Bahnwärter Michel und Schneider Glaus

Bücherräumereien (XIX): Gegen den Lohnabbau

«Der karge Arbeitslohn ist abgebaut» – die sechste Zeile der ersten Strophe dieser mehrstrophigen Politballade ist unterstrichen. Schliesslich ist sie vom «Aktionskomitee gegen den Lohnabbau» herausgegeben worden, und entsprechend wird zum Schluss ein kräftiges Nein bei der Eidgenössischen Volksabstimmung von Mai 1933 gefordert.

Die zehnseitige Broschüre ist, natürlich, in kräftigem Rot gehalten und trägt den Titel «Leben und leben lassen». Im Sozialarchiv gibt es einen Bestand zum Kantonal-Zürcherischen Aktionskomitee gegen den Lohnabbau, der wiederum aus den Beständen der Unia stammt; aber diese Materialien sind gegenwärtig nicht so wirklich zugänglich.

Deshalb bleibt vorerst der Blick auf diese Abstimmungsbroschüre. In sieben Achtzeilern werden die Konsequenzen des geplanten Lohnabbaus beim Bundespersonal geschildert. Da Bahnwärter Michel mit dem karger gewordenen Arbeitslohn beim Milchmann Gmür keine Butter mehr kaufen kann, gibt Bauer Schmutz wegen der weniger verkauften Milch bei Zimmermann Stalder keine Reparatur in Auftrag, Stalder seinerseits stellt die Anfertigung einer Arbeitskleidung beim Schneider Glaus zurück, worauf dieser bei Fabrikdirektor Hecht keinen Stoff mehr bestellt.

Das ist ein gut keynesianisches Lehrstück der Konsequenzen, wenn die Nachfragekette und die Kaufkraft einbrechen; wobei zum Schluss eine schärfere Pointe angehängt ist, da Direktor Hecht gleich zehn Leute entlässt.

Das Aktionskomitee gegen den Lohnabbau bildete sich, als der Bundesrat 1932 für das Bundespersonal eine Lohnkürzung von 10 Prozent beantragte. Wie Jakob Tanner in seiner «Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert» erläutert, stand dieser Vorstoss im Rahmen einer «prozyklischen, krisenverstärkenden Deflationspolitik» (Tanner 2015, 212). Für die damalige bürgerliche Regierung galten die «Goldparität der Währung und der ausgeglichene Staatshaushalt […] als Dogma». Doch um den Wert des Frankens hoch zu halten, musste die Staatskasse geplündert, beziehungsweise mussten die Ausgaben gesenkt werden.

Gegen die Vorlage des Bundes ergriffen Gewerkschaften und SP das Referendum, und die Vorlage wurde, was nicht ganz zu erwarten war, da es doch scheinbar um die Privilegien einer spezifischen Angestelltengruppe ging, im Mai 1933 mit 55 Prozent Neinstimmen abgelehnt – in Tanners Buch wird die Volksabstimmung mit einem Druckfehler allerdings ins Jahr 1932 zurückversetzt.

Die Achtzeiler sind hübsche Volkspoesie, etwa wie bei den Geschichten um Globi, der zeitgleich entstand. Die Zeichnungen dazu, hm, kräftig, funktional. Vermutlich richtete sich die Aufklärung nicht ans direkt betroffene Bundespersonal und wohl auch nicht an Fabrikarbeiter, sondern an Gewerbler und Mittelständler (die Frauen existierten als Stimmvolk ja noch nicht), worauf die verschiedenen Berufe hindeuten, die alle vom Lohnabbau beim Bundespersonal betroffen sein würden.

Zudem heisst es in der Schlussstrophe «Reich uns die Hand» – da wird eine Hand angesprochen, die von aussen sich zu den Gewerkschaften hin recken soll. Wobei es immerhin eine schwielige Hand ist, an der allerdings zumindest Schneider Glaus nicht die grösste Freude gehabt hätte, der übrigens auch ein bisschen anders gezeichnet wird als die anderen Handarbeiter, mit einer kühnen Haarlocke und einer Zigarette in der Hand.

«Drum wehr Dich und kämpfe! Und reih Dich ein                                            Und reich uns die schwielige Hand,
Und kämpfe mit einem wuchtigen Nein
Für Dein Glück! Für Dein Volk! Für Dein Land!»

Unmissverständlich ist der Aufruf, wobei er mit einer nicht unproblematischen Engführung von Volk und Land endet, mit der womöglich schon auf die «geistige Landesverteidigung» vorausgewiesen wird.

Nach der Verwerfung der Vorlage durch eine Volksmehrheit wurde der Lohnabbau dann durch einen nicht dem Referendum unterstehenden Dringlichkeitsbeschluss im Parlament durchgeboxt. «Die nationale Austeritätspolitik», urteilt Jakob Tanner freilich, «erwies sich als eklatanter Fehlschlag; die Arbeitslosigkeit stieg Mitte der 1930er Jahre im Jahresdurchschnitt auf über 80000, knapp 5 Prozent der Beschäftigten.»

Erhalten habe ich die Broschüre übrigens aus Deutschland, von J. T., einem Germanistikprofessor, der jahrelang an der Uni Vechta lehrte und jetzt emeritiert in Dresden lebt. T. und ich kannten uns von ferne in den 1980er Jahren durch die Robert-Musil-Forschung, als er das Musilforum kritisch edierte. Dann, vor etwa zehn Jahren, stellte sich plötzlich wieder ein Kontakt her, und seither halten wir uns vielleicht zweimal im Jahr über unsere gegenseitigen Aktivitäten auf dem Laufenden. 2015 trug er zum ersten Zürcher Büchner-Brevier mit einem Beitrag über «Büchner – Bühnen – Nacktes» bei, höchst spannend, unerwartet, in einem ganz eigentümlichen Stil verfasst. Die Broschüre «Leben und leben lassen» hat er mir zu treuen Händen geschickt, damit ich sie an ein Schweizer Archiv weitergebe, aber ich habe sie wohlweislich in einem Bücherregal aufbewahrt, und jetzt ist sie also der Bibliothek im bücherraum f einverleibt worden. In letzter Zeit hat sich T. darauf verlegt, die weihevolle Verehrung von Paul Celan ein wenig mit linken Zurufen zu stören, was zum gegenwärtigen 50. Todestag von Celan eine zusätzliche Bedeutung bekommen hat; aber das ist eine andere Geschichte.

sh

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Ein Diaspora-Intellektueller

Neue Bücher von Stuart Hall

«Diasporisch» ist der Begriff, den Stuart Hall für sich gewählt hat. Nicht exiliert, und schon gar nicht assimiliert. Sondern wie der Untertitel seiner autobiografischen Aufzeichnungen sagt: «Ein Leben zwischen zwei Inseln». Diasporische Subjekte gehören als Produkte diverser Historien, Kulturen und Narrative verschiedenen Heimaten an. Die Diaspora entsteht, durchaus prekär, in der Nachwirkung der Kolonialisierung, ist aber zugleich «eine kulturelle Formation, die die feststehenden Konturen von Rasse, Ethnie und Nation durchkreuzt und aufbricht» (Hall 2017, 183).

Der Soziologie und Kulturwissenschaftler Stuart Hall ist 1932 in Jamaika geboren, 1951 als Stipendiat nach England gekommen und bis zu seinem Tod im Jahr 2014 dort geblieben. Das sind die beiden Kulturen – in sich wiederum vielfältig ausdifferenziert –, denen er angehört hat.

Bekannt geworden ist Hall ab 1970 als Begründer der Cultural Studies, als scharfsinniger Analytiker und Kritiker des Rassismus, als Initiator wichtiger theoriepolitischer Zeitschriften sowie als gesellschaftspolitischer Kommentator, der sich mit bahnbrechenden Artikeln in aktuelle Debatten eingemischt hat. Posthum erschienen 2017 die autobiografischen Aufzeichnungen «Familiar Stranger», die Anfang Jahr unter dem Titel «Vertrauter Fremder» auch auf Deutsch im Argument Verlag vorgelegt worden sind.

In den 1990er Jahren habe ich Stuart Hall verschiedentlich bei öffentlichen Auftritten in London erlebt, und ich habe ihn später einmal in seinem Haus interviewt. Das ist nicht ganz nebensächlich, weil Hall ein eindringlicher Redner und Gesprächspartner war, ein Lehrer, Anreger und Förderer, der zumeist im Kollektiv gearbeitet hat. In Selbstreflexionen hat er diese Mündlichkeit in kulturelle Zusammenhänge gestellt, sie sowohl in der afro-karibischen Tradition verwurzelt gesehen wie auch das Dialogische als ein zentrales methodologisches Prinzip unter anderem beim russischen Strukturalisten Michael Bachtin verortet.

Bücher hat Hall nur wenige veröffentlicht; und wenn, dann waren es Zusammenstellungen, Sammelbände von Aufsätzen und Vorträgen und Forschungsarbeiten. Seine Bedeutung aber für die theoretischen und politischen Diskussionen um eine postkoloniale Analyse von Kultur und Politik und um einen erneuerten Marxismus kann nicht überschätzt werden.

«Vertrauter Fremder» beruht auf langen Gesprächen mit seinem Schüler und Mitarbeiter Bill Schwarz und ist von diesem posthum herausgegeben worden. Es ist eine Autobiografie besonderer Art, weil sie das Subjekt Stuart Hall hartnäckig auf dem Hintergrund der Verwerfungen des 20. Jahrhunderts betrachtet, als Objekt von Kolonialismus und Postkolonialismus. Hall selbst merkt an, Freunde in England, die ihn über lange Jahre kannten und sich als Antikolonialisten verstanden, hätten ihn ganz selbstverständlich in eine europäische Tradition einbezogen und nie ganz begriffen, warum ihn die Situation zwischen zwei Kulturen persönlich so umtreibe. Das vorliegende Buch macht die Brisanz dieser Frage nochmals deutlich.

Das reicht bis in die Sprache hinein. Die deutsche Ausgabe ist bezüglich spezifischer Übersetzungsprobleme von einem internationalen Editorial Board betreut worden. Insbesondere der Begriff «Rasse» macht im Deutschen Schwierigkeiten, weil er eindeutig in negativer, rassistischer Tradition steht. Dagegen ist der Begriff race im Englischen offener gehalten, taucht gelegentlich auch als Selbstbeschreibung emanzipatorischer Bewegungen auf. Er wird deshalb für die deutsche Fassung beibehalten, ebenso wie Menschen «of Colour». Dazu kommen weitere Festlegungen: «Weiss und Schwarz selbst sind keine Identitätskategorien oder Farben, sondern richten den analytischen Blick auf rassisierte Unterscheidungen, deshalb werden sie grossgeschrieben» (Hall 2020, 11), heisst es im Vorwort.

Koloniale Kultur

Es macht einen Reiz dieses Buchs aus, dass Stuart Hall die konkreten Erfahrungen plastisch beschreibt und sie zugleich verallgemeinert. Hall wurde 1932 auf Jamaika in einer Mittelschichtfamilie «of Colour» geboren, wobei die Eltern ihre Zugehörigkeit zur Mittelschicht unterschiedlich interpretierten. Der Vater ein genügsamer, mit den Verhältnissen einverstandener Beamter, die Mutter auf ihren vermeintlich besseren sozialen Status und auf das imaginäre Ideal englischer Zivilisation fixiert. So war die Familie von Fragen der Rasse und des Verhältnisses zu England durchzogen oder wie Hall formuliert: «Die wichtigste Lehre meiner Erziehung war die Erkenntnis, wie sehr die Spannungen, Ambivalenzen, Phantasien und Ängste einer kolonialen Kultur, zutiefst gespalten entlang der Grenzen von Race, Klasse, Colour und Geschlecht in der penetranten, emotional aufgeladenen, kranken Welt einer kolonialen Familie ausgelebt und verinnerlicht werden.» (Hall 2020, 72)

Hall beschreibt eindringlich die Geschichte Jamaikas und des Kolonialismus, schildert die vielfältigen Differenzierungen des jamaikanischen Gesellschaftssystems, die herkömmlichen Rassismen und Herrschaftsstrukturen, aber er geht darüber hinaus und fragt, wie einst Frantz Fanon: Was bewirkt diese Lage in den Subjekten? «Es gab auf diesem Entwicklungsweg keinen einzigen Augenblick, der nicht von meiner Race-Positionierung gesteuert war» (Hall 2020, 29), folgert er. Das war nicht immer nur negativ, sondern zum Teil auch positiv durch ein sich langsam entwickelndes antikoloniales Bewusstsein. Bereits während der Depression gab es 1938 auf Jamaika erste Aufstände von ArbeiterInnen, als Reaktion auf eine konjunkturelle Krise innerhalb einer strukturellen Krise der kolonialen Plantagenwirtschaft, aber auch durch das Erstarken der Gewerkschaften und anderer sozialer Bewegungen. Hall räumt dem eine besondere symbolische Bedeutung ein: «Auch wenn ich damals viel zu klein war, um verstehen zu können, was vorging, erkenne ich klar, wie stark ich von 1938 geprägt bin: Ich wurde ein Teil dieser politischen Generation.» (Hall 2020, 58)

In Oxford

Schon als Schüler lehnte er sich gegen die auf England ausgerichtete konservative Erziehung auf, aber auch gegen die assimilatorische Haltung seiner Eltern. Die Entdeckung von Literatur und Musik der Moderne war ein Mittel des Ausbruchs – doch diese Moderne bezog sich wenn auch kritisch so doch dezidiert auf den westlichen Kulturkanon und hielt letztlich an einem eurozentrischen Entwicklungsbegriff fest. Als hochtalentierter Stipendiat konnte Hall Jamaika 1951 verlassen und kam nach Oxford – in eine der Hochburgen der englischen Kultur. Es war ein Schock, und es folgte ein langer Desillusionierungsprozess. Der junge Stuart Hall war der einzige Schwarze Student in Oxford. Direkte rassistische Vorfälle hat er seiner Erinnerung nach nicht erlebt, aber es blieb jederzeit ein Abstand zu seinen englischen Mitstudenten. «Ich war ausgeschlossen von der Teilhabe an einem bestimmten Habitus – Lebensweise, sittliches Betragen, Alltagsverstand, was man für gegeben nimmt, spontane Identifikationen und stillschweigend Vorausgesetztes über die Gesellschaft, und wie alles funktioniert, unterhalb der bewussten oder rein kognitiven Ebene.» Das war verbunden mit einem bestimmten Begriff nationaler kultureller Identität, «eine Phantasie der Nation, obendrein ein Geschenk der Götter, ein Zustand der Gnade» (Hall 2020, 209). Das prägnanteste aktuelle Beispiel für dieses Gefühl des Auserwähltseins ist der jetzige britische Premierminister Boris Johnson, für den das Leben nur ein frivoles Spiel ist, in dem ihm und seinesgleichen selbstverständlich immer die besten Plätze zustehen.

Der junge Stuart Hall aber traf, als relativ Privilegierter, auch auf Angehörige der so genannten Windrush-Generation karibischer MigrantInnen, die seit 1948 als Arbeitssuchende in England gelandet waren. Dadurch veränderte sich die Blickweise, für ihn persönlich wie vor allem für die englische Gesellschaft. Weil «der Schwarze Andere hier in der Metropole war, in intimer und unmittelbarer Nähe präsent, mussten die übernommenen rassisierten Hierarchien erneuert werden, wenn sie weiterhin brauchbar sein sollten» (Hall 2020, 181).

New Left

Hall begann sich als Student vorerst in jamaikanischer Exil-Politik zu engagieren. Paradoxerweise, hat er gesagt, entstand so etwas wie eine gemeinsame «karibische Identität» aller westindischen Inseln erst in London, im Angesichts des gemeinsamen kolonialen Unterdrückers. Anders als mehrere Bekannte seiner Generation, die später führende Positionen in Regierungen und Verwaltungen der unabhängig gewordenen neuen Staaten einnahmen, verwarf Hall die Perspektive einer Rückkehr bald. Er engagierte sich in der englischen Innenpolitik, im Umfeld der Kommunistischen Partei, zu der damals einige eminente Intellektuelle zählten. Zum Wendepunkt wurde 1956, mit der britisch-französisch-israelischen Invasion in Ägypten und der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn durch die Sowjetarmee. In England distanzierten sich führende Intellektuelle von der KP und suchten einen neuen Raum für eine Neue Linke. «Die New Left formierte sich in dem politischen Raum, der sich zwischen diesen beiden entgegengesetzten Koordinaten auftat: zwischen dem aggressiven militärischen Autoritarismus der Nuklearmacht Sowjetunion, der die Degenerierung der revolutionären Ideale offenbarte, die sie einst verkörpert hatte, und der Wiederbelebung des aggressiven britischen Imperialismus, von dem viele fälschlich geglaubt hatten, er sei von der Sozialdemokratie begraben worden.» (Hall 2020 243f.) Mit dem Historiker Raphael Samuel und anderen gründete Hall eine neue Zeitschrift, «Universities and Left Review». Sie verkörperte zugleich die Wende von einem allzu eng verstandenen Begriff des Politischen zu einem breiteren Konzept des Kulturellen beziehungsweise zur Frage: Was trägt die Kultur zur Neuformierung des Politischen bei?

Daneben existierte der linkssozialistische «New Reasoner», geprägt vom HistorikerInnenpaar Dorothee und E. P. Thompson sowie dem Kulturtheoretiker Raymond Williams; auch Doris Lessing schrieb gelegentlich für das Blatt. 1959 fusionierten die beiden Zeitschriften zur «New Left Review». Die Zeitschrift, die heute noch existiert, wurde, wie es ihr Name versprach, zum Sammelbecken der Neuen Linken. Obwohl hauptsächlich an Universitäten und in intellektuellen Zirkeln verankert, war sie in sozialen Bewegungen engagiert, etwa in der Antiatombewegung CND, in Mietervereinigungen oder im Fall von Stuart Hall in den ersten Bürgerrechtsbewegungen im Londoner Stadtbezirk Notting Hill. In diesen Passagen zeichnet Hall ein lebhaftes Bild des damaligen Klimas des Aufbruchs; auch ein wenig voyeuristisches Interesse wird bedient, wenn er die Beziehung zu den so unterschiedlichen Übervätern Thompson und Williams analysiert, den unermüdlichen Raphael Samuel schildert oder beiläufig – und nicht eben freundlich – den Schriftsteller und Nobelpreisträger V.S. Naipaul charakterisiert.

Die autobiografischen Aufzeichnungen hören im Jahr 1962 auf, als Hall wegen Meinungsverschiedenheiten als Redaktor bei der «New Left Review» ausschied. Er hängt eine Coda an, wie er seine spätere langjährige Frau Catherine kennenlernte, die selbst eine eminente Forscherin zum Kolonialismus und zur Geschichte der Karibik wurde, wie er sich kurzzeitig aus der Politik zurückzog und Lehrer wurde.

Hall war zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt, in antikolonialen und neomarxistischen Kreisen schon gut bekannt; als führender Theoretiker aber kam er erst ein paar Jahre später in sein Recht. Die weitere Entwicklung ist in früheren Arbeiten dokumentiert. Mike Rustin, ein Weggenosse, hat kürzlich in einem grossen Interview in der Nummer 74 der Zeitschrift «Soundings» zusätzliche Facetten beigefügt und beiläufig erneut die Rolle von Hall als unermüdlicher Mentor sichtbar gemacht.

Das «Centre for Contemporary Cultural Studies»

Nach einer Stelle als Dozent für Medienanalysen an einem Londoner College wurde Hall vom Literaturprofessor Richard Hoggart aufgefordert, an der Universität Birmingham zu helfen, ein neues Institut aufzubauen. Hoggart hatte 1957 in seinem Buch «The Uses of Literacy» ein damals unerhörtes Plädoyer für die Populärkultur gehalten; ein Jahr später veröffentlichte Raymond Williams «Culture and Society», in der er Kultur als «umfassende Lebensweise» definierte, sie im Alltag aufzuspüren suchte und ebenfalls den herrschenden literarischen Kanon sprengte. An dem 1964 gegründeten «Centre for Contemporary Cultural Studies» (CCCS) sollten solche Programme umgesetzt werden, und so bildete sich das heraus, was sich später als «Cultural Studies» global verbreitete. Die Cultural Studies standen in zweifacher Frontstellung: Gegen den dogmatischen Marxismus erachteten sie die Untersuchung von Kultur als ebenso wichtig wie die von Ökonomie und Politik; gegen die herrschende Kulturauffassung stellten sie die kritische Aufarbeitung populärer, angeblich ‹niederer› Kulturformen und brachen aus dem Ghetto der traditionellen, unpolitischen Kulturberichterstattung aus. Von heute aus gesehen ist kaum mehr vorstellbar, wie umwälzend das damals war. Roland Barthes hatte 1957 mit seinen «Mythen des Alltags», die vom neuen Citroën, vom Guide Bleue, Einsteins Gehirn und der Tour de France handelten, eine erste Schneise geschlagen. Das CCCS stellte nun Arbeiter-, Alltags- und Populärkultur ins Zentrum und untersuchte sie sowohl empirisch wie theoretisch als Alltagspraxen: Soap Operas. Pfadfinderlager. Boulevardzeitungen. Frauenzeitschriften. Bilder von käuflicher Sexualität und von schwarzen Einwanderern. Eine nach wie vor erhellende Untersuchung aus diesem Umfeld ist diejenige von Paul Willis, «Spass am Widerstand. Learing to Labour», ursprünglich 1977 erschienen und vor ein paar Jahren in einer neuen Übersetzung auf deutsch wieder aufgelegt. Willis begleitete über drei Jahre hinweg Schüler in einem Arbeiterbezirk und zeigte, wie männliche Jugendliche aus der Arbeiterklasse in lustvoller Opposition gegen das sie ausschliessende Bildungswesen aufbegehren, dass sie sich damit aber selbst disqualifizieren und später in Hilfsjobs gefangen bleiben: Saufen macht Spass und entmündigt.

Für die Arbeiten am CCCS wurden wichtige theoretische Anregungen von Louis Althusser und Michel Foucault übernommen. Und vor allem Antonio Gramscis Hegemoniekonzept, wonach eine herrschende Klasse nicht nur mit politischem und ökonomischem Zwang herrschen kann, sondern auch die freiwillige Zustimmung breiter Schichten organisieren muss. So ging es um Aktivierungs- und Lähmungspotentiale in der populären Kultur.

Dabei wurden auch Anstösse der ‹linguistischen Wende› zur Textualität menschlicher Praxen sowie zur Materialität des symbolischen Felds aufgegriffen. Cultural Studies verstanden alltägliche Praxen, alltägliches Verhalten in ihrem Funktionieren diskursiv: das heisst sie werden formuliert und ausgehandelt. Aber diese Praxen sind keine Sprache, sie operieren nur wie eine Sprache, bleiben handfest und leibhaftig. Gegen idealistische Überspanntheiten, dass die Realität nur noch aus Diskursen bestehe, meinte Hall einmal. «Das, was an altem Materialisten an mir noch übriggeblieben ist, möchte extrem krude Sachen sagen wie: ‹Ihr solltet mal Eure Worte essen›.»

Die Krise politisieren

Hall hat die Kulturwissenschaften immer als politische Wissenschaft verstanden. 1967 verantwortete er zusammen mit E. P. Thompson und Raymond Williams das «New Left May Day Manifesto». In diesem wurde eine umfassende Analyse der Nachkriegsgesellschaft versucht, und die Autoren wandten sich gegen das technokratische Gesellschaftsverständnis der Labour Party sowie die Klassenkompromisse, die die Partei damals im Zeichen der korporativen Einbindung der Arbeiterbewegung in den Wohlfahrtsstaat einging. Doch in den 1970er Jahren war es nicht die Kritik von links, sondern die Politik von rechts, die mit diesem korporatistischen Konzept aufräumte: Margaret Thatchers neue Rechte. Der Erdölschock von 1973 leitete den Bruch ein, mit dem der Nachkriegskonsens eines sozial abgefederten Kapitalismus von rechts aufgekündigt wurde.

Aus dem Umfeld des CCCS wurde 1978 der Band «Policing the Crisis» publiziert, der die neuen Formen analysierte, mit denen die Krise durch eine Allianz von Wirtschaftsführern und neokonservativen Politikern gemeistert werden sollte. Laut Hall bildete sich ein «autoritärer Populismus» (Hall 2014, 122) heraus, eine Einbindung breiter Volksschichten bei gleichzeitiger Vergrösserung des repressiven Staatsapparats. Seine Analysen erschienen unter anderem in «Marxism Today», der Theoriezeitschrift der Kommunistischen Partei, die sich ab 1977 dem Eurokommunismus und neuen theoretischen Strömungen öffnete. Im Januar 1979, noch vor dem überwältigenden Wahlsieg von Margaret Thatcher im Mai desselben Jahrs, veröffentlichte Hall den Artikel «The Great Moving Right Show», in dem er den Begriff «Thatcherismus» prägte. Als einer der ersten erkannte er, dass nicht einfach eine konservative Krämerstochter zur ersten britischen Premierministerin gewählt werden würde, sondern dass mit einer konservativen Revolution ein grundsätzlicher Umbau der Gesellschaft versucht wurde. Vielfältig analysierte er, wie der Gegensatz von Lohnabhängige versus Machtblock zu einem zwischen einfachem Volk versus Staat umgeformt worden sei, wie soziale und wirtschaftliche Enttäuschungen der Arbeiterklasse diskursiv als Kritik des sozialstaatlichen Bürokratismus artikuliert wurden, und wie durch die Medien geschürte «moralische Paniken» eine Front zwischen herkömmlichen, anständigen, festen Werten und zersetzenden, unmoralischen, flottierenden aufbauten. Damit kritisierte er auch eine versteinerte Linke, die an klassenkämpferischen Floskeln festhielt oder hilflos von dämonischer Verführung und sozialdemokratischem Verrat sprach.

Diese differenzierten Analysen trugen Hall den Vorwurf ein, den Thatcherismus nur auf der Ebene der Ideen zu analysieren, damit oberflächlich zu bleiben und dessen ökonomische Klasseninteressen zu vernachlässigen. Darauf hat er schon 1984 geantwortet: «Ich arbeite zur politischen/ideologischen Dimension, a) weil ich auf diesem Gebiet zufällig einige Kompetenz habe und b) weil sie von der Linken allgemein und von einigen Marxisten vernachlässigt oder reduzierend behandelt wird. Die Annahme, man hielte, weil man auf dieser Ebene arbeitet, ökonomische Fragen für überflüssig oder unwichtig, ist absurd.» (Hall 2014, 128).

Der andere Vorwurf, mit seiner Begriffsprägung und Analysen überschätze er die Bedeutung des Thatcherismus als grundlegend neue Politikform, wurde schon bald durch dessen rabiate Politik blamiert. Nach einem Jahrzehnt versuchten Autorinnen und Autoren aus dem Umkreis von «Marxism Today» – Robin Murray, Beatrix Campbell, Michael Rustin, Göran Therborn und andere – im Sammelband «New Times», Bilanz zu ziehen und sich das «sich verändernde Gesicht der Politik in den 1990er-Jahren» zu imaginieren. Ein solches Unterfangen stand allerdings vor dem Dilemma, ob und wie man sich einen neuen linken Aufbruch mit Labour vorstellen konnte.

Dialog und Diskursanalyse

Hall hatte das CCCS nach dem Rücktritt von Richard Hoggart von 1968 bis 1979 geleitet und wechselte dann als Professor für Soziologie an die «Open University», einer Gründung der Labour Party und die führende Institution im Bereich der Erwachsenenbildung. Dabei ging es ihm immer um eingreifendes Denken, um theoretische Analysen in Zusammenhang mit und zur Beförderung politischer Bewegungen, ohne sich von diesen instrumentalisieren zu lassen. Gleichzeitig wurden die Cultural Studies an US-amerikanischen Universitäten institutionalisiert. In den 1990er Jahren vollzog sich in Grossbritannien – und mit Verzögerung und in geringerem Mass auch im deutschsprachigen Raum – eine ähnliche Entwicklung, als die neu aufgewerteten Fachhochschulen auf die Nachfrage einer neuen Studentengeneration mit Kursen zur Medienkritik reagierten. Hall analysierte solche Entwicklungen kritisch. Zwar hielt er eine beschränkte Institutionalisierung für unumgänglich und notwendig, wies aber auf die Entpolitisierung der Cultural Studies in den USA und in Grossbritannien hin, wo sich die neuen Kurse marktförmig zunehmend an den Bedürfnissen der Medienindustrie orientierten. Dagegen setzte Hall: «Ich verstehe nicht, wie eine Praxis das Ziel haben kann, etwas in der Welt zu verändern, ohne einen spezifischen oder eigenständigen Standpunkt einzunehmen, der ihr wirklich etwas bedeutet und den sie deutlich machen will.» (Hall 1994, 36)

Halls Arbeit ist immer auch Diskursanalyse, wobei Diskurs breit verstanden wird, als Denk- und Handlungssystem. Tatsächlich greift Hall in seinen Analysen nicht nur methodische Hilfsmittel von Sigmund Freud und Michel Foucault, sondern auch von Jacques Derrida und Ernesto Laclau / Chantal Mouffe auf. Dabei stehen für Hall die Veränderungen, die Übergänge und Brüche im Vordergrund. Er richtet den Blick nicht auf ein für alle mal fixierte Positionen, sondern auf kontingente Positionierungen. Die Positionierung bedeutet einerseits eine Historisierung: Positionen haben sich geändert, und andererseits eine Aktivierung: Positionen können sich ändern.

Dieses Denken, das Verfestigungen zerlegt, dieses Dialogische, Fliessende lässt sich in einem vor drei Jahren erschienenen Suhrkamp-Buch am Material verfolgen. Es ist die erste und bisher einzige Publikation von Hall in einem deutschsprachigen Mainstream-Verlag. Sie enthält drei Abhandlungen aus dem Jahr 1994 an der Harvard Universität in Cambridge / Massachusetts. In Auseinandersetzung mit älteren und zeitgenössischen Theoretikern wie W. E. B. Du Bois beziehungsweise Anthony Appiah analysiert er darin das «verhängnisvolle Dreieck» der drei Begriffe Rasse, Ethnie und Nation. Dabei will er die Begriffe «ins Wanken bringen» und dekonstruieren, sie als «gleitende Signifikanten» sichtbar machen, die sich historisch und je nach politisch-kulturellen Kräfteverhältnissen verändern.

Die Äquivalenzen des Rassismus

Wenn Rassismus einst biologistisch, wissenschaftlich, fundiert wurde, so kann er sich gegenwärtig nicht mehr auf die Mainstream-Wissenschaft berufen. Dennoch lässt er sich nicht einfach durchs aufgeklärte Bewusstsein wegzaubern. Die Differenz zwischen Menschen und Menschengruppen, auch in ihren Erfahrungen der Unterdrückung, kann nicht bestritten werden; umso wichtiger ist es, zu verstehen, wie sie rassifiziert werden, warum rassistische Klassifikationssysteme fortleben und wie sie als Bedeutungssysteme funktionieren. Hall analysiert zu diesem Zweck Äquivalenzketten, das heisst die Parallelführung einer bestimmten Reihe von Vorstellungen und Bedeutungen mit anderen Bedeutungen, die ursprünglich nichts mit ihnen zu tun haben. Dabei werden soziale Phänomene naturalisiert, das heisst für naturwüchsig und unabänderlich erklärt. Zum Beispiel wird die Kette «Biologie (Genetik) / Politik (Nation) / Gesellschaft (Zivilisation)» mit der Kette «negroid / fremd / unzivilisiert» parallelisiert. An die Stelle der weitgehend diskreditierten Genetik kann auch die Kultur treten. So wird aus der Kette «Kultur/Nation/Zivilisation» die Kette «eigenständig» / fremd / unzivilisiert», mit dem selben Resultat. Der kulturelle Rassismus ist neben dem biologistischen für Hall unmissverständlich nur ein anderes Register des Rassismus.

Der Kampf dagegen bedeutet aber auch «das Ende des essentiellen schwarzen Subjekts» (Hall 2017, 96), denn Essentialismus führt in die Sackgasse: «Identität kann überhaupt keine fixierte Essenz sein, so als ob sie unveränderlich ausserhalb von Geschichte und Kultur stünde, und das aus einem prinzipiellen Grund: Identität ist nichts ein für alle Mal Gegebenes, das durch die Gene übermittelt würde, die wir in unserer Hautfarbe mit uns tragen, sondern bildet und transformiert sich geschichtlich und kulturell.» (Hall 2017, 143)

Das mag einem linken Bewusstsein als selbstverständlich erscheinen, aber Hall zeigt am Beispiel des Begriffs der Ethnie, wie ein Essentialismus selbst bei explizit widerständigen Konzeptionen hinterrücks wiederkehrt. Wenn der diskreditierte Begriff der Rasse durch denjenigen der Ethnie ersetzt werde, könne das eine emanzipatorische Bewegung befeuern, aber es drohe zugleich die Gefahr, wiederum auf eine genau abgegrenzte, urtümliche, unvergängliche Identität zu rekurrieren.

Ebenso äussert Hall Vorbehalte gegen den Begriff des Multikulturellen. So stellt er fest, dass das Abfeiern multikultureller Vielfalt mit rassistischen Vorurteilen einhergehen kann – man kann Reggae oder Rap oder den Carnival in London oder Fussballer aus dem Kosovo in Zürich toll finden und trotzdem gegen Einwanderer sein.

Hall argumentiert auch gegen andere vorschnelle Thesen, etwa dass die Globalisierung die ganze Welt homogenisiere. Für ihn bleibt das Lokale weiterhin präsent, ja, es verstärkt sich noch. Einerseits ist der Kapitalismus ökonomisch auf die Ausbeutung von Differenz, die Ausnutzung von Differentialen angewiesen, und andererseits können bislang unterdrückte Bevölkerungen sich selbst als lokal verankerte neue Subjekte konstituieren.

Dagegen – oder dafür – betont Hall die Bedeutung der «kulturellen Frage»: «Durch unterschiedliche Geschichtsverläufe, unterschiedliche Kulturen, ist über grosse Zeiträume hinweg eine bunt zusammengewürfelte Welt entstanden. Doch jetzt stürzen die Barrieren ein. Die Menschen sind gezwungen, zusammenzuleben. Die multikulturelle Frage ist folgende: Wie können sie es schaffen, ohne das, was sie ausmacht, ohne ihre Identität aufzugeben? Das nenne ich Differenz. … Mich interessiert die Politik des Verhandelns, durch die eine multikulturelle Gesellschaft in Zukunft möglich wird. Mich interessiert auch, wie das Andere, wie Differenzen in den Köpfen der Menschen funktionieren.» (Hall 2014, 201f.)

Auch an seiner eigenen Geschichte hat er früh die Migration als das zentrale Ereignis und Geschehen der Spätmoderne erkannt. Und daraus den Zustand der Diaspora als neue Positionierung – sowohl als Realität wie als Ziel. Dabei dürfe man nicht auf falsche Verheissungen einer neuen Ungebundenheit hereinfallen. «Menschen wie diese [in der Diaspora] sind selbstverständlich weder die fixierten Seelen der geschlossenen Diskurse des Fundamentalismus noch die verfügbaren, umherziehenden Nomaden der Postmoderne oder der globalen Homogenisierung. Die Subjekte der Diaspora tragen die Spuren spezifischer Geschichten und Kulturen, die Äusserungstraditionen, Sprachen, Texte und Bedeutungswelten an sich, die sie unwiderruflich geprägt haben […]. Doch die Spuren, die in der Formation solcher Identitäten am Werke sind, sind niemals singuläre, sondern immer multiple». (Hall 2017, 184)

«New Labour»

«Marxism Today» wurde im Dezember 1991 eingestellt – die orthodox kommunistische Leserschaft war längst abgesprungen, eine neue konnte ohne institutionelle Anbindung nur ungenügend gewonnen werden. Das folgende Jahr bedeutete für die linke Politik in Grossbritannien eine Wasserscheide. Alle Linksengagierten hatten, öfters zähneknirschend und im Bewusstsein, dass es sich wohl nur um das kleinere Übel handeln werde, auf einen Wahlerfolg von Labour gehofft, um 13 Jahre konservativer, neoliberaler Dominanz brechen zu können. Doch die Konservativen schafften unter dem farblosen John Major nochmals den Machterhalt. Es gab zwei Reaktionsweisen darauf. Die eine war «New Labour»: die Partei mit allen Mitteln mehrheits- und machtfähig trimmen. Vieles über Bord werfen, an einigem Wenigem festhalten. Die andere war, hartnäckig an den Defiziten der Analyse und an deren Behebung weiterarbeiten.

1995 gründete Hall deshalb zusammen mit der Politgeografin Doreen Massey und dem Ökonomen Michael Rustin nochmals eine neue Zeitschrift, «Soundings». In der ersten Nummer im Herbst 1995 wurde von «ungemütlichen Zeiten» und davon gesprochen, dass der weiter voranschreitende Rechtsrutsch in den westlichen Gesellschaften Anlass zur Unruhe und Sorge sei. Allerdings wolle die Zeitschrift «gerade der Meinung entgegentreten, die Ideale von Demokratie und Gleichheit seien ein für allemal erledigt». Der Labour-Wahlsieg im Mai 1997 zog einen Teil der kritischen Intelligenz ab. Etliche ehemalige Kritiker, auch Mitarbeiter von «Marxism Today» wie Geoff Mulgan, machten sich auf einen neuen Marsch durch die Institutionen. Linksliberale Intellektuelle wie Anthony Giddens propagierten enthusiastisch einen nebulösen «dritten Weg». Zurück blieben eine paralysierte Linke und ein akademisches Ghetto. «Soundings» bemüht sich bis heute um die Verknüpfung dieser Bereiche und einen Dialog mit kontinentaleuropäischen Traditionen.

«Common-sense Neoliberalismus»

Politisch hatte sich Hall nie irgendwelchen Illusionen über New Labour hingegeben und veröffentlichte 1998 in «The Great Moving Nowhere Show» in Parallele zu seiner bahnbrechenden Thatcher-Kritik zwanzig Jahre zuvor eine scharfe Abrechnung mit Tony Blair. Weiterhin aber hielt er Labour für eine «hybride Konstruktion» (Hall 2014, 166), in der eine sozialdemokratische Agenda durch die neoliberale Agenda verdrängt werde, die allerdings in bestimmten Bereichen wie der Erziehung oder Gesundheitswesen noch auf Widerstand stosse.

Die Finanzmarktkrise von 2008 schien die Krise des Neoliberalismus einzuläuten. Doch in einem Gespräch mit Doreen Massey im Jahre 2010 deutete er an, was sich seither bestätigt hat: Trotz Finanzmarktkrise ist es den Ideologen des Kapitals gelungen, die Ökonomie vom Ideologischen und von der Alltagsphilosophie zu trennen. Es gab eine vorübergehende Kritik am ‹überbordenden› Finanzkapitalismus, an den Abzockern, sogar eine vorübergehende Rückkehr zu wirtschaftspolitischen Regulationen; aber das Denken über die Gesellschaft blieb das Alte. Die neoliberalen Verheerungen in den Köpfen zeigen sich im Promi-Kult, im Sport mit seinem meritokratischen Ethos, oder dem Versprechen, dass wir alle durchs Fernsehen Stars werden können.

2013 starteten die «Soundings»-HerausgeberInnen Stuart Hall, Doreen Massey und Michael Rustin eine Artikelserie «After Neoliberalisms? The Kilburn Manifesto». Noch einmal ging es darum, die Krise und ihre ‹Überwindung› besser zu verstehen. War der Neoliberalismus hegemonial geworden, hatte er sich also Gesellschaft und Subjekte, Körper und Seelen unterwerfen können? Solche Fragen sind nicht akademische Wortklaubereien, sondern dienen dazu, sich klarzumachen, wie man den Neoliberalismus bekämpfen und die Bedingungen für eine gute und gerechte Gesellschaft herstellen kann.

Stuart Hall hat in diesem Band, kurz vor seinem Tod, zusammen mit Alan O’Shea den «Common-sense Neoliberalismus» analysiert. Common-sense wird als inkohärenter Alltagsverstand gezeigt, der doch handlungsanleitend ist. Zumeist ist er konservativ, schleppt alte Elemente mit – etwa das alttestamentarische Motto «Auge für Auge, Zahn für Zahn» – , an deren Verbreitung von rechts zugleich aktiv gearbeitet wird. Common-sense enthält aber auch progressive Elemente, die man als «good sense», als sinnvoll bezeichnen könnte – etwa die Einsicht, dass wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Unsere verschiedenen sozialen Rollen müssen im Common-sense miteinander vereinbart werden, damit wir handeln können. Nach dreissig Jahren Neoliberalismus hat sich das Konsumdenken in eine dominante Position geschoben. Wir wissen zwar, dass es Menschen und Zeit braucht, um uns als Kranke zu pflegen, aber wir empfinden uns immer weniger als Patienten, sondern als Konsumenten von Gütern des Gesundheitsmarkts, der ‹rationell› bewirtschaftet werden kann.

Hall analysiert den zeitgenössischen Gebrauch eines Begriffs wie «Fairness». Die war einst ein Konzept im Wohlfahrtsstaat. Dieses Verständnis ist seit langem unterminiert. Ein Neoliberalismus, der sich des Common-sense der Menschen bemächtigen will, fordert jetzt Fairness für jene hart arbeitenden Menschen, die nicht – wie Ausländer oder Sozialschmarotzer – auf Kosten der anderen leben. Aus einem umfassenden Verständnis von Fairness ist ein selektives, ausschliessendes geworden. Fairness gilt nur für diejenigen, die etwas dafür leisten. So ist auch dieser Begriff ins Marktdenken eingefügt worden.

Hall zeigt aber in detaillierten Analysen von Online-Kommentaren der grössten englischen Boulevardzeitung «Sun», dass im Common-sense doch nicht alles so glatt abläuft, dass Widersprüche auftreten, dass Elemente solidarischen Verhaltens mit den Schwächeren der Gesellschaft unverhofft auftauchen, aber ‹wegerklärt› werden. Eine oppositionelle Politik müsste hier ansetzen: Die Rahmenbedingungen zeigen, in denen Diskurse stattfinden, und zugleich Eingriffe zu deren Umformulierung anbieten.

Die aktuelle Pandemie liefert dazu reichhaltiges Material. Gegen den allherrschenden Konkurrenzkapitalismus wird nicht nur die Rolle des Staates aufgewertet, sondern ein Begriff wie Solidarität ist plötzlich in aller Munde. Doch der Backlash beginnt bereits. Trump und die SVP versuchen, die Pandemie-Bekämpfung in ihre Konstruktion der Elite versus das wahre Volk einzubauen. Dabei entstehen durchaus Ambivalenzen und Widersprüche. Die Multimilliardärin aus Chur solidarisiert sich plötzlich mit der Coiffeuse aus dem Kosovo. Gegen solche Äquivalenzen muss eine real verankerte Bedeutung der Solidarität rekonstruiert werden.

Stefan Howald

Literatur

Stuart Hall: «Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln». Aus dem Englischen von Ronald Gutberlet. Argument / InkriT. Berlin 2020. 304 Seiten.

Stuart Hall: «Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse. Ethnie. Nation». Herausgegeben von Kobena Mercer. Mit einem Vorwort von Henry Louis Gates Jr. Aus dem Englischen von Frank Lachmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2017. 221 Seiten.

Stuart Hall: «Ausgewählte Schriften in 5 Bänden». Argument Verlag, Hamburg 1989ff.– «Ideologie. Kultur. Rassismus». Ausgewählte Schriften 1. Hamburg 1989 (Neuauflage 2012).– «Rassismus und kulturelle Identität». Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994 (Neuauflage 2012).– «Cultural Studies. Ein politisches Theorieprojekt». Ausgewählte Schriften 3. Hamburg 2000.– «Ideologie. Identität. Repräsentation». Ausgewählte Schriften 4. Hamburg 2004.– «Populismus. Hegemonie. Globalisierung». Ausgewählte Schriften 5. Hamburg 2014.

Der Argument-Verlag bereitet eine Zusammenfassung dieser fünf Bände in zwei Bänden vor, von denen der erste, «Schriften1», noch im Mai erscheinen sollte.


Teile dieses Artikels sind in einem Nachruf auf Stuart Hall 2014 im Widerspruch 65, S. 169–177, erschienen, siehe https://www.widerspruch.ch/widerspruch-65-0.

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Dieses kostbare Gut der Zivilcourage

Alice Grünfelder im bücherraum f

Wie entsteht Zivilcourage? Warum engagieren sich die einen, während andere wegschauen? Was kann ein solches Engagement erreichen? Sagt uns die Friedensbewegung heute noch etwas, und was lässt sich aus deren konkreten Aktionen lernen? Solche Fragen stellt Alice Grünfelder in ihrem Buch «Wird unser Mut langen?», das sich mit dem Protest in Deutschland gegen die Nato-Nachrüstung in den 1980er Jahren beschäftigt.

Im bücherraum f stellte sie es im Februar 2020 vor.

Der bücherraum ist reichhaltig bestückt mit Materialien zu Friedensbewegungen im 20. Jahrhundert. Da findet sich eine Schrift von Karl Liebknecht, eine fragile Erstausgabe, «Militarismus und Antimilitarismus», erschienen 1911 im Verlag der Buchhandlung des Schweizerischen Grütlivereins in Zürich. Was die Schweiz betrifft, so sind Materialien zur religiös-sozialistischen Vereinigung gut vertreten, die immer einen starken pazifistischen Flügel hatte. In eine ähnliche Tradition gehören die Schriften zu Charles Naine (1874–1926), dem welschen Sozialdemokraten und Pazifisten. Neben zwei biografischen Abrissen findet sich als Originalausgabe die «Verteidigungsrede des Genossen Karl Naine vor dem Kriegsgericht der II. Division in Freiburg, am 24. September 1904».

Auf der andern Seite ist auch eine offizielle Schrift wie «Soldat und Bürger» von 1916 vorhanden, die als ein «Beitrag zur nationalen Erziehung des Schweizers» Nation und Armee via ein patriarchales Rollenbild zusammenschweissen will. Oder dann Schriften zur eher skurrilen Debatte um eine schweizerische Atombewaffnung, die in den 1950er Jahren geführt wurde und die Walter Matthias Diggelmann in seinem Roman «Das Verhör des Harry Wind» aus dem Jahr 1962 quasi-dokumentarisch seziert hat – das Buch ist im bücherraum f ebenfalls vorhanden. Dagegen steht wiederum eine kürzlich erschienene Broschüre zum unermüdlichen Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer Arthur Villard (1917–1995). Und dann natürlich Berichte zur grossen Demo 1981 in Bern gegen die westliche Nachrüstung. Schliesslich als ein Höhepunkt: die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). Neben andern Materialien sind die meisten GSoA-Jahrbücher 1987 bis 1992 vorhanden, als Zusammenschnitt von reproduzierten Presseberichten gestalterisch nicht über jeden Zweifel erhaben, aber unerlässliche Dokumentationen zum Thema.

In diesem Klima der Nach- und Aufrüstung in den 1980er Jahren ist auch das Buch von Alice Grünfelder zu den Friedensblockaden in Mutlangen angesiedelt. 2018 hat Grünfelder den Roman «Die Wüstengängerin» (edition 8) vorgelegt, der anlässlich einer eindrücklich evozierten Reise durch China die Unterdrückung der UigurInnen thematisiert. Ihr neues Buch ist dokumentarisch und historisch, behandelt den Widerstand in Mutlangen und Schwäbisch-Gmünd in Baden-Württemberg gegen die Stationierung der Pershing-II-Raketen zwischen 1983 und 1987.

Im bücherraum las sie aus vier Kapiteln mit vier unterschiedlichen Fragestellungen. Ausgangspunkt ihrer historischen Recherche war für sie, die selbst in Schwäbisch-Gmünd aufwuchs, die Frage, warum der US-amerikanische Stützpunkt bei Mutlangen so lange so widerspruchslos hingenommen worden war. Immer wieder hatte es ja Unfälle mit Lastwagen und grossen Zugfahrzeugen gegeben. Doch blieb die US-Armee als Arbeitgeberin wichtig und wurde als fragloser Bestandteil des Alltags akzeptiert. Grünfelder bezieht sich darin selbstkritisch ein. «Auf keinen Fall aber hätte ich mich damals Hand in Hand in einem grossen Kreis auf dem Gmünder Johannisplatz aufgestellt. Wäre ja peinlich gewesen. Man wäre als Spinner angesehen worden. Und womöglich wäre man noch angesprochen, belächelt, beschimpft worden. Geschämt hätte ich mich in Grund und Boden, gebracht hätte es eh nichts. Vielleicht, wenn Freunde in so einer Gruppe gewesen wären, vielleicht hätte ich dann mitgemacht.»

Tatsächlich entstand die Widerstandsbewegung gegen die Aufrüstung des Stützpunktes mit weit reichenden Pershing-II-Raketen, anders als etwa lokale Anti-AKW-Aktionen, von aussen. Sie brachte zuweilen Prominenz wie Heinrich Böll, Petra Kelly und Oskar Lafontaine vor Ort. Die einheimische Bevölkerung reagierte eher abweisend, ja feindselig. Natürlich gab es Ausnahmen. Zwei, drei lokale AktivistInnen kommen zu Wort. Sie stehen in einer Tradition des Nonkonformismus, zum Teil durch eine radikale Religiosität befeuert. Für den Widerstand aber braucht es einen bewussten Entscheid. Und die Bereitschaft, die Konsequenzen zu tragen, wie Grünfelder an einem Lehrer erläutert «Schließlich wuchs man an zivilem Ungehorsam und Widerstand. Er habe bis zu seinem Engagement in bürgerlicher Angst vor juristischen Sanktionen gelebt. Man muss sich der eigenen Angst stellen und sie aushalten, sagt einer der damals Beteiligten. Zivilcourage eben.»

Dabei waren die Formen des Widerstands vielfältig. Er blieb zwar jederzeit gewaltlos, doch die Blockaden vor den riesigen Zugfahrzeugen für die Raketen waren nicht ungefährlich und wurden nicht von allen mitgetragen. Intern und nach aussen liessen sich drei Gruppierungen unterscheiden: Die einen setzten auf gewaltlose Aktionen im Sinne von Gandhi, durchaus in passiver Konfrontation mit der Polizei. Eine zweite Gruppe favorisierte Aufklärung. Und schliesslich agierte die sogenannte Pressehütte, aus einer Gruppe entstanden, die Öffentlichkeitsarbeit betrieb. In einer Scheune untergebracht, garantierte sie bald die Kontinuität der Bewegung. Hier wurden aber auch originellere Formen direkter Aktionen entwickelt. In der bisherigen Geschichtsbeschreibung zu Mutlangen stehen die Blockaden im Vordergrund, wobei, wie Grünfelder bedauernd festhält, die Spassguerilla etwas aus dem Gedächtnis geriet.

In ihrem Buch schildert sie das Engagement, aber auch die Probleme der Bewegung. Das schliesst eine kritische Selbstbefragung ein, das Schwanken zwischen Optimismus und Pessimismus. Untereinander war man sich nicht immer einig, und der basisdemokratische Anspruch brachte etliche Reibungsverluste und Umwege mit sich.

Als wichtigstes Prinzip erwies sich die Form der Bezugsgruppe. Wer mitmachten wollte, musste sich einer Gruppe anschliessen. Diese Gruppen konnten sich unterschiedlich akzentuieren und unterschiedliche thematische Schwerpunkte setzen, doch wurde in ihnen sowohl gewaltfreies Verhalten eingeübt, wie auch die Demokratie innerhalb einer Gruppe und die Konsensfähigkeit ausprobiert.

In der Diskussion im bücherraum f wurde anlässlich des Prinzips der Bezugsgruppe eine Verbindung zur aktuellen Klimabewegung hergestellt, die sich ebenfalls um eine nicht-hierarchische, nicht zentralisierte Entscheidungsfindung bemüht. Und es wurde die Frage aufgeworfen, was der jahrelange Widerstand denn gebracht habe. Grünfelder war realistisch: Als die Bewegung um 1987 erlahmte, blieben die Raketen weiterhin stationiert. Dann, in einem geänderten weltpolitischen Klima, wurden sie 1990 schliesslich abgezogen. Zu diesem anderen Klima beigetragen hat im Westen allerdings auch die Friedensbewegung.

Grünfelder lässt eine der AktivistInnen zu Wort kommen: «Ja, man muss sich überwinden, sich zu widersetzen. Manchmal auch auf der Straße. Ich habe immer gesagt, wenn ich etwas als richtig erkannt habe, muss ich es tun, auch wenn ich nicht weiß, wie sich alles letztlich entwickelt.» Und sie kommentiert: «Es ist wie der Kampf des Don Quijote, der auch andere auf Trab hält. Couragierte Menschen werden zu einer verlässlichen Größe, zum Sand im Getriebe. Je mehr Menschen mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.»

Alice Grünfelder: Wird unser Mut langen? Ziviler Ungehorsam für den Frieden. Edition Weite Felder. Zürich 2019. Broschur, 140 Seiten, 12 Euro. (www.literaturfelder.com/wird-unser-mut-langen/)

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Weltreiselust

Ella Maillart, die kühnste Schweizerin

Einer der ersten Reiseberichte aus der jungen Sowjetunion. Durch China und Zentralasien, als das Reisen dort noch verboten war. In Indien bei einem Guru. Ella Maillart (1903–1997) hat viele Tabus gebrochen. Die Genferin segelte lieber, als zur Schule zu gehen, und vertrat die Schweiz an den Olympischen Spielen, gehörte später zum Nationalteam der Skifahrerinnen. Ganz Asien hat sie in mehrfachen längeren Aufenthalten erkundet, von der Reise mit und der Beziehung zu Annemarie Schwarzenbach gar nicht zu reden. Ihre zahlreichen Fotografien haben ebenso ethnologischen wie künstlerischen Wert. Es gibt also viel zu erzählen und zu zeigen.

Monika Saxer und Stefan Howald stellten Ella Maillart am 21. Februar im voll besetzten bücherraum f in Wort, Bild und Ton vor.

Mit einer Vierercrew wollte die 23-jährige Maillart den Atlantik überqueren. «Ich denke, dass die Männer in den Häfen damals vor Staunen fast vom Quai gefallen sind, wenn die vier jungen Frauen jeweils einliefen. Das wäre noch heute so – damals muss es einfach umwerfend gewesen sein», sagt dazu einer, der auch schon die Welt umsegelt hat. [ … ]

Man kann bei ihr von einer Ethik der Reise und des Entdeckens sprechen. Dazu gehörte, dass sie sich dem Alltag aussetzte. Das war nicht blosse Abenteuerlust, etwa mit einer Karawane mitzureisen, sondern sie wollte den einheimischen Lebensstil mitmachen. Auch später hat sie meist die einfachsten öffentlichen Verkehrsmittel benützt, die einheimischen Speisen gegessen, wenn immer angebracht auf einheimische Sitten und Gebräuche Rücksicht genommen. In einem Grundsatztext «Warum ich reise» von circa 1952 hat sie formuliert: «Oft denke ich, dass das Reisen in erster Linie in uns dies Gefühl der Solidarität, der Verbundenheit wecken sollte, ohne das eine bessere Welt nicht möglich ist.» [ … ]

Neben den zu ihrer Zeit sehr erfolgreichen Büchern über ihre Reisen hat sie auch ein bemerkenswertes Buch über ihren fünfjährigen Aufenthalt in Indien geschrieben, «Ti-Puss. Mit einer Katze in Indien». Ti-Puss, die sie als Kätzchen gerettet hat, wird in präzisen und detaillierten Schilderungen in aller Liebe beobachtet. Katzenliebhaberinnen und sogar Katzenfeinde müssen immer wieder bestätigen: Ja, so sind sie, die Katzen, und so sind wir, ihnen gegenüber. Daneben läuft der breitere realistische Strang: Der Alltag, die Reisen in den Eisenbahnen, in den Frauenabteilen dritter Klasse – dabei erscheinen die grossen indischen Eisenbahnzüge als Verdichtungspunkt einer in die Moderne gezerrten Klassen- und Massengesellschaft. Viel ist zudem von Meditation die Rede, wobei einige der Swamis und einige Praxen der indischen Religiosität durchaus mit etlicher Ironie gesehen werden.

Während ihrer Zeit in Indien begann Maillart auch ein Buch über die Reise mit Annemarie Schwarzenbach; und man wird in den lyrischen Beschreibungen ihrer Katze – vor allem gegen den Schluss hin zuweilen auch verstörend – die Beziehung zu Annemarie erahnen. Auf einer dritten Ebene aber ist die Beziehung zur Katze ein Sinnbild und ein Prüfstein für die Beziehung zu Menschen, zur Welt insgesamt. Soll man sich durch Liebe binden? Muss sich die Liebe nicht vom ursprünglichen Objekt der Liebe lösen und in die Liebe an sich übergehen? Muss diese Liebe und diese Loslösung schliesslich nicht in die Auflösung und ins Nichts münden? Maillart diskutiert diese vedantische Philosophie, und sie hat sie womöglich auch angestrebt, aber sie unterläuft sie zugleich wieder, da sie doch voller Liebe für ihre Katze, dieses ganz unverwechselbare individuelle Subjekt bleibt. [ … ]

Ende 1945 kehrte Ella Maillart aus familiären Gründen in die Schweiz zurück, nach Chandolin im Val dʼAnniviers. Hier fand sie ein Leben, das sie an das nomadische oder zumindest bergbäuerliche in Zentralasien erinnerte, und hier baute sie 1948 zusammen mit einheimischen Handwerkern ein Chalet, von dem aus sie jährliche Reisen nach Asien unternahm. [ … ]

Ein ausführlicher Artikel über Ella Maillart mit vielen Fotografien findet sich hier: Maillart_Vortrag_Website

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bücherraum f: das Jahr 2019

21 öffentliche Veranstaltungen: So viele Abende hat der bücherraum f im Jahr 2019 organisiert, dazu kamen 5 weitere Aktionen, an denen wir beteiligt waren.

Das Spektrum reichte von der Philosophie über die Kultur bis zur Politik. Insgesamt nahmen rund 500 Besuchende an diesen Veranstaltungen teil, wobei wir mittlerweile auf einige treue StammbesucherInnen zählen dürfen.

Das Programm lässt sich grob in drei Stränge einteilen: Da ist erstens die beliebte Rubrik «ausgelesen». Zweitens klassische Lesungen zumeist zu literarischen Büchern. Drittens Vorträge und Diskussionen eher zu politischen Themen.

D en Auftakt in der Reihe «ausgelesen» machte Melinda Nadj Abonji. Sie sprach zuerst über die Bedeutung, die Literatur für sie selbst hat, und stellte dann eine Auswahl engagierter literarischer und politischer Bücher vor, wobei sie insbesondere auf Rosa Luxemburg hinwies, zu der gegenwärtig verschiedene Initiativen laufen, eine Strasse oder einen Platz in Zürich nach ihr zu benennen. Nadj Abonji nahm später im bücherraum f nochmals an einer geschlossenen Veranstaltung mit der Luise-Büchner-Gesellschaft aus Darmstadt teil.

Stefan Howald führte die Gesellschaft zudem auf den Spuren von Luise Büchner durch Zürich und später andere Interessierte auf den Spuren ihres Bruders Georg Büchner durch Oerlikon. Zu dieser Gelegenheit gab es im bücherraum eine kleine Ausstellung des Fotografen Florian Bachmann mit Bildern eines durch ein modernes Zürich flanierenden Büchner.

Jeannette Fischer stellte ihr «ausgelesen» unter das Motto Künstlerinnen und ihre Mütter, mit teilweise provokativen Thesen, die lebhafte Diskussionen auslösten. Ueli Mäder referierte eloquent über 68 und die Folgen, bis in die Gegenwart, mit Hinweisen auf den unermüdlichen Jean Ziegler und Bini Adamczak. Jo Lang präsentierte anhand einiger einschlägiger Bücher den Weg in der Schweiz zum Frauenstimmrecht, den er in der prägnanten These zusammenfasste, dass dessen Akzeptanz möglich geworden sei, nachdem das traditionelle Armee- und damit Männerbild sich zu zersetzen begonnen habe. Peter Schneider zeigte, mit lebensgeschichtlichen Anekdoten unterlegt, die Debatten über Folgen und Grenzen der modernen Welterschliessung durch Psychoanalyse und Philosophie.

Was Vorträge betrifft, so referierte Beat Dietschy unter dem Titel «Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen» aus breiter Sachkenntnis über die Beziehungen von Ernst Bloch zur Schweiz, in Leben und Werk. Philipp Löpfe präsentierte fundierte Thesen zum Phänomen Trump und wagte vorsichtige Prognosen, wie seine Wiederwahl verhindert werden könnte. Daran knüpfte Franziska Schutzbach mit Analysen zur Rhetorik der Rechten und deren ideologischen Bezugnahmen zu Alltagsfragen an. Rolf Bossart sprach über die verflixte Beziehung der Linken zur Religion und plädierte für eine grössere Kenntnisnahme und Offenheit; Urs Sekinger zog eine Bilanz über die internationale Solidaritätsbewegung in der Schweiz, wobei sich die Diskussion um mögliche Lehren aus der und für die Klimabewegung drehte; und Catherine Aubert skizzierte einige Probleme, die sich in binationalen Ehen ergeben und welche politisch-sozialen Forderungen sich daraus ableiten lassen.

 

Für Lesungen durften wir insbesondere einige prominente Autorinnen begrüssen. Den Jahresauftakt machte Monika Stocker, die aus Geschichten vorlas, die sich aus ihren vielfältigen Erfahrungen im Sozialbereich speisen. Isolde Schaad stellte aus ihrem neusten Buch «Giacometti hinkt» Gangarten in der modernen Stadt vor, in Texten, die doppelbödige Ironie mit liebevoller Nähe verbinden. Dagmar Schifferli vergegenwärtigt in ihrem jüngsten Werk «Wegen Wersai» lebhaft die sechziger Jahre, die bis ins Kulinarische hinein nachvollziehbar wurden. Zusammen mit dem Limmat Verlag und der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung organisierten wir eine Vernissage für das Buch «Heisse Fäuste im Kalten Krieg» von Rafael Lutz, einer Studie über den Antikommunismus in der Schweiz in den fünfziger Jahren, wobei auch einige damalige Zeitgenossen teilnahmen. Besondere Beachtung fand der Besuch von Else Laudan, die mit viel Enthusiasmus über politische Krimis generell und ihre Arbeit als Herausgeberin der bekannten «Ariadne»-Reihe im Argument-Verlag sprach und ebenso engagiert Lesetipps vermittelte.Einige Veranstaltungen hatten einen lokalen Bezug, so berichtete Monika Wicki über Robert Grimm in Oerlikon, mit vielen Dias, die bei einigen Anwesenden nostalgische Erinnerungen weckten. Eine Diskussion über Genossenschaften mit Alfons Sonderegger und Christian Häberli stellte auch die IG Grubenacker vor, die ein alternatives Konzept für die städtische Überbauung an der Thurgauerstrasse in Seebach vorschlägt.

Der bücherraum f ist ja an der Grenze zwischen Oerlikon und Seebach angesiedelt; wir haben deshalb an der Adventsfensteraktion des Quartiervereins Seebach teilgenommen, selbstverständlich mit einem säkularen Fenster, in dem rote und andere Sterne einem Stapel Bücher entspringen. Im Dezember fand auch die Wortpflanzung mit René Gisler statt: Seither steht exklusiv an der Jungstrasse 9 die «Reimgewinn» (incrementum loqui).

Dem bücherraum angeschlossen ist zudem die Forschungsstelle Dora Koster. Stefan Howald hat deren Nachlass erschlossen und präsentierte zum 2. Todestag der Zürcher Malerin und Schriftstellerin Bekanntes und Unbekanntes. Dazu las Martin Butzke eindringlich ein paar unverwechselbare Gedichte von Dora Koster; im bücherraum sind weiterhin ein paar Gemälde von ihr ausgestellt.

Ausführliche Berichte zu allen Veranstaltungen sind auf unserer Website unter blog/Aktuelles nachzulesen.

Die Erschliessung der beiden Bibliotheken geht weiter. Deren Benutzung könnte noch gesteigert werden. Wir sind dreimal in der Woche zu unterschiedlichen Zeiten geöffnet. Insbesondere für Studierende oder an einem speziellen Thema aus unseren Sammelbeständen Interessierte bieten wir vielfältige Materialien, die vor Ort gesichtet und ausgewertet werden können. Die Kataloge der beiden Bibliotheken sind online einsehbar. Berichte über einzelne Stücke aus unseren Beständen sind ebenfalls auf unserer Website nachzulesen, etwa über Afrikanische Heldinnen, Karl Kraus, Wilhelm Reich, die «frauezitig» oder jüngst über die Zeitschrift «alternative».

Bücher kann man nie genug haben. Wenn die Büchergestelle voll sind, empfiehlt es sich, die bisherigen Bestände teilweise auszutauschen. Mittel dazu finden sich in unserem Doublettenverkauf. Für 3 bzw. 5 Franken stehen mittlerweile rund 500 Titel zur Auswahl, siehe https://www.buecherraumf.ch/doubletten.php.

Unsere gediegenen Werbeauftritte besorgt weiterhin die Grafikerin Helen Ebert. Der bücherraum f wurde 2019 in grösseren Artikeln im BOA-Info, in der Lokalzeitung Zürich Nord sowie im Info der Studienbibliothek vorgestellt. Verdankenswerterweise hat uns in diesem Jahr die max-bill-georges-vantongerloo-stiftung mit einem namhaften Beitrag unterstützt. Dazu zählen wir weiterhin auf unsere MäzenInnen und Mitglieder sowie auf Spenden und Kollekten.

Wir bemühen uns auch im kommenden Jahr, für unterschiedliche Geschmäcker etwas zu bieten; das Unterhaltende mit dem Lehrreichen zu verbinden, mit einer feministischen und fortschrittlichen Perspektive, wie es dem f im bücherraum f entspricht.

Stefan Howald

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Rote Hefte im Format A5

Bücherräumereien (XVIII): die «alternative»

Ihr Name war Programm: Die «alternative» war ab Mitte der 1960er Jahre die wichtigste kritische kultur- und literaturtheoretische Zeitschrift im deutschsprachigen Raum. Sie rekonstruierte marxistische Positionen aus der Weimarer Republik und transportierte nach 68 die französische Literatursoziologie und den Poststrukturalismus nach Deutschland, vor allem auch in seiner marxistischen Variante: Louis Althusser und Etienne Balibar.

Begonnen hatte sie als Literaturzeitschrift «Lyrische Blätter». Im Umfeld der Protestbewegung gegen die drohende nukleare Aufrüstung der Bundesrepublik fusionierten die «Lyrischen Blätter» mit dem kleinen Magazin «Visum für Lyrik, Prosa und Graphik» zur «Alternative – Blätter für Lyrik und Prosa», herausgegeben von Reimar Lenz und Richard Salis. Ihr Anspruch war es, «Alternativen zur sprachlichen und existenziellen Indifferenz» Raum zu geben. Zunächst stand besonders der literarische Austausch zwischen Ost und West im Fokus der vierteljährlich erscheinenden Hefte. Ende 1963 wurden in der bereits von der Literaturwissenschaftlerin Hildegard Brenner verantworteten Doppelnummer 33/34 Texte einer neuen Generation von DDR-SchriftstellerInnen erstveröffentlicht, zum Beispiel Volker Braun, Peter Hacks, Christa Reinig, Johannes Bobrowski, Wolf Biermann, Günter Kunert, Heiner Müller, Franz Fühmann und andern.

1964 übernahm Brenner den Verlag und die Herausgabe der Zeitschrift, nunmehr mit dem Untertitel «Zeitschrift für Literatur und Diskussion». Die «alternative»-Jahrgänge wurden mit Jahrgang 7 weitergezählt. Zur Redaktion gehörten in den ersten Jahren neben Hildegard Brenner unter andern Georg Fülberth, Helga Gallas, Klaus Laermann, Helmut Lethen und Peter B. Schumann. Mit dem Jahrgang 1964 wurde auch die unverwechselbare, bis zuletzt beibehaltene Gestaltung durch Ulrich Harsch eingeführt: rote Hefte im Format A5, fernab jeden Glamours, mit einem verstärkten matten Kartoneinband, einfach (bzw. zweifach) geheftet. Oben und unten und am linken Rand stand der Text eng gedrängt, während auf der rechten Seite ein breiterer Rand für Notizen blieb.

Von Benjamin zur Literatursoziologie

Brenner schrieb selbst nicht so häufig, blieb aber all die Jahre über unbestrittener Mittelpunkt der Redaktion. Mit ihr verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend in Richtung theoretischer Diskussionen und kritischer Kulturtheorie. Sie selbst hat das in der letzten «alternative» 145/146, die 1982 erschien, skizziert. «Stück für Stück holten wir die durch die NS-Zeit abgebrochene linke Tradition der Weimarer Republik hervor: Namen wie [Karl] Korsch, den kannte damals niemand, und die MASCH, die marxistische Arbeiterschule in Neukölln, die Lehrstücke Brechts in den späten 20ern, seine Film- und Radioexperimente; des weiteren [Hanns] Eisler, Carl Einstein und andere.» Walter Benjamin natürlich, muss man hinzufügen. Da legte sich die «alternative» in zwei Heften 1967/68 mit dem Gralshüter Theodor W. Adorno und dem Suhrkamp Verlag an, denen vorgeworfen wurde, die damals begonnene Benjamin-Edition dazu zu benützen, Benjamins Politisierung der letzten Jahre kleinzureden.

1966 waren bereits der russische Formalismus und die Literatursoziologie von Lucien Goldmann vorgestellt worden. Letztere bedeutete nicht nur eine Auseinandersetzung um interpretatorische Methoden, sondern auch um die Verhältnisse, in denen solche Methoden angewandt wurden, also eine Analyse von Universitäten, Lehrerausbildung und Lehrmitteln. Mit Nummer 67/68 startete dann 1969 eine Debatte um eine «materialistische Literaturtheorie», die sich über elf Hefte bis Anfang 1976 hinzog.

Abschweifung nach Frankreich

Parallel dazu wurde eine noch radikalere Linie aufgegriffen. In Heft 66 vom Juni 1969 wurde unter dem Titel «Revolutionäre Texttheorie» die Gruppe Tel Quel präsentiert. Die Zeitschrift «Tel Quel» war 1960 in Paris gestartet worden, geprägt von Philipp Sollers, lose mit dem nouveau roman und anfänglich mit Autoren wie Michel Foucault und Jacques Derrida verbunden, die allerdings nie zur Kerngruppe gehörten, deren wichtigste RepräsentantInnen wurden später Roland Barthes und Julia Kristeva. Im «alternative»-Heft kam vor allem Philippe Sollers mit programmatischen Texten zu Wort, dazu kaum geniessbare literarische Texte, die den nouveau roman in sich als politisches Zertrümmern gerierender Hermetik zu übertrumpfen suchten.

Diesem Heft im bücherraum f liegt ein vervielfältigtes Typoskript bei: «Jenseits von Tel Quel – Die Bewegung des Kollektivs Change», eine wütende Abrechnung mit der Gruppe Tel Quel, der vorgeworfen wurde, im Mai 68 ihr wahres revisionistisches bzw. unpolitisches Gesicht gezeigt und sich aller internationalen Solidarität enthalten zu haben. Tatsächlich war in Frankreich 1968 ein Gegenprojekt gestartet worden, massgeblich geprägt von Jean-Pierre Faye, der aus der Redaktion von «Tel Quel» ausgeschieden war. Zwar balgte man sich zuweilen um die gleichen AutorInnen und erst recht um das gleiche Zielpublikum, doch wurde in «Change» einerseits stärker die Linguistik als neue Leitwissenschaft zur Analyse von Herrschaftsstruktur betont, andererseits der Anschluss an Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt gesucht. Ironischerweise wandte sich parallel dazu ab 1972 «Tel Quel» dem Maoismus zu, was 1974 zur berüchtigten Beurteilung der chinesischen Kulturrevolution als «Erfolg» führte. «Change» erschien vorerst dreimal im Jahr, ab 1979 dann nur noch als Jahrbuch, die Ausgabe vom März 1983 war die letzte; im Übrigen war «Tel Quel» schon ein Jahr zuvor durch ein Nachfolgeprojekt ersetzt worden.

Althusser und das Ende

Um 1970 erreichten die «alternative»-Hefte eine Auflage um die 8000, einzelne Hefte gar 10000 Exemplare. Einen neuen Schub erhielt das Projekt mit der «Entdeckung» von Louis Althusser und dessen Analyse ideologischer Staatsapparate. 1973 war im befreundeten VSA-Verlag ein Sammelband mit Althusser-Texen zu «Marxismus und Ideologie» erschienen, editorisch und typografisch grenzwertig dilettantisch, aber unverzichtbar wegen der deutschen Erstübersetzung von Althussers einflussreichem Artikel «Ideologie und ideologische Staatsapparate (Skizzen für eine Untersuchung)». Die «alternative» griff die Anregung begierig auf.

In der Nummer 97 von 1974 wurde ein früher Beitrag von Althusser zu Carlo Bertolazzi und Bertolt Brecht als «seltener Fall» vorgestellt, in dem «ein theoretisches Konzept – das der ideologisch-ästhetischen Praxis – an bekannten bzw. rekonstruierbaren Aufführungen (und zu ihnen gehören die Zuschauer) dargelegt wird». Dazu legten Otto Kallscheuer und Peter Schöttler begeisterte Rekonstruktionen des Ansatzes von Althusser vor. In der folgenden Nummer 98 begründeten Etienne Balibar und Pierre Macherey ein an Althusser geschultes Modell der Analyse der «Schule als Produktionsstätte literarischer Effekte». In Heft 99 wurde zudem unter dem Stichwort Ideologische Staatsapparate die Situation in Deutschland untersucht.

Drei Jahre später kam Etienne Balibar in der Nummer 116 erneut zu Wort, diesmal etliches pessimistischer, da angesichts der Neuen Philosophen in Frankreich die «Austreibung des Marxismus aus den Köpfen» thematisiert wurde. In zwei Doppelheften 1976/77 war auch ein Ausflug in die feministische Psychoanalyse unternommen worden, auflagenmässig erfolgreich, aber von der «alternative» kaum weiterverfolgt.

Tatsächlich erschöpfte sich der «alternative» Antrieb langsam. Der Jahrgang 1980 war schon von Melancholie überschattet. Die Nummer 130/31 thematisierte «Italienisches post-politico» und die folgende Doppelnummer sprach über Walter Benjamin nicht mehr als Produktivkraft, sondern über die «Faszination Benjamin», und geradezu kulturpessimistisch wurde festgehalten: «Armut heute: Warum ein brennendes Auto interessanter ist als ein politischer Inhalt». Zwar versammelte wenig später das Heft 137 nochmals Texte von Althusser, aber kurz darauf ging es um das «Indiz Sprachlosigkeit», im Titel noch mit einem Fragezeichen versehen, doch zeugten die Texte eher von Unverständnis gegenüber den neuen Protestformen etwa in der Punkbewegung. Die Auflage war auf unter 3000 gesunken, Tendenz weiter sinkend.

Dann, 1982, war mit einer Doppelnummer 145/46 Schluss. Der politischen Theorie war die Bewegung abhanden gekommen, oder, wie Hildegard Brenner im Rückblick relativierte: Der von ihr verkörperten Generation und deren theoretischen Anstrengungen war die Bewegung abhanden gekommen. Neue Theorieansätze und Politikformen waren nicht auszuschliessen, aber deren Vermittlung konnte und wollte die «alternative»-Redaktion nicht mehr leisten.

Was sich auch noch in der «alternative» lesen lässt: Der Münchhausen-Effekt:

http://www.stefanhowald.ch/aktuell/?p=3358

Im bücherraum f sind folgende «alternative»-Nummern vorhanden:

Hefte 46/66, 56+57/67, 59+60/68, 64/69, 66/69, 67+68/69, 72+73/70, 75/70, 83/72, 88/73, 92/73, 97/74, 98/74, 99/74, 104/75, 105/75, 106/76, 110+111/76, 118/78, 124/79, 130+131/80, 132+133/80, 137/81, 140+141/81, 145+146/82

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Freie Rhythmen

Bücherräumereien (XVII): Streiflichter auf die «Neue Schweizer Rundschau» 

Friedrich Hölderlin und Walter Benjamin: Das sind nur zwei der Namen, die in der «Neuen Schweizer Rundschau» um 1930 auftauchten. Die NSR war eine Monatszeitschrift mit bemerkenswert breitem Horizont, die 1907 als «Wissen und Leben» begonnen hatte und 1926 zur «Neuen Schweizer Rundschau» mutierte.

Die Nummer vom Juli 1931 beginnt kulturbeflissen genug, mit einem Beitrag über «chinesische Heiterkeit» und einem Auszug aus André Gides Drama «Oedipus». Dann folgt der Beitrag «Ein deutsches Gespräch» von Franz Blei, das zwischen einem mittelalterlichen Rheinländer, einem älteren Österreicher und einem jungen Bayern geführt wird. «Irgendein Anlass» lässt die drei das Gespräch mit Hölderlin beginnen, den der Bayer bewundert. Nicht so sehr als Dichter, wie der erzählende Österreicher vermutet: «Ich bin geneigt anzunehmen, dass er sich mehr mit Hölderlin dem deutschen Patrioten beschäftigt, auf der Suche nach dem geistigen Rüstzeug für seine politische Gesinnung. Er ist nämlich Nationalsozialist mit grossen Zweifeln an dem Hitler, geringeren an dem Goebbels und gar keinen an Ernst Jünger, Frontsoldat gleich ihm».

Nun feiern wir eben gerade Hölderlin zum 250. Geburtstag, siehe die kommende Ausgabe der WOZ vom 19. März, und da bleibt die konservative, ja faschistische Indienstnahme Hölderlins ein Thema. Im Aufsatz von Blei wird sie sozusagen im Gedankenlabor untersucht. Ausgangspunkt sind nicht iegendwelche Inhalte, sondern die Form der späten Gedichte, die der Bayer als «Hymnen in freien Rhythmen» bezeichnet, was der Österreicher als Widerspruch in sich abtut. Mehr noch, er findet bei Hölderlin immer wieder Lücken, die dieser «im fortreissenden Duktus» offen gelassen habe, um sie später womöglich auszufüllen, oder auch nicht. Für den Bayer hingegen «fehlt da nichts». Dahinter steckt dann doch eine inhaltliche Differenz, weil, wie der Österreicher meint, der Bayer «an dem Geschlossenen und Vollendeten dieser letzten Kompositionen des Dichters eben wegen deren Dunkelheit im Ganzen deshalb so interessiert [ist], weil sich daraus am besten das erlesen lasse, was ihm zu finden im Sinn liege: den prophetischen Seher, der den Nationalsozialismus voraussage». Der Österreicher hält den National-Sozialismus für einen Widerspruch in sich, zwischen dem Nationalen und Sozialen, was unweigerlich zur Sprengung führen müsse. Das ist historisch insofern berechtigt, als wenige Jahre später der «soziale» Flügel um Otto Strasser liquidiert wurde, unterschätzt aber doch den Nationalsozialismus und dessen Fähigkeit, Widersprüche für seine Anhänger lebbar zu machen.

Nicht vorhandener Wahnsinn

Von Hölderlin geht das Gespräch über den Nationalismus und das vermeintliche Deutschtum zu Ernst Jünger und der Kriegsverherrlichung, bis zum Schluss Hölderlin nochmals gestreift wird: «Dem Österreicher gefiel es, die Frage zuzuspitzen. […] Er griff auf Hölderlins nicht vorhandenen Wahnsinn zurück und auf das Erleiden einer ihm mässig feindlich gesinnten Umgebung, die ihn isolierte.» Diese recht abgewogene Darstellung wird nun tatsächlich weiter zugespitzt anhand des Serienmörders Peter Kürten, der damals eine Zelebrität war, und der «wie Hölderlin» sein Leben unbedingt leben wollte – was nun nicht nur beim Bayer, sondern auch beim Leser, ja beim Österreicher selbst eine Irritation auslöst, so dass er sich, nachdem er sich von seinen Gesprächspartnern verabschiedet hat, in einer Coda zu erklären versucht. Am Extremfall von Kürten könne der Ort des Mörderischen in unserer Gesellschaft bestimmt und zugleich die falsche Ansicht bekämpft werden, erfülltes Leben bestehe im Ausleben höchster Spannung, was etwa die Kriegsverherrlichung von Jünger und das Raubtierverhalten des Nationalsozialismus zumindest ideologisch abzuwehren vermöchte – wobei die Beziehung zu Hölderlin denn doch als eine fragwürdige Zuspitzung, womöglich Verirrung erscheint.

Hölderlin war übrigens schon früher in der NSR aufgetaucht: Franz Zinkernagel hatte 1926 in Heft 4 «Neue Hölderlin-Funde» vorgestellt, im Vorfeld der von ihm verantworteten Hölderlin-Gesamtausgabe. Es handelte sich dabei um zwei Jugendgedichte und einige Jugendbriefe, ferner um drei Fragmente, die schon in den 1840er Jahren von Christoph Schwab gesammelt worden waren. Darunter der Ansatz zu einem «novellenartigen Dialog», mit dem schönen Titel «Communismus der Geister», der durchaus communistisch das Gemeinschaftliche meint, aber doch vor allem im Bereich des Geistes als Bildung einer deutschen Akademie.

Idealismus des guten Willens

«Wissen und Leben» wurde 1907 massgeblich von Ernest Bovet (1870–1941) begründet, mit einem weit zielenden, selbstbewussten Namen, und formulierte im Editorial der ersten Nummer als Absicht die «Schaffung engerer Beziehungen zwischen Wissenschaft und Praxis, nicht nur um einer guten Popularisierung und vielseitigen Kultur zu dienen, sondern und hauptsächlich um die Entwicklung kräftiger, zielbewusster Individualitäten in idealistischer Richtung zu fördern». Bovet, Romanistikprofessor an der Uni Zürich, war ein umtriebiger Intellektueller, der nacheinander als Präsident des Schweizer Heimatschutzes und als Generalsekretär der Schweizerischen Vereinigung für den Völkerbund amten konnte. «Wissen und Leben» wollte gegen den schnöden Materialismus einen Idealismus des guten Willens fördern, distanzierte sich von jeder politischen Parteirichtung, vertrat aber durchaus fortschrittliche Postulate in der Sozialpolitik und setzte sich auch etwa für «volle Frauenrechte» ein.

1926 dann erschien sie mit neuem Namen und in neuem Gewand, weiterhin unter der redaktionellen Leitung von Max Rychner (1897–1965), der die Leitung 1922 übernommen hatte. Während die beiden ersten Jahrgänge noch bei Orell Füssli erschienen, wurde sie ab 1928 im Eigenverlag der Neuen Schweizer Rundschau mit Sitz bei Girsberger & Cie in Zürich herausgegeben.

Fünf Ausgaben liegen im bücherraum f vor, eine kleine Auswahl, doch zeigt sie die weit gespannten Themenbereiche, die frei schwebenden, zuweilen auch widersprüchlichen Ansätze und Positionen, wobei die Lektüre manche historischen Beziehungen aufspannt.

So enthält die Nummer vom Februar 1926 zuerst einen Schwerpunkt zur Religion, mit Beiträgen zum protestantischen Kirchenproblem und zum katholischen Kardinal J. H. Newman. Gleich anschliessend folgt ein Beitrag zur Psychoanalyse als Weltanschauung, der bemerkenswert positiv daherkommt. Er wiederum wird gefolgt von einem Beitrag über die «Amerikanerinnen», in einem Stil verfasst, der sich feuilletonistisch munter gibt, aber schon damals kaum fürs minderste Feuilleton taugte. Verfasser ist ein Reinhard Weer, wie es heisst «Schriftsteller in Zürich», und wenn man den einzigen weiteren Beitrag von ihm, der sich im Internet aufspüren lässt, als Massstab nimmt, dann ist es kein grosser Verlust, dass er seither als Autor vergessen gegangen ist. Gleich anschliessend berichtet ein Dr. jur. Ernst Honegger über die Säkularisierung in der Türkei; auch ihm haben es die Frauen angetan, so dass er tief in die Vergleichskiste der Zoologie greift: «die Haartracht zwar noch wohl bedeckt, doch ohne Schleier, so dass ihre ewig gleichen, scheuen Antilopen-Gesichtchen sich offen geben, knuspern auf den grossen Sandhaufen mit kleinen Bissen an ihren Maiskolben, so wie Eichhörnchen knuspern». Kulturgeschichtlich bemerkenswert kommt auch er auf die «Psychanalyse» zu sprechen und mutmasst, warum diese weder in der Türkei noch in Rumänien bisher habe Fuss fassen können. In ersterer sei man unhinterfragt in einem Kulturkreis eingeschlossen, in zweiterem würden die Triebe ausgelebt; in beiden Ländern seien entsprechend Mechanismen der Verdrängung nicht nötig – dieser angeblich wohlwollende Exotismus lässt dann allerdings auch durchblicken, dass auch die Sublimierung nicht vorhanden sei.

Ein angestocktes Seehundsgebiss

In der Nummer vom März 1927 steht ein Beitrag des deutschtümelnden Literaturprofessors Josef Nadler neben einer scharfen Abrechnung mit dem französischen nationalistischen Antidemokraten Charles Maurras. Bemerkens- und lobenswert ist die internationale Perspektive, in Politik wie Kultur. Anfang 1929 finden sich zum Beispiel ein Beitrag von Ernst Robert Curtius zu James Joyce, Texte von und zu Lytton Strachey, dazu Analysen jüngerer französischer Literatur. Wenig später, in der Nummer vom April, gibt es einen Schwerpunkt zu Bertrand Russell, und dann stösst man auf einen Beitrag von: Walter Benjamin. «Marseille» gehört zu einer Reihe von Städtebildern, die Benjamin, nachdem ihm eine akademische Karriere verwehrt worden war, zum Geldverdienen schrieb. Aus der selben Reihe hatte die NSR schon einmal, im Oktober 1928, einen Beitrag über «Weimar» abgedruckt. Marseille erscheint Benjamin als «gelbes, angestocktes Seehundsgebiss», das nach «schwarzen und braunen Proletenleibern» schnappt. Tatsächlich spürt er, wie Peter Szondi in einem Nachwort zu einem 1992 veröffentlichten Band solcher Städtebilder meint, dem Sozialen, Gemeinschaftlichen als Gegenstück zu der schmerzhaft erlebten Vereinzelung nach; das Metaphorische, das Szondi bei Benjamin feiert, kann ich am Beispiel von Marseille freilich nicht in allem als gelungen nachvollziehen.

Der Verlag der Neuen Schweizer Rundschau gab auch eigene Bücher heraus, etwa von Max Scheler und C. G. Jung. Die Zeitschrift wurde dann im April 1955 eingestellt, womöglich, weil ihre internationalistische Ausrichtung im beginnenden Kalten Krieg nicht mehr auf Interesse stiess. Rychner seinerseits hatte schon 1931 nach Köln gewechselt und war bis 1937 als Redaktor der «Kölnischen Zeitung» und Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» tätig. Nach zweijähriger Tätigkeit als Feuilletonchef beim Berner «Bund» leitete er von 1939 bis 1962 die Kulturredaktion der «Tat» in Zürich – das ist eine andere Geschichte.

Im bücherraum f sind folgende Nummern der «Neuen Schweizer Rundschau» vorhanden: 2/1926, 3/1927, 1/1929, 4/1929, 7/1931.

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Zuhause lesen

Aber es gibt ja eine Alternative: Zuhause lesen.

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Münchhausen-Effekt

Beim Stöbern in älteren Buchbeständen, was man nicht gerade als Aufräumen bezeichnen kann, auf das «alternative»-Heft Nummer 118 aus dem Jahr 1978 gestossen. Ja, die «alternative». Die war mal bahnbrechend, transportierte ab Ende der sechziger Jahre den französischen Poststrukturalismus nach Deutschland, vor allem in seiner marxistischen Variante: Louis Althusser und Etienne Balibar zuvorderst, aber etwa auch Michel Pêcheux.

Von dem stammt dieser Begriff: «Münchhausen-Effekt». Er trifft mich, da wir gerade die redaktionellen Arbeiten an einem Band mit «neuen Perspektiven» zum «Phänomen Münchhausen» abschliessen. Pêcheux hat den Begriff in seinem Buch «Les vérités de La Palice. Linguistique, sémantique, philosophie» von 1975 eingeführt. Mit ihm will er auf die «metaphysische Phantasie» aufmerksam machen, wonach sich das Subjekt als Quelle seiner eigenen Existenz versteht, sich als mächtig, eigenverantwortlich usw. setzt, obwohl es doch nur der Effekt ökonomischer und ideologischer Mechanismen ist, und er benennt diese Illusion in «Erinnerung an den unsterblichen Baron» und dessen in der klassischen, von Gottfried August Bürger der ersten englischen Münchhausen-Fassung beigefügten Geschichte überlieferten Fähigkeit, sich, mitsamt Pferd, am Perückenzopf aus dem Sumpf zu ziehen, in dem er zu versinken droht.

Nun gebe ich nicht vor, Pêcheuxs Buch gelesen zu haben; einige Auszüge daraus, im ursprünglichen «alternative»-Heft wie aktuell auf Englisch im Internet überflogen, bestärken mich im Vorurteil, dass der bei Althusser vorherrschende Gestus der vorbereitenden Umkreisung und Zerlegung von Problemen, der doch zumeist zu einer anregenden These führt, bei Pêcheux nur den ewigen Aufschub vorführt, und das bei Althusser zuweilen mystifizierende Vokabular, das doch zumeist einen realen Kern enthält, zum mystifizierenden Geraune geworden ist.

 Der «Münchhausen-Effekt», immerhin, ist ein verständliches, kräftiges Bild. Ebenso kräftig, wenn auch nicht gerade virtuos, ist die auf dem Titelblatt der «alternative» abgedruckte anonyme Illustration, die im Bildnis, oder besser: im Kopf des Barons anscheinend auf die berühmteste Münchhausen-Darstellung von Gustave Doré zurückgreift.

Die Zeichnung hat das Subjekt M. zerstückelt: in Haupt (mit Perücke) und Arm. Dabei hat die Hand den Zopf bereits losgelassen und lässt das Haupt zu Boden stürzen, in eine Blutlache: Das Subjekt ist doppelt entmachtet; ein Vorfall, der in zeitgenössischer Terminologie zuweilen mehr oder weniger weitreichend und gelegentlich auch blutig als Revolution gedacht und benannt wurde.

Tatsächlich erinnert das Bild ikonografisch an jene Phase der französischen Revolution, in der die Häupter der Adligen durch die Guillotine von ihren Rümpfen getrennt wurden, und es mag, im Jahr 1978, auch an jene Taten erinnern, die im einleitenden Artikel im gleichen «alternative»-Heft als «Provokationen der RAF» bezeichnet werden. Andererseits mag sich die Lache auch als grosser Tintenklecks lesen lassen, was den Subjektsturz zum literarischen Akt erklärte.

Erkenntnistheoretisch bleibt das Bild allerdings defizitär. So verspricht es, die Frage der Subjektkonstituierung mit einem Streich zu erledigen, indem die Frage durchgestrichen, also der gordische Knoten zerhauen wird. Mit diesem Voluntarismus wird gerade nicht eingelöst, was der Untertitel des Hefts verspricht, nämlich die Materialität der Ideologie zu zeigen, die Subjektivität entstehen lässt. Insofern illustriert die Zeichnung nicht nur den Sturz des Subjekts, sondern auch die Ohnmacht der Theorie, die das Subjekt gestürzt hat.

sh

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Wieder mal Neues im Büchergestell

Nein, Bücher kann man nie genug haben. Man hat vielleicht zu wenig Platz. Dann wechselt man eben aus. Der bücherraum f bietet Ersatzstoff aus seinen Beständen. 500 Bücher sind es mittlerweile. 500 gebrauchte Bücher warten auf neue LeserInnen. Sie stammen aus einem weiten Spektrum: Von Krimis bis zu feministischen Studien. Von antiautoritärer Erziehung über den konservativen Wertewandel bis zu Globalisierungs-Analysen. Über die Schweiz lässt sich auch einiges erfahren – wer etwa Niklaus Meienbergs Wille und Wahn wieder haben möchte, oder Ueli Mäders macht.ch wird hier bedient. Auch Literatur ist vertreten, und nicht zu knapp, fremd- ebenso wie deutschsprachige. Von Charles Baudelaire über William Burroughs und Peter Hanke (ja, Handke) bis zu Bruno Schnyder.

Weitere Informationen finden sich fein säuberlich aufgelistet, mit Umfang und Zustand der Bücher, samt Foto, hier: http://www.stefanhowald.ch/bookcase/index.php?frontpage

Und billig ist das alles: 3 Franken fürs Taschenbuch, 5 Franken gebunden. Doch wie kommt man zu solchen Schätzen? Man begibt sich entweder in den bücherraum f (Jungstrasse 9, fünf Minuten vom Bahnhof Zürich Oerlikon Nord) und blättert sich durch alle 500 Titel durch. Oder man bestellt via diese Website. Für ein Taschenbuch reicht ein Briefcouvert – da werden 2 Franken zusätzlich verrechnet. Bei dickerer Post braucht es ein Paket, und das kostet dann halt leider 7 Franken mehr. Immer noch ein Schnäppchen. Also, ab ins Lesegetümmel.

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