War das ein Geraune, ein Geflüster, ein Hautrieseln!

Bücherräumereien (XI): Eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

«Eines Tages, soweit das Auge reicht, alles – rot. Einen solchen Tag hat Wien nicht wieder erlebt. War das ein Geraune, ein Geflüster, ein Hautrieseln! Auf den Strassen, auf der Tramway, im Stadtpark, alle Menschen lesend aus einem roten Heft … Es war narrenhaft. Das Broschürchen, ursprünglich bestimmt, in einigen hundert Exemplaren in die Provinz zu flattern, musste in wenigen Tagen in Zehntausenden von Exemplaren nachgedruckt werden.» So beschreibt Robert Scheu, wie im April 1899 das erste Exemplar der «Fackel» von Karl Kraus erschien. Und er schildert, wie die Zeitschrift in den folgenden Jahren als «rotes Ungetüm», dreimal im Monat «allemal ein Gegenstand fieberhafter Neugierde» wurde, Karrieren zerstören und machen konnte.

Scheus Broschüre ist die erste Würdigung von Karl Kraus (1874–1936), geschrieben zum zehnten Jahrestag des ersten «Fackel»-Hefts, im selben Verlag veröffentlicht wie die «Fackel». Scheu analysiert, wie Kraus vom Beobachter zum Kritiker und dann zum Richter geworden sei, mit «fröhlicher gesunder Grausamkeit» die verderbliche Macht der Presse entlarvt habe. Die Presse habe sich Verwaltungsbefugnisse angeeignet, ohne entsprechende Verantwortung zu übernehmen; und so sei geradezu eine umgekehrte Pressezensur entstanden, nämlich die von der Presse ausgeübte Zensur, die sich zum «Herrn der Ereignisse» mache, auslasse und fälsche. Die Leseschulung des bislang hilflosen Publikums gegenüber dieser Anmassung hält er Kraus als geschichtliche Tat zugute.

Robert Scheu (1873–1964) studierte Jurisprudenz, war dann als Angestellter im österreichischen Handels-Museum tätig und entfaltete daneben eine breite schriftstellerische Tätigkeit. Er verfasste Theaterstücke, Erzählungen sowie Aphorismen und Gedichte. Ab 1906 stand er in Kontakt mit Kraus, schrieb gelegentlich für die «Fackel», bediente ab 1911 selber eine satirische Politikkolumne «Chronik der Weltereignisse» im «Simplicissimus» und im «Prager Tagblatt». So scharfsichtig er die Leistung von Kraus würdigt, so zieht er doch auch eine Grenze zu diesem. Dieser führe den Kampf mit Wachsamkeit und Unermüdlichkeit und Unduldsamkeit; doch könne es wohl nicht darum gehen, die Presse etwa abzuschaffen, sondern man müsse sie in ihrer gesellschaftlichen Funktion regulieren. In der Presse drücke sich generell die Macht der Organisation und der Maschinerie des modernen sozialen Organismus aus; dagegen sei Kraus ebenfalls «von einer ganz grandiosen Ranküne erfüllt», was nötig sei, aber doch einen Stich ins Reaktionäre bekommen, weil man auch die Organisation und Technik nicht bloss verhöhnen könne, sondern zu Neuem veredeln müsse.

Tatsächlich hatte Scheu bereits 1901 ein demokratiepolitisches Programm unter dem Titel «Kulturpolitik» vorgelegt, welchen Begriff er recht eigentlich in die öffentliche Debatte einbrachte. Die von ihm initiierte Kulturpolitische Gesellschaft hatte vielfältige Kontakte mit Persönlichkeiten der Wiener Moderne, etwa Adolf Loos und Hermann und Eugenie Schwarzwald; 1913 liess sich Scheu von Adolf Loos ein Wohnhaus entwerfen. Nach dem 1. Weltkrieg verschmolz die Kulturpolitische Gesellschaft in Wien mit dem Aktivismus-Kreis und flirtete kurz mit rätedemokratischen Modellen. Scheu selbst wurde zum Vermittler zwischen Österreich und der Tschechoslowakei und beschäftigte sich mit volkswirtschaftlichen Fragen.

Die Kraus-Broschüre ist im bücherraum f vorhanden, ebenso wie einige Originalausgaben der «Fackel», von 1913 bis 1927. Die Broschüre ist aus einem weiteren Grund bemerkenswert: Sie enthält ein gepresstes Edelweiss. Ein Edelweiss? Kaum etwas scheint der urbanen Kulturkritik von Karl Kraus weniger angemessen. Nicht erschliessen lässt sich, ob das Edelweiss vom Käufer oder der Käuferin der Broschüre selbst hinzugefügt, oder ob es in eine etwa als Geschenk erhaltene Broschüre gelegt wurde. Das würde die Beilage jeweils in ein anderes Licht rücken. Kaum vorstellbar, dass es sich auf den Inhalt bezieht, auf dieses scharfe Richtschwert gegen die moderne Gesellschaft, diesen auszeichnend wie etwa ein Lorbeerblatt. Dazu wäre das Edelweiss ein schräges Symbol! Eher noch mag es den Inhalt sanft abwehren, ja verwerfen: dem ehernen Polemiker die treuherzige Macht der Natur entgegenstrecken.

Vielleicht auch, wenn das Edelweiss in einem Geschenk steckte, hätte die Broschüre womöglich als Versteck gedient, als Panzer, der verbergen und abschrecken sollte. Oder als Kassiber, der etwas schmuggelte. Scheu schreibt von einer jungen Generation, «eine ganz eigene Rasse, welche die ‹Fackel› statt als Medizin als Nahrung zu sich nahm». Vielleicht hat die scharfe Kulturkritik also etwas weiteres transportiert: neben der geistigen die emotionale Nahrung.

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Robert Scheu: «Karl Kraus». Verlag Jahoda & Siegel. Wien 1909. 40 Seiten. Die Broschüre befindet sich im bücherraum f in der Abteilung V (Raritäten) im Gestell 24.

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