Als das Wünschen noch nicht ganz geholfen hat

Mattmark ist ein Symbol. Am 30. August 1965 brach der Allalingletscher im Wallis ab und begrub die Barackensiedlung bei der Baustelle zum Mattmark-Staudamm mitsamt 88 Menschen unter dreissig Meter Eis und Geröll. Dagmar Schifferli beschreibt die Katastrophe in ihrem Roman «Wegen Wersai» in den Reaktionen verschiedener ProtagonistInnen.

Denn darin verdichten sich mehrere Aspekte. Das Unglück stand quer zum Fortschrittsoptimismus während der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schweizer Ingenieurskunst erwies sich als nicht unfehlbar, ja, es gab Hinweise auf Korruption. Dazu kam die aufkommende Fremdenfeindlichkeit. Von den 86 Männern und 2 Frauen, die umkamen, waren drei Viertel «Gastarbeiter», Ausländer – das dämpfte das Entsetzen und lenkte die Emoörung um, als von italienischer Seite dringlich eine Aufklärung gefordert wurde. Im Figurenensemble des Romans sind solche Verwerfungen unaufdringlich verkörpert. Erzählt wird er aus der Perspektive der zwölfjährigen Katharina. Ihr Vater ist konservativ, selbstgefällig, autoritär, und sie wächst, neben einer Mutter mit Multipler Sklerose, bei einer deutschen Pflegemutter auf. Die ebenso strenge Tantelotte trauert mehr oder weniger insgeheim den schönen Zeiten der deutschen Volksgemeinschaft nach und versteht sich nur als Opfer. Ausländer sind immer die anderen. Aber was bedeutet es, wie Katharina entdeckt, dass ihr Vater und Tantelotte immer ähnliche Geschichten erzählen, wenn die Mutter im Spital ist, und wem gehören wohl die Unterhosen mit Schlitz vorne, die sich in der Wäsche von Tantelotte finden? Katharinas Widerstandsgeist wächst weiter, nachdem sie sich mit einem «Tschinggenbub» befreundet hat, dessen Onkel in Mattmark arbeiten. Ermutigt wird das von ihrer Lehrerin, die zurückhaltend als positive Gegenfigur konzipiert ist.

Dagmar Schifferli hat historische Romane geschrieben, «Anna Pestalozzi-Schulthess. Ihr Leben mit Heinrich Pestalozzi», und noch weiter zurück über Wiborada, die St. Galler Einsiedlerin aus dem 10. Jahrhundert, die als erste Frau von der katholischen Kirche heilig gesprochen wurde. Auch die 1960er-Jahre hat sie minutiös recherchiert. Das ganze Zeitkolorit atmet und riecht. Die Erziehungsmethoden und Lebenssprüche, die Sonntagsausflüge, die hochnäsige Verachtung der Migros – die Kulturgeschichte des Essens schreibt sich ja bis heute weiter: Gerade eben hat eine bekannte Kolumnistin in einer bekannten Zürcher Tageszeitung ihr Innerstes offenbart und erzählt, dass sie erstmals im Restaurant eines anderen Grossverteilers gegessen habe.

Zur Lesung im bücherraum f hatte Dagmar Schifferli eine Bonbondose voller Tiki mitgebracht – eine zwiespältige Delikatesse. Mir wollte diese plötzlich Explosion und Sensation im Mund schon als Kind verdächtig erscheinen, als künstliches Paradies.

Die sechziger Jahre lassen sich als Wendezeit lesen, als die Xenophobie virulent wird, da mehr «Fremde» die Hochkonjunktur befeuern. Zugleich bahnen sich gesellschaftliche Umbrüche an, gegen die der Status quo und die Machtverhältnisse vorerst noch verteidigt werden. Mattmark bleibt ein Skandal. Anzeichen für den Gletscherabbruch waren unübersehbar gewesen, es hatte Warnungen gegeben, der Arbeitsdruck an der Staumauer war enorm, kommerzielle Erwägungen hatten sich gegenüber Sicherheitsbedenken durchgesetzt – und dennoch wurde später keiner der Verantwortlichen gerichtlich verurteilt. Auch die Verbandelung von Bundesrat Roger Bonvin mit der Baubranche wurde kaum aufgearbeitet. Zwanglos lassen sich Parallelen zum Herbst 2011 mit dem Brand im Gotthardtunnel und dem Grounding der Swissair ziehen.

Im Gespräch mit Madeleine Marti und dem Publikum sprach Schifferli über ihre Arbeitsmethode, über die Verquickung von recherchierten Fakten und Imagination. Das Froschmuseum, das sie beschreibt, gibt es und das Internat am selben Ort auch, aber der fiktive Ortsname ermöglicht, dass nicht alles authentisch sein muss und zugespitzt und verdeutlicht werden kann.

Die Abschiebung von Katharina ins Internat und bei Gelegenheit in den dortigen Karzer, in dem schon die bewunderte Tante Lucille eingesperrt worden war, beendet das Buch etwas abrupt und auf einer eher düsteren Note. Das Wünschen konnte offenbar noch nicht helfen.

In der zwanglosen Unterhaltung nach der Lesung stellte sich eine persönliche historische Querverbindung heraus: Der Vater einer der Anwesenden hat als Steinmetz jene Gedenktafel gemeisselt, mit der die Opfer von Mattmark endlich ihre Namen erhielten, neben denjenigen der Katastrophe auch weitere Tote bei früheren Arbeitsunfällen.

sh

Foto: www.freizeitfreunde.ch
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