Drei Visionen des Schreckens

Der nachgebildete Schrecken

Wie mit diesen unerträglichen Bildern vom Mittelmeer umgehen? Menschgemachte Schiffskatastrophen sind nicht neu. Eine der berüchtigsten war der Untergang der französischen Fregatte «Méduse», die 1816 vor der Küste von Senegal wegen Navigationsfehlern mit knapp 400 Leuten an Bord sank. Während sich 240 Menschen auf die sechs viel zu kleinen Beiboote retten konnten, pferchten sich 147 auf einem notdürftig gezimmerten Floss zusammen. Dieses, ohne Proviant und Navigationsmittel, wurde von den Beibooten bald im Stich gelassen; nach zehn Tagen von einem anderen Schiff aufgegriffen, hatten 15 Menschen überlebt, die sich teilweise vom Fleisch Gestorbener ernährt hatten.
Im Gedächtnis geblieben ist die Katastrophe – oder das verbrecherische Imstichlassen des Flosses – vor allem durch die nachträgliche künstlerische Gestaltung. 1819 präsentierte der 25-jährige Théodore Géricault in Paris auf sieben mal fünf Metern «Das Floss der Medusa». Gericault malte die Not und die Verzweiflung, aber auch den Moment der Hoffnung, als ein Schiff am Horizont erspäht wird, und er zeigte die soziale Abstufung auf dem Floss noch im Elend. Das mittlerweile im Louvre ikonisierte Bild ist seinerseits künstlerisch anverwandelt worden. 1975 und 1978 setzte sich Peter Weiss in den ersten zwei Bänden des Monumentalwerks «Die Ästhetik des Widerstands» damit auseinander, und 1989 reflektierte der englische Autor Julian Barnes in seiner «Weltgeschichte in zehneinhalb Kapiteln» darüber. Weiss beschäftigte intensiv die Frage, wie der Schrecken vergegenwärtigt werden kann und in welcher Perspektive. Er rekonstruierte den Arbeitsprozess von Géricault, der seinerseits ausführlich die historischen Fakten studiert hatte, behandelte die Spannung von Hoffnung und Verzweiflung und versuchte, den verbildlichten Horror sprachlich nachzubilden. So hat sich die Katastrophe – oder das Verbrechen – mehrfach ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben; was nichts daran geändert hat, dass sich die menschgemachten Katastrophen – oder Verbrechen – wiederholen. Aber mehr als Gedächtnis zu sein kann die Kunst selten leisten.

Der absurde Schrecken

«Ich muss Sie darauf aufmerksam machen», sagte der junge Mann am Schalter eines Kinos in London, «dass die erste Geschichte des Films, zu dem Sie eine Eintrittskarte erwerben möchten, ziemlich genau einer realen Tragödie entspricht, die sich kürzlich abgespielt hat. Wenn Ihnen dies zu nahe gehen sollte, sollten Sie sich den Film nicht anschauen.» Als Fiktion, meinte ich, würde ich die Sache wohl aushalten. «Und diese Frage», fragte ich noch, «müssen Sie jetzt allen potenziellen Zuschauern stellen?» Ja, bestätigte er, wegen möglicher Schadenersatzklagen.
Der Film begann dann in einem Flugzeug, in dem die Passagiere allmählich merken, dass sie alle einmal mit dem selben eher unangenehmen Menschen zu tun gehabt haben, worauf eine Flight Attendant herbeistürzt und mitteilt, dass eben dieser Mensch zum Flugpersonal gehöre, gerade den Piloten mittels eines Vorwands aus dem Cockpit geschickt und die Türe verriegelt habe und jetzt auf keinerlei Klopfen mehr reagiere. Sogleich geht das Flugzeug in Sinkflug über, die Kamera zeigt plötzlich ein älteres Paar im Garten in Liegestühlen, zunehmender Motorenlärm und dann das Flugzeug riesenhaft und frontal im Garten und auf dem Bildschirm.
Die anfängliche Beklemmung verscheuchte ich durch die Beruhigung, dass es sich um voauseilende Fiktion handle, und die mögliche Empathie mit den Opfern im Germanwing-Jet blieb, jenseits juristischer Fragen, eher abstrakt. Der 2014 gedrehte Film des argentinischen Regisseurs Damián Szifron, der in der Schweiz Anfang des Jahrs unter dem Titel «Wild Tales – Jeder dreht mal durch» gelaufen ist, reiht dann im selben absurden Modus fünf weitere wilde Geschichten aneinander. Hier setzte sich die Kunst nicht mit realen Vorbildern auseinander und suchte nicht nach darzustellenden Gründen; sondern sie imaginierte, ohne die Verhältnisse durchsichtig machen zu wollen, und doch verriet sich in den slapstickartigen Gewalttätigkeiten auch jenseits der Hinweise auf korrupte Verhältnisse eine zugespitzte gesellschaftliche Lage.

Der normale Schrecken

Zur gleichen Zeit machte in London ein anderer Umgang mit der französischen Katastrophe Schlagzeilen. Der geadelte PR-Mogul Lord «Tim» Bell trat am BBC-Radio auf und fragte apropos nichts seinen Gesprächspartner, ob dieser den neusten Witz schon gehört habe: Er werde zwar, meinte der Lord wörtlich, «erschossen», wenn er ihn erzähle, tat es dann aber doch. Der Witz ist eine Variante dieses Zwiegesprächs, in dem jemand an eine Tür klopft, und auf die verlangte stereotype Frage desjenigen, dem der Witz erzählt wird, wer draussen sei, kommt irgend eine mehr oder weniger witzige Pointe. Kurzum: «Knock, knock», sagte Lord Bell, und auf Wer ist draussen?, lieferte er die Punchline: der Pilot.
Zynismus ist die Waffe der Mächtigen. Aber Empathie ist von einem Lord, der einst Margaret Thatcher zu einem Wahlsieg verholfen hat, ja nicht wirklich zu erwarten.

Stefan Howald

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