Europa, bleiche Schönheit

Ist Europa noch zu retten? Gibts Alternativen zum neoliberalen Kurs der Europäischen Union? Wie können wir neue Formen demokratischer Mitgestaltung entwickeln? Ein paar Fragen und Antworten zum Europakongress der WOZ am 8./9. September in Zürich.

Von Stefan Howald

Warum will die WOZ hier und heute über Europa diskutieren?

Europa ist gegenwärtig in aller Munde und zugleich ein Tabu. In der Schweiz bedient die SVP entsprechende Ressentiments für ihre fremdenfeindliche Agenda. Auf der Linken begnügen wir uns mit technokratischen Hilfskonstrukten. Dagegen braucht es eine scharfe, vorurteilsfreie Analyse und positive Ideen.

Und das wollt Ihr mit ein paar Podiumsgesprächen erreichen?

Wir bieten acht Podien und sechs Workshops an, für viele Interessen und Geschmäcker. Wir bringen 25 PodiumsteilnehmerInnen aus zehn verschiedenen Ländern und aus verschiedenen sozialen Bereichen zusammen: Wissenschaftlerinnen, Aktivisten, PolitikerInnen. Es wird informiert und diskutiert, und es werden Möglichkeiten zur praktischen Mitarbeit geboten.

Schön und gut. Doch die EU steckt in einer tiefen Krise. Britannien sucht den Austritt, Polen und Ungarn provozieren mit antidemokratischen Massnahmen. Nationalstaatliches Denken erlebt ein Comeback.

Gerade in dieser Situation darf man die Diskussion nicht den rechtsbürgerlichen Kreisen überlassen. Man muss sich der Chancen und Möglichkeiten gesellschaftlichen Fortschritts jenseits des Nationalstaats vergewissern.

Das ist wohl ein bitterer Witz. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der EU hat viele Menschen vor allem in Südeuropa verarmen lassen.

Ja. Deshalb wollen wir Alternativen diskutieren, auf einem Podium mit James K. Galbraith, Philipp Löpfe, Tom Kucharz und Mascha Madörin. Wir brauchen Vorstellungen, wie die Ungleichheit abgebaut werden kann.

An Europas Aussengrenze sterben täglich Menschen.

Das ist ein weiterer Skandal. Flucht und Migration nach Europa müssen sicherer werden und gemeinsam bewältigt werden. Darüber diskutieren Andreas Cassee, Rokhaya Diallo, Saskia Sassen und Damir Skenderovic. Auch darüber, wie Migration in den Köpfen anders gedacht werden kann.

Wo soll denn all dies in den undemokratischen EU-Strukturen verwirklicht werden?

Das ist die Frage: Wer hat wo was zu sagen? Agniezka Dziemianowicz-Bak, Andreas Gross, Teresa Pullano und Thomas Seibert debattieren, ob man die institutionellen Formen ausbauen oder nach neuen Formen der BürgerInnenbeteiligung suchen soll. Und wie Europa endlich grün werden kann, erörtern Eva Gelinsky, Balthasar Glättli und Alexandra Strickner.

Die europäische Identität ist doch eine Schimäre.

Europäische Gemeinschaftlichkeit kann nicht verordnet werden, sondern sich nur in der Praxis herausbilden. Milo Rau und Maria Stepanowa bringen mit Cédric Wermuth ihre reichhaltigen Erfahrungen und provokativen Ideen in die Debatte ein.

Ich sehe, dass auf dem Auftaktpodium am Freitag niemand aus einem EU-Staat stammt …

Europa ist ja mehr als die EU. Obwohl Europa ohne die EU nicht sein wird. Saskia Sassen (USA), Ece Temelkuran (Türkei), Jakob Tanner (Schweiz) spannen das Thema weit auf, historisch und topografisch.

Kommen auch Nicht-AkademikerInnen?

Ich hoffe, das ist nicht antiintellektuell gemeint? Aber ja, es gibt bewegungsorientierte AktivistInnen auf allen Podien. Im Übrigen sind solche Zuschreibungen längst fragwürdig. Rokhaya Diallo aus Paris ist Publizistin und zugleich antirassistische Aktivistin. Und es gibt spezifische Veranstaltungen zu einer Politik von unten. Wo stehen die Barrikaden? fragen wir Catarina Principe, Paul Rechsteiner und Raul Zelik.

Soll die Schweiz tatsächlich in die EU?

Ja. Nein. Vermutlich schon. Lieber nicht. Auf jeden Fall braucht es eine informierte Diskussion. Wir benötigen klare Vorstellungen und Vorschläge. Wir dürfen uns nicht von rechts treiben lassen, sondern müssen die europäische Zukunft aktiv mitgestalten.

Zugegeben: Das tönt alles recht interessant. Wen erwartet Ihr an der Tagung?

Möglichst viele Interessierte, Engagierte, Diskussionsfreudige. Deshalb haben wir die Eintrittspreise tief angesetzt: 40 Franken für das ganze Programm. Wo kriegt man in der Hochpreisinsel Schweiz sonst noch solch hochkarätigen Gegenwert?


Programm und Anmeldung unter www.europakongress.ch

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Rechtsausleger – Linksausleger

Der Klassiker unter den Fussballderbys

WOZ versus NZZ 

Montag, 7. August, 19 Uhr, Juchhof 2, Bernerstrasse 331, Zürich

Ein titanischer Kulturkampf ist für den Montagabend angesagt, wenn sich WOZ und NZZ auf dem Fussballfeld messen. Die von den Favoriten von der Falkenstrasse gewählte Taktik dürfte auch Aufschlüsse über den in der Redaktion favorisierten ideologischen Kurs vermitteln: postmodern befestigter Neoliberalismus oder strenger Ordoliberalismus? Wird die NZZ weiterhin ohne linken Flügel auskommen, oder wird Kulturchef Rene Scheu in seinem heroischen Kampf gegen die Political Correctness gerade umgekehrt die linke Seite verstärken? Vernebelt das Feindbild des genossenschaftlichen Wohnungsbaus der Lokalredaktion die Sicht auf die womöglichen Stärken des WOZ-Kollektivs? Leitet Chefredaktor Eric Gujers fatale Liebe für schiefe Sprachbilder den Spielfluss des eigenen Teams in die falschen Kanäle? Oder kann die Sportredaktion die Fackel sachlicher Aufklärung auch auf dem Spielfeld scheinen lassen?

DSC_1001Von der WOZ ist verlässlicher Unverlässlichkeit zu erwarten: Theoretisieren über the beautiful game kommt vor der Praxis der harten Trainingsarbeit, der Topos anarchischer Zufälligkeit ersetzt die ausgefeilte Spieltaktik, und in kollektiver Verantwortung soll sich die informelle Hierarchie auf dem Spielfeld im Verlauf der Geschehnisse herausbilden. Notwendenderweise ruft die WOZ deshalb in ihrer Vorankündigung in echt basisdemokratischer Manier zur Unterstützung durch das lesende Publikum auf.

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Keeping track with #losertrump

  • Director of communications fires chief of staff; new chief of staff fires DoC: just another day at the madhouse of #losertrump

  • So your first chief of staff was a «fucking paranoid schizophrenic»? Well, it took one to choose one, #losertrump

  • Trumpcare: Gone up in smoke, dopehead. When will you try to fill this void of a plan with another void, #losertrump?

  • Obamacare: Another vote, another disaster: You can’t even control the Republican party,  #losertrump

  • Parliament doesn’t trust you on all matters Russian – maybe Putin can give you a pat on your big head, #losertrump

  • Opposing LGBT people in the military – #losertrump, are you afraid of something in your closet?

  • So you have to wheel out a nine-year-old as your last fan, #losertrump. How truly SAD.

  • Good riddance to Sean Spicer, your biggest fan – is there anybody left to rant at at four o’clock in the morning, #losertrump?

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Aus dem Teufelskreis

Beftim2_1 Die Depression ist nie fern. Ständig droht sie einen, im Alltag anzuspringen. Gegen vielfältige Anfechtungen muss gekämpft werden. Um die eigene Sprache wird gerungen, und um die Identität.

Neunzehn Stücke versammelt die zweite CD von The B. Sie ist musikalisch vielfältig, der Rap wird unterschiedlich orchestriert, von Techno bis zu balkanischen Volksmusikklängen, zuweilen perlt ein Klavier vor sich hin, dann wieder wird zünftig gescratcht.

The B., Blerim Tatari, gehört seit etlichen Jahren zur Schweizer Albano-Rap-Szene. Was ein fragwürdiger Begriff ist, weil er ethnisch kategorisiert und damit einhegt. The B. rappt schliesslich zumeist in Mundart. Allerdings hat sich tatsächlich eine entsprechende Szene mit einer selbstständigen Infrastruktur, mit Aufnahmestudios und Videokanälen und einem eigenen Publikum etabliert.

The B. sticht daraus hervor mit geradezu schwermütig-existenziellen Texten. «Suech de Sinn», heisst ein Stück beispielsweise, ohne Scheu. Wenn sich kein Ausweg aus dem Labyrinth von Fragen zeigt und man doch einen Lebenssinn festhalten möchte. Wenn man in den verdammten Nächten von Alpträumen verfolgt wird, «won ich langsam usswändig weiss: ich wott use us dem Scheiss, doch bliib i da i dem verdammte Tüüfels-chreis». Man bekämpft die Versuchung in sich, mit einem Gin, und dann gewinnt sie sowieso. Rau hingerappt tönt das geradezu anrührend authentisch.

Der Schwermut antwortet der trotzige Widerstand: Erhobenen Haupts möchte man seinen Platz erobern. Wieder lebendig sein, sich selber treu bleiben. Die eigene Sache durchziehen. In seinen Texten ist The B. radikal allein. Entfremdung ist ihr Ausgangspunkt. Das ist eine soziale Aussage, auch ohne politische Parolen. So bleibt The B. repräsentativ für eine Szene und in ihr verankert. Auf dieser CD finden sich denn auch etliche Kollaborationen mit Kollegen, auf albanisch, englisch, französisch, berndeutsch. Dabei ist klar: Kunst ist Lebenshilfe, um seinen Platz zwischen Fremdsein und Integration in der Eigenständigkeit zu finden.

Stefan Howald


Beftim2_2

 

 

The B.: «#Beftim2». Winterthur 2017.

«Beftim2» kann gratis gestreamt werden via soundcloud.


Dieser Artikel erschien in der WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 28/17 vom 13.7.2017, siehe www.woz.ch

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Der Wert der Arbeit

LtoR-Liam-Tanme-Siubhan-Harrison-Gillian-Bevan-Peter-Polycarpou-Krysten-Cummings-Dean-Chisnall-in-WORKING-credit-Robert-WorkmanUnd dann kommt der Song eines Feuerwehrmanns: ein ehemaliger Polizist, der den Job aufgegeben hat, nachdem er beinahe einen Unschuldigen erschoss – jetzt, als Feuerwehrmann, fühlt er, dass er etwas Sinnvolles tut, zuweilen gar Leben rettet. Und im Publikum weiss man nicht, soll man tapfer klatschen oder betroffen schweigen, während in einem die Bilder des Grenfell Tower im Londoner Bezirk Kensington aufsteigen, in dem zwei Tage zuvor mindestens 79 Menschen verbrannt und ebenso viele von der Feuerwehr gerettet worden sind.

Das ist nur ein Moment, der diese Londoner Theateraufführung von «Working» besonders aktuell macht. Das Stück basiert auf einem Buch von Studs Terkel, dem US-amerikanischen Historiker und Radiomann. 1974 erschienen, handelt es von dem, was der Titel benennt: vom Arbeiten. Was immer noch ziemlich selten auf die Bühne kommt.

Studs Terkel (1912–2008) schuf mit «Hard Times» (1970) über die grosse Depression der 1930er-Jahre und mit «Working» Klassiker der Oral History. Er gab den Leuten ihre Stimme, auch in zahllosen Radiointerviews bis ins hohe Alter im National Public Radio. «Working» hat einen sprechenden Untertitel: «People talk about what they do all day and what they feel about what they do». Terkel liess die Menschen erzählen über das, was sie ganz konkret tun, die Handgriffe, die angewandten Fähigkeiten, das Zusammenwirken mit andern, und dabei reflektieren sie, mehr oder weniger elaboriert, wie sich das für sie anfühlt, was es bedeutet, welchen persönlichen Wert sie aus ihrer Arbeit ziehen.

Suche nach Identität

Wie soll man stolz darauf sein, vierzig Jahre lang Tag für Tag das gleiche zu machen, meint ein Stahlarbeiter; ein Steinmetz träumt umgekehrt davon, einmal ein Haus ganz aus Stein zu bauen, auch die Haustür – obwohl, wie er anfügt, die ein wenig schwer würde. Die Kellnerin in einem gehobeneren Restaurant imaginiert sich ihre Tätigkeit als Kunst, während die Flight Attendant ihre einst als glamourös beworbene Arbeit zunehmend desillusioniert erlebt.

Terkel hielt sich zurück, seinen kunstvoll verdichteten Interviews eine These aufzubürden, aber engagierte Sozialrecherche sind sie, weil sie die Kraft und die Würde der einzelnen Menschen zeigen. Und weil sie den Doppelcharakter der Arbeit sichtbar machen. Da ist der konkrete Arbeitsvorgang mit den resultierenden Gebrauchswerten. Der bleibt eingebunden in die kapitalistische Tauschwertproduktion. Der Widerspruch braucht eine Bewegungsform: eine Identität, die sich der Arbeit bei allen Beschränkungen abgewinnen lässt.

Bereits 1977 machte Stephen Schwartz aus der Vorlage ein Musical, oder besser eine Abfolge von choreografierten Songs, mithilfe verschiedener KomponistInnen. 35 Jahre später mit neuen Songs ergänzt, wurde das Stück ein moderater Off-Broadway-Erfolg und erlebt jetzt in London die europäische Erstaufführung.

Schmissig

Die vorgeführten Jobs und Arbeitssituationen sind US-amerikanisch, und US-amerikanisch ist auch die Musik. Das heisst, sie ist schmissig und funktional, zuweilen jazzig, zuweilen balladeks, aber immer kräftig bühnentauglich. Die Texte allerdings gehen über ihren spezifischen Kontext hinaus. «Brother Trucker» oder «Millwork» von James Taylor scheinen klassische Bilder von blue collar work zu bedienen, die angeblich am Aussterben ist. Aber wenn die Fabrikarbeiterin ihren konkreten Arbeitsablauf beschreibt, im Achtzig-Sekunden-Rhythmus, dann ist man in den Sweatshops der Weltwirtschaft angelangt. Und wenn der Lastwagenfahrer seine Freiheit zu beschwören versucht, dann werden Mentalitäten sichtbar, die in den USA neue Urständ gefeiert haben. Dabei entziehen sich die Texte nostalgischer Identifikation. Man mag mit der Lehrerin mitfühlen, die früher zwanzig Kindern pro Klasse englische Literatur beibrachte und heute fünfzig Kindern pro Klasse Englisch als zweite Sprache einpauken muss, während die gelangweilt ihre Handys bedienen ­– bis sich die Lehrerin als Anhängerin der Prügelstrafe zu erkennen gibt. Und die neueren Stücke beschäftigen sich mit ausgelagerten und flexibilisierten Jobs: ein Angestellter in einem Call Center in Indien, ein Pizza-Auslieferer, der auf eigene Rechnung arbeitet.

Die Gesangsleistungen der sechs HauptdarstellerInnen sind erstaunlich, die Choreografie im beschränkten Raum des Southwark Playhouse ist beachtlich. Zum Schlusslied findet sich das Ensemble zu einer Art US-amerikanisch optimistischen Version von Brechts Gedicht «Fragen eines lesenden Arbeiters» zusammen – dass alle, die an und in einem Hochhaus gearbeitet haben, verewigt werden auf einer riesigen Plakette, die sich das ganze Haus entlang hochzieht. Das ist eine hübsch symbolische Idee: den Wert der Arbeit öffentlich anerkennen. Dann denkt man an den Brand im Grenfell Tower und muss sich sagen, dass Arbeit nicht in einem luftleeren Raum stattfindet, sondern unter bestimmten Produktions- und Machtverhältnissen. Die Feuerwehr hat angesichts der Katastrophe heroische Arbeit geleistet. Aber wenn die konservativ dominierte Behörde des reichen Councils die Sozialwohnungen für die ärmeren QuartierbewohnerInnen besser unterhalten hätte, hätte es die Feuerwehrleute nicht als HeldInnen gebraucht.

Stefan Howald


«Working» läuft im Southwark Playhouse noch bis zum 8. Juli, siehe www.southwarkplayhouse.co.uk

 

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Klinken putzen

Kreide fressen müssen viele nach dem unerwartet guten Abschneiden von Jeremy Corbyns Labour Party bei den britischen Parlamentswahlen. Nein, wir wollen nicht übertreiben: Gewonnen hat er die Wahlen nicht, aber angesichts der Voraussetzungen einen unerwarteten, sensationellen Zwischenerfolg errungen.

Zu den Voraussetzungen gehörte die Feindseligkeit des überwiegenden Teils der Medien. Selbst auf der linksliberalen Seite. Eines der grössten Opfer ist der New Statesman unter seinem Chefredaktor Jason Cowley. Der hat in der letzten Nummer vor der Wahl einen länglichen Artikel geschrieben, wie Labour vernichtend geschlagen werde, auf 150 Sitze zusammenschrumpfe, weil Corbyn mit seinem Programm aus den Siebzigern jeden Kontakt zu den durchschnittlichen Leuten verloren habe. Wie gesagt, was die Wahlresultate betrifft, so haben sich viele getäuscht, aber Cowleys Artikel sticht heraus in seinem totalen Unverständnis, auch nur etwas vom neuen Sog im Labour-Manifest, in den neuen Mitgliedern und in Corbyns unkonventionellem  Politikstil zu spüren, und stattdessen von Patriotismus zu schwafeln, den Corbyn nicht verstehe und dabei noch auf George Orwell zu rekurrieren, der den englischen Patriotismus in einer schwachen Stunde während des Zweiten Weltkriegs zur grundlegenden Charaktereigenschaft der Briten erklärt hatte. Me thinks he should resign (nicht Orwell, sondern Cowley).

Auch ich fresse Kreide, weil ich es schon als Erfolg verstehen wollte, wenn Labour bei den Stimmen moderat zugelegt und die Sitzzahl hätte halten können. Aber für mich, und darauf halte ich mir etwas zu gute, war die Frage bezüglich Corbyn immer, ob er seinen unbestreitbaren und erfreulichen Erfolg bei der Mobilisierung neuer Mitglieder für Labour umsetzen könne in die Aktivierung dieser neuen Mitglieder vor Ort. Diesen Test hat die neue Bewegung nun fürs Erste bestanden.

Dabei sind die sozialen Medien wieder mal in den Vordergrund gerückt. Corbyn, dieser «naiv gutmeinende» oder «gefährliche» Rückfall in die siebziger Jahre, hat den Kampf bei den neuen Medien klar für sich entschieden. Seine Twitter- und Facebook-Accounts hatten mehr als doppelt so viele Followers als die von Theresa May, und vor allem haben sie kurz vor den Wahlen überproportional zugenommen.

Auch die Mobilisierung der neuen Mitglieder ist mehrheitlich durch diese Medien erfolgt. Da wird es aber interessant: Mobilisierung wofür? Nun, für lokale Veranstaltungen und vor allem fürs Canvassing. Canvassing ist eine angloamerikanische Spezialität: das Türklinkenputzen. Die Parteien bauen nicht einfach Stände auf öffentlichen Plätzen auf und warten, ob jemand sich ihrer erbarmt und ihnen ein Flugblatt abnimmt. Sondern sie gehen von Tür zu Tür, um ihre Werbung direkt an Mann, Frau, Kind und Hund zu bringen. Das tönt furchtbar altmodisch, aber gerade die neuen Labour-Mitglieder haben in nie gesehener Zahl solches Canvassing betrieben. Und dabei hat Momentum eine zentrale Rolle gespielt. Momentum war ein Wahlverein für Corbyn innerhalb der Labour Party, und weil ein paar unrekonstruierte KommunistInnen und Trotzkisten eine gewisse Rolle darin spielten, wurde die ganze Organisation gleich verschwörungstheoretisch abqualifiziert. Für diese Wahlen nun hat Momentum neben der Labour-Party-Maschinerie die neuen Mitglieder motiviert, und dies unabhängig von irgendwelchen parteiinternen Spielchen: Ziel war es, Labour mehr Sitze zu verschaffen. Während die offiziellen Labour-Sektionen vor allem an die Verteidigung von womöglich gefährdeten Sitzen dachten, mobilisierte Momentum frech für Marginals, also solche Sitze, in denen die Tories (oder gelegentlich auch die Liberaldemokraten) nur über eine knappe Mehrheit verfügten und wo, bei optimistischer Gemütslage, eine geringe Chance bestand, dass Labour den einen oder anderen Sitz holen würde. Der Erfolg der Mobilisierung war teilweise im Wortsinn überwältigend: In einzelnen Wahlbezirken trafen so viele HelferInnen ein, dass gar nicht mehr alle eingesetzt werden konnten. Beziehungsweise neue Aufgaben übernahmen. Denn normalerweise besteht Canvassing darin, dass man nicht beliebig von Tür zu Tür geht, sondern sich auf jene Haushalte konzentriert, die schon mal Labour gewählt haben oder Sympathien bekundet haben oder Sympathien haben könnten – es geht also vor allem darum, potentielle Labour-WählerInnen überhaupt an die Urne zu bringen und den einen oder anderen Unentschiedenen noch zu überzeugen. Doch weil in einigen Wahlbezirken die erste Welle von Freiwilligen schon alle entsprechenden Klinken geputzt hatten und weiterhin Leute eintrafen, entschied man: Na, dann läuten wir doch wirklich an jeder Tür, auch an solchen, wo ein Plakat verkündet, hier wähle man die Tories oder Libdem. Und siehe da: Einer dieser Sitze ging mit einem rekordverdächtigen Swing von 14 Prozent an Labour (Swing ist auch wieder so was spezifisch Angelsächsisches: wie sich die Wählerverhältnisse zwischen den beiden im Wahlkreis grössten Parteien verändern. Das ist nicht identisch mit WechselwählerInnen, da ja sehr viele neue WählerInnen für Labour gestimmt und damit deren absolute Stimmenzahl erhöht haben. Aber weil andererseits die Tories viele Ukip-Stimmen geerbt haben (ein Grund, weshalb sie trotz ihrer Niederlage mehr Stimmen als bei den letzten Wahlen erzielt haben), müssen doch etliche Tory-WählerInnen zu Labour gewechselt haben.

Die sozialen Medien sind noch immer vorwiegend ein Kommunikationsmittel. Sie sind nicht schon als solche die digitale Demokratie. Es braucht weiterhin die handfeste, leibhaftige, persönliche Aktivität vor Ort. Die britischen Wahlen zeigten auch: Viele derjenigen, die erstmals Klinken putzten, waren begeistert und wollen weitermachen. Jetzt muss das fortgesetzt werden mit handfester, leibhaftiger, persönlicher lokaler Politik. Damit bei den nächsten Wahlen Labour wirklich gewinnt.

Stefan Howald

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#losertrump, a fifth batch from May

  • You complain that you are the most maligned president in history. Oh dear, #losertrump, shall I lend you a handkerchief or hold your hand?
  • You wrote you had an AMAZING time remembering the Holocaust, #losertrump – although it is just an invention of the leftwing Hollywood mafia
  • When you are cosying up to the Saudis, you think they will butter your bacon with some more fishy and oily deals, #losertrump?
  • So you do not even realise when you offer the Russians some classified intelligence? Losing your marbles seems to be in your blood, #losertrump
  • Sacking FBI-chief Comey: Obviously, #losertrump, you are feeling something is coming your way
  • Sacking him because of «horrible Hillary». No, because of this «Russian thing» – sorry, folks, it is difficult to keep taps in my muddled mind
  • Climate change? Hoax! I will build an axis of strong independent countries with Nicaragua and Syria. Trust me, friends, for I am #losertrump
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Sprossenbruch oder Die Tragödie in der Turnhalle

Ach du volle Neune, jetzt kommen die wieder. Da wird, sage ich zu Sprosse 3 unter mir, vermutlich ziemlich geholzt, was sie mit einem Kichern quittiert. Sie ist halt ein einfaches Gemüt. Mir wird es ewig unverständlich bleiben, wie man in dieser Halle hinter einem runden Ding herhetzen kann, durcheinander, hin und her, im hektischen Chaos. Schliesslich sind wir ja auch ganz zufrieden, so festgemacht, alle in der Reihe und schön in der Ordnung. Wo kämen wir hin, wenn ich mich aus meiner Verankerung lösen und raufklettern würde, über die anderen Sprossen hinaus. Da bräche doch bald alles zusammen. Nein, man muss wissen, wohin man gehört. Obwohl, seine Reize hätte es vielleicht doch, ich muss ja meinen ganzen Körper verdrehen, wenn ich die Halle überblicken will, und da oben wäre die Aussicht vermutlich besser und die Luft weniger von diesen üblen Schweissdämpfen durchzogen. Naja, was soll man machen, bleiben wir halt beim beschaulichen Leben. Aber sie sollen mir zumindest vom Leib bleiben, immer schön in der Mitte, bei diesem zentralen Ding, das Gool, wie es Sprosse 9 mit seiner knarrenden Stimme mal genannt hat – der Feuergott hab ihn selig, da er schon lang aufgegangen ist in Asche.

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In der Mitte bleiben! hab ich gesagt, aber nein, jetzt muss dieses runde und gar nicht so weiche Ding ganz in der Nähe einschlagen. Sprosse 3 quietscht ganz verschreckt, sie ist doch so hilflos, ihre gebräunte Haut glänzt, und man würde am liebsten ihre fein gedrechselten Kurven beschützen, man ist ja schliesslich nicht aus Holz – oder, ich meine … jedenfalls, die alte Sprosse 8 über mir knarrt wieder mal verächtlich: Rüpel. Ach, sie hat nicht mich gemeint, merke ich leicht aufgeschreckt, sondern die mit dem runden Dings, das sie wild in der Halle herumballern. Das soll ein besonders raffinierter Spielzug sein, mischt sich Sprosse 12 von oben herab ein, den Ball so von uns abprallen zu lassen, dass er an einen günstigen Ort zurückkehrt, und irgendwie ist es doch ganz cool, nicht, dass wir auch irgendwie mitspielen? Cool würde ich das nicht nennen, wenn sie sich mit ihren schweissigen Händen auf uns abstützen, murre ich, aber den Witz versteht wieder keiner. War auch nicht besonders gut, muss ich gestehen, ein wenig hölzern. Pah, das ist noch gar nichts, quatscht Sprosse 12 weiter, der den Überblick hat, oder es zumindest behauptet, zum Glück sind wir nicht auf der anderen Seite – er macht eine dramatische Pause und fährt dann fort: Dort drüben klettern sie nämlich auf einem hoch, Sprosse für Sprosse, treten einen mit ihren komischen Extremitäten, und dabei sind sie ganz schön schwer. Eklig, knurrt Sprosse 8 und vibriert leicht vor Indignation. Was du alles weisst, säuselt Sprosse 3 unter mir, und der Zwölfer knarrt geschmeichelt. Dabei ist er nur ein eingebildeter Holzkopf.

Jetzt kommen sie schon wieder auf unsere Seite, bloss nicht – aua, was ist das, voll in die Mitte, ein Stich durch den ganzen Körper, ein Blitz mitten hindurch, dieser Schmerz, es zerreisst mich, mir wird schwarz, etwas ist gebrochen, abgesplittert ragt ein Stummel in die Luft, und da unten fehlt mir etwas, wo höre ich denn auf, aber was heisst ich, ich bin hier und da zugleich, in einem zweiten Stummel, der Schmerz ist in mir und zugleich an einem anderen Ort, in einem anderen Teil von mir. Ich bin entzwei – und bin zwei. Hilfe! rufe ich mir zu, wo bist du, und wie ein Echo rufe ich in meine zweite Hälfte hinein und rufe ein neues Echo hervor.

137573_web_R_K_by_Harry-Hautumm_pixelio.de_Da packen mich rohe Hände, drehen, zerren, ein Schmerz wieder durch den ganzen, den halben, den zweifachen Körper, ein Fusstritt, unerträgliches Pochen, ein glühendes Rot, gelähmt liege ich am Boden, liegen wir zwei am Boden, dunkel, und dann nichts mehr.

 


 

Bei der Tragödie anwesend waren:

Christoph, Andi, David, Sämi; Küde, Adi, Adrian1, Stefan; Adrian2, Max, Michi, Tino.

 

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Demokratie – kritische Reflexionen

Die gegenwärtige repräsentative Demokratie ist zunehmend in Verruf geraten. Teils wird sie als blosse Kehrseite des Kapitalismus fundamental kritisiert, teils wird der Ruf nach direkteren Demokratieformen laut. Das «Schulheft» Nummer 164 aus der «pädagogischen Taschenbuchreihe» führt eine Auseinandersetzung zum Thema Demokratie aus pädagogischen und gesellschaftspolitischen Perspektiven abseits von Mainstream und medialen Darstellungen.

Schulheft_164

Aus dem Inhalt

Christine Rabl: Wie kann die Demokratie zur Aufgabe der Pädagogik werden? Perspektiven kritischer Erziehungswissenschaft auf den Zusammenhang von Pädagogik und Demokratie

Conrad Schuhler: Kapitalismus oder Demokratie?

Stefanie Wöhl: Die Krise der repräsentativen Demokratie in Europa

Marion Löffler: Postdemokratie – Probleme mit der Demokratie heute

Gundula Ludwig: Postdemokratie und Geschlecht

Stefan Howald: Volkes Wille? Wie hält es die Schweiz mit der Demokratie? Kann sie der EU etwas vormachen? Ein paar grundsätzliche Überlegungen anhand einiger Beispiele

Ruby Salgado: Das Management, der Tod, der Rest

Hans Hautmann: Österreich 1918-1933. Von der Erringung zur Beseitigung der Demokratie

Hauke Straehler-Pohl und Michael Sertl: Demokratie und pädagogische Rechte

Wolfgang Popp: Friedenserziehung als Demokratieerziehung

Michael Brandmayr: Was nützt der Projektunterricht in Zeiten der Demokratie?


«Schulheft 164»: Demokratie – kritische Reflexionen. 41. Jahrgang. Studien Verlag. Innsbruck 2016. 144 Seiten. 16 Euro.

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Not to be forgotten, the fourth batch from April

  • Where is the wall towards Mexico? Can’t you find any American workers who will build it? What a #losertrump
  • So you threw the «mother of all bombs» in Afghanistan. Hey, #losertrump, you know what they say about men using big weapons?
  • This GOOD guy Steve Bannon is out of the picture. So SAD. Help, I am lost in my own shrivelled mind, #losertrump
  • Your speaker thinks there was no poison gas used before Assad in Syria. But then the puppet doesn’t know more as his master, #losertrump
  • You send an aircraft carrier to North Korea but it gets lost in the big ocean; as you will #losertrump
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