Vom Schwimmen in Bibliotheken

Bücherräumereien (VI): Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f

Wer wäre nicht schon dieser Leser, oder diese Leserin, gewesen, dem «die Bücherwände, die ihn jahrelang berückt hatten, immer näher rückten», und der sich fragte, wie man angesichts all dieser Bücher bestehen könne «in der hochkonzentrierten Anmassung anerkennungspflichtiger Autoritäten». In einem hübschen Prosaband hat Ernst Strebel solche Bedrückungszustände in verschiedenen imaginären Bibliotheken erkundet, und schlägt zugleich Abhilfen vor.

Eine seiner eher abschreckenden Bibliotheken zwingt die LeserInnen zu verstärkter Aufmerksamkeit, indem sie ihnen Kartonröhren über die Arme streift, so dass sie beim Umblättern der Seiten zurücktreten müssen und sich nie in den Büchern verlieren, sondern immer daran erinnert werden, dass sie diesen gegenüber in der Pflicht stehen. LeserInnen sind zumeist auch aspirierende SchreiberInnen, doch wenn sie alles in das Schreiben eines einzigen Buchs investieren, können sie beim vorbereitenden Lesen im «Lesesaal der Lebensleser» verloren gehen; so wie bei der Reise zum Buch des Lebens, das in einer fernen Bibliothek steht, die sich wie das Gesetz bei Kafka der Annäherung entzieht.

Diesen vielfach gebeutelten LeserInnen werden dann Distanzierungen angeboten, wenn mögliche andere Funktionen von Bibliotheken umkreist werden. In der «Bibliothek der Entleerung» zum Beispiel kann «der Leser alles vergessen, was sich aus Büchern je in ihn gedrängt hat», und das mag man gelegentlich seufzend durchaus ins Auge fassen, wobei die entsprechende Anlage notgedrungen ein «bedeutender Palast» ist.

Doch werden perspektivisch auch neue Standorte erprobt. Etwa Freihandbibliotheken entlang der –  noch vor der Ausrufung des Klimanotstands – geschlossenen Autobahnen, wo Dreiräder bereitstehen, um den kilometerlangen Buchkolonnen entlang zu radeln. Dabei verbinden sich Lesen und Lernen mit der körperlichen Erfahrung, ein Buch aufzusuchen und unter ungewohnten Umständen zu lesen, was wiederum neue Leseformen sich entwickeln lässt, etwa der gemeinsame Austausch mit andern auf Dreirädern unterwegs befindlichen Lesern. Was zugleich die Offenheit fördert, wenn LeserInnen ihren ursprünglichen Leseplan aufgeben: «Anderntags werden sie die Einfahrt wechseln, neue Lesebahnen befahren und das gewählte Buch an einem andern Autobahnabschnitt messen.»

Eine besonders anziehende Utopie ist die «dezentralisierte Bibliothek»: Alle Bibliotheken sind aufgelöst und die Bücher auf Privatwohnungen aufgeteilt, wo prospektive LeserInnen sie aufsuchen, um sogleich in den sozialen Konnex vor Ort eingebunden zu werden und statt zu lesen vielleicht bei der Neuausstattung der Wohnung zu helfen. Verordnet worden ist das nach der Umwälzung vom Revolutionsrat, und so hat diese partielle Auflösung der Privatsphäre doch auch einen Geschmack von Erziehungsdiktatur und Dystopie. Man kann sich ebenfalls eine Bibliothek der Singenden vorstellen oder eine, in der die Lesenden nach Abschluss ihrer Lektüre das Gelesene bei einem gemeinsamen Fest «nach aussen kehren» sollen, in Rede, Haltung oder auch Tanz; und man kann sich ausmalen, dass jede Stadt einen «Biblioplatz» besitzt, auf dem sich die Worte eines Buchs abschreiten lassen. Das alles ist so fantasievoll ausgedacht wie in den Details ausgeklügelt beschrieben. Item, zum Schluss schreitet der Leser aus dem Lesesaal «unbehelligt zwischen den Bücherwänden hindurch in den hellen Tag»  – was wir natürlich nicht als Absage ans Lesen interpretieren wollen, sondern als Plädoyer für einen gereifteren, verantwortungsvolleren, ertragreicheren etc. pp. Umgang mit Büchern.

In einem Anhang wird darauf hingewiesen, welche realen Bestände sich wohl in den einzelnen imaginären Bibliotheken finden liessen – da schreitet man dann in den hellen Tag der leibhaftigen Bücher hinein.

sh

 

Ernst Strebel: «Die imaginären Bibliotheken». Prosa. Die Reihe Nr. 44. Wolfbach Verlag. Zürich 2017. Englische Broschur. 84 Seiten. 20 Franken.

 

 

Das Buch befindet sich im bücherraum f im mittleren Raum links unter der Rubrik W (Bibliografische Werke).

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