Die morsche Stadltür

Linksbüchneriade 29

Der Untergang der Buchkultur ist wieder einmal vertagt worden. Zwar hat der Umsatz des Schweizer Buchhandels letztes Jahr erneut leicht abgenommen, aber das hat viel mit Devisenschwankungen zu tun. Umgekehrt spriessen neue Buchhandlungen und Orte des Lesens und Debattierens, vom «Buchsalon Kosmos» bis zur Bibliothek der Jesuiten in Zürich. Zugleich häufen sich die Berichte darüber; da Lesen und Vorlesen wieder hip scheinen.

Noch beinahe ganz neu ist «Material», der «Raum für Buchkultur» an der Klingenstrasse in Zürich. Da wurde kürzlich eine Doppellesung durchgeführt, mit Friederike Kretzen und Michael Fehr, in anheimelnder Atmosphäre, knapp zwanzig Leute, interessiert und interessant. Die Buchhandlung in zwei Räumen einer ehemaligen Parterrewohnung führt ein Angebot an der Schnittstelle zwischen Literatur und bildender Kunst, das meiner eher konventionellen Bildung so avantgardistisch erschien, dass ich kaum einen der ausgelegten AutorInnen auch nur vom Namen her kannte. Umso erfreuter stürzte ich mich auf einen Band von Harun Farocki zu Peter Weiss, und zudem stach mir beim müssigen Blättern ein Band von Hank Schmidt in der Beek in die Nase, der so einfach gestrickt ist, dass er zweifellos als avantgardistisch gelten darf. Seine 2016 in Berlin erschienene «Enzyklopädie der grossen Geister» druckt circa 160 Titelblätter aus den unvergänglichen «rororo bildmonographien» ab und gesellt ihnen auf der gegenüberliegenden Seite jeweils einen Vierzeiler hinzu, in denen der Autor darüber berichtet, wie er die bekannten Persönlichkeiten vor seiner Stadltür angetroffen hat, wie er mit ihnen etwas getrunken oder gespeist und vor allem mit ihnen ein wenig musiziert hat. Der Band beginnt mit Franz Kafka und endet nach vielerlei musikalischen und kulinarischen Vignetten mit Georg Büchner: «Hinter meiner Stadltür / Steht der Büchner Schorsch / Das Bier is schal, die Bassgeig’n stad / Und d’Stadltür ist morsch». Womit lapidar und genau erfasst ist, was Schorsch von den schalen Vergnügungen der abgelebten Gesellschaft und deren morschem Zustand gehalten hat.

Stefan Howald

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