Die Macht auf Karten

Bücherräumereien (III): Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f in Zürich Oerlikon

Der Name allein ist schon beinahe den Preis von einem Shilling wert: «The Plebs Atlas» nennt sich diese dicke Broschüre ebenso schnörkellos wie trotzig. 58 Karten auf starkem gelbem Kartonpapier enthält sie. Herausgegeben 1926 in London «für Werkstudenten» von «The Plebs League», eine linke Bildungsorganisation aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die Darstellungen, sagt der Bearbeiter, sind auf das Wesentliche reduziert. Keine unnötigen Städtenamen und andere Kinkerlitzchen: Jede Karte soll sich auf eine einzige Aussage konzentrieren.

Mit dem Wesentlichen meint er die Machtbeziehungen zwischen Staaten und Nationen. Es geht um Einflussgebiete und Abhängigkeiten im imperialistischen Zeitalter.

Jener Imperialismus, der die Welt umschlingt, oder doch nicht ganz, denn es gibt ja noch die Sowjetunion. Das ist nicht orthodox kommunistisch gedacht, das Vaterland der Werktätigen als Mutterland der Friedensvölker, sondern etwas nüchterner, als Gegengewicht zu den kapitalistischen Blöcken. Noch stehen die europäischen Mächte im Vordergrund, Grossbritannien, Frankreich, auch Italien. Die USA sind nicht ganz die globale hegemoniale Macht wie heute; dafür wird China ein bemerkenswertes Gewicht eingeräumt – sowohl die innerchinesischen Herrschaftsgebiete der verschiedenen Warlords wie die Rivalität mit Japan und die strategische Konfrontation mit Grossbritannien via Singapur und Australien.

Der Ansatz scheint klassisch materialistisch: die Wirtschaft und noch spezifischer die Schwerindustrie als Basis der Gesellschaft. Der Kampf um die Ölfelder im Nahen Osten wirkt wie von heute. Eine regionalere Karte zeigt, wie die ehemalige Vorherrschaft der dicht besiedelten Gebiete in Südengland durch die Industriegebiete abgelöst worden ist; ein Verhältnis, das sich längst wieder verkehrt hat, und man könnte über diese Karte fast, aber nur fast, die Resultate der Brexit-Abstimmung legen, in der die de-industrialisierten Regionen ihren Protest ver-rückt ausdrückten.

Doch ist nicht die eigentliche Realität in die Funktionale gerutscht, wie Bertolt Brecht wenig später in seinen Anmerkungen zum Dreigroschenprozess 1931 apropos Theater und Fotografie bemerkte? Diese Kartografie für den Plebs scheint sich dem entziehen zu wollen. Machtinteressen und -ambitionen werden durch mehr oder weniger dicke Pfeile gezeigt, Kreise und Ellipsen fassen Einflusssphären zusammen, und die subalternen Länder und Gebiete werden durch gleiche Schraffuren dem jeweiligen Zentrum unterstellt.

Aber es ist natürlich doch nicht so ganz einfach.

Wenn in Europa Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Rumänien und Polen der französischen Einflusssphäre zugeschlagen werden und Norwegen, Finnland sowie die baltischen Republiken der britischen, so gehen neben wirtschaftlichen implizit auch historische und kulturelle Faktoren in diese Zuordnung ein. Aus sich heraus sprechen diese Karetn nicht; sie brauchen die erläuternde Anleitung.

Im Rückblick werden Eingelöstes und Uneingelöstes sichtbar: Der privatwirtschaftliche «europäische Stahltrust» in Belgien, Nordostfrankreich, Luxemburg und Westdeutschland bildet genau das ab, was nach dem Zweiten Weltkrieg als staatliche Montanunion den Grundstein zur Europäischen Gemeinschaft legte. Dagegen schenkt uns der Atlas zum Schluss «A Workers United States of Europe», freilich mit einem Fragezeichen versehen. Diese ArbeiterInnen-EU basiert auf westeuropäischer Kohle und Eisen und osteuropäischen Weizen, Holz und Oel. Historisch gesehen hat sich das blutig blamiert, was die Erinnerung an eine transnationale Solidargemeinschaft nicht überflüssig macht.


Zu konsultieren ist «The Plebs Atlas» in der Bibliothek im bücherraum f in Zürich Oerlikon, siehe www.buecherraumf.ch

Dieser Beitrag wurde unter Kulturkritik, Politik abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.