Alternativen zu Fakten und alternativen Fakten

Peter Schneider im bücherraum f

Zuweilen scheint es, als ob Peter Schneider mehrere Identitäten besitzt. So umfangreich und so breit gefächert sind seine Tätigkeiten und seine öffentliche Wirkung. Neben einer psychotherapeutischen Praxis ist er Lebens- und Stilberater der etwas anderen Art beim «Tages-Anzeiger», Satiriker bei der «Sonntagszeitung» und im Radio, die Erzählerstimme für die Radiokrimis mit Philip Maloney, dazu Dozent an verschiedenen Universitäten und Instituten sowie ein begehrter Vortragender und Teilnehmer an Podiumsdiskussionen.

Seine Kolumnen sind in mehreren Bänden gesammelt; aber in der Politisch-philosophischen Bibliothek f im bücherraum finden sich drei andere Bücher von ihm, aus den 1990er Jahren, in Alternativverlagen wie Nexus und edition Tiamat erschienen, zu einer kritischen Psychoanalyse; und einem dieser Bücher beigelegt ist eine zeitgenössische Kritik aus dem «Tages-Anzeiger», verfasst von einem nicht ganz unbekannten Journalisten, der sich, wie die Vernetzungen so gehen, unter den Zuhörenden im bücherraum f befand, als Peter Schneider Mitte Dezember sein «ausgelesen» präsentierte.

In den letzten Jahren ist Peter Schneider in einer breiteren Öffentlichkeit vor allem als Kolumnist und Satiriker präsent. Für den bücherraum hatte er allerdings nicht die Kolumnistenmütze, sondern den Wissenschaftlerhut aufgesetzt und sprach zum akuten Thema der Faktenproduktion, anhand der Geschichte der Psychoanalyse und der Wissenschaftstheorie.

Vom ersten Buch, das Schneider ausgelesen hatte, Sigmund Freuds «Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie» von 1905, findet sich im bücherraum die 5. unveränderte Auflage von 1922. Schneider wies darauf hin, dass Freud in den vorangegangenen Auflagen jeweils Veränderungen vorgenommen habe, und das deutete er als Zeichen für die grössere Flexibilität von dessen damaligem Denken. Der frühe Freud, etwa in der «Traumdeutung» (1899) und eben auch in den «Abhandlungen zur Sexualtheorie», habe das menschliche Triebschicksal viel offener verstanden, nicht als zwangsläufige Stufenfolge in der Entwicklung der Individuen. Eine rigidere Auffassung sei erst mit Ödipuskomplex und Kastrationsangst und Penisneid entworfen worden, mit denen sich die Freudsche Lehre dogmatisch verfestigt habe. Die frühere offenere Version sei allerdings jederzeit zu bevorzugen, nicht zuletzt sei sie anschlussfähiger an die heutige Queer-Theorie.

Wenn Schneider, wie er erzählte, Freud schon frühreif, als Vierzehnjähriger, gelesen hatte, so kam er zu Michel Foucault als Spätzünder, 1982, als er an einer Magisterarbeit arbeitete, in der er mit Wilhelm Reich und Herbert Marcuse die Sexualität als Befreiungskraft feiern wollte. Doch Arbeiten von Wolfgang Fritz Haug zur Modellierung der Sexualität im Dienste des kapitalistischen Warenkonsums hätten diese Vorstellung in Frage gestellt, und nachdem Schneider Foucaults «Sexualität und Wahrheit» (1976-1984) gelesen hatte, war es endgültig vorbei mit der fröhlichen Lobrede auf die Sexualität.

Eine ebensolche Wirkung gegen ein eindimensionales Verständnis der gesellschaftlichen Realität billigte er auch John L. Austins Sprechakttheorie zu. Erstmals 1962, posthum, veröffentlicht, lehrte Austins «How to Do Things with Words», Sprache nicht nur als kommunikative Funktion zu sehen, sondern als performativen Akt zu begreifen. Das hat zwei Dimensionen. Erstens ist Sprechen immer auch Handeln. Zweitens wird mit Sprache nicht nur, in direkter Referenzbeziehung, ein äusserlicher Gegenstand bezeichnet, sondern als Sprechende verhalten wir uns aktiv zu diesem, verorten ihn, schaffen ihn erst eigentlich in einem bestimmten Kontext.

Man kann das als realistische Wende in der Sprachwissenschaft bezeichnen; sie hat in einem breiteren Verständnis wissenschaftsgeschichtliche Vorläufer, insbesondere Ludwik Fleck. Fleck (1896-1961), ein polnischer Mikrobiologe, Immunologe und Wissenschaftshistoriker, hat bereits 1935 die Arbeit «Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache» über die soziale Gebundenheit von Wissen und Wissenschaften veröffentlicht. Fleck überlebte Auschwitz und Buchenwald, forschte nach dem Krieg wieder in Polen und verstarb schliesslich in Israel. Seine Arbeit von 1935 entfaltete zu Lebzeiten kaum Wirkung. Doch in seinem einflussreichen Werk «Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen» (1962) erwähnte Thomas S. Kuhn die Arbeit von Fleck im Vorwort als «eine Arbeit, die viele meiner eigenen Gedanken vorwegnimmt», was Fleck eine gewisse Renaissance bescherte; nach einer Neuausgabe von 1982 kommt die Wissenschaftsgeschichte heutzutage nicht mehr um eine Referenz zu Ludwik Fleck herum.

Faktizität, so zeigte Fleck in der Analyse von Laborexperimenten und Lehrbüchern, ist nicht objektiv gegeben, sondern immer auch ein Konstrukt. Theorien wirken normativ, bezeichnen Demarkationen «richtigen Denkens», grenzen umgekehrt aus. «Fakten» sind also in Denkstilen verankert.In die gleiche Richtung arbeitet Bruno Latour. Der schreibt seit den 1980er Jahren über eine neue Wissenschaftssoziologie, ist aber erst seit etwa zehn Jahren bei uns einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Die Politisch-philosophische Bibliothek ist in ihren Beständen nicht ganz vollständig, deshalb nahm Peter Schneider von Latour das eher leichtgewichtige Werk «Elend der Kritik» (2007) als Illustration.

Latour belegt, wie Fleck und Kuhn, an verschiedenen Wissenschaftszweigen, wie Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt sich gegenseitig bedingen. Der wissenschaftliche Forschungsprozess bildet eine Referenzkette, in der sich die weitergegebenen Informationen durch vielfältige Faktoren – Menschen, Apparate, Stoffe, Räume – ständig verändern. In «zirkulierender Referenz» wird abstrahiert, konkret angereichert, dann wieder abstrahiert. Die entstehenden Denkstile, Paradigmen bestimmen ihrerseits den Erwartungshorizont für neue Erkenntnisse.

Die sogenannte Sokal-Affäre von 1996 belegte dies in eher satirischer Form. Ein Nonsens-Text in avanciertestem postmodernem Jargon geschrieben, war damals von mehreren renommierten Fachzeitschriften abgedruckt worden. Er zeigte, dass vor allem in den Geisteswissenschaften alles verschwurbelt werden kann; gewichtiger, oder spektakulärer, ist der Kampf in den Naturwissenschaften um die Gültigkeit von Experimenten, aus denen womöglich aus ungeprüften Vorannahmen falsche Schlussfolgerungen gezogen werden.

Indem er die soziale Konstruktion von Fakten betont, wendet sich Latour auch gegen jeden Essenzialismus, der Gegenständen inhärente, ahistorische Eigenschaften zuweist. Latour hat aber auch schon Gegensteuer gegen eine jüngere anti-wissenschaftliche Tendenz gegeben. Die Erkenntnis, dass Wissenschaft sozial konstruiert werde, könne auch dazu missbraucht werden, jedes Wissen unter Generalverdacht zu stellen. Ein solcher Kulturrelativismus sei ebenfalls gefährlich. Gerade in «Elend der Kritik» zeigt er sich erschrocken darüber, wie weit Verschwörungstheorien eine rationale Diskussion abgelöst hätten. Die soziale Konstruktion von Wissen sei nicht im ideologischen Sinn alternativer Fakten zu verstehen, sondern in dem Sinn, dass sich aus unterschiedlichen Ansätzen unterschiedliche Erklärungsversuche anbieten.

In der Diskussion brachte Jakob Tanner Macht und Geld ins Spiel. Der Druck auf die Wissenschaften entstehe gegenwärtig weniger durch interne Anfechtungen, sondern komme von aussen, etwa wenn US-Präsident Trump die Umweltbehörde ausblute und damit auch deren wissenschaftliche Arbeit erschwere. Für die innerwissenschaftliche Diskussion um Forschungsstandards und Korrekturmechanismen ist Tanner zuversichtlich, aber der Druck von aussen nehme unzweideutig zu.

Wie sieht es umgekehrt mit dem politischen Engagement der Wissenschaften aus? Peter Schneider hatte angedeutet, der jüngste «March for Science» kehre mit dem Selbstbewusstsein, mit dem die wissenschaftliche Wahrheit verkündet und auf die Macht der Fakten vertraut werde, in die zwanziger Jahre zurück. Dagegen erhob sich der Einwand, oder die Frage, ob WissenschaftlerInnen gegenwärtig nicht gezwungen seien, gegen die Abwertung, ja Verächtlichmachung wissenschaftlicher Erkenntnisse diese zu vereinfachen, um überhaupt öffentliche Wirkung zu erzielen. Zur Präzisierung seiner Position führte Schneider nach Gil Eyals Buch «Crisis of Expertise» das Bild einer dreispurigen Autobahn ein: Auf dem Pannenstreifen werde Grundlagenforschung betrieben, die Überholspur sei jene Schnellbahn, in der durch die Politik rasche Entscheidungen getroffen würden, und in der mittleren Spur gehe es ums Aushandeln zwischen wissenschaftlichen und politischen Ansichten und Notwendigkeiten.

Hier allerdings war im bücherraum die Notwendigkeit gekommen, sich ein wenig zu verköstigen und zu stärken.

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Auf ein Neues

Im 2020 wird der bücherraum f erneut die Vielfalt des Geistes aus seinen Büchern entblättern und ein Feuerwerk an Veranstaltungen in allen Regenbogenfarben lancieren. Damit uns das eigenständige Denken nicht ganz ausgeht. Deshalb guten Sprung ins neue Jahr.

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Nationalismus und lokale Demokratie

Brexit und darüber hinaus (9)

Die Niederlage für Labour ist vernichtend. Statt Boden gut zu machen und den Konservativen unter Boris Johnson zumindest eine absolute Mehrheit zu verwehren, hat die Partei bei den britischen Wahlen gegenüber 2017 nicht weniger als 8,1 Prozentpunkte und 59 Parlamentssitze verloren. Drei Erklärungen werden angeboten. Jeremy Corbyn hat als Leader versagt. Brexit wars. Die Labour Party hat die Arbeiterklasse in den Midlands und im Nordosten des Landes im Stich gelassen.

Der zögerliche Führer

Jeremy Corbyn ist nicht gut angekommen, das müssen selbst Corbyn-AnhängerInnen zugeben. Dafür wird von ehemaligen Labour-WählerInnen ebenso wie von den MedienkommentatorInnen eine Reihe von Gründen angegeben. Sie wirken wie auf eine Person zugespitzte Symptome von tieferliegenden gesellschaftlichen Verwerfungen. Erstens: Corbyn sei ein starrsinniger, spröder Dogmatiker. Sicher, mit dem opportunistischen Populismus eines Boris Johnson kann er sich nicht messen. Aber seine gradlinige, prinzipienfeste Art wurde nach den Wahlen 2017, bei denen er überraschend gut abgeschnitten hatte, gerade noch gelobt. Zweitens: Der langjährige Pazifist hätte das mächtige Grossbritannien auf dem internationalen Parkett nicht angemessen repräsentieren können. Dem kalkulierenden Hanswurst Johnson traut man das hingegen zu, der nach seiner kurzen Amtszeit 2018 bereits als einer der schlechtesten britischen Aussenminister in die Annalen eingegangen ist. Drittens habe Corbyn den Antisemitismus in der Partei nicht in den Griff gekriegt. Dies im Angesicht eines konservativen Premierministers, der islamophobe Witze reisst; zudem ist das, mit Verlaub, nicht das dringendste Anliegen der WählerInnen im Nordosten. Viertens entstamme das von ihm verantwortete Wahlprogramm einem «Sozialismus aus den siebziger Jahren» (Boris Johnson) beziehungsweise der «marxistischen Mottenkiste» (Christoph Münger im «Tages-Anzeiger»). Nun, es war ein solides linkskeynesianisches Investitionsprogramm, und die Renationalisierungen von Eisenbahn und andern Grundversorgungsbereichen stossen bei einer knappen Mehrheit der Bevölkerung auf Zustimmung. Bleibt, fünftens, der Hauptvorwurf, er habe bezüglich des Brexit laviert und gezaudert. Das ist unbestreitbar. Einige der abgewählten Labour-ParlamentarierInnen in den Leave-Gebieten haben sich nach der Niederlage scharf über Corbyn ausgelassen. Um ihre WählerInnen ernst zu nehmen, hätte sich Labour ihres Erachtens deutlich für den Brexit aussprechen müssen. Das wäre jedoch auch keine valable Politik gewesen. Damit wären ziemlich sicher ein paar Sitze im Nordosten gerettet worden, aber dafür wären vermutlich ein paar Sitze in London an die Liberaldemokraten verloren gegangen.

Brexit

Womit wir beim Brexit sind. Brexit hat zweifellos eine zentrale Rolle gespielt, das zeigen die regional unterschiedlichen Resultat: 10 Prozent Verluste für Labour in jenen Wahlkreisen, die für einen Austritt aus der EU gestimmt hatten, 4 Prozent in jenen, die in der EU hatten bleiben wollen. Dabei hat Labour überall verloren, weil die Brexit-Falle zugeschnappt ist. Rechts gingen Stimmen an die Tories, links an die Liberaldemokraten und in Schottland an die Scottish National Party SNP. Corbyn versuchte es, beiden Flügeln recht zu machen – das konnte in der zugespitzten Situation nicht aufgehen.

Umgekehrt lässt sich aus dem Wahlsieg von Johnson kein klares Votum für dessen harten Brexit-Plan ablesen. Johnsons bis zum Brechreiz wiederholtes Mantra «Get brexit done» schloss eben auch ein «Get Brexit out of the way» ein. Selbst wer nicht unbedingt für den Brexit, aber des Gezerres darum überdrüssig war, konnte oder musste die Konservativen wählen, insbesondere nachdem Nigel Farage seine Brexit-Partei aus der direkten Konfrontation mit den Konservativen zurückgezogen hatte. Trotzdem kann man vorrechnen, dass die Remain- und Eher-Remain-Parteien zusammen 50 Prozent der Stimmen erhielten, während die Leaver nur 45 Prozent ausmachen.

Die verratene Arbeiterklasse

Dass Labour traditionelle Hochburgen in den Midlands und im Nordosten verloren hat, dass also der so genannte «Red Wall» zerbröckelt ist, läuft parallel zur Entwicklung im «rust belt» der USA, die Donald Trump den Sieg gebracht hat. Die Diskussion darüber mündet wie in den USA vorschnell in einen Verratsdiskurs.

Ein Artikel im «Guardian» hat noch vor den Wahlen darauf hingewiesen, dass die Arbeiterklasse längst disparater geworden sei. Wenn man davon spreche, dass Labour «die Arbeiterklasse» aufgegeben habe, halte man an einem veralteten Begriff der Arbeiterklasse fest, unterschlage die Jungen, die Nicht-Weissen im Prekariat der Dienstleistungsindustrie. Richtig. Darauf ist eingewandt worden, der Befund ändere nichts daran, dass die (weisse) Kernarbeiterschaft in den ehemaligen Schwerindustriegebieten verloren gegangen sei. Auch richtig.

Aber selbst diese Kernarbeiterschaft muss differenziert werden. Einige der ehemaligen Industriegebiete im Nordosten sind stark mit dem Militär verflochten, sei es durch Rüstungsbetriebe, sei es als Reservoir für Armeeangehörige. Da konnte Corbyn als langjähriger Pazifist natürlich nicht punkten. Sogar dass er als Republikaner nicht «God save the Queen» singen will, haben ehemnalige Labour-WählerInnen gegen ihn ins Feld geführt. Das darf aber kein unlösbares Problem sein. Man muss diese Familien ja nicht zum Pazifismus bekehren, sondern man muss ihnen valable Alternativen zur Arbeit beim Militär anbieten. Mitglieder einer Bewegung, die einst auf Solidarität gebaut war, scheinen es andererseits nicht mehr über sich zu bringen, bei punktuell unterschiedlichen Positionen ein grundsätzliches Gefühl des gegenseitigen Vertrauens aufzubauen.

Eine undemokratische Gesellschaft

Hinter den Wahlresultaten liegen auch strukturelle Probleme. Grossbritannien ist in manchem eine undemokratische Gesellschaft. Dies bereits auf der institutionellen Ebene. Am offensichtlichsten ist das beim Majorz-Wahlsystem. Der gloriose Wahlsieger Boris Johnson hat 2019 gerade mal 360´000 Stimmen und einen guten Prozentpunkt mehr erzielt als die jämmerliche Wahlverliererin Theresa May 2017, doch damit 47 mehr Sitze bekommen.1 Die Liberaldemokraten mit ihren 3.696 Millionen Stimmen oder 11.6 Prozent Wählerstimmen haben 13 Mandate errungen, oder 2 Prozent aller Sitze. Dass sie gegenüber 2017 um 4.2 Prozentpunkte zugelegt haben, hat sie unter dem Strich – einen Sitz gekostet. Und die Grünen kriegen mit 865´000 Stimmen und einem um 1.1 auf 2.7 Prozentpunkte gestiegenen Wähleranteil einen einzigen Sitz im Parlament.

Selbst die Labour-Schlappe ist durch das Majorzsystem verstärkt worden. Corbyn hat nämlich 950´000 Stimmen und beinahe 2 Prozentpunkte mehr erzielt als einst Ed Milliband vor vier Jahren, aber 29 weniger Sitze errungen.2 Umgekehrt ist die SNP bei einem Stimmenanteil von 45 Prozent mit 48 von 59 schottischen Parlamentssitzen massiv überrepräsentiert und kann aus ihrem überwältigenden Wahlsieg keineswegs die Gewissheit ableiten, bei einem neuen Unabhängigkeitsreferendum für Schottland eine Mehrheit zu bekommen. Da das Wahlsystem die führenden Parteien bevorzugt, hat sich auch Labour, als man an der Macht war, um eine Wahlreform gedrückt, weil man jahrzehntelang gerade in Schottland vom Majorzsystem profitiert hatte.

Dem entspricht ein Präsidialsystem, das der/dem FührerIn der grössten Partei unverhältnismässig viel Macht einräumt. Beim Kampf um den Brexit im Parlament während des ganzen Jahrs 2018 ging es auch darum, dass das Parlament versuchte, die Macht des Premierministers zu beschneiden und damit das Präsidialsystem ein wenig umzubauen. Zu den institutionellen Defiziten gehört im Übrigen, dass die zweite Parlamentskammer nach keinerlei demokratietheoretischen Kriterien zusammengesetzt ist, die in der balance of power als Ergänzung oder Korrektur zur ersten Kammer konzipiert sind.

Fehlende lokale Demokratie

Das wichtigste Defizit freilich, in dem sich andere Motive verdichten, ist die fehlende lokale Demokratie. England ist, wie Frankreich, ein auf ein Zentrum konzentriertes Land. London dominiert politisch wie ökonomisch wie kulturell. Die lokalen Verwaltungen, schon bislang mit beschränkter Kompetenz ausgestattet, sind durch die Austeritätspolitik der letzten zehn Jahre finanziell ausgehungert worden. Das hat vor allem die einstigen Labour-WählerInnen getroffen. In der Brexit-Konstellation aber sind die entsprechenden Folgen vor allem Labour angelastet worden. Zuerst musste im Brexit-Referendum die EU als Sündenbock für die soziale Prekarisierung herhalten; danach wurde, da sich Labour nicht für den Brexit ausgesprochen hatte, der Zorn auf die Partei umgeleitet. Zugleich haben die zumeist Labour-dominierten Lokalverwaltungen die soziale Depravierung nicht stoppen können (und einst, unter New Labour, bestimmte Prozesse wie die Auslagerung von Staatsfunktionen mitgemacht), also trifft die Partei die Enttäuschung und der Zorn gleich doppelt.

Einen berechtigten Kern hat dieser Zorn in der unbestreitbaren Vernachlässigung dieser Regionen durch die Londoner «Parteielite». Aber diese Tendenz war schon unter New Labour vorhanden, ja, sie war damals sogar stärker ausgeprägt als unter Corbyn. Schon dannzumal wurden nördlichen Wahlbezirken KandidatInnen aus London aufgedrängt. Nach 25 Jahren Umorientierung zu einer mittelständischen Klientel im Dienstleistungssektor sind die lokalen Parteisektionen in den ehemaligen Industriegebieten ausgeblutet; der kurzfristige Aufschwung mit Corbyn ab 2016 hat zwar neue Leute rekrutiert, aber vor allem Junge aus den grösseren Städten und den Universitäten. In der jetzigen Situation wird das allein Corbyn angerechnet, mit einem geradezu autoritären Glauben an die Allmacht des Führers, der alles richten könne und für alles verantwortlich sei. Wenn sich die abgewählten ParlamentarierInnen aus dem Nornen jetzt beklagen, Corbyn habe «ihre» Arbeiterklasse verraten, dann darf man ihnen füglich die Frage stellen, was sie selbst denn seit dem Brexit-Referendum getan haben, um ihre WählerInnen womöglich von deren isolationistischer Haltung abzubringen.

Labour hat, unter Corbyn, Fehler gemacht, auch Corbyn selbst hat Fehler gemacht. Dazu gehört, dass sein Strategieteam nicht richtig funktionierte, dass das Wahlmanifest viel zu spät lanciert wurde, dass es viele sinnvolle Ideen und Vorschläge enthält, aber als willkürlich zusammengestelltes Sammelsurium erschien. Doch den Mängeln der jetzigen Wahlkampagne entspricht ein strukturelles Fehlverhalten von Labour, das weit hinter die Corbyn-Jahre zurückgeht. Der «Guardian»-Kolumnist Aditya Chakrabortty hat es treffend zusammengefasst. «Die Kernschmelze der letzten Woche ist der Höhepunkt von Trends, die Jahrzehnte zurückreichen. Corbyn hat sie nicht geschaffen, sondern als vergiftete Erbschaft mitbekommen – aber jeder Parteiführer, der diese Sitze zurückerobern will, muss mit diesen Trends besser umgehen, als es Corbyn getan hat.»

Tatsächlich ist neben und gegen Brexit kein zusammenhängendes Narrativ gegen die Austeritätspolitik der Konservativen entwickelt worden, und man hat in Bezug auf Brexit kein positives Narrativ internationaler Zusammenarbeit entwickeln können. Der schüchtern ins Spiel gebrachte New Green Deal hätte zum Beispiel gerade die Konversion der Rüstungsindustrie mit konkreten Vorschlägen illustrieren müssen.

Nationalismus

In diese Lücken ist ein neuer Nationalismus gestossen. Der Publizist Fintan O´Toole, der als Ire besonders empfindlich für englische Grossmachtfantasien ist, hat dessen Aufschwung detailliert dokumentiert. Es ist ein (weisser) englischer Nationalismus, der bereit ist, die Verbindung mit Schottland und sogar mit Nordirland aufs Spiel zu setzen. Die Konservativen haben, unter dem Druck zuerst von Ukip und dann der Brexit-Partei, in ihrer eigenen Brexit-Strategie pausenlos nationalistische Schalmeienklänge eingesetzt. Boris Johnson verspricht jetzt dem Land in geradezu skurrilen Luftschlössern eine neue wunderbare, wunderbare Zukunft.

Diesen Nationalismus haben auch Teile der (weissen) Kernarbeiterklasse übernommen. Im Votum für den Brexit steckte der Protest gegen die Auswirkungen der Globalisierung und gegen die Vorherrschaft von London, aber es steckte auch ein Jingoismus, eine Fantasie über die Einzigartigkeit Englands drin. Wie weit ist es gekommen, wenn in einem Worker´s Club unter den Bannern der Minenarbeitergewerkschaften und den Bildern der Labour-Parteigründer während des Wahlkampfs Brexit-Parteichef Nigel Farage zu einem Vortrag ansetzen konnte und lauten Beifall erhielt?

Wie geht es weiter?

Fortsetzung folgt.

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Über den Rhein hinweg

So sieht Europa auch aus: In einigen französischen Städten werden gegenwärtig, neben Protestaufrufen, als Flugblätter so genannte «Hebel-Colportages» verteilt. Dabei handelt es sich um übersetzte Geschichten von Johann Peter Hebel. Initiant der Aktion und verantwortlich für die Flugblätter ist der Verlag pontcerq im bretonischen Rennes.

Johann Peter Hebel (1760 – 1826), Basler, Rheinländer, Alemanne hat mit seinen «Alemannischen Gedichten» (1803) und dem «Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes» (1811) eine Tradition der kleinräumigen lokalen Literatur begründet. «Hebel verbauert auf die naivste, anmutigste Weise durchaus das Universum», hat Goethe gesagt, und das ist bei aller Herablassung des Geheimen Rats doch als ein beträchtliches Kompliment gemeint. Die genaue Beiläufigkeit, mit der scheinbar klare Sachverhalte auf eine mögliche andere Bedeutung abgeklopft werden, kann man wahlweise als Bauernschläue oder plebejische List verstehen – kein Wunder, wurde Hebel neben Franz Kafka auch von Bertolt Brecht, Walter Benjamin und Ernst Bloch geschätzt.

Die Kleinform vervollkommnete der in Basel geborene Hebel neben seiner Lehrtätigkeit als Redaktor eines Bauernkalenders in Karlsruhe, so wie ja auch Heinrich von Kleist zur gleichen Zeit Beiträge für die «Berliner Abendblätter» zu ehernen Anekdoten stanzte.

Im benachbarten Frankreich freilich ist Hebel praktisch unbekannt. Im Verlag Pontcerq sind jetzt einige seiner Kurztexte ins Französische übersetzt und in einem kritischen Kontext publiziert worden. Der immer wieder mit originellen Aktionen aufwartende Kleinverlag will die Hebelschen Kalendergeschichten als Konterbande in Frankreich einschmuggeln, in blogs, in öffentlichen Rezitationen und auf Flugblättern – schliesslich hat Pontcerq auch mal den «Hessischen Landboten» von Georg Büchner in einer zweisprachigen Version vorgelegt. Mit bei der Aktion sind einige Buchhandlungen in ganz Frankreich, in denen die «Pontcerq-Flugblätter» gratis aufliegen.

Nicht nur die Form der «Hebel-Colportage» wird als Konterbande verstanden, sondern so werden auch die Geschichten interpretiert, da sie zumeist eine zweite Botschaft transportierten. Wenn sich «Zwei honette Kaufleute» gegenseitig vorrechnen, durch welche Diebstähle sie ihre Besen noch günstiger verkaufen können, so kann man dahinter tatsächlich hervorgucken sehen – die spätere Marxsche Mehrwerttheorie. Oder wenn in der Geschichte «Ein Kriegsschiff» scheinbar nüchtern die Materialien aufgelistet werden, die es zum Bau eines Kriegsschiffs braucht, so wird darin unaufdringlich auf die ungeheuerliche Verschwendung von Natur und Arbeitskraft, und Leben, hingewiesen. In «Das letzte Wort» lässt in einem feudalen Streit zwischen einem Herzog und seinem Kanzler ersterer dem letzteren das letzte kritische Wort, nur, um es ins Leere laufen zu lassen. Daraus wird zwar erstens eine Lehre gezogen, die konservativ davon abrät, sich mit Vornehmen, sozial Bessergestellten anzulegen. Aber in einer zweiten Lehre heisst es, dass man bei Meinungsdifferenzen nicht gleich mit «Scheltworten und Fäusten» dreinfahren soll, was 1813 doch auch gegen die inter-nationale Gewalt gerichtet ist.

Bemerkenswerterweise wird in einer Anmerkung des Verlags ein ähnlicher Schachzug geistreicher Replik aus dem Dreissigjährigen Krieg nicht etwa einer französischen Geschichtsschreibung entnommen, sondern einer Tagebuchnotiz von Ernst Jünger, die dieser 1944 nach dem Rückzug aus dem eben gerade befreiten Paris geschrieben hatte – auch solche prekären Zusammenhänge sind natürlich europäisch.

Weitere Pontcerq-Flugblätter präsentieren unter anderem eine Rede von Elias Canetti zu Hebel sowie kleinere Texte von Hebel selbst.

Stefan Howald


http://www.pontcerq.fr/

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Dora Koster – ein Gedenken

Zum zweiten Todestag von Dora Koster am 29. November 2017 wurde im bücherraum f eine kleine Gedenkveranstaltung durchgeführt. Der Schauspieler Martin Butzke las zwei Dutzend Gedichte und einige Aphorismen von Dora Koster; Stefan Howald präsentierte Manuskripte, Fotografien und Dokumente aus dem Nachlass. Eine Zusammenfassung des Abends lässt sich hier nachlesen:

Koster_Artikel_Gedenken2019

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Der Mörder ist niemals die Gärtnerin

Else Laudan, Herausgeberin der Ariadne-Krimis, im bücherraum f

Die Krimis, die sie gelesen hat, gehen wohl in die Tausende. Und doch verleidet ihr das Genre nie. Am liebsten sind Else Laudan noch immer hard-boiled-Detektivromane in der Tradition von Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Als Verlegerin aber kümmert sie sich vor allem um neue politisch engagierte Krimis von Frauen. Ja, die hält sie sogar für die gegenwärtig avancierteste Literaturform.

Seit über dreissig Jahren betreut Else Laudan die Ariadne-Krimis im Hamburger Argument-Verlag. Im bücherraum f berichtete sie am 7. November begeistert und begeisternd über Geschichte und Gegenwart des Krimis im allgemeinen und von Ariadne im besonderen.

Ariadne war mal ein durchschlagender Erfolg. 1987 lancierte die feministische Marxistin Frigga Haug, Mitverlegerin des «Argument», mit einem an Antonio Gramsci gewonnenen Anspruch eine Krimireihe, um Populärliteratur zu den linken Massen zu bringen, vor allem zu den linken Frauen. Nach den betulichen Ermittlerinnen wie Miss Marple von Agathe Christie hatte P. D. James mit «An Unsuitable Job for a Woman» («Ein reizender Job für eine Frau») 1972 erstmals eine Privatdetektivin vorgelegt, die sich mit Rollenbildern auseinandersetzte. Jetzt wurde das alles expliziter und härter. Die zumeist aus dem Angelsächsischen übersetzten Krimis boten neue Themen, etwa Gewalt gegen Frauen, und neue Figuren. Ariadne-Krimis hatten eine unverkennbare Gestalt, mit einem tiefschwarzen Umschlag und einer gelb-schwarzen Vignette vorne drauf. Marion Fosters «Wenn die grauen Falter fliegen», Barbara Wilsons «Ein Nachmittag mit Gaudi» und Sara Schulmans «Ohne Delores». Sarah Drehers Stoner McTavish und Katherine V. Forrests Kate Delafield. Selbstbewusste Frauen, lesbisch oder straight, Verbrechen nicht mehr als Einzelfälle, sondern als Ausdruck patriarchaler Strukturen. In dieser politisierten, feministischen Spannungsliteratur wurde mit Kopf, Charme und Kanone gekämpft. Das Leseinteresse explodierte. Die Krimis waren bald in allen WGs zu finden. Die Erstauflagen stiegen auf 15000 Exemplare, einzelne Titel erreichten Auflagen bis zu 200000 Exemplare. Im Argument-Verlag erschien eine eigene Zeitschrift, das «Ariadne-Forum», es gab Workshops und Leseclubs, in denen das Lesen und Schreiben feministischer Krimis diskutiert und erprobt wurde.

Wenn der Boom einbricht

Bereits 1988 war Else Laudan beim Programm eingestiegen, und sie ist, rund 300 Titel später, immer noch dabei. Ihre persönliche Entwicklung schilderte sie selbst als eine durchaus eigenwillige. Als Tochter von Frigga Haug und Stieftochter des marxistischen Philosophen Wolfgang Fritz Haug wuchs sie in einem hoch intellektuellen Elternhaus auf. Bücher waren ihr selbstverständlicher Lebensstoff, doch rebellierte sie gegen das akademische Milieu. Sie begann eine Lehre als Maschinenschlosserin, aber kurz vor der Abschlussprüfung wurde ihr das Mobbing im klassischen Männerberuf zu viel. Ein Soziologiestudium erwies sich auch nicht als die wahre Berufung. 1988 stieg sie in den Verlag ihrer Eltern ein. Seither ist sie Herz und Seele von Ariadne, mittlerweile auch Verlagsleiterin des ganzen Argument-Verlags.

    

Der Anfangsboom dauerte ein knappes Jahrzehnt, dann, ab Mitte der neunziger Jahre, brach er zusammen. Einerseits stiegen grosse Verlage in den Markt der «Frauenkrimis» ein, überschwemmten den Markt mit Dutzendware und warben Projekten wie Ariadne erfolgreiche Autorinnen ab. Zugleich zerbröckelte die Struktur der autonomen Frauenbewegung mit Buchhandlungen, Cafés und Kulturzentren. Ariadne und Argument mussten ihr Programm und die begleitenden Aktivitäten Ende der neunziger Jahre massiv zurückfahren.

Neben diesen gewichtigen äusseren gab es laut Laudan aber auch einen quasi internen Grund: Die Qualität der veröffentlichten Texte hatte abgenommen. Das erste Reservoir an hervorragenden feministischen Krimis war ausgeschöpft, also hatte auch Ariadne auf Dutzendware zurückgegriffen. Doch Frausein, so zeigten die Reaktionen der Leserinnen, genügte als alleiniges Kriterium weder für Autorinnen noch für Heldinnen. Die Abstriche bei der Qualität zahlten sich auch kommerziell nicht aus.

Das Publikum im bücherraum f bestätigte die Erfahrung, der Laudan häufiger begegnet: Viele Frauen hatten Ariadne-Krimis in den Anfängen begeistert verschlungen, aber mit dem Abflauen des Booms Mitte der neunziger Jahre das Interesse daran und entsprechend Ariadne aus den Augen verloren; ja, es war für manche im Vorfeld der Veranstaltung durchaus überraschend, dass Ariadne überhaupt weiterhin existiert. Dabei gibt es seit mindestens zehn Jahren eine neue Generation von Ariadne-Autorinnen: Christine Lehmann, Monika Geier, Merle Kröger, Dagmar Scharsich. Nicht zufällig sind es deutsche Autorinnen. Sie knüpfen teilweise an die in der Zwischenzeit inflationär gewordenen Lokalkrimis an und verbinden das mit Welthaltigkeit. Monika Geier mit ihrer allein erziehenden Kriminalkommissarin Bettina Boll aus Ludwigshafen, die ungemein produktive Christine Lehmann mit ihrer bisexuellen rasenden Reporterin Lisa Nerz in Stuttgart, Merle Kröger mit präzis recherchierten Berichten aus den «blühenden Landschaften» der neuen deutschen Bundesländer. Auch die Österreicherin Anne Goldmann zählt dazu mit Milieustudien aus dem oberen und unteren Mittelstand.

Ein neuer Aufschwung

Den neuen Aufschwung von Ariadne setzt Else Laudan freilich mit der französischen Autorin Dominique Manotti (Marie-Noëlle Thibault) an. Die ehemalige Gewerkschaftsfunktionärin schreibt seit 1995 harte Politgeschichten aus Wirtschaft und Hochfinanz; mit den Romanen «Letzte Schicht» (2010) und «Einschlägig bekannt» (2011) machte sie Ariadne im deutschsprachigen Raum bekannt. Laudan verknüpft das gestiegene Interesse an solchen aufklärerischen Krimis durchaus mit der Finanzkrise von 2008, die ein neues Bedürfnis nach Über- und Durchsicht zeitigte.

In dem von Brigitta Klaas Meilier munter vorangetriebenen Gespräch im bücherraum f wies Else Laudan auf eine Lehre aus der einstigen Krise von Ariadne hin: Man darf als Verlegerin nur produzieren, was man selbst schätzt. Kompromisse bringen nichts, Mainstreambücher können die Grossverlage besser machen. Dabei trennte sich Ariadne auch von anderen früheren Vorgaben. Ein paar Jahre lang hatte man sich etwas auf eine Quotenregelung zwischen lesbischen und straighten Krimis zugutegehalten, jeweils mit einer ungeraden oder geraden Nummer gekennzeichnet. Doch das stiess zunehmend auf Schwierigkeiten. Amüsant schilderte Laudan, wie man die Quote notdürftig aufrecht zu erhalten suchte, etwa indem man jenen Romanen von Dominique Manotti, in denen ein schwuler Kriminalkommissar auftaucht, eine ungerade Nummer verlieh. Jetzt ist die Vorgabe angesichts der Dürre an lesbischen Krimis über Bord geworfen worden.

Dabei will Laudan unterschiedliche Geschmäcker gar nicht leugnen. Slasher-Krimis mit Massenmördern oder Ermittlungen in hochherrschaftlichen englischen Landhäusern mögen bestimmte eskapistische Funktionen erfüllen – das soll, mit Gramsci, nicht ignoriert werden. Der Begriff Frauenkrimi allerdings engt mittlerweile wieder in ein konservatives Korsett ein. Für sich selbst und für Ariadne vertritt sie deshalb entschieden das Konzept des von Frauen geschriebenen modernen politischen Krimis. In denen ist das Verbrechen nicht ein blosser Einzelfall, dessen Lösung die Gesellschaft wieder ins Lot rückt, sondern der Normalfall einer korrumpierenden Gesellschaftsform. Dabei bürdet Laudan den politischen Krimis grosse Erwartungen und Ansprüche auf: Diese stellten die gegenwärtig avancierteste Literaturform dar, gesellschaftskritischer als die herkömmliche Belletristik. Man muss diese Einschätzung nicht teilen, aber unbestreitbar sind einige der jüngsten Krimis beeindruckend. Die recherchierte Reportage, die in der Publizistik unter Verdacht geraten ist, gewinnt in der fiktionalisierten Form neue Glaubwürdigkeit. Das Handwerk bleibt nötig, um die Handlung voranzutreiben und die Spannung aufrecht zu erhalten; doch arbeiten diese Romane auch sprachlich auf hohem Niveau, sind ebenso süffig wie differenziert zu lesen.


Laudan ist nicht nur Herausgeberin und Verlagsleiterin, sondern hat in den letzten Jahren auch knapp zwei Dutzend Krimis übersetzt. Dazu plauderte sie ein wenig aus der Werkstatt. Für eine Übersetzung schafft sie sich alle Termine vom Hals, setzt sich wenn möglich auf eine isolierte Insel ab, schuftet dann konzentriert, sechs Wochen, sechzehn Stunden am Tag, wobei ihr KollegInnen ein wenig zuarbeiten.

Natürlich, Argument steht mit dem Aufschwung der politischen Krimis nicht allein. Es gab, nach dem ersten Boom, die Pionierleistung des Unionsverlags, der mit der «metro»-Serie Krimis aus allen Weltgegenden erschloss. In Frankreich bahnte Fred Vargas (Frédérique Audoin-Rouzeau) den Weg, die, ursprünglich Archäologin, ihre alltagspolitischen Fälle mit allerlei skurrilen Figuren unterfüttert. Selbst Suhrkamp hat mittlerweile eine Krimireihe, aus der die ganz eigenwillige Simone Buchholz hervorsticht.

Else Laudan betonte im Übrigen, dass sich die Berichterstattung in den Feuilletons verbessert hat. Krimis gehören nicht mehr in die Schmuddelecke; die wichtigsten KritikerInnen vergeben jedes Jahr die deutschen Krimipreise, auf deren Listen Ariadne-Titel regelmässig figurieren. Nach wie vor allerdings sind diese hochstehenden politischen Krimis ein Minderheitenprogramm. Ariadne-Bücher werden mit einer Erstauflage von 3000 Exemplaren gestartet, Romane von Dominique Manotti, die hartnäckig dem internationalen Wirtschaftsverbrechen auf der Spur bleibt, mögen in mehreren Auflagen auf 10’000 Exemplare ansteigen.

Vernetzungen

Einen kurzen Seitenblick warf Laudan auch auf das wissenschaftliche Programm des Argument-Verlags. Während die Zeitschrift «Das Argument» und das unvergleichliche «Historisch-Kritische Lexikon des Marxismus» durch Abonnements und Subskriptionen einigermassen getragen werden, sind andere linke, akademische Werke nur noch in Kleinstauflagen durch Abnahmegarantien der AutorInnen und durch Kooperationen möglich.

Umso wichtiger ist für einen Kleinverlag die Vernetzung. Laudan hat die Liste unabhängiger Verlage in Hamburg mit begründet; und sie hat auch initiiert, dass sich die deutschen Krimiautorinnen in einem losen Verbund zusammengeschlossen haben, unter dem Namen «Herland», nach einer utopischen Trilogie von Charlotte Perkins Gilman (1860-1935), in der drei Knaben sich in einer reinen Frauengesellschaft integrieren müssen. Herland versammelt laut eigener Website «Frauen, die an unterschiedlichen Orten der kriminalliterarischen Buchproduktion wirken. Wir verstehen uns als politisch, feministisch, gottlos, aufbrechend, gegen rechts, antikapitalistisch, antipatriarchal und erfolgreich.»

Einer der neueren Titel bei Ariadne stammt von Sara Paretsky. Laudan bezeichnet die 1947 geborene US-Amerikanerin nur halbwegs scherzhaft als «unser aller Mutter». Deren toughe Ermittlerin V.I. Warshawski bringt seit 1982 allerlei Bösewichter zur Strecke. Lange Jahre wurde sie auf Deutsch bei Piper veröffentlicht, dann bei Goldmann und Dumont. 2010 brachen die deutschsprachigen Veröffentlichungen ab. Dabei publizierte Paretsky in den USA durchaus weitere Krimis, wie Else Laudan vor zwei Jahren einigermassen überrascht feststellte. Nachdem sie direkt bei Paretsky ein Interesse bekundet hatte, erhielt sie via Agentur und Originalverlag den Zuschlag, ohne dass sie, wie sonst bei Übersetzungen üblich, einen Vorschuss hätte zahlen müssen. «Kritische Masse» (2018) ist historisch weit gespannt. Darin setzt sich V. I. Warshawski auf die Spur einer halb fiktiven österreichischen Atomphysikerin, die vermutlich von den Nazis ermordet wurde, deren Erkenntnisse später von US-Unternehmern angeeignet und kommerziell ausgewertet wurden. Dabei dokumentiert Paretsky ebenfalls die reale Übernahme einstiger Nazi-Wissenschaftler ins US-Atomprogramm. An Spannung fehlt es nicht, auch nicht an einer atemraubenden Auflösung.

Stefan Howald

Else Laudan im bücherraum f mit einem Krimi der Altmeisterin Doris Gercke

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Der Waren- und Machtcharakter der herrschenden Medizin

Bücherräumereien (XV): eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

«Grabe wo Du stehst!» Das war damals, in den 1960er und 1970er Jahren die Devise unseres alten Linkspropheten Theo Pinkus. Damit war gemeint, dass für einen jeden, eine jede von uns, die wir zur eben erwachten antiautoritären Linken gehören wollten, die Gesellschaft allüberall stattfand, im Privatleben, im Beruf und in fast allen Institutionen. Wollte man diesen Imperativ aber nicht nur aufs blosse Agieren beschränken, so war man es sich schuldig, sich auch das diesbezügliche gesellschaftliche Wissen anzueignen und eine passende kritische Theorie zu suchen und zu finden. Man trat einer Basisgruppe Medizin bei oder wurde Mitglied der progressiven Vereinigung unabhängiger Ärzte und Ärztinnen (VUA). Und weil man das Engagement nicht auf standespolitische und syndikalistische Aktivitäten beschränken wollte, suchte man nach theoretischer Reflexion zur gesellschaftlichen Rolle und Funktion der Medizin.

Es gab zwar damals schon die Arbeiten eines Ivan Illich, von Thomas Szasz, von Alexander Mitscherlich sowie von Franco Basaglia, aber die klugen Debatten zum Verhältnis von Theorie und Praxis mussten wir uns in der marxistischen Zeitschrift «Das Argument» beschaffen. Die hatten 1970 in einem Sonderband «Kritik der bürgerlichen Medizin» begonnen, was sich in verschiedenen Bänden mit «Argumenten für eine soziale Medizin» fortsetzte. 1976 erschien dann das erste «Jahrbuch für kritische Medizin». So wurden wir langsam mit dem Waren- und Machtcharakter der herrschenden Medizin vertraut und mit ihrer latenten Zugehörigkeit zum militärisch-industriellen Komplex. Denn es ging ja nicht nur um irgendwelche lokalpolitische Fragen, sondern auch um Probleme der medizinischen Ethik, sowie um moderne Entwicklungen wie etwa die Gentechnologie, die Epidemiologie und die schwierigen Grenzfragen zum Beginn und zum Ende des Lebens. In den laufenden Debatten des Argument-Verlags konnte man sich nicht nur über die Lage in der damaligen Bundesrepublik, sondern international informieren und, wo gewünscht, an den Diskussionen teilnehmen. Dabei durfte man sich allerdings nicht daran stören, dass «kritische Medizin» mit «sozialer Medizin» synonym gesetzt wurde, und tat immer gut daran, den einen Fuss trittfest auf dem Terrain der Praxis zu behalten.

Berthold Rothschild


Im bücherraum f sind folgende Argument-Sonderbände zur Medizin und zum Gesundheitswesen vorhanden:

 «Kritik der bürgerlichen Medizin» (Argument Nummer 60, Sonderband 1970), «Argumente für eine soziale Medizin II – VII» (Argument Nummern 69, 71, 78, 89; 1971-1976), «Soziale Medizin», Sonderbände 5, 7, 9, «Jahrbuch für kritische Medizin» 1 – 8 (1976-1982), 26, 39, 46, sowie drei weitere Sonderbände zum Gesundheitswesen.

Als «Jahrbuch für kritische Medizin und Gesundheitswissenschaft» erscheint das «Jahrbuch» noch heute unregelmässig im Argument-Verlag und ist mittlerweile bei der Nummer 52 (2018) angelangt.

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Dora Koster – ein Gedenken

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«Hoch die internationale …»

Urs Sekinger im bücherraum f

Was denn die drei Pünktchen im Titel zur Veranstaltung zu bedeuten hätten, habe er sich bei der Vorbereitung auf diesen Abend gefragt: ironische Distanz oder gar Absage an die internationale Solidarität? In letzterem Fall müsste er denn doch Widerspruch anmelden, meinte Urs Sekinger bei einem Vortrag im bücherraum f. Denn, ja, internationale Solidarität sei weiterhin nötig, und, ja, sie existiere auch. Beim Solifonds habe er immer wieder eindrückliche Menschen kennen gelernt, die sich unermüdlich und unerschrocken für eine gerechtere Gesellschaft einsetzten.

28 Jahre lang hat Urs Sekinger als Koordinator für den Solifonds gewirkt, und im bücherraum f blickte er Anfang Oktober auf die Geschichte der Schweizer Solidaritätsbewegung zurück. Dabei verortete er diese in Bezug zur Gapo, der globalen ausserparlamentarischen Opposition. Und er wies auch auf grundlegende Spannungen hin: Das unvermeidliche Geld stelle asymmetrische Machtbeziehungen her, vor allem zwischen Nord und Süd, aber auch im Norden selbst, wo unbezahlte und bezahlte Solidaritätsarbeit aufeinander träfen.

Die 1970er Jahre waren theoretisch ebenso wie praktisch gekennzeichnet durch einen Antiimperialismus und die Dependenztheorie. Verschiedenste Strömungen waren in der Drittweltarbeit aktiv, die Bananenfrauen ebenso wie Befreiungstheologen. Ein entscheidendes Ereignis für die Schweizer Solidaritätsbewegung bedeutete das grosse «Symposium der Solidarität» vom Mai 1981 mit 3000 BesucherInnen. Dabei wurde dem vorherrschenden Konzept der «Entwicklungshilfe» eine neue Definition von Entwicklung entgegengesetzt: «Entwicklung heisst Befreiung», und zwar Befreiung aus Unterdrückung, Abhängigkeit und Armut. Auch der «Solidaritätsfonds für den sozialen Befreiungskampf in der Dritten Welt» wurde 1983 in diesem Rahmen gegründet und hat seither als Solifonds Dutzende solcher Kämpfe unterstützt.

In dieser neuen Entwicklungszusammenarbeit wurde immer auch der Kontakt zur migrantischen Bewegung gesucht und die Verantwortung des Finanzplatzes Schweiz thematisiert – Urs Sekinger beschrieb diesen ebenso breiten wie tiefen Ansatz nicht nostalgisch, aber ein bisschen wehmütig, weil beide Aspekte seither eher zu kurz gekommen seien.

Denn in den 1990er Jahren gewann einerseits der neoliberale bzw. neokonservative backlash an gewalttätiger Dominanz, andererseits kamen manche kritische Initiativen in den internationalen Institutionen an. 1992 wurden bei der Uno-Konferenz für Umwelt und Entwicklung erstmals die Zivilgesellschaft und NGOs als GesprächspartnerInnen berücksichtigt. Letzteres führte aber auch zu Spannungen in der Solidaritätsszene, da jene Organisationen, die sich durch Lobbying und Mitarbeit an runden Tischen mehr Einfluss erhofften, direkte Aktionen zuweilen als kontraproduktiv ablehnten. Schmerzhaft deutlich wurde die Spaltung 1992 anlässlich der Abstimmung, ob die Schweiz dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank beitreten solle: Sollte man sich im Innern des Molochs um Reformen bemühen oder von aussen an der Fundamentalkritik festhalten? Gleiches galt in Bezug auf das WEF in Davos: Einerseits wurde gegen dessen Abhaltung demonstriert, andererseits wurden Gegenveranstaltungen organisiert, die schliesslich in den offiziellen Rahmen eingefügt wurden.

Neue Politformen aus dem Süden

Parallel dazu erhielt die internationale Bewegung ungeahnte Anstösse durch den Aufstand der Zapatistas, die zugleich eine neue Form widerständiger Politik vorführten, oder durch die Gründung von Via Campesina der KleinbäuerInnen, Landlosen und Indigenen mit Mitgliedern aus über achtzig Ländern. Ein People`s Global Network entstand. Die Uno-Frauenkonferenz von 1995 war ein Verbindungsstück: in offiziellem Rahmen abgehalten, aber weitgehend selbst gestaltet. Umgekehrt erreichte die Konfrontationsstrategie ihren Höhepunkt 1999 bei den Demonstrationen gegen das WTO-Treffen in Seattle und 2001 in Genua, wo ein Demonstrant von einem jungen italienischen Polizisten erschossen wurde. Dem standen seit 2001 die basisdemokratischen und selbstverantwortlichen Weltsozialforen gegenüber. Kurz zuvor war Attac gegründet worden, womit aufs Neue grundsätzliche Fragen nach einem gerechteren Weltwirtschaftssystem aufgeworfen wurden: Eine andere Globalisierung ist möglich. Margaret Thatchers Slogan TINA («There is no alternative») wurde TATA entgegengestellt: «There are thousands of alternatives».

Die Debatte um ein neues Weltwirtschaftssystem hat für Sekinger nach der Weltfinanzkrise von 2008 neue Bedeutung gewonnen; sie ist eingebettet in und direkt verbunden mit dem Kampf um Menschenrechte und um öffentliche Güter.

Dabei stossen viele Sozialbewegungen heute auf eine zunehmende Kriminalisierung, sei es durch Repression in den Ländern des Südens, sei es etwa mit dem Einfrieren von Unterstützungsgeldern unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung im Norden, wobei sich für einmal die Schweizer Banken mit vorauseilendem Gehorsam hervortun. Umso wichtiger seien gezielte Unterstützungen; und er erfahre immer wieder aufs Neue, wie die Menschen im Süden durch Solidaritätsbekundungen aus dem Norden ermutigt würden.

Jetzt hat sich mit der Klimabewegung ein neuer Wind erhoben. Sie ist zu Recht wachstumskritisch. Aber, fragte Sekinger zum Abschluss, kann sie auch die sozialen Fragen im Süden aufgreifen? Die Jungen dächten verdienstvollerweise global, aber sie müssten sowohl sozial wie global denken.

Wider die bipolare Weltsicht

Hier setzte die lebhafte Diskussion ein. TeilnehmerInnen an den bisherigen Klimademos wiesen darauf hin, dass die Bewegung bislang schon ganz erstaunliche Verbindungen zwischen einer älteren und einer neueren Generation herzustellen vermochte; vermehrt würden VertreterInnen aus dem durch die Klimakatastrophe bedrohten Süden eingeladen, was konkrete Solidaritätserfahrungen ermögliche, und entsprechend würden auch soziale Forderungen neu gestellt – denen in den Leitmedien sofort mit abwiegelnden, eingrenzenden Ratschlägen geantwortet wird.

Einigen konnte, oder musste, man sich darauf, dass der Bewegung eine mittlere Generation verloren gegangen ist, jene 35- bis 50-Jährigen, die im Neoliberalismus aufgewachsen sind. Auch bestimmte humanitäre und kirchliche Institutionen haben sich entpolitisiert. Diese Generation ist zwar für kurzfristige, punktuelle Solidarität zu mobilisieren, aber nicht mehr für langfristige Verpflichtungen.

Nach aktuellen Aktionen befragt, äusserte Sekinger einen gelinden Vorbehalt gegen die Konzernverantwortungsinitiave. Natürlich sei diese wichtig, die Diskussion darüber und ihre womögliche Annahme wären ein Fortschritt. Aber sie drohe auch, anderweitig benötigte Ressourcen abzuziehen, denn eventuelle Gerichtsverfahren seien notorisch lang und kostspielig, wie Erfahrungen der südafrikanischen Apartheidopfer und ihre Entschädigungsklagen in den USA gezeigt hätten.

Unzweifelhaft sind frühere Gewissheiten unsicher geworden, ja zerbrochen. Zum Glück, wurde aus dem Publikum bekräftigt. Tatsächlich haben die grossen übergreifenden Erzählungen zur Weltgeschichte, eine bipolare Weltsicht zu verheerenden Entwicklungen und Enttäuschungen geführt. Was umso dringender die Frage aufwirft: Wie lässt sich eine neue gefühlsmässige Empathie, ein nachhaltiges Engagement herstellen?

Für Urs Sekinger basiert eine kritische Entwicklungszusammenarbeit weiterhin auf Selbstbestimmung, auf gegenseitiger Anerkennung und Respekt. Doch wer darf im konkreten Fall bestimmen, was Widerstand heisst, wurde gefragt? Soll eine indigene Gemeinschaft unterstützt werden, die unökologisch den Urwald abbrennt? Nach Sekinger müssen solche Fragen vorgängig geklärt werden, wenn eine Kooperation entschieden wird – dabei behalte sich der Solifonds aufgrund seiner Position durchaus kritische Stellungnahmen vor.

Tatsächlich leuchtet die Hoffnung weiter voran. Neben Klimabewegung und Frauenstreik gewinnt Sekinger auch Zuversicht aus dem Arabischen Frühling. Natürlich, der ist in einzelnen Ländern zurückgegangen, hat in Repression und Bürgerkrieg geendet. In andern Ländern aber ist das kritische, selbstbewusste Denken immer noch, oder wieder, da, in Marokko, Algerien, selbst in Ägypten, oder dann auch in Brasilien und in Kolumbien.

Es ist die alte Ermessensfrage: Ist ein Glas halb voll oder halb leer? Sekinger tendiert zu Ersterem. Neben seiner Tätigkeit beim Solifonds hat er sich auch sonst vielfältig engagiert, über dreissig Jahre lang, von Nummer 12/86 bis 72/18, als Redaktor beim «Widerspruch», als Präsident der Sektion NGOs beim VPOD, als Stiftungsrat bei verschiedenen Initiativen. Auch nach dem Rücktritt beim Solifonds wird er solches Engagement weiterführen, mutig und ermutigend.

sh


Buchhinweis aus dem bücherraum f:

Dieses kostbare Gut der Solidarität. 25 Jahre Solifonds. Herausgegeben von Stefan Howald. Edition 8, Zürich 2008.

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Der Mörder ist niemals die Gärtnerin

Sind Krimis die erfolgversprechendsten Recherchemittel gegen die Übel unserer Gesellschaft? Antworten darauf im Vortrag von Else Laudan am kommenden Donnerstag um 19 Uhr im bücherraum f. Seit 1988 betreut Else Laudan die Ariadne-Krimis im Argument-Verlag. In diesen dreissig Jahren hat sie Hunderte von Kriminalromanen begutachtet und lektoriert; dazu rund zwanzig Bücher selbst übersetzt. Bei Ariadne sind mittlerweile etwa 230 Titel erschienen. In den letzten Jahren ist die Reihe immer wieder mit deutschen Krimipreisen ausgezeichnet worden. Im bücherraum f wird Else Laudan über Entwicklung und Stand des feministischen und politischen Krimis Auskunft geben, mit vielen Beispielen.

bücherraum f, Jungstrasse 9, 8050 Zürich (beim Bahnhof Oerlikon). Donnerstag, 7. November, 19 Uhr.

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