«Linker Fussball war immer eine Schimäre»

2017_TeamsDie WOZ hat vor zwei Wochen gegen die NZZ ein Fussballspiel ausgetragen. Beginnen wir mit dem Anfang.

Anfänge werden generell überschätzt.

Geschichtsphilosophisch zweifellos.

Das Konzept des Anfangs ist der Beginn jeder illusionären, ja ideologisch verfestigten Kausalität. Ein Urknall soll alles erklären. Ursprungsmythen sind entsprechend politisch dubios. Dabei ist jeder Anfang bloss ein willkürlicher Punkt in einem Raum/Zeit-Kontinuum, auf den man mehr oder weniger vorbereitet ist.

Beginnen wir also mit dem Raum vor dem Anfang.

Strahlendes Wetter, nicht zu warm, die Platzwahl geschickt so gewählt, dass die Sonne dem Gegner in die Augen schien.

Und dennoch, irgendwann wird jedes Spiel angepfiffen.

Ein insignifikanter Moment im steten Fluss der Ereignisse, in dem unser Fuss nie zweimal vom gleichen Wasser benetzt wird.

… mit anderen Worten, die WOZ lag nach fünf Minuten 0:2 hinten?

Mit anderen Worten, ja.

Was war geschehen?

Schöner Flügellauf rechts, Pass in die Mitte, Tor. Schöne Kombination in der Mitte, strammer Schuss von der Strafraumgrenze, Tor.

Und was machte die WOZ dabei?

Keine besonders gute Figur.

Könntest Du das ein bisschen erläutern?

Nun, die Verteilung im Raum klappte nicht so richtig. Die Zweikämpfe gingen verloren. Wir waren zu langsam. Und nicht bereit.

Das tönt ziemlich – unterlegen.

Aber dann gings aufwärts. Die Zweikämpfe gingen nicht mehr alle verloren. Die Pässe kamen zuweilen beim Mitspieler oder bei der Mitspielerin an.

Ausser zu Beginn der zweiten Halbzeit.

Ja, da waren wir dann wieder im Fluss der Geschichte verloren.

Und so stand es schon bald 0:4.

Aber dann gings wieder aufwärts. Und gegen Schluss kamen wir sogar vors gegnerische Tor.

Ohne zählbares Ergebnis freilich … Kann man aus dem Endresultat etwas herauslesen?

Es gibt ja zwei Interpretationsansätze. Fussball als Abbild der herrschenden gesellschaftlichen Zustände. Fussball als Vorschein künftiger gesellschaftlicher Entwicklungen.

Ersteres hiesse …?

Die realen Machtverhältnisse haben sich schonungslos abgebildet. Die bürgerliche Hegemonie ist ungebrochen.

Und zweiteres …?

Das wäre kaum ausdenkbar.

Abbild und Vorschein: Sind nicht beide Ansätze in der Spiegelmetapher gefangen?

Womöglich.

Und ist die nicht deterministisch – mal abgesehen von Lacan, den wir hier wie anderswo ignorieren wollen? Könnte Fussball nicht auch gesellschaftliche Zustände durchqueren, verqueren?

Was soll das heissen? Könntest Du ein wenig konkreter werden?

Nun, es schien, von aussen, die NZZ-Mannschaft eine recht gut geölte Maschine, klar in der Raumaufteilung, sauber im Zusammenspiel, mit andern Worten: ein funktionierendes Kollektiv. Die Summe mehr als die einzelnen Teile (zumindest auf dem Spielfeld). Hinwiederum bei der WOZ liessen Einzelne mehr vermuten, als das Ganze erkennen liess.

Und Deine Schlussfolgerung wäre?

Die Beziehung zwischen Ideologie und produktivem Resultat ist nicht ganz gradlinig.

So weit sind wir alle längst schon Gramscianer. Auch und gerade in der NZZ. Im Übrigen: Linker Fussball war immer ein wenig eine Schimäre. Der argentinische Trainer César Luis Menotti wollte darin ein Spiel sehen, das sich durch Schönheit, Spielwitz und Fantasie auszeichnet. Er selbst verweigerte den argentinischen Generälen 1978 nach dem Weltmeistertitel den Handschlag. Das war tapfer und nobel. Aber die Form des Fussballs war daraus nicht abzuleiten. Das linke Engagement von Clubs wie dem FC St. Pauli oder dem FC Winterthur findet neben, nicht auf dem Spielfeld statt. Ausser, man würde die notorische Zweitklassigkeit zum linken Markenzeichen erklären.

Der NZZ gelang es sogar, Vorgesetzte und Chefs in ihren Reihen strategisch günstig zu platzieren und zu integrieren bzw. zu neutralisieren.

Was in der WOZ allerdings kein Thema ist. Zudem hat sie die Geschlechterfrage angepackt. Von Parität liess sich auch bei ihr nicht wirklich sprechen. Aber es war ein Schritt in die richtige Richtung, schön sozialdemokratisch gesagt.

NZZ und WOZ konnten sich darauf einigen, ohne Schiedsrichter zu spielen. Was darf man daraus ablesen?

Man könnte das die kleinste gemeinsame Schnittmenge nennen. Anarcho-libertär, vielleicht. Bei der NZZ das Vertrauen auf die Selbstregulationsfähigkeit des Systems, bei der WOZ das Vertrauen auf das altruistische Gen in uns allen.

Wir haben auch von freundlichen Zugeständnissen der NZZ-Stürmer gehört: eine vom Türhüter aufgenommene Rückgabe nicht geahndet, ein möglicher Elfmeter nicht gerade vehement gefordert …

Tatsächlich. Schon beinahe beschämend. Aber die WOZ hat auch schon anderes erlebt. Etwa beim Spiel gegen die FADS, die fussballspielenden Autoren der Schweiz. Die brachten uns, unter Einsatz aller moralischen Druckmittel, dazu, dass wir ein von uns erzieltes reguläres Tor für ungültig erklärten, nur weil wir ein paar Minuten später zu zwölft auf dem Platz gestanden waren.[1]

Tja, man muss die Autoren verstehen. Sie habens sonst schon schwer im Leben. 

Vielleicht ist Nachsicht ja eine kleinbürgerliche Tugend. Darf ich eine persönliche Anekdote anfügen?

Ich werde Dich kaum daran hindern können.

Einst, im Londoner East End spielend, kam ich im gegnerischen Strafraum zu Fall, und der Schiedsrichter wollte mir einen Strafstoss zusprechen; auf wütendes Insistieren des gegnerischen Verteidigers räumte ich ein, dass ich doch wohl eher das Gleichgewicht verloren hatte denn über dessen Bein gestolpert war; worauf der Schiedsrichter zu aller, auch meiner, Überraschung den Penaltyentscheid umstiess – was mir in der Halbzeit eisiges Schweigen meiner Kollegen eintrug, umso mehr, als wir das Cupspiel schliesslich 0:1 verloren, und erst nachträglich ist die Episode in die Annalen von Philosophy Football eingegangen.

Enden wir mit einem tröstlichen Ausblick. Auf den Stehrampen dominierte die WOZ unwidersprochen, die Unterstützung war, wenn auch resultatmässig wirkungslos, so doch emotional überwältigend.

Kein Wunder. Schliesslich legt die WOZ anders als die NZZ an Auflage zu.

 

Für die WOZ liefen auf:

Romain G.; Donat K., Dinu G., Wendelin B., Kevin B., Roman E., David L.; Florian K., Yves W., Carlos H., Oliver W., Adrian R., Raphael A., Kaspar S., Jan J.; David L., Silvia S., Sarah S., Stefan H.

 

Und hier folgt noch die Bildergalerie: http://www.stefanhowald.ch/galerie/main.php?g2_itemId=1753


 

[1] Siehe www.stefanhowald.ch/actualities/index.php/knirschendes-kollektiv-1

Dieser Beitrag wurde unter Fussball, Kulturkritik, Politik abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *