Der Opportunismus der Allegorie

Bücherräumereien (XXVIII): Ernst Jüngers Auf den Marmorklippen

Die Anekdote war zu gut, um nicht wahr zu sein: Der schottische Schriftsteller Stuart Hood hatte mir erzählt, er sei als britischer Nachrichtenoffizier nach dem Kriegsende in Deutschland im requirierten Haus eines Arztes auf das von Ernst Jünger 1939 verfasste Buch Auf den Marmorklippen gestossen, habe den unter alliiertem Hausarrest stehenden Jünger besucht und ein Kapitel aus dessen Buch für die Arbeit in der Entnazifizierung ins Englische übertragen, weil es Einblicke ins faschistische Denken geboten habe. Später übersetzte er das ganze Buch ins Englische und meinte dazu: «Es gibt gewisse rechtsgerichtete Autoren, wie Louis-Ferdinand Céline oder eben auch Jünger, die einem, trotz politisch entgegengesetzter Positionen, zuweilen neue Einsichten ermöglichen.» Ich hatte dieses Urteil staunend und beeindruckt entgegengenommen, ohne mir Jüngers Buch zu Gemüte führen zu wollen. Aber es steht in einer frühen Nachkriegsausgabe im bücherraum f, also habe ich es kürzlich zu lesen begonnen.

Und bin frappiert. Es fängt damit an, dass der Ich-Erzähler, im wehmütigen Rückblick, ein Idyll in der Rauten-Klause am Rande der Marmorklippen beschreibt, oberhalb der grossen, lieblichen Marina, angrenzend an Mauretanien. Es hat für den Ich-Erzähler eine kriegerische Vergangenheit gegeben, da er mit seinem Bruder Otho in den Reihen der mauretanischen Purpur-Ritter gegen Alta Plana gezogen war; aber diese Zeit ist abgetan. Jetzt ist alles Pflanzenstudium und Pflege eines grossen Herbariums, umgeben von Erio, dem Sohn des Ich-Erzählers, betreut von der alten Lampusa, Erios Grossmutter (Mutter Silvia ist in Alta Plana zurückgeblieben) und in vertrautem Einverständnis mit allerlei Getier, vor allem den wilden Lanzenottern, die Erio sanft gehorchen. So weit, so befremdlich aus der Zeit gefallen. Geschrieben in einem Stil, der altväterisch raunt und tiefgründig verkündet.

Dann, auf Seite 31, taucht der Oberförster auf. «Er zählte zu den Gestalten, die bei den Mauretaniern zugleich als grosse Herren angesehen und als ein wenig ridikül empfunden werden.» Doch steckt mehr dahinter, denn es lag «in den Augen des Oberförsters, besonders wenn er lachte, der Schimmer einer fürchterlichen Jovialität». Dieser Oberförster verkehrt in der städtischen Gesellschaft und hält sich zugleich im Waldgebiet allerlei ihm ergebenes Gesindel, entfacht dann einen schrecklichen Eroberungskrieg gegen die Marina, mit Mord und Totschlag. Das ist nun also, versichert mir die Sekundärliteratur, Hitler. Vielleicht auch, wegen der Jovialität, Hermann Göhring. Die Figur könnte auch von Stalin angeregt worden sein (der ja ebenfalls eine joviale Seite besass). Aber ist er von der Beschreibung her – unermesslich reich und von einem «Hauch von alter Macht umwittert» – nicht eher ein preussischer Junker, also zum Beispiel der Feldmarschall und Reichspräsident Hindenburg? Na, kommt ja nicht so drauf an. Er verkörpert auf jeden Fall so etwas wie den bösen Gewalttäter.

Recht gut gesehen

Von dieser Gestalt nimmt die Allegorie des Aufstiegs einer mörderischen Anarchie ihren Ausgangspunkt. Denn die Gegenwart ist auch in der Marina von Zweifeln zerfressen. Nach dem ersten Auftritt des Oberförsters kommt eine knappe Beschreibung über die einem kulturellen Verlust folgende Flucht aus der Gegenwart. «Es gibt Epochen des Niederganges, in denen sich die Form verwischt, die innerst dem Leben vorgezeichnet ist. Wenn wir in sie geraten, taumeln wir als Wesen, die des Gleichgewichts ermangeln, hin und her. Wir sinken aus dumpfen Freuden in den dumpfen Schmerz, auch spiegelt ein Bewusstsein des Verlustes, das uns stets belebt, uns Zukunft und Vergangenheit verlockender. Wir weben in abgeschiedenen Zeiten oder in fernen Utopien, indes der Augenblick verfliesst.» (32f.)

Das ist recht gut gesehen, auch die Fortsetzung: «Sobald wir dieses Mangels innewurden, strebten wir aus ihm heraus. Wir spürten Sehnsucht nach Präsenz, nach Wirklichkeit und wären in das Eis, das Feuer und den Äther eingedrungen, um uns der Langeweile zu entziehen. Wie immer, wo der Zweifel sich mit Fülle paart, bekehrten wir uns zur Gewalt – und ist nicht sie das ewige Pendel, das die Zeiger vorwärtstreibt, sei es bei Tage, sei es in der Nacht? Also begannen wir, von Macht und Übermacht zu träumen und von den Formen, die sich kühn geordnet im tödlichen Gefecht des Lebens aufeinander zubewegen, sei es zum Untergange, sei es zum Triumph.» (33)

©Klett-Cotta Verlag

Ja, dieser Mechanismus liess sich an etlichen Intellektuellen verfolgen, schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs und dann bei so etwas wie dem Futurismus und Intellektuellen der konservativen Revolution wie Jünger selbst; kritisch sei nur angemerkt, dass Langeweile doch eher ein bürgerliches Phänomen ist und die Massenwirksamkeit des Faschismus nicht zu erklären vermag. Letzteres versucht Jünger ansatzweise in der folgenden Passage: «Gerade hierin lag ein meisterhafter Zug des Oberförsters; er gab die Furcht in kleinen Dosen ein, die er allmählich steigerte, und deren Ziel die Lähmung des Widerstandes war. Die Rolle, die er in diesen Wirren, die sehr fein in seinen Wäldern ausgesponnen wurden, spielte, war die der Ordnungsmacht, denn während seine niederen Agenten, die in den Hirtenbünden sassen, den Stoff der Anarchie vermehrten, drangen die Eingeweihten in die Ämter und Magistrate, ja selbst in Klöster ein, und wurden dort als starke Geister, die den Pöbel zu Paaren treiben würden, angesehen. Der Oberförster glich einem bösen Arzte, der zunächst das Leiden fördert, um sodann dem Kranken die Schnitte zuzufügen, die er im Sinne hat.» (55)

Diese Passagen hatte Stuart Hood einst offenbar für den internen Gebrauch während der Entnazifizierung übersetzt. In der zuletzt zitierten Stelle wird ja knapp die Arbeitsteilung einer Machtergreifung skizziert. Das würde einen etwas luftigen, aber nicht uninteressanten kurzen Essay abgeben. Aber Jünger wollte sein Thema weiter und breiter gestalten. Deshalb entwarf er eine eigene Welt und eine Handlung und einen (kurzen) Roman. Zuerst wird die Landschaft mit verschiedenen Völkerschaften und Kulturstufen dargestellt, mit typisierten Gruppen, stilisierten Figuren und sprechenden Namen, etwa die mörderischen Brandstifter als «Feuer-Würmer». Zuweilen wirkt das wie in Tolkiens Herr der Ringe oder bei Game of Thrones. Also ein bisschen pubertär.

Waldgelichter und andere Gestalten

Jenseits der von Rebbauern zu einem wohlhabenden Gemeinwesen aufgebauten Marina, in der Campagna, leben die Hirtenvölker, «wild und ungezähmt», aber im Herzen gut und gastfreundlich. Dagegen sammelt der alte Oberförster in seinem Waldgebiet alle Vaganten, Ketzer, versprengten Räuberbanden, Hexenmeister, Fahrende, Gauner und Betrüger. «Mit diesen Scharen gingen Raub und Händel landaus, landein [..] So floss von hier ein dunkler Blutstrom in die gebahnte Welt.» (61) Auch die Hirten werden langsam verdorben durch Agenten des Oberförsters. Die traditionellen Hirtenbünde, rau doch mit eigenem Ehrenkodex, werden zu Pressgangs, erheben von den Grundherren immer grösseren Tribut; dann gehen sie schliesslich zu Brandstiftungen und Ermordungen über.

Dann sind da die eigentlichen Jäger, das «Waldgelichter, wie es im Buche steht, klein, blinzelnd und mit dunklen Hängebärten in den zerfressenen Gesichtern; ein Rotwelsch sprechend, das von allen Zungen das Übelste sich angeeignet hatte und wie aus blutigem Kot gebacken war.» (56) Dazu die Förster, die das Land vermessen, um es zu enteignen. Denn der Oberförster will die Zivilisation vernichten und Urwald an ihre Stelle setzen. Selbst Künstler schliessen sich ihm an, propagieren die Rückkehr zu einer angeblich urtümlichen Hirtenkunst. Natürlich spielen auch «Weiber als Lockvögel feinster Sorte» (63) ihre herkömmliche Rolle.

Unter den Hirten wehrt sich vor allem der Grossgrundbesitzer Belovar, seinerseits ein ungebärdiger Krieger. Er bietet dem Ich-Erzähler und dessen Bruder eine Perspektive an. «Als die Vernichtung stärker an die Marmor-Klippen brandete, lebten Erinnerungen an unsere Mauretanier-Zeiten in uns auf, und wir erwogen den Ausweg der Gewalt. […] Wir erwogen, mit Belovar und seiner Sippe nachts auf die Jäger Jagd zu machen und jeden, der uns ins Garn geriet, zerfetzt am Kreuzweg aufzuhängen, um so den Gäuchen aus den Tannicht-Dörfern in einer Sprache zuzusprechen, wie sie ihnen allein verständlich war.» (78) Gegen solche gewalttätigen Visionen entscheiden sich die beiden Brüder vorerst für den geistigen Widerstand und die Pflege ihrer Pflanzensammlung zur Einsicht in das Wirken der Welt. Doch dann entdecken sie die Folter- und Hinrichtungsstätte des Oberförsters, wo Schädel verbleichen und Menschenhände an die Scheunenwand genagelt sind. Und dessen Übergriffe werden dreister. «Es war doch schliesslich kein Zufall und kein Abenteuer, dass der Alte mit dem Lemuren-Volke aus dem Wälder-Dunkel herauszutreten begann und Wirksamkeit entfaltete. Gelichter dieser Art ward früher gleich Gaudieben abgefertigt, und sein Erstarken deutete auf tiefe Veränderungen in der Ordnung, in der Gesundheit, ja, im Heile des Volkes hin.» (113) Eine gelinde Hoffnung wird in den altehrwürdigen Adel gesetzt, aber der wehrt sich nur in Gestalt zweier Einzelner. Also zieht der Ich-Erzähler schliesslich mit Belovar in die Schlacht. Zwei schreckliche Hundemeuten werden aufeinandergehetzt; diese Ragnarök endet mit der vollständigen Vernichtung von Belovars Truppe, der Niederbrennung der Marina und der Vernichtung aller Kulturgüter.

Eine solche Allegorie dürstet nach Aufschlüsselung. Der opportunistische Söldnerführer, der sich schliesslich dem Oberförster anschliesst: die Generäle der Reichswehr? Der Fürst, der sich als einer der wenigen Adligen auflehnt: der Widerstandskämpfer Adam von Trott von Solz, wie sich einem Tagebucheintrag von Jünger entnehmen lassen soll. Die Folterstätte mit den gebleichten Schädeln – die frühen KZs! Aber die Allegorie ist schon früh auf Grenzen gestossen. Soll mit den Hirtenvölker, mit deren Verführung die Unordnung beginnt, tatsächlich die Bauernschaft abgebildet werden, oder geht es breiter um das ländliche und städtische Proletariat? Die Bünde, die das Land verheeren:  Sind damit die SA-Sturmtrupps gemeint, oder vielleicht nicht auch die Kommunisten, da doch den armen Grundherren Tribute abgepresst werden. Jedenfalls verengt sich die Darstellung immer mehr auf eine klare Polarität: Vielfältiges Gelichter gegen die Hüter des Geistes und der Kultur.

Am Schluss können sich der Ich-Erzähler und sein Bruder Otho aus den verheerten Landstrichen nach Alta Plana retten. Soll da, 1939 geschrieben, England als Retterin der Demokratie erscheinen ? Oder Russland? (Wohl eher nicht) Vielleicht der Mond, jenseits der entfremdeten Welt? Oder die nostalgisch verklärte Vergangenheit? Die Allegorie meint alles und nichts.

Voller Ranküne

Ernst Jünger ist, so sagt Wikipedia mit einiger Berechtigung, der am heissesten diskutierte deutsche Schriftsteller der letzten hundert Jahre. Nicht der erfolgreichste, schon gar nicht der beste, aber derjenige, der die meisten Kontroversen ausgelöst hat.

Dass überhaupt gestritten werden kann, bleibt allerdings dubios. Zweifellos war Jünger doch ein unverbesserlicher Militarist. Zweifellos war er ein rabiater Nationalist. Zweifellos war er ein Antidemokrat. Zweifellos war er in einer bestimmten politischen Konstellation ein ideologischer Vorbereiter des nationalsozialistischen Regimes. Seine Publizistik in den zwanziger und frühen dreissiger Jahren ist eindeutig.

Womöglich hat er sich ab 1933 mit den Nazis nicht gemein gemacht. Aber das ist das treffende Verb: nicht gemein machen. Die Nazis in ihrer konkreten Ausprägung konnten seinen ästhetischen Ansprüchen nicht genügen. Sein Ideal war eben der gebildete Feudalherr und Heerführer. Ist er dadurch zu einem Gegner der Nazis geworden? Es gibt Gerüchte, dass Goebbels, als Auf den Marmorklippen 1939 in Deutschland erschien, Jünger ins KZ stecken wollte. Tatsache ist allerdings, dass das Buch in Nazi-Deutschland zwischen 1939 und 1942 in sechs Auflagen erscheinen konnte. Schliesslich hatte Jünger ein früheres Buch Hitler mit einer persönlichen Widmung geschenkt. Und wenn die Marmorklippen auch nicht mehr umstandslos eine Umwälzung feiern, konnte man sich daraus dennoch die eigene Weltanschauung herauspicken. Das bärtige Waldgelichter konnte auch antisemitisch gelesen werden. Die Allegorie lässt vieles zu.

Natürlich, der Ich-Erzähler ist nicht der Autor. Aber die Erzählhaltung des Werks entspricht derjenigen Jüngers. Die Aufhäufung gewalttätig abwertender Beschreibungen verrät eine elitäre, biologistisch unterlegte Verachtung der Menge, der Masse, des Pöbels, den nicht nur der Oberförster «zu Paaren treiben» will.

Man hat Jüngers Haltung als unerbittliche Beobachtungsgabe gerechtfertigt und seine eherne Sprache gerühmt. Auf den Marmorklippen ist schwülstig und geschmäcklerisch und voller Ranküne. Die Haltung ist nicht scharf sezierend, sondern ebenso mystifizierend wie verächtlich. Über den Faschismus lernt man aus diesem Buch kaum etwas.

Als Auf den Marmorklippen 1951 wieder erschien, diente es a) der wundersamen Verwandlung des rabiaten Nationalisten und Wehrmachtsoffiziers Jünger zum frühen Antifaschisten der inneren Emigration, war es b) im Zeichen des Totalitarismus bereits zum antibolschewistischen Pamphlet erklärt geworden, und reichte es c) angeblich weit über die politische Allegorie in die reine Dichtung hinaus.

Doch die Allegorie ist defizitär. Die Haltung elitär. Und das Kunstwerk ein tönerner Koloss. So bleibt das Buch ein Musterbeispiel, wie eine allegorische Schreibweise sich opportunistisch alle Ausflüchte offenhält.


Ernst Jünger: «Auf den Marmorklippen». Verlag Günther Neske. Pfullingen 1951 (Ausgabe im 50. und 51. Tausend). 162 Seiten, gebunden.

Im bücherraum f steht das Buch in der Abteilung L.2, deutschsprachige Literatur.

 

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Von Johannesburg bis Pennsylvania

Bücherräumereien (XXVII): Noch ein paar Ariadne-Krimis

Natürlich müssen es Schwarze gewesen sein. Wenn ein weisses Ehepaar in seinem Blut liegt, verstecken sich sicherlich irgendwo ein oder mehrere schwarze Mörder. Schliesslich sind wir in Johannesburg im Jahr 1953.

Nur, wenn der Ermittler Detective Sergeant Emmanuel Cooper heisst, ist der Fall vielleicht nicht ganz eindeutig schwarz-weiss. Aber das darf er seinem Vorgesetzten nicht so deutlich zu verstehen geben. Cooper ist selbst nicht ganz schwarz oder weiss, vielmehr «gemischtrassig». Er ist in der Township Sophiatown aufgewachsen, hat dann Karriere gemacht, misstrauisch beobachtet von den weissen Kollegen, vor denen er auch seine junge schwarze Freundin samt Kleinkind versteckt halten muss.

Malla Nunn beschreibt anschaulich die Herrschaftsverhältnisse und sozialen Zerklüftungen, die die Apartheidgesellschaft durchziehen. Die Parallelgesellschaften beginnen bei der segregierten Wohn- und Arbeitssituation. Darüber hinaus braucht es aber auch segregierte soziale Institutionen: Etwa eine «Eingeborenen-Ambulanz». Oder die «Eingeborenen-Polizei». In der Township herrschen ihrerseits soziale Hierarchien. Fix Mapela, den Emmanuel noch vor früher her kennt, balanciert auf dem Grat zwischen legitimen Geschäften und dubiosen Deals. Seine Schwester Fatty, eine «Abrissbirne in Stöckelschuhen», organisiert mehr oder weniger illegale Partys mit gemischtrassigem Publikum. Und dann gibt es die mafiaähnlichen Banden der tsotsis, die man sich vom Leibe halten muss.

Zuweilen wird die Rassenfrage von der Klassenfrage durchkreuzt. Briten und Afrikaaner versuchen, ihre jeweilige politische, wirtschaftliche und soziale Macht auszutarieren. Es gibt auch arme Weisse, etwa eine alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern auf einer heruntergekommenen Farm im Hinterland. Selbst da gilt allerdings: Die noch ärmeren Schwarzen bleiben von der weissen Landbesitzerin abhängig. Denn bei Grenzüberschreitungen zwischen den künstlich geschaffenen Gesellschaften sind die Machtverhältnisse eindeutig. Und ebenso eindeutig sind die Frauen die ersten Opfer. So geht es um rassistisch geprägte Entführungen von Mädchen; daneben und dahinter geht es auch um Landraub, um wiedergeborene Christen, mörderische Söhne und strafende Väter.

Zusammen mit Emmanuel machen sich ein jüdischer Arzt und ein Zulu-Polizist auf die Spur von Mord und Entführung. Das tönt schon beinahe wie das Casting einer liberalen Hollywood-Serie. Aber es ist mit Präzision und einiger Selbstironie gehandhabt. Nur beim Showdown stellen sich unsere Helden vorerst etwas ungeschickt an, und so kommt eine kindliche Steinschleuder zu einem unerwarteten und unerwartet erfolgreichen Einsatz.

Strassenkinder

Charlotte Otter ist Südafrikanerin, lebt in Deutschland und schreibt auf Englisch. Ihre Krimis spielen im Nach-Apartheid-Südafrika und handeln doch, leider, von ähnlichen kriminellen Verhältnissen, weiter bestehenden und neuen. Kriminalreporterin Maggie Cloete spürt dem gewaltsamen Tod von Balthasar Meiring nach, der sich in der Aids-Hilfe engagiert hat. Dabei kommen Altlasten zum Vorschein: Er ist der Sohn eines Afrikaaners, der einst einen Schwarzen erschossen hat. Seine Wohltätigkeit als Wiedergutmachung zu bezeichnen, würde ihm aber Unrecht tun. Jedenfalls, die Verheerungen durch Aids sind schrecklich, und davon profitieren ein weisser Quacksalber, der sich Unwissenheit und Leichtgläubigkeit zu nutze macht, ebenso wie ein schwarzer Unternehmer, der sich mit monopolmässig vertriebenen Särgen bereichert. Die unerschrockene Maggie ist umgeben von einem Redaktionsteam, das unter kommerziellem Druck des Verlegers steht und zugleich miteinander um die heisseste Titelgeschichte wetteifert. Die Krimihandlung weist Parallelen zu derjenigen bei Nunn auf: Verschleppte Mädchen, Vergewaltigungen als politische Waffe, wobei besonders die verheerenden Konsequenzen gezeigt werden, die der Mythos von der Jungfräulichkeit in einer jahrzehntelang von Gewalt geprägten Gesellschaft zeitigt.

Ebenfalls um Menschen- und Mädchenhandel geht es bei Anita Nair. Diesmal im südindischen Bangalore, das, wie sich dem Klappentext entnehmen lässt, das «Babylon Indiens» sein soll. Hier ist alles noch ein bisschen grösser und düsterer und erschreckender. Kinderentführungen sind zu einem lukrativen Geschäftszweig geworden. Dazu kommen Korruption in der Staatsverwaltung und Intrigen im Polizeiapparat. Auf der andern Seite stehen Hilfsorganisationen, die sich um Strassenkinder kümmern, und der eine oder andere aufrechte Polizeibeamte. Insgesamt ergibt das ein weitgespanntes Panorama, aus verschiedenen Perspektiven dargestellt. Geschrieben in einer funktionalen Sprache, die gelegentlich am Klischee vorbeischrammt. Thematisch spannend und aufschlussreich, als Sprachkunstwerk aber für die Ariadne-Krimis Substandard.

White trash

Kehren wir in die USA zurück, genauer nach Pennsylvania. In die ehemaligen Kohlegebiete. Dort, wo die Erde seit Jahren durch einen Schwelbrand ausgezehrt wird. Dort, wo die arbeitslosen blue-collar-worker Donald Trump zum Sieg verholfen haben. Die Polizeichefin Dove Carnahan muss sich in einer Kleinstadt bei der Aufklärung eines Mords gegen etliche Vorurteile durchsetzen. Und sie gerät in ein Milieu, das sich als white trash bezeichnen liesse. Abwesende Väter, abgestumpfte Mütter, verwahrloste Kinder. Schläger und AlkoholikerInnen, inzestuöse Beziehungen. Die sozialen Verheerungen sind aus einer nicht gerade zimperlichen Perspektive eindrücklich beschrieben, aber zuweilen will es scheinen, als ob die Autorin den white trash so aufgegeben hat, wie einst Hillary Clinton, als sie mit ihrer berüchtigten Bemerkung die Hälfte von Trumps Wählern als «erbärmlich» bezeichnete. Doch kurz vor der Aufklärung kippt die Geschichte: Die klaren Fronten verwischen sich. Und in einer weiteren Volte wird der psychische Hintergrund der Tat verständlicher, denn die Polizeichefin hat selbst, wie es so schön heisst, ein dunkles Geheimnis. Auf die kathartische Fortsetzung darf man gespannt sein.

Alle vier Krimis stellen sich dem Thema der individuellen und organisierten Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit klarer Perspektive. Bemerkenswert ist dagegen die persönliche Sexualpolitik. Bei Nair hat der Detektiv, mit nur ganz leichten Gewissensbissen, in der einen Stadt eine Ehefrau und in der anderen eine Geliebte. Die junge Frau von Emmanuel Cooper «wandte sich ihm zu wie eine Blume, die die Sonne sucht», und durch einen Überfall, der für sie übel hätte enden können, wird ihre sexuelle Lust durchaus angestachelt. O`Dells Polizeichefin wird von ihrem Liebhaber «im Höhlenmenschenstil über die Schulter» geworfen und ins Bett verfrachtet, wo er, mit ihrem Einverständnis, wie «eine «Kriegsmaschine» ist: «Ich bin sein Schlachtfeld. Er betreibt gründliche Aufklärung, stösst vor, dringt ein, zieht sich zurück und hinterlässt mich in Trümmern.» Offensichtlich gehört das auch zur breiteren Ausrichtung dieser Politkrimis.


Alle vier Romane sind im bücherraum f an der Jungstrasse 9 in Zürich-Seebach vorhanden.

Malla Nunn: «Zeit der Finsternis». Aus dem Englischen von Laudan & Szelinksi. Ariadne 1217. Argument-Verlag, Hamburg 2016 (Originalausgabe 2014). 300 Seiten, Broschur.

Charlotte Otter: «Balthasars Vermächtnis». Aus dem Englischen von B. Szelinksi und Else Laudan. Ariadne Krimi 1214. Argument Verlag, Hamburg 2013. 316 Seiten, Broschur.

Anita Nair: «Gewaltkette». Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Ariadne 1226. Argument Verlag 2017 (Originalausgabe 2016). 350 Seiten, gebunden.

Tawni O´Dell: «Wenn Engel brennen». Aus dem Amerikanischen von Daisy Dunkel. Ariadne1239. Argument Verlag, Hamburg 2019 (Originalausgabe 2016). 350 Seiten, gebunden.

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Radikale Bieler Kultur

Bücherräumereien (XXVI): Genossenschaft St. Gervais

Die Genossenschaften und Institutionen der ArbeiterInnenbewegung kommen in die Jahre und schreiben ihre Geschichten. 2010 konnte die Stiftung Volkshaus Zürich ihr hundertjähriges Jubiläum mit einem opulenten Band feiern, kürzlich erschien ein ebenso gediegenes Buch zum Zürcher Cafe Boy (siehe http://www.stefanhowald.ch/aktuell/?p=3475. Nicht ganz so aufwändig aber ebenfalls aufschlussreich wird jetzt in einer Publikation die hundertjährige Geschichte der Genossenschaft St. Gervais in Biel dargestellt. Die Genossenschaft hiess zu Beginn anders, entschiedener: «Società Cooperativa Proletaria». Gegründet wurde sie am 30. Dezember 1919 von italienischen ArbeiterInnen. Im Februar 1920 konnte das geschichtsträchtige «Abtenhaus» in der Bieler Altstadt gekauft werden, am 1. April wurde das Restaurant «Proletaria» im Erdgeschoss eröffnet. Daneben verkaufte die Genossenschaft Lebensmittel und Weine aus Italien vergünstigt, und die oberen Räume dienten für politische und kulturelle Versammlungen.

Nach der Machtergreifung von Mussolini in Italien wurde auch das «Proletaria» in politische Auseinandersetzungen in der italienischen Diaspora verwickelt. In den folgenden Jahren bemühte man sich mit einigem Erfolg um eine breitere, dreisprachige Kundschaft. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Genossenschaft, bei reduziertem Betrieb, erstaunlich unbeschadet, doch geriet sie danach angesichts eines veränderten sozialen Umfelds in die Krise. Die sollte 1965 mit der Änderung des Namens in das noch heute bestehende «St. Gervais» überwunden werden, wobei man damit an ein radikales Bieler Café aus dem 19. Jahrhundert anknüpfte. Tatsächlich kamen mit der 68er-Bewegung neue politische und alternative Kreise ins «St. Gervais». Wenig später traf die Wirtschaftskrise ab 1973 den Industriestandort Biel und dessen Arbeiterschaft stark, was die traditionelle Trägerschaft des «St. Gervais» tangierte. Ab 1975 veränderte sich die Genossenschaft Richtung Kulturaktivitäten.

Periodisch kamen sich, wie etwa auch beim Cafe Boy, die verschiedenen Funktionen als Restaurant, Diskussionsort und Kulturzentrum in die Quere, und zuweilen gerieten verpachteter Gastbetrieb und die Genossenschaft als Besitzerin aneinander. 1989 konnte eine existenzgefährdende Krise dank viel Solidarität aus breiten Kreisen überwunden werden.

Letztmals wurde die Liegenschaft 2015 durchgängig renoviert; seither wirtet ein neues Team erfolgreich, und der im Haus beheimatete Club «Le Singe» ist im Rahmen der generellen Wiederbelebung Biels zum anerkannten Veranstaltungsort geworden. Diese Geschichte wird in einer hübsch aufgemachten Broschüre knapp und anschaulich erzählt. In die Bibliothek im bücherraum f gelangt ist die Broschüre übrigens als Geschenk der treuen Sponsorin Ginevra S., die, natürlich, in Biel wohnt.

Antonia Jordi: «100 Jahre Genossenschaft St. Gervais. Die Geschichte des Restaurants St. Gervais, vormals Proletaria». Biel 2020, 48 Seiten.

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Tunnelbauer

Bücherräumereien (XXV): Krimis aus der Schweiz

Bücher suchen sich zuweilen ihre Gestellnachbarn. Da steht zum Beispiel Peter Krons vor einigen Jahren erschienene «Gotthard-Basistunnel-Roman», in dem Sprengmeister Fabrizio Zumstein den Tunnelbau durch den Gotthard zwischen 2002 und 2006 beschreibt. Plötzlich reiht sich neben diesen Roman der Krimi «Endstation Engadin» von Gian Maria Calonder ein, in dem es um den Durchstich beim neuen Albulatunnel im Jahr 2018 geht.

Beide Bücher vermitteln tunnelbautechnisches Wissen, aber das ist jeweils in eine fiktive Handlung eingebaut. Bei Peter Kron gerät der verheiratete Sprengmeister in eine Midlife-Krise, ausgelöst durch die attraktive Geologiestudentin Iris. Bei Calonder kommen zwei Mineure ums Leben, und es kann sich nicht um Arbeitsunfälle handeln, wie der Polizist Massimo Capaul sogleich merkt. Zwar ist er vom Dienst suspendiert, was ihn nicht an offiziösen Befragungen hindert und auch nicht daran, die provisorischen und vertraulichen Resultate seiner Privatermittlungen über einen der Verdächtigten mit einem ganzen Hobby-Eisenbahnerclub zu teilen.

Der Tunnelbau regt zu einer weiteren Gemeinsamkeit der beiden Bücher an: Sagen. Bei Kron erläutert die Geologiestudentin dem eher nüchternen Sprengmeister die mythologische Bedeutung der Unterwelt. Polizist Capaul seinerseits trifft auf Fräulein Nietzsche, eine attraktive Geschichten- und Sagenerzählerin, die auf ihn in doppelter Hinsicht eine halluzinatorische Wirkung ausübt. Bei Calonder, dessen Pseudonym im Klappentext hilfreich aufgelöst wird, gehört das Sagenhafte zum Schreibprogramm, wie andere Bücher vob ihm belegen. Gleichzeitig mit diesem Krimi ist im Übrigen das Buch «Der See der Seelen» erschienen, in dem eben jene «Engadinergeschichte» ausgebreitet wird, die im Krimi Fräulein Nietzsche kurz zusammengefasst erzählt.

Wer sich für Tunnelbau, Sagen, Midlife-Krisen und/oder Krimis interessiert, kann eines oder beide Bücher als Schnäppchen im bücherraum f beziehen, wo neben ihnen weitere 500 Doubletten zu günstigen Preisen in den Gestellen stehen; siehe http://www.stefanhowald.ch/bookcase/


Peter Kron: «Begegnung in der Unterwelt. Der Gotthard-Basistunnel-Roman». Offizin Verlag, Zürich 2016. Gebunden, 118 Seiten.

Gian Maria Calonder: «Endstation Engadin. Ein Mord für Massimo Capaul». Kampa Verlag, Zürich 2019. Broschur, 24 Seiten.

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Süchtige Stoffe

Es freut mich, dass wir hiermit im bücherraum f unsere Veranstaltung zu neueren Krimis fortsetzen können. Die Welt torkelt immer noch ein wenig, aber die Krimiwelt steht nicht still. An diesem Abend geht es um eine englische und drei französische Autorinnen, und es geht gelegentlich um Süchte.

Das Ende der Sucht

Einst, vor dreissig Jahren als Pionierinnen in einer Männerdomäne, waren sie hart im Nehmen, standen auch beim Alkoholtrinken ihre Frau. Der tägliche Whisky oder die halbe Flasche Wein gehörten für diese feministischen Ermittlerinnen dazu, neben schnellem Mundwerk, harten Judokünsten und treffsicherer Pistole. Seither ist eine Generation vergangen, und die künstlichen Fluchten scheinen nicht mehr so erstrebenswert. In Trüb taucht Sarah Schulmans Heldin eben gerade aus der Entziehungskur auf (siehe Bericht unter http://www.stefanhowald.ch/aktuell/?p=3576). Liza Codys Lady Bag steckt im gleichnamigen Roman noch mitten in der Sucht drin. Und sie ist obdachlos. Alkoholismus ist (unmittelbare) Ursache ebenso wie Folge der Obdachlosigkeit. Natürlich steckt mehr dahinter: ein Mann, der sie dazu gebracht hat, seine finanziellen Betrügereien auf sich zu nehmen und für ihn ins Gefängnis zu gehen. Das System, das eine Strafentlassene nicht mehr zu integrieren vermag. Seither hat Lady Bag ihren bürgerlichen Namen abgelegt und lebt auf den Strassen von London. In Abbruchwohnungen, in Notschlafstellen, in Pärken. Das ist präzise, erbarmungslos geschildert, und in allen Widersprüchlichkeiten. Die Notwendigkeit, sich gegen die Kälte und Rohheit der Menschen mit Alkohol zu betäuben. Die Ausrede, damit man sich deswegen betäuben kann. Die Schicksalsgenossinnen der Strasse, die zugleich in scharfer Konkurrenz um beste Plätze, Essen und Alkohol stehen. Lady Bag liefert eine eindringliche Sozialreportage aus erster Hand, in einer ganz eigenen Stimme, die zwischen trockenem Humor und verzweifeltem Furor schwankt.

Natürlich gibt es auch eine Krimihandlung. Vor der National Portrait Gallery sieht Lady Bag ihren ehemaligen Freund, der sie ins Verderben gestürzt hat; sie folgt ihm insgeheim, wird niedergeschlagen, für jemand anderer gehalten, was ihr ein paar schöne Tage erlaubt, gerät dann folgerichtig unter Mordverdacht. Unterstützt wird sie von ihrer Hündin Elektra, die im trauten Zwiegespräch die Stimme der Vernunft verkörpert, von einem Transvestiten und einer Transe, mit derer Umwandlung sie sich schwertut wie eine herkömmliche Spiessbürgerin. Den Staatsgewalten gegenüber rettet sie sich in eine Doppelsprache über den Teufel, der sie ständig zu verführen droht. Zum Schluss landet Lady Bag wegen eines kleineres Vergehens erneut im Gefängnis, und ihre Geschichte, dass Frauen die Schuld von Männern auf sich nehmen, wiederholt sich mit und an einer anderen Frau.

 Vier Jahre später hat Liza Cody ihre Lady Bag in Krokodile und edle Ziele erneut auf die Strasse gesetzt. Gerade eben wird sie aus dem Gefängnis entlassen. Eine Zellengenossin bittet sie, sich um deren kleinen Sohn zu kümmern. Ihre drei FreundInnen sind noch da und unterstützen sie widerwillig. Dabei gerät sie ins Milieu heruntergekommener Sozialwohnungen und überfroderter SozialarbeiterInnen. Und die Bedrohung kommt aus den eigenen Reihen, einer neuen Freundin ihres Transvestiten, die ihren sozialen Dünkel stolz vor sich hertragt. Das ist wiederum scharfzüngig geschrieben, steigert sich in einzelnen Szenen zu kleinen Bravourstücken. Auch ist es eine Parforceleistung, welche Benennungen und Umschreibungen Lady Bag für den weiterhin in ihr Ohr flüsternden Teufel alles einfallen. Doch nutzt sich dieses Mittel mit der Zeit ein bisschen ab, ebenso wie die Zwiegespräche mit der treuen Elektra. Liza Codys ein paar Jahre früher erschienene Ballade einer vergessenen Toten war da im Einsatz unterschiedlicher Stilformen entschieden souveräner.

Von Liza Cody hat schema f übrigens nicht weniger als neun Bücher in den Regalen hinter Ihnen stehen, darunter fünf mit der Privatdetektivin Anna Lee aus den achtziger Jahren. Die neuen Bücher zeigen den Wandel der Zeiten, von der thematischen Öffnung bis zum zunehmenden Pessimismus.

Französischer Surrealismus

Nun stechen wir über den Ärmelkanal nach Frankreich. Französische Krimis hatten auf dem internationalen Markt lange einen schweren Stand, abgesehen von Georges Simenon mit seiner Massenproduktion – danke für den Einwurf, ja, er war Belgier, so wie Hercule Poirot. Also französischsprachige Krimis – in den achtziger Jahren versuchte der kleine deutsche Elster Verlag mit hübsch ausgestatteten Bändchen den französischen Anarchisten und Surrealisten Léo Malet zu lancieren, der zwischen 1940 und 1970 rund zwanzig Krimis schrieb, die sukzessive in allen Pariser Arrondissements handelten. Dann kam Fred Vargas und war 1991 mit ihrem zweiten Buch eine Offenbarung. Sie führte den eigenwilligen Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg samt ausgedehntem Polizeiteam ein, und in einer zweiten Reihe vier Amateurdetektive mit jeweils ganz eigenen Eigenschaften, die sich selbstironisch die vier Evangelisten nannten; wobei das Personal der beiden Serien sich teilweise überlappt. schema f besitzt fünf ihrer Bücher.

Vargas kommt nicht so sehr vom roman noir her, sondern stärker aus der Tradition Maigret mit dem Schwergewicht auf genauer Psychologie. Kommissar Adamsberg denkt nicht streng logisch, sondern lässt Gasbläschen in seinem Hirn treiben, um psychische Konstellationen und Mordmotive aufzuspüren. Die Figuren haben ihren eigenen Charme, «skurril» ist ein in Besprechungen oft verwendetes durchaus zutreffendes Adjektiv. Vargas, unter dem bürgerlichen Namen Frédérique Audoin-Rouzeau Archäologin und Historikerin und aus einer künstlerischen Familie stammend, verwendet zuweilen auch so etwas wie surreales penser automatique. Wichtig ist das Figurenensemble. Neben Adamsberg treten auf die Kommissare und Leutnants Danglard, Retancourt, Froissy, Veyrenc, Mordent, Mercadet … In ihrem neusten Werk Der Zorn der Einsiedlerin sind die ersten zweihundert Seiten, bis man sich die Figuren wieder vergegenwärtigt hat, ein Genuss. Der Fall dagegen ist schrecklich, wiewohl mit realem Vorbild: zwei Mädchen, die jahrelang eingesperrt und von ihrem Vater vergewaltigt, auch einer Bande von Männern angeboten worden sind. Die schuldigen Männer sterben nach vielen Jahren einer nach dem andern; offenbar rächt jemand die Mädchen, und zwar höchst ausgeklügelt mittels des Gifts der scheuen Einsiedlerspinne, obwohl das biologisch nicht so ganz möglich scheint. Was zurückführt zu den erlesensten Giftmorden in Krimis auf englischen Landsitzen. Vargas breitet alles nur erdenkliche Wissen über Spinnen, über mittelalterliche Reklusen, das heisst ausgestossene Einsiedlerinnen, und über archäologische Ausgrabungen aus und lässt das dann von Adamsberg intuitiv-psychologisch zusammenführen. Nur schade, dass eine halbwegs routinierte Krimileserin die Auflösung 150 Seiten früher erahnt, als die Gasbläschen bei Adamsberg in die richtige Ordnung geraten. Es scheint sich etwas anzubahnen: Neuere Krimis sind gelegentlich ein wenig zu lang.

Übertriebene Psychologisierung kann man Dominique Manotti nicht vorwerfen. Sie ist die gesellschaftspolitische Variante des neueren französischen Kriminalromans; nicht zufällig nennt sie die hard-boiled-Krimis von James Ellroy als wichtigsten Einfluss. Der ehemaligen Gewerkschaftssekretärin (bürgerlicher Name: Marie-Noëlle Thibault) geht es öfters um Wirtschaftskriminalität. Wie Vargas oder die empfehlenswerte TV-Serie Engrenages schildert sie das breite Ensemble auf einem Polizeirevier. Natürlich, danke für den Einwurf, Sie haben Recht: Das gibt es auch im angelsächsischen Krimi, aber ich würde mal schätzen, dass das Ensemble dort jeweils kleiner ist, auf drei bis fünf Personen konzentriert. Manottis Hauptkommissar ist beruflich ziemlich hemdsärmelig und handgreiflich gegenüber den Verdächtigen – was nicht so weit an den französischen Zuständen vorbeigeht. Sozial hingegen ist er modern aufgemotzt, das heisst schwul, mit einem nahezu perfekten Hausmann für den Alltag, dazu gelegentlichen Eskapaden nicht abgeneigt, was er ein bisschen eitel vor sich herträgt. Manotti ist sich in diesem zügigen Frühwerk Zügellos noch nicht ganz klar, in welche Richtung sie gehen soll, ob sie den Polizisten als ebenso zynischen wie moralischen Einzelgänger darstellen oder ihn stärker zum Systemkritiker machen will. In den späteren Romanen, die ebenfalls bei Ariadne vorliegen, wird das deutlicher; sie sind auch präziser auf den Punkt geschrieben.

Ein schönes Alter

Der Höhepunkt der heutigen Auswahl kommt zum Schluss. Uneingeschränkt toll ist Die Alte von Hannelore Cayre. Das beginnt mit einer originellen Konstellation: Eine Arabisch-Übersetzerin muss der französischen Polizei all die Gaunereien aus dem weit verzweigten Drogenhandel übersetzen. Bis sie einen Dealer vor einer drohenden Verhaftung warnt, dann dessen Hasch-Ladung, die er eilig versteckt hat, aufspürt und auf eigene Kosten verhökert. Die Alte, als die sie sich maskiert, ist dabei den Ermittlungen immer einen Schritt voraus, da sie der Polizei ja deren Abhöraktionen im Milieu übersetzt. Patience Portefeux, die uns das selbst erzählt, bricht sprachlich und inhaltlich jedes nur erdenkliche Tabu. Die Mitglieder verschiedener nordafrikanischer Drogenbanden werden durchgängig mit abschätzigen Bemerkungen beschrieben; die Chinesen sind zwar ein bisschen cleverer, aber dafür noch ein bisschen ruchloser. Das wird ausgeglichen durch die schonungslose Darstellung des Staatsapparats, der entweder korrupt oder dysfunktional ist. Doch die Erzählperspektive ist in ihrer Mischung von Zynismus und Empathie jederzeit stimmig. Angesichts ihrer eigenen Geschichte aus dubiosem Elternhaus und ihrer jahrelangen Knochenarbeit am Rande des Zusammenbruchs ist es nur gut und recht, dass sie endlich auch mal profitiert. Doch kriegt man das Gefühl nicht los, das sei zu schön / zu erfolgreich, um wahr zu sein, umso mehr, als sie in einer losen Beziehung mit einem Drogenfahnder steht. Die Alte muss doch wohl – leider – auffliegen? Oder etwa doch nicht? Tja, das muss man und frau selber nachlesen.

Stefan Howald


Liza Cody: «Lady Bag». Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski. Ariadne 1228. Argument Verlag, Hamburg 2017 (OA 2013, deutsche EA 2014). Broschur, 318 Seiten.
Liza Cody: «Krokodile und edle Ziele». Aus dem Englischen von Else Laudan. Ariadne 1227. Argument Verlag, Hamburg 2017 (OA 2017). Gebunden, 432 Seiten.
Fred Vargas: «Der Zorn der Einsiedlerin». Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. Blanvalet Taschenbuch, München 2019 (OA 2017, deutsche EA 2018). Broschur, 508 Seiten.
Dominique Manotti: «Zügellos». Aus dem Französischen von Andrea Stephani. Ariadne Krimi 1193. Argument Verlag, Hamburg 2013 (OA 1997). Gebunden, 286 Seiten.
Hannelore Cayre: «Die Alte». Aus dem Französischen von Iris Konopik. Ariadne 1240. Argument Verlag, Hamburg 2019 (OA 2017). Gebunden, 204 Seiten.
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Ariadne legt betörende Spuren

Liebe Thrillerfreundinnen und Krimifreunde

Herzlich willkommen im bücherraum f zu dieser kriminalistischen Veranstaltung. Natürlich haben wir sie ganz gesetzeskonform eingerichtet, so dass keine hygienischen Unglücksfälle geschweige denn Verbrechen stattfinden sollten.

Krimis machen eine gewichtige Abteilung der Bibliothek schema f aus und füllen hier etliche Tablare. Da sind die Klassikerinnen Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Margery Allingham oder die sich allen Schubladen und Einordnungen entziehende Patricia Highsmith. Da ist natürlich auch P. D. James mit dem Buch «Ein reizender Job für eine Frau» (1972), in dem, jenseits der schrulligen Miss Marple, erstmals eine professionelle Privatdetektivin auftritt, die herkömmliche Rollenmuster hinterfragt. Und da sind die Ariadne-Krimis. Ja, wer erinnert sich nicht an die.

Vor dreissig Jahren tauchten diese feministischen Krimis plötzlich in allen WGs auf, nicht nur von Frauen gelesen. Tiefschwarzer Umschlag, gelb-schwarze Vignetten drauf. Ariadne aus dem bislang auf linke politisch-philosophische Bücher spezialisierten Argument-Verlag bot ab 1988 neue Kost, politisierte, feministische Spannungsliteratur. Die war zumeist aus dem angelsächsischen Raum übersetzt. Die Themen, etwa Gewalt gegen Frauen, waren neu, und die Figuren waren neu. Marion Fosters «Wenn die Nacht ihr Netz auswirft» und Barbara Wilsons «Ein Nachmittag mit Gaudi». Sarah Drehers Stoner McTavis. Katherine V. Forrests Kate Delafield. Sarah Schulmans Sophie Horowitz. Selbstbewusste Frauen, lesbisch oder straight, Verbrechen nicht mehr als Einzelfälle, sondern als Ausdruck patriarchaler Strukturen.

Vergangenen Herbst ist ja Ariadne-Verlegerin Else Laudan im bücherraum vorbeigekommen und hat enthusiastisch über ihre Arbeit, den Verlag und die neusten Produktionen erzählt (siehe Bericht vom 7. November 2019).

Die Arbeit des Ariadne-Teams war zunächst sehr erfolgreich. Von der neuen Frauenbewegung und dem Interesse an Populärkultur getragen, ergaben sich sagenhafte Umsätze: Von einzelnen Autorinnen wurden 250000 Exemplare umgesetzt. Es gab eine Zeitschrift – das «Ariadne-Forum» –, Workshops und Leseclubs.

Dann sprangen grössere Verlage auf den Zug der «Frauenkrimis» auf, gleichzeitig brach die Infrastruktur der neuen Frauenbewegung mit Buchhandlungen, Kulturzentren und Frauencafés ein. Ariadne und Argument mussten ihr Programm und die begleitenden Aktivitäten gegen Ende der neunziger Jahre massiv zurückfahren.

Eine Wende zum Besseren setzte erst wieder um 2008 ein. Neue deutsche Autorinnen wie Christine Lehmann und Monika Geier, die schon seit längerem schrieben, errangen erste Anerkennung; die Französin Dominique Manotti wurde mit einem harten Wirtschaftskrimi zum durchschlagenden Erfolg. Nicht ganz zufällig lief dieses neu erwachte Interesse mit der Finanzkrise parallel. Seither hat sich, wie Else Laudan erklärte, der politische Krimi in einer sichtbaren Nische etabliert.

Kürzlich ist nun ein grösseres Paket im bücherraum eingetroffen, mit einigen älteren und vielen neuen Krimis aus der Ariadne-Produktion, die Else der Bibliothek zur Aufstockung der Bestände geschenkt hat.

Da sind zum Beispiel drei der neusten Übersetzungen der Engländerin Liza Cody. Von der stehen in den Reaglen hinter Ihnen ein halbes Dutzend Bücher, vor allem aus den neunziger Jahren. In den Nullerjahren hat sich Cody eine Schreibpause gegönnt, die ab 2011 wieder erscheinenden Krimis übersetzt Ariadne jetzt sukzessive auf Deutsch. Schauen wir zuerst «Ballade einer vergessenen Toten» (2019) an, englisch schon 2011 publiziert.

Zwei drängende Fragen bleiben zum Schluss der Lektüre. Wie wird Amy die Informationen, die sie im Verlauf ihrer Recherche zu Elly Astoria gesammelt hat, insbesondere auch zu der Tod, in die Biografie über die allzu jung verstorbene Musikerin einarbeiten? Und wird sie womöglich zum Schluss vielleicht mit Stuart …, obwohl der doch altersmässig ihr Vater sein könnte?

Vor diesen Fragen stehen 400 Seiten Lesespannung höchster Qualität. Liza Cody montiert verschiedene Textsorten ineinander, Interviews, Erzählungen, Tonbandabschriften. Dem entsprechen verschiedene Erzählstimmen, alle tongenau getroffen. Sie fügen sich insgesamt zu einer mal melancholischen, mal bitteren, mal ironischen Ballade über ein ungewöhnliches Leben. Die ansonsten hervorragende Übersetzung setzt hier den Akzent nicht ganz richtig. «Vergessen» ist die Tote nicht: Ihre Musik und ihre Geschichte überleben, geradezu mythologisch überhöht. Doch Elly Astoria war, wie es im Original heisst, ein «nobody», ein Niemand: nicht fassbar. Ein musikalisches Wunderkind, nicht hochgepäppelt von Hubschraubereltern, sondern aus zerrütteten Verhältnissen. Sie verdiente sich als Strassenmusikantin ein wenig Geld für die drogensüchtige Mutter, wurde von einer mittelmässigen Frauenband aufgenommen, zum Geheimtipp, als Person unscheinbar, kaum wahrgenommen, als Musikerin und Komponistin eine Offenbarung. Doch noch vor dem grossen Durchbruch wird ihre verstümmelte Leiche entdeckt. Kurzes sensationelles Nachleben in den Massenmedien; danach werden ihre Lieder umso erfolgreicher gecovert. Fünfundzwanzig Jahre später wird Amy – deren Nachname unbekannt bleibt – aus der Depression einer gescheiterten Beziehung und einer abgebrochenen Schreibkarriere heraus von einem Astoria-Song getroffen und beschliesst, Ellys Biografie zu schreiben. Durch ihre Nachforschungen setzt sich langsam ein Bild zusammen, von der sozialen Depravierung der Thatcher-Jahre, von der Dynamik in einer mit weit divergierenden Charakteren besetzten Frauenband, von der Musikszene, wo die meisten – aber vor allem Frauen – übers Ohr gehauen werden. In der Beschreibung von Ellys Musik wird dagegen so etwas wie die transzendierende Kraft der Kunst beschworen. Wie das Verbrechen aufgedeckt wird, ist schon beinahe nebensächlich. Was die erste drängende Schlussfrage betrifft: Das hier vorliegende Buch ist die Biografie, die Amy schreiben wird, und die ist schonungslos auch gegen die noch – fiktiv – Lebenden. Die zweite Frage überlassen wir den handelnden Figuren zur Beantwortung.

Verschiedene Erzählstimmen kommen auch bei Gudrun Lerchbaum «Wo Rauch ist» (2018) zu Wort. Es sind drei sehr unterschiedliche Typen, die sich hier zusammenfinden. Die selbstbewusste, an MS leidende und im Rollstuhl sitzende Buchhändlerin Olga, die gerade aus dem Gefängnis entlassene, ziemlich aufgedrehte Kiki und der etwas verkrachte ältliche Schnösel Adrian, der sich als Begräbnisbegleiter durchschlägt. Gemeinsam verstricken sie sich in die Aufklärung eines Mords durch Rechtsextremisten oder Islamisten oder den türkischen Geheimdienst, die vielleicht oder womöglich zusammenarbeiten. Mit den – durchaus plastisch vergegenwärtigten – Erfahrungen einer Behinderten und dem Rechtsextremismus werden zwei angesagte Themen behandelt. Die Figurenanlage mit den ausgefallenen Gestalten wird durch die Sprache auf die Spitze getrieben: In jedem zweiten Satz muss ein Witz stecken. Man kann so was ja mögen. Inhaltlich läuft die Geschichte eher problematisch auf eine – natürlich in Notwehr erfolgte – nicht geahndete Selbstjustiz hinaus.

Wie unterschiedliche Stimmen eindringlicher eingesetzt werden können, zeigt Merle Kröger in ihrem grandiosen Roman «Havarie» (2015). Von ihr sind zwei frühere Krimis hier vorhanden. Nein, einen Mord gibt es in «Havarie» nicht. Jedenfalls nicht einen, bei dem der Täter oder die Täterin nach etwelchen Irrungen und messerscharfen Kombinationen schliesslich überführt wird. Tote gibt es allerdings etliche. Flüchtlinge kommen um, wenn ein Boot im Mittelmeer kentert; ein Flüchtling, der früher aufgegriffen worden ist und als illegale Küchenhilfe auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitet, wird zurückgeschickt und stirbt an der spanischen Küste; ein Bordmusiker, der sich zum Überleben mit Passagierinnen prostituiert hat, springt ins Meer.

«Havarie» sprengt die Gattungskonventionen eines Kriminalromans. Statt einer Hauptfigur, einer psychisch mehr oder weniger versehrten Ermittlerin, bietet er ein breites Figurenpanorama. Das reicht durch die verschiedenen Etagen eines Kreuzfahrtschiffs hindurch, vom Kapitän und mehreren Offizieren über Küchenpersonal bis zu Passagieren, umfasst Flüchtlinge auf einem Boot, inklusive Schlepper und dessen Freundin, sowie Mitglieder des spanischen Seenotrettungsdiensts. Macht ein gutes Dutzend Figuren, die alle in ihr Recht gesetzt werden und eine eigene Sprache und Geschichte bekommen.

Während der zugespitzten «Flüchtlingskrise» geschrieben und 2016 mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet, ist der Roman breit recherchiert und vergegenwärtigt ein unmenschliches Migrationsregime. So ist er ein herausragendes Beispiel der neuen Generation von deutschen Ariadne-Krimis.

«Klare Sache» der Schottin Denise Mina startet mit einer ähnlichen Prämisse wie Liza Cody. Anna McDonald wird von ihrem Mann zugunsten ihrer besten Freundin verlassen, und er nimmt auch gleich die beiden Kinder mit. Sie flüchtet sich in ihr wirkungsvollstes Betäubungsmittel, einen true-crime-podcast. In dem wird über den rätselhaften, gewaltsamen Tod eines Mannes berichtet, den Anna in einer weit zurückliegenden Zeit gekannt hat. Denn mit ihr hat es eine besondere Bewandtnis, eine gewechselte Identität, die vorerst kunstvoll umspielt wird. Anna setzt sich auf die Spur des Verbrechens und ihrer eigenen Vergangenheit, zusammen mit einem anorektischen ehemaligen Popstar, der, wie das Leben so spielt, der Ehemann jener Frau ist, mit dem Annas Mann sich davongemacht hat. Mina schildert das ungleiche Paar psychologisch genau: Wo Verdrängung aufbricht und zu berechtigten Ängsten führt und wo die in die Paranoia abzustürzen drohen; wo umgekehrt die Anorexie die Weltwahrnehmung trübt. Dazu gibt es ein paar hübsche Seitenblicke auf die Macht einer mit neuen sozialen Medien hergestellten Öffentlichkeit. In der wird Annas horrende Geschichte von Verführung und Gewalt an jungen Frauen wieder hochgekocht; die vom Popstar hergestellten podcasts befördern aber auch die Verbrechensrecherche. Der Kriminalfall mündet dann in einen melodramatischen Showdown, wenn die beiden einer alle Drähte ziehenden Milliardärin samt ruchloser Assistentin und Auftragskiller in deren festungsähnlichen Anwesen entgegentreten. Aber ein bisschen Grand Guignol darf ja schon sein.

D ie US-Amerikanerin Sarah Schulman hat in den achtziger Jahren mit den beiden Büchern «Die Geschichte der Sarah Horowitz» (englisch 1984, deutsch bei Ariadne 1996) und «Ohne Delores» (englisch 1988, deutsch bei Ariadne 1992) Pionierinnenwerke lesbischer Krimis vorgelegt – beide sind bei schema f selbstverständlich vorhanden. Schulman schrieb danach klassische Romane, Theaterstücke und Sachbücher, gründete ein lesbisch-schwules Filmfestival, war unermüdlich als Aktivistin tätig, für das Recht auf Abtreibung, gegen die Stigmatisierung von Aids, für die Rechte der PalästinenserInnen – schema f führt neben den Krimis etliche andere Bücher von ihr. Dabei trat Schulman auch mit provokativen Thesen auf, wollte Frauen nicht auf den Opferstatus reduzieren, sondern ihre Eigenverantwortung betonen. In ihrem jüngsten Sachbuch von 2017 wendet sie sich gegen die Selbstbezichtigungs- und Entschuldigungskultur, weil diese von realen Veränderungen ablenke – eine Diskussion, die gegenwärtig anlässlich der Solidarisierung von Weissen Männern und Frauen mit Black Lives Matters wieder geführt wird.

Mit dem 2018 erschienenen Buch «Maggie Terry» beziehungsweise «Trüb» (2018, deutsch 2019) knüpft sie an die frühen Krimis an. Dabei läuft die persönliche Krise der Hauptfigur mit der gesellschaftlichen Krise der USA parallel. Ein gefährlicher Clown ist Präsident geworden und will die Welt verzocken. Maggie Terry ihrerseits taucht nach 18 Monaten in einer Klinik wieder im Alltag auf. Einst Polizistin bei der NYPD, hatte sie sich zunehmend hinter Drogen und Alkohol versteckt, bis zur Katastrophe. Mit der Partnerin ist auch das gemeinsam aufgezogene Kind aus ihrem Leben gegangen. Jetzt geht es ums Überleben. Das gentrifizierte New York stellt sich ihr fremd entgegen. Die Gentrifizierung wird nicht einfach behauptet, sondern sinnlich in den Geschäften und Bars, die verschwinden, in den alten versus den neuen Gerüchen und Klängen und Leuten. In einem Anwaltsbüro kriegt Maggie als Ermittlerin die Chance einer neuen Stelle nach dem Entzug, gegen das Misstrauen der andern Angestellten. Eindringlich werden die täglichen Versuchungen der Sucht beschrieben; mit ironischem Vorbehalt besucht Maggie AA und NA-Meetings, die doch überlebensnotwendig sind. Mit neuer Aktualität versehen, wird auch – im Anschluss an die 2014 von Polizisten getöteten Michael Brown und Eric Garner – Black Lives Matter in die Personenkonstellation eingebracht. Der Sohn von Maggies hispanischem Polizeikollegen, mit dem sie jahrelang auf Streife war, hat einen Schwarzen erschossen, und sie ist damals selbst in den Sog des Corpsgeistes bei der Polizei geraten, der sogar über Rassenschranken hinwegreicht.

Die Erzählperspektive ist ganz nah bei Maggie; sie hat ihre im Beruf geschärfte Beobachtungsgabe nicht verloren, und doch ist ihr nicht ganz zu trauen, weil sie sich immer wieder etwas vormacht, durch die Entzugserscheinungen und die Sehnsucht danach, mindestens ein Besuchsrecht für das von ihr mit aufgezogene Kind zu erhalten.

Aber ihr Absturz in die Sucht ist auch selbstverschuldet. Zuweilen wirkt der Roman wie eine Verkörperung der These von der weiblichen Mittäterinnenschaft. Maggie ist als Frau und Lesbe nicht (nur) Opfer, sondern sie stammt ursprünglich aus privilegierten Verhältnissen, verkörperte als Polizistin nicht nur die Macht, sondern verfügte auch über solche; sie muss also Verantwortung für ihre früheren und jetzigen Taten übernehmen. Selbstmitleid allein reicht nicht aus. Der Roman steuert auf eine erste Wiedergutmachung zu. Fortsetzung folgt hoffentlich bald.


  • Liza Cody: «Ballade einer vergessenen Toten». Deutsch von Martin Grundmann. Hamburg: Argument Verlag 2019 (Ariadne Krimi 1238). 412 Seiten. (Originalausgabe 2011)
  • Gudrun Lerchbaum: «Wo Rauch ist». Hamburg: Argument Verlag 2018 (Ariadne Krimi 1233). 286 Seiten.
  • Merle Kröger: «Havarie». Hamburg: Argument Verlag 2015 (Ariadne Krimi 1224). 228 Seiten.
  • Denise Mina: «Klare Sache». Deutsch von Zoë Beck. Hamburg: Argument Verlag 2019 (Ariadne Krimi 1242). 346 Seiten. (Originalausgabe 2019)
  • Sarah Schulman: «Trüb». Deutsch von Else Laudan. Hamburg: Argument Verlag 2019 (Ariadne Krimi 1241). 270 Seiten. (Originalausgabe 2018)

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Noch ein Posthorn, und zwar ein sozialistisches

Bücherräumereien (XXIV): Eine junge Saat

«Die junge Saat» hiess 1917 eine Monatsbeilage der in Zürich erscheinenden «Freien Jugend» für die Arbeiterkinder, und da vertraute man noch auf die vorwärtsdrängende Kraft der Geschichte wie der Natur. Alle vier Jahrgänge, die unter diesem Namen erschienen sind, liegen gebunden im bücherraum f vor, in einem schwarz-rot marmorierten Kartoneinband. Der Band stammt noch aus den Beständen von Gretlers Panoptikum, aus dem uns freundlicherweise ein paar Trouvaillen überlassen worden sind.

Die Nummer 1 der «Jungen Saat» erschien am 1. Juli 1917, eingeleitet von einem Brief an «Meine jungen Freunde». Darin wird von einer Wanderung der Zürcher Arbeiterjugendgruppe berichtet, mit Spielen und Geschichtenerzählen, wobei einige Kinder gefragt hätten, wie denn diese Erzählungen auch Kinder in anderen Schweizer Städten hören könnten: Und das Resultat sei eben diese eigene Zeitung für die Kinder. Die enthält tatsächlich Geschichten und Märchen und Anekdoten, vom Eulenspiegel und von den Gebrüdern Grimm, aber auch kindertaugliche Texte von Goethe bis Meinrad Lienert. Als politisch im eigentlichen Sinn lässt sich in den ersten Nummern vor allem ein Porträt über Harriet Tubman, die «Sklavenbefreierin», bezeichnen.

Auf der abschliessenden Seite 8 werden jeweils «Spiel und Scherz» geboten. Da findet sich, in einer späteren Ausgabe, ein Spiel im Freien, das «Der Jakobiner» heisst. Dabei soll auf eine Stange eine Jakobinermütze gesteckt werden, die Kinder stellen sich im Kreis darum herum auf und singen ein Lied über die tollen Jakobiner. Dabei geht ein – natürlich roter – Plumpsack um, und wenn das Lied aufhört, muss jener in die Mitte und sich die Mütze aufsetzen, der den Plumpsack gerade hält. Danach versucht er, mit dem Plumpsack ein anderes Kind zu treffen, dem er die Mütze anhängen kann, was die Identifikation mit dem Jakobinertum etwas abschwächt, wobei man umgekehrt darin auch das direktdemokratische Prinzip der Ämterrotation sehen könnte.

Der Verantwortliche für die Beilage wird nicht genannt, aber es kann sich nur um einen handeln: Willi Münzenberg. Der hatte auf den 1. August 1912 die Leitung der «Freien Jugend» übernommen. In seinem 1930 publizierten Buch «Die Dritte Front» über «15 Jahre proletarischer Jugendbewegung» listet er, etwas eitel, den Erfolg auf: Von 40´000 im Jahr verkauften Exemplaren der Monatszeitung hat er sie drei Jahre später auf 60´000 Exemplare gesteigert, und, nachdem sie zu zweiwöchentlichem Erscheinen gewechselt hat, wird für 1917 eine Jahresauflage von 185`000 Exemplaren erreicht, also eine Auflage von 7500 Exemplaren pro Nummer. Kurz vermerkt er in einem Satz auch, dass 1917 eine neue Kinderbeilage mit einer Auflage von 3000 gegründet worden sei.

In der Nummer 7 vom Januar 1918 löst niemand anderer als Emil Oprecht die bisherige Anonymität auf: «Unser lieber Genosse Münzenberg ist von bösen Menschen daran gehindert, die Zeitung selbst zu machen.» Der liebe Genosse sass zu dieser Zeit in der Polizeikaserne in Zürich ein, da er nach den blutigen Auseinandersetzungen vom 16. und 17. November 1917 wegen Aufruhrs zur Gewalt verhaftet worden war. Mit dieser Nummer 7 wird auch ein ordentliches Impressum eingeführt: Oprecht figuriert als Redaktor, Administration und Verlag erledigt Emil Arnold. Nun liegt dem Sammelband im bücherraum f eine handschriftliche Notiz von Roland Gretler bei: Münzenberg habe 1918 das Pseudonym E. Arnold verwendet. Allerdings gab es auch einen realen Emil Arnold, der mit Münzenberg im Jugendverband zusammenarbeitete und später zur KPS stiess – also müsste man nicht von einem Pseudonym sprechen, sondern von einem zur Tarnung verwendeten realen Namen, unter dem Münzenberg aus der Untersuchungshaft heraus die Zeitung weiter redigierte. Im Mai 1918 kurzfristig entlassen, wurde er kurz darauf erneut verhaftet und im November aus der Schweiz ausgewiesen.

Tatsächlich taucht der reale oder fiktiv-reale Emil Arnold ab Juli 1918 im Impressum nicht mehr auf. Ab diesem Zeitpunkt wird die Zeitung von einer neuen Trägerschaft herausgegeben, vom Schweizerischen Sozialdemokratischen Schulverein; in einer Ankündigung in der Nummer wird allerdings vom «sozialistischen Schulverein» gesprochen.

In der «Jungen Saat» findet sich zu dieser Zeit eine Geschichte «Wie Münchhausen in einer Kanone schlief», erzählt von einem C. Hering. Es handelt sich um eine Geschichte, die Hering sicherlich von Gottfried August Bürgers Version der Münchhausen-Geschichten übernommen hat. Münchhausen, der sich in einer Kanone zum Schlaf gebettet hat, wird über die Themse geschossen und landet auf einem Heuhaufen, er wird erst nach Monaten geweckt, als der Bauer sein Heu verkaufen will. Der Herr Hering bricht die Anekdote an dieser Stelle ab und verschenkt damit gerade eine klassenkämpferische Pointe. Bei Bürger fällt der geweckte Münchhausen nämlich auf den Bauer und tötet diesen, den aber niemand betrauert, da er ein übler Geschäftemacher gewesen sei. In Rudolf Erich Raspes ursprünglicher Erzählung wird der Bauer in die Nähe mit dem im entsprechenden Londoner Hafen damals betriebenen Sklavenhandel gerückt, während Bürger bei der Übersetzung ins Deutsche ein antisemitischer Lapsus unterläuft, da der habgierige Bauer zu einem «abscheulichen Juden» wird.

Zuvor schon ist in der «Jungen Saat» eine kleine Geschichte abgedruckt worden, «Das Posthorn». Womit wir endlich beim Titel dieser Erörterungen gelandet wären. Dabei handelt es sich um die Episode aus dem Münchhausen, in der die während eines Tags geblasenen, doch in der Eiseskälte eingefrorenen Töne eines Posthorns abends in der Kneipe auftauen, wodurch aus dem Horn ohne menschliches Zutun ein buntes Potpourri an Liedern erklingt. Charakterisiert wird die Geschichte als «Märchen seit Grimm». Unzweifelhaft stammt aber auch diese Episode aus dem Bürger´schen Münchhausen. Nun hat der Literatur- und Musikwissenschaftler Frieder von Ammon in einem soeben erschienenen, sehr empfehlenswerten Sammelband zum Phänomen Münchhausen gezeigt, dass in den verschiedenen Fassungen des Münchhausen all die Jahre hindurch jeweils aktuelle Gassenhauer genannt werden. Auch in der «Jungen Saat» werden ein paar Liedtitel angeführt, darunter «Du, Du liegst mir am Herzen» – worauf also R., der ich meinen Fund zeigte, sogleich zu summen begann, da sie die Melodie samt Text aus ihrer Jugend kannte (zugegeben, nur die erste Strophe). Tatsächlich soll es sich laut Wikipedia um ein Volkslied von etwa 1830 handeln; wie das in ein Schweizer Bergtal gelangt ist, muss hier unaufgelöst bleiben.

Item, daneben werden andere Titel genannt, etwa «Schier dreissig Jahre bist Du alt» – ein Soldatenlied von Karl von Holtei aus dem Jahr 1827, auch bekannt als «Mantellied», in dem die Freundschaft eines Soldaten mit und Abhängigkeit von seinem Wintermantel beschrieben wird, dem ich frivolerweise eine homoerotische Komponente unterschieben würde. Daneben gibt es noch «Mädel ruck ruck ruck», wobei das «ruck ruck ruck» einigermassen harmlos mit «zur Seite» fortgesetzt wird. «Das Lied gehört», verrät uns die unverwüstliche Wikipedia «zu den Klassikern der Stimmungslieder und war bereits Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt. Im Jahr 1836 ergänzte Heinrich Wagner (1783-1863) die bereits vorhandene erste Strophe um zwei weitere. Die Melodie stammt von einer älteren Volksweise, die Friedrich Silcher (1789-1860) überarbeitete.»

Die vorliegenden Ausgaben der «Jungen Saat» sind im Übrigen mit handschriftlichen Anmerkungen versehen, mit Werturteilen und Korrekturen ebenso wie mit Anmerkungen zum Vorlesen. Als lokalgeschichtliches Aperçu sei zudem der Brief einer Sonntagsschülerin aus Oerlikon erwähnt, die sich darüber gefreut hat, bei einer Wanderung mit Kameradinnen und Kameraden aus dem weit entfernten Zürich gespielt haben zu können.

Ab Juli 1921 hiess die Zeitschrift dann «Der junge Genosse» – ob die junge Saat aufgegangen war, steht auf anderen Blättern.


«Die junge Saat» befindet sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek im bücherraum f in der Abteilung DC.4

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Eine Tradition feministischer Bücher

Liebe Freund*Innen von Widersprüchen,                                                                                   liebe Anwesende

Es freut uns, Euch hier im bücherraum f für diese Vernissage des neuen Widerspruch begrüssen zu dürfen. Die Nummer 74, die wir vorstellen möchten, bietet nicht nur eine Fülle an neuen Stoffen, sondern sie trägt auch ein neues Kleid. Das neue, elegantere Layout gliedert deutlicher, bietet ein fotografisch angereichertes Titelblatt, dazu längere Inhaltsangaben, sorgfältig erarbeitet; ein Wermutstropfen bleiben leere Seiten, die man vielleicht aus ökologischen wie inhaltlichen Gründen hätte füllen können. Ihr könnt das mit den bisherigen Ausgaben vergleichen, denen die gegenwärtige Redaktion freundlicherweise ein «schickes Achtzigerjahre-Layout» zugesprochen hat; sie befinden sich in diesem Gestell, in aller Farbenpracht, die den einstigen Regenbogen der edition suhrkamp weiterführt. Mit der Umgestaltung ist auch eine neue Rubrik eingeführt worden: «Spezial», was natürlich neugierig macht. Dem Spezial im neuen Heft 74 wollen wir uns an diesem Abend widmen.

Das ist ja sehr angebracht: Im vorliegenden Widerspruch-Spezial stellen elf Autorinnen elf feministische Bücher vor, und der bücherraum f enthält eine feministische Bibliothek, schema f, mit über 10000 Bänden. Die meisten Bücher aus der Widerspruch-Auswahl sind hier vorhanden, einseh- und ausleihbar, wobei die Politisch-philosophische Bibliothek linkerhand auch mit ein oder zwei Titeln aushelfen kann. So entsteht eine kleine, aber feine Geschichte feministischer Theorie und ihrer historisch-aktuellen Aneignung.

Das Spezial beginnt standesgemäss mit dem Standardwerk von Simone de Beauvoir, «Das andere Geschlecht» (1949). Es liegt bei uns in einer handlichen Taschenbuchausgabe vor. Elisabeth Joris, die 2018 als eine der ersten an einer Veranstaltung im bücherraum f auftrat, weist darauf hin, dass das Buch trotz gewisser Einwände «weiterhin ein radikales Werk von epochaler Bedeutung» sei. Insbesondere bleibe die Analyse «der machtspezifischen Wirksamkeit der Produktion des Anderen auch heute noch von höchstem politischen Interesse». Im Übrigen können wir auch eine französische Ausgabe vorweisen, nicht gerade die Erstausgabe von 1949, aber immerhin von 1958. Und das ist nicht ganz unerheblich, weil Joanna Biggs in einem langen Artikel über Simone de Beauvoir in der «London Review of Books» soeben darauf hingewiesen hat, dass «Le deuxième sexe» im angelsächsischen Raum nur in zwei ungenügenden Übersetzungen erhältlich sei.

Iris von Roten ist mit «Frauen im Laufgitter» unter den elf ausgewählten Autorinnen die einzige Schweizerin. Sibylle Stillhart erwähnt, dass die – für das Erscheinungsjahr 1958 optimistisch hoch angesetzte – Erstauflage von 3000 Exemplaren nach elf Wochen ausverkauft war. Tatsächlich, das Exemplar in unserer Bibliothek gehört bereits zur dritten Auflage 1959, vorhanden ist auch die Neuauflage, die 1991 erstaunlich spät erfolgte. Das Buch bleibt «originell und weitsichtig», dies auch aus eher zwiespältigem Grund: Weil manche Ideen bis heute nicht in die Tat umgesetzt sind. Deshalb schlägt Sibylle Stillhart vor, die Lektüre «in den Schulunterricht zu integrieren».

Nun springen wir ein wenig geografisch, von der Schweiz in die weite Welt. Die Studie «Frauen, die letzte Kolonie» haben Claudia von Werlhof, Maria Mies und Veronika Bennholdt-Thomsen im Jahr 1983 publiziert und sich dabei wesentlich auf die Dritte Welt, die Länder des Südens bezogen. Wir springen auch ein wenig zeitlich, zu einer neuen theoretischen und politischen Generation. Regula Flury erläutert, was das Buch für die autonomen Feministinnen der Achtziger bedeutet habe – nicht nur die Überwindung der Doktrin von Haupt- und Nebenwiderspruch – zu der sich einige ältliche Veranschaulichungen in der Politisch-philosophischen Bibliothek befinden. Sondern vor allem die «theoretische Einbettung der unbezahlten oder schlecht bezahlten und mehrheitlich von Frauen geleisteten Reproduktionsarbeit in die kapitalistische Ökonomie», und dies unter «Einbezug einer globalen Perspektive auf Subsistenzarbeit im Süden». Silvia Federici hat dann in «Caliban und die Hexe» (2004) dieses Thema wieder aufgegriffen, indem sie, wie Rahel Locher zeigt, den marxschen Akkumulationsbegriff erweitert und nicht als abgeschlossenen, vielmehr als weiter gehenden Prozess betrachtet. Federici hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt, wohl stärker als der Bielefelder Ansatz von Werlhofs et al., vielleicht weil sie sich stärker in einer aktivistischen Bewegung verortet – dem italienischen Operaismus – und damit «an den konkreten Kämpfen der Menschen» orientiert.

Zeitlich noch vor diesen beiden Büchern, zumindest im US-amerikanischen Original, liegt der Kampf um eine neue Identität in Audre Lordes «ZAMI. Eine neue Schreibweise meines Namens» (1982). Von Lorde haben wir zwei später ins Deutsche übersetzte Bücher in den Beständen, die stärker zum damals von schema f schwerpunktmässig gesammelten Thema Körper/Gesundheit passen. Für Rahel El-Maawi allerdings hatte gerade das frühere Buch ganz konkrete Auswirkungen: Lorde «war und ist eine wichtige Wegbereiterin für einen intersektional verstandenen Feminismus» und «prägt meinen Aktivismus massgeblich»; auf diesem Hintergrund ist auch die Gründung des Schweizer Netzwerk Schwarze Frauen Bla*Sh im Jahr 2013 zu verstehen.

In umgekehrter Hinsicht hat der Aufsatz von Christina Thürmer-Rohr «Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung» (1983) für Shelley Berlowitz «bahnbrechend» gewirkt, und zwar weil er «den weissen westlichen Feminismus aus der Komfortzone geschleudert» habe. «Der Gedanke der Mittäterschaft» (der übrigens weiterhin auch eine Herausforderung für eine geschlechtergerechte Sprache darstellt) habe einen neuen «Denk-Weg eröffnet»: «Wie funktioniert Macht in unserem Gesellschaftssystem? Wie stützen wir diese Macht, wie stimmen wir ihr zu, wie lassen wir sie geschehen oder arbeiten ihr zu?» 1987 ist er im Sammelband «Vagabundinnen» wieder abgedruckt worden; in diesen Zusammenhang gehören auch Beiträge von Frigga Haug, die in mehreren Bänden zur Opfer/Täter-Debatte gesammelt sind.

Gender und Identität und Identitätspolitik: Wie könnten da Luce Irigaray und Judith Butler fehlen? Luce Irigarays «Ethik der sexuellen Differenz» (1984) wird von Tove Soiland vorgestellt, von der selbstverständlich auch die profunde Studie «Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz» im bücherraum f vorhanden ist. Irigaray versuche keine Definition männlicher und weiblicher Wesenheiten, sondern zeige einen «in den symbolischen Strukturen eingelagerten phantasmatischen Bezug zum Körper der Mutter», der «eine Art Magma, oder Nacht» darstelle, aus der die Männer, die Menschheit unentgeltlich alles Nährende, Belebende bezögen.

Patricia Purtschert beschreibt ihre anfängliche Irritation durch Judith Butlers «Das Unbehagen der Geschlechter» (1990), das sowohl sprachlicher wie inhaltlicher Natur gewesen sei, da Butler «mehrere Prämissen eines vorherrschenden Feminismus in Frage» gestellt habe; noch immer reibt sie sich daran, findet am Buch aber unvergleichlich anregend «den Gestus der feministischen Kritik, den es beharrlich und virtuos vorführt, auch auf sich selbst anzuwenden». In der Ausleihstatistik von schema f für das Jahr 1993 gewinnt Butler übrigens das Rennen gegenüber Iris von Roten mit einer Länge.                                                                                                                                                                                                                          

Nun kommen zwei Titel, bei denen wir leider passen müssen. Schema f hat ja eine Lücke von einem guten Jahrzehnt, und genau das decken diese beiden Titel ab. Die Lektüre von Virginie Despentes «King Kong Theorie» (2006) bedeutete für Naiara Korta Martiartu ein «feministisches Werden», da sich Despentes um die «Randzonen, das Monströse» bemühe. Ihre brutale Ehrlichkeit im Beschreiben von Hässlichkeit und Unerwünschtem münde in einen «Aufruf, sich eine postgeschlechtliche oder postidentitäre Möglichkeit vorzustellen. Eine Überschreitung des Binären. Ein Monster*werden». Ebenso nahe auf den Leib rückt Kirsten Achteliks «Selbstbestimme Norm» (2015) über pränatale Untersuchungen. Für Aisha Fahmy wird darin analysiert, wie das Konzept der Selbstbestimmung verhängnisvoll durch die neoliberale Individualisierung und Atomisierung vereinnahmt werde, statt sich an einer solidarischen Gesellschaft auszurichten. Dabei ermögliche das Buch einen direkten Anschluss und eine Weiterschreibung früherer feministischer Bewegungen. «Alle, die den selbst ernannten Lebensschützern mehr als nur Mein Bauch gehört mir! entgegnen wollen, sollten dieses Buch lesen.» Wie gesagt, diese beiden Bücher stehen nicht in unseren Regalen – wir nehmen sie aber gerne als Geschenke entgegen.

Den Schluss macht, ganz angemessen, die Kultur. Andi Zeisler zerzaust in ihrem Buch «Wir waren doch mal Feministinnen» (2016) die Pop- ebenso wie die Alltagskultur. Da fühlen wir uns wieder auf etwas sichererem Boden – von den Spice Girls ebenso wie von den Riot Grrrls haben selbst ältere Semester schon mal gehört. Lisia Bürgi nennt einige der ebenso witzig wie scharf beschriebenen alltagskulturellen Phänomene aus Zeislers Buch, die Frauen seit Neustem wieder als Selbstbestimmung angeboten würden: vom Make-up über flache Schuhe bis zum Velofahren. Doch dieser «Verwässerung und Vermarktung feministischer Ideale» sei im Gegenzug eine «nachhaltige und kritische feministische Kultur» entgegenzustellen.

So weit ein kurzer Streifzug durch das «Spezial» des Widerspruch 74. Natürlich enthält die Nummer 74 mit dem Schwerpunkt «Frauen*streiken» daneben zahlreiche gehaltvolle Artikel: nicht spezial, aber speziell. Und damit laden wir Euch zur weiteren Lektüre ein, unterstützt von etwas Rosé und rosaroten Häppchen.

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Stürme der Geschichte

Bücherräumereien (XXIII): Bruchstücke zu Rosa Meyer-Leviné

«A Storm from paradise» beschreibt eine Liebesgeschichte kurz vor dem 1. Weltkrieg. Ein schottischer Provinzlehrer wird von der russischen Emigrantin Elizabeth de Pass, die es auf verwickelten Wegen in sein Dorf verschlagen hat, für einen Winter und einen Frühling aus seinem engen, vorgespurten Leben gerissen. Doch er vermag die ihm gebotene Ausbruchsmöglichkeit nach ihrer Abreise nicht zu ergreifen und zieht sich in eine konventionelle Ehe und Karriere zurück.

Erschienen ist das Buch 1985 in London, und sein Autor Stuart Hood schreibt darin über seinen Vater, zwischen Realität und Fiktion. Der eindrücklich evozierten Herkunft, den sozialen Verhältnissen und Zwängen wird die fiktive Liebesbeziehung überschrieben. Später hat mir Hood, als ich einen früheren Roman von ihm übersetzte, in London gesagt, für die Figur der russischen Emigrantin habe er sich von Rosa Meyer-Leviné inspirieren lassen, die er in den sechziger Jahren in London gekannt habe.

Rosa Meyer-Leviné (1890–1979) führt tief in die Geschichte der kommunistischen Bewegung im kurzen 20. Jahrhundert zurück. Sie hat im hohen Alter zwei Bücher veröffentlicht, eines über ihren ersten, eines über ihren zweiten Ehemann. Die Männer stehen jeweils im Zentrum der Darstellungen, doch durch Meyer-Levinés unverwechselbare Erzählungen wird zugleich deren eigene Persönlichkeit sichtbar. Da ist erstens «Leviné. Leben und Tod eines Revolutionärs». Der russisch-deutsche Revolutionär Eugen Leviné (1883–1919) war der Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in München und im April 1919 der Anführer der zweiten Regierung der dortigen Räterepublik. Nach deren Niederschlagung wurde er am 13. Mai gefangengenommen und nach einem Kriegsgerichtsverfahren am 4. Juni erschossen. Das zweite Buch «Im inneren Kreis. Erinnerungen einer Kommunistin in Deutschland 1920–1933» ist hauptsächlich dem Schicksal von Ernst Meyer (1887–1930) nacherzählt. Der war wie Leviné Mitgründer der KPD, danach zweimal Parteivorsitzender und in mehr oder weniger führender Position tätig bis zu seinem Tod wegen Tuberkulose.

Rosa Meyer-Leviné selbst wurde 1890 als zwölftes Kind eines Rabbiners im damaligen Russisch-Polen geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters reiste sie als junge Frau nach Wien und dann nach Heidelberg, schlug sich als Gouvernante und Privatlehrerin durch, lernte 1910 Eugen Leviné kennen und heiratete diesen 1915 in Berlin.

Märtyrer

Das erste Buch, auf Deutsch 1972 und auf Englisch 1973 mit einer Einleitung von Eric Hobsbawm erschienen, hat einen entschieden revolutionären Impetus. Allerdings beschreibt Rosa Leviné darin bereits eine Ambivalenz der kommunistischen Bewegung. Eugen Leviné und mit ihm die KPD hielten die Ausrufung der Räterepublik in München am 7. April 1919 für verfrüht und abenteuerlich; aber, einmal begonnen, stellte sich Leviné hinter den Aufstand, wie es einst Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bei der Januarrevolution in Berlin getan hatten. Nach einem niedergeschlagenen Gegenputsch setzte sich die KPD unter Leviné an die Spitze der zweiten Räteregierung, während frühere anarchistische Protagonisten wie Gustav Landauer und Erich Mühsam an den Rand gedrängt wurden. In der Historiografie wird das zumeist als Machtübernahme durch die Kommunisten beschrieben; Rosa Leviné stellt es eher als Aufopferung dar. Eugen Leviné habe gewusst, dass die Räterepublik zum Scheitern verurteilt gewesen sei, aber einmal in Gang gesetzt, habe jemand die Sache bis zum bitteren Ende ausfechten müssen.

Trotz, oder wegen, der traumatischen Erfahrung, der Hinrichtung ihres Mannes beiwohnen zu müssen, blieb Rosa Leviné ihrem politischen Engagement treu. 1922 heiratete sie Ernst Meyer. Damit geriet sie in den «inneren Kreis» der kommunistischen Politik in den zwanziger und dreissiger Jahren. Meyer war 1922 und wieder 1927/28 KPD-Parteivorsitzender, dazwischen und danach, bis zu seinem Tod 1930, der Vertreter einer «mittleren» Position, die sich im Widerspruch zur «ultraradikalen» wie der «reformistischen» Strömung in der KPD befand. Verzahnt war das mit der globalen Entwicklung. Die KPD war die mächtigste kommunistische Partei ausserhalb der jungen Sowjetunion, ihr Schicksal entsprechend eng mit der Kommunistischen Internationale, der Komintern verknüpft. Meyer und Meyer-Leviné reisten in den zwanziger Jahren mehrfach nach Moskau; Meyer-Leviné sprach ja russisch und wirkte zuweilen als Dolmetscherin.

Enttäuschungen

Die Lektüre ihres zweiten Buchs ist eine über weite Strecken deprimierende Angelegenheit. Was sich als roter Faden durchzieht: Die KPD hat «im inneren Kreis» vor allem aus Fraktionskämpfen bestanden. Linke, Mitte und Rechte befehdeten sich beinahe bis aufs Blut. Kaum ein führendes Mitglied, das nicht einmal entmachtet, gar ausgeschlossen wurde. Natürlich, dahinter lagen politische Meinungsunterschiede, insbesondere zwischen «Offensivstrategie» und «Einheitsfront». Befand man sich kurz nach dem 1. Weltkrieg in einer revolutionären Situation und sollte auf Waffengewalt zur Erringung der Diktatur des Proletariats gesetzt werden, oder musste man sich um eine Zusammenarbeit mit der sozialdemokratischen Mehrheit in Gewerkschaften und Arbeiterbewegung bemühen? Wie hielt man es mit dem Parlamentarismus und der Tolerierung von Mitte-Links-Regierungen in einzelnen Freistaaten Deutschlands? Rosa Meyer-Leviné versucht das an Stimmungen, Meinungen, Positionen in der Arbeiterschaft zurück zu binden, wobei sie als nicht-mandatsgebundene Mitarbeiterin ihres Mannes durchaus ein Ohr bei der Basis hatte. Aber der subjektive Faktor, die Führer – und die gelegentliche Führerin – spielen doch die entscheidende Rolle. Häufiger ändernde Positionen von KPD und Komintern dienen, ebenso wie die wechselnden Koalitionen, vor allem der Absicherung der eigenen Macht. Ab 1928 setzt dann die Komintern die absurde, verheerende Sozialfaschismustheorie durch, wonach nicht die aufkommenden Nazis oder das Bürgertum, sondern die Sozialdemokratie den Hauptfeind darstellte. Es war eine Wiederaufnahme der schon einmal gescheiterten ultralinken Position, abgesichert vom willfährigen Ernst Thälmann.

Meyer-Leviné kann sich dabei zuweilen den widersprüchlichen Einschätzungen nicht einfach entziehen. Wünsche und Realitäten geraten durcheinander. Im deutschen Oktober 1923 wäre, so schreibt sie, die Bereitschaft vorhanden gewesen, die durch die reaktionäre Reichsregierung entmachtete Volksfrontregierung in Sachsen und Thüringen mit einem Generalstreik, gar mit Waffen zu verteidigen. Doch plötzlich will der Betriebsrätekongress nicht mitmachen. Ist das ein Versäumnis der KPD oder ein Verrat der SPD? Der Kampf um die Zitadellen der Macht wird jämmerlich abgebrochen, obwohl sich «die Arbeiterschaft viele Monate lang mit ganzem Herzen vorbereitet hatte». Nur in Hamburg wird auf den Barrikaden gekämpft. Ist das heroischer Widerstand oder selbstmörderisches Abenteurertum, durch ein Missverständnis ausgelöst? Noch in der Niederlage versucht Meyer-Leviné, einen Hoffnungsschimmer zu entdecken. «Die Bewegung gewann aus all ihren tragischen Irrtümern doch auch unschätzbare Erfahrungen für die Zukunft.»

Noch deutlicher wird dieses Schwanken in der Beschreibung ihrer Reisen in die Sowjetunion. 1925 erscheint ihr als Höhepunkt der dortigen revolutionären Entwicklung: überall Begeisterung, neue Ideen, Initiativen, ja, neue Menschen. Aber dann trifft sie den Komintern-Vorsitzenden Grigorj Sinowjew, und als der wider besseres Wissen die damaligen Intrigen in der KPD gegen Ernst Meyer leugnet, «begriff ich, treue, inbrünstige Kommunistin, blitzartig die Bedeutung eines totalitären Staates». 1928 haben sich wirtschaftliche wie politische Lage verschlechtert. Sie sieht die abgewürgte Eigeninitiative im täglichen Leben und erlebt «verstört» den ersten Schauprozess gegen technische Kader, denen Sabotage vorgeworfen wird. Zugleich aber: die Frauen! Intelligent, erfrischend, ehrgeizig, kurzum: «Kinder der neuen Ordnung». 1930 können sie und ihr Mann, beide an Tuberkulose erkrankt, ein Sanatorium besuchen, und das ist «wie eine lebendige Illustration der sozialen Gerechtigkeit». Gleichzeitig erlebt sie auch im persönlichen Bekanntenkreis, wie sich in der Sowjetunion das Duckmäusertum durchsetzt, wie sich Ehepartner über der Frage, wie weit man sich anpassen muss, gefährlich entzweien.

Abrechnungen

In ihrem Buch rechnet sie unbarmherzig mit der Politik der KPD ab: Im März 1921 nahm die, um das angebliche revolutionäre Feuer zu schüren, «Zuflucht zu Sabotage, Bombenlegerei und schlichter Provokation. Ja, es hat Versuche gegeben, die Schutzpolizei so zu provozieren, dass sie als erste angriff, damit die Arbeiter losschlügen. [..] Es schien keine Rolle zu spielen, wessen Blut da noch floss.» Während der späteren ultraradikalen Phase 1924 hätten «Lug und Trug» die Partei beherrscht; 1925 habe die Kandidatur von Ernst Thälmann bei der Reichspräsidentenwahl die Wahl des Monarchisten Paul von Hindenburg gegen den Kandidaten der Mitte ermöglicht; der Aufbau unabhängiger roter Gewerkschaften sei jämmerlich gescheitert; der Aufruf zu einer Demonstration am 1. Mai 1929 in Berlin, die in ein Blutbad durch die sozialdemokratisch kommandierte Polizei mündete, sei ein unverantwortlicher katastrophaler Fehlschlag gewesen; die Komintern habe schon vor der Machtübernahme von Stalin die KPD unter ihre Knute gezwungen und recht eigentlich zerstört.

Und sie liefert ebenso unbarmherzige Psychogramme. Ruth Fischer, die ultralinke KPD-Führerin von 1924/25: aufgeblasenes Selbstbewusstsein und Besserwisserei bei politischer Ignoranz. Deren Bruder Gerhart Eisler (beides im Übrigen Geschwister des Komponisten Hanns Eisler): zuerst überwältigende, bestürzende Dünkelhaftigkeit, dann 1932 ein zerstörter, geduckter Mensch. Ernst Thälmann, KPD-Vorsitzender ab 1925: ein tapsiger Bär, ein dürftiger Denker, dann eine willfährige Marionette der Komintern. Heinz Neumann, früh ein Opfer, spielte selber eine prominente Rolle bei der «Rückgratbrecherei»; Arthur Ewert, der einige Jahre zusammen mit Meyer die «Mitte»-Fraktion führte, beging 1930 einen «schändlichen Akt der Unterwerfung». Selbst Willi Münzenberg, der legendäre Propagandist, sei ein intriganter Opportunist gewesen, zunehmend politisch korrupt. Die einzige der grossen KPD-Gestalten, die einigermassen unbeschadet davon kommt, ist Clara Zetkin. Unangetastet bleibt auch Lenin, den Rosa Meyer-Leviné einmal, 1922 in Moskau, bei einem Kongress als überwältigend erlebt hat, und der aus den Erfahrungsberichten, die sie aus erster Hand erhält, ebenfalls als Leuchtfigur hervorgeht. Auch die überragenden politischen und theoretischen Trotzkis Fähigkeiten werden gewürdigt, wobei dieser sich zuweilen in einen anderen Menschen verwandelt habe, wenn seine Eitelkeit ihn übermannt habe. Zu Karl Radek und Grigori Sinowjew und Nikolai Bucharin pflegt sie anfänglich gute, ja freundschaftliche Beziehungen, aber die drei unterwerfen sich einer nach dem anderen der stalinistischen Linie und sind schliesslich zerbrochene Männer – viele Jahre bevor sie nach Schauprozessen hingerichtet werden oder im Gefängnis umkommen.

Selbstkritik

Zweifellos, Rosa Meyer-Leviné ist befangen, und sie findet, Ihr Ehemann Ernst Meyer sei der einzige, der die KPD je politisch und administrativ erfolgreich geleitet habe. Aber sie überliefert auch von diesem erschreckende Positionen, etwa wenn er 1925 meint, man hätte Sinowjew wegen dessen Zerstörung der KPD aufknüpfen sollen. Und Meyer, der sich über lange Jahre hinweg persönlicher Intrigen enthalten hat, vollzieht auch einmal im «Interesse der Partei» eine Absage an frühere Positionen und gibt damit seine «moralische Integrität» preis. Sie selbst nimmt sich von der Kritik ebenfalls nicht aus. Nach dem Tod ihres Mannes 1930 entschliesst sie sich, auch aus finanziellen Gründen, für die sowjetische Seite Propagandaarbeit zu übernehmen und als Russland-Berichterstatterin für die deutsche kommunistische Presse zu wirken. Dabei schreibt sie einen langen Artikel über den ersten Fünfjahresplan: «vierundzwanzig Seiten lang Lügen. Rückblickend lesen sie sich wie das Gefasel einer Irren.» Und sie stimmt mit grundsätzlichen Beschreibungen etwa von Margarete-Buber-Neumann überein, der Witwe von Heinz Neumann, wie Parteikader sich allmählich in Illusionen, Lügen verstrickt, sich selbst entfremdet und schliesslich allen absurden Vorwürfen unterworfen hätten.

Anfang 1933 wird Rosa Meyer-Leviné die Lage in der Sowjetunion unerträglich, und sie reist nach Deutschland zurück. Wenige Wochen später ist Adolf Hitler an der Macht, also flieht sie nach Prag, dann nach Frankreich und im Oktober 1934 nach London. Wo sie bis zu ihrem Tod 1979 leben wird, von einem kurzen Aufenthalt in Heidelberg unterbrochen.

Eine Hypothese

Trotz ihres Antistalinismus und anders als Buber-Neumann, die eine der Kronzeuginnen des Antikommunismus wurde, hat Rosa Meyer-Leviné ihre linken Überzeugungen nie aufgegeben. So erscheint sie denn auch in Stuart Hoods Buch «A storm from paradise». Der schreibt von einem Ich-Erzähler her über seine Figur: «For the purpose of my romance I have given her H´s looks, intelligence and directness, but I require other details which I shall take from someone else with another destiny than hers whom I knew much later.» Tatsächlich skizziert er, als «my hypothesis», den Lebenslauf einer Rabbiner-Tochter aus Russisch-Polen, die gegen ihre Herkunft rebelliert und sich in sozialistischen Kreisen politisiert. An der Figur interessieren Hood zwei Dinge, die die Figur des Vaters aus der konservativen schottischen Atmosphäre herausholen sollen: ihre politische Haltung und eine Freizügigkeit in persönlichen Beziehungen und in der Erotik. Letztere hat Rosa Meyer-Leviné in den ersten Seiten ihrer Leviné-Biografie angedeutet, wenn sie schreibt, dass sie bis zur Heirat mit Leviné neben ihren Liebesbeziehungen auch mit Männern zusammenlebte, die ihr den Lebensunterhalt sicherten.

Gegen Ende von Hoods Buch, nachdem sich der Vater/Schullehrer in einem konventionellen Leben eingerichtet hat, skizziert der Ich-Erzähler als Alternative das Leben von Elizabeth de Pass in den zwanziger und dreissiger und schildert deren politische und soziale Tätigkeit in Deutschland. Nun nennt er sie bei ihrem richtigen Namen: Elizavyeta Mueller-Potapova. Darin wird Rosa Meyer-Leviné sichtbar, aber doch wieder halb fiktiv überdeckt. Zudem wird ihr späteres Leben in London nach dem 2. Weltkrieg beschrieben. «her interest in politics awoke once more so that in the fifties and sixties she drew to her flat young people on the left: a radical publisher, the editor of a Marxist journal, members of various Trotskyist group […] There was always in her comments on the present a clear dialectic process at work, a sharpness and a practicality that deflated the arguments of revolutionary utopians and cut through the verbiage of fashionable theory.» Das scheint der Realität zu entsprechen, wie sich bruchstückhaft rekonstruieren lässt. Der eminente Kommunismusforscher Hermann Weber lernte sie offenbar in den sechziger Jahren kennen und benützte als erster ihr Privatarchiv insbesondere zu Studien über Ernst Meyer. Eric Hobsbawm verkehrte bei ihr, wie sein Nachwort zur Leviné-Biografie belegt. 1972 spannte sie offenbar den in der Nachbarschaft wohnenden Erich Fried ein, um in der Bundesrepublik eine Rehabilitierung ihres erschossenen ersten Mannes Eugen Leviné zu erreichen. Auch in einem Nachruf auf den 2013 verstorbenen israelischen Sozialisten Akiva Orr taucht sie als regelmässige Gesprächspartnerin auf.

Stuart Hood hat mir gelegentlich einen Eindruck von ihr vermittelt. «Sie lebte in London und telefonierte mir gelegentlich, ich solle sie besuchen. Dann hat sie mir Geschichten erzählt, in Russisch und Deutsch, über die deutsche Politik, über Trotzki und Bucharin in Wien, unglaubliche Geschichten, manche davon sicher wahr, einige vielleicht auch nicht. Sie hasste Trotzki. Sie hatte einst einen neuen Rock gekauft, ich glaube, zu dieser Zeit war sie die Freundin eines linken österreichischen Industriellen. Trotzki machte eine abschätzige Bemerkung darüber, und das hat sie ihm nie verziehen.» Im Übrigen hat Hood in «A storm from paradise» mit einer Nebenbemerkung seine eigene Geschichte hinein verwoben. Er selbst war Ende sechziger, Anfang siebziger Jahre verheiratet mit Renée Goddard, einer Tochter von Werner Scholem – der seinerseits in den zwanziger Jahren einer der prominentesten innerparteilichen Gegner von Rosa Meyer-Levinés Ehemann Ernst Meyer gewesen war.

Hermann Weber hat in den siebziger Jahren die Herausgabe der beiden Bücher von Rosa Meyer-Leviné unterstützt und die in ihrem Todesjahr erschienenen «Erinnerungen» herausgegeben und kommentiert. Seither werden ihre Bücher in historischen Studien als Quellen angeführt, aber ihre eigene Rolle in der deutschen ArbeiterInnenbewegung ist bisher nicht aufgearbeitet worden. In zwei kürzlich erschienenen Biografien zu Werner Scholem wird sie nur ganz beiläufig erwähnt. Auch der im Bundesarchiv in Konstanz vorhandene Nachlass ist nicht weiter ausgewertet. In einer Studie über «Nachlässe und Sammlungen deutschsprachiger Personen im britischen Exil» von 2017 wird ihr Todesjahr falsch angegeben, und als Nachlass wird einzig ihre Leviné-Biografie aufgelistet.

Immerhin: Hoods Buch, dessen Titel sich an Walter Benjamins Engel der Geschichte orientiert, hat ihr ansatzweise ein eigenwilliges Denkmal gesetzt.

Stefan Howald


Die beiden Bücher von Rosa Meyer-Leviné sind im bücherraum f in der Politisch-philosophischen Bibliothek in der Abteilung GB vorhanden.

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Aus der Hölle

Bücherräumereien (XXII): Nachtrag zu Rudolf Olden und andern

Der Band stand mir vor Augen, ein einfacher blauer Einband samt aufgeklebtem Vermerk, dass es sich um einen Fehldruck handle. Aber das Buch war nicht dort, wo es in meiner Bibliothek stehen sollte, und erst beim Aufräumen in einem Zimmer kann es an einer Stelle zum Vorschein, wo es ebenfalls eine Berechtigung hatte, zu stehen. Es stammt von Irmgard Litten und heisst «Die Hölle sieht dich an. Der Fall Litten».

Hans Litten (1903–1938) war ein Jurist während der Weimarer Republik, der sich öfters mit den Nazis anlegte und schliesslich in einem KZ starb. Geschrieben ist das Buch von seiner Mutter Irmgard, als Rechenschaftsbericht über die Verbrechen der Nazis wie über die letztlich fruchtlosen Bemühungen, den Sohn zu retten.

Litten, schon ganz jung ein scharfsinniger Rechtsanwalt, verteidigte ab 1928 mehrmals angeklagte Kommunisten oder trat als Privatkläger gegen nazistische Schläger auf. 1929 reichte er eine Klage gegen den sozialdemokratischen Berliner Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel ein, weil der eine 1.-Mai-Demonstration mit Waffengewalt hatte auflösen lassen, wobei 33 Arbeiter starben. Besonders bekannt wurde Litten 1931 durch einen Prozess, in dem er Adolf Hitler als Zeugen vorlud und ihm zwei Stunden lang illegale Aufrufe zur Gewalt nachwies. Seither war ihm der Hass der Nazis gewiss, und er wurde wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 als einer der ersten Systemgegner verhaftet.

Die Mutter schildert das fünfjährige Martyrium ihres Sohns durch diverse Konzentrationslager. Und sie schildert ihre Anstrengungen um den Sohn, auch wie sie sich zuweilen taktisch verhält, wie wechselweise entschiedenes Auftreten oder emotionale Appelle einer verzweifelten Mutter bei unteren Gestapo-Beamten ein gewisses Entgegenkommen bewirken können; dennoch ist Hans Littens Tod, der sich schliesslich angeblich selbst erhängte, angesichts des nazistischen Terrorregimes unausweichlich.

Das Buch enthält ein Vorwort von Rudolf Olden aus dem März 1940, also ein paar Monate geschrieben, bevor dieser selbst durch das Torpedo eines deutschen U-Boots gegen das Passagierschiff, auf dem er exilieren wollte, umkam. Olden hat Litten schon als jungen Referendar kennen gelernt, der nicht parteipolitisch gebunden, aber unbestechlich links engagiert für die Wahrheit gekämpft habe. Er, der doch selbst ein unermüdlicher Kämpfer war, hat dem jüngeren Kollegen offenbar geraten, gelegentlich etwas weniger rigid aufzutreten, was Litten aber angesichts von dessen «franciscanisch» reinem Charakter nicht möglich gewesen sei. Der «Opfergang» Littens zeigt für Olden aber auch, was die Justiz sein müsste: «der breite und feste Quader in der Grundlage abendländischer, christlicher Zivilisation».

Der Band stammt aus der Bibliothek eines verstorbenen befreundeten Ehepaars; auf dem Titelblatt ist ein Stempel der «VPOD-Bibliothek» ersichtlich geworden, nachdem die mit Bleistift vorgenommene Verdunkelung vorsichtig wegradiert worden ist. Offensichtlich handelt es sich um eine Erstausgabe, 1940 im Pariser Exilverlag Editions Nouvelles Internationales erschienen. Ein Blatt zwischen Umschlag und Titelblatt ist herausgerissen; ob es sich um Vorsatzblatt oder um Schmutztitel gehandelt hat, ist nicht zu entscheiden, und zur Unklarheit trägt bei, dass es im Impressum heisst: «Umschlagzeichnung von Walter Trier». Eine solche Umschlagzeichnung fehlt; es wäre merkwürdig, wenn diese sich auf dem Vorsatzblatt befunden hätte, ein anderer Umschlag ist allerdings auch nicht bezeugt, wobei der jetzige Buchumschlag original zeitgenössisch zu sein scheint.

                                                                                          

Warum es sich dabei um einen Fehleinband handeln soll, kann aus dem Buchrücken halbwegs erschlossen werden, weil dort der Buchtitel orthografische Fehler aufweist. So ist «Hölle» kleingeschrieben, und auf dem o findet sich statt der Umlautzeichen ein circonflexe. Das mögen allerdings für eine Ausgabe in einem Exilverlag in Paris lässliche Sünden sein; doch zu weiteren Indizien reicht es nicht, weil unter dem an zwei Ecken ein wenig losen Zettel auf der Vorderseite sich nur der aufgeprägte Name Litten und nicht mehr entziffern lässt. Eine englische Kollegin, mit der ich einst über deutsche Literatur im englischen Exil zusammengearbeitete hatte und die mehrfach über Olden und Litten geschrieben hat, wird sich jetzt um weitere Aufklärung bemühen.

Ein Nachtrag noch zum Illustrator Walter Trier (1890–1951). Der hatte sich schon in den zwanziger Jahren einen Namen als Zeichner für Zeitschriften und mit Buchumschlägen gemacht, Ab 1929 arbeitete er mit Erich Kästner zusammen und illustrierte fortan alle von dessen erfolgreichen Jugendbücher und Adaptionen, darunter auch eine Fassung des Münchhausen. 1936 flüchtete er nach London, von wo aus die Zusammenarbeit mit einem französischen Exilverlag durchaus möglich war.

Erstes Sammelwerk zur verfemten Literatur

Rudolf Olden ist auch vertreten in einem Sammelband «verboten und verbrannt. Deutsche Literatur – 12 Jahre unterdrückt». Der ist 1947 herausgegeben worden von Richard Drews und Alfred Kantorowicz. Als Verleger zeichneten Heinz Ullstein und Helmut Kindler. Nach dem Krieg hatten Ullstein und Kindler zusammen mit Ruth Andreas-Friedrich von den Alliierten die Lizenz für die Frauenzeitschrift «sie» erhalten; ein Projekt, das wohl als politisch unbedenklich eingestuft wurde, sich dabei durchaus um eine liberale «Entnazifizierung» bemühte. In der «sie» erschien Anfang 1947 ein sechzehnseitiger Sonderdruck mit dem Titel «verboten und verbrannt», der vor allem an AutorInnen aus der sogenannten inneren Emigration erinnern sollte. Für eine Buchpublikation erweiterte der selbst aus der Emigration zurückgekehrte Alfred Kantorowicz die Ausgabe massgeblich. So präsentiert der auf holzhaltigem gelblichem Nachkriegspapier gedruckte Pappband auf 180 Seiten nicht weniger als 190 verbotene und verbrannte Autorinnen und Autoren. Nach einem kurzen biografischen Abriss, der sowohl die Verfolgung durch die Nazis wie die Exilstationen enthält, folgt jeweils ein kurzer Textausschnitt. Hinzugefügt sind 15 Seiten mit ganz kurzen Hinweisen zu weiteren AutorInnen. Das Personenregister umfasst, handgezählt, 764 Namen. Es ist eine bemerkenswerte Leistung. Wie im Vorwort zu Recht bemerkt, war es die erste Sammlung und das erste Gedenken dieser Art und hat dies heute noch bibliografisch-dokumentarische Bedeutung.

Das Vorwort macht ein kleines Zugeständnis an die damalige deutsche Öffentlichkeit, indem die nicht unproblematische «innere Emigration» etwas gar schnell zum «inneren Widerstand» aufgewertet wird; der weit überwiegende Teil der aufgeführten AutorInnen sind allerdings genuin Exilierte und Verfolgte. Von den 190 Aufgeführten sind, zeitgenössisch, gerade mal 15 Frauen. Man sollte sich allerdings daran erinnern, dass Jürgen Serke 1980 in seinem Buch «Die verbrannten Dichter», das damals eine neue Phase der Beschäftigung mit der Exilliteratur einläutete, neben 27 Autoren auch nur 5 Autorinnen aufführte.

«verboten und verbrannt» scheint ein grosser und verdienter Erfolg gewesen zu sein. «Die 60 000 Exemplare, die kurz vor Weihnachten 1947 erschienen, waren Anfang 1948 bereits vergriffen», hat Joachim Güntner in einem Nachruf auf Helmut Kindler 2008 in der NZZ vermeldet. Nur wenig später, 1949, begann der Aufbau des «Exilarchivs 1933 – 1945» in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt.


«verboten und verbrannt» findet sich im bücherraum f in der Politisch-philosophischen Bibliothek in der Abteilung L.2

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