Stella und Marie. Lustmörder und ihre Opfer

Linksbüchneriade 15

Die nordirische Krimiserie «The Fall» (2013/2014) hat auf der BBC in ihrer zweiten Staffel kürzlich ein Ende gefunden, indem ein mehrfacher Frauenmörder angeschossen worden ist, tödlich, wie wir vermuten dürfen, da Kommissarin Stella Gibson, die ihn zur Strecke gebracht hat, versucht, mit blossen Händen das Blut zu stillen, das aus seiner Brust schiesst, und dabei verzweifelt schreit, «We are losing him», während der Mörder sie triumphierend anlächelt, da sie womöglich doch eine tiefe Faszination, ja Anziehung durch ihn zu erkennen gibt.

Die Serie ist eine dieser hoch befrachteten und tief lotenden Psychostudien über einen Serienmörder, oder seriellen «Lustmörder», in dessen Innerstes Polizei und Drehbuchautor vorzudringen versuchen. Der Mörder, als Junge in Pflegeheimen womöglich missbraucht, hoch intelligent, geschickt und charismatisch, hat mit Stella Gibson zunehmend ein Spiel inszeniert, das auf eine direkte Konfrontation abzielt. Endlich gestellt, beschreibt er im Verhör durch sie und mit ihr – halb wollüstige Beichte, halb Herausforderung –, wie sich seine Unterwerfungsfantasien gegenüber Frauen langsam gesteigert, überhand genommen haben, wie die Fiktion zur Realität geworden ist, wie die Transgression ein Gefühl der Allmacht ausgelöst und die tödliche Konsequenz gesucht hat, eine Sucht, die mit allerlei Nietzscheanischen Untertönen hypertrophiert wird als Erfahrung, sich über die erlebnisunfähige Masse zu erheben, wie es einst auch Alfred Hitchcock in «Rope», für einmal ohne misogynen sondern mit homoerotischem Unterton, inszeniert hatte.

Der Täter hat sich vor seiner Festnahme ein sechzehnjähriges Schulmädchen als willige Gefährtin herangezüchtet, deren Schwärmerei zur sadomasochistischen Unterwerfung geführt hat, um ihm in die Transgression zu folgen, weil es ihn liebt und sich gegen die unverständige Mitwelt erhaben fühlen will und auf seine Aufforderung hin zuerst in eines der Häuser, aus dem der Täter eine der ermordeten Frauen entführt hatte, einbricht und sich dann als Prüfung vornimmt, das Gesicht ihrer erfolgreicheren und schöneren Freundin zu verunstalten.

Kommissarin Gibson hat zuvor, als sie ein Kollege angesichts ihres leidenschaftlichen Engagements in diesem Fall fragte, ob sie nicht insgeheim eine Faszination mit dem Täter verspüre, erklärt, dass sie leidenschaftlich mit den Opfern mitleide – und tatsächlich hat man beim Betrachten auf einem Laptop entdeckter Videoaufnahmen des letzten der gequälten Opfer eine Träne ihre Wange hinunterrinnen sehen –, wie könne sie da auch nur die geringste Faszination für den Mörder empfinden?

Diese ganze artifizielle Konstellation wird scheinbar einem feministischen Blick unterworfen. Der Vorgesetzte von Stella, der sich betrunken an sie herangemacht hat, nennt den Mörder ein Monster, was Stella abwehrt: Dieser sei vor allem ein Mann, und die meisten Männer würden sich, wie selbstverständlich, Transgressionen erlauben, wie er, der Vorgesetzte, gezeigt habe; und auf dessen schockierten Protest, das sei etwas anderes gewesen, meint sie, Ja, es sei etwas anderes gewesen, aber auch er habe eine Grenze überschritten. Stella selbst sucht sich allerdings sexuelle Gespielen und Gespielinnen ebenfalls unter den Untergebenen, was man auch als eine Ausnützung von Machtpositionen bezeichnen könnte. Gillian Anderson spielt das, in langen Grossaufnahmen, mit einer langsamen Ausführlichkeit und Deutlichkeit, von der man nicht weiss, ob sie hypnotisch ist oder auch nur beschränkten darstellerischen Mitteln geschuldet.

Nun wird dieser deklarierte Feminismus durch die Figur der Sechzehnjährigen wie auch durch die Schlussszene unterlaufen. Wie denn überhaupt die Darstellung der Frauen als Opfer ambivalent ist. Kürzlich hat ein Artikel in einer englischen Zeitung festgestellt, dass kein TV-Krimi mehr ohne vergewaltigte oder ermordete Frau auskomme, und sei es auch nur am Rande, und das ist womöglich «realistisch» gemeint – seht, was den Frauen in unserer Gesellschaft alles zustösst –, aber es macht die Gewalt gegenüber Frauen auch alltäglich und damit selbstverständlich.

Wie der zeitgeistige Zufall es so will, ist parallel zur TV-Serie im neusten «Musil-Forum» eine jüngere Studie rezensiert worden, die sich mit dem gleichen Thema befasst hat: «Epistemologie des Extremen. Lustmord in Kriminologie und Literatur um 1900». Die beschreibt, wie es der Untertitel verspricht, dass der «Lustmord» als literarisches Sujet bei Frank Wedekind, Alfred Döblin und Robert Musil um die vorletzte Jahrhundertwende sich mit der gleichzeitig herausbildenden Kriminalistik auseinandergesetzt und diese zugleich vorangetrieben habe. Für Musil zum Beispiel war der Frauenmörder Christian Moosbrugger eine Hauptfigur in ersten Romanplänen zu dem, was der «Mann ohne Eigenschaften» wurde, in dessen späterer Fassung er zwar etwas in den Hintergrund geriet, aber die Geschichte Kakaniens doch noch grundiert. Im gleichnamigen Kapitel 18 beschreibt Musil diesen Moosbrugger atemberaubend eindringlich und differenziert. Er verankert ihn in seiner sozialen Situation, der er bis in die aufgeraute Hauterfahrung des Vagabunden nachspürt; veranschaulicht dessen eigene glühende psychopathologische Welt und dokumentiert die juristische Auseinandersetzung um das Konzept der Unzurechnungsfähigkeit.

Nun verweist Moosbrugger beiläufig aber unbestreitbar auf einen anderen Frauenmörder. Moosbrugger entstammt wie Karl Woyzeck einem tiefen sozialen Milieu, bevölkert von Handwerkern, Soldaten, Prostituierten; die Herren, aber auch einige der ihm sozial Gleichgestellten verschwören sich gegen ihn; in seinen Fantasien hört er gelegentlich wie Woyzeck die Freimaurer ihr Unwesen treiben.

Aber ist denn der arme Woyzeck ein «Lustmörder»? Nun, Sexualität ist in Büchners zweifellos ein treibendes Motiv, zumindest als zurückgestossene oder erniedrigte: Dass sich Marie dem Tambourmajor hingegeben hat, stösst Woyzeck über eine Grenze. Und das «Stich die Zickwolfin todt» kann ja die sexuelle Dimension der Gewalt nicht verstecken. Aber die Figur ist ebenso vielfältig motiviert wie diejenige Moosbruggers. Musil geht an einer Stelle allerdings über Büchner hinaus, wenn er sexualpolitisch die Faszination des Bürgertums mit dem «Lustmord» andeutet: «Ja, es mochte sich ereignen, dass in diesen Tagen beim Zubettgehn ein korrekter Herr Sektionschef oder ein Bankprokurist zu seiner schläfrigen Gattin sagte: ‹Was würdest du jetzt nur anfangen, wenn ich ein Moosbrugger wäre … ›»

Eines aber fehlt bei Musil: Empathie mit den Opfern. Bei aller Differenziertheit führt er das letzte Mordopfer von Moosbrugger ein als «ein stellenloses, davongelaufenes Dienstmädchen, eine kleine Person, von der man nur zwei lockende Mausaugen unter dem Kopftuch sah», und beschreibt es in der Folge nur aus Moosbruggers Sicht. Büchner hat dagegen auch dem Opfer seine Würde gegeben, in der unvergesslichen Marie, die bloss ein bisschen Glück zwischen Kind, drängender Sexualität und dem herzensguten Woyzeck will, doch schliesslich sich und ihre Lage nur herzzerreissend verfluchen kann.

Stefan Howald

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