Nach Italien und zurück

Beim Besuch in London blättert man gerne in der gratis aufliegenden «Islington Tribune», ein Lokalblatt mit Berichten über unliebsame Löcher in den Strassen, Geschäftseröffnungen, Vereinsfeierlichkeiten und lokalem Sportgeschehen, das von kleingewerblichen Anzeigen lebt, sich aber auch ein wenig daran orientieren muss, dass die Mehrheit seiner LeserInnen in der Labour-Hochburg Islington doch eher links gerichtet denkt. Darin habe ich kürzlich einen Artikel mit dem Titel «Smithfield trader who escaped from POW camp» gelesen, über Keith Killby, der Anfang September 102-jährig gestorben ist. Killby war im Zweiten Weltkrieg im Mai 1943 in italienische Kriegsgefangenschaft geraten, dann als Prisoner of War (POW) aus dem Lager ausgebrochen und hatte sich zu den alliierten Truppen durchgeschlagen, die Italien vom Süden her eroberten. In London gründete er nach einer erfolgreichen Karriere im familiären Metzgereiunternehmen als Pensionierter den Monte San Martino Trust, der im Andenken an jene ItalienerInnen, die ihm 1943/44 geholfen hatten, die Erinnerung an diese antifaschistische Solidarität aufrechterhält und zugleich Sprachstipendien an junge ItalienerInnen in London vergibt.

Einst hatte ich in London einen ebensolchen ehemaligen Kriegsgefangenen persönlich kennen gelernt. Stuart Hood, geboren 1915, war ein höchst faszinierender Mensch, nach dem Krieg Programmdirektor bei der BBC, freischaffender Drehbuchautor, Übersetzer aus dem Deutschen und Italienischen, Verfasser mehrerer Romane, jederzeit links engagiert. Wie Keith Killby war er 1943 in italienische Kriegsgefangenschaft geraten, allerdings in Nordafrika, doch dann nach Norditalien verfrachtet worden; im autobiografischen Bericht «Carlino» hatte er über seine Erfahrungen in Italien geschrieben, wo er sich nach der Absetzung Mussolinis im September 1943 aus dem von den italienischen Wachen aufgegebenen Kriegsgefangenenlager in Fontanellato entfernt und sich den italienischen Partisanen gegen die deutschen Besatzungstruppen angeschlossen hatte. Dieses Buch habe ich, ebenso wie einen Roman von ihm über die deutsche Rote-Armee-Fraktion, jeweils für die edition 8 ins Deutsche übersetzt. Hood war Anfang 2011, 96-jährig, verstorben, unter eher verstörenden Umständen, da seine damalige Frau mehrere Jahre lang keinerlei Kontakt mehr mit ihm zugelassen hatte, nicht einmal Hoods Kindern, die vom Tod ihres Vaters erst mit beinahe einjähriger Verspätung erfuhren.

Zwar war Keith Killby in einem anderen italienischen Lager untergebracht gewesen als Hood, aber auf der Website seiner Stiftung fand ich einen Beitrag zu diesem, von Hilary Horrocks, und dem liess sich entnehmen, dass zu Hoods 100. Geburtstag im Jahr 2015 sogar zwei Konferenzen in Edinburg und London stattgefunden hatten. Also schrieb ich eine E-Mail, und eineinhalb Stunden später erreichte mich schon eine freundliche Antwort von Horrocks. Was mich dazu veranlasste, meine einstigen Recherchenotizen zu konsultieren. In Horrocks Artikel wird auf einen Bericht über das Gefangenenlager in Fontanellato, «The Cage» von Dan Billany, verwiesen. Tatsächlich befindet sich das Buch, was ich vergessen oder verdrängt hatte, in meiner Bibliothek, in der zweiten Ausgabe von 1951, mit einem zerrissenen Schutzumschlag, auf dem aus der Erstausgabe die Bitte an die Leserschaft um Hinweise auf das mögliche Verbleiben des Ende des Kriegs verschollenen Autors abgedruckt wird und anschliessend erklärt wird, er sei umgekommen, als er einen Verräter in den britischen Reihen gestellt habe. Auf das Buch war ich durch einen Artikel von Ken Worpole gestossen, den ich seinerseits in anderem Zusammenhang, als Städteplaner nämlich, in London kennen gelernt hatte. Bei der Lektüre, circa 2008, hatte ich mir notiert, dass es sich bei jener Figur, die im Buch als Alan eingeführt wird, womöglich um Hood handeln könnte, weil er als Radikaler charakterisiert wird; was sich bei fortlaufender Lektüre als eher unwahrscheinlich herausgestellt hatte. Immerhin gibt es eine ganze Seite, in dem ein Offizier aus der Oberschicht darüber wettert, dass die britische Armee mittlerweile schon Kommunisten zu Offizieren gemacht hat, was unzweideutig auf Hood zielte.

Letztmals mit Hood beschäftigt hatte ich mich 2012, nach seinem so bestürzend verspätet bekannt gewordenen Tod. Eine kurze Internetrecherche zeigte, dass seither das Thema der britischen Kriegsgefangenen in Italien weiter recherchiert worden ist. Schon Hood hatte von jährlichen Gedenkveranstaltungen in Italien erzählt, an denen er jeweils teilgenommen hatte. Die sind weitergegangen, zugleich mit weiteren akademischen und autobiografischen Recherchen. Es existieren mehrere Websites, die alle damaligen Lager auflisten; ein Sammelband einer Konferenz ist auf Italienisch erschienen, und die BBC hat Dokumente über einzelne POWs gesammelt, etwa über William John Frank Clarke, der, wie Hood, in Fontanellato interniert gewesen und dann nach Süden marschiert war, dann kurz vor dem Übertritt zu den alliierten Truppen von den Deutschen erneut gefangen genommen wurde und mit einem Zug nach Deutschland abtransportiert werden sollte; doch gelang ihm die erneute Flucht und der Übertritt in die Schweiz – was ein weiteres Thema eröffnet.

In England wird die Bezugnahme auf den Zweiten Weltkrieg gelegentlich übertrieben, weil er an die letzte heroische Phase der britischen Geschichte erinnert, bevor man von einer Weltmacht zu einer Regionalmacht mit ebenso lobenswerten wie skurrilen und fragwürdigen Zügen herabsank. Aber die Traditionspflege zu den POWs steht durchaus im Zeichen dessen, was man ein wenig pathetisch Völkerfreundschaft nennen könnte; und die Solidarität, mit der die Landbevölkerung damals die flüchtigen britischen Soldaten unter eigener Lebensgefahr unterstützt hatte, reibt sich schmerzhaft mit der heutigen italienischen Lage, in der Politiker sich ihrer Grausamkeiten gegenüber ImmigrantInnen geradezu rühmen; und diese Tradition steht natürlich auch quer zur Brexit-Hysterie, die Kontinentaleuropa von England aus wenn nicht als Gegner, so doch zumindest als unerheblich betrachtet.

Vielleicht also, denke ich, lohnt es sich, ein weiteres Buch von Hood zu übersetzen, zum Beispiel «The Book of Judith» von 1995. Das spielt Ende 1975, in Spanien, während der in Senilität versunkene Diktator Francisco Franco stirbt. Ein britischer linker Journalist und seine Partnerin reisen nach Spanien, der eine, um Material für einen Dokumentarfilm über das britische Expeditionskorps zu sammeln, das 1808 bis 1814 die Spanier gegen die napoleonische Fremdherrschaft unterstützt hatte, seine Partnerin auf den Spuren ihres Vaters, der im Spanischen Bürgerkrieg 1938 gefallen war. Das Buch enthält beiläufig auch eine Geschichte des monströsen Franco-Monuments, dessen Zukunft gegenwärtig in Spanien heftig diskutiert wird. Als Mitglied einer linken britischen Splittergruppe wird der Journalist zugleich als Waffenkurier für ein geplantes Attentat gegen die Staatsmacht eingespannt; und da er seine Partnerin wider deren Willen in seine Pläne verwickelt, überlagert die politische Loyalität die Geschlechterbeziehung missbräuchlich. Schliesslich tötet Judith, ausweglos, ihren Holofernes. Als sie zurückfliegt, wird sie im Flugzeug «von bodenloser, unkontrollierbarer Trauer überwältigt. Sie gab keinen Laut von sich, aber die Tränen rannen ihr über die Wangen, und sie spürte sie salzig auf den Lippen. Sie konnte den Strom kaum mit zusammengeknüllten Papertaschentüchern stoppen. Eine Hand berührte ihre Schulter.                                                                                                                                              «Ist alles in Ordnung?», fragte die Stewardess besorgt und reichte ihr ein paar weitere Taschentücher.                                                                                                                                   «Ich bin mir nicht sicher», sagte Judith.                                                                                  «Kann ich Ihnen irgendetwas bringen? Wasser? Ein Aspirin?»                                         Judith schüttelte den Kopf.                                                                                                       «Danke», sagte sie, «aber ich glaube nicht, dass das helfen würde.»

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