Sprossenbruch oder Die Tragödie in der Turnhalle

Ach du volle Neune, jetzt kommen die wieder. Da wird, sage ich zu Sprosse 3 unter mir, vermutlich ziemlich geholzt, was sie mit einem Kichern quittiert. Sie ist halt ein einfaches Gemüt. Mir wird es ewig unverständlich bleiben, wie man in dieser Halle hinter einem runden Ding herhetzen kann, durcheinander, hin und her, im hektischen Chaos. Schliesslich sind wir ja auch ganz zufrieden, so festgemacht, alle in der Reihe und schön in der Ordnung. Wo kämen wir hin, wenn ich mich aus meiner Verankerung lösen und raufklettern würde, über die anderen Sprossen hinaus. Da bräche doch bald alles zusammen. Nein, man muss wissen, wohin man gehört. Obwohl, seine Reize hätte es vielleicht doch, ich muss ja meinen ganzen Körper verdrehen, wenn ich die Halle überblicken will, und da oben wäre die Aussicht vermutlich besser und die Luft weniger von diesen üblen Schweissdämpfen durchzogen. Naja, was soll man machen, bleiben wir halt beim beschaulichen Leben. Aber sie sollen mir zumindest vom Leib bleiben, immer schön in der Mitte, bei diesem zentralen Ding, das Gool, wie es Sprosse 9 mit seiner knarrenden Stimme mal genannt hat – der Feuergott hab ihn selig, da er schon lang aufgegangen ist in Asche.

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In der Mitte bleiben! hab ich gesagt, aber nein, jetzt muss dieses runde und gar nicht so weiche Ding ganz in der Nähe einschlagen. Sprosse 3 quietscht ganz verschreckt, sie ist doch so hilflos, ihre gebräunte Haut glänzt, und man würde am liebsten ihre fein gedrechselten Kurven beschützen, man ist ja schliesslich nicht aus Holz – oder, ich meine … jedenfalls, die alte Sprosse 8 über mir knarrt wieder mal verächtlich: Rüpel. Ach, sie hat nicht mich gemeint, merke ich leicht aufgeschreckt, sondern die mit dem runden Dings, das sie wild in der Halle herumballern. Das soll ein besonders raffinierter Spielzug sein, mischt sich Sprosse 12 von oben herab ein, den Ball so von uns abprallen zu lassen, dass er an einen günstigen Ort zurückkehrt, und irgendwie ist es doch ganz cool, nicht, dass wir auch irgendwie mitspielen? Cool würde ich das nicht nennen, wenn sie sich mit ihren schweissigen Händen auf uns abstützen, murre ich, aber den Witz versteht wieder keiner. War auch nicht besonders gut, muss ich gestehen, ein wenig hölzern. Pah, das ist noch gar nichts, quatscht Sprosse 12 weiter, der den Überblick hat, oder es zumindest behauptet, zum Glück sind wir nicht auf der anderen Seite – er macht eine dramatische Pause und fährt dann fort: Dort drüben klettern sie nämlich auf einem hoch, Sprosse für Sprosse, treten einen mit ihren komischen Extremitäten, und dabei sind sie ganz schön schwer. Eklig, knurrt Sprosse 8 und vibriert leicht vor Indignation. Was du alles weisst, säuselt Sprosse 3 unter mir, und der Zwölfer knarrt geschmeichelt. Dabei ist er nur ein eingebildeter Holzkopf.

Jetzt kommen sie schon wieder auf unsere Seite, bloss nicht – aua, was ist das, voll in die Mitte, ein Stich durch den ganzen Körper, ein Blitz mitten hindurch, dieser Schmerz, es zerreisst mich, mir wird schwarz, etwas ist gebrochen, abgesplittert ragt ein Stummel in die Luft, und da unten fehlt mir etwas, wo höre ich denn auf, aber was heisst ich, ich bin hier und da zugleich, in einem zweiten Stummel, der Schmerz ist in mir und zugleich an einem anderen Ort, in einem anderen Teil von mir. Ich bin entzwei – und bin zwei. Hilfe! rufe ich mir zu, wo bist du, und wie ein Echo rufe ich in meine zweite Hälfte hinein und rufe ein neues Echo hervor.

137573_web_R_K_by_Harry-Hautumm_pixelio.de_Da packen mich rohe Hände, drehen, zerren, ein Schmerz wieder durch den ganzen, den halben, den zweifachen Körper, ein Fusstritt, unerträgliches Pochen, ein glühendes Rot, gelähmt liege ich am Boden, liegen wir zwei am Boden, dunkel, und dann nichts mehr.

 


 

Bei der Tragödie anwesend waren:

Christoph, Andi, David, Sämi; Küde, Adi, Adrian1, Stefan; Adrian2, Max, Michi, Tino.

 

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