Rettende Filme

Warnung: «The Post» kann zu einer Depression führen. Der hoch gehandelte Film über die «Pentagon Papers» beschwört eine heroische Zeit unerschrockener Zeitungsleute auf der Suche nach der Wahrheit, die führenden Politikern durchaus unangenehm werden und gar zu ihrem Sturz führen kann. Da muss man unweigerlich daran denken, dass es für die heutigen Führer der US-Nation so etwas wie Wahrheit als Konzept schon gar nicht mehr gibt.

Aber war es Anfang der siebziger Jahre tatsächlich so viel besser als heute? Die Zeitungen waren damals behäbig und pompös, auf institutionelle Politik konzentriert; die seltenen sensationellen Enthüllungen wurden in kaum leserlichem Administrationsenglisch verpackt und mussten auf Seite 7 ausgegraben werden. Auch machte schon Richard Nixon lange vor Donald Trump das, was dieser jetzt zelebriert, nämlich Privatkriege gegen kritische Zeitungen anzuzetteln und sie von Pressekonferenzen auszuschliessen. Indem «The Post» die Veröffentlichung der «Pentagon Papers» als Drama innerhalb der «Washington Post» inszeniert, rücken die Medien allzu stark in den Vordergrund; Proteste auf der Strasse gegen den Vietnamkrieg tauchen nur als bunte Hintergrundskulisse auf.

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Beinahe interessanter als die medienpolitische Verklärung ist die Geschlechterfrage. Meryl Streep spielt die Verlegerin, die nur durch den Tod ihres Mannes in diese Funktion und Rolle geraten ist und von den Männern um sie herum nicht ganz ernst genommen wird, mit aller durchaus schmerzhaften Zögerlichkeit. Bis der Entscheid, gegen die Interessen der guten Kreise, in denen sie sich bislang bewegt hat, die Geheimpapiere zu veröffentlichen und sich damit des Geheimnisverrats schuldig zu machen, geradezu aus ihr herausbricht – dass sie danach entschieden und selbstbewusst auftritt, wird als lange vorbereitete Katharsis sogar plausibel. Zum Schluss geht sie bescheiden durch eine Phalanx bewundernd zu ihr aufblickender junger Frauen, was denn doch ein wenig anachronistisch wirkt.

Die Selbstbeweihräucherung der US-Zeitungen ist übrigens schon in Billy Wilders «Frontpage» (1974) zerlegt worden. «The Post» mag zudem falsche Hoffnungen wecken. Dass Tricky Dicky zwar nicht gerade an den «Pentagon Papers», aber immerhin am daraus sich entwickelnden Watergate-Skandal scheiterte, kann uns vorgaukeln, Gleiches könnte auch mit Trump geschehen.

Wenn wir denn schon Helden brauchen, dann wäre Daniel Ellsberg unser Mann. Mit ihm, dem brillanten Politanalytiker mit Gewissen, der die geheimen Regierungsunterlagen mitlaufen und den Zeitungen zukommen lässt, beginnt der Film, lässt ihn dann allerdings ziemlich schnöde auf einem Abstellgeleise verschwinden. Ellsberg lebt ja noch, mittlerweile sechsundachtzig Jahre alt. Über die Vorgänge um die «Pentagon Papers» hat er schon 2002 autobiografisch berichtet. Dabei war der Vietnamkrieg als Anlass für seinen zivilen Ungehorsam eigentlich sekundär. Umgetrieben hat ihn vor allem die atomare Gefahr, wie er in einem soeben erschienenen zweiten Memoirenband «The Doomsday Machine. Confessions of a Nuclear War Planer» beschreibt.[1] Tatsächlich war er als Systemanalytiker in die militärische Planung während des Kalten Kriegs einbezogen. Bei seinen Schilderungen packt einen das kalte Grausen. Da wurde von militärischer, aber auch von politischer Seite ganz selbstverständlich mit Millionen von Toten gehandelt. Generäle wollten die Sowjetunion flächendeckend zerstören, und China auch gleich mit, damit sich die USA ein paar Jahre später nicht wieder mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sähen.

Mittlerweile redet Trump ganz offen davon, Nordkorea plattzumachen. Natürlich, es besteht immer die Möglichkeit, dass er nächstens in Pjöngjang einen Golfplatz samt Luxushotel eröffnet, aber darauf kann man ja leider nicht zählen. Im Übrigen sind die Pläne für einen Nukleareinsatz längst ohne Trump gemacht und wären auch ohne ihn umsetzbar. Die «New York Review of Books» hat in den letzten Monaten etliche besorgte Artikel der Frage gewidmet, inwiefern die Besetzung wichtiger Stellen in der Trump-Administration durch hohe Militärs einen realpolitischen Schutzschild gegen dessen Unberechenbarkeit darstellt oder mittelfristig strukturell den Primat der Politik aushöhlt.

Wie also gegen diesen Unverstand ankämpfen? «Three Billboards outside Ebbing, Missouri» liefert dafür nicht unbedingt eine Antwort. Der Film wird gerade als Meisterwerk gefeiert, mehr oder weniger implizit auch als Ode an den Widerstand gegen Trump-befeuerten Rassismus und Sexismus. Tatsächlich ist er höchst unterhaltsam, und Frances McDormand verdient für ihre Hauptrolle jeden Preis, den sie kriegen kann. Wie sie im schwarzen Hoodie ein paar Mollies gegen die Polizeistation wirft, ist hohe Kunst, in mehrfacher Hinsicht. Allerdings hat Daniela Janser in der WOZ zu Recht darauf hingewiesen, dass darin denn doch ein eher bedenkliches Gesellschaftsbild steckt.[2] Man kann die Geschichte der Mutter, die die schlampige Arbeit der Polizei bei der Aufklärung der Ermordung ihrer Tochter anprangert, als Emanzipationsgeschichte lesen, aber sind wir tatsächlich so weit ins Abseits geraten, dass wir dabei die Selbstjustiz als letzten Ausweg feiern müssen?

https://static01.nyt.com/images/2017/11/10/arts/10threebillboards1/10threebillboards-web-master768.jpgDer unbestreitbare Unterhaltungswert des Films entspringt daraus, dass er eine Kunstwelt mit eigenen Gesetzen aufbaut. Doch auch Kunstwelten weisen strukturelle Bezugspunkte zur Realität auf, bei «Three Billboards» von der Filmkritik zusätzlich befeuert. Der Film handelt ja in Trump-Land – in Missouri gewann Donald T. mit 56,8 Prozent gegenüber Clintons 38,1 Prozent, bei einem Swing verglichen mit 2012 von 9 Prozent. Dabei sind die meisten Figuren  lustvoll gezeichnete Klischee – dimwits, white trash. In manchen Filmkritiken lese ich, die Personen seien ambivalent, vielschichtig usw. Aber wo steckt die Ambivalenz, wenn ein gewalttätiger, rassistischer, sexistischer Polizist durch den väterlich ermahnenden Brief seines toten Vorgesetzten urplötzlich auf die rechtschaffene Bahn gesetzt wird? Und wo steckt die Ambivalenz, wenn durch das Auftauchen eines schwarzen Polizeichefs plötzlich die Rassenfrage gelöst ist? Im besten Fall sind das naive liberale Wunscherfüllungsfantasien. Für den weltanschaulichen Kampf in Trump-Land lernen lässt sich daraus nichts.

Stefan Howald


[1] Siehe «New York Review of Books» Nr. 1/LXV vom 18.1.2018, S. 13 – 15.

[2] Siehe WOZ Nr. 4 vom 25.1.2018, S. 23.

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