Trotzki und der Kartoffelsack: Eine Geschichte der Manipulation

Vom Handgriff bis zum psychologischen Kniff: Manipulation hat eine reiche Geschichte. Dem Überlisten und Übertölpeln muss die aufklärerische Kritik antworten. Wenn die Manipulationskritik abstrakt bleibt, droht sie aber, in den Glauben an die Allmacht der Manipulation umzukippen.

Von Stefan Howald

Manipulation Marionette© Pixabay

Bei den alten Römern war Politik scheinbar einfach: Panem et circenses, Brot und Spiele. Der Plebs wurden ein paar Krumen hingeworfen und öffentlich ein paar Christen abgeschlachtet, und schon unterstützte sie, was der Kaiser wollte.

Mit der Moderne wurde es komplizierter. Es entstanden Zeitungen. Parteien. Politische Versammlungen. Öffentlichkeit. Mehr Bildung. Aufgeklärte BürgerInnen. Da brauchte es raffiniertere Mittel, die Menschen zu ihrem Glück zu überzeugen. Mittlerweile werden komplexe Algorithmen eingesetzt, um sie zum richtigen Verhalten zu verleiten. Keine unserer Regungen bleibt mehr verborgen, und aus vergangenen Handlungen werden künftige extrapoliert.

Beide gängigen Auffassungen simplifizieren. Schon die römische Plebs war nicht immer so leicht zu übertölpeln. Umgekehrt ist die Moderne nicht so ausgeklügelt, wie sie selbst behauptet. Beide Auffassungen haben zudem gemein, dass sie die Menschen als formbares Wachs in den Händen höherer Mächte verstehen.

Hand- und Kunstgriffe

«Die Welt will betrogen sein», vermeinten schon die Römer zu wissen. Oder moderner: Sie wird manipuliert. Dabei begann dieser Begriff ganz unschuldig. In Denis Diderots «Enzyklopädie», die das Wissen der Aufklärung versammelte, wird die «manipulation» als handwerklich-technischer Hand- und Kunstgriff eingeführt, und so kommt sie auch als Lehnwort ins Deutsche. Friedrich Engels bezeichnet damit die repetitiven Tätigkeiten in den Fabriken Manchesters. Erst im 20. Jahrhundert wird Manipulation auch für den Vorgang verwendet, Menschen zu beeinflussen.

Selbstverständlich, schon in der Aufklärung rückte die Beeinflussung anderer kritisch ins Blickfeld. Es werde Licht!, lautete die Losung gegen dunkle Absichten und finstere Hintermänner. Das richtete sich zunächst gegen die Religion. Die Pfaffen und Priester träufelten den Menschen mit allerlei fantastischen Erfindungen Honig in die schwärenden Wunden. In der Priestertrugstheorie, wie sie die frühen atheistischen Materialisten vertraten, gab es einen klaren Schurken. Écrasez l’infâme! – Rottet den Aberglauben aus! Das wurde in der marxschen Ideologiekritik verallgemeinert: Nicht nur Priester, sondern auch Lehrer, Beamte, Richter arbeiteten den Herrschenden zu.

Tatsächlich ist die bürgerliche Gesellschaft stärker auf massenhafte Zustimmung angewiesen. Das spektakuläre Kolosseum der römischen Stadtrepublik oder das zeremonielle Versailles des Absolutismus mochten die UntertanInnen beeindruckt und willfährig gehalten haben, aber in den industrialisierten Grossstädten nisteten Diversität und Unruhe. Die Massendemokratie muss mehr und unterschiedlichere Leute ruhig halten.

Die Medien vervielfachten die Möglichkeiten, die Emotionen der Menschen zu beeinflussen. Dabei konnte die Manipulation, wie in der ursprünglichen Bedeutung, ganz handfest sein: wenn etwa ein Bild retuschiert wurde. Schon im US-Bürgerkrieg wurden Fotos gestellt, um Sympathien für die eine Seite zu wecken. Die platte Fälschung, die freche Lüge traten zusehends selbstbewusster auf. Stalin liess auf Fotografien von Lenin den daneben stehenden Trotzki wegretuschieren; US-Aussenminister Colin Powell läutete vor der Uno mit gefälschten Angaben den Irakkrieg ein. Dagegen braucht es die kritische Aufdeckung und Entlarvung.

Tiefenpsychologie

Doch die Manipulation kann auch mit feineren Methoden arbeiten. Entwickelt wurden diese Anfang des 20. Jahrhunderts besonders in den USA. Edward L. Bernays, ein Neffe Sigmund Freuds, stützte sich auf massenpsychologische Erkenntnisse und begründete die Public Relations mit. «Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft», schrieb er und verstand dies positiv als Erziehung der Öffentlichkeit. Bernays hatte im Ersten Weltkrieg Propaganda für die US-Armee und den Kriegseintritt der USA gegen Deutschland gemacht, ehe er sich der Privatwirtschaft zuwandte. Nicht mehr den Krieg galt es zu verkaufen, sondern die Waren der Konsumgesellschaft. PR wurde zur Pseudowissenschaft.

Für die Schweiz ist immer noch der berühmte Satz des Werbers Rudolf Farner stilbildend: «Für eine Million Franken mache ich aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat.» Diesen Spruch soll Farner um 1960 geäussert haben, nachdem seine Agentur erstmals amerikanische PR-Methoden in der Schweiz etabliert hatte. Ob er ihn wirklich je gesagt hat, wollte er lange weder bestätigen noch dementieren, denn die Aussage gehörte bald zu seinem Image, und sie umschrieb nicht nur die Bedeutung des Geldes, sondern vor allem die Macht, die man den neuen PR-Methoden zutraute. 1957 hatte der US-amerikanische Publizist Vance Packard das Buch «The Hidden Persuaders» veröffentlicht, das ein Jahr später unter dem Titel «Die geheimen Verführer. Der Griff nach dem Unbewussten in jedermann» auf Deutsch erschien und zum Sensationserfolg wurde. Packard schilderte in schrillsten Tönen die neuen Methoden der sogenannten Tiefenpsychologie und der PR. Farben, die zum Kauf anregen sollten, die raffinierte Platzierung von billigeren und teureren Waren, das Auslösen von Spontankäufen. Noch faszinierender: technoide Verfahren. Unterschwellige Werbung, kurze Sequenzen, nur Millisekunden lang, in einen Film geschnitten, sollten sich ins Unbewusste einbrennen und Massenkäufe auslösen (die Studie, auf die er sich dabei bezog, erwies sich später als gefälscht). Mit konservativem Vorbehalt evozierte er ein Bild, das von der kommunistischen Gehirnwäsche als politischem Schreckgespenst zehrte, aber zugleich ein ungeahntes Feld kommerzieller Verlockungen eröffnete.

Darauf antwortete die Manipulationskritik. Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, durch die Erfahrungen der US-Konsumgesellschaft hindurchgegangen, betrachtete die Vereinnahmung der Menschen als allumfassend und unumkehrbar. Bernays hatte 1947 einen Essay mit dem Titel «The Engineering of Consent» veröffentlicht, über die Herstellung von Zustimmung. Vierzig Jahre später setzte dem der kritische Linguist und Aktivist Noam Chomsky zusammen mit Edward S. Herman im Buch «Manufacturing Consent» eine scharfe Kritik der Manipulation entgegen.

Drahtzieher

Die Krux des Manipulationsbegriffs aber besteht darin, dass die Manipulation schillernder vorgestellt wird als der Betrug und die Lüge, weniger greifbar und zugleich tiefgreifender. Sie droht dann in die Denunziation geheimer Mächte umzuschlagen. Wenn man sich den Algorithmen von Google ausliefert und nach Bildern zum Begriff sucht, erscheint zu fünfzig Prozent ein Marionettenspieler, an dessen Fäden die Manipulierten tanzen. Der Drahtzieher ist ein berüchtigter Topos der politischen Justiz. Die unbotmässige Masse kann nur als blinde Herde imaginiert werden, die durch Ausschaltung des Rädelsführers ihres zerstörerischen Willens beraubt werden muss. Aber auch die Kritik an der Manipulation kann in den allumfassenden Glauben an diese umschlagen. Das ist in beide Richtungen defizitär: Die Manipulierten werden als verführbar und dumm gedacht, die ManipulatorInnen als allmächtig.

Natürlich: Fake News, Social-Media-Blasen existieren und haben Effekte. Wie genau sie wirken und vor allem, wie ihnen begegnet werden kann: Zur Beantwortung dieser Fragen braucht es ein komplexeres Modell kognitiver und sozialpsychologischer Prozesse.

Denn so schmerzend es dem aufgeklärten linken Bewusstsein erscheinen mag: Selbst die Bedienung eines Facebook-Accounts ist nicht blosser Befehlsempfang, sondern eine aktive Tätigkeit. Man wählt aus, man produziert. Dass diejenigen, die der Manipulation ausgesetzt sind, selbst aktiv mitwirken, geht bei deren Überschätzung verloren – und damit auch ein Ansatzpunkt des Widerstands gegen die Manipulation.

 

Dieser Text ist erstmals in der «WOZ – Die Wochenzeitung» Nr. 16/18 vom 19.4.2018, S. 11, erschienen, siehe https://www.woz.ch/1816. Danach auch publiziert auf «infosperber», siehe https://www.infosperber.ch/Artikel/Gesellschaft/Trotzki-und-KartoffelsackltbrgtEine-Geschichte-der-Manipulation.

 

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Die morsche Stadltür

Linksbüchneriade 29

Der Untergang der Buchkultur ist wieder einmal vertagt worden. Zwar hat der Umsatz des Schweizer Buchhandels letztes Jahr erneut leicht abgenommen, aber das hat viel mit Devisenschwankungen zu tun. Umgekehrt spriessen neue Buchhandlungen und Orte des Lesens und Debattierens, vom «Buchsalon Kosmos» bis zur Bibliothek der Jesuiten in Zürich. Zugleich häufen sich die Berichte darüber; da Lesen und Vorlesen wieder hip scheinen.

Noch beinahe ganz neu ist «Material», der «Raum für Buchkultur» an der Klingenstrasse in Zürich. Da wurde kürzlich eine Doppellesung durchgeführt, mit Friederike Kretzen und Michael Fehr, in anheimelnder Atmosphäre, knapp zwanzig Leute, interessiert und interessant. Die Buchhandlung in zwei Räumen einer ehemaligen Parterrewohnung führt ein Angebot an der Schnittstelle zwischen Literatur und bildender Kunst, das meiner eher konventionellen Bildung so avantgardistisch erschien, dass ich kaum einen der ausgelegten AutorInnen auch nur vom Namen her kannte. Umso erfreuter stürzte ich mich auf einen Band von Harun Farocki zu Peter Weiss, und zudem stach mir beim müssigen Blättern ein Band von Hank Schmidt in der Beek in die Nase, der so einfach gestrickt ist, dass er zweifellos als avantgardistisch gelten darf. Seine 2016 in Berlin erschienene «Enzyklopädie der grossen Geister» druckt circa 160 Titelblätter aus den unvergänglichen «rororo bildmonographien» ab und gesellt ihnen auf der gegenüberliegenden Seite jeweils einen Vierzeiler hinzu, in denen der Autor darüber berichtet, wie er die bekannten Persönlichkeiten vor seiner Stadltür angetroffen hat, wie er mit ihnen etwas getrunken oder gespeist und vor allem mit ihnen ein wenig musiziert hat. Der Band beginnt mit Franz Kafka und endet nach vielerlei musikalischen und kulinarischen Vignetten mit Georg Büchner: «Hinter meiner Stadltür / Steht der Büchner Schorsch / Das Bier is schal, die Bassgeig’n stad / Und d’Stadltür ist morsch». Womit lapidar und genau erfasst ist, was Schorsch von den schalen Vergnügungen der abgelebten Gesellschaft und deren morschem Zustand gehalten hat.

Stefan Howald

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Links und bündig

Soeben erschienen: die Geschichte der WOZ

Stefan Howald: «Links und bündig» – eine Geschichte der  WOZ. Auch ein Beitrag zur Mediengeschichte der Schweiz

Ab wann verdient eine Zeitung eine Biografie? Die Wochenzeitung WOZ ist jetzt 36 Jahre alt und stärker denn je – angesichts der Agonie der schweizerischen Presselandschaft ein Paradox. Genau der richtige Zeitpunkt, die Geschichte der WOZ zu schreiben.

Stefan Howald hat sich dafür durch Tausende von Zeitungsseiten hindurch gelesen und mit zahlreichen Beteiligten gesprochen. Er beschreibt viele Höhe- und einige Tiefpunkte, ebenso wie die Mühen des Alltags. Warum Computer einst als des Teufels galten. Wer den Kulturboykott organisierte. Was man gegen die SVP tun kann (und was nicht). Wie eine Geheim-WOZ den Schweizer Geheimdienstchef enttarnte.

Ach ja, fast pleite gegangen ist die Zeitung auch, zwei- oder dreimal. Jedes Mal aufgefangen von der Solidarität der Leserinnen und Leser. Die Bedeutung der WOZ geht weit über ihre beschränkte Auflage hinaus. Das Buch, das im Zürcher Rotpunktverlag erscheint, schildert eine alternative Erfolgsgeschichte.

360 Seiten, gebunden. 39 Franken.
ISBN 978-3-85869-755-4
Mit zahlreichen Fotos und Dokumenten

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Demnächst in Zürich Oerlikon

bücherraum f

2018-02-28 18.13.21

Politische, philosophische, feministische Bücher

Diskussionen und Vorträge

Ausstellungen und Führungen

 

mehr Informationen unter contact@stefanhowald.ch

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Rettende Filme

Warnung: «The Post» kann zu einer Depression führen. Der hoch gehandelte Film über die «Pentagon Papers» beschwört eine heroische Zeit unerschrockener Zeitungsleute auf der Suche nach der Wahrheit, die führenden Politikern durchaus unangenehm werden und gar zu ihrem Sturz führen kann. Da muss man unweigerlich daran denken, dass es für die heutigen Führer der US-Nation so etwas wie Wahrheit als Konzept schon gar nicht mehr gibt.

Aber war es Anfang der siebziger Jahre tatsächlich so viel besser als heute? Die Zeitungen waren damals behäbig und pompös, auf institutionelle Politik konzentriert; die seltenen sensationellen Enthüllungen wurden in kaum leserlichem Administrationsenglisch verpackt und mussten auf Seite 7 ausgegraben werden. Auch machte schon Richard Nixon lange vor Donald Trump das, was dieser jetzt zelebriert, nämlich Privatkriege gegen kritische Zeitungen anzuzetteln und sie von Pressekonferenzen auszuschliessen. Indem «The Post» die Veröffentlichung der «Pentagon Papers» als Drama innerhalb der «Washington Post» inszeniert, rücken die Medien allzu stark in den Vordergrund; Proteste auf der Strasse gegen den Vietnamkrieg tauchen nur als bunte Hintergrundskulisse auf.

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Beinahe interessanter als die medienpolitische Verklärung ist die Geschlechterfrage. Meryl Streep spielt die Verlegerin, die nur durch den Tod ihres Mannes in diese Funktion und Rolle geraten ist und von den Männern um sie herum nicht ganz ernst genommen wird, mit aller durchaus schmerzhaften Zögerlichkeit. Bis der Entscheid, gegen die Interessen der guten Kreise, in denen sie sich bislang bewegt hat, die Geheimpapiere zu veröffentlichen und sich damit des Geheimnisverrats schuldig zu machen, geradezu aus ihr herausbricht – dass sie danach entschieden und selbstbewusst auftritt, wird als lange vorbereitete Katharsis sogar plausibel. Zum Schluss geht sie bescheiden durch eine Phalanx bewundernd zu ihr aufblickender junger Frauen, was denn doch ein wenig anachronistisch wirkt.

Die Selbstbeweihräucherung der US-Zeitungen ist übrigens schon in Billy Wilders «Frontpage» (1974) zerlegt worden. «The Post» mag zudem falsche Hoffnungen wecken. Dass Tricky Dicky zwar nicht gerade an den «Pentagon Papers», aber immerhin am daraus sich entwickelnden Watergate-Skandal scheiterte, kann uns vorgaukeln, Gleiches könnte auch mit Trump geschehen.

Wenn wir denn schon Helden brauchen, dann wäre Daniel Ellsberg unser Mann. Mit ihm, dem brillanten Politanalytiker mit Gewissen, der die geheimen Regierungsunterlagen mitlaufen und den Zeitungen zukommen lässt, beginnt der Film, lässt ihn dann allerdings ziemlich schnöde auf einem Abstellgeleise verschwinden. Ellsberg lebt ja noch, mittlerweile sechsundachtzig Jahre alt. Über die Vorgänge um die «Pentagon Papers» hat er schon 2002 autobiografisch berichtet. Dabei war der Vietnamkrieg als Anlass für seinen zivilen Ungehorsam eigentlich sekundär. Umgetrieben hat ihn vor allem die atomare Gefahr, wie er in einem soeben erschienenen zweiten Memoirenband «The Doomsday Machine. Confessions of a Nuclear War Planer» beschreibt.[1] Tatsächlich war er als Systemanalytiker in die militärische Planung während des Kalten Kriegs einbezogen. Bei seinen Schilderungen packt einen das kalte Grausen. Da wurde von militärischer, aber auch von politischer Seite ganz selbstverständlich mit Millionen von Toten gehandelt. Generäle wollten die Sowjetunion flächendeckend zerstören, und China auch gleich mit, damit sich die USA ein paar Jahre später nicht wieder mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sähen.

Mittlerweile redet Trump ganz offen davon, Nordkorea plattzumachen. Natürlich, es besteht immer die Möglichkeit, dass er nächstens in Pjöngjang einen Golfplatz samt Luxushotel eröffnet, aber darauf kann man ja leider nicht zählen. Im Übrigen sind die Pläne für einen Nukleareinsatz längst ohne Trump gemacht und wären auch ohne ihn umsetzbar. Die «New York Review of Books» hat in den letzten Monaten etliche besorgte Artikel der Frage gewidmet, inwiefern die Besetzung wichtiger Stellen in der Trump-Administration durch hohe Militärs einen realpolitischen Schutzschild gegen dessen Unberechenbarkeit darstellt oder mittelfristig strukturell den Primat der Politik aushöhlt.

Wie also gegen diesen Unverstand ankämpfen? «Three Billboards outside Ebbing, Missouri» liefert dafür nicht unbedingt eine Antwort. Der Film wird gerade als Meisterwerk gefeiert, mehr oder weniger implizit auch als Ode an den Widerstand gegen Trump-befeuerten Rassismus und Sexismus. Tatsächlich ist er höchst unterhaltsam, und Frances McDormand verdient für ihre Hauptrolle jeden Preis, den sie kriegen kann. Wie sie im schwarzen Hoodie ein paar Mollies gegen die Polizeistation wirft, ist hohe Kunst, in mehrfacher Hinsicht. Allerdings hat Daniela Janser in der WOZ zu Recht darauf hingewiesen, dass darin denn doch ein eher bedenkliches Gesellschaftsbild steckt.[2] Man kann die Geschichte der Mutter, die die schlampige Arbeit der Polizei bei der Aufklärung der Ermordung ihrer Tochter anprangert, als Emanzipationsgeschichte lesen, aber sind wir tatsächlich so weit ins Abseits geraten, dass wir dabei die Selbstjustiz als letzten Ausweg feiern müssen?

https://static01.nyt.com/images/2017/11/10/arts/10threebillboards1/10threebillboards-web-master768.jpgDer unbestreitbare Unterhaltungswert des Films entspringt daraus, dass er eine Kunstwelt mit eigenen Gesetzen aufbaut. Doch auch Kunstwelten weisen strukturelle Bezugspunkte zur Realität auf, bei «Three Billboards» von der Filmkritik zusätzlich befeuert. Der Film handelt ja in Trump-Land – in Missouri gewann Donald T. mit 56,8 Prozent gegenüber Clintons 38,1 Prozent, bei einem Swing verglichen mit 2012 von 9 Prozent. Dabei sind die meisten Figuren  lustvoll gezeichnete Klischee – dimwits, white trash. In manchen Filmkritiken lese ich, die Personen seien ambivalent, vielschichtig usw. Aber wo steckt die Ambivalenz, wenn ein gewalttätiger, rassistischer, sexistischer Polizist durch den väterlich ermahnenden Brief seines toten Vorgesetzten urplötzlich auf die rechtschaffene Bahn gesetzt wird? Und wo steckt die Ambivalenz, wenn durch das Auftauchen eines schwarzen Polizeichefs plötzlich die Rassenfrage gelöst ist? Im besten Fall sind das naive liberale Wunscherfüllungsfantasien. Für den weltanschaulichen Kampf in Trump-Land lernen lässt sich daraus nichts.

Stefan Howald


[1] Siehe «New York Review of Books» Nr. 1/LXV vom 18.1.2018, S. 13 – 15.

[2] Siehe WOZ Nr. 4 vom 25.1.2018, S. 23.

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Raum für Bücher

Der neue «bücherraum f» in Oerlikon

Welch ein schöner Titel: «Lebendiges Buch!» So hiess eine Tagung, an der ich kürzlich  teilgenommen habe, und nach einem Samstag mit vielfältigen Vorträgen und Gesprächen hatte sich bestätigt: Wie toll Bücher doch sind!

Es kann nie genug Bücher geben, und doch gibt es so viele davon. Unsere Bücherräume, mitsamt jenen der Organisationen, die wir aufgebaut haben, platzen aus allen Nähten. Wer könnte allerdings mit gutem Gewissen Bücher entsorgen, gar fortwerfen?

Deshalb wird mit dem «bücherraum f» eine neue Bibliothek in Zürich entstehen. Sie soll Geschichte aufbewahren und aktualisieren. Der «bücherraum f» setzt sich aus zwei Hauptbeständen zusammen. Da ist die Sammlung, die sich um die Zeitschrift «Widerspruch» herum gebildet hat: In 36 Jahren sind manche Bände zu Politik, Philosophie, Sozialwissenschaften und Psychologie ebenso wie zahlreiche Zeitschriften und Dossiers zu  einzelnen Themenheften zusammengekommen. Und da ist die Frauenlesbenbibliothek «schema f», mit einem weiten Spektrum an Literatur und Theorie, die im Zürcher Frauenzentrum untergebracht war und 2008 dort ausziehen musste. Seither schlummert sie in einem Lagerraum und kann nicht öffentlich benutzt werden, so wenig wie die «Widerspruch»-Bibliothek.

Im «bücherraum f» sollen beide Sammlungen zugänglich werden. Ergänzt durch ausgewählte Stücke aus Privatbibliotheken.

Bücher aufstellen aber reicht nicht. Ein Buch lebt erst im Lesen und im Austausch darüber, es muss Leserinnen und Leser finden. Deshalb ist der «bücherraum f» als ein kleiner Kulturtreffpunkt für verschiedenste Aktivitäten gedacht.

Inmitten der etwa 18’000 Bücher und Zeitschriften soll ein Ort für Recherchen und Lektüren sowie Reflexionen und Diskussionen entstehen. Konkret werden im «bücherraum f» Arbeitsmöglichkeiten geschaffen, es wird Platz für Sitzungen und Lesezirkel zur Verfügung stehen, und es werden Kultur- und Politveranstaltungen in kleinerem Rahmen stattfinden.

Gibt es solche Orte nicht schon? Das Sozialarchiv in Zürich enthält ziemlich viele Bücher aus dem links-alternativ-feministischen Spektrum, und die Bestände von Theo Pinkus in der Zentralbibliothek tun das erst recht. Aber der «bücherraum f» kann eine eigenständige Identität anbieten. In den Beständen von «schema f» finden sich Lesben- und Frauenkrimis oder Berg- und Wanderbücher. Es gibt Bücher aus Eigenverlagen, Broschüren von Lesbengruppen, feministischen Organisationen und Gewerkschaften zu Frauenthemen, universitäre Abschlussarbeiten. Beim «Widerspruch» lassen sich die vielfältigen Strömungen der Kritischen Theorie verfolgen. Oder da stehen Werke von Heidegger neben denen seiner Kritiker, und so lässt sich vielleicht erschliessen, warum so etwas wie ein Linksheideggerianismus entstanden ist (und warum der falsch liegt). Dazu gibt es Dossiers zu relevanten Debatten, zu diversen Protagonisten und zu «Widerspruch»-Themenschwerpunkten. Beim taktilen Stöbern in den Beständen entstehen womöglich neue Zusammenhänge. Hier also ist Simone de Beauvoir platziert, und da drüben, oder daneben, oder dagegen, steht Jean-Paul Sartre.

Gibt es nicht auch schon vielfältige Kulturangebote? Ja. Doch mit kommerziellen Veranstaltungen will der «bücherraum f» nicht konkurrenzieren. Wir möchten ein wenig intimere, vielleicht intensivere Veranstaltungen und Diskussionen anbieten. Aus vielfältigen Interessen heraus Neuerscheinungen vorstellen, Entdeckungen aus den Beständen der Bibliothek präsentieren. Arbeitszusammenhänge dokumentieren. Von Mary Burns bis Georg Büchner, vom Populismus bis Nina Power, von Münchhausen bis Ella Maillart.

Geplant ist der «bücherraum f» an einem nicht ganz gewohnten Ort, in Oerlikon, an der Grenze zwischen dem alten Teil gegen Schwamendingen zu und dem neuen Stadtteil um den Max-Bill-Platz herum.

Oerlikon? Da scheint für StadtzürcherInnen eine psychologische Barriere zu bestehen. Was Herausforderung und Chance ist. Dezentralisierung, lokales Engagement: Das sind gute linke Stichworte. Zudem ist Oerlikon im Kommen. Institute der Universität und andere Bildungsinstitutionen bringen ein jüngeres Publikum, und die Wohnblöcke um den Max-Bill-Platz können etwas kulturelle Aufpeppung vertragen. So werden Veranstaltungen auf die Lokalität Bezug nehmen. Schliesslich sind manche jener Frauen, nach denen im neuen Oerlikon eine Strasse oder ein Platz benannt worden ist, mit Werken im «bücherraum f» vertreten.

Der «bücherraum f» wird von einem Verein getragen. An der Umsetzung sind zurzeit beteiligt: Monika Zemp, Clara Zellweger, Monika Saxer, Jonathan Pärli, Stefan Howald, Pierre Franzen, Dolores Zoé Bertschinger. Gespräche mit zusätzlichen TrägerInnen sind im Gang.

Wir können weitere Unterstützung gut gebrauchen. Einfache Vereinsmitglieder zahlen 60 Franken pro Jahr, Fördermitglieder 240 Franken. Nützen würde es uns auch, wenn unser Projekt im weiteren Umfeld bekannt gemacht würde. Und wir sind interessiert an Menschen, die Ideen für Veranstaltungen haben und diese umsetzen möchten. Zusätzliche Informationen finden sich auf unserer Website.

Stefan Howald

www.buecherraumf.wordpress.com / buecherraumf@gmail.com


Dieser Text erschien auch im Info der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung, siehe http://studienbibliothek.ch/

 

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Furios und masslos

Dora Koster (1939 – 2017)

Knapp zwanzig Bücher hat sie veröffentlicht, Autobiografisches, Krimis, Gedichtbände. Die evozieren ganz eigenständige poetische Bilder ebenso wie böse satirische Vignetten.

Dora Koster sprengte Grenzen, des Masses, der Wohlanständigkeit.

Sie war unübersehbar und unüberhörbar im Zürcher Niederdorf. Zuerst an der Froschaugasse, dann am Rindermarkt und am Predigerplatz hat sie das kulturelle Klima dieser Stadt befördert, war mit dem Theater am Neumarkt verbunden. Und hat zugleich in diesem Biotop als informelle Sozialarbeiterin gewirkt.

Um zu erklären, wer Dora Koster war, muss man erwähnen, dass sie sechzehn Jahre lang als Prostituierte gearbeitet hat, und es war ihr ein böser Stachel, wenn dies immer wieder erwähnt wurde. Aber die Vorgeschichte steht am Beginn ihrer literarischen Karriere: Der autobiografische Bericht «Nichts geht mehr» wurde im Zeichen «authentischer» randständiger Literatur 1980 ein Grosserfolg und ermutigte sie weiterzuschreiben.

Seither hat sie pausenlos geschrieben. Sie arbeitete nicht mehr im Milieu, blieb ihm aber im Denken und Handeln verbunden. Dem ersten Erfolg hastete sie zeitlebens hinterher. Das wurde zum zermürbenden Kampf mit dem Literaturbetrieb, der sich ein wenig mit ihr schmückte, um sie als Schriftstellerin doch nicht ganz ernst zu nehmen.

War sie denn eine Schriftstellerin? Unbedingt. Unbedingt in der Notwendigkeit, Schreiben als Überleben zu betreiben. Ihre Bilder und Aphorismen werfen grandiose Blicklichter, zertrümmern mit treffendem Witz falsche Rücksichtnahmen. Ihre Produktion war unbezähmbar; geduldig formen konnte sie ihre Kunst nicht.

Dora Koster hat es einem nicht leicht gemacht. Sie war masslos, in der Grosszügigkeit wie im Furor. Die letzten Jahre waren schwierig: gesundheitlich angeschlagen, aus sozialen Netzen gefallen, nie reichte das Geld. Es bleibt eine verstörende Erinnerung, wie sie einem erklärte, sie müsse – in der reichen Schweiz – mit ein paar Kartoffeln die Tage bis zum Eintreffen der AHV überstehen.

Sie überlebte vieles, eine Kugel im Kopf, Blutstürze, Infarkte. Da war ein Lebenswille, der Glaube auch an eine universale Verbundenheit mit der Natur, ja dem Kosmos. Jetzt ist dieser Wille erloschen.

Stefan Howald

 

Dieser Nachruf erschien in der WOZ Nr. 49/17 vom 7.12.2017, S. 21. Siehe www.woz.ch


Bibliografie der Werke von Dora Koster

  • Nichts geht mehr. Stationen einer Frau aus dem Milieu. Unionsverlag, Zürich 1980, 236 Seiten
  • Mücken im Paradies. Ein Politkrimi. Orte-Verlag, Zürich 1981, 140 Seiten
  • Sanft und gefährlich. Benteli-Verlag, Bern 1981
  • Winkender Mond, wir kommen, Gedichte. Froschau Verlag, Zürich 1982, 128 Seiten
  • Geteert und gefedert. Neuer Malik Verlag, Kiel 1983, 190 Seiten
  • Schattenviolette. 11 Gedichte von Dora Koster in 11 Bildern von Peter Weiersmüller. Edition Der Landbote, München 1984, 11 grossformatige Drucke
  • Nur ein Sprung in die Welt. Verlag Winfried Richter, München 1985, 130 Seiten
  • Blautraum. Ein realistisches Märchen. Verlag Winfried Richter, München 1985, 114 Seiten
  • Zeitblut. Froschau Verlag, Zürich 1987, 112 Seiten
  • Orchideen und darnach. Lyrik. Rauhreif Verlag, Zürich 1988, 132 Seiten
  • Blautraum. Ein realistisches Märchen. 2. Auflage. Froschau Verlag, Zürich 1992, 114 Seiten
  • Lila Leichen und andere Nettigkeiten. Reihe Nordpfiff im Froschau Verlag, Zürich 1993, 86 Seiten
  • Tanz der Soliden. Briefe. Limmat Verlag, Zürich 1994, 104 Seiten, 26 Franken. vertrieb@limmatverlag.ch
  • Der Himmel ist kein Warenhaus. Geschichten und Briefe aus dem Schweizerwald. Wotan Verlag, Zürich 1995, 196 Seiten
  • Abschied von den Tigerfinken. Elf Erzählungen und ein Vorwort. Froschau Verlag, Zürich 1996, 96 Seiten
  • Schwänzelmann-Koster: Blödmann, mein Chef. Krimi. Froschau Verlag, Zürich 1999, 72 Seiten
  • Jani Remettre (Dora Koster): Merde. Gedichte einer merkwürdigen Liebe. Froschau Verlag, Zürich 2003, 118 Seiten
  • Judas in Jeans. Geschichte eines Schattenwerfers. Froschau Verlag, Zürich 2005, 98 Seiten
  • Die kleine Schweizerin. Gedichte. Schwarzblut-Verlag, Zürich 2012, 116 Seiten.
  • Amen, sagte die Schneefrau. Alptraum oder Vision. Schwarzblut-Verlag. Zürich 2012, 26 Seiten.
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Ist Europa noch zu retten?

Anmerkungen zum Europakongress der WOZ – Die Wochenzeitung

Von Stefan Howald

Am Beginn stand eine Überraschung und ein Versäumnis: Die Redaktion der WOZ Die Wochenzeitung hatte, wie viele andere auch, im Juni 2016 nicht mit einem Ja zum Brexit gerechnet. Sie hatte keine vertiefte Berichterstattung zu einem möglichen Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union vorbereitet und musste sich kurzfristig neue Zugänge überlegen. Dabei zeigte sich: Innerhalb der Redaktion existierte ein vager Konsens zur Europapolitik, oder vielmehr ein klarer Konsens zum Nationalstaat – der steht in einer verheerenden Tradition und ist ein Auslaufmodell. Dagegen gab es keinen kohärenten Diskurs, keine ausformulierten Argumente für eine transnationale Politik. Und es gab umgekehrt wenig Einsicht in die vordergründigen oder tiefsitzenden Ressentiments gegenüber der EU und anderen transnationalen Institutionen, die sich im Brexit-Votum gerade auch bei sozial benachteiligten Schichten gezeigt hatten.

Deshalb beschloss das WOZ-Kollektiv, einen Europakongress zu organisieren. Der erste Impuls in der vorbereitenden Gruppe lautete: Argumente gegen Nationalismus und Xenophobie zu liefern, damit auch gegen die Schweizerische Volkspartei (SVP). Der zweite Impuls lautete: Bloss nicht die ewige Jammerei über den Rechtsnationalismus und die üblichen Verdächtigen. Sich nicht auf die Vorgaben von rechts einlassen, sondern umgekehrt formulieren, was uns an Europa beschäftigt – sicherlich, was uns daran ärgert und empört, aber auch, was wir davon erwarten und erhoffen. Ein Manifest sollte es nicht werden, etwa: Jetzt rein in die EU, oder kein Inländervorrang. Sondern zuerst einmal eine weit reichende Bestandesaufnahme. Zuerst einmal ein paar richtige Fragen, und dann vielleicht ein paar informierte Antworten.

Im Verlauf der Organisation mussten wir uns gelegentlich vor der Tendenz bewahren, Europa realpolitisch auf die Europäische Union – und das Verhältnis der Schweiz zu dieser – zu reduzieren. Vernehmbar werden sollten auch Stimmen von ausserhalb oder vom Rand. So luden wir etwa die türkische Schriftstellerin und Journalistin Ece Temelkuran ein. Damit begannen die aktuellen europäischen Geschichten. Denn Temelkuran wohnt gegenwärtig in Zagreb, mit einem zeitlich beschränkten Visum, und angesichts ihrer scharfen Kritik am Erdogan-Regime gab ihr Rechtsberater plötzlich zu bedenken, womöglich werde bei einer Teilnahme in Zürich die türkische Regierung von Kroatien verlangen, Temelkuran das Visum nicht mehr zu erneuern – eine nicht ganz unbegründete Befürchtung, wie die Verhaftung eines türkisch-deutschen Schriftstellers in Spanien gezeigt hat, ebenso wie der Druck, den das türkische Regime durch tausende von Interpol-Gesuchen aufs europäische Rechtssystem zu erzeugen versucht. So verzichtete Temelkuran mit Bedauern auf die Teilnahme.

Schliesslich kamen 25 ReferentInnen aus zehn Ländern für ein Wochenende nach Zürich. Der Europakongress der WOZ ging am 8./9. September 2017 über die Bühne des Zürcher Volkshauses, mit acht Podien sowie sechs Workshops in der Zürcher Bäckeranlage. Er war ein Erfolg, mit über 400 TeilnehmerInnen und sachorientierten, zuweilen auch kontroversen Debatten.

Nationalstaat und Transnationalität

Er war ein Erfolg, trotz Anlaufschwierigkeiten. Die Auftaktveranstaltung am Freitagabend verlief aufschlussreich, obwohl, oder weil, sie teilweise missglückte. Die US-Soziologin Saskia Sassen (The Global Cities) eröffnete als Starreferentin die Tagung  – und sagte in ihrem Eingangsreferat kein einziges Wort zu Europa. Stattdessen sprach sie über die Finanzialisierung der globalen Wirtschaft, über die weltweite Urbanisierung und die Aushöhlung des öffentlichen Raums sowie über die neue verschärfte Form der Migration, die viele Menschen durch die Zerstörung ihrer Lebensbedingungen in die Fremde ausstösst. Das war nicht so geplant, und es irritierte. Aber sie machte damit zweierlei: Erstens beschrieb sie globale Tendenzen, von denen auch Europa betroffen ist, und zweitens verdeutlichte sie die reduzierte Bedeutung der Entität «Europa».

Der Historiker Jakob Tanner knüpfte an diese signifikante Leerstelle an und rekonstruierte Europa und die Europäische Union als historisch flirrendes Bild. Für die Europäische Gemeinschaft (EG) beziehungsweise die EU gibt es, so führte er aus, keine monokausale Erklärung, sie entsprang unterschiedlichen Motiven und Traditionen und führte zu teilweise unbeabsichtigten Resultaten. Gerade die transnationale Institution rettete den eigentlich diskreditierten Nationalstaat, indem sie ihm in einem übergeordneten Gefüge eine neue Rolle zuwies. Die EU ist immer verschiedenes zugleich: ein Friedensprojekt und ein neoliberales Zwangsregime, ein Aushandlungsmechanismus und ein Machtkartell. Sie weist gravierende demokratische Defizite und zugleich neue demokratische Ansätze auf.

Solchen ansatzweise positiven Einschätzungen setzte Catarina Principe, Mitglied des portugiesischen «Bloco de Esquerda» (Linksblock), ein radikal anderes Bild entgegen. Die EU habe die Nationalstaaten grundsätzlich rekonfiguriert, die forcierte Konkurrenz der nationalen Volkswirtschaften den EU-Raum in Zentrum und Peripherie zerklüftet. Dabei werde die Austeritätspolitik als Klassenkampf von oben in den Nationalstaaten geführt. Dem müsse der Klassenkampf im Nationalstaat antworten. Principe verneinte dabei jedes demokratische Potenzial in der EU. Dem widersprach Jakob Tanner. Trotz ähnlicher Analyse der Defizite der EU sei für ihn deren Dämonisierung keine hilfreiche Strategie. Damit würden Notwendigkeiten verkannt. Zur Lösung bestimmter Probleme sei der Nationalstaat zu klein geworden. Die griechische Krise zum Beispiel könne national nicht bewältigt werden. Auch Saskia Sassen sekundierte, die globalen Finanzströme und die beharrende Kraft internationaler Institutionen verlangten nach transnationalen Gegenmitteln.

Damit war eine Frage angesprochen, die im Verlauf des Kongresses auf allen Podien wiederkehrte und diese implizit miteinander verschränkte: Welches sind die Räume für die aktuellen Kämpfe?

[…]

Lesen Sie weiter in der neusten Ausgabe des Widerspruch 71: Militarisierung, Krieg und Frieden. Zürich 2017, S. 127 – 133.

www.widerspruch.ch

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Wer lügt denn da so faustdick?

Neues von Münchhausen he_muenchhausen_titelseite

 

Wer kennt ihn nicht, den Lügenbaron von Münchhausen? Sprichwörtlich fabuliert er das Blaue vom Himmel herunter. Als Jugendbuch ist der Münchhausen, zumeist in der Fassung von Erich Kästner, weit verbreitet. Tollkühn reitet er auf einer Kanonenkugel. Seine Leistungen auf der Jagd sind legendär. Gleich zweimal gerät er während Seeabenteuern in den Rachen eines Fisches, kann sich aber durch ingeniöse Mittel befreien. Ja, einmal zieht er sich und sein Pferd gar am eigenen Zopf aus einem Sumpf. Und auf dem Mond ist er natürlich auch gewesen.

Seit neustem ist das Lügen wieder in Mode gekommen. Fake News und postfaktisch sind die Unwörter der Zeit. Hat Münchhausen zeitgenössische Politiker vorweggenommen? Und welche Rolle spielt das Lügen in unserer Gesellschaft?

Stefan Howald, Publizist in Dielsdorf, hat bislang unbekannte originale Erzählungen über Münchhausen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und zusammen mit Bernhard Wiebel in einem Buch veröffentlicht. Der Vortrag wird zahlreiche Bilder präsentieren, wie der Aufschneider und Prahlhans auf der ganzen Welt verkörpert worden ist. Im Gestus der Übertreibung stellen seine Erzählungen mal vergnüglich mal tiefgründig die Frage nach Wahrheit und Lüge. So ist Münchhausen aktuell geblieben.

MünchhausenBrevier_Titelbild

Samstag, 18. November 2017, 20 Uhr
philosophe, Forum & Bistro
Regensbergstrasse 26, 8157 Dielsdorf

 

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Teures Geld

Geld ist ein eigentümliches Ding. Als Fetisch schreiben wir ihm besondere Kräfte zu. Doch was schlägt uns da hinterrücks in Bann? Welche Bilder von Wirtschaft und Gesellschaft drücken sich darin aus? WOZ-Redaktor Stefan Howald unternimmt einen Streifzug durch die Kulturgeschichte des Kapitalismus. Er beschreibt dessen psychische Dynamik und skizziert ein paar Vermutungen, wie eine alternative Wirtschaft aussehen könnte.

Der Vortrag findet statt im Rahmen einer Öffentlichen Ringvorlesung zu «Design Ökonomien» an der Zürcher Hochschule der Künste. Montag, 16. Oktober, 13 bis 15 Uhr. ZHdK, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich. Hörsaal 1, Ebene 3.

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