Aus der Hölle

Bücherräumereien (XXII): Nachtrag zu Rudolf Olden und andern

Der Band stand mir vor Augen, ein einfacher blauer Einband samt aufgeklebtem Vermerk, dass es sich um einen Fehldruck handle. Aber das Buch war nicht dort, wo es in meiner Bibliothek stehen sollte, und erst beim Aufräumen in einem Zimmer kann es an einer Stelle zum Vorschein, wo es ebenfalls eine Berechtigung hatte, zu stehen. Es stammt von Irmgard Litten und heisst «Die Hölle sieht dich an. Der Fall Litten».

Hans Litten (1903–1938) war ein Jurist während der Weimarer Republik, der sich öfters mit den Nazis anlegte und schliesslich in einem KZ starb. Geschrieben ist das Buch von seiner Mutter Irmgard, als Rechenschaftsbericht über die Verbrechen der Nazis wie über die letztlich fruchtlosen Bemühungen, den Sohn zu retten.

Litten, schon ganz jung ein scharfsinniger Rechtsanwalt, verteidigte ab 1928 mehrmals angeklagte Kommunisten oder trat als Privatkläger gegen nazistische Schläger auf. 1929 reichte er eine Klage gegen den sozialdemokratischen Berliner Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel ein, weil der eine 1.-Mai-Demonstration mit Waffengewalt hatte auflösen lassen, wobei 33 Arbeiter starben. Besonders bekannt wurde Litten 1931 durch einen Prozess, in dem er Adolf Hitler als Zeugen vorlud und ihm zwei Stunden lang illegale Aufrufe zur Gewalt nachwies. Seither war ihm der Hass der Nazis gewiss, und er wurde wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 als einer der ersten Systemgegner verhaftet.

Die Mutter schildert das fünfjährige Martyrium ihres Sohns durch diverse Konzentrationslager. Und sie schildert ihre Anstrengungen um den Sohn, auch wie sie sich zuweilen taktisch verhält, wie wechselweise entschiedenes Auftreten oder emotionale Appelle einer verzweifelten Mutter bei unteren Gestapo-Beamten ein gewisses Entgegenkommen bewirken können; dennoch ist Hans Littens Tod, der sich schliesslich angeblich selbst erhängte, angesichts des nazistischen Terrorregimes unausweichlich.

Das Buch enthält ein Vorwort von Rudolf Olden aus dem März 1940, also ein paar Monate geschrieben, bevor dieser selbst durch das Torpedo eines deutschen U-Boots gegen das Passagierschiff, auf dem er exilieren wollte, umkam. Olden hat Litten schon als jungen Referendar kennen gelernt, der nicht parteipolitisch gebunden, aber unbestechlich links engagiert für die Wahrheit gekämpft habe. Er, der doch selbst ein unermüdlicher Kämpfer war, hat dem jüngeren Kollegen offenbar geraten, gelegentlich etwas weniger rigid aufzutreten, was Litten aber angesichts von dessen «franciscanisch» reinem Charakter nicht möglich gewesen sei. Der «Opfergang» Littens zeigt für Olden aber auch, was die Justiz sein müsste: «der breite und feste Quader in der Grundlage abendländischer, christlicher Zivilisation».

Der Band stammt aus der Bibliothek eines verstorbenen befreundeten Ehepaars; auf dem Titelblatt ist ein Stempel der «VPOD-Bibliothek» ersichtlich geworden, nachdem die mit Bleistift vorgenommene Verdunkelung vorsichtig wegradiert worden ist. Offensichtlich handelt es sich um eine Erstausgabe, 1940 im Pariser Exilverlag Editions Nouvelles Internationales erschienen. Ein Blatt zwischen Umschlag und Titelblatt ist herausgerissen; ob es sich um Vorsatzblatt oder um Schmutztitel gehandelt hat, ist nicht zu entscheiden, und zur Unklarheit trägt bei, dass es im Impressum heisst: «Umschlagzeichnung von Walter Trier». Eine solche Umschlagzeichnung fehlt; es wäre merkwürdig, wenn diese sich auf dem Vorsatzblatt befunden hätte, ein anderer Umschlag ist allerdings auch nicht bezeugt, wobei der jetzige Buchumschlag original zeitgenössisch zu sein scheint.

                                                                                          

Warum es sich dabei um einen Fehleinband handeln soll, kann aus dem Buchrücken halbwegs erschlossen werden, weil dort der Buchtitel orthografische Fehler aufweist. So ist «Hölle» kleingeschrieben, und auf dem o findet sich statt der Umlautzeichen ein circonflexe. Das mögen allerdings für eine Ausgabe in einem Exilverlag in Paris lässliche Sünden sein; doch zu weiteren Indizien reicht es nicht, weil unter dem an zwei Ecken ein wenig losen Zettel auf der Vorderseite sich nur der aufgeprägte Name Litten und nicht mehr entziffern lässt. Eine englische Kollegin, mit der ich einst über deutsche Literatur im englischen Exil zusammengearbeitete hatte und die mehrfach über Olden und Litten geschrieben hat, wird sich jetzt um weitere Aufklärung bemühen.

Ein Nachtrag noch zum Illustrator Walter Trier (1890–1951). Der hatte sich schon in den zwanziger Jahren einen Namen als Zeichner für Zeitschriften und mit Buchumschlägen gemacht, Ab 1929 arbeitete er mit Erich Kästner zusammen und illustrierte fortan alle von dessen erfolgreichen Jugendbücher und Adaptionen, darunter auch eine Fassung des Münchhausen. 1936 flüchtete er nach London, von wo aus die Zusammenarbeit mit einem französischen Exilverlag durchaus möglich war.

Erstes Sammelwerk zur verfemten Literatur

Rudolf Olden ist auch vertreten in einem Sammelband «verboten und verbrannt. Deutsche Literatur – 12 Jahre unterdrückt». Der ist 1947 herausgegeben worden von Richard Drews und Alfred Kantorowicz. Als Verleger zeichneten Heinz Ullstein und Helmut Kindler. Nach dem Krieg hatten Ullstein und Kindler zusammen mit Ruth Andreas-Friedrich von den Alliierten die Lizenz für die Frauenzeitschrift «sie» erhalten; ein Projekt, das wohl als politisch unbedenklich eingestuft wurde, sich dabei durchaus um eine liberale «Entnazifizierung» bemühte. In der «sie» erschien Anfang 1947 ein sechzehnseitiger Sonderdruck mit dem Titel «verboten und verbrannt», der vor allem an AutorInnen aus der sogenannten inneren Emigration erinnern sollte. Für eine Buchpublikation erweiterte der selbst aus der Emigration zurückgekehrte Alfred Kantorowicz die Ausgabe massgeblich. So präsentiert der auf holzhaltigem gelblichem Nachkriegspapier gedruckte Pappband auf 180 Seiten nicht weniger als 190 verbotene und verbrannte Autorinnen und Autoren. Nach einem kurzen biografischen Abriss, der sowohl die Verfolgung durch die Nazis wie die Exilstationen enthält, folgt jeweils ein kurzer Textausschnitt. Hinzugefügt sind 15 Seiten mit ganz kurzen Hinweisen zu weiteren AutorInnen. Das Personenregister umfasst, handgezählt, 764 Namen. Es ist eine bemerkenswerte Leistung. Wie im Vorwort zu Recht bemerkt, war es die erste Sammlung und das erste Gedenken dieser Art und hat dies heute noch bibliografisch-dokumentarische Bedeutung.

Das Vorwort macht ein kleines Zugeständnis an die damalige deutsche Öffentlichkeit, indem die nicht unproblematische «innere Emigration» etwas gar schnell zum «inneren Widerstand» aufgewertet wird; der weit überwiegende Teil der aufgeführten AutorInnen sind allerdings genuin Exilierte und Verfolgte. Von den 190 Aufgeführten sind, zeitgenössisch, gerade mal 15 Frauen. Man sollte sich allerdings daran erinnern, dass Jürgen Serke 1980 in seinem Buch «Die verbrannten Dichter», das damals eine neue Phase der Beschäftigung mit der Exilliteratur einläutete, neben 27 Autoren auch nur 5 Autorinnen aufführte.

«verboten und verbrannt» scheint ein grosser und verdienter Erfolg gewesen zu sein. «Die 60 000 Exemplare, die kurz vor Weihnachten 1947 erschienen, waren Anfang 1948 bereits vergriffen», hat Joachim Güntner in einem Nachruf auf Helmut Kindler 2008 in der NZZ vermeldet. Nur wenig später, 1949, begann der Aufbau des «Exilarchivs 1933 – 1945» in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt.


«verboten und verbrannt» findet sich im bücherraum f in der Politisch-philosophischen Bibliothek in der Abteilung L.2

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