Rettende Filme

Warnung: «The Post» kann zu einer Depression führen. Der hoch gehandelte Film über die «Pentagon Papers» beschwört eine heroische Zeit unerschrockener Zeitungsleute auf der Suche nach der Wahrheit, die führenden Politikern durchaus unangenehm werden und gar zu ihrem Sturz führen kann. Da muss man unweigerlich daran denken, dass es für die heutigen Führer der US-Nation so etwas wie Wahrheit als Konzept schon gar nicht mehr gibt.

Aber war es Anfang der siebziger Jahre tatsächlich so viel besser als heute? Die Zeitungen waren damals behäbig und pompös, auf institutionelle Politik konzentriert; die seltenen sensationellen Enthüllungen wurden in kaum leserlichem Administrationsenglisch verpackt und mussten auf Seite 7 ausgegraben werden. Auch machte schon Richard Nixon lange vor Donald Trump das, was dieser jetzt zelebriert, nämlich Privatkriege gegen kritische Zeitungen anzuzetteln und sie von Pressekonferenzen auszuschliessen. Indem «The Post» die Veröffentlichung der «Pentagon Papers» als Drama innerhalb der «Washington Post» inszeniert, rücken die Medien allzu stark in den Vordergrund; Proteste auf der Strasse gegen den Vietnamkrieg tauchen nur als bunte Hintergrundskulisse auf.

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Beinahe interessanter als die medienpolitische Verklärung ist die Geschlechterfrage. Meryl Streep spielt die Verlegerin, die nur durch den Tod ihres Mannes in diese Funktion und Rolle geraten ist und von den Männern um sie herum nicht ganz ernst genommen wird, mit aller durchaus schmerzhaften Zögerlichkeit. Bis der Entscheid, gegen die Interessen der guten Kreise, in denen sie sich bislang bewegt hat, die Geheimpapiere zu veröffentlichen und sich damit des Geheimnisverrats schuldig zu machen, geradezu aus ihr herausbricht – dass sie danach entschieden und selbstbewusst auftritt, wird als lange vorbereitete Katharsis sogar plausibel. Zum Schluss geht sie bescheiden durch eine Phalanx bewundernd zu ihr aufblickender junger Frauen, was denn doch ein wenig anachronistisch wirkt.

Die Selbstbeweihräucherung der US-Zeitungen ist übrigens schon in Billy Wilders «Frontpage» (1974) zerlegt worden. «The Post» mag zudem falsche Hoffnungen wecken. Dass Tricky Dicky zwar nicht gerade an den «Pentagon Papers», aber immerhin am daraus sich entwickelnden Watergate-Skandal scheiterte, kann uns vorgaukeln, Gleiches könnte auch mit Trump geschehen.

Wenn wir denn schon Helden brauchen, dann wäre Daniel Ellsberg unser Mann. Mit ihm, dem brillanten Politanalytiker mit Gewissen, der die geheimen Regierungsunterlagen mitlaufen und den Zeitungen zukommen lässt, beginnt der Film, lässt ihn dann allerdings ziemlich schnöde auf einem Abstellgeleise verschwinden. Ellsberg lebt ja noch, mittlerweile sechsundachtzig Jahre alt. Über die Vorgänge um die «Pentagon Papers» hat er schon 2002 autobiografisch berichtet. Dabei war der Vietnamkrieg als Anlass für seinen zivilen Ungehorsam eigentlich sekundär. Umgetrieben hat ihn vor allem die atomare Gefahr, wie er in einem soeben erschienenen zweiten Memoirenband «The Doomsday Machine. Confessions of a Nuclear War Planer» beschreibt.[1] Tatsächlich war er als Systemanalytiker in die militärische Planung während des Kalten Kriegs einbezogen. Bei seinen Schilderungen packt einen das kalte Grausen. Da wurde von militärischer, aber auch von politischer Seite ganz selbstverständlich mit Millionen von Toten gehandelt. Generäle wollten die Sowjetunion flächendeckend zerstören, und China auch gleich mit, damit sich die USA ein paar Jahre später nicht wieder mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sähen.

Mittlerweile redet Trump ganz offen davon, Nordkorea plattzumachen. Natürlich, es besteht immer die Möglichkeit, dass er nächstens in Pjöngjang einen Golfplatz samt Luxushotel eröffnet, aber darauf kann man ja leider nicht zählen. Im Übrigen sind die Pläne für einen Nukleareinsatz längst ohne Trump gemacht und wären auch ohne ihn umsetzbar. Die «New York Review of Books» hat in den letzten Monaten etliche besorgte Artikel der Frage gewidmet, inwiefern die Besetzung wichtiger Stellen in der Trump-Administration durch hohe Militärs einen realpolitischen Schutzschild gegen dessen Unberechenbarkeit darstellt oder mittelfristig strukturell den Primat der Politik aushöhlt.

Wie also gegen diesen Unverstand ankämpfen? «Three Billboards outside Ebbing, Missouri» liefert dafür nicht unbedingt eine Antwort. Der Film wird gerade als Meisterwerk gefeiert, mehr oder weniger implizit auch als Ode an den Widerstand gegen Trump-befeuerten Rassismus und Sexismus. Tatsächlich ist er höchst unterhaltsam, und Frances McDormand verdient für ihre Hauptrolle jeden Preis, den sie kriegen kann. Wie sie im schwarzen Hoodie ein paar Mollies gegen die Polizeistation wirft, ist hohe Kunst, in mehrfacher Hinsicht. Allerdings hat Daniela Janser in der WOZ zu Recht darauf hingewiesen, dass darin denn doch ein eher bedenkliches Gesellschaftsbild steckt.[2] Man kann die Geschichte der Mutter, die die schlampige Arbeit der Polizei bei der Aufklärung der Ermordung ihrer Tochter anprangert, als Emanzipationsgeschichte lesen, aber sind wir tatsächlich so weit ins Abseits geraten, dass wir dabei die Selbstjustiz als letzten Ausweg feiern müssen?

https://static01.nyt.com/images/2017/11/10/arts/10threebillboards1/10threebillboards-web-master768.jpgDer unbestreitbare Unterhaltungswert des Films entspringt daraus, dass er eine Kunstwelt mit eigenen Gesetzen aufbaut. Doch auch Kunstwelten weisen strukturelle Bezugspunkte zur Realität auf, bei «Three Billboards» von der Filmkritik zusätzlich befeuert. Der Film handelt ja in Trump-Land – in Missouri gewann Donald T. mit 56,8 Prozent gegenüber Clintons 38,1 Prozent, bei einem Swing verglichen mit 2012 von 9 Prozent. Dabei sind die meisten Figuren  lustvoll gezeichnete Klischee – dimwits, white trash. In manchen Filmkritiken lese ich, die Personen seien ambivalent, vielschichtig usw. Aber wo steckt die Ambivalenz, wenn ein gewalttätiger, rassistischer, sexistischer Polizist durch den väterlich ermahnenden Brief seines toten Vorgesetzten urplötzlich auf die rechtschaffene Bahn gesetzt wird? Und wo steckt die Ambivalenz, wenn durch das Auftauchen eines schwarzen Polizeichefs plötzlich die Rassenfrage gelöst ist? Im besten Fall sind das naive liberale Wunscherfüllungsfantasien. Für den weltanschaulichen Kampf in Trump-Land lernen lässt sich daraus nichts.

Stefan Howald


[1] Siehe «New York Review of Books» Nr. 1/LXV vom 18.1.2018, S. 13 – 15.

[2] Siehe WOZ Nr. 4 vom 25.1.2018, S. 23.

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Raum für Bücher

Der neue «bücherraum f» in Oerlikon

Welch ein schöner Titel: «Lebendiges Buch!» So hiess eine Tagung, an der ich kürzlich  teilgenommen habe, und nach einem Samstag mit vielfältigen Vorträgen und Gesprächen hatte sich bestätigt: Wie toll Bücher doch sind!

Es kann nie genug Bücher geben, und doch gibt es so viele davon. Unsere Bücherräume, mitsamt jenen der Organisationen, die wir aufgebaut haben, platzen aus allen Nähten. Wer könnte allerdings mit gutem Gewissen Bücher entsorgen, gar fortwerfen?

Deshalb wird mit dem «bücherraum f» eine neue Bibliothek in Zürich entstehen. Sie soll Geschichte aufbewahren und aktualisieren. Der «bücherraum f» setzt sich aus zwei Hauptbeständen zusammen. Da ist die Sammlung, die sich um die Zeitschrift «Widerspruch» herum gebildet hat: In 36 Jahren sind manche Bände zu Politik, Philosophie, Sozialwissenschaften und Psychologie ebenso wie zahlreiche Zeitschriften und Dossiers zu  einzelnen Themenheften zusammengekommen. Und da ist die Frauenlesbenbibliothek «schema f», mit einem weiten Spektrum an Literatur und Theorie, die im Zürcher Frauenzentrum untergebracht war und 2008 dort ausziehen musste. Seither schlummert sie in einem Lagerraum und kann nicht öffentlich benutzt werden, so wenig wie die «Widerspruch»-Bibliothek.

Im «bücherraum f» sollen beide Sammlungen zugänglich werden. Ergänzt durch ausgewählte Stücke aus Privatbibliotheken.

Bücher aufstellen aber reicht nicht. Ein Buch lebt erst im Lesen und im Austausch darüber, es muss Leserinnen und Leser finden. Deshalb ist der «bücherraum f» als ein kleiner Kulturtreffpunkt für verschiedenste Aktivitäten gedacht.

Inmitten der etwa 18’000 Bücher und Zeitschriften soll ein Ort für Recherchen und Lektüren sowie Reflexionen und Diskussionen entstehen. Konkret werden im «bücherraum f» Arbeitsmöglichkeiten geschaffen, es wird Platz für Sitzungen und Lesezirkel zur Verfügung stehen, und es werden Kultur- und Politveranstaltungen in kleinerem Rahmen stattfinden.

Gibt es solche Orte nicht schon? Das Sozialarchiv in Zürich enthält ziemlich viele Bücher aus dem links-alternativ-feministischen Spektrum, und die Bestände von Theo Pinkus in der Zentralbibliothek tun das erst recht. Aber der «bücherraum f» kann eine eigenständige Identität anbieten. In den Beständen von «schema f» finden sich Lesben- und Frauenkrimis oder Berg- und Wanderbücher. Es gibt Bücher aus Eigenverlagen, Broschüren von Lesbengruppen, feministischen Organisationen und Gewerkschaften zu Frauenthemen, universitäre Abschlussarbeiten. Beim «Widerspruch» lassen sich die vielfältigen Strömungen der Kritischen Theorie verfolgen. Oder da stehen Werke von Heidegger neben denen seiner Kritiker, und so lässt sich vielleicht erschliessen, warum so etwas wie ein Linksheideggerianismus entstanden ist (und warum der falsch liegt). Dazu gibt es Dossiers zu relevanten Debatten, zu diversen Protagonisten und zu «Widerspruch»-Themenschwerpunkten. Beim taktilen Stöbern in den Beständen entstehen womöglich neue Zusammenhänge. Hier also ist Simone de Beauvoir platziert, und da drüben, oder daneben, oder dagegen, steht Jean-Paul Sartre.

Gibt es nicht auch schon vielfältige Kulturangebote? Ja. Doch mit kommerziellen Veranstaltungen will der «bücherraum f» nicht konkurrenzieren. Wir möchten ein wenig intimere, vielleicht intensivere Veranstaltungen und Diskussionen anbieten. Aus vielfältigen Interessen heraus Neuerscheinungen vorstellen, Entdeckungen aus den Beständen der Bibliothek präsentieren. Arbeitszusammenhänge dokumentieren. Von Mary Burns bis Georg Büchner, vom Populismus bis Nina Power, von Münchhausen bis Ella Maillart.

Geplant ist der «bücherraum f» an einem nicht ganz gewohnten Ort, in Oerlikon, an der Grenze zwischen dem alten Teil gegen Schwamendingen zu und dem neuen Stadtteil um den Max-Bill-Platz herum.

Oerlikon? Da scheint für StadtzürcherInnen eine psychologische Barriere zu bestehen. Was Herausforderung und Chance ist. Dezentralisierung, lokales Engagement: Das sind gute linke Stichworte. Zudem ist Oerlikon im Kommen. Institute der Universität und andere Bildungsinstitutionen bringen ein jüngeres Publikum, und die Wohnblöcke um den Max-Bill-Platz können etwas kulturelle Aufpeppung vertragen. So werden Veranstaltungen auf die Lokalität Bezug nehmen. Schliesslich sind manche jener Frauen, nach denen im neuen Oerlikon eine Strasse oder ein Platz benannt worden ist, mit Werken im «bücherraum f» vertreten.

Der «bücherraum f» wird von einem Verein getragen. An der Umsetzung sind zurzeit beteiligt: Monika Zemp, Clara Zellweger, Monika Saxer, Jonathan Pärli, Stefan Howald, Pierre Franzen, Dolores Zoé Bertschinger. Gespräche mit zusätzlichen TrägerInnen sind im Gang.

Wir können weitere Unterstützung gut gebrauchen. Einfache Vereinsmitglieder zahlen 60 Franken pro Jahr, Fördermitglieder 240 Franken. Nützen würde es uns auch, wenn unser Projekt im weiteren Umfeld bekannt gemacht würde. Und wir sind interessiert an Menschen, die Ideen für Veranstaltungen haben und diese umsetzen möchten. Zusätzliche Informationen finden sich auf unserer Website.

Stefan Howald

www.buecherraumf.wordpress.com / buecherraumf@gmail.com


Dieser Text erschien auch im Info der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung, siehe http://studienbibliothek.ch/

 

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Furios und masslos

Dora Koster (1939 – 2017)

Knapp zwanzig Bücher hat sie veröffentlicht, Autobiografisches, Krimis, Gedichtbände. Die evozieren ganz eigenständige poetische Bilder ebenso wie böse satirische Vignetten.

Dora Koster sprengte Grenzen, des Masses, der Wohlanständigkeit.

Sie war unübersehbar und unüberhörbar im Zürcher Niederdorf. Zuerst an der Froschaugasse, dann am Rindermarkt und am Predigerplatz hat sie das kulturelle Klima dieser Stadt befördert, war mit dem Theater am Neumarkt verbunden. Und hat zugleich in diesem Biotop als informelle Sozialarbeiterin gewirkt.

Um zu erklären, wer Dora Koster war, muss man erwähnen, dass sie sechzehn Jahre lang als Prostituierte gearbeitet hat, und es war ihr ein böser Stachel, wenn dies immer wieder erwähnt wurde. Aber die Vorgeschichte steht am Beginn ihrer literarischen Karriere: Der autobiografische Bericht «Nichts geht mehr» wurde im Zeichen «authentischer» randständiger Literatur 1980 ein Grosserfolg und ermutigte sie weiterzuschreiben.

Seither hat sie pausenlos geschrieben. Sie arbeitete nicht mehr im Milieu, blieb ihm aber im Denken und Handeln verbunden. Dem ersten Erfolg hastete sie zeitlebens hinterher. Das wurde zum zermürbenden Kampf mit dem Literaturbetrieb, der sich ein wenig mit ihr schmückte, um sie als Schriftstellerin doch nicht ganz ernst zu nehmen.

War sie denn eine Schriftstellerin? Unbedingt. Unbedingt in der Notwendigkeit, Schreiben als Überleben zu betreiben. Ihre Bilder und Aphorismen werfen grandiose Blicklichter, zertrümmern mit treffendem Witz falsche Rücksichtnahmen. Ihre Produktion war unbezähmbar; geduldig formen konnte sie ihre Kunst nicht.

Dora Koster hat es einem nicht leicht gemacht. Sie war masslos, in der Grosszügigkeit wie im Furor. Die letzten Jahre waren schwierig: gesundheitlich angeschlagen, aus sozialen Netzen gefallen, nie reichte das Geld. Es bleibt eine verstörende Erinnerung, wie sie einem erklärte, sie müsse – in der reichen Schweiz – mit ein paar Kartoffeln die Tage bis zum Eintreffen der AHV überstehen.

Sie überlebte vieles, eine Kugel im Kopf, Blutstürze, Infarkte. Da war ein Lebenswille, der Glaube auch an eine universale Verbundenheit mit der Natur, ja dem Kosmos. Jetzt ist dieser Wille erloschen.

Stefan Howald

 

Dieser Nachruf erschien in der WOZ Nr. 49/17 vom 7.12.2017, S. 21. Siehe www.woz.ch


Bibliografie der Werke von Dora Koster

  • Nichts geht mehr. Stationen einer Frau aus dem Milieu. Unionsverlag, Zürich 1980, 236 Seiten
  • Mücken im Paradies. Ein Politkrimi. Orte-Verlag, Zürich 1981, 140 Seiten
  • Sanft und gefährlich. Benteli-Verlag, Bern 1981
  • Winkender Mond, wir kommen, Gedichte. Froschau Verlag, Zürich 1982, 128 Seiten
  • Geteert und gefedert. Neuer Malik Verlag, Kiel 1983, 190 Seiten
  • Schattenviolette. 11 Gedichte von Dora Koster in 11 Bildern von Peter Weiersmüller. Edition Der Landbote, München 1984, 11 grossformatige Drucke
  • Nur ein Sprung in die Welt. Verlag Winfried Richter, München 1985, 130 Seiten
  • Blautraum. Ein realistisches Märchen. Verlag Winfried Richter, München 1985, 114 Seiten
  • Zeitblut. Froschau Verlag, Zürich 1987, 112 Seiten
  • Orchideen und darnach. Lyrik. Rauhreif Verlag, Zürich 1988, 132 Seiten
  • Blautraum. Ein realistisches Märchen. 2. Auflage. Froschau Verlag, Zürich 1992, 114 Seiten
  • Lila Leichen und andere Nettigkeiten. Reihe Nordpfiff im Froschau Verlag, Zürich 1993, 86 Seiten
  • Tanz der Soliden. Briefe. Limmat Verlag, Zürich 1994, 104 Seiten, 26 Franken. vertrieb@limmatverlag.ch
  • Der Himmel ist kein Warenhaus. Geschichten und Briefe aus dem Schweizerwald. Wotan Verlag, Zürich 1995, 196 Seiten
  • Abschied von den Tigerfinken. Elf Erzählungen und ein Vorwort. Froschau Verlag, Zürich 1996, 96 Seiten
  • Schwänzelmann-Koster: Blödmann, mein Chef. Krimi. Froschau Verlag, Zürich 1999, 72 Seiten
  • Jani Remettre (Dora Koster): Merde. Gedichte einer merkwürdigen Liebe. Froschau Verlag, Zürich 2003, 118 Seiten
  • Judas in Jeans. Geschichte eines Schattenwerfers. Froschau Verlag, Zürich 2005, 98 Seiten
  • Die kleine Schweizerin. Gedichte. Schwarzblut-Verlag, Zürich 2012, 116 Seiten.
  • Amen, sagte die Schneefrau. Alptraum oder Vision. Schwarzblut-Verlag. Zürich 2012, 26 Seiten.
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Ist Europa noch zu retten?

Anmerkungen zum Europakongress der WOZ – Die Wochenzeitung

Von Stefan Howald

Am Beginn stand eine Überraschung und ein Versäumnis: Die Redaktion der WOZ Die Wochenzeitung hatte, wie viele andere auch, im Juni 2016 nicht mit einem Ja zum Brexit gerechnet. Sie hatte keine vertiefte Berichterstattung zu einem möglichen Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union vorbereitet und musste sich kurzfristig neue Zugänge überlegen. Dabei zeigte sich: Innerhalb der Redaktion existierte ein vager Konsens zur Europapolitik, oder vielmehr ein klarer Konsens zum Nationalstaat – der steht in einer verheerenden Tradition und ist ein Auslaufmodell. Dagegen gab es keinen kohärenten Diskurs, keine ausformulierten Argumente für eine transnationale Politik. Und es gab umgekehrt wenig Einsicht in die vordergründigen oder tiefsitzenden Ressentiments gegenüber der EU und anderen transnationalen Institutionen, die sich im Brexit-Votum gerade auch bei sozial benachteiligten Schichten gezeigt hatten.

Deshalb beschloss das WOZ-Kollektiv, einen Europakongress zu organisieren. Der erste Impuls in der vorbereitenden Gruppe lautete: Argumente gegen Nationalismus und Xenophobie zu liefern, damit auch gegen die Schweizerische Volkspartei (SVP). Der zweite Impuls lautete: Bloss nicht die ewige Jammerei über den Rechtsnationalismus und die üblichen Verdächtigen. Sich nicht auf die Vorgaben von rechts einlassen, sondern umgekehrt formulieren, was uns an Europa beschäftigt – sicherlich, was uns daran ärgert und empört, aber auch, was wir davon erwarten und erhoffen. Ein Manifest sollte es nicht werden, etwa: Jetzt rein in die EU, oder kein Inländervorrang. Sondern zuerst einmal eine weit reichende Bestandesaufnahme. Zuerst einmal ein paar richtige Fragen, und dann vielleicht ein paar informierte Antworten.

Im Verlauf der Organisation mussten wir uns gelegentlich vor der Tendenz bewahren, Europa realpolitisch auf die Europäische Union – und das Verhältnis der Schweiz zu dieser – zu reduzieren. Vernehmbar werden sollten auch Stimmen von ausserhalb oder vom Rand. So luden wir etwa die türkische Schriftstellerin und Journalistin Ece Temelkuran ein. Damit begannen die aktuellen europäischen Geschichten. Denn Temelkuran wohnt gegenwärtig in Zagreb, mit einem zeitlich beschränkten Visum, und angesichts ihrer scharfen Kritik am Erdogan-Regime gab ihr Rechtsberater plötzlich zu bedenken, womöglich werde bei einer Teilnahme in Zürich die türkische Regierung von Kroatien verlangen, Temelkuran das Visum nicht mehr zu erneuern – eine nicht ganz unbegründete Befürchtung, wie die Verhaftung eines türkisch-deutschen Schriftstellers in Spanien gezeigt hat, ebenso wie der Druck, den das türkische Regime durch tausende von Interpol-Gesuchen aufs europäische Rechtssystem zu erzeugen versucht. So verzichtete Temelkuran mit Bedauern auf die Teilnahme.

Schliesslich kamen 25 ReferentInnen aus zehn Ländern für ein Wochenende nach Zürich. Der Europakongress der WOZ ging am 8./9. September 2017 über die Bühne des Zürcher Volkshauses, mit acht Podien sowie sechs Workshops in der Zürcher Bäckeranlage. Er war ein Erfolg, mit über 400 TeilnehmerInnen und sachorientierten, zuweilen auch kontroversen Debatten.

Nationalstaat und Transnationalität

Er war ein Erfolg, trotz Anlaufschwierigkeiten. Die Auftaktveranstaltung am Freitagabend verlief aufschlussreich, obwohl, oder weil, sie teilweise missglückte. Die US-Soziologin Saskia Sassen (The Global Cities) eröffnete als Starreferentin die Tagung  – und sagte in ihrem Eingangsreferat kein einziges Wort zu Europa. Stattdessen sprach sie über die Finanzialisierung der globalen Wirtschaft, über die weltweite Urbanisierung und die Aushöhlung des öffentlichen Raums sowie über die neue verschärfte Form der Migration, die viele Menschen durch die Zerstörung ihrer Lebensbedingungen in die Fremde ausstösst. Das war nicht so geplant, und es irritierte. Aber sie machte damit zweierlei: Erstens beschrieb sie globale Tendenzen, von denen auch Europa betroffen ist, und zweitens verdeutlichte sie die reduzierte Bedeutung der Entität «Europa».

Der Historiker Jakob Tanner knüpfte an diese signifikante Leerstelle an und rekonstruierte Europa und die Europäische Union als historisch flirrendes Bild. Für die Europäische Gemeinschaft (EG) beziehungsweise die EU gibt es, so führte er aus, keine monokausale Erklärung, sie entsprang unterschiedlichen Motiven und Traditionen und führte zu teilweise unbeabsichtigten Resultaten. Gerade die transnationale Institution rettete den eigentlich diskreditierten Nationalstaat, indem sie ihm in einem übergeordneten Gefüge eine neue Rolle zuwies. Die EU ist immer verschiedenes zugleich: ein Friedensprojekt und ein neoliberales Zwangsregime, ein Aushandlungsmechanismus und ein Machtkartell. Sie weist gravierende demokratische Defizite und zugleich neue demokratische Ansätze auf.

Solchen ansatzweise positiven Einschätzungen setzte Catarina Principe, Mitglied des portugiesischen «Bloco de Esquerda» (Linksblock), ein radikal anderes Bild entgegen. Die EU habe die Nationalstaaten grundsätzlich rekonfiguriert, die forcierte Konkurrenz der nationalen Volkswirtschaften den EU-Raum in Zentrum und Peripherie zerklüftet. Dabei werde die Austeritätspolitik als Klassenkampf von oben in den Nationalstaaten geführt. Dem müsse der Klassenkampf im Nationalstaat antworten. Principe verneinte dabei jedes demokratische Potenzial in der EU. Dem widersprach Jakob Tanner. Trotz ähnlicher Analyse der Defizite der EU sei für ihn deren Dämonisierung keine hilfreiche Strategie. Damit würden Notwendigkeiten verkannt. Zur Lösung bestimmter Probleme sei der Nationalstaat zu klein geworden. Die griechische Krise zum Beispiel könne national nicht bewältigt werden. Auch Saskia Sassen sekundierte, die globalen Finanzströme und die beharrende Kraft internationaler Institutionen verlangten nach transnationalen Gegenmitteln.

Damit war eine Frage angesprochen, die im Verlauf des Kongresses auf allen Podien wiederkehrte und diese implizit miteinander verschränkte: Welches sind die Räume für die aktuellen Kämpfe?

[…]

Lesen Sie weiter in der neusten Ausgabe des Widerspruch 71: Militarisierung, Krieg und Frieden. Zürich 2017, S. 127 – 133.

www.widerspruch.ch

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Wer lügt denn da so faustdick?

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Wer kennt ihn nicht, den Lügenbaron von Münchhausen? Sprichwörtlich fabuliert er das Blaue vom Himmel herunter. Als Jugendbuch ist der Münchhausen, zumeist in der Fassung von Erich Kästner, weit verbreitet. Tollkühn reitet er auf einer Kanonenkugel. Seine Leistungen auf der Jagd sind legendär. Gleich zweimal gerät er während Seeabenteuern in den Rachen eines Fisches, kann sich aber durch ingeniöse Mittel befreien. Ja, einmal zieht er sich und sein Pferd gar am eigenen Zopf aus einem Sumpf. Und auf dem Mond ist er natürlich auch gewesen.

Seit neustem ist das Lügen wieder in Mode gekommen. Fake News und postfaktisch sind die Unwörter der Zeit. Hat Münchhausen zeitgenössische Politiker vorweggenommen? Und welche Rolle spielt das Lügen in unserer Gesellschaft?

Stefan Howald, Publizist in Dielsdorf, hat bislang unbekannte originale Erzählungen über Münchhausen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und zusammen mit Bernhard Wiebel in einem Buch veröffentlicht. Der Vortrag wird zahlreiche Bilder präsentieren, wie der Aufschneider und Prahlhans auf der ganzen Welt verkörpert worden ist. Im Gestus der Übertreibung stellen seine Erzählungen mal vergnüglich mal tiefgründig die Frage nach Wahrheit und Lüge. So ist Münchhausen aktuell geblieben.

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Samstag, 18. November 2017, 20 Uhr
philosophe, Forum & Bistro
Regensbergstrasse 26, 8157 Dielsdorf

 

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Teures Geld

Geld ist ein eigentümliches Ding. Als Fetisch schreiben wir ihm besondere Kräfte zu. Doch was schlägt uns da hinterrücks in Bann? Welche Bilder von Wirtschaft und Gesellschaft drücken sich darin aus? WOZ-Redaktor Stefan Howald unternimmt einen Streifzug durch die Kulturgeschichte des Kapitalismus. Er beschreibt dessen psychische Dynamik und skizziert ein paar Vermutungen, wie eine alternative Wirtschaft aussehen könnte.

Der Vortrag findet statt im Rahmen einer Öffentlichen Ringvorlesung zu «Design Ökonomien» an der Zürcher Hochschule der Künste. Montag, 16. Oktober, 13 bis 15 Uhr. ZHdK, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich. Hörsaal 1, Ebene 3.

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A bunch from September

– Oh dear, the NBA champs Golden State Warriors don’t want to have anything to do with this #losertrump

– Oh dear, the NFL champs as well want have nothing to do with this #losertrump, BAD sport.

– Needing the Democrats to hammer out a deal on immigration – that sure is a winner with your voters, #losertrump

– Even Sean Spicer is mocking you at the Emmy’s, so you are the last man drowning #losertrump

– And still no Emmy for your life-time achievement of bullying, cheating and lying – the eternal #losertrump

– Supporting the wrong guy for the Senate – losing seems to become something of a habit, #losertrump

– Steve Bannon is no longer a «friend», so who is left in your mad house casino, #losertrump?

– The bill for your security mounts and mounts – hey, #losertrump, are you afraid that someone would steal your toupee?

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Gewichtiger Einwand

Linksbüchneriade 28

«Der gewichtigste Einwand: Im gleichmacherischen Dauerkreisel wird die Klassenfrage eingeebnet», heisst es in der Besprechung einer Inszenierung von Büchners «Woyzeck» in Basel. Und das Blatt, in dem die scharfsinnige Kritik erschienen ist, kennt sich in der Klassenfrage bestens aus. Die «Neue Zürcher Zeitung» hat unter der nicht mehr so neuen Chefredaktion von E. G. samt Kulturchef R. S. entdeckt, wo sich die scharfen Gegensätze durch unsere Gesellschaft ziehen und wo die Unterdrücker hocken: in den rot-grünen Stadtregierungen, in der Bürokratie und in Genossenschaftswohnungen, oder bei der Political correctness, insbesondere in der Gender-Theorie. «Alle, auch die gesellschaftlich mächtigen Täter, sind Opfer der allumfassenden Weltenmaschinerie. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Büchners Intention in seinem bewusst parteilich anklagenden Proteststück», hält die «Woyzeck»-Besprechung fest. Aber es ist ziemlich genau das Verfahren der NZZ, wenn die Rechtsintellektuellen sich zu armen Opfern stilisieren, wobei Slavoj Žižek in seiner jüngsten Inkarnation als antilinker Nonkonformist als Gewährsmann dient. Dass G. und S. alle Artikel in der eigenen Zeitung lesen, ist wohl nicht zu hoffen – das erledigen ja nächstens KorrektorInnen in Bosnien.

sh

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«Linker Fussball war immer eine Schimäre»

2017_TeamsDie WOZ hat vor zwei Wochen gegen die NZZ ein Fussballspiel ausgetragen. Beginnen wir mit dem Anfang.

Anfänge werden generell überschätzt.

Geschichtsphilosophisch zweifellos.

Das Konzept des Anfangs ist der Beginn jeder illusionären, ja ideologisch verfestigten Kausalität. Ein Urknall soll alles erklären. Ursprungsmythen sind entsprechend politisch dubios. Dabei ist jeder Anfang bloss ein willkürlicher Punkt in einem Raum/Zeit-Kontinuum, auf den man mehr oder weniger vorbereitet ist.

Beginnen wir also mit dem Raum vor dem Anfang.

Strahlendes Wetter, nicht zu warm, die Platzwahl geschickt so gewählt, dass die Sonne dem Gegner in die Augen schien.

Und dennoch, irgendwann wird jedes Spiel angepfiffen.

Ein insignifikanter Moment im steten Fluss der Ereignisse, in dem unser Fuss nie zweimal vom gleichen Wasser benetzt wird.

… mit anderen Worten, die WOZ lag nach fünf Minuten 0:2 hinten?

Mit anderen Worten, ja.

Was war geschehen?

Schöner Flügellauf rechts, Pass in die Mitte, Tor. Schöne Kombination in der Mitte, strammer Schuss von der Strafraumgrenze, Tor.

Und was machte die WOZ dabei?

Keine besonders gute Figur.

Könntest Du das ein bisschen erläutern?

Nun, die Verteilung im Raum klappte nicht so richtig. Die Zweikämpfe gingen verloren. Wir waren zu langsam. Und nicht bereit.

Das tönt ziemlich – unterlegen.

Aber dann gings aufwärts. Die Zweikämpfe gingen nicht mehr alle verloren. Die Pässe kamen zuweilen beim Mitspieler oder bei der Mitspielerin an.

Ausser zu Beginn der zweiten Halbzeit.

Ja, da waren wir dann wieder im Fluss der Geschichte verloren.

Und so stand es schon bald 0:4.

Aber dann gings wieder aufwärts. Und gegen Schluss kamen wir sogar vors gegnerische Tor.

Ohne zählbares Ergebnis freilich … Kann man aus dem Endresultat etwas herauslesen?

Es gibt ja zwei Interpretationsansätze. Fussball als Abbild der herrschenden gesellschaftlichen Zustände. Fussball als Vorschein künftiger gesellschaftlicher Entwicklungen.

Ersteres hiesse …?

Die realen Machtverhältnisse haben sich schonungslos abgebildet. Die bürgerliche Hegemonie ist ungebrochen.

Und zweiteres …?

Das wäre kaum ausdenkbar.

Abbild und Vorschein: Sind nicht beide Ansätze in der Spiegelmetapher gefangen?

Womöglich.

Und ist die nicht deterministisch – mal abgesehen von Lacan, den wir hier wie anderswo ignorieren wollen? Könnte Fussball nicht auch gesellschaftliche Zustände durchqueren, verqueren?

Was soll das heissen? Könntest Du ein wenig konkreter werden?

Nun, es schien, von aussen, die NZZ-Mannschaft eine recht gut geölte Maschine, klar in der Raumaufteilung, sauber im Zusammenspiel, mit andern Worten: ein funktionierendes Kollektiv. Die Summe mehr als die einzelnen Teile (zumindest auf dem Spielfeld). Hinwiederum bei der WOZ liessen Einzelne mehr vermuten, als das Ganze erkennen liess.

Und Deine Schlussfolgerung wäre?

Die Beziehung zwischen Ideologie und produktivem Resultat ist nicht ganz gradlinig.

So weit sind wir alle längst schon Gramscianer. Auch und gerade in der NZZ. Im Übrigen: Linker Fussball war immer ein wenig eine Schimäre. Der argentinische Trainer César Luis Menotti wollte darin ein Spiel sehen, das sich durch Schönheit, Spielwitz und Fantasie auszeichnet. Er selbst verweigerte den argentinischen Generälen 1978 nach dem Weltmeistertitel den Handschlag. Das war tapfer und nobel. Aber die Form des Fussballs war daraus nicht abzuleiten. Das linke Engagement von Clubs wie dem FC St. Pauli oder dem FC Winterthur findet neben, nicht auf dem Spielfeld statt. Ausser, man würde die notorische Zweitklassigkeit zum linken Markenzeichen erklären.

Der NZZ gelang es sogar, Vorgesetzte und Chefs in ihren Reihen strategisch günstig zu platzieren und zu integrieren bzw. zu neutralisieren.

Was in der WOZ allerdings kein Thema ist. Zudem hat sie die Geschlechterfrage angepackt. Von Parität liess sich auch bei ihr nicht wirklich sprechen. Aber es war ein Schritt in die richtige Richtung, schön sozialdemokratisch gesagt.

NZZ und WOZ konnten sich darauf einigen, ohne Schiedsrichter zu spielen. Was darf man daraus ablesen?

Man könnte das die kleinste gemeinsame Schnittmenge nennen. Anarcho-libertär, vielleicht. Bei der NZZ das Vertrauen auf die Selbstregulationsfähigkeit des Systems, bei der WOZ das Vertrauen auf das altruistische Gen in uns allen.

Wir haben auch von freundlichen Zugeständnissen der NZZ-Stürmer gehört: eine vom Türhüter aufgenommene Rückgabe nicht geahndet, ein möglicher Elfmeter nicht gerade vehement gefordert …

Tatsächlich. Schon beinahe beschämend. Aber die WOZ hat auch schon anderes erlebt. Etwa beim Spiel gegen die FADS, die fussballspielenden Autoren der Schweiz. Die brachten uns, unter Einsatz aller moralischen Druckmittel, dazu, dass wir ein von uns erzieltes reguläres Tor für ungültig erklärten, nur weil wir ein paar Minuten später zu zwölft auf dem Platz gestanden waren.[1]

Tja, man muss die Autoren verstehen. Sie habens sonst schon schwer im Leben. 

Vielleicht ist Nachsicht ja eine kleinbürgerliche Tugend. Darf ich eine persönliche Anekdote anfügen?

Ich werde Dich kaum daran hindern können.

Einst, im Londoner East End spielend, kam ich im gegnerischen Strafraum zu Fall, und der Schiedsrichter wollte mir einen Strafstoss zusprechen; auf wütendes Insistieren des gegnerischen Verteidigers räumte ich ein, dass ich doch wohl eher das Gleichgewicht verloren hatte denn über dessen Bein gestolpert war; worauf der Schiedsrichter zu aller, auch meiner, Überraschung den Penaltyentscheid umstiess – was mir in der Halbzeit eisiges Schweigen meiner Kollegen eintrug, umso mehr, als wir das Cupspiel schliesslich 0:1 verloren, und erst nachträglich ist die Episode in die Annalen von Philosophy Football eingegangen.

Enden wir mit einem tröstlichen Ausblick. Auf den Stehrampen dominierte die WOZ unwidersprochen, die Unterstützung war, wenn auch resultatmässig wirkungslos, so doch emotional überwältigend.

Kein Wunder. Schliesslich legt die WOZ anders als die NZZ an Auflage zu.

 

Für die WOZ liefen auf:

Romain G.; Donat K., Dinu G., Wendelin B., Kevin B., Roman E., David L.; Florian K., Yves W., Carlos H., Oliver W., Adrian R., Raphael A., Kaspar S., Jan J.; David L., Silvia S., Sarah S., Stefan H.

 

Und hier folgt noch die Bildergalerie: http://www.stefanhowald.ch/galerie/main.php?g2_itemId=1753


 

[1] Siehe www.stefanhowald.ch/actualities/index.php/knirschendes-kollektiv-1

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Europa, bleiche Schönheit

Ist Europa noch zu retten? Gibts Alternativen zum neoliberalen Kurs der Europäischen Union? Wie können wir neue Formen demokratischer Mitgestaltung entwickeln? Ein paar Fragen und Antworten zum Europakongress der WOZ am 8./9. September in Zürich.

Von Stefan Howald

Warum will die WOZ hier und heute über Europa diskutieren?

Europa ist gegenwärtig in aller Munde und zugleich ein Tabu. In der Schweiz bedient die SVP entsprechende Ressentiments für ihre fremdenfeindliche Agenda. Auf der Linken begnügen wir uns mit technokratischen Hilfskonstrukten. Dagegen braucht es eine scharfe, vorurteilsfreie Analyse und positive Ideen.

Und das wollt Ihr mit ein paar Podiumsgesprächen erreichen?

Wir bieten acht Podien und sechs Workshops an, für viele Interessen und Geschmäcker. Wir bringen 25 PodiumsteilnehmerInnen aus zehn verschiedenen Ländern und aus verschiedenen sozialen Bereichen zusammen: Wissenschaftlerinnen, Aktivisten, PolitikerInnen. Es wird informiert und diskutiert, und es werden Möglichkeiten zur praktischen Mitarbeit geboten.

Schön und gut. Doch die EU steckt in einer tiefen Krise. Britannien sucht den Austritt, Polen und Ungarn provozieren mit antidemokratischen Massnahmen. Nationalstaatliches Denken erlebt ein Comeback.

Gerade in dieser Situation darf man die Diskussion nicht den rechtsbürgerlichen Kreisen überlassen. Man muss sich der Chancen und Möglichkeiten gesellschaftlichen Fortschritts jenseits des Nationalstaats vergewissern.

Das ist wohl ein bitterer Witz. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der EU hat viele Menschen vor allem in Südeuropa verarmen lassen.

Ja. Deshalb wollen wir Alternativen diskutieren, auf einem Podium mit James K. Galbraith, Philipp Löpfe, Tom Kucharz und Mascha Madörin. Wir brauchen Vorstellungen, wie die Ungleichheit abgebaut werden kann.

An Europas Aussengrenze sterben täglich Menschen.

Das ist ein weiterer Skandal. Flucht und Migration nach Europa müssen sicherer werden und gemeinsam bewältigt werden. Darüber diskutieren Andreas Cassee, Rokhaya Diallo, Saskia Sassen und Damir Skenderovic. Auch darüber, wie Migration in den Köpfen anders gedacht werden kann.

Wo soll denn all dies in den undemokratischen EU-Strukturen verwirklicht werden?

Das ist die Frage: Wer hat wo was zu sagen? Agniezka Dziemianowicz-Bak, Andreas Gross, Teresa Pullano und Thomas Seibert debattieren, ob man die institutionellen Formen ausbauen oder nach neuen Formen der BürgerInnenbeteiligung suchen soll. Und wie Europa endlich grün werden kann, erörtern Eva Gelinsky, Balthasar Glättli und Alexandra Strickner.

Die europäische Identität ist doch eine Schimäre.

Europäische Gemeinschaftlichkeit kann nicht verordnet werden, sondern sich nur in der Praxis herausbilden. Milo Rau und Maria Stepanowa bringen mit Cédric Wermuth ihre reichhaltigen Erfahrungen und provokativen Ideen in die Debatte ein.

Ich sehe, dass auf dem Auftaktpodium am Freitag niemand aus einem EU-Staat stammt …

Europa ist ja mehr als die EU. Obwohl Europa ohne die EU nicht sein wird. Saskia Sassen (USA), Ece Temelkuran (Türkei), Jakob Tanner (Schweiz) spannen das Thema weit auf, historisch und topografisch.

Kommen auch Nicht-AkademikerInnen?

Ich hoffe, das ist nicht antiintellektuell gemeint? Aber ja, es gibt bewegungsorientierte AktivistInnen auf allen Podien. Im Übrigen sind solche Zuschreibungen längst fragwürdig. Rokhaya Diallo aus Paris ist Publizistin und zugleich antirassistische Aktivistin. Und es gibt spezifische Veranstaltungen zu einer Politik von unten. Wo stehen die Barrikaden? fragen wir Catarina Principe, Paul Rechsteiner und Raul Zelik.

Soll die Schweiz tatsächlich in die EU?

Ja. Nein. Vermutlich schon. Lieber nicht. Auf jeden Fall braucht es eine informierte Diskussion. Wir benötigen klare Vorstellungen und Vorschläge. Wir dürfen uns nicht von rechts treiben lassen, sondern müssen die europäische Zukunft aktiv mitgestalten.

Zugegeben: Das tönt alles recht interessant. Wen erwartet Ihr an der Tagung?

Möglichst viele Interessierte, Engagierte, Diskussionsfreudige. Deshalb haben wir die Eintrittspreise tief angesetzt: 40 Franken für das ganze Programm. Wo kriegt man in der Hochpreisinsel Schweiz sonst noch solch hochkarätigen Gegenwert?


Programm und Anmeldung unter www.europakongress.ch

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