Anekdote aus einer langen Welle der Geschichte

Als ich kürzlich gegenüber Klaus V., einem in Ehren gereiften Achtundsechziger, mit dem ich an der Erschliessung eines Nachlasses zusammenarbeite, erwähnte, dass ich ein wenig die Überführung des unvergleichlichen Gretler’schen Panoptikums ins Sozialarchiv und andere Bibliotheken mitverfolgt hatte, meinte er, ob ich ihm da nicht noch etwas besorgen könne: Er habe vor einiger Zeit Roland Gretlers berühmtes 1. Flugblatt der antiautoritären Menschen von 1968 mit einem wunderschönen Jimi Hendrix und dem Slogan «Rebellion ist berechtigt» drauf weggegeben, was er mittlerweile bedaure. Wenn also die Gretlers noch eine überzählige Kopie besässen, wäre er dankbar, wenn ich darum fragen könnte; was ich zu tun versprach.

Wenige Tage später überreichte mir Sarah G. freundlicherweise einen Originalabzug des Plakats für Klaus V., zusammen mit zwei Kisten anderer Bücher, vielfältige Schätze etwa aus dem Umkreis des Religiösen Sozialismus, für den bücherraum f. Schnell blätterte ich ein paar der Bücher und Broschüren durch, stiess auch auf eine kleine Publikation «Fortschritt der Völker» im Taschenformat, welche, fortlaufend auf den rechten Seiten abgedruckt, das damals durchaus radikale Rundschreiben Papst Pauls VI. «Über den Fortschritt der Völker» von 1968 enthielt, links jeweils «mit Zahlen, Fakten und Kommentaren versehen von Gustav Kalt und Dr. Rudolf Villiger».

Herausgegeben war die sehr schätzenswerte Broschüre vom Fastenopfer der Schweizer Katholiken, und nach dem Text kam ein «Katalog meiner zukünftigen Taten zur Entwicklung der dritten Welt», wobei auf der ersten Linie hilfreich ausgefüllt war «Mein Beitrag an das Fastenopfer als Ausdruck christlichen Teilens». Dann folgte ein weiterer Anhang, «Die Erklärung von Bern 1968. Die Schweiz und die Entwicklungsländer», offenbar das Gründungsdokument eben dieser Erklärung von Bern, mit einer Bereitschaftserklärung, als Zeichen der Zustimmung zu den in der Erklärung formulierten entwicklungspolitischen Zielen für die Dauer von drei Jahren einen bestimmten Prozentsatz des Einkommens einem Hilfswerk für die Dritte Welt zukommen zu lassen; was mich daran erinnerte, dass mein Vater schon 1969 diese Bereitschaftserklärung unterschrieben und jahrelang erfüllt hatte, obwohl er doch ansonsten als gute Stütze der Gesellschaft in einem Dorf in der Agglomeration, die damals noch nicht so hiess, gesellschaftspolitisch eher bei der FDP angesiedelt war.

Schon wollte ich das Büchlein zuklappen, als mir auf der ersten Seite ein Vermerk in die Augen fiel: der Besitzstempel von Gretler’s Panoptikum und darüber handschriftlich der Name Klaus V. samt einem Pfeil zum Panoptikum-Stempel hin. So war das Buch offenbar einst als Geschenk ins Panoptikum gekommen; fünfzig Jahre später kehrte ein Geschenk aus dem Panoptikum an Klaus V. zurück, während der «Fortschritt der Völker» im bücherraum f hoffentlich neue Leserinnen und Leser findet.

sh

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