Erkaltete Liebe, und neu entflammt

Da ist also dieses Buch, Marlen Haushofers «Die Wand», 1963 erschienen, in einer Taschenbuchausgabe von 1985, und einer Freundin am 16. November 1985 gewidmet worden. Aber dann ist es am 18. Mai 1986 mit einer weiteren Widmung versehen worden, womöglich in der gleichen Schrift, jedoch mit anderen Initialen unterschrieben? Da wäre also das ihr geschenkte Buch von der Beschenkten weitergeschenkt worden, oder die Schenkende hätte es gar – versehentlich oder absichtlich – zurück erhalten und es dann, hartnäckig, erneut verschenkt. Jedenfalls ist das Buch mehrfach verwendet worden, und das ist ja gut so.

Denn Bücher müssen gebraucht werden, und da es zu viele gibt – aber kann es denn zu viele Bücher geben? –, gibt es zusehends Orte, Veranstaltungen, öffentliche Kästen und Kisten, in denen sie getauscht und ausgetauscht werden können. Im philosophe, dem gediegenen Kulturtreff in Dielsdorf, ist das, jeweils kurz nach Weihnachten, bereits zu einer schönen Tradition geworden. Einmal habe ich dabei eine Ausgabe aus dem Jahr 1985 mit Schriften von Erich Mühsam gefunden, dem eine auf den Namen Erich Mühsam ausgestellte Zahlkarte für seine Zeitschrift «Fanal» von circa 1930 beilag. Solche Funde sind freilich die Ausnahme, weil für diesen in lockerem Rahmen, mit Kaffee (oder Tee) und Kuchen durchgeführten Anlass eher modernere Titel mitgebracht werden. Deren guter Zustand ist selbstverständlich, niemand will sich, selbst anonym nicht, mit Eselsohren blamieren. Sagen wir also Bücher ab den 1980er Jahren. Viel zeitgenössische Schweizer Literatur, Hansjörg Schneider, Helen Meier, Martin Suter, und was von den ErstleserInnen abgegeben wird, spricht ja kein Werturteil über die betreffenden AutorInnen aus, sondern dokumentiert zuerst einmal das breite Spektrum an bereits Gelesenem, dann, dass da Platz geschaffen wird für Neues, und schliesslich, dass das Gebrauchte wohl immer noch oder vielleicht oder hoffentlich neue LeserInnen findet.

Zuweilen scheint ein ganzes Gestell ausgemistet oder eine Liebe erkaltet zu sein: Da sind sechs Bücher von Johannes Mario Simmel aufgereiht, den man durchaus nicht gering schätzen sollte, da er mal grüne Krimis avant la lettre geschrieben hat. Daneben eine Beige Hans Küng – auch der war mal für eine Generation und ein Milieu wichtig.

Neben Koch- und Reisebüchern sind natürlich ebenfalls Yoga und Lebensberatung vorhanden. Ansonsten eher wenig politische Sachbücher; eine Studie über «Rote Patriarchen» sticht heraus, nicht wegen des eher blassen Umschlags. Ganz unauffällig ist ein wenig Erotik unter das Angebot gestreut, ein Taschenbuch von E. L. James´ «50 Shades of Grey», von denen es drei Bände geben soll, also insgesamt 150 Schattierungen, die längst im Mainstream angekommen sind, und ein Band über den «Super-Orgasmus», der aber (aber?) zur Lebensberatung gehört haben mag.

Dann wieder, erhebend zu sehen, Lyrik, etwa Anna Achmatowas «Requiem» in einer schönen Ausgabe von 1987 aus dem Oberbaum-Verlag, den ich während meines Studienjahrs in Berlin noch als maoistische Kaderschmiede gekannt hatte. Geschenkt worden ist das «Requiem» von einer Mutter an ihre Tochter: Dass sie nie den Mut verlieren solle. Eine deutsche Taschenbuchausgabe von Simone De Beauvoirs «Die Mandarine von Paris» ist mit dem handschriftlichen Vermerk versehen «Von meinem Sternchen erhalten», und das wirft nun Fragen nach dem Geschlecht dieses Sternchens auf, was zugleich einen launigen Kalauer mit dem gender-Sternchen in der heutigen Schreibweise darstellt.

Ebenso findet sich, grau, kompakt, düster, der dritte Band der «Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss – ob da jemand die Lektüre nach den ersten beiden Bänden aufgegeben hat? aber dann hätte er diese vermutlich auch zum Tauschen mitgenommen, oder es war ein bewusster Entscheid, die ersten beiden Bände als wichtiger oder lesbarer einzuschätzen, was ein Irrtum wäre, doch ein verständlicher, weil dieser dritte Band in den unerbittlich genau geschilderten Tod in KZ und Nazi-Gefängnissen und beinahe in die Verzweiflung mündet, die doch nur durch einen letzten Kraftakt in einem allerdings wieder umwerfenden Bild von der Selbstermächtigung aufgehoben werden kann.

Eine der jüngeren TeilnehmerInnen nimmt sich vor allem ältere Bücher vor, Tolstoi in einer Ausgabe des Schweizer Druck- und Verlagshauses, einst auch in den Büchergestellen meiner Eltern vorhanden, und Platon, in Reclam-Gelb. Selbstverständlich kann auch ich nicht widerstehen, wobei meine Begierde ebenfalls eher aufs Ältere zielt. Ein Band «Gegen rote und braune Fäuste. 380 Zeichnungen aus dem Nebelspalter 1934 bis 1948», leicht verbogen, ein Zeitdokument zum aufrechten Zeichner Bö, nur mit einer kleinen Spur Schweizer Selbstgerechtigkeit. Und von Elsie Attenhofer ein Erinnerungsband, den sie nicht nur signiert, sondern auch mit ihren früheren Büchern annotiert hat.

Die meisten, die kommen, bringen Bücher mit, alle gehen mit einigen weg, insgesamt zwar weniger, als sie gebracht haben, und dennoch hält der Austausch die Lesekultur in Gang.

sh

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Harry in Düsseldorf

Bücherräumereien (XVI): eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

Wann kommt denn endlich diese sagenhafte Rheinstrecke?, fragten wir uns, als wir kurz nach Weihnachten im Panoramawagen der Deutschen Bahn von Basel nach Köln reisten. Angesichts der eher langweiligen baden-württembergischen Tiefebene stimmte ich mich vorbeugend mit der Lektüre von Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ein, diesem „humoristischen Reiseepos“, wie Heine es selbst gegenüber seinem treuen Verleger Julius Campe angekündigt hatte. Die 1844 im Pariser Exil geschriebenen zahlreichen Vierzeiler in 27 Caput seien „ein ganz neues Genre, versifizierte Reisebilder und werden eine höhere Politik atmen als die bekannten politischen Stänkerreime“.

Gegen deren plakative Diktion war es Heines Versuch, den politischen Anspruch nicht preiszugeben, doch ihn mit Poesie und Romantik zu verbinden und deren mögliche Sentimentalität ihrerseits durch Ironie und Frivolität zu unterlaufen. 1843 war er nach 12 Jahren im Pariser Exil erstmals wieder nach Deutschland gereist. Diese temporäre Rückreise bildete der Text ab. Er beginnt mit einem glühenden Bekenntnis zur Freiheit und zu einer Diesseitigkeitsreligion:

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleissige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Danach steigt er zuweilen in die Niederungen des kulturellen Handgemenges, schreckt auch vor Kalauer und Witzchen nicht zurück. Die Weiterarbeit am Kölner Dom wird als Symbol der zu befürchtenden Vorherrschaft Preussens verdammt, und Heine wünscht sich, dass er nie vollendet werde, was von heute aus gesehen doch ein wenig denkmalstürmerisch erscheint. Da ich von der Lektüre aufblickte, kam, nach Mannheim, die sagenhafte Rheinstrecke doch noch in den Blick, das linksrheinische Ufer des Flusses, der mir kein „Vater Rhein“ sein konnte, gelegentlich verbaut, gelegentlich frei sichtbar, an und ab ein träges Schiff darauf, ein mächtiger Strom, eingezwängt zwischen zwei Hügelzügen, erstaunlich hoch und eng, beinahe klaustrophobisch, das trübe Wetter half nicht; immerhin war der Service der Deutschen Bahn besser als ihr ramponierter Ruf.

In der Bilkerstrasse

Von Köln später mit dem Vorortszug nach Düsseldorf, wo das Heinrich-Heine-Institut zeigt, was alles in Heine drinsteckt. Das Institut, zugleich Forschungsstätte und Museum sitzt in einem hübschen klassizistischen Haus, das Museum nimmt zwei Stockwerke ein. Die Darbietung zu Leben und Werk ist eher traditionell, in Schaukästen, mit etlichem Text, moderne Medien werden nur für ein wenig Nachleben in Videos verwendet. Eingangs will Heines Haarlocke von Authentizität zeugen und zehren, dabei waren solche Haarlocken schon zu Zeiten  Heines Tod beinahe eine industrialisierte Reliquie – von welchem Dichterjüngling gäbe es keine? Aber die Auswahl der Themen ist plausibel und konzentriert, die Texte sind knapp und kenntnisreich. Heines Herkunft aus einer jüdischen Familie, zwischen Erfolg und antisemitischer Ausgrenzung. Erste Erfolge, erstes Engagement. Danach die Flucht aus dem dumpfen Deutschland nach Paris. Die Präsenz in verschiedenen Szenen, im direkten Kontakt mit der ganzen französischen Kulturwelt und im indirekten mit der deutschen; von den Franzosen geschätzt, von Deutschen aufgesucht, mit vieler Erwartung im Heimatland – ein wahrer übernationaler Geist, und gerade das „Wintermärchen“ bezeichnet exakt die Ambivalenz des Exilierten.

Hierauf die gescheiterten Hoffnungen von 1848, in beiden Ländern, und schliesslich die Matratzengruft in Paris. Dazu passend die Frauen, die er doch ziemlich – ziemlich – gleichberechtigt behandelte, und der irdische Sensualismus – die Zuckererbsen –, den auch der Linksbüchnerianismus schon in „Dantons Tod“ als Erbschaft Heines für Büchner reklamiert hat. In einigen Videoaufnahmen dann Vertonungen und Verfilmungen von Heine-Texten, zwischen bittersüss und bitterbös.

Schon im Vorfeld der Reise gab es eine überraschende aktuelle Anknüpfung. Der chinesische Künstler und Dissident Ai Weiwei erklärte in einem Interview im Mai 2019, Heines „Wintermärchen“ schon mit zehn Jahren gelesen zu haben. Darin habe er so viel Schönes, Wertvolles und Humorvolles gefunden. „Der Typ ist verrückt. Ich liebe ihn.“ Und in einem im Tages-Anzeiger gedruckten Interview doppelte er kurz vor Weihnachten nach und zitierte Heines Satz, wonach die Liebe zum Vaterland ins Exil zwinge.

Im Eingang des Museums steht eine alte Truhe, mit ausgemusterten Büchern. Nicht gerade aus dem Institut, weil da doch einige Schätze zu erwarten wären, sondern von Angestellten und dem Publikum gespiesen, breit gestreut, vom Reiseführer über den Durchschnittskrimi bis zu wissenschaftlichen Werken, darunter eine Studie zu Peter Weiss, die doch tatsächlich in meiner Sammlung fehlt, weshalb ich sie, in Ermangelung einer Gegengabe in Form eines Buchs im Austausch für einen freiwilligen Obolus, mitnahm.

Den Hinweis auf den winzigen Fehler in der Ausstellung, den ich mit einem entschuldigenden Witzchen monierte – nichts Gewichtiges, eine einfache Verwechslung einer Bildlegende zu einer Abbildung, die Clara Schumann als Karl Gutzkow missinterpretiert –, stiess beim Aufsichtspersonal nur auf mässiges Interesse – solche Besserwisser sind wohl nicht gar so selten.

Abschweifung mit Jonas Fränkel

Im bücherraum f findet sich eine Leipziger Heine-Ausgabe aus den 1910er-Jahren, nicht ganz alle zehn Bände, aber doch die wichtigeren Texte, so in Band 2 auch das „Wintermärchen“. Hergerichtet ist dieser Band wesentlich von Jonas Fränkel. Dieser jüdisch-österreichisch-schweizerische Philologe (1879 – 1965), der sich zuerst als Privatgelehrter, dann als zumindest ausserordentlicher Professor an der Uni Bern mehr schlecht denn recht durchschlug, legte sich in der Zwischenkriegszeit mit seinen textkritischen Gottfried-Keller- und Carl-Spitteler-Ausgaben mit dem schweizerischen Kulturestablishment an, oder besser: dieses legte sich mit ihm an, indem ihm nicht nur Steine in den wissenschaftlichen Weg gelegt wurden, sondern man ihn faktisch auf übelste Weise ausbootete, wobei der gutbürgerliche nationalkonservative Antisemitismus nicht fehlen durfte. Die Person und die Causa Fränkel würden eine grössere Studie verdienen. Der Publizist Fredi Lerch hat sich einmal um eine solche bemüht, länger daran gearbeitet, sich dann aber offenbar mit dem Sohn Fränkel nicht über die Benutzung des Nachlasses einigen können und deshalb das „Projekt Fränkel“ schliesslich abgebrochen, wie er auf seiner Website dokumentiert hat (www.fredilerch.ch). Auch Charles Linsmayer hat zur skandalösen Ausgrenzung Fränkels ein paar deutliche Worte gesagt (www.linsmayer.ch).

Meine Heine-Ausgabe, die ich im Zug las, war ein Reclam-Bändchen, nicht aus Stuttgart freilich, sondern aus Leipzig, also aus den Beständen der längst untergegangenen DDR. Die Edition stützt sich auf die Ausgabe von Fränkel, dessen Verdienste anerkannt werden; das Nachwort häuft dann die damals üblichen Sprechblasen an. Man musste Heine ja lobpreisen, ohne die von ihm so geschmähte Politliteratur vollkommen abzuwerten und aufzugeben. Also hebt man Heine in die grösseren, schon beinahe überzeitlichen Werte hinauf, die er den Politliteraten voraus gehabt habe, bescheinigt ihm eine „überlegene geschichtliche Einsicht“, und natürlich darf auch der Bezug darauf nicht fehlen, dass er damit das deutsche „Volksschicksal als Ganzes“ in dessen historischer, menschheitsgeschichtlicher Mission im Auge gehabt habe – solchen Sätzen haben wir einst, peinlich berührt sei es gesagt, einen kritischen Kern und eine historische Berechtigung abzugewinnen versucht.

Item, im bücherraum f sind einige Bände der Leipziger Ausgabe einzusehen und Heines Vielfalt zu erlesen: Politik und Romantik und Ironie

sh

 

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Wer beherrscht die Schweiz?

Verbunden mit den besten Wünschen zum neuen Jahr sei auf die nächste Veranstaltung im bücherraum f hingewiesen. Wir starten mit Grundsätzlichem und stellen die Machtfrage: Wer beherrscht die Schweiz? Darüber wird am Donnerstag den 9. Januar debattiert. Wer in der Schweiz politisch das Sagen hat, wird in Spiderdiagrammen und Listen der angeblich einflussreichsten ParlamentarierInnen ausgebreitet. Aber wo die wirklich Mächtigen hocken, bleibt zumeist im Dunkeln. Andreas Rieger analysiert die herrschenden Verhältnisse in der Wirtschaft. Wer besitzt die grossen Firmen, wer kann die wesentlichen Entscheidungen treffen, wer hat die Politik auf seiner Gehaltsliste? Rieger kennt als langjähriger Gewerkschaftssekretär und Co-Präsident von Unia die Macht- und auch die Ohnmachtsbeziehungen aus eigener Anschauung und hat dazu soeben eine neue Untersuchung fertiggestellt.

Die Veranstaltung im bücherraum f an der Jungstrasse 9 beim Bahnhof Zürich Oerlikon Nord beginnt um 19 Uhr. Eintritt frei, Kollekte.

Hingewiesen sei auch bereits auf die zweite Veranstaltung im bücherraum. Am Donnerstag, den 23. Januar wird Alice Grünfelder über die deutsche Friedensbewegung berichten.

Zudem ist der bücherraum f jetzt, gelegentlich, auf Twitter unterwegs, siehe @buecherraum. Und wer sich auf die Mailingliste setzen will, kann das mit einer Nachricht an diese Website oder an www.buecherraumf.ch tun.

 

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Alternativen zu Fakten und alternativen Fakten

Peter Schneider im bücherraum f

Zuweilen scheint es, als ob Peter Schneider mehrere Identitäten besitzt. So umfangreich und so breit gefächert sind seine Tätigkeiten und seine öffentliche Wirkung. Neben einer psychotherapeutischen Praxis ist er Lebens- und Stilberater der etwas anderen Art beim «Tages-Anzeiger», Satiriker bei der «Sonntagszeitung» und im Radio, die Erzählerstimme für die Radiokrimis mit Philip Maloney, dazu Dozent an verschiedenen Universitäten und Instituten sowie ein begehrter Vortragender und Teilnehmer an Podiumsdiskussionen.

Seine Kolumnen sind in mehreren Bänden gesammelt; aber in der Politisch-philosophischen Bibliothek f im bücherraum finden sich drei andere Bücher von ihm, aus den 1990er Jahren, in Alternativverlagen wie Nexus und edition Tiamat erschienen, zu einer kritischen Psychoanalyse; und einem dieser Bücher beigelegt ist eine zeitgenössische Kritik aus dem «Tages-Anzeiger», verfasst von einem nicht ganz unbekannten Journalisten, der sich, wie die Vernetzungen so gehen, unter den Zuhörenden im bücherraum f befand, als Peter Schneider Mitte Dezember sein «ausgelesen» präsentierte.

In den letzten Jahren ist Peter Schneider in einer breiteren Öffentlichkeit vor allem als Kolumnist und Satiriker präsent. Für den bücherraum hatte er allerdings nicht die Kolumnistenmütze, sondern den Wissenschaftlerhut aufgesetzt und sprach zum akuten Thema der Faktenproduktion, anhand der Geschichte der Psychoanalyse und der Wissenschaftstheorie.

Vom ersten Buch, das Schneider ausgelesen hatte, Sigmund Freuds «Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie» von 1905, findet sich im bücherraum die 5. unveränderte Auflage von 1922. Schneider wies darauf hin, dass Freud in den vorangegangenen Auflagen jeweils Veränderungen vorgenommen habe, und das deutete er als Zeichen für die grössere Flexibilität von dessen damaligem Denken. Der frühe Freud, etwa in der «Traumdeutung» (1899) und eben auch in den «Abhandlungen zur Sexualtheorie», habe das menschliche Triebschicksal viel offener verstanden, nicht als zwangsläufige Stufenfolge in der Entwicklung der Individuen. Eine rigidere Auffassung sei erst mit Ödipuskomplex und Kastrationsangst und Penisneid entworfen worden, mit denen sich die Freudsche Lehre dogmatisch verfestigt habe. Die frühere offenere Version sei allerdings jederzeit zu bevorzugen, nicht zuletzt sei sie anschlussfähiger an die heutige Queer-Theorie.

Wenn Schneider, wie er erzählte, Freud schon frühreif, als Vierzehnjähriger, gelesen hatte, so kam er zu Michel Foucault als Spätzünder, 1982, als er an einer Magisterarbeit arbeitete, in der er mit Wilhelm Reich und Herbert Marcuse die Sexualität als Befreiungskraft feiern wollte. Doch Arbeiten von Wolfgang Fritz Haug zur Modellierung der Sexualität im Dienste des kapitalistischen Warenkonsums hätten diese Vorstellung in Frage gestellt, und nachdem Schneider Foucaults «Sexualität und Wahrheit» (1976-1984) gelesen hatte, war es endgültig vorbei mit der fröhlichen Lobrede auf die Sexualität.

Eine ebensolche Wirkung gegen ein eindimensionales Verständnis der gesellschaftlichen Realität billigte er auch John L. Austins Sprechakttheorie zu. Erstmals 1962, posthum, veröffentlicht, lehrte Austins «How to Do Things with Words», Sprache nicht nur als kommunikative Funktion zu sehen, sondern als performativen Akt zu begreifen. Das hat zwei Dimensionen. Erstens ist Sprechen immer auch Handeln. Zweitens wird mit Sprache nicht nur, in direkter Referenzbeziehung, ein äusserlicher Gegenstand bezeichnet, sondern als Sprechende verhalten wir uns aktiv zu diesem, verorten ihn, schaffen ihn erst eigentlich in einem bestimmten Kontext.

Man kann das als realistische Wende in der Sprachwissenschaft bezeichnen; sie hat in einem breiteren Verständnis wissenschaftsgeschichtliche Vorläufer, insbesondere Ludwik Fleck. Fleck (1896-1961), ein polnischer Mikrobiologe, Immunologe und Wissenschaftshistoriker, hat bereits 1935 die Arbeit «Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache» über die soziale Gebundenheit von Wissen und Wissenschaften veröffentlicht. Fleck überlebte Auschwitz und Buchenwald, forschte nach dem Krieg wieder in Polen und verstarb schliesslich in Israel. Seine Arbeit von 1935 entfaltete zu Lebzeiten kaum Wirkung. Doch in seinem einflussreichen Werk «Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen» (1962) erwähnte Thomas S. Kuhn die Arbeit von Fleck im Vorwort als «eine Arbeit, die viele meiner eigenen Gedanken vorwegnimmt», was Fleck eine gewisse Renaissance bescherte; nach einer Neuausgabe von 1982 kommt die Wissenschaftsgeschichte heutzutage nicht mehr um eine Referenz zu Ludwik Fleck herum.

Faktizität, so zeigte Fleck in der Analyse von Laborexperimenten und Lehrbüchern, ist nicht objektiv gegeben, sondern immer auch ein Konstrukt. Theorien wirken normativ, bezeichnen Demarkationen «richtigen Denkens», grenzen umgekehrt aus. «Fakten» sind also in Denkstilen verankert.In die gleiche Richtung arbeitet Bruno Latour. Der schreibt seit den 1980er Jahren über eine neue Wissenschaftssoziologie, ist aber erst seit etwa zehn Jahren bei uns einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Die Politisch-philosophische Bibliothek ist in ihren Beständen nicht ganz vollständig, deshalb nahm Peter Schneider von Latour das eher leichtgewichtige Werk «Elend der Kritik» (2007) als Illustration.

Latour belegt, wie Fleck und Kuhn, an verschiedenen Wissenschaftszweigen, wie Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt sich gegenseitig bedingen. Der wissenschaftliche Forschungsprozess bildet eine Referenzkette, in der sich die weitergegebenen Informationen durch vielfältige Faktoren – Menschen, Apparate, Stoffe, Räume – ständig verändern. In «zirkulierender Referenz» wird abstrahiert, konkret angereichert, dann wieder abstrahiert. Die entstehenden Denkstile, Paradigmen bestimmen ihrerseits den Erwartungshorizont für neue Erkenntnisse.

Die sogenannte Sokal-Affäre von 1996 belegte dies in eher satirischer Form. Ein Nonsens-Text in avanciertestem postmodernem Jargon geschrieben, war damals von mehreren renommierten Fachzeitschriften abgedruckt worden. Er zeigte, dass vor allem in den Geisteswissenschaften alles verschwurbelt werden kann; gewichtiger, oder spektakulärer, ist der Kampf in den Naturwissenschaften um die Gültigkeit von Experimenten, aus denen womöglich aus ungeprüften Vorannahmen falsche Schlussfolgerungen gezogen werden.

Indem er die soziale Konstruktion von Fakten betont, wendet sich Latour auch gegen jeden Essenzialismus, der Gegenständen inhärente, ahistorische Eigenschaften zuweist. Latour hat aber auch schon Gegensteuer gegen eine jüngere anti-wissenschaftliche Tendenz gegeben. Die Erkenntnis, dass Wissenschaft sozial konstruiert werde, könne auch dazu missbraucht werden, jedes Wissen unter Generalverdacht zu stellen. Ein solcher Kulturrelativismus sei ebenfalls gefährlich. Gerade in «Elend der Kritik» zeigt er sich erschrocken darüber, wie weit Verschwörungstheorien eine rationale Diskussion abgelöst hätten. Die soziale Konstruktion von Wissen sei nicht im ideologischen Sinn alternativer Fakten zu verstehen, sondern in dem Sinn, dass sich aus unterschiedlichen Ansätzen unterschiedliche Erklärungsversuche anbieten.

In der Diskussion brachte Jakob Tanner Macht und Geld ins Spiel. Der Druck auf die Wissenschaften entstehe gegenwärtig weniger durch interne Anfechtungen, sondern komme von aussen, etwa wenn US-Präsident Trump die Umweltbehörde ausblute und damit auch deren wissenschaftliche Arbeit erschwere. Für die innerwissenschaftliche Diskussion um Forschungsstandards und Korrekturmechanismen ist Tanner zuversichtlich, aber der Druck von aussen nehme unzweideutig zu.

Wie sieht es umgekehrt mit dem politischen Engagement der Wissenschaften aus? Peter Schneider hatte angedeutet, der jüngste «March for Science» kehre mit dem Selbstbewusstsein, mit dem die wissenschaftliche Wahrheit verkündet und auf die Macht der Fakten vertraut werde, in die zwanziger Jahre zurück. Dagegen erhob sich der Einwand, oder die Frage, ob WissenschaftlerInnen gegenwärtig nicht gezwungen seien, gegen die Abwertung, ja Verächtlichmachung wissenschaftlicher Erkenntnisse diese zu vereinfachen, um überhaupt öffentliche Wirkung zu erzielen. Zur Präzisierung seiner Position führte Schneider nach Gil Eyals Buch «Crisis of Expertise» das Bild einer dreispurigen Autobahn ein: Auf dem Pannenstreifen werde Grundlagenforschung betrieben, die Überholspur sei jene Schnellbahn, in der durch die Politik rasche Entscheidungen getroffen würden, und in der mittleren Spur gehe es ums Aushandeln zwischen wissenschaftlichen und politischen Ansichten und Notwendigkeiten.

Hier allerdings war im bücherraum die Notwendigkeit gekommen, sich ein wenig zu verköstigen und zu stärken.

sh

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Auf ein Neues

Im 2020 wird der bücherraum f erneut die Vielfalt des Geistes aus seinen Büchern entblättern und ein Feuerwerk an Veranstaltungen in allen Regenbogenfarben lancieren. Damit uns das eigenständige Denken nicht ganz ausgeht. Deshalb guten Sprung ins neue Jahr.

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Nationalismus und lokale Demokratie

Brexit und darüber hinaus (9)

Die Niederlage für Labour ist vernichtend. Statt Boden gut zu machen und den Konservativen unter Boris Johnson zumindest eine absolute Mehrheit zu verwehren, hat die Partei bei den britischen Wahlen gegenüber 2017 nicht weniger als 8,1 Prozentpunkte und 59 Parlamentssitze verloren. Drei Erklärungen werden angeboten. Jeremy Corbyn hat als Leader versagt. Brexit wars. Die Labour Party hat die Arbeiterklasse in den Midlands und im Nordosten des Landes im Stich gelassen.

Der zögerliche Führer

Jeremy Corbyn ist nicht gut angekommen, das müssen selbst Corbyn-AnhängerInnen zugeben. Dafür wird von ehemaligen Labour-WählerInnen ebenso wie von den MedienkommentatorInnen eine Reihe von Gründen angegeben. Sie wirken wie auf eine Person zugespitzte Symptome von tieferliegenden gesellschaftlichen Verwerfungen. Erstens: Corbyn sei ein starrsinniger, spröder Dogmatiker. Sicher, mit dem opportunistischen Populismus eines Boris Johnson kann er sich nicht messen. Aber seine gradlinige, prinzipienfeste Art wurde nach den Wahlen 2017, bei denen er überraschend gut abgeschnitten hatte, gerade noch gelobt. Zweitens: Der langjährige Pazifist hätte das mächtige Grossbritannien auf dem internationalen Parkett nicht angemessen repräsentieren können. Dem kalkulierenden Hanswurst Johnson traut man das hingegen zu, der nach seiner kurzen Amtszeit 2018 bereits als einer der schlechtesten britischen Aussenminister in die Annalen eingegangen ist. Drittens habe Corbyn den Antisemitismus in der Partei nicht in den Griff gekriegt. Dies im Angesicht eines konservativen Premierministers, der islamophobe Witze reisst; zudem ist das, mit Verlaub, nicht das dringendste Anliegen der WählerInnen im Nordosten. Viertens entstamme das von ihm verantwortete Wahlprogramm einem «Sozialismus aus den siebziger Jahren» (Boris Johnson) beziehungsweise der «marxistischen Mottenkiste» (Christoph Münger im «Tages-Anzeiger»). Nun, es war ein solides linkskeynesianisches Investitionsprogramm, und die Renationalisierungen von Eisenbahn und andern Grundversorgungsbereichen stossen bei einer knappen Mehrheit der Bevölkerung auf Zustimmung. Bleibt, fünftens, der Hauptvorwurf, er habe bezüglich des Brexit laviert und gezaudert. Das ist unbestreitbar. Einige der abgewählten Labour-ParlamentarierInnen in den Leave-Gebieten haben sich nach der Niederlage scharf über Corbyn ausgelassen. Um ihre WählerInnen ernst zu nehmen, hätte sich Labour ihres Erachtens deutlich für den Brexit aussprechen müssen. Das wäre jedoch auch keine valable Politik gewesen. Damit wären ziemlich sicher ein paar Sitze im Nordosten gerettet worden, aber dafür wären vermutlich ein paar Sitze in London an die Liberaldemokraten verloren gegangen.

Brexit

Womit wir beim Brexit sind. Brexit hat zweifellos eine zentrale Rolle gespielt, das zeigen die regional unterschiedlichen Resultat: 10 Prozent Verluste für Labour in jenen Wahlkreisen, die für einen Austritt aus der EU gestimmt hatten, 4 Prozent in jenen, die in der EU hatten bleiben wollen. Dabei hat Labour überall verloren, weil die Brexit-Falle zugeschnappt ist. Rechts gingen Stimmen an die Tories, links an die Liberaldemokraten und in Schottland an die Scottish National Party SNP. Corbyn versuchte es, beiden Flügeln recht zu machen – das konnte in der zugespitzten Situation nicht aufgehen.

Umgekehrt lässt sich aus dem Wahlsieg von Johnson kein klares Votum für dessen harten Brexit-Plan ablesen. Johnsons bis zum Brechreiz wiederholtes Mantra «Get brexit done» schloss eben auch ein «Get Brexit out of the way» ein. Selbst wer nicht unbedingt für den Brexit, aber des Gezerres darum überdrüssig war, konnte oder musste die Konservativen wählen, insbesondere nachdem Nigel Farage seine Brexit-Partei aus der direkten Konfrontation mit den Konservativen zurückgezogen hatte. Trotzdem kann man vorrechnen, dass die Remain- und Eher-Remain-Parteien zusammen 50 Prozent der Stimmen erhielten, während die Leaver nur 45 Prozent ausmachen.

Die verratene Arbeiterklasse

Dass Labour traditionelle Hochburgen in den Midlands und im Nordosten verloren hat, dass also der so genannte «Red Wall» zerbröckelt ist, läuft parallel zur Entwicklung im «rust belt» der USA, die Donald Trump den Sieg gebracht hat. Die Diskussion darüber mündet wie in den USA vorschnell in einen Verratsdiskurs.

Ein Artikel im «Guardian» hat noch vor den Wahlen darauf hingewiesen, dass die Arbeiterklasse längst disparater geworden sei. Wenn man davon spreche, dass Labour «die Arbeiterklasse» aufgegeben habe, halte man an einem veralteten Begriff der Arbeiterklasse fest, unterschlage die Jungen, die Nicht-Weissen im Prekariat der Dienstleistungsindustrie. Richtig. Darauf ist eingewandt worden, der Befund ändere nichts daran, dass die (weisse) Kernarbeiterschaft in den ehemaligen Schwerindustriegebieten verloren gegangen sei. Auch richtig.

Aber selbst diese Kernarbeiterschaft muss differenziert werden. Einige der ehemaligen Industriegebiete im Nordosten sind stark mit dem Militär verflochten, sei es durch Rüstungsbetriebe, sei es als Reservoir für Armeeangehörige. Da konnte Corbyn als langjähriger Pazifist natürlich nicht punkten. Sogar dass er als Republikaner nicht «God save the Queen» singen will, haben ehemnalige Labour-WählerInnen gegen ihn ins Feld geführt. Das darf aber kein unlösbares Problem sein. Man muss diese Familien ja nicht zum Pazifismus bekehren, sondern man muss ihnen valable Alternativen zur Arbeit beim Militär anbieten. Mitglieder einer Bewegung, die einst auf Solidarität gebaut war, scheinen es andererseits nicht mehr über sich zu bringen, bei punktuell unterschiedlichen Positionen ein grundsätzliches Gefühl des gegenseitigen Vertrauens aufzubauen.

Eine undemokratische Gesellschaft

Hinter den Wahlresultaten liegen auch strukturelle Probleme. Grossbritannien ist in manchem eine undemokratische Gesellschaft. Dies bereits auf der institutionellen Ebene. Am offensichtlichsten ist das beim Majorz-Wahlsystem. Der gloriose Wahlsieger Boris Johnson hat 2019 gerade mal 360´000 Stimmen und einen guten Prozentpunkt mehr erzielt als die jämmerliche Wahlverliererin Theresa May 2017, doch damit 47 mehr Sitze bekommen.1 Die Liberaldemokraten mit ihren 3.696 Millionen Stimmen oder 11.6 Prozent Wählerstimmen haben 13 Mandate errungen, oder 2 Prozent aller Sitze. Dass sie gegenüber 2017 um 4.2 Prozentpunkte zugelegt haben, hat sie unter dem Strich – einen Sitz gekostet. Und die Grünen kriegen mit 865´000 Stimmen und einem um 1.1 auf 2.7 Prozentpunkte gestiegenen Wähleranteil einen einzigen Sitz im Parlament.

Selbst die Labour-Schlappe ist durch das Majorzsystem verstärkt worden. Corbyn hat nämlich 950´000 Stimmen und beinahe 2 Prozentpunkte mehr erzielt als einst Ed Milliband vor vier Jahren, aber 29 weniger Sitze errungen.2 Umgekehrt ist die SNP bei einem Stimmenanteil von 45 Prozent mit 48 von 59 schottischen Parlamentssitzen massiv überrepräsentiert und kann aus ihrem überwältigenden Wahlsieg keineswegs die Gewissheit ableiten, bei einem neuen Unabhängigkeitsreferendum für Schottland eine Mehrheit zu bekommen. Da das Wahlsystem die führenden Parteien bevorzugt, hat sich auch Labour, als man an der Macht war, um eine Wahlreform gedrückt, weil man jahrzehntelang gerade in Schottland vom Majorzsystem profitiert hatte.

Dem entspricht ein Präsidialsystem, das der/dem FührerIn der grössten Partei unverhältnismässig viel Macht einräumt. Beim Kampf um den Brexit im Parlament während des ganzen Jahrs 2018 ging es auch darum, dass das Parlament versuchte, die Macht des Premierministers zu beschneiden und damit das Präsidialsystem ein wenig umzubauen. Zu den institutionellen Defiziten gehört im Übrigen, dass die zweite Parlamentskammer nach keinerlei demokratietheoretischen Kriterien zusammengesetzt ist, die in der balance of power als Ergänzung oder Korrektur zur ersten Kammer konzipiert sind.

Fehlende lokale Demokratie

Das wichtigste Defizit freilich, in dem sich andere Motive verdichten, ist die fehlende lokale Demokratie. England ist, wie Frankreich, ein auf ein Zentrum konzentriertes Land. London dominiert politisch wie ökonomisch wie kulturell. Die lokalen Verwaltungen, schon bislang mit beschränkter Kompetenz ausgestattet, sind durch die Austeritätspolitik der letzten zehn Jahre finanziell ausgehungert worden. Das hat vor allem die einstigen Labour-WählerInnen getroffen. In der Brexit-Konstellation aber sind die entsprechenden Folgen vor allem Labour angelastet worden. Zuerst musste im Brexit-Referendum die EU als Sündenbock für die soziale Prekarisierung herhalten; danach wurde, da sich Labour nicht für den Brexit ausgesprochen hatte, der Zorn auf die Partei umgeleitet. Zugleich haben die zumeist Labour-dominierten Lokalverwaltungen die soziale Depravierung nicht stoppen können (und einst, unter New Labour, bestimmte Prozesse wie die Auslagerung von Staatsfunktionen mitgemacht), also trifft die Partei die Enttäuschung und der Zorn gleich doppelt.

Einen berechtigten Kern hat dieser Zorn in der unbestreitbaren Vernachlässigung dieser Regionen durch die Londoner «Parteielite». Aber diese Tendenz war schon unter New Labour vorhanden, ja, sie war damals sogar stärker ausgeprägt als unter Corbyn. Schon dannzumal wurden nördlichen Wahlbezirken KandidatInnen aus London aufgedrängt. Nach 25 Jahren Umorientierung zu einer mittelständischen Klientel im Dienstleistungssektor sind die lokalen Parteisektionen in den ehemaligen Industriegebieten ausgeblutet; der kurzfristige Aufschwung mit Corbyn ab 2016 hat zwar neue Leute rekrutiert, aber vor allem Junge aus den grösseren Städten und den Universitäten. In der jetzigen Situation wird das allein Corbyn angerechnet, mit einem geradezu autoritären Glauben an die Allmacht des Führers, der alles richten könne und für alles verantwortlich sei. Wenn sich die abgewählten ParlamentarierInnen aus dem Nornen jetzt beklagen, Corbyn habe «ihre» Arbeiterklasse verraten, dann darf man ihnen füglich die Frage stellen, was sie selbst denn seit dem Brexit-Referendum getan haben, um ihre WählerInnen womöglich von deren isolationistischer Haltung abzubringen.

Labour hat, unter Corbyn, Fehler gemacht, auch Corbyn selbst hat Fehler gemacht. Dazu gehört, dass sein Strategieteam nicht richtig funktionierte, dass das Wahlmanifest viel zu spät lanciert wurde, dass es viele sinnvolle Ideen und Vorschläge enthält, aber als willkürlich zusammengestelltes Sammelsurium erschien. Doch den Mängeln der jetzigen Wahlkampagne entspricht ein strukturelles Fehlverhalten von Labour, das weit hinter die Corbyn-Jahre zurückgeht. Der «Guardian»-Kolumnist Aditya Chakrabortty hat es treffend zusammengefasst. «Die Kernschmelze der letzten Woche ist der Höhepunkt von Trends, die Jahrzehnte zurückreichen. Corbyn hat sie nicht geschaffen, sondern als vergiftete Erbschaft mitbekommen – aber jeder Parteiführer, der diese Sitze zurückerobern will, muss mit diesen Trends besser umgehen, als es Corbyn getan hat.»

Tatsächlich ist neben und gegen Brexit kein zusammenhängendes Narrativ gegen die Austeritätspolitik der Konservativen entwickelt worden, und man hat in Bezug auf Brexit kein positives Narrativ internationaler Zusammenarbeit entwickeln können. Der schüchtern ins Spiel gebrachte New Green Deal hätte zum Beispiel gerade die Konversion der Rüstungsindustrie mit konkreten Vorschlägen illustrieren müssen.

Nationalismus

In diese Lücken ist ein neuer Nationalismus gestossen. Der Publizist Fintan O´Toole, der als Ire besonders empfindlich für englische Grossmachtfantasien ist, hat dessen Aufschwung detailliert dokumentiert. Es ist ein (weisser) englischer Nationalismus, der bereit ist, die Verbindung mit Schottland und sogar mit Nordirland aufs Spiel zu setzen. Die Konservativen haben, unter dem Druck zuerst von Ukip und dann der Brexit-Partei, in ihrer eigenen Brexit-Strategie pausenlos nationalistische Schalmeienklänge eingesetzt. Boris Johnson verspricht jetzt dem Land in geradezu skurrilen Luftschlössern eine neue wunderbare, wunderbare Zukunft.

Diesen Nationalismus haben auch Teile der (weissen) Kernarbeiterklasse übernommen. Im Votum für den Brexit steckte der Protest gegen die Auswirkungen der Globalisierung und gegen die Vorherrschaft von London, aber es steckte auch ein Jingoismus, eine Fantasie über die Einzigartigkeit Englands drin. Wie weit ist es gekommen, wenn in einem Worker´s Club unter den Bannern der Minenarbeitergewerkschaften und den Bildern der Labour-Parteigründer während des Wahlkampfs Brexit-Parteichef Nigel Farage zu einem Vortrag ansetzen konnte und lauten Beifall erhielt?

Wie geht es weiter?

Fortsetzung folgt.

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Über den Rhein hinweg

So sieht Europa auch aus: In einigen französischen Städten werden gegenwärtig, neben Protestaufrufen, als Flugblätter so genannte «Hebel-Colportages» verteilt. Dabei handelt es sich um übersetzte Geschichten von Johann Peter Hebel. Initiant der Aktion und verantwortlich für die Flugblätter ist der Verlag pontcerq im bretonischen Rennes.

Johann Peter Hebel (1760 – 1826), Basler, Rheinländer, Alemanne hat mit seinen «Alemannischen Gedichten» (1803) und dem «Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes» (1811) eine Tradition der kleinräumigen lokalen Literatur begründet. «Hebel verbauert auf die naivste, anmutigste Weise durchaus das Universum», hat Goethe gesagt, und das ist bei aller Herablassung des Geheimen Rats doch als ein beträchtliches Kompliment gemeint. Die genaue Beiläufigkeit, mit der scheinbar klare Sachverhalte auf eine mögliche andere Bedeutung abgeklopft werden, kann man wahlweise als Bauernschläue oder plebejische List verstehen – kein Wunder, wurde Hebel neben Franz Kafka auch von Bertolt Brecht, Walter Benjamin und Ernst Bloch geschätzt.

Die Kleinform vervollkommnete der in Basel geborene Hebel neben seiner Lehrtätigkeit als Redaktor eines Bauernkalenders in Karlsruhe, so wie ja auch Heinrich von Kleist zur gleichen Zeit Beiträge für die «Berliner Abendblätter» zu ehernen Anekdoten stanzte.

Im benachbarten Frankreich freilich ist Hebel praktisch unbekannt. Im Verlag Pontcerq sind jetzt einige seiner Kurztexte ins Französische übersetzt und in einem kritischen Kontext publiziert worden. Der immer wieder mit originellen Aktionen aufwartende Kleinverlag will die Hebelschen Kalendergeschichten als Konterbande in Frankreich einschmuggeln, in blogs, in öffentlichen Rezitationen und auf Flugblättern – schliesslich hat Pontcerq auch mal den «Hessischen Landboten» von Georg Büchner in einer zweisprachigen Version vorgelegt. Mit bei der Aktion sind einige Buchhandlungen in ganz Frankreich, in denen die «Pontcerq-Flugblätter» gratis aufliegen.

Nicht nur die Form der «Hebel-Colportage» wird als Konterbande verstanden, sondern so werden auch die Geschichten interpretiert, da sie zumeist eine zweite Botschaft transportierten. Wenn sich «Zwei honette Kaufleute» gegenseitig vorrechnen, durch welche Diebstähle sie ihre Besen noch günstiger verkaufen können, so kann man dahinter tatsächlich hervorgucken sehen – die spätere Marxsche Mehrwerttheorie. Oder wenn in der Geschichte «Ein Kriegsschiff» scheinbar nüchtern die Materialien aufgelistet werden, die es zum Bau eines Kriegsschiffs braucht, so wird darin unaufdringlich auf die ungeheuerliche Verschwendung von Natur und Arbeitskraft, und Leben, hingewiesen. In «Das letzte Wort» lässt in einem feudalen Streit zwischen einem Herzog und seinem Kanzler ersterer dem letzteren das letzte kritische Wort, nur, um es ins Leere laufen zu lassen. Daraus wird zwar erstens eine Lehre gezogen, die konservativ davon abrät, sich mit Vornehmen, sozial Bessergestellten anzulegen. Aber in einer zweiten Lehre heisst es, dass man bei Meinungsdifferenzen nicht gleich mit «Scheltworten und Fäusten» dreinfahren soll, was 1813 doch auch gegen die inter-nationale Gewalt gerichtet ist.

Bemerkenswerterweise wird in einer Anmerkung des Verlags ein ähnlicher Schachzug geistreicher Replik aus dem Dreissigjährigen Krieg nicht etwa einer französischen Geschichtsschreibung entnommen, sondern einer Tagebuchnotiz von Ernst Jünger, die dieser 1944 nach dem Rückzug aus dem eben gerade befreiten Paris geschrieben hatte – auch solche prekären Zusammenhänge sind natürlich europäisch.

Weitere Pontcerq-Flugblätter präsentieren unter anderem eine Rede von Elias Canetti zu Hebel sowie kleinere Texte von Hebel selbst.

Stefan Howald


http://www.pontcerq.fr/

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Dora Koster – ein Gedenken

Zum zweiten Todestag von Dora Koster am 29. November 2017 wurde im bücherraum f eine kleine Gedenkveranstaltung durchgeführt. Der Schauspieler Martin Butzke las zwei Dutzend Gedichte und einige Aphorismen von Dora Koster; Stefan Howald präsentierte Manuskripte, Fotografien und Dokumente aus dem Nachlass. Eine Zusammenfassung des Abends lässt sich hier nachlesen:

Koster_Artikel_Gedenken2019

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Der Mörder ist niemals die Gärtnerin

Else Laudan, Herausgeberin der Ariadne-Krimis, im bücherraum f

Die Krimis, die sie gelesen hat, gehen wohl in die Tausende. Und doch verleidet ihr das Genre nie. Am liebsten sind Else Laudan noch immer hard-boiled-Detektivromane in der Tradition von Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Als Verlegerin aber kümmert sie sich vor allem um neue politisch engagierte Krimis von Frauen. Ja, die hält sie sogar für die gegenwärtig avancierteste Literaturform.

Seit über dreissig Jahren betreut Else Laudan die Ariadne-Krimis im Hamburger Argument-Verlag. Im bücherraum f berichtete sie am 7. November begeistert und begeisternd über Geschichte und Gegenwart des Krimis im allgemeinen und von Ariadne im besonderen.

Ariadne war mal ein durchschlagender Erfolg. 1987 lancierte die feministische Marxistin Frigga Haug, Mitverlegerin des «Argument», mit einem an Antonio Gramsci gewonnenen Anspruch eine Krimireihe, um Populärliteratur zu den linken Massen zu bringen, vor allem zu den linken Frauen. Nach den betulichen Ermittlerinnen wie Miss Marple von Agathe Christie hatte P. D. James mit «An Unsuitable Job for a Woman» («Ein reizender Job für eine Frau») 1972 erstmals eine Privatdetektivin vorgelegt, die sich mit Rollenbildern auseinandersetzte. Jetzt wurde das alles expliziter und härter. Die zumeist aus dem Angelsächsischen übersetzten Krimis boten neue Themen, etwa Gewalt gegen Frauen, und neue Figuren. Ariadne-Krimis hatten eine unverkennbare Gestalt, mit einem tiefschwarzen Umschlag und einer gelb-schwarzen Vignette vorne drauf. Marion Fosters «Wenn die grauen Falter fliegen», Barbara Wilsons «Ein Nachmittag mit Gaudi» und Sara Schulmans «Ohne Delores». Sarah Drehers Stoner McTavish und Katherine V. Forrests Kate Delafield. Selbstbewusste Frauen, lesbisch oder straight, Verbrechen nicht mehr als Einzelfälle, sondern als Ausdruck patriarchaler Strukturen. In dieser politisierten, feministischen Spannungsliteratur wurde mit Kopf, Charme und Kanone gekämpft. Das Leseinteresse explodierte. Die Krimis waren bald in allen WGs zu finden. Die Erstauflagen stiegen auf 15000 Exemplare, einzelne Titel erreichten Auflagen bis zu 200000 Exemplare. Im Argument-Verlag erschien eine eigene Zeitschrift, das «Ariadne-Forum», es gab Workshops und Leseclubs, in denen das Lesen und Schreiben feministischer Krimis diskutiert und erprobt wurde.

Wenn der Boom einbricht

Bereits 1988 war Else Laudan beim Programm eingestiegen, und sie ist, rund 300 Titel später, immer noch dabei. Ihre persönliche Entwicklung schilderte sie selbst als eine durchaus eigenwillige. Als Tochter von Frigga Haug und Stieftochter des marxistischen Philosophen Wolfgang Fritz Haug wuchs sie in einem hoch intellektuellen Elternhaus auf. Bücher waren ihr selbstverständlicher Lebensstoff, doch rebellierte sie gegen das akademische Milieu. Sie begann eine Lehre als Maschinenschlosserin, aber kurz vor der Abschlussprüfung wurde ihr das Mobbing im klassischen Männerberuf zu viel. Ein Soziologiestudium erwies sich auch nicht als die wahre Berufung. 1988 stieg sie in den Verlag ihrer Eltern ein. Seither ist sie Herz und Seele von Ariadne, mittlerweile auch Verlagsleiterin des ganzen Argument-Verlags.

    

Der Anfangsboom dauerte ein knappes Jahrzehnt, dann, ab Mitte der neunziger Jahre, brach er zusammen. Einerseits stiegen grosse Verlage in den Markt der «Frauenkrimis» ein, überschwemmten den Markt mit Dutzendware und warben Projekten wie Ariadne erfolgreiche Autorinnen ab. Zugleich zerbröckelte die Struktur der autonomen Frauenbewegung mit Buchhandlungen, Cafés und Kulturzentren. Ariadne und Argument mussten ihr Programm und die begleitenden Aktivitäten Ende der neunziger Jahre massiv zurückfahren.

Neben diesen gewichtigen äusseren gab es laut Laudan aber auch einen quasi internen Grund: Die Qualität der veröffentlichten Texte hatte abgenommen. Das erste Reservoir an hervorragenden feministischen Krimis war ausgeschöpft, also hatte auch Ariadne auf Dutzendware zurückgegriffen. Doch Frausein, so zeigten die Reaktionen der Leserinnen, genügte als alleiniges Kriterium weder für Autorinnen noch für Heldinnen. Die Abstriche bei der Qualität zahlten sich auch kommerziell nicht aus.

Das Publikum im bücherraum f bestätigte die Erfahrung, der Laudan häufiger begegnet: Viele Frauen hatten Ariadne-Krimis in den Anfängen begeistert verschlungen, aber mit dem Abflauen des Booms Mitte der neunziger Jahre das Interesse daran und entsprechend Ariadne aus den Augen verloren; ja, es war für manche im Vorfeld der Veranstaltung durchaus überraschend, dass Ariadne überhaupt weiterhin existiert. Dabei gibt es seit mindestens zehn Jahren eine neue Generation von Ariadne-Autorinnen: Christine Lehmann, Monika Geier, Merle Kröger, Dagmar Scharsich. Nicht zufällig sind es deutsche Autorinnen. Sie knüpfen teilweise an die in der Zwischenzeit inflationär gewordenen Lokalkrimis an und verbinden das mit Welthaltigkeit. Monika Geier mit ihrer allein erziehenden Kriminalkommissarin Bettina Boll aus Ludwigshafen, die ungemein produktive Christine Lehmann mit ihrer bisexuellen rasenden Reporterin Lisa Nerz in Stuttgart, Merle Kröger mit präzis recherchierten Berichten aus den «blühenden Landschaften» der neuen deutschen Bundesländer. Auch die Österreicherin Anne Goldmann zählt dazu mit Milieustudien aus dem oberen und unteren Mittelstand.

Ein neuer Aufschwung

Den neuen Aufschwung von Ariadne setzt Else Laudan freilich mit der französischen Autorin Dominique Manotti (Marie-Noëlle Thibault) an. Die ehemalige Gewerkschaftsfunktionärin schreibt seit 1995 harte Politgeschichten aus Wirtschaft und Hochfinanz; mit den Romanen «Letzte Schicht» (2010) und «Einschlägig bekannt» (2011) machte sie Ariadne im deutschsprachigen Raum bekannt. Laudan verknüpft das gestiegene Interesse an solchen aufklärerischen Krimis durchaus mit der Finanzkrise von 2008, die ein neues Bedürfnis nach Über- und Durchsicht zeitigte.

In dem von Brigitta Klaas Meilier munter vorangetriebenen Gespräch im bücherraum f wies Else Laudan auf eine Lehre aus der einstigen Krise von Ariadne hin: Man darf als Verlegerin nur produzieren, was man selbst schätzt. Kompromisse bringen nichts, Mainstreambücher können die Grossverlage besser machen. Dabei trennte sich Ariadne auch von anderen früheren Vorgaben. Ein paar Jahre lang hatte man sich etwas auf eine Quotenregelung zwischen lesbischen und straighten Krimis zugutegehalten, jeweils mit einer ungeraden oder geraden Nummer gekennzeichnet. Doch das stiess zunehmend auf Schwierigkeiten. Amüsant schilderte Laudan, wie man die Quote notdürftig aufrecht zu erhalten suchte, etwa indem man jenen Romanen von Dominique Manotti, in denen ein schwuler Kriminalkommissar auftaucht, eine ungerade Nummer verlieh. Jetzt ist die Vorgabe angesichts der Dürre an lesbischen Krimis über Bord geworfen worden.

Dabei will Laudan unterschiedliche Geschmäcker gar nicht leugnen. Slasher-Krimis mit Massenmördern oder Ermittlungen in hochherrschaftlichen englischen Landhäusern mögen bestimmte eskapistische Funktionen erfüllen – das soll, mit Gramsci, nicht ignoriert werden. Der Begriff Frauenkrimi allerdings engt mittlerweile wieder in ein konservatives Korsett ein. Für sich selbst und für Ariadne vertritt sie deshalb entschieden das Konzept des von Frauen geschriebenen modernen politischen Krimis. In denen ist das Verbrechen nicht ein blosser Einzelfall, dessen Lösung die Gesellschaft wieder ins Lot rückt, sondern der Normalfall einer korrumpierenden Gesellschaftsform. Dabei bürdet Laudan den politischen Krimis grosse Erwartungen und Ansprüche auf: Diese stellten die gegenwärtig avancierteste Literaturform dar, gesellschaftskritischer als die herkömmliche Belletristik. Man muss diese Einschätzung nicht teilen, aber unbestreitbar sind einige der jüngsten Krimis beeindruckend. Die recherchierte Reportage, die in der Publizistik unter Verdacht geraten ist, gewinnt in der fiktionalisierten Form neue Glaubwürdigkeit. Das Handwerk bleibt nötig, um die Handlung voranzutreiben und die Spannung aufrecht zu erhalten; doch arbeiten diese Romane auch sprachlich auf hohem Niveau, sind ebenso süffig wie differenziert zu lesen.


Laudan ist nicht nur Herausgeberin und Verlagsleiterin, sondern hat in den letzten Jahren auch knapp zwei Dutzend Krimis übersetzt. Dazu plauderte sie ein wenig aus der Werkstatt. Für eine Übersetzung schafft sie sich alle Termine vom Hals, setzt sich wenn möglich auf eine isolierte Insel ab, schuftet dann konzentriert, sechs Wochen, sechzehn Stunden am Tag, wobei ihr KollegInnen ein wenig zuarbeiten.

Natürlich, Argument steht mit dem Aufschwung der politischen Krimis nicht allein. Es gab, nach dem ersten Boom, die Pionierleistung des Unionsverlags, der mit der «metro»-Serie Krimis aus allen Weltgegenden erschloss. In Frankreich bahnte Fred Vargas (Frédérique Audoin-Rouzeau) den Weg, die, ursprünglich Archäologin, ihre alltagspolitischen Fälle mit allerlei skurrilen Figuren unterfüttert. Selbst Suhrkamp hat mittlerweile eine Krimireihe, aus der die ganz eigenwillige Simone Buchholz hervorsticht.

Else Laudan betonte im Übrigen, dass sich die Berichterstattung in den Feuilletons verbessert hat. Krimis gehören nicht mehr in die Schmuddelecke; die wichtigsten KritikerInnen vergeben jedes Jahr die deutschen Krimipreise, auf deren Listen Ariadne-Titel regelmässig figurieren. Nach wie vor allerdings sind diese hochstehenden politischen Krimis ein Minderheitenprogramm. Ariadne-Bücher werden mit einer Erstauflage von 3000 Exemplaren gestartet, Romane von Dominique Manotti, die hartnäckig dem internationalen Wirtschaftsverbrechen auf der Spur bleibt, mögen in mehreren Auflagen auf 10’000 Exemplare ansteigen.

Vernetzungen

Einen kurzen Seitenblick warf Laudan auch auf das wissenschaftliche Programm des Argument-Verlags. Während die Zeitschrift «Das Argument» und das unvergleichliche «Historisch-Kritische Lexikon des Marxismus» durch Abonnements und Subskriptionen einigermassen getragen werden, sind andere linke, akademische Werke nur noch in Kleinstauflagen durch Abnahmegarantien der AutorInnen und durch Kooperationen möglich.

Umso wichtiger ist für einen Kleinverlag die Vernetzung. Laudan hat die Liste unabhängiger Verlage in Hamburg mit begründet; und sie hat auch initiiert, dass sich die deutschen Krimiautorinnen in einem losen Verbund zusammengeschlossen haben, unter dem Namen «Herland», nach einer utopischen Trilogie von Charlotte Perkins Gilman (1860-1935), in der drei Knaben sich in einer reinen Frauengesellschaft integrieren müssen. Herland versammelt laut eigener Website «Frauen, die an unterschiedlichen Orten der kriminalliterarischen Buchproduktion wirken. Wir verstehen uns als politisch, feministisch, gottlos, aufbrechend, gegen rechts, antikapitalistisch, antipatriarchal und erfolgreich.»

Einer der neueren Titel bei Ariadne stammt von Sara Paretsky. Laudan bezeichnet die 1947 geborene US-Amerikanerin nur halbwegs scherzhaft als «unser aller Mutter». Deren toughe Ermittlerin V.I. Warshawski bringt seit 1982 allerlei Bösewichter zur Strecke. Lange Jahre wurde sie auf Deutsch bei Piper veröffentlicht, dann bei Goldmann und Dumont. 2010 brachen die deutschsprachigen Veröffentlichungen ab. Dabei publizierte Paretsky in den USA durchaus weitere Krimis, wie Else Laudan vor zwei Jahren einigermassen überrascht feststellte. Nachdem sie direkt bei Paretsky ein Interesse bekundet hatte, erhielt sie via Agentur und Originalverlag den Zuschlag, ohne dass sie, wie sonst bei Übersetzungen üblich, einen Vorschuss hätte zahlen müssen. «Kritische Masse» (2018) ist historisch weit gespannt. Darin setzt sich V. I. Warshawski auf die Spur einer halb fiktiven österreichischen Atomphysikerin, die vermutlich von den Nazis ermordet wurde, deren Erkenntnisse später von US-Unternehmern angeeignet und kommerziell ausgewertet wurden. Dabei dokumentiert Paretsky ebenfalls die reale Übernahme einstiger Nazi-Wissenschaftler ins US-Atomprogramm. An Spannung fehlt es nicht, auch nicht an einer atemraubenden Auflösung.

Stefan Howald

Else Laudan im bücherraum f mit einem Krimi der Altmeisterin Doris Gercke

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Der Waren- und Machtcharakter der herrschenden Medizin

Bücherräumereien (XV): eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

«Grabe wo Du stehst!» Das war damals, in den 1960er und 1970er Jahren die Devise unseres alten Linkspropheten Theo Pinkus. Damit war gemeint, dass für einen jeden, eine jede von uns, die wir zur eben erwachten antiautoritären Linken gehören wollten, die Gesellschaft allüberall stattfand, im Privatleben, im Beruf und in fast allen Institutionen. Wollte man diesen Imperativ aber nicht nur aufs blosse Agieren beschränken, so war man es sich schuldig, sich auch das diesbezügliche gesellschaftliche Wissen anzueignen und eine passende kritische Theorie zu suchen und zu finden. Man trat einer Basisgruppe Medizin bei oder wurde Mitglied der progressiven Vereinigung unabhängiger Ärzte und Ärztinnen (VUA). Und weil man das Engagement nicht auf standespolitische und syndikalistische Aktivitäten beschränken wollte, suchte man nach theoretischer Reflexion zur gesellschaftlichen Rolle und Funktion der Medizin.

Es gab zwar damals schon die Arbeiten eines Ivan Illich, von Thomas Szasz, von Alexander Mitscherlich sowie von Franco Basaglia, aber die klugen Debatten zum Verhältnis von Theorie und Praxis mussten wir uns in der marxistischen Zeitschrift «Das Argument» beschaffen. Die hatten 1970 in einem Sonderband «Kritik der bürgerlichen Medizin» begonnen, was sich in verschiedenen Bänden mit «Argumenten für eine soziale Medizin» fortsetzte. 1976 erschien dann das erste «Jahrbuch für kritische Medizin». So wurden wir langsam mit dem Waren- und Machtcharakter der herrschenden Medizin vertraut und mit ihrer latenten Zugehörigkeit zum militärisch-industriellen Komplex. Denn es ging ja nicht nur um irgendwelche lokalpolitische Fragen, sondern auch um Probleme der medizinischen Ethik, sowie um moderne Entwicklungen wie etwa die Gentechnologie, die Epidemiologie und die schwierigen Grenzfragen zum Beginn und zum Ende des Lebens. In den laufenden Debatten des Argument-Verlags konnte man sich nicht nur über die Lage in der damaligen Bundesrepublik, sondern international informieren und, wo gewünscht, an den Diskussionen teilnehmen. Dabei durfte man sich allerdings nicht daran stören, dass «kritische Medizin» mit «sozialer Medizin» synonym gesetzt wurde, und tat immer gut daran, den einen Fuss trittfest auf dem Terrain der Praxis zu behalten.

Berthold Rothschild


Im bücherraum f sind folgende Argument-Sonderbände zur Medizin und zum Gesundheitswesen vorhanden:

 «Kritik der bürgerlichen Medizin» (Argument Nummer 60, Sonderband 1970), «Argumente für eine soziale Medizin II – VII» (Argument Nummern 69, 71, 78, 89; 1971-1976), «Soziale Medizin», Sonderbände 5, 7, 9, «Jahrbuch für kritische Medizin» 1 – 8 (1976-1982), 26, 39, 46, sowie drei weitere Sonderbände zum Gesundheitswesen.

Als «Jahrbuch für kritische Medizin und Gesundheitswissenschaft» erscheint das «Jahrbuch» noch heute unregelmässig im Argument-Verlag und ist mittlerweile bei der Nummer 52 (2018) angelangt.

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