Nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte

Fotografien von Florian Bachmann: Gegenwärtig im bücherraum f an der Jungstrasse 9 in Zürich

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Wie man so geht

Am Anfang waren die Füsse. Und die Kunst. Also die Füsse in der Kunst. Von den wohlgeformten, fein gesalbten bei den alten Meistern bis zu den unförmigen Klumpen von Giacometti.

Darin steckt natürlich mehr: Wie wir in der Welt stehen und wie wir uns darin bewegen. Verglichen mit dem geschmeidigen Gang der Tiere tappen wir ziemlich unbeholfen herum. So schilderte Isolde Schaad einen Antrieb für ihr jüngstes Buch «Giacometti hinkt», das sie kürzlich im bücherraum f vorstellte. Die Erzählungen des Bands nehmen das Motiv des Welt-Ergehens auf, umspielen es in fünf Wegstrecken und drei Zwischenhalten, anhand unterschiedlicher Leben und Milieus.

Nicht ganz zufällig, dass ein Erzählband von Isolde Schaad so  komponiert daherkommt. Ihr Werk ist jederzeit reflektiert. Im Gespräch wies sie zwar zu Recht darauf hin, dass ihr Interesse an erzählten Geschichten seit etlicher Zeit zugenommen habe und ihre Texte handlungsorientierter geworden seien. Weiterhin bleiben sie allerdings essayistisch grundiert. Darin besteht ihr ganz eigener Ton. Hier geschieht nichts einfach so. Vielmehr werden die Geschehnisse durchleuchtet auf ihren möglichen Sinn, und ebenso wird die Sprache abgeklopft, was sie weiterhin enthält, in Sprachwitz und Doppeldeutigkeiten.

Mir ihren frühen Essaybänden hat Isolde Schaad regelmässig die neusten Sitten und Moden aufgespiesst, eine Ethnologie des Alltags betrieben. Das zeigte sich schon in den sprechenden Buchtiteln: «Know-how am Klimandscharo. Verkehrsformen und Stammesverhalten von Schweizern», «Zürcher Constipation. Texte aus der extremen Mitte des Wohlstandes» (1986), «Küsschentschüss. Sprachbilder und Geschichten zur öffentlichen Psychohygiene» (1989), «Body & Sofa. Liebesgeschichten aus der Kaufkraftklasse» (1994). Mit dem ersten Roman «Keiner wars» (2001) wurde das Spektrum weiter aufgespannt, da er eine Bilanz der 68er unternahm. «Robinson und Julia» (2010) ging noch weiter, spürte wechselnden Geschlechterrollen durch die Jahrhunderte und die Literatur hindurch auf.

Jetzt also «Giacometti hinkt», ein neuer Erzählband. Bei ihrer Lesung stellte Isolde Schaad Passagen aus drei Erzählungen vor, auch drei unterschiedliche Erzählformen. Einer Nationalrätin der Grünen werden Militärschuhe ihres deutschen Partners zu Objekten des Anstosses. In der Irritation bündelt sich manches, Lebensgeschichtliches, Politisches, ebenso wie die etwas schal gewordene Beziehung. Ihr linksalternatives Engagement hat sich zu hochfliegenden Plänen verstiegen, die allmählich auf den Boden geholt werden, milde ironisch. Denn die Schuhe loszuwerden ist gar nicht so einfach; beim Versuch, damit einen eritreischen Jungen als Objekt für die persönliche sozialpolitische Wohltätigkeit zu gewinnen, stösst sie an die eigenen Vorurteile.

In der titelgebenden Erzählung geht es um die bildende Kunst, die Schaad immer beschäftigt hat, und zwar am Beispiel von Alberto Giacometti, dieser klassischen Referenz der Moderne. Diese fraglose Verehrung! Andererseits: diese Füsse! Anhand eines Studenten, der einen neuen Blick auf das Werk sucht, entwickelt sich eine Satire auf den Kunstwissenschaftsbetrieb. Und angesichts des Marktwerts von Giacometti kann schon beinahe zwangsläufig ein kriminalistischer Plot damit verknüpft werden. Wobei durchaus ernsthaft die Frage nach der aktuellen Bedeutung von Kunst gestellt ist: Geht es ihr ums Leiden oder um den Erfolg? Kann sich die gefährdete Authentizität behaupten, oder hat Kunst nur noch jene Funktionalität, die ihr die Gesellschaft jeweils zuschreibt? Ja, auch das Hinken von Giacometti steht in diesem Kontext der Suche nach dem authentischen Leiden.

In einer dritten Erzählung wird eine Rechtsanwältin von der Vergangenheit eingeholt, in Gestalt einer ehemaligen politischen Weggefährtin. Die trifft sie im Pflegeheim, wo sie ihre Tante besucht. Da die jüngere gegen ihren Willen eingeliefert scheint, erwägt die Anwältin sogleich Befreiungspläne. Als Mittel dazu und als Ablenkung erwählt sie sich einen Rollator. Den entwickelt sie sich als unentbehrliches Mitbringsel, in einer kleinen Groteske: Was kann man mit einem Rollator alles machen, so dass der vom Gefährt geradezu zum Gefährten wird! Ja, bekräftigte eine Zuhörerin, das sei eine schöne Ermächtigung für ältere Frauen, und dem Einwand im bücherraum, erkauft werde diese Ermächtigung durch eine grundlegende Kränkung über die eigene Gebrechlichkeit, wurde entgegengehalten, dass sich in solchen unterschiedlichen Reaktionen gerade auch geschlechtsspezifische Erfahrungen und Werte äusserten.

Identifizierbar sind diese Geschichten, ihre Orte und ihre Menschen – auch auf Oerlikon wird von Schwamendingen aus ein Blick geworfen. Und sie zielen doch darüber hinaus, in soziale Milieus und gesellschaftliche Lebensformen. Wie man geht, so lebt man.

sh

Isolde Schaad: «Giacometti hinkt». Fünf Wegstrecken, drei Zwischenhalte. Erzählungen. Limmat Verlag. Zürich 2019, 280 Seiten.

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Gut eidgenössisch

Bemerkenswert, mit welch unverhohlener Freude die meisten Zeitungen diese Faustjustiz begrüssten. Wer im Sommer 1957 von einer Reise aus Moskau in die Schweiz zurückkehrte, hatte ein paar guteidgenössische Prügel verdient. Dass auch gleich noch die Koffer der Reisenden geplündert und in Brand gesteckt wurden: lässliche Überreaktion. Die NZZ hatte es schon vorgemacht, 1956, als sie die Adresse des Marxisten Konrad Farner publizierte und scheinheilig fragte, ob wohl die Schweizer Bevölkerung ihren Unmut über den Moskausöldling ausdrücken werde? Sie war es 1957 wiederum, die die ganze Kampagne gegen die Schweizer TeilnehmerInnen an den Weltjugendfestspielen in Moskau öffentlich orchestrierte. Andere Zeitungen wie das «Basler Volksblatt» oder die «Luzerner Neueste Nachrichten» folgten getreulich. Der «Freie Schweizer» ging noch ein bisschen weiter, nannte die Reisenden «Parasiten» und forderte die Entlassung allfällig beteiligter Lehrpersonen.

Rafael Lutz präsentierte diese erschreckenden O-Töne bei der Vernissage seines Buchs «Heisse Fäuste im Kalten Krieg» im bücherraum f. Er hat ausführlich über jenen Ausbruch gutbürgerlicher Gewalt recherchiert, mit dem die RückkehrerInnen aus Moskau in Zürich empfangen wurden, hat mit den wenigen noch verbliebenen ZeitzeugInnen gesprochen, zeitgenössische öffentliche und private Berichte sowie einschlägige Polizeidossiers ausgewertet und darüber ein gut lesbares Buch geschrieben.

Rund 350 junge Leute aus der Schweiz waren Ende Juli an die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau gereist. Obwohl von der kommunistischen Partei der Arbeit (PdA) initiiert, waren wohl nicht einmal hundert der Reisenden PdA-Mitglieder. Doch das reichte im Zeichen des Kalten Kriegs schon, um das eidgenössische Abendland in Gefahr zu sehen, zumindest in der Deutschschweiz. In der welschen Schweiz nahm man die Sache ein bisschen gelassener; nicht nur stammte die Mehrheit der TeilnehmerInnen aus Genf und aus der Waadt, sondern dort schürten die Medien so wenig öffentliche Empörung, dass die NZZ gleich auch noch indigniert über den mangelnden antikommunistischen Eifer der Welschen herziehen musste.

Am 11. August verkündete die laufende Leuchtschrift am Zürcher Bahnhofplatz die genaue Uhrzeit, zu der die «Moskauwallfahrer» mit dem Arlberg-Express im Bahnhof Zürich Enge eintreffen würden. Rund 300 Leute versammelten sich, mit Plakaten und schlagtüchtigen Schirmen. Die Polizei war auch vor Ort; doch sie griff kaum ein, als einige der dreissig Zürcher Reisenden beim Aussteigen unsanft gepackt wurden, bevor sie aus dem Bahnhof Enge flüchten konnten oder sich in den Zug zurückzogen und sich verbarrikadierten, um später in einem ungefährlicheren Bahnhof auszusteigen. Der NZZ-Redaktor und nachmalige Stadt- und Nationalrat Ernst Bieri hatte bei der Abreise Ende Juli einige Sprachregelungen vorgegeben und von PdA-Schutzstaffeln schwadroniert, die die Pressefotografen an der Ausübung ihrer hehren Pflicht gehindert hätten – ironischerweise hätte es solchen privaten Schutzes durchaus gebraucht, da die Polizei ihren gesetzlichen Auftrag nicht erfüllte. In der Halle gerieten Gepäckstücke unter die Räder des Zugs, und jener Gepäckwagen, auf dem die Polizei die zurückgebliebenen Koffer der Geflüchteten eingesammelt hatte, war, bevor er auf dem Tessinerplatz eintraf, vollständig geplündert worden. Danach wollten die Biedermänner von der Falkenstrasse wieder mal keine Brandstifter gewesen sein: Für ein paar übereifrige Jugendliche sei man nicht verantwortlich. Aber die NZZ störte sich keineswegs daran, dass für einmal in der Schweiz Ruhe und Ordnung nicht gewährleistet worden waren.

Als Kollateralschaden kriegte mindestens ein US-amerikanischer Tourist guteidgenössische Schläge ab; doch da erkannte der Tourismusverein schnell, dass man ihn mit allerlei Geschenken begütigen musste, so dass der Vorfall, nach dem ursprünglichen «Missverständnis», geradezu als Musterbeispiel für die Gastfreundschaft der Schweiz herumgeboten werden konnte.

Bei der lebhaften Buchvernissage im bücherraum f, von Limmat Verlag und Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung mit organisiert, waren auch zwei der damaligen Moskaureisenden anwesend. Edwin Bhend war am 11. August 1957, da Gerüchte über einen womöglich unfreundlichen Empfang den Zug erreicht hatten, schon im Bahnhof Rüschlikon ausgestiegen, hatte sich nachher, aus jugendlicher Neugier, zum Bahnhof Enge begeben, wo er aber vom Krawall nicht mehr viel mitbekam. Dafür erhielt er wenig später die Kündigung von der Schreinerei, bei der er gearbeitet hatte. Auch der damals fünfzehnjährige André Pinkus war in Moskau gewesen, reiste jedoch mit der zweiten Gruppe am 15. August zurück. Angesichts der Erfahrungen der ersten Gruppe stiegen die meisten ZürcherInnen gleich nach dem Grenzübertritt in Buchs aus, oder spätestens in Oberrieden, nachdem man, durchaus dem subversiven Image entsprechend, die Notbremse gezogen hatte. Im Bahnhof Enge wurde der Zug diesmal von beinahe tausend DemonstrantInnen erwartet. Also harrten die im Zug verbliebenen Welschen in den drei hintersten Wagen aus, um dann unbehelligt weiterzufahren. Die Polizei hatte trotz einer Hundertschaft die Halle nicht räumen können; erst nach der Weiterfahrt des Zugs zerstreute sich die Menge enttäuscht.

Eine Woche später erinnerte sich die LNN an ihre Denunziationsfunktion und veröffentlichte die Namen der vier Luzerner TeilnehmerInnen der Moskauer Reise. Alle verloren sie daraufhin ihre Stelle. Das ist eine der beunruhigendsten Tatsachen dieser Affäre: die Zusammenarbeit von staatlichen Behörden, privaten Organisationen und der Wirtschaft. Schon bei der Ausreise waren alle TeilnehmerInnen registriert worden, die Polizeiberichte wurden entschieden diffamierend verfasst, und die Angaben fanden dann den Weg zu rechtsbürgerlichen Organisationen, die sie wiederum an Arbeitgeber weiterreichten.

Natürlich, die Weltjugendfestspiele dienten dem sowjetischen Regime jeweils als Propagandashow, insbesondere nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956, und einige Erinnerungen von TeilnehmerInnen sind ein bisschen rosarot gefärbt. Aber in der Schweiz wurde schon der blosse Besuch in Moskau zum Staatsverrat erklärt, während umgekehrt Wirtschaftsbeziehungen durchaus gepflegt wurden. Dabei reichte der antikommunistische Konsens bis weit in sozialdemokratische Kreise hinein. Auch spätere links Engagierte wie Walter und Regula Renschler wirkten in entsprechenden studentischen Initiativen mit, ebenso wie die nachmalige Bundesrätin Elisabeth Kopp. Oder der damals neunzehnjährige Medizinstudent Berthold Rothschild. Aus Solidarität mit Ungarn an die Demonstration geeilt, liessen bei Rothschild die Massenszenen in der Enge aufgrund seiner jüdischen Herkunft unangenehme Assoziationen an Pogrome und die Nazizeit aufsteigen. Noch vor Ort fühlte er sich fehl am Platz; er erlebte den Abend als «negatives Damaskuserlebnis» und engagierte sich ab den siebziger Jahren unter anderem in den Reihen der einst verfemten PdA.

Das Buch von Rafael Lutz öffnet immer wieder Seitenblicke, etwa auf den Verleger und Impressario Nils Andersson, der «Die Geschichte vom Soldaten» von C.F. Ramuz und Igor Strawinsky in Moskau aufführen wollte, was an einem Veto des SRG-Generaldirektors scheiterte; oder auf den Fotografen Léonard Gianadda, der nach einer Reportage aus Moskau praktisch Berufsverbot erhielt. Einige Lücken bleiben, wie interessierte Nachfragen zeigten, etwa ob weitere Unbeteiligte betroffen waren. Ebenso spannend wären weitere Untersuchungen zur Traditionslinie des konservativen Engagements der Studentenschaft.

Der Krawall steht in einer Reihe des schweizerischen Antikommunismus, und im bücherraum f hat es etliche Bücher zu dessen unheimlicher Geschichte, etwa Jürgmeiers «Staatsfeinde oder Schwarzundweiss», Max Schmids «Demokratie von Fall zu Fall», auch die «Unheimlichen Patrioten» von Jürg Frischknecht, Peter Haffner, Ueli Haldimann und Peter Niggli sowie einen Sammelband «Niemals vergessen», unter welcher zweideutigen Parole die Kommunistenhatz 1956 betrieben worden war. Auch die andere Seite ist vertreten, mit einer Sammlung hochtrabender Leitartikel von NZZ-Chefredaktor Willy Bretscher; der 1963 erschienene Essayband «Unbehagen im Kleinstaat» des Germanisten Karl Schmid zeigte dann erste Bruchlinien in der bislang geschlossenen bürgerlichen Phalanx.

Der Krawall im Bahnhof Enge verweist auf das Thema des Rechtspopulismus, wie schon die vorangegangenen Veranstaltungen im bücherraum f mit Philipp Löpfe zum Phänomen Trump und mit Franziska Schutzbach über die Rhetorik der Rechten. Ja, man könnte beinahe den Verdacht hegen, das sei bei der Programmierung der jüngsten Veranstaltungen im bücherraum f so geplant worden.

Tatsächlich bleibt die Diskussion darüber dringlich. Am Beispiel des Krawalls 1957 wies ein Teilnehmer in der Diskussion auf die sozialpsychologische Funktion des Sündenbocks hin, den die MoskaufahrerInnen gespielt hätten. In seinem Buch schneidet Rafael Lutz solche Erklärungsansätze an, ebenso wie Ueli Mäder in einem Vorwort und der Psychoanalytiker Mario Gmür im Nachwort. Dabei sollte man allerdings nicht mit einem Begriff wie Hysterie einem individualpsychologischen Ansatz oder sogar einer Psychiatrisierung Vorschub leisten. Der Rechtspopulismus bleibt so gefährlich als Amalgam von ökonomischen Faktoren, sozialpsychologischen Mechanismen und gezielter Organisierung von oben.

sh

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Warum Giacometti hinkt

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Massenpsychologie und Orgonon

Bücherräumereien (IX): Eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

Es muss sich wohl doch um einen späteren Raubdruck handeln. Obwohl: Das Klein-format, 14 mal 11 cm, und das Titelbild entsprechen der Originalausgabe von 1933, auch die Typografie und der schlechte Druck. Aber die Originalausgabe hat einen roten Umschlag und nennt auf der Innenseite den «Verlag für Sexualpolitik» in Kopenhagen – Prag – Zürich als Herausgeber. Dieser Hinweis fehlt in der Ausgabe in der Politisch-philosophischen Bibliothek f. Offenbar ist diese ein fotomechanischer Nachdruck, wobei das Titelbild – ohne Verlagshinweis – ebenfalls übernommen wurde, allerdings als erste Innenseite nach links gerückt worden ist, während ein der Originalausgabe nachempfundenes, neu gestaltetes Titelblatt in Broschur um den Band gelegt worden ist. Textlich handelt es sich um die zweite Auflage aus dem Jahr 1934.

Mit der «Massenpsychologie des Faschismus» hatte Wilhelm Reich (1897 – 1957) der orthodoxen kommunistischen Interpretation des deutschen Faschismus, die sozioökonomische Gesichtspunkte betonte, eine psychoanalytische Dimension hinzugefügt beziehungsweise entgegengestellt. Der Untertitel «Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik» verkündete zugleich ein Programm, mit dem man gegen den Faschismus ankämpfen sollte oder hätte ankämpfen sollen. Im Gefolge von 1968 wurde der lange verfemte Wilhelm Reich wieder entdeckt, und in diesem Zusammenhang erfolgte offenbar auch der vorliegende Raubdruck. Im Internet-Antiquariatshandel werden drei solcher Raubdrucke angeboten, einer von 1970, dann ein «Junius-Druck» von 1972 und schliesslich eine Ausgabe der Anarcho-Press um circa 1980. Aber das Titelbild unserer Ausgabe stimmt mit keinem dieser drei überein; bei letzterer ist beispielsweise, nicht ganz anarchistisch, auf dem Umschlag ein Preis von «4 DM» vermerkt. Später wurde das Buch gar massenmarktfähig; ich besitze eine Ex-Libris-Ausgabe von Anfang der achtziger Jahre, aus einer Zeit, als Ex Libris nicht nur eine seriöse Buchgemeinschaft war, sondern sogar ein seriöser Verlag. Allerdings fehlt in dieser Ausgabe hinwiederum der Untertitel: «proletarische Sexualpolitik» hätte die bildungsbürgerlichen Sensibilitäten vielleicht doch ein bisschen zu stark verletzt.

Wohl ebenfalls aus dem gleichen 68er-Milieu stammt ein Raubdruck von Reichs «Charakteranalyse», der sich in unserer Bibliothek befindet: gleiches Kleinformat, gleiches Papier. Hier allerdings ist auf dem Innenblatt vermerkt «Im Selbstverlage des Verfassers». Diese beiden 1933 erschienenen Bücher von Reich sind zentrale Werke des Freudo-Marxismus, mit einer ebenso verwickelten wie weit reichenden Rezeption. Reich selbst beschäftigte sich später mit eher esoterisch anmutenden Themen, etwa mit der von ihm so genannten Orgonenergie, auch mit parapsychologischen Experimenten.

Die haben es sogar in die Popmusik geschafft. 1985 veröffentlichte die unvergleichliche Kate Bush ein Lied, das mit den Zeilen beginnt: «I still dream of Orgonon». Orgonon war die Heimatstätte und zugleich das Laboratorium von Wilhelm Reich ab 1943 in Maine/USA gewesen. Der Song heisst «Cloudbusting», und er handelt von jener Maschine, die Reich Anfang der fünfziger Jahre entworfen hatte, um die Wolken zu teilen und Regen zu machen. Ja, Regen zu machen. Nun ist man sich von Kate Bush Etliches gewöhnt; sie hat mal ein Lied geschrieben, in dem die häuslichen Wonnen einer Waschmaschine beschrieben werden.

Aber wie ist sie bloss auf Reichs Orgonon gekommen, und was hat es mit der Regenmaschine auf sich? Sie selbst hat berichtet, dass sie kaum etwas von Wilhelm Reich wusste, als sie den Song schrieb. Angestossen wurde der vielmehr durch das «Book of Dreams» von Peter Reich. Der Sohn von Wilhelm Reich, 1944 geboren, hatte seinen Vater nur als Heranwachsender erlebt, da Wilhelm Reich 1957 während einer politisch motivierten Gefängnisstrafe gestorben war. 1973 veröffentlichte Peter Reich eine lyrische Evokation an den verlorenen Vater, der ihm als faszinierender Schamane erscheinen wollte. Die Mischung musste Bush ansprechen, und fürs entsprechende Musikvideo gewann sie den Schauspieler Donald Sutherland, der ein paar Jahre zuvor tatsächlich mal Wilhelm Reich gelesen hatte, für eine Rolle in Bernardo Bertoluccis «Novecento» (1976). Das Video, mit Kate Bush als staunendem Buben, lässt sich heute nur noch aus ethnologischer Distanz beobachten, siehe https://www.youtube.com/watch?v=pllRW9wETzw. Aber darüber legt sich der weiterhin betörende Sound mit seinem insistierenden Rhythmus, der ein Kind, einen Sohn auf der Suche nach seinem Vater zwischen Verzweiflung und Hoffnung zeigt. Nachdem «the men in power» gekommen sind, um den Vater abzuführen, gelingt es dem Jungen, die Regenmaschine in Gang zu setzen, und als Regen niederprasselt, wird die Geschichte im Crescendo zur Emanzipationsgeschichte: «The sun’s coming out / your son’s coming out».

Bis zu seinem dramatischen und tragischen Ende hatte Reich einen weiten, konfliktreichen Weg zurückgelegt. Als brillanter Student war er bereits 1920 in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen worden und von Freud als einer von dessen – nicht ganz seltenen – Ziehsöhnen geschätzt worden. In wenigen Jahren schrieb er beinahe zwei Dutzend originelle Aufsätze zur psychoanalytischen Theorie. Dabei verschärfte Reich Freuds Libido- zu einer Orgasmustheorie. In der «Funktion des Orgasmus» (1927) wurde die seelische Gesundheit ganz dem Ausleben der orgiastischen Potenz überantwortet. Zugleich trieb er die Politisierung der Psychoanalyse voran. 1927 war er unter dem Eindruck der Juliereignisse in Wien – als protestierende ArbeiterInnnen wegen eines Skandalurteils den Justizpalast gestürmt hatten und dabei von der sozialdemokratisch geführten Polizei 84 Menschen erschossen wurden – insgeheim der KPÖ beigetreten, obwohl er offiziell Mitglied der österreichischen Sozialdemokraten blieb. In einer eigenen Praxis betrieb er klinisch-therapeutische Arbeit mit Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu und begann den Aufbau eines sexualpolitischen Netzwerks. Ursprünglich von der KPÖ unterstützt, wurde er im Januar 1930 aus dieser wegen «spalterischen Aktivitäten» ausgeschlossen. Er ging nach Berlin, trat der KPD bei und gründete den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik, kurz Sexpol. Kaum drei Jahre später wurde er auch aus der KPD ausgeschlossen. Nach der Machtübernahme der Nazis emigrierte er zuerst zurück nach Wien, dann nach Skandinavien.

Dort publizierte er im Eigenverlag die «Massenpsychologie des Faschismus». Sie rechnet mit den verkürzten Einschätzungen des Faschismus ab und legt das Gewicht auf die reaktionäre  Familienideologie, der auch viele Arbeiter zum Opfer gefallen seien. In historischen und aktuellen Analysen erkennt Reich die Unterdrückung der Sexualität als wichtigstes Instrument für die Durchsetzung einer autoritären Ideologie. Individualpsychologisch setzt er eine grundlegende Sexualökonomie an, das heisst die Art und Weise, wie ein Individuum mit seiner biologischen Energie umgeht, diese eindämmt oder orgiastisch entlädt. Orgiastische Impotenz charakterisiere den gegenwärtigen Durchschnittsmenschen und verursache biopathische (krankhafte) Symptome und gesellschaftliche Neurotisierungen. Durch Eindämmung und Umleitung der Sexualität seien mystische Irrationalismen und letztlich auch der Faschismus möglich geworden. Dagegen propagierte Reich die Freisetzung der Sexualenergie, mit einer Sexualpolitik, wie er sie zuvor schon in seiner klinischen Praxis erprobt hatte.

Im bücherraum f findet sich ein dritter Raubdruck von Reich. Unter dem Pseudonym Ernst Parell hatte dieser im Jahr 1934 die Broschüre «Was ist Klassenbewusstsein?» veröffentlicht, in seinem «Verlag für Sexualpolitik» als Nummer 1 der «Politisch-Psychologischen Schriftenreihe der Sex-pol». Beabsichtigt war damit nichts weniger als ein Beitrag zur «Neuformierung der Arbeiterbewegung». Das war ein verschärfter Angriff auf die orthodox kommunistische Linie, und zwar unmittelbar auf dem Gebiet der politischen Mobilisierung. Den kommunistischen Parteien warf er vor, das Klassenbewusstsein mechanistisch zu verstehen. «Die bisherige marxistischrevolutionäre Politik setzte ein Klassenbewusstsein im Proletariat als fertig vorhanden voraus, ohne es detaillieren, konkretisieren zu können. Das Klassenbewusstsein der Masse ist nicht fertig formuliert, wie die KP-Führung glaubte, fehlt auch nicht völlig und ist auch anders strukturiert, wie die SP-Führung meinte; es ist vielmehr in konkreten Elementen vorhanden, die an sich noch nicht Klassenbewusstsein sind (etwa blosser Hunger), es aber wohl in ihrer Zusammenfassung ergeben könnten; diese Elemente sind auch nicht rein vorhanden, sondern durchsetzt, vermischt, durchwoben mit gegenteiligen psychischen Kräften und Inhalten.»

Reich geht in leninistischer Tradition weiterhin von der Notwendigkeit einer Avantgardepartei und avantgardistischen Führern aus. Die müssten über ein hohes theoretisches Bewusstsein in ökonomischen wie politischen Belangen verfügen. Allerdings müsse man in der politischen Arbeit berücksichtigen, dass sich das Klassenbewusstsein der normalen Mitglieder deutlich davon unterscheide. Dieses sei «an den russisch-japanischen oder englisch-amerikanischen Gegensätzen gänzlich uninteressiert, ebenso am Fortschritt der Produktivkräfte; es orientiert sich einzig und allein an den subjektiven Spiegelungen, Verankerungen, Auswirkungen dieses objektiven Geschehens in millionenfach verschiedenen kleinsten Alltagsfragen; sein Inhalt also ist das Interesse an Nahrung, Kleidung, Mode, familiären Beziehungen, den Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung im engsten Sinne, an den sexuellen Spielen und Vergnügungen im weiteren Sinne, wie Kino, Theater, Schaubuden, Rummelparks und Tanz, ferner an den Schwierigkeiten der Kindererziehung, an Hausschmuck, an Länge und Gestalt der Freizeit etc. Das Sein der Menschen und seine Bedingungen spiegeln, verankern, reproduzieren sich in ihrer seelischen Struktur, indem sie sie formen. Nur durch diese seelische Struktur hindurch ist der objektive Prozess für uns erreichbar, seine Hemmung wie seine Förderung und Beherrschung. Nur durch den Kopf des Menschen, durch seinen Willen zur Arbeit und sein Sehnen nach Lebensglück, kurz seine psychische Existenz schaffen wir, konsumieren wir, verändern wir die Welt.»

Diese Betonung des vielfältig, auch widersprüchlich zusammengesetzten Alltagsbewusstseins, wie des Alltags überhaupt tönt wie aus den «Gefängnisheften» von Antonio Gramci. So wie ja auch das erste Kapitel der «Massenpsychologie», «Die Ideologie als materielle Gewalt», viel später ein lautes Echo bei Louis Althusser gefunden hat.

Reichs Freudo-Marxismus bereitete beiden Teilen des versuchten Bündnisses keine Freude. Parallel zum Ausschluss aus den kommunistischen Parteien wurde Reich auch aus der psychoanalytischen Bewegung vertrieben. Sigmund Freud selbst hatte sich bald von seinem ehemaligen Schüler distanziert, da dieser Freuds Todestrieb als Konzept ablehnte und den politischen Einsatz der Psychoanalyse gegen den Faschismus verlangt hatte. Im März 1933 teilte Freud Wilhelm Reich mit, das die Leitung des Internationalen Psychoanalytischen Verlags von einem mit Reich abgeschlossenen Vertrag zur Herausgabe von dessen «Charakteranalyse» zurücktrete, und zwar «mit Rücksicht auf die politischen Verhältnisse» – im Klartext: Eine Veröffentlichung des jüdischen Kommunisten Reich hätte die Stellung der IPV in Deutschland geschwächt. Im August 1934 wurde Reich auf dem XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Luzern aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) ausgeschlossen, offenbar auf Antrag der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG). In der Politisch-philosophischen Bibliothek f findet sich als Nachdruck von 1978 eine Stellungnahme aus dem Jahr 1934, die vermutlich von Reich selbst stammt, in der er sich gegen die verunglimpfende Darstellung wehrt, er sei aus freien Stücken aus der DPG und damit auch aus der IPV ausgetreten. Laut späterer kritischer Lesart war Reichs Ausschluss Teil einer «Gleichschaltung» der DPG mit dem Medizinbetrieb des NS-Staates, den Freud um des Überlebens seiner Schule willen mittrug, ja, es scheint sogar, dass er den Ausschluss Reichs aktiv gefordert und gefördert hatte.

In Norwegen von einer kleinen Gruppe unterstützt, aber im deutschsprachigen Raum beruflich seiner letzten Stützpunkte beraubt, flüchtete Reich 1939 in die USA und baute dort eine neue Klinik auf. 1944 überarbeitete er die «Massenpsychologie» zu einer dritten Fassung, die seither allen Neuauflagen zugrunde liegt. Dabei hält er sich immer noch an das vorgegebene politische und theoretische Gerüst. Allerdings nimmt er terminologische Veränderungen vor, die sich seines Erachtens aus soziologischen Entwicklungen ergäben, etwa wenn er «Proletarier» durch «Arbeitende» ersetzt. Und er baut die Kritik an der sowjetisch-stalinistischen Sexualpolitik aus. Zuweilen drängt auch die von Reich seither entwickelte Theorie der biologischen Verfasstheit des Menschen den ideologietheoretischen Ansatz zurück. Denn Reich vertrat mittlerweile ein Dreischichtenmodell, wie er im Vorwort von 1944 erläuterte: Unter der gesellschaftlich bedingten oberflächlichen Schicht der sozialen Charaktere und dem freudschen Unbewussten liege als dritte Schicht ein biologischer Kern, der inhärent gut und edel sei. Was auch plötzlich eine andere politische Strategie erfordert und ermöglicht: «Der internationale Faschismus wird nie durch politische Manöver besiegt werden. Er wird der internationalen natürlichen Organisation der Arbeit, der Liebe und des Wissen erliegen.» Doch bleibt das Buch in weiten Strecken anregend, weil es sich auch nach der Überarbeitung weitgehend auf die Mechanismen konzentriert, wie das Unbewusste in Irrationalitäten ebenso wie in bewusste Ideologien umgearbeitet wird.

Dabei war Reich in der Zwischenzeit längst in entferntere Gefilde vorangeschritten. Zwischen 1936 und 1940 hatte er die «Orgonenergie» als «kosmische Urenergie» entdeckt, die er mit naturwissenschaftlichen Spekulationen und empirischen Experimenten nachweisen zu können glaubte. Als praktische Behandlungstherapie sollte die atmosphärische Orgonenergie mittels eines «Orgonenergie-Akkumulators» konzentriert werden, um die gefesselten vegetativen Energien der Menschen und der Natur zu entbinden. 1973 spielten die SF-Rocker von Hawkwind das Stück «Orgone Acumulator» ein, ein wilder elektronischer Ritt, in der die Energetik der Musik die Frage hinfällig macht, wie ernst die textliche Bezugnahme gemeint sei; siehe https://www.youtube.com/watch?v=pllRW9wETzw.

Reich beteiligte sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch an der zeitgenössischen Suche nach der Sichtung von Ufos; ja, er behauptete, mit seinem Cloudbuster einmal ein solches Ufo neutralisiert zu haben. Die parapsychologischen Experimente weckten während des Kalten Kriegs sowohl das Interesse wie den Verdacht der US-amerikanischen Behörden; 1956 wurde Reich verhaftet und zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Nachdem er die Strafe im März 1957 angetreten hatte, verstarb er am 3. November im Gefängnis, nach offizieller Version an Herzversagen.

Helmut Dahmer hat, in fundierter, nicht unfreundlicher Auseinandersetzung gemeint: «Reichs Lebenswerk ist die konsequente Entfaltung einer naturalistischen, aus Freuds Trieblehre destillierten Anthropologie zu einer naturwissenschaftlich aufgemachten, ontologisch gefassten Lebens- und Heilslehre.» Dabei hatte dieses Werk durchaus Wirkungen entfaltet. Erich Fromm, der schon 1930 fürs Frankfurter Institut für Sozialforschung eine empirische sozialpsychologische Studie über Berliner Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Faschismus durchgeführt hatte, die aber erst später veröffentlich wurde, übernahm Motive von Reichs Werk für die Analyse des autoritären Charakters, ohne Reichs Vorarbeiten angemessen zu würdigen; auch die Gestalttherapie von Frederik S. Perls bediente sich bei dessen ursprünglich ganzheitlichem Ansatz. Die 68er-Bewegung griff Reichs sexualpolitische Schriften begierig auf. «Die Funktion des Orgasmus» (1927) und «Die sexuelle Revolution» (1945) gehörten bald zur Grundausstattung jeder WG. Dabei faszinierte sowohl der politisch revolutionäre Anspruch als auch die Tatsache, dass Reich an die Stelle der selbstreflexiven Aufklärung der eigenen Genitalität deren Apotheose setzte, die es mittels allerlei Techniken zu befreien galt. Umgekehrt wollten einige Reich-JüngerInnen insbesondere in den USA sein Erbe in ‹unverfälschter› Form weitertragen und versuchten und versuchen bis heute, auch seine technizistischen Experimente zur Orgonenergie durch die Zeitumstände zu rechtfertigen oder gar als Verwirrspiel gegenüber den US-amerikanischen wie den sowjetischen Geheimdiensten zu erklären. Kommt hinzu, dass die erst später veröffentlichten frühen Aufzeichnungen von Reich einen kaum reflektierten Umgang mit der eigenen Sexualität dokumentieren, bereits als Jugendlicher als Sohn eines mittelgrossen Landbesitzers mit Dienstmädchen und Prostituierten, später als Analytiker mit Patientinnen, wobei ihm Liebe, Triebe und Übertragung wiederholt durcheinander geraten. Wie so oft bei Pionieren ist sein Bild mittlerweile im Spiegelkabinett von Sektierereien, Beschuldigungen und Verschwörungstheorien verschwommen.

(sh)

In der Politisch-philosophischen Bibliothek f stehen zehn Titel von und fünf über Wilhelm Reich; zumeist eingeordnet unter Psychoanalyse/Psychologie, aber eine jüngere Ausgabe zur «Massenpsychologie des Faschismus» steht auch in der Abteilung zum Faschismus, und die pseudonym erschienene Schrift «Was ist Klassenbewusstsein?» ist unter den Dokumenten zur Geschichte der Arbeiterbewegung zu finden.

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Mitten drin

«Aus aktuellem Anlass», heisst es gross auf der Titelseite des Buchs von Franziska Schutzbach, und die «Rhetorik der Rechten», die sie darin analysiert, ist ja wirklich aktuell, wenn auch bei den jüngsten Schweizer Abstimmungen und EU-Wahlen zumindest der ganz grosse Durchmarsch verhindert worden ist.

Aktuell, doch nicht neu. Man kann den Bogen zurückspannen. Etwa zu einem Sammelband über den «Rechten Populismus», wie er sic in Deutschland anlässlich der Kandidatur von Franz Josef Strauss als Bundeskanzler 1980 gezeigt hatte. Das Buch ist im bücherraumf vorhanden, so wie ein noch etwas älteres, nämlich «Zur Kritik der Weiblichkeit» der Wiener Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, die sich darin schon 1905 mit allerlei reaktionären Sprachregelungen und Konzepten auseinandersetzte. Das Buch ist ein bemerkenswertes Dokument genauer Textlektüren und der Beschäftigung mit Alltagskultur anhand von so genannter Frauenliteratur oder Familienliteratur, was damals etwas anderes hiess als in unserem heutigen Verständnis.

An den einleitenden Hinweis auf diese beiden älteren Werke durch Stefan Howald knüpfte Franziska Schutzbach in ihrem Referat im bücherraum f zu Beginn spontan an, indem sie die von Mayreder scharf analysierte Frauenfeindlichkeit als untergründigen, doch immer wieder heftig an die Oberfläche tretenden, Zug rechter, völkischer Bewegungen benannte. Nationalismus werde immer an militaristische Männlichkeit gekoppelt. Beim mörderischen Andres Breivik bestand die Hälfte von dessen Manifest aus einem gewalttätigen Antifeminismus, was in der Aufarbeitung eher unzulänglich reflektiert worden sei. Ja, der Antifeminismus diene mancher rechter Ideologie als «scheinbar unverdächtige Einstiegsdroge».

Schutzbach ist Soziologin, Genderforscherin, Aktivistin und Publizistin, die sich immer wieder in aktuellen Debatten zu Wort meldet. Ihr Buch versteht sie als einen zusammenfassenden, didaktisch verfassten Beitrag mit eingreifender Absicht. Neben dem Antifeminismus charakterisierte sie verschiedene andere rechte Diskursstrategien. Dabei geht es ihr nicht um die extremsten Ausprägungen, sondern darum, wie rechtspopulistisches Gedankengut in den Mainstream eingedrungen ist, wie die Grenzen verwischt werden und es zu Normalisierungen kommt, durch gezielte Tabubrüche und Opferstilisierungen. Ein Motiv ist die Rede von den Ängsten der Abgehängten, Bedrohten, GlobalisierungsverliererInnen usw., die man ernst nehmen müsse. Aber dabei gilt es nach Schutzbach, projektive Ängste, die Missstände anderen – den Fremden, den Randständigen – zuschieben, von sozial bedingten Ängsten zu unterscheiden, die auch mit sozialen Massnahmen bekämpft werden können.

Dominiert wird die gegenwärtige Diskussionskultur vom Topos der Ausgewogenheit. Jede kritische, linke Position muss angeblich mit einer rechten ausgeglichen werden; das klassische Beispiel sind die Diskussionssendungen im Fernsehen, schweizerisch oder deutsch. Doch diese Äquidistanz verbiete sich jegliche Frage nach der unterschiedlichen Qualität der Argumente. Lebhaft und anschaulich, immer wieder auf eigene Erfahrungen zurückgreifend, schilderte Schutzbach, wie sachliche Expertise durch politische Meinungen ersetzt werde. In Diskussionrunden über Rassismus oder Sexismus würden von jeglicher Sachkenntnis unbeleckte MeinungsmacherInnen eingeladen; dagegen müsse man ein Mindestmass an Expertise auch auf der rechten Seite anmahnen und gegebenenfalls die Teilnahme an einer Diskussion überdenken.

Die Schweiz ist, wie verschiedene Studien mittlerweile belegt haben, geradezu ein Versuchslabor für rechtspopulistische Strategien. Dabei zeigt sich eine Ambivalenz der direkten Demokratie. Diese gibt rechten Bewegungen Ausdrucksmöglichkeiten, etwa mit der Volksinitiative, bindet sie im konsensualen Regierungsstil aber immer wieder ein – wobei man das nicht als fixe Garantie verstehen darf.

Was tun? Gegen etwaigen Pessimismus bringt Franziska Schutzbach den verstorbenen deutschen Publizisten Sebastian Haffner in Anschlag, der vor der Gefahr einer «melancholischen Behaglichkeit» warnte. Wiewohl die Formulierung vom «Aufgeben als Kollaboration» ein bisschen stark wirkt, stiess die Kritik des Pessimismus auf weitgehende Zustimmung im Publikum, wobei man dazu vielleicht doch als Ergänzung das Gramsci-Motto gesellen könnte: Pessimismus des Verstands und Optimismus des Willens.

Tatsächlich wies Schutzbach auf die Dialektik politischer Bewegungen: Der neue Antifeminismus sei zweifellos auch eine Reaktion auf die erstärkte feministische Bewegung.  «MeToo»: Das sei jüngst so allgegenwärtig gewesen, dass selbst sie sich manchmal schon beinahe genervt habe. So lasse sich das Patriarchat gegenwärtig vielleicht als angeschossenes Tier verstehen, das jetzt gefährlicher als je um sich schlage – offen musste bleiben, ob die Wunden schon tödlich sind.

Aber vielleicht müssen wir auch die Blickrichtung ändern, so sollte etwa in der Bildung neben der Kritik an den TäterInnen eher auf die Ermächtigung der Opfer gesetzt werden. Zugleich braucht es den Kampf um die Mitte. Von der muss eine, womöglich konservative, aber entschieden liberaldemokratische Haltung gefordert werden. Dies würde, von links her, bedeuten, Druck auf die Mitteparteien auszuüben und diese in eine Bündnispolitik einzubinden. Was den vehementen Hinweis hervorrief, der Ort der Kämpfe könne nicht nur die ideologische Auseinandersetzung sein, sondern Demokratiefeinde müsse man auch auf der Strasse konfrontieren.

Im lebhaften Austausch wollte man von Franziska Schutzbach wiederholt handfeste Tipps für den Alltag wissen; und einer stellte sich im Gespräch zweifellos heraus: Bei rassistischen, sexistischen Sprüchen zurückfragen. Argumente, Belege für Meinungen verlangen. Das bedeutet noch nicht, dass sich die Gegenüber überzeugen liessen, aber zumindest lassen sie sich ein wenig zum Nachdenken bringen, und ihre Meinungen lassen sich aufweichen. Allerdings müsse man realistisch bleiben und sich nicht in fruchtlosen Debatten aufreiben. Dabei betonte Schutzbach, dass auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Mittel angebracht und nötig seien. Im Alltag würde sie wohl so etwas wie «Sozialarbeit» versuchen; in der Öffentlichkeit dagegen müsse man klar fordern, antidemokratischen Kräften keine Plattform zu bieten. Wobei es nicht nur um die etwaige Zusammensetzung von Diskussionsrunden gehe, sondern auch um das framing, die Themensetzung und die Anlage von Debatten.

sh

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Heisse Fäuste im Kalten Krieg

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Die Sprache der Rechten

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Wie der Stahl gehärtet wurde

Bücherräumereien (VIII): Eine gelegentliche Rubrik über Bestände des bücherraums f

Das Buch erzählt eine seiner Editionsgeschichten in einem eingeklebten Beiblatt gleich selbst. Danach lag es, als No. 1270, vier Jahre lang auf Geheiss der Schweizer Bundesanwaltschaft in einem Gewölbe des Bundeshauses. Im Zweiten Weltkrieg glaubte die offizielle Schweiz ja, ihre Neutralität mit Verboten gegen links und rechts unter Beweis stellen zu müssen, während sie gleichzeitig Gold- und Waffenlieferungen für Nazi-Deutschland ermöglichte; doch dann, als sich die Niederlage des faschistischen Deutschland abzeichnete, wurde das Buch aus der Sowjetunion im Mai 1945 offenbar freigegeben.

Eine zweite Editionsgeschichte besteht darin, dass der Autor Nikolai Ostrowski (1904 – 1936) in den verschiedenen sowjetischen Ausgaben 1932 und 1934, während der Verschärfung der Stalinisierung, seine Versionen der jeweiligen Parteilinie anpasste. Die erste deutsche – anonyme – Übersetzung erschien 1939 in Kiew im Staatsverlag der nationalen Minderheiten der UdSSR, nachdem die nationale Mehrheit in der Ukraine bereits massiv unterdrückt worden war.

Der Titel hat natürlich epigrammatischen Charakter. «Wie der Stahl gehärtet wurde» zeigt anhand von engagierten Fabrikarbeitern sowohl die reale Stahlproduktion, wie noch viel stärker: wie ein Land, nämlich die Sowjetunion, und wie die Menschen darin gehärtet wurden. Da ist in erster Linie Pawel «Pawka» Kortschagin. Der trägt deutlich autobiografische Züge. Nach einer kursorischen Rekapitulation seiner Jugend in der Ukraine setzt das Buch ein mit dem Sturz des Zarenreichs und dann dem Bürgerkrieg, als sich der Siebzehnjährige der Roten Armee anschliesst, und es reicht bis zu den innerparteilichen Auseinandersetzungen 1923/24 um Lenins Tod herum. Pawel kämpft, wie einst Ostrowski selbst, in Budjonnys Roter Reiterarmee gegen weisse und polnische Streitkräfte, verliert dabei die Sehkraft in einem Auge, wird Funktionär bei den Komsomolzen, dem kommunistischen Jugendverband, um den Aufbau der Sowjetmacht und die Kollektivierung der Landwirtschaft voranzutreiben; gegen Ende des Buchs erblindet er ganz und wird beinahe gelähmt. So diktiert er, wie einst Ostrowski, seine Erfahrungen, und mit dem dann veröffentlichten Buch reiht er sich nach eigenem Bekunden wieder in die bolschewistische «Kampfreihe» ein.

«Wie der Stahl gehärtet wurde» ist ein paradigmatisches Werk des sozialistischen Realismus, war auch in der DDR weit verbreitet, sogar unter Schweizer KommunistInnen halbwegs Pflichtlektüre. Der Kampf ist heroisch, der Held rappelt sich bei allen Schicksalsschlägen immer wieder auf, das Gute – der wahre Kommunismus – siegt. Die Sprache ist hoch schiessend, zuweilen klischiert. Das erzeugt durchaus einen Sog: die glühend engagierte Jugend, die die alte, überlieferte Welt radikal umwälzt. Man könnte geradezu von einem sowjetischen Steppenwolf sprechen. Als Bericht über den brutalen Bürgerkrieg hat es zudem dokumentarischen Charakter, so wenn die standrechtliche Erschiessung von linken Milizionären, die Frauen vergewaltigt haben, beschrieben wird, und zwar für einmal kontrovers. Es gibt auch ein paar interessante Figuren und Lebensläufe, etwa unterschiedlich engagierte Bolschewisten und Komsomolzen. Und dann die Frauen! Deren Emanzipation vollzieht sich, vorbildhaft, vor allem politisch, womit sie teilweise die Männer hinter sich zurücklassen; aber sie zeigt sich doch auch in geändertem Verhalten, wenn sie sich den gängigen Geschlechterklischees beim erotischen Werben entziehen.

Letztlich ist das Buch allerdings strikt linientreu, und ab 1923 werden die linke Arbeiteropposition und der «Trotzkismus» zunehmend heftiger als Abweichung vom «wahren» Bolschewismus verdammt – die späteren mörderischen Konsequenzen dieser Verfemung haben es dann nicht mehr ins Buch geschafft.

2004 ist das Buch in Deutschland überraschenderweise neu aufgelegt worden, im Leipziger Kinderbuchverlag. Ein jüngerer Autor, in der DD geboren, aber so jung, dass er um die Buchlektüre als Kind herumgekommen ist, hat daraufhin im «Neuen Deutschland» zwiespältig darüber geschrieben: Selten habe ihn ein Buch «gleichzeitig so fasziniert und abgestossen», fasziniert durch die Bedingungslosigkeit des Engagements, abgestossen durch die Ignoranz anderen Wahrheiten gegenüber. Das Buch ist beim Verlag weiterhin vorrätig, und es wäre eine weitere kulturgeschichtliche Vignette, welchen Jugendlichen es heute gekauft wird und wie diese es lesen.

sh

«Wie der Stahl gehärtet wurde» in der Ausgabe von 1939 befindet sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek f des bücherraums f im Gestell 13 in der Abteilung DK.2 (Sowjetunion).

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Zur Kritik der Weiblichkeit

Bücherräumereien (VII): Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f

Eine Biene, die Honig aus einer Blüte saugt: So symbolisiert ein Exlibris, das die anonyme Künstlerin LRz für Anni Breuer geschaffen hat, offensichtlich das Lesen. Eingeklebt hat Anni Breuer ihr Buchzeichen in den Band «Zur Kritik der Weiblichkeit» der österreichischen Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, der sich im bücherraum f findet.

Dazu liesse sich nun folgende Hypothese entwickeln. Mayreders Buch erschien erstmals 1905. Kaum zehn Jahre zuvor waren die Bahn brechenden Studien über Hysterie von Josef Breuer und Sigmund Freud erschienen. Die Wienerin Mayreder kannte den Wiener Psychiater Breuer sicherlich; tatsächlich gibt es Anknüpfungspunkte via den Komponisten Hugo Wolf, den Mayreder mäzenatisch unterstützte und der unter anderem die Kinder von Josef Breuer unterrichtete. So hätte denn ihr Buch Eingang in den Breuerschen Haushalt gefunden, wo es mit einem Exlibris versehen worden wäre. Doch leider hiessen weder Breuers Frau noch eine der drei Töchter Anni; zudem handelt es sich nicht um die Erstausgabe, sondern um ein Exemplar des sechsten bis achten Tausend aus dem Jahr 1922, und fernerhin ist auch nicht klar, ob diese Anni Breuer überhaupt in Wien lebte.

Jedenfalls, das Buch selbst und seine Autorin sind höchst lohnend. Rosa Mayreder (1858 – 1938), Tochter eines wohlhabenden Wiener Gastwirts, betätigte sich schon früh künstlerisch, kämpfte gegen die Diskriminierung der Frauen in der Bildung und war 1893 eine der Initiatorinnen des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins, Später gründete sie eine Kunstschule für Frauen und Mädchen, engagierte sich während des 1. Weltkriegs zusammen mit Bertha von Suttner in der Friedensarbeit und wurde 1919 Vorsitzende der «Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit» (IFFF), deren hundertstem Jahrestag ihrer Versammlung im Mai 1919 im Zürcher Glockenhof gerade dieser Tage gedacht wird.

«Zur Kritik der Weiblichkeit» fasste bereits 1905 mehrere ihrer Vorträge und Schriften zusammen und tönt zuweilen wie von heute in den LGBTQIA+-Debatten. «Welche biologische Notwendigkeit bestünde denn auch für eine essentielle Trennung der Geschlechter?», fragt Mayreder und antwortet, indem sie sich, zeitgemäss, auf die damaligen naturwissenschaftlichen Ansätze bezieht: Keine. «Daher können die Unterschiede, die das Geschlecht mit sich bringt, nur relative, keine absoluten sein und in die Konstitution nicht tief genug eingreifen, um die Einheit des Gattungscharakters aufzuheben.» Am Ende des Bandes tritt einem entsprechend «das Ideal einer Menschlichkeit entgegen, in der dem Geschlecht eine schönere und glücklichere Bedeutung eingeräumt ist, als es bisher besessen hat», nämlich eine «Lebensform, in der die Möglichkeit liegt, die Bande des Geschlechtes ohne Verneinung zu überwinden».

Zwischen diesem Anfang und dem Ende gibt es die Kritik: Mayreder nimmt sich scharfzüngig männliche (und weibliche) Meinungen zur «Frauenfrage» vor, bösartige etwa von Cesare Lombroso oder von Nietzsche und differenziertere, etwa von Henry Havelock Ellis. Und es gibt die Pragmatik: Mayreder wendet sich als (linke) Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung gelegentlich gegen die sozialistische Frauenbewegung und deren generalisierende, vor allem ökonomische Forderungen, weil man allen Frauen individuelle, eigenständige Entscheidungen zugestehen müsse. Immer wieder zeigt sich ein erfrischend nüchterner, konkreter Blick, etwa wenn sie herkömmliche Männlichkeitsbilder historisiert. «Es ist für die asiatischen Männer ein ehrendes Zeugnis, dass sie innerhalb ihres originären Kulturkreises die Erfindung des Pulvers hauptsächlich ästhetischen Zwecken dienstbar machten und seine tödlichen Eigenschaften in Feuerwerkskünsten spielerisch zu verpuffen liebten. Waren die europäischen Männer um soviel kriegerischer, um soviel todesmutiger, als sie die furchtbarste Mordwaffe daraus schufen? Oder waren sie nur von allen guten Instinkten der primitiven Männlichkeit schon zu sehr verlassen?» Da werden die Kriterien von Kultur und essenzialistischen Zuschreibungen ironisch neu angeordnet: höchst modern.

Rosa Mayreders «Zur Kritik der Weiblichkeit» findet sich in der Bibliothek schema f im bücherraum f unter dem Sigel L 54a. Letztmals ausgeliehen worden ist das Buch am 3. Februar 1991; Zeit also für eine Neubesichtigung.

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