-year-old as your last fan, #losertrump. How truly SAD.

  • Good riddance to Sean Spicer, your biggest fan – is there anybody left to rant at at four o’clock in the morning, #losertrump?

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Aus dem Teufelskreis

Beftim2_1 Die Depression ist nie fern. Ständig droht sie einen, im Alltag anzuspringen. Gegen vielfältige Anfechtungen muss gekämpft werden. Um die eigene Sprache wird gerungen, und um die Identität.

Neunzehn Stücke versammelt die zweite CD von The B. Sie ist musikalisch vielfältig, der Rap wird unterschiedlich orchestriert, von Techno bis zu balkanischen Volksmusikklängen, zuweilen perlt ein Klavier vor sich hin, dann wieder wird zünftig gescratcht.

The B., Blerim Tatari, gehört seit etlichen Jahren zur Schweizer Albano-Rap-Szene. Was ein fragwürdiger Begriff ist, weil er ethnisch kategorisiert und damit einhegt. The B. rappt schliesslich zumeist in Mundart. Allerdings hat sich tatsächlich eine entsprechende Szene mit einer selbstständigen Infrastruktur, mit Aufnahmestudios und Videokanälen und einem eigenen Publikum etabliert.

The B. sticht daraus hervor mit geradezu schwermütig-existenziellen Texten. «Suech de Sinn», heisst ein Stück beispielsweise, ohne Scheu. Wenn sich kein Ausweg aus dem Labyrinth von Fragen zeigt und man doch einen Lebenssinn festhalten möchte. Wenn man in den verdammten Nächten von Alpträumen verfolgt wird, «won ich langsam usswändig weiss: ich wott use us dem Scheiss, doch bliib i da i dem verdammte Tüüfels-chreis». Man bekämpft die Versuchung in sich, mit einem Gin, und dann gewinnt sie sowieso. Rau hingerappt tönt das geradezu anrührend authentisch.

Der Schwermut antwortet der trotzige Widerstand: Erhobenen Haupts möchte man seinen Platz erobern. Wieder lebendig sein, sich selber treu bleiben. Die eigene Sache durchziehen. In seinen Texten ist The B. radikal allein. Entfremdung ist ihr Ausgangspunkt. Das ist eine soziale Aussage, auch ohne politische Parolen. So bleibt The B. repräsentativ für eine Szene und in ihr verankert. Auf dieser CD finden sich denn auch etliche Kollaborationen mit Kollegen, auf albanisch, englisch, französisch, berndeutsch. Dabei ist klar: Kunst ist Lebenshilfe, um seinen Platz zwischen Fremdsein und Integration in der Eigenständigkeit zu finden.

Stefan Howald


Beftim2_2

 

 

The B.: «#Beftim2». Winterthur 2017.

«Beftim2» kann gratis gestreamt werden via soundcloud.


Dieser Artikel erschien in der WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 28/17 vom 13.7.2017, siehe www.woz.ch

Veröffentlicht unter Kulturkritik | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar