Unbedingtheit des Sprechens

Die Eroberung des Lesens: Eindringlich schilderte Melinda Nadj Abonji zur Einführung ins «ausgelesen» das Aufwachsen in einer Familie, in der nur ein einziges Buch, die Bibel, vorhanden war, und wie sich ihr durch die Bücher aus der lokalen Bibliothek neue Lese- und Lebensräume aufgetan hatten. Die Veranstaltung am 18. Februar im bücherraum f nahm sie zum Anlass, nicht etwa über Bücher zu berichten, die sie gut kannte, sondern sich AutorInnen und Bücher neu einzuverleiben, die sie schon lange hatte lesen wollen, aufgrund eines Eindrucks oder eines Zitats, das sie länger oder kürzer mit sich herumgetragen hatte. Da war zuerst Marlen Haushofer, samt einem Exkurs zu Marieluise Fleisser, dazu gesellten sich Ernst Bloch, Rosa Luxemburg und Albert Camus. Bemerkenswerterweise also etliche Texte von TheoretikerInnen, die aber ins Literarische hinüberschillern. Im Mittelpunkt von Nadj Abonjis Faszination durch diese AutorInnen steht denn auch die Sprache, die sich dem Herkömmlichen entzieht.

Wo wäre Zuhausesein? Die lange vergessene österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920–1970) handelt in ihrem Roman «Die Mansarde» (1969) über die soziale Ort- und Heimatlosigkeit. «Aber ich weiss, dass ich lieber hier nicht zu Hause bin als anderswo. Das ist vielleicht schon ein grosses Glück.» So fasst die Ich-Erzählerin angesichts der Zwänge von Familien- und Geschlechterrollen die Frage nach dem kleinen oder grossen oder erträglichen Glück zusammen. Zur Kunst werde dies durch die Unbedingtheit des Sprechens, durch eine intensiv bearbeitete und geformte Sprache, die tönt und klingt.

Wenn Ernst Bloch das Noch-Nicht des erfüllten Daseins suchte, war er ebenfalls auf eine eigentümliche, leuchtende Sprache verwiesen. Als genauer Beobachter der Alltagskultur analysierte er in «Wut und Lachlust» aus «Erbschaft dieser Zeit» (1935) die Tanzmarathons in den wilden dreissiger Jahren, die etwa im Film «They Shoot Horses, Don’t They?» von Sydney Pollack (1969) in einem anderen Medium dargestellt wurden und die in «Big Brother» und weiteren Entblössungssendungen weiter getrieben worden sind. Dabei ergab sich ein Anknüpfungspunkt an die Ernst-Bloch-Veranstaltung vom 11. Februar im bücherraum f, bei der Beat Dietschy ebenfalls «Erbschaft dieser Zeit» als eines der aktuellsten Bücher von Bloch bezeichnet hatte.

Von Rosa Luxemburg präsentierte Nadj Abonji eine Briefausgabe, die selbst eine Geschichte erzählt: «Briefe an Freunde» wurde 1950 «nach dem von Luise Kautsky fertiggestellten Manuskript herausgegeben von Benedikt Kautsky» erstmals in der Europäischen Verlagsanstalt publiziert. In den bücherraum gelangte das Buch, wie ein handschriftlicher Vermerk zeigt, weil es als Doublette ausgeschieden und antiquarisch für zehn Franken erworben worden war. In Luxemburgs Briefen etwa an Hans Diefenbach zeigt sich besonders eindrücklich, wie weit sie ihre Interessen und Kenntnisse spannte, wenn sie von der zärtlichen Beobachtung von Hummeln zur gestrengen Auseinandersetzung mit Literatur wanderte, und es zeigt sich ihr humaner Enthusiasmus, der noch im Gefängnis nicht die Hoffnung verlor, dass der Mensch gut und die Gesellschaft veränderbar sei. Dabei muss man sich aktuell gegen eine Geschichtsvergessenheit wehren, wenn Luxemburg wieder ins Nichts verdrängt werden soll.

In Albert Camus’ «Der Mensch in der Revolte» (1951) interessierte Nadj Abonji insbesondere die Definition jener Kunst, die den Herrschaftsanspruch der Wirklichkeit nicht dulden will und doch auf diese angewiesen bleibt. Mit der damit angeschlagenen Revolte verwies sie zugleich auf aktuelle Demonstrationen, von den Gilets jaunes über Novi Sad bis zum Klimastreik. Eine untergründige Gemeinsamkeit der ausgewählten Werke ergab sich dabei durch die Betonung der Utopie und der Hoffnung auf die durch die Revolte ermöglichte Veränderung.

Fotos: Renée Gruber

Die anschliessenden lebhaften Fragen aus dem angenehm gefüllten bücherraum zielten auf weitere Auskünfte der Autorin: Wie sie vom Lesen zum Schreiben gekommen sei, oder wo sie Parallelen oder Abgrenzungen gegenüber anderen zeitgenössischen AutorInnen und literarischen Gattungen wie dem Kriminalroman ziehe.

Zu Beginn hatte Melinda Nadj Abonji eine Anekdote angeführt, wonach sie im Kindergarten, des Deutschen noch kaum mächtig, beim «Schneewittchen»-Schultheater zu einem Tannenbaum ausgestattet worden sei – gut gemeint gegenüber dem Kind, aber dieses in der Sprachlosigkeit belassend. Eine Zuhörerin sah sich dadurch auf ein ähnliches Erlebnis mit ihrem eigenen Sohn verwiesen und bekannte, mit etwas Scham, dass sie damals die Integrationsabsicht höher als die Ausgrenzung bewertet habe. So ergab sich ein Dialog über die Zeiten hinweg.

In seiner hilfreichen Einleitung hatte Jonathan Pärli einem Originaltext von Melinda Nadj Abonji aus ihrem jüngsten Buch «Schildkrötensoldat» das Prädikat verliehen: anspruchsvoll, aber lohnend. Das galt treffend auch für ihre Ausführungen. Geradezu epigrammatisch zugespitzte Sätze liessen sich notieren, etwa «Wenn ich zeitungsmüde bin, lese ich Ernst Bloch.» Dass sie allerdings gesagt haben soll, «Am schönsten ist es, ein Buch an einem Tag zu essen», mag einem Wunsch des Berichterstatters entspringen. In einer Zuschrift meint jedenfalls Klaus V.: «Ich finde eure Formel, dass ein Autor, eine Autorin über Bücher von anderen spricht und daraus liest, interessanter als die klassischen Lesungen. Ich erfuhr mehr über Nadj Abonji und ihr Schreiben, als wenn sie einfach aus ihrem Werk vorgelesen hätte.»

sh

 

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