Afrikanische Heldinnen, richtig und falsch

Bücherräumereien (IV): Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f

Eine «faszinierende Studie» über schwarze Frauen, die laut Klappentext «durch ihre Taten die Kämpfe der Menschheit unterstützt haben» präsentierte der Publizist und Afrika-Kenner Ruedi Küng kürzlich im bücherraum f. Und zwar Sylvia Serbins Buch «Reines d’Afrique et héroïnes de la diaspora noire», das 2004 auf Französisch erschien und 2006 ins Deutsche übersetzt wurde. Es enthält unerlässliche Informationen für eine andere Geschichtsschreibung Afrikas aus weiblicher Perspektive. Zugleich handelt es sich bei der deutschen Übersetzung um einen veritablen Skandal. Das lässt sich jetzt im bücherraum f überprüfen.

Die in vielem bahnbrechende Studie von Sylvia Serbin wurde auf Deutsch 2006 im renommierten Peter Hammer Verlag veröffentlicht. Der ist normalerweise eine gute Adresse für Literatur aus dem globalen Süden. Die Reaktionen in der Presse waren positiv. In der «Süddeutschen» hiess es, die Autorin bringe mit ihren gut recherchierten Porträts viel Neues zu Tage und verbinde immer wieder «vortrefflich Biografie und Zeitgeschichte». Auch im «Deutschlandfunk» meinte ein Rezensent: «Geschickt vermengt mit den biografischen Aspekten der 22 Frauen wird eine Kultur- und Zivilisationsgeschichte, eine ‹kleinteilige› Gesellschafts- und Kriegsgeschichte, eine Religions- und Bildungsgeschichte der afrikanischen Reiche und Staaten des Westens des Kontinents erzählt.»

So weit, so erfreulich. Dumm nur, dass die Autorin bis kurz vor Drucklegung nichts von der Übersetzung weiss. Als sie die via eine Rückübersetzung zu Gesicht bekommt, ist sie schockiert und protestiert gegen die ihres Erachtens damit vorgenommene Verfälschung ihres Textes. In einem Artikel auf afrikanet.info dokumentiert sie den Ablauf der Übersetzungssaga. Erstens hat der französische Verlag ihr gegenüber jede Informationspflicht verletzt. Zweitens stellt sie eigenmächtige Zusätze und inhaltliche Veränderungen im deutschen Text fest. So sind zum Beispiel einzelne Bildlegenden ins Gegenteil verkehrt. Nach einer entschiedenen Intervention muss die deutschsprachige Version 2007 vom Markt genommen werden; sie ist in den online-Katalogen der schweizerischen Bibliotheken sowie beim Verlag selbst nicht mehr verzeichnet.

Dafür steht sie jetzt im bücherraum f. Ruedi Küng hat uns nicht nur ein Exemplar des Buchs geschenkt, sondern auch verschiedene Dokumente beigefügt, etwa den Protestbrief von Serbin. Und er hat dem Kapitel über Nofretete sowie demjenigen über Nandi, die Mutter von Shaka, dem Gründer des Zulureichs, mehrere Seiten aus dem französischen Original beigelegt. So lässt sich überprüfen, dass der deutsche Text tatsächlich eine sehr freizügige ‹Interpretation› der Vorlage ist. Da hat sich offenbar jemand als Übersetzerin ausgetobt, die mehr wusste, oder zu wissen vermeinte, als die Autorin. Ganze Passagen sind hinzugefügt oder umgestellt; der Stil ist ein ganz anderer, von Fehlern im Details zu schweigen. Zuweilen werden Aussagen von Serbin angeblich aufgrund neuerer Forschungen mehr oder weniger explizit ‹richtiggestellt›. Das wäre als wissenschaftlich dokumentierte Auseinandersetzung womöglich aufschlussreich, doch dies als Übersetzung eines Originals auszugeben ist inakzeptabel.

Das Buch und seine Beilagen dokumentieren also eine interkulturelle Verlags- und Kulturgeschichte. Eine Fussnote dazu liefert allerdings auch der Protestartikel von Sylvia Serbin auf afrikanet.info: Der ist so ins Deutsche übersetzt, dass man zuweilen den frühen Babel Fish am Werk vermutet.

sh

Der Band befindet sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek f im bücherraum f im Gestell 14 unter dem Sigel DM.2 (Südliches Afrika)

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