Die WOZ in Dielsdorf

Samstag, 15. September 2018, 20 Uhr

Bistro Philosophe

8157 Dielsdorf

Links und bündig

Die WOZ – eine alternative Mediengeschichte

Zeitungen ist es auch schon besser gegangen. Auf der einen Seite werden sie bedroht durch Auflagenschwund und Konzentrationsprozesse. Andererseits hat ihre Glaubwürdigkeit durch die Debatte um Fake News gelitten. 

Dabei funktioniert Demokratie nur mit lebendigen, vielfältigen Medien. «Die Wochenzeitung», oder kurz: die WOZ hat sich seit ihrer Gründung 1981 als seriöse Alternative verstanden. Andere Informationen wollte sie vermitteln und soziale Bewegungen unterstützen. Sie war unbotmässig, manchmal auch dogmatisch. Mehrmals stand sie vor dem Konkurs. Aber sie hat bis heute überlebt und entgegen allen Trends ihre Auflage in den letzten Jahren steigern können. Und funktioniert immer noch als selbstverwaltete Genossenschaft, mit Einheitslohn.

Stefan Howald, Journalist und Publizist in Dielsdorf, hat die WOZ-Geschichte im Buch «Links und bündig» aufgearbeitet. Wie lässt sich der Erfolg erklären? Was kann kritisches Engagement bewirken? (Und was nicht?) Ein Abend mit Anekdoten, Illustrationen und Einsichten.

Bistro Philosophe

Regensbergstrasse 26
8157 Dielsdorf

Info: www.philosophe.ch

Reservationen: 076 343 32 82 (gerne per SMS)

 

Ab 19.00  Uhr ist die Bar geöffnet.

Unkostenbeitrag: 25.– / Begünstigte 20.–

Wir freuen uns über Ihr Kommen.

 

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Jetzt wird geöffnet

bücherraum f

eine neue Bibliothek und ein kultureller Treffpunkt in Zürich-Oerlikon

Samstag, 8. September 2018, 12 bis 18 Uhr

Eröffnung und Tag der offenen Tür

 Der bücherraum f stellt sich erstmals öffentlich vor. Er präsentiert rund 20’000 Bücher und Dokumente aus zwei eigenständigen Beständen. Schwerpunkte sind unter anderem einerseits Geschichte und Aktualität der feministischen Bewegung, soziale Fragen und Frauenkrimis, andererseits Debatten zur politischen Ökonomie, zur Psychoanalyse, zur Demokratietheorie und zur Geschichte der Schweiz.

Im bücherraum f werden regelmässig Debatten und Veranstaltungen stattfinden.

Der bücherraum f liegt an der Jungstrasse 9 in Zürich-Oerlikon, fünf Gehminuten vom Bahnhof Oerlikon Ost und der entsprechenden Tramhaltestelle der Linien 10 und 14.

Wir freuen uns auf viel Besuch und Interesse.

Mehr Informationen unter www.buecherraumf.ch

 

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Etwas faul im Staate Dänemark

Es war aufregend, so lange der Höhenflug dauerte. «Borgen» (2010 – 2013) bleibt vorbildlich, wie sich kleinräumige Politik scharfsinnig verdichten lässt, und «Die Brücke» (2011 – 2018) mit der umwerfenden Saga Norén beeindruckend im Mix von Kulturen und Persönlichkeiten («Kommissarin Lund» fand ich immer ein bisschen überschätzt). Mittlerweile ist der in unsere Breitengrade importierte Scandi noir in den Niederungen des biederen Durchschnitts angelangt. Etwa bei «Dicte, Gerichtsreporterin», in Dänemark bereits zwischen 2012 und 2016 in drei Staffeln ausgestrahlt, und bei uns allmählich nachzuholen.* Die Sendung basiert auf der schon beinahe Mainstream gewordenen Prämisse einer selbstbewussten, eigenständigen Ermittlerin mit turbulentem Privatleben. Dicte Svendsen ist Gerichtsreporterin bei einer Zeitung in Aarhus und zeigt den männlichen Kollegen und Polizisten, was eine Harke ist. Allerdings wird auf eine realistische Ermittlungsarbeit keinerlei Wert mehr gelegt. Dictes unfehlbarer Spürsinn und gradlinige Technik ersetzen ein ganzes Polizeikorps, und wenn nötig teilt ihr der einzige sympathische Polizist, John Wagner, mehr oder weniger bereitwillig alle offiziellen Ermittlungsergebnisse mit. Die Doppelrolle von Journalistin und Ermittlerin führt nur zum Problem, dass sie ihre Recherchen vor der Publikation zuweilen ein wenig zurückhält.

Interessanter denn als Krimi ist «Dicte» wegen der darin präsentierten Sexual- und Familienpolitik. Dass die Hauptfigur geschieden ist und ihre knapp erwachsene Tochter zwischen Mutter und Vater pendelt, versteht sich von selbst; dass sie ihr erstes, in jungen Jahren und unehelich geborenes Kind auf Druck ihrer Eltern, die zu den Zeugen Jehovas gehören, ins Kinderheim geben musste, verleiht allerdings ein wenig Exotik. Als sich Dicte mit einem Kollegen, dem geschiedenen Fotografen Bo, einlässt, stellt sich schon bald die burschikose Frage: Wollen sie eine Zweierkiste auftun? Ihre eigenen Wohnungen aufgeben und zusammenziehen, und gar vor den Altar schreiten? Aarhus ist allerdings klaustrophobisch eng. So lebt Dictes beste Freundin mittlerweile mit deren Ex-Mann zusammen und will ein Kind von diesem, worauf Dicte als Go-between vermitteln soll, dass ihr Ex-Mann im Moment kein zweites Kind möchte. Die Tochter ihrerseits hat sich mit einem jungen Fussballstar verlobt, den in den Boulevardblättern ein paar Affären einholen; die tränenreiche Trennung erfordert den Einsatz der ganzen Patchwork-Familie. Ach ja, zwischendurch beginnt eine Polizeikollegin von Wagner eine Affäre mit der verheirateten Polizeichefin, und die Verführungen spielen sich gelegentlich im Dienstzimmer ab. Und das alles in eineinhalb Stunden. Gespielt wird in einem knappen Naturalismus, der symbolisch aufgeladen wird – kurze Handlung, entsprechendes Gefühl, so dass möglichst schnell viele Punkte abgehakt werden können.

«Die Brücke» nahm ihren Ausgangspunkt und zog ihren Reiz aus grenzübergreifenden Ermittlungen der dänischen und schwedischen Polizei. Ansonsten aber ist der Niedergang einer Krimiserie absehbar, sobald sie für einen Fall ins Ausland disloziert. Die dritte Staffel von «Dicte» beginnt damit, dass Dictes neuer Gatte Bo einen Fotoauftrag im Libanon annimmt und dort sogleich gekidnappt wird. Wie er der Haft entkommt, darüber erzählt er später eine Version, die bald ins Zwielicht gerät. Zur Rede gestellt und in die Enge seiner Gefühle des Versagens gegenüber dem zurückgelassenen Kollegen getrieben, schlägt er Dicte. Als sie ihm, trotz allem, verzeihen will, eröffnet er ihr, dass er wieder mit seiner Ex-Frau schläft – die folgende Folge beginnt damit, wie Dicte seine Hi-tech-Apparate aus der gemeinsamen Wohnung zerhackt.

Alle diese emotionalen Belastungen hindern unsere Journalistin nicht daran, auf die Schnelle zwei dubiose Todesfälle in einer psychiatrischen Klinik aufzuklären, auf die sie ihre Tochter aufmerksam gemacht hat, die dort gerade ein Praktikum absolviert. Dicte nistet sich mitfühlend bei den jeweiligen Angehörigen ein (ob ihre Berufsbezeichnung als Journalistin dabei hilft oder behindert, bleibt offen), und steckt schon auch mal einer Insassin ein Zigarettenpäckchen durch das Gitter, mit dem der Aussenbezirk der psychiatrischen Klinik abgesperrt ist. Drei Verdächtige werden kurz erwogen: ein Mitinsasse, der wegen sexueller Übergriffe eingeliefert worden ist und der Tochter bedrohlich hinterher spioniert; der Oberarzt, der zu erkennen gibt, dass er die Leben der beiden Getöteten nicht mehr für lebenswert hielt; und ein drogenabhängiger Pfleger. Aber die fallen jeweils nach fünf Minuten aus Abschied und Traktanden. Denn Dicte schlussfolgert aus einigen dubiosen Gefühlsreaktionen, dass zwei Angehörige von Insassen sich zu einem Pakt verbunden haben, aus Mitleid dem jeweils anderen unheilbar Kranken Sterbehilfe zu leisten. Dicte ihrerseits schafft den Übergang von der mitfühlenden Vertrauten der Angehörigen zur entlarvenden Strafverfolgerin mit ein paar schnellen Kummerfalten.

Dabei ist ihr Einsatz umso nötiger, da sich Wagner vorübergehend hat beurlauben lassen, und der Polizist, der an seiner Stelle die Untersuchung leitet, ein sexistisches Fossil ist, was augenrollend aber doch akzeptiert wird, zumindest eine Folge lang; immerhin beginnt die temporäre Ersatzpolizistin für Wagner, bei der es sich (es ist klaustrophobisch in Aarhus) um dessen Ex-Frau handelt, langsam zu zeigen, was eine Harke ist.

Dictes Tochter hat mittlerweile festgestellt, dass sie schwanger von einem One-Night-Stand ist, und will abtreiben. Aber ihre neue Mutter in der Patchwork-Familie, die als Krankenschwester arbeitet (was Dicte bei einigen Fällen zupass kommt), fragt sie, ob sie nicht gemerkt habe, dass sie bereits viereinhalb Monate lang schwanger sei, was eine Abtreibung verunmögliche. Worauf sich drei Elternteile verständnisvoll über die Tochter beugen (den Ex-Mann der besten Freundin habe ich aus den Augen verloren) und beschliessen, sich auf ihr Dasein als Grosseltern zu freuen.

Dänemark gehörte mal zum glücklichen nordischen Wohlfahrtsstaatsparadies, aber das ist ja längst vorbei. «Borgen» bildete die Bedrohungen durch zerfallende Solidargemeinschaften und Rechtspopulismus differenziert und kritisch ab; in «Dicte» sind sie als blosse Zeichen schon unkritisch entschärft, ja verinnerlicht.

sh


* Die ersten beiden Staffeln liefen bzw. laufen auf SRG bzw. ZDF neo; der britische Channel 4 bringt gegenwärtig die dritte und letzte Staffel.

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Buchzeichen

Bücherräumereien (II):

Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f in Zürich Oerlikon

So geht es einem mit Büchern. Da trifft eine E-Mail-Anfrage eines Universitätsinstituts ein, zu einer kleinen Debatte von 1949, die in der Zeitschrift «Neue Wege» ausgetragen worden war: Ob ich vielleicht wisse, wer damals für die Zeitschrift mit dem Kürzel «F.» tätig gewesen sei. Es gehe um eine Buchrezension, die den eminenten jüdischen Gelehrten Martin Buber zu einer kurzen Erwiderung provoziert habe, und für eine neue Werkausgabe von Martin Buber wäre jeder Hinweis auf diesen «F.» wertvoll.

Nun habe ich vor ein paar Jahren mit dem leider verstorbenen Willy Spieler und Ruedi Brassel-Moser am Buch «Für die Freiheit des Wortes» zusammengearbeitet, in dem «ein Jahrhundert im Spiegel der Zeitschrift des religiösen Sozialismus» aufgearbeitet worden ist, und habe dabei etliche Jahrgänge der «Neuen Wege» gelesen. Aber ein wirklicher Spezialist bin ich nicht; es fehlt uns schmerzlich Willy Spieler, der diese Frage sofort – na, sehr schnell – hätte beantworten können.

Verdankenswerterweise sind die «Neuen Wege» mittlerweile elektronisch erschlossen – das war noch von Willy Spieler vor seinem unzeitigen Tod veranlasst worden. Also schaue ich schnell die Jahrgänge 1947 bis 1953 durch (die schon im Original durch ein Jahresverzeichnis mustergültig erschlossen waren), und darin gibt es nur einen einzigen, eben den fraglichen, Artikel, der mit «F.» gekennzeichnet ist. Um einen regelmässigen Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin kann es sich also nicht gehandelt haben; und unter den gelegentlichen stechen mir nur zwei in die Augen, deren Name mit F. begann: Es könnte sich womöglich, denke ich, um den Marxisten Konrad Farner gehandelt haben, obwohl der erst 1952 quasi offiziell im Rahmen der «Neuen Wege» auftauchte und das entsprechende Buch des konservativen Soziologen Othmar Spann wohl noch schärfer kritisiert hätte. Knapp möglich wäre auch Paul Furrer, der 1956 die Redaktion der Zeitschrift übernahm, doch in den Jahren zuvor als sympathisierender Lehrer vielleicht ein Pseudonym wählen musste. Aber das ist alles, wie ich in meiner Antwort ans Universitätsinstitut bereitwillig einräume, ein bisschen aus der Luft konstruiert, und so wird die Frage nach dem «F.» in der Martin-Buber-Werkausgabe wohl unaufgelöst bleiben.

Am gleichen Tag allerdings schaue ich in ein Büchlein, das ich aus einem Nachlass für den bücherraum f bekommen habe, eine Sammlung von Ex Libris des deutsch-jüdischen Grafikers EM Lilien (1874 – 1925). Das ist 1973 in London offenbar vom Sohn zusammengestellt und herausgegeben worden, als Liebhaberdruck in begrenzter Auflage, und enthält die Reproduktionen von neununddreissig Buchzeichen, die Lilien zwischen 1897 und 1907 für verschiedene Leute verfertigt hat. Sie sind in gewieftem Jugendstil gehalten, es finden sich, passend zum Namen, etliche Lilien und Lianen und andere Linien, dazu sanft gerundete Frauen, die offenbar eine Muse oder eine Leserin oder die Bücher als solche repräsentieren, und deren lange Haare ihren Körper mehr oder weniger bedecken oder enthüllen, auch einige muskulöse, ebenfalls freikörperkultürliche Jünglinge. Andere Buchzeichen sind spezifischer gemacht, den Tätigkeiten der Auftraggeber entsprechend, zu denen bekannte Persönlichkeiten wie Franz Oppenheimer oder Stefan Zweig sowie jüdische Organisationen zählen. Und, siehe da, auch Martin Buber. «Mein ist das Land» ist dessen Buchzeichen angeschrieben und zeigt ein Jerusalem, ummauert in der Form eines Davidsterns. Meiner abschlägigen Antwort ans Universitätsinstitut bezüglich der Identität von «F.» schliesse ich den Fund bei, der dort offenbar noch unbekannt ist, und so kann ich zumindest etwas Inoffizielles zur Buber-Forschung beitragen.

Unter den Buchzeichen findet sich übrigens auch eines für Anna von Münchhausen, die Frau des Schriftstellers Börries von Münchhausen; aber der Bezug dazu ist dann eine andere Bücherräumerei.

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Auf Befehl der Regierung gesammelt

Bücherräumereien (I):

Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f in Zürich Oerlikon

«Acten der Basler Revolution 1789. Auf Befehl der Regierung 1889 gesammelt». Welch ein sprechender Titel. Da befiehlt also eine Regierung, wie die Geschichtsschreibung zu einer früheren Revolution zu handhaben sei. Diese Dokumentensammlung steht neu im bücherraum f, und zwar aus dem Nachlass des allzu früh verstorbenen Journalisten und Schriftstellers Daniel Suter (1949 – 2016). Suter hat unter anderem für seinen Roman «Die Unvergleichlichen» (Zürich 2015, edition 8) Materialien zur Geschichte Basels gesammelt. Etwa zu Peter Ochs, dem eminenten Schweizer Staatsmann der Helvetik, mit dem Suter mütterlicherseits weitläufig verwandt war. So findet sich neben den «Acten» eine dickleibige «Chronik der Familie Ochs, genannt His», hinter welcher familiären Namensänderung wiederum eine ganze Schweizer Geschichte steckt. Oder die dreibändige Ausgabe der umfangreichen Korrespondenz von Peter Ochs, dazu von Charles Monnard die «Geschichte der Helvetischen Revolution», in der 1849 bis 1853 bei «Orell, Füßli und Comp.» erschienenen Originalausgabe. Alle diese Bücher sind uns kürzlich mit rund vierzig weiteren dankenswerterweise zur Verfügung gestellt worden. Darunter finden sich auch Raritäten des Zürcher Arztes und libertären Sozialisten Fritz Brupbacher, etwa die anmächelig betitelte «Seelenhygiene für gesunde Heiden», sowie aus der Wiener und Schweizer psychoanalytischen Szene in den 1920er und 1930er Jahren. Ab 8. September sind solche Trouvaillen im bücherraum f an der Jungstrasse 9 in Zürich-Oerlikon einzusehen.

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Gespenster der Moderne

Frankensteins Monster und Karl Marx kamen vor 200 Jahren auf die Welt. Seither wird diese doppelt heimgesucht.

Von Stefan Howald

«Was mich erschreckte, würde auch andere erschrecken: Ich musste nur jenes Gespenst beschreiben, das mich auf dem mitternächtlichen Kissen bedrängt hatte», schrieb sie später über die Geburt ihres Gespenstes. Am 1. Januar 1818 betrat dieses die Welt: In London erschien ein anonymer Roman in drei Bänden mit dem Titel «Frankenstein or The Modern Prometheus». Gespenstisch und zugleich modern war, was Mary Shelley darin erzählte.

Der Wissenschaftler Victor Frankenstein erschafft aus Leichenteilen ein neues Lebewesen. Einen Menschen, wie es einst der antike Prometheus tat? Eher ein Monster, das sich, nachdem es von seinem Schöpfer verstossen worden ist, grausam rächt.

Die Kreatur hat keinen Namen, aber etliche Mütter und Väter. Vor allem Mary Godwin Shelley als Autorin und Victor Frankenstein als fiktiven Schöpfer. Doch die Umstände der Geburt sind verwickelt. 1816 fanden sich in der Nähe von Genf die englischen Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley zusammen, skandalös libertär umgeben von Shelleys junger Geliebten, Mary Godwin, und deren Stiefschwester Claire Clairmont. Im «Jahr ohne Sommer» – der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien veränderte weltweit das Klima, was zu Hungersnöten auch in Europa führte – las man sich bei trübem Wetter Geistergeschichten vor und beschloss, selbst welche zu schreiben. Anlässlich eines Gesprächs über neuere Erkenntnisse zur Elektrizität entsprang bei Mary zu nächtlicher Stunde ein Funke: das Bild eines Wissenschaftlers, der ein Geschöpf zum Leben erweckt und den «wunderbaren Mechanismus des Weltenschöpfers verhöhnt». Sie entwarf eine kurze Novelle, die sie dann zu einem Roman ausarbeitete. Das Manuskript wurde von Percy Shelley, inzwischen ihr Mann, lektoriert – nicht immer zum Besseren.

Der Roman hat manche zeitgenössische Züge. Die Geschichte von Frankenstein und seiner Schöpfung ist eingehüllt in zwei Rahmenerzählungen, es gibt lange philosophische Debatten, aufwallende Emotionen, Schauerlichkeiten in gotischer Manier und unwahrscheinliche Begebenheiten. Aber auch eine Fülle an neuartigen Motiven steckt darin. Ein modernes Gespenst war entwichen.

Der Januskopf des Fortschritts: Schau vorwärts, aber auch ein wenig hinter dich. Fotos: Alamy Stock, Montage WOZ

«Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.» So beginnt das «Manifest der Kommunistischen Partei» von 1848, verfasst von Karl Marx und Friedrich Engels. Marx war nur wenige Monate nach Frankensteins Monster, am 5. Mai 1818, in Trier geboren worden. Das Gespenst, das dreissig Jahre später umgeht, ist ein Zerrbild, das die alten Mächte Europas verbreiten. Einerseits heften es sich Marx und Engels als Ehrenzeichen an, dass die Kommunisten als schreckliche Bedrohung wahrgenommen werden. Andererseits korrigieren sie falsche Vorstellungen darüber und wollen «dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenstellen». Auch die «Phantasmen» der utopischen Sozialisten werden schonungslos kritisiert. Nichts soll verheimlicht werden, im Gegenteil. Die Kommunisten «erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung».

Im «Frankenstein» wird nicht die Gesellschaftsordnung, sondern die ganze Schöpfung umgestürzt. Dabei hat die Frage nach dem Schöpfer und dessen Verantwortung, nach Vater- und Mutterliebe schmerzhafte autobiografische Wurzeln. Elf Tage nach der Geburt von Mary Godwin im Jahr 1797 war ihre Mutter Mary Wollstonecraft gestorben, die erste Frauenrechtlerin der Moderne. Mit dem Vater William Godwin, einem radikalen Sozialphilosophen, wuchs Mary in einer skandalumrankten Patchworkfamilie auf. Mit sechzehn Jahren verliebte sie sich in den verheirateten Percy Shelley; bald wurde eine Tochter geboren, die im Kindbett starb.

Der Frankenstein-Mythos hat zwei Seiten: den Schöpfer und das Geschöpf. Frankenstein verstösst seine Kreatur als monströs, obwohl er sie doch skrupellos aus disparaten Leichenstücken überlebensgross zusammengesetzt hat. Die geflohene Kreatur erzieht sich selbst, wie einst Jean-Jacques Rousseaus «Émile», indem sie aus einem Versteck monatelang ein Familienidyll beobachtet und dabei sprechen und lesen lernt. Als sie sich den Menschen, denen sie insgeheim geholfen hat, offenbaren will, vertreiben die sie entsetzt. Da schwört die Kreatur Rache und sucht ihren Schöpfer heim. Von diesem erneut hintergangen, werden das Monster und die Geschichte unaufhaltsam in Totschlag und mehrfachen Mord hineingetrieben.

Erst nachdem Frankensteins Kreatur das Paradies der Gemeinschaft verschlossen bleibt, wird sie zum gefallenen Racheengel. Shelley ist explizit in der Kritik an gesellschaftlichen Ausschliessungen, an Ungleichheit und Armut. Eloquent lässt sie die Kreatur sich selbst rechtfertigen, zwischen Rachegelüsten und Selbstanklagen oszillierend. Scharf beschreibt der Roman auch die Dialektik von Herr und Knecht. Der Schöpfer verdammt das Geschöpf zu einem einsamen Leben, dieses gewinnt Macht über seinen Schöpfer, indem es ihm das Lebensglück zerstört.

Bis zum Schluss weigert sich Frankenstein allerdings, Verantwortung für das von ihm Geschaffene zu übernehmen, und bleibt gegenüber seiner wissenschaftlichen Hybris uneinsichtig. Die Anmassung gegenüber der Natur lässt sich auch als patriarchale Fantasie einer Zeugung ohne Frauen lesen. Oder dann handelt das Buch sozialgeschichtlich vom europäischen Rassismus – Frankensteins Monster ist äusserlich mit nichteurasischen Merkmalen ausgestattet, und die Abschaffung des Sklavenhandels wurde damals in England heftig diskutiert. Man mag darin gar das Proletariat erkennen, welches Marx dreissig Jahre später dazu aufrief, die Ketten abzuschütteln. Vielleicht könnte man präzisieren, in Frankenstein zeige sich der Schöpfer, dem die Früchte der eigenen Arbeit entgleiten. Entfremdung nennt sich das, und ihre Aufhebung wäre der Kommunismus.

Nach dem «Kommunistischen Manifest» tauchen bei Karl Marx neue Gespenster auf: die Toten niedergeschlagener Revolutionen, die die Täter heimsuchen. Ihrer rückwärtsgerichteten Beschwörung will Marx allerdings die vorwärtsgewandte aktivistische Rekonstruktion des Geistes der Revolution entgegenstellen. In historisch düsteren Zeiten hat Walter Benjamin dagegen gefordert, dem wiederkehrenden Gespenst, dem Revenant, als notwendigem Memento gegen das Totschweigen der Opfer von Kapitalismus und Faschismus ein Andenken zu bewahren.

Bedeutsamer ist in der politischen Ökonomie von Marx eine kritische Terminologie des Übersinnlichen. So analysiert er den «Fetischcharakter» von Ware, Geld und Kapital – jene Form, in der die Herkunft von Geld und Kapital aus vergegenständlichter Arbeit verschwindet. Laut bürgerlicher Auffassung sind Kapital (mit dem entspringenden Profit), Land (mit der Grundrente) und Arbeit (mit dem Arbeitslohn) die Triebkräfte der Wirtschaft. Marx nennt das spöttisch die trinitarische (dreieinige) Formel. Sie charakterisiert die «Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise»: eine «verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre […] ihren Spuk treiben», wobei die Arbeit zumeist als «blosses Gespenst» auftaucht. Für Marx werden in dieser Dreieinigkeit missverstandene und höchst unterschiedliche Kategorien zusammengezwungen. Dem stellt er die kritische Aufklärung des «Spuks» entgegen: Laut seiner Arbeitswerttheorie schafft nur die Arbeitskraft Tauschwert, während sich Kapitalist und Grundbesitzer vampirisch davon nähren. So weit, so ideologiekritisch. Aber Marx sieht und weiss: Das Kapital mag keinen Tauschwert schaffen, doch in der kapitalistischen Produktionsweise kommt ihm die funktionale Macht zu, sich Wert anzueignen, als ob es diesen geschaffen hätte. Die Aufklärung, woher Tauschwert wirklich stammt, ändert noch nichts daran, wie er verteilt wird.

200 Jahre nach «Frankenstein» kommt durch die Gentechnologie «Frankenstein-Food» auf unsere Esstische. Während am menschlichen Genom herumgeschnipselt wird, bleibt das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein unterentwickelt. Und das Gespenst der Arbeit wird weiter durch das Kapital ausgezehrt. Es reicht eben nicht, wenn die PhilosophInnen die Welt bloss interpretieren; es kömmt drauf an, sie sozialer zu verändern.


Dieser Artikel erschien zuerst in der WOZ Die Wochenzeitung Nr. 18/18 vom 3.5.2018, siehe www.woz.ch

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Und winken verlockend

Rund 14’000 Bücher sind eingeräumt. Zwar noch nicht ganz alle am richtigen Ort, aber sie stehen doch schon stolz und aufrecht in den Büchergestellen und winken verlockend. Die Eröffnung des bücherraums f ist auf den 25. August festgesetzt, bitte das Datum vormerken. Am Samstag, von 12 bis 18 Uhr, gleich nachdem der schöne Markt in Oerlikon abgeräumt ist, auf der anderen Seite der Geleise, drei Minuten vom Max-Frisch-Platz, an der Jungstrasse.

Viel Arbeit steckt schon im Raum drin. Tiefblau leuchten die Büchergestelle, oder silbern schimmernd. Dicht gedrängt, aber nach den offiziellen Abständen und Vorschriften ausgerichtet, und zwischen den Gestellen ist man von so viel geistigem Reichtum umgeben.

Links also die Politbibliothek f, mit vorläufig 7000 Büchern. Die nationalen Grenzen sind noch nicht ganz gefallen: zwei ganze Regale mit Büchern für und über die Schweiz. Der konservative Ideologe Gonzague de Reynold steht nicht weit von Streikführer Robert Grimm; Jean Ziegler ist geradezu ein eigenes Sachgebiet, weil er nicht nur die Weisswäscherei der Schweiz entlarvt, sondern auch den aufkommenden Wind in Afrika beschrieben hat.

Blau leuchten die diversen Marx-Engels-Ausgaben und braun die Lenin-Gesamtausgabe (Farben sind mehrdeutig), neben Rosa Luxemburg. Stalin ist selbstverständlich aus dem Kanon der marxistischen Klassiker ins Sachgebiet Sowjetunion ausgelagert, neben die Werke zur Kritik des Stalinismus; und darunter dann ein ganzes Tablar zum Anarchismus. Auch sonst gibt es Zuordnungsprobleme: Zählt die Frankfurter Schule zum Marxismus? Ein Kollege hat das als Fangfrage verstanden; aber das sind die realen Fragen der theoretischen Praxis. Ein ganzes Gestell mit Psychologie und Psychoanalyse und Psychiatrie – das muss noch alphabetisch geordnet werden, Adler vor Freud und Modena vor Rothschild und Reich nach Fromm.

Beim Einordnen sind auch Doubletten aufgetaucht (nicht gerade wenige), in langen Jahren angesammelt, deren Sichtung einen Beitrag zur Kulturgeschichte des Sammelns ermöglichen würde. Sie werden im Übrigen billig abgegeben.

2018-05-22 09.46.04 Rechts die Frauenbibliothek von schema f. Zuerst waren die Krimis ausgepackt und eingestellt, nach Brecht bekanntlich ein Produktionsmittel, und ein Überlebensmittel angesichts unserer Zeitumstände, wo der Betrüger frech im Rampenlicht auftritt. Auch feministische Theorie ist schon vorhanden, Nachschlagewerke bieten sich wohlfeil an und Jugendbücher. Aber da stehen noch ein oder zwei oder drei Tausend Bücher in Papiertragtaschen aufgereiht; auch die Nebel von Avalon sollen noch darin wabbern.

Oerlikon zeigt schon seinen multikulturellen und multisozialen Charme. Um die Ecke das Spielwarengeschäft, in dem Rollenspiele geübt werden, wenn denn die Rollen in den Büchern nicht genügen. Der ausufernde, währschafte Binzgarten beim Bahnhof hat seit geraumer Zeit eine Sisha-Lounge, und an der Schaffhauserstrasse reihen sich gleich fünf oder sechs solcher aneinander. Die Wähe von der von einer Stiftung betriebenen Cafébar Enzian ist sehr empfehlenswert, etwa fünf Zentimeter dick!, und in einem früheren lokalen Café hat sich das Indian Palace eingemietet. Vor dem Fenster eilen die SchülerInnen von der AKAD zum Bahnhof und zurück oder flanieren – alles potenzielle LeserInnen.

buecherberg mit

Die Infrastruktur im bücherraum f setzt sich allmählich zusammen: Teekocher und Kaffeemaschine sind in Betrieb, die gediegenen Schreibtische stünden auch schon zum Arbeiten bereit. Kleinkunst wird es an den Wänden geben und Fotografien. Fürs Programm mit Vorträgen und Lesungen und Diskussionen ab Oktober sind schon viele Ideen vorhanden.

Doch türmen sich noch etliche Aufgabenberge. HelferInnen sind jederzeit willkommen.

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Als die Literatur noch politisch war

Die grosse, zweitausend Seiten umfassende Romantrilogie «Thuja» von Günter Herburger habe ich Anfang 1992 während mehrerer langer Nächte in London gelesen und dabei beiläufig die Berichterstattung im BBC World Service über die «ashes» live von down under verfolgt, dem ersten von fünf fünftägigen Cricketmatches zwischen Australien und England.

Das leicht bizarre Setting passte zum Roman, der eine politische Prämisse mit grotesken Situationen verbindet. Günter Herburger, am 3. Mai im Alter von 86 Jahren verstorben, wagte sich, beinahe parallel zu «Die Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss, an eine grundsätzliche Bestandesaufnahme linken Hoffens und Scheiterns.

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre hatte er einigen Erfolg mit Hörspielen und Drehbüchern, etwa für Peter Lilienthal, dann vor allem mit seinen «Birne»-Büchern, «Abenteuergeschichten für Kinder und Erwachsene». Der erste Teil von «Thuja», «Flug ins Herz», bedeutete 1977 einen scharf erhöhten Einsatz. Nachdem 1991 der letzte Band der Trilogie erschienen war, würdigte ich den ganzen Roman damals im «Tages-Anzeiger» ausführlich. «Seine Fabel ist von grotesker Schärfe. Eine kleine Gruppe von Arbeiterinnen und Arbeitern, einigen Angestellten, die sich unter geheimnisumwitterten Umständen zusammenfindet, verschwört sich zu einem soziobiologischen Experiment. Ein Milliardär soll entführt, zum Beischlaf mit einer Arbeiterin gezwungen werden; ein Arbeiter mit einer Millionärin schlafen. Von den so erzeugten Kindern soll dann eines in Arbeit und Beschränkung aufwachsen, das andere in Musse und Reichtum, um dadurch zu zeigen, wie Intelligenz und Gewandtheit soziales Resultat sind: also die Vererbungstheorie widerlegen, die Milieutheorie beweisen. Man kann diese Fabel nicht ernst nehmen; und muss es doch tun in der Konsequenz, mit dem sie als Anlass für weitgespannte Reflexionen und ausgreifende Geschehnisse dient.» (Tages-Anzeiger vom 12.2.1992)

Herburger nahm im ersten in zwei Bänden erschienenen Teil «Flug ins Herz» die nach 1968 geführten Polit-Diskussionen auf, bis hin zum RAF-Terrorismus, und dies in Form eines Bildungsromans, erzählt vom Arbeitslosen Johann Jakob Weberbeck. «Herburgers Geheimgesellschaft liess ironisch sowohl die literarischen Vorbilder aus der Spätaufklärung durchscheinen als auch die zeitgenössischen Politklüngel; und doch verraten die eigenwilligen Figuren der Gruppe die Rebellion für ein anderes Leben nicht. Denn zentral geht es dem Roman um Wissensaneignung durch diejenigen, die bisher zu kurz gekommen sind in unserer nach wie vor geteilten Gesellschaft». Der zweite Band, «Die Augen der Kämpfer», in zwei Teilen 1980 und 1983 publiziert, verarbeitete dann das Scheitern verschiedener Revolten, beschrieb die verheerenden Folgen der Isolationshaft und den Versuch eines Neuanfangs in der DDR, und endete auf einer entsprechend düsteren Note.

Bildergebnis für Herburger, Thuja              Bildergebnis für Herburger, Die Augen der Kämpfer                Bildergebnis für Herburger, Thuja

Der Abschlussband «Thuja» erschien, lange hinausgezögert, 1991. «Die Verstörung geht tief. Der Roman, einst so hochfliegend nach einem besseren Leben greifend, beginnt noch einmal ganz unten. Die beiden Kinder des sozialtechnologischen Experiments tragen schwer an Beschädigungen. David ist taub, Angela motorisch gestört. Zusammen mit einer fehlfarbenen Krähe wohnen sie in einem seltsamen Turm im tiefsten Allgäu. David arbeitet in einer Waffenfabrik, Angela geht in eine Werkstätte für behinderte Kinder. Eine Lehrerin, ein arbeitsloser Architekt nehmen Angela und David auf, ziehen mit ihnen ins sagenhafte Cimbrien, wieder zurück in ein sozial sich neu mischendes Allgäu. Das letzte Buch verkriecht sich in den Alltag im hintersten Winkel als letzte Hoffnung. Und hebt ihn zugleich allgewaltig auf. Umschwärmt werden die Figuren von den Riesenheeren aller Toten. Sie erinnern an die Aussätzigenjagden des Mittelalters, die Ausmerzung ‹unwerten Lebens› durch die Nazis; ja, sie zwingen alle Zeiten, den Kreislauf der Natur, von Tod und Leben zusammen.»

Das ging mir damals entschieden zu weit. «‹Flug ins Herz› rechne ich zu den stärksten Romanen der letzten zwei Jahrzehnte. Mit den Fortsetzungen aber häufen sich die Zumutungen. Bei etlichen möchte ich Herburger nicht mehr folgen.» Denn was wollte Herburger da zeigen? «Eine neue Mystik, mit den Mitteln der heutigen Wissenschaft? Die Sphären klaffen vor allem im letzten Band riesig auseinander, Provinzverhältnisse, Behinderte, mathematische Logik und Evolutionstheorien werden ineinandergepresst. Das erzeugt mal Komik, mal Beklemmung, Unverständnis, auch Langeweile.» Zugleich deutete ich diesen Roman als Zeichen der Zeit, über die Schwierigkeiten, überhaupt noch eine Utopie zu formulieren. «Herburger versucht […], die Utopie wieder politisch aufzuladen. Es ist wohl ein gescheiterter Versuch. Das wirr harmonische Völkergemisch, obzwar im ganzen Roman vielstimmig vorbereitet, wirkt dennoch aufgesetzt. Wie stark, wie schwach muss Utopie heute sein, um anders zu wirken?»

In einem Brief hat mir Herburger damals geschrieben, er schätze es, dass ich mich als einer der wenigen Rezensenten mit dem Ganzen des Romans auseinandergesetzt habe; dass ich mit dem letzten Teil nicht mehr so viel anfangen könne, stimme ihn nicht traurig.

Bildergebnis für Herburger, Thuja

Foto: Volker Derlath/SZ Photo

Neben dem Mammutprojekt «Thuja» suchte er auch sonst Parforceleistungen, begann spät als Marathonläufer und berichtete mehrfach über «Lauf und Wahn». Doch dem grossen Roman antwortete erdrückendes Schweigen. Wie seine Figuren es heroisch behauptet hatten, war er selbst ins Abseits geraten. Seit 1994 publizierte er im A1-Verlag, einem unabhängigen Autorenverlag, der sich vor allem mit internationaler Literatur profilierte. Bis zum Schluss blieb er Aussenseiter. Sein Tod erinnert an ein Romanprojekt und an eine Zeit, als die Literatur politisch noch Einiges wagte.

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WOZ on tour

Die Welt spinnt –
die WOZ erklärt, warum.

5. Juni 2018
um 20 Uhr im Café Kairo
Dammweg 43 | Bern
Einlass ab 19 Uhr
Der Eintritt ist kostenlos

Gleich im Doppelpack kommt die Wochenzeitung WOZ nach Bern.

«Links und bündig» heisst das soeben erschienene Buch, das die Geschichte der WOZ seit ihrer Gründung 1981 umfassend dokumentiert. Der Cartoonist Ruedi Widmer ist seit über einem Jahrzehnt mit seinen Zeichnungen und Texten ein unverzichtbarer Bestandteil der Zeitung. In Bern wird er seinen unvergleichlichen Witz in Cartoons und Geschichten präsentieren. WOZ-Historiker Stefan Howald wird über Politik, Kultur und Kladderadatsch aus der Schweizer Mediengeschichte berichten.

Titelbild_Ruedi Titelbild_WOZ

 

 

 

 

 

 

 

Beide Bücher können vorab über den WOZ-Shop unter www.woz.ch gekauft werden. Oder decken Sie sich am Büchertisch bei der Veranstaltung ein, die Autoren signieren Ihr Exemplar gerne.

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Vom Mond

Pere Ubu in London

Der «Borderline» in London gehört zu jenen Clubs, bei denen man sich jedes Mal fragt, warum man sich das antut. Tief in einem Keller in Soho vergraben, schummeriges Licht, biergeschwängerte Luft, tief herunterhängende Decke, Stehplatz für zweihundert, ein paar auch hinter zwei grossen Säulen, und dann schlägt einem das ohrenbetäubende Spektakel aus nächster Distanz auf den Magen und in die Ohren.

Aber das Programm ist gut, und David Thomas mit Pere Ubu beginnt hier eine Europatournee, die ihn heute Dienstag auch in die Rote Fabrik in Zürich führt. Die Jahre sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er kommt auf einen schweren Stock gestützt auf die Bühne, sitzt während des ganzen Konzerts schwergewichtig und schwer auf einem Sessel und nimmt gelegentlich einen Schluck aus einer Glasbouteille, die Rotwein oder auch Holundersirup enthalten könnte.

PereUbu2018

Das achtköpfige Ensemble beginnt mit einem stampfenden Blues, in den sich die Stimme ihres Bandleaders allmählich einklinkt, und dann noch einem Blues. Das ist hübsch, aber deswegen ist man ja nicht zu Pere Ubu gekommen. Mit «Carnival» sind wir dann bei der Sache: «The monkey is loose in my head», singt David Thomas, oder er spricht es und sing es und schreit es, Gefühle und Geschichten rankt er um die Tonkulissen, und die Aggregatszustände gehen ineinander über, so wie die einzelnen Stücke. Das ganze Konzert ist ein fortlaufendes Gespräch; einmal ermahnt er ungeduldig seine Band, die kurz pausiert, gleich weiterzumachen. Dazwischen ein paar Worte mit dem Publikum, über die Zumutung, ein gefälliger Mensch zu sein, wie es gerade seine Mutter in einem Telefonanruf aus Philadelphia gefordert habe.

Pere Ubu baut an diesem Abend auf überraschend klassischen Rockrhythmen auf, mit allerlei elektronischen Geräuschen und einer Klarinette angereichert, gebrochen, verwoben, zu einem neuen Klangteppich. Die Zugabe ist dann ein fetziger alternativer Rock, wo sich die drei Gitarristen um das schrillste Riff duellieren. David Thomas hält das in seiner ebenso schroff widerborstigen wie skurril abseitigen Art zusammen. «I live on the moon», singt er in einem Lied, und man ist froh, dass er gelegentlich vom Mond zu uns gewöhnlichen Sterblichen hinuntersteigt.

Stefan Howald

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