Bemerkenswert, bewunderungswürdig

Zum zwanzigsten Geburtstag der edition 8

Meine Rolle als Präsident der Genossenschaft edition 8 fülle ich ziemlich nachlässig aus. Auf die Schnelle hätte ich nicht einmal sagen können, seit wann ich dieses ehrenvolle Amt ausübe, sondern musste in den Protokollen nachschlagen, wann die Wahl stattfand – es war 2016. Auch hat ein Kollege bei Gelegenheit etwas süffisant darauf hingewiesen, dass ich auf der Website des Verlags in einem ovalen Bilderrahmen wie eine leicht angegraute Ikone über dem Team schwebe, was ich geflissentlich vergessen hatte.

Immerhin, ich gehe an die Generalversammlungen der Genossenschaft, die jeweils in überschaubarem Rahmen stattfinden, und lese die Verlagsprotokolle, die zumeist am nächsten Tag nach der Teamsitzung eintreffen und schneller geschrieben sind als ich sie lesen kann. Was da alles drinsteht. Diese Dutzenden von Projekten und Büchern, die jeweils behandelt und jongliert werden! Bemerkenswert, bewunderungswürdig.

Die Zusammenarbeit mit dem Verlag dauert allerdings schon länger. Insgesamt bin ich mittlerweile an neun Büchern beteiligt gewesen, als Übersetzer, als Mitautor, Herausgeber oder Lektor. Ja, wie beim Geburtstagsfest, das am vergangenen Freitag stattfand, erinnert wurde, gehörte eines dieser Bücher 1999 zum ersten eigenen Programm der edition 8, nämlich die Übersetzung einer Biografie über Noam Chomsky.

Was mich 1999 sogleich für den Verlag eingenommen hat, war das Lesebändchen, mit dem die Bücher ausgestattet waren. Darin zeigte sich für mich die Liebe zum Buch und die Sorgfalt fürs Detail. Auch die weiteren Erfahrungen waren durchweg positiv. Geris sorgfältige Lektoratsarbeit, Heinz, der die Geduld selbst dann kaum verlor, wenn eine Autorin, die ich betreute, unbedingt noch da einen Abschnitt und dort einen Satz anfügen wollte, obwohl das Manuskript schon längst in die Druckerei hätte sollen.

Die schöne ursprüngliche Ausstattung von Eugen Bisig mit der Unterschrift auf dem Buchumschlag hat übrigens anfänglich zu einem Missverständnis geführt. Als ich Noam Chomsky um seine Unterschrift anfragte, schrieb er etwas unwirsch zurück, er unterschreibe keine Belobigungen für irgendwelche Bücher, schon gar nicht für eine Biografie über sich, und ich musste ihn dann davon überzeugen, dass wir seine handschriftliche Signatur nur zur Verzierung brauchten und sie auch nicht für irgendwelche Scheckfälschungen verwenden würden.

Gemeinsam haben wir uns sogar mal in die Grauzone der Verlagstätigkeit begeben. Ein schottischer Autor, von dem die edition 8 in einer Übersetzung ein tolles Buch veröffentlicht hatte, war ein paar Jahre später unter merkwürdigen, traurigen Umständen gestorben, da er, wie selbst sein Sohn schmerzlich feststellen musste, in den letzten Lebensjahren von seiner Witwe von allen andern Menschen abgeschirmt worden war. Anfragen bei dieser wegen des Copyrights für eine zweite Übersetzung blieben unbeantwortet, so dass wir das Buch ohne Bewilligung veröffentlichten. Worauf ein Jahr später ein Protestbrief der Witwe eintraf, den wir souverän ignorierten. Immerhin hatte Heinz zuvor ein spezielles Konto für die möglichen Tantiemen aus dem Buchverkauf angelegt, und ich glaube, eine bestimmte Geldsumme ist noch immer auf diesem Sperrkonto deponiert.

Die edition 8 macht gelegentlich auch vergnügliche Schnitzer, etwa wenn es auf der Website heisst, ich hätte ein Buch zusammen mit Bettina Dyttfurt herausgegeben, was eine renommierte deutsche Politikerin mit einer renommierten Schweizer Journalistin verkoppelt.

Foto: Christian Altorfer

Bei der Geburtstagsfeier am letzten Freitag zu zwanzig Jahren edition 8 sind ein paar Höhepunkte aus der Verlagsgeschichte präsentiert worden und ein paar Geburtstagsgrüsse aus der Lyrik- und Musikabteilung, von Hans Gysi, Brigitte Fuchs, Erwin Messmer, Roland Merk und Joanna Lisiak, unterlegt von Andreas Stahel mit Flöten und Obertonstimme. Dazu trug Eugen Bisig verrätselte Videos bei. Das alles zeigte Weite und Vielfalt der Produktion und war zugleich ein schönes Lob für das jetzige Team, das aus Geri Balsiger, Jeannine Horni, Heinz Scheidegger, Katja Schurter, Marianne Sliman, Verena Stettler und Brigitte Walz-Richter besteht.

Rund 270 Titel figurieren mittlerweile im Programm der edition 8, davon 190 Eigenproduktionen, zumeist zehn pro Jahr, etwa hälftig Belletristik und Sachbücher. Wie viel Arbeit da drin steckt. Das Bedürfnis, sich in einem Buch zu veräussern, ist ja trotz allen Krisen des Verlagsgeschäfts ungebrochen, und entsprechend viele Anfragen treffen an der Quellenstrasse ein. Wie schafft es, frage ich mich manchmal, das Team nur, all diese eingesandten und angeforderten Manuskripte zu lesen, zu diskutieren, zu bewerten, dann zu lektorieren, zu layouten, zu bewerben, und dies grossmehrheitlich gratis?

Die VerlegerInnen tun das unverdrossen, auch wenn es zumeist nicht zu einem Bestseller reicht. Wenn die Auflagen nicht gar so gross sind und die Besprechungen in den grossen Massenmedien zuweilen ausbleiben. Unermüdlich werden Texte – Prosa, Gedichte und Sachbücher – angeboten und allen Interessierten zur Verfügung gestellt.

Es muss die unerschütterliche Liebe zum Wort und zum Buch sein.

Herzlichen Dank dafür, und auf die nächsten zwanzig Jahre.

Stefan Howald

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Noch ein paar Bücher

Wer am Samstag nicht an die Klimademo nach Bern gehen kann, kommt statt dessen zum Büchertausch des bücherraums f in Zürich Oerlikon:

 

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Die eigenen Erbsen picken

Wer wünschte nicht, Gemüse zu essen, das noch nach Erde Sonne Wind schmeckt, in denen es gewachsen ist: aromatische Artischoken, buttergelbe Bohnen, federleichte Frühlingszwiebeln

Wer wünschte nicht, dies Gemüse ohne künstliche Pestizide Farbstoffe Konservierungsmittel zu verzehren: feiner Fenchel, geschmackvolle Gurken, kräftige Kartoffeln

Wer wünschte nicht, den hektischen Kauf beim Grossverteiler mit Abfall Plastik Überfluss zu vermeiden: knackige Karotten, köstliche Krautstiele, leckerer Lauch

Wer wünschte nicht, das heimzutragen, was man selbst gesetzt gepflegt geerntet hat, im eigenen Schweiss: mächtige Maiskolben, pralle Peperoni, seidiger Salat

Wer wünschte nicht, zu kochen, was die Saison bietet, mit Fantasie auch noch die Resten zu verwerten: strammer Stangensellerie, tadellose Tomaten, würziger Wirsing

Wer wünschte nicht, dies mit andern zu tun, jenseits des eigenen Hochbeets die Erbsen gemeinsam zu picken, vergesellschaftet, der Mensch, das solidarische Tier.

Ja, solch solidarische Landwirtschaft wird jetzt auch im Zürcher Unterland betrieben, in Sünikon, wo die ErbsenpickerInnen ihren Garten im Räckhölderli bestellen.

Das Feld steckt nicht nur voller Gemüse, sondern auch voller Blumen, die eben gerade nach Regensberg getragen worden sind.

Am Sonntag, dem 22. September, ist Tag der offenen Tür; weitere Informationen finden sich unter https://erbsenpicker.jimdo.com

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Rauchzeichen aus Otelfingen, aus den USA und aus Aussersihl

Bücherräumereien (XIV): eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

Familiengeschichte öffnet zuweilen die Welt. Oder zuerst einmal Zürich. Die Familie Wyss gehört zu den bekannteren und verzweigteren Geschlechtern im Kanton. Der jetzige Doyen, Pit Wyss, verwaltet ein grosses Familienarchiv. Als Architekt, der oft für den Heimat- und Denkmalschutz gearbeitet hat, liegt ihm Geschichte am Herzen. Seit 1972 veröffentlicht er als Privatdrucke reich illustrierte Broschüren mit vielfältigen Materialien, zuerst unregelmässig, seit 1987 alljährlich als Weihnachtsgabe. Mittlerweile sind es 36 Stück. Sie beginnen mit Hans Rudolf Wyss (1731 – 1798) und reichen bis in die Gegenwart, etwa wenn er Künstlerfreunde vorstellt, die ihm teilweise bei seiner Restaurationsarbeit geholfen haben.

Besonders reizvoll sind verschiedene Vignetten aus dem 19. Jahrhundert. Zwei Figuren ragen hervor. Da ist Jakob Otto Wyss (1846–1927), der nach etlicher Tätigkeit als Mechaniker im In- und Ausland 1873 in die USA emigrierte und zahlreiche Briefe hinterlassen hat. In seinen Broschüren hat Pit Wyss gelegentlich einiges aus diesem Leben veröffentlicht, und daraus ist ein dickes Buch mit «Rauchzeichen aus dem Wilden Westen» geworden, erschienen in der volkskundlichen Reihe im Limmat Verlag.

Von Jakob Ottos Vater Johannes Wyss (1813–1898) liegt ein umfangreiches autobiografisches Manuskript im Nachlass, aus dem ebenfalls verschiedentlich Teile zugänglich gemacht worden sind, etwa über dessen Einsatz als Militärarzt im Sonderbundskrieg, über die Studentenzeit in Heidelberg oder über die Hochzeitsreise nach München. Sozialgeschichtlich besonders interessant sind allerdings die Berichte über seine Tätigkeit als Landarzt in Nummer 30 der Privatdrucke.

Johannes Wyss beginnt das Medizinstudium 1830, kurz bevor die Universität Zürich gegründet wird: zuerst am medicinisch-chirurgischen Institut in Zürich, mit vier Kollegen, dann in Heidelberg und Wien. 1834 übernimmt er nach dem unerwarteten Tod seines Vaters dessen Praxis im Heimatdorf Dietikon. Das ist ein ständiger Kampf um PatientInnen und Entschädigungen, weshalb er etwa eine Teilzeitstelle als Einnehmer der örtlichen Ersparniskasse annehmen muss. Dazu kommt eine schwierige Erbteilung des väterlichen Hofs mit dem Bruder und die Versorgung der verwitweten Mutter. Bei Kollegen, bei Pfarrern und andern Notabeln zieht er Erkundigungen ein, wo eine erfolgversprechende Praxis anzusiedeln wäre. 1841 zieht die Familie nach Affoltern, ab 1846 ist man in Otelfingen ansässig. Geld bleibt ein ständiges Thema. Kann die Nachttaxe verrechnet werden, wenn Johannes spätabends Hausbesuche macht? Kann er Arme abweisen, die eigentlich vom Armenarzt betreut werden müssten, doch die er in Notfällen unentgeltlich behandelt? Übernehmen die arbeitgebenden «Seidenherren» die Kosten bei Unfällen von SeidenweberInnen, die selber kaum über Geld verfügen? Da ist es schon beinahe eine Erleichterung, wenn die Verletzung eines Knechts Selbstverschulden entspringt, weil damit die Verantwortlichkeit klar ist.

Unter gesundheitspolitischen Gesichtspunkten bewegt Johannes Wyss besonders das Thema der Impfung. Mit Überzeugung benützt er die erst kürzlich eingeführten Impftechniken und dokumentiert deren segensreichen Einfluss, auch die allmähliche Durchsetzung, bei gelegentlichen Rückschritten, durch staatlichen Zwang. Ebenso diskutiert er Fortschritte in der Gynäkologie, die er einst in Wien studiert hatte. Verkehrstechnisch anschaulich werden die erstaunlich zahlreichen Auslandsreisen in diesem bildungsbürgerlichen Milieu beschrieben: Während der Studienzeit geht es einmal auf dem Holzfloss von München nach Wien, in neun Tagen.

Zudem kommen beiläufig die Geschlechterverhältnisse in den Blick. In der patriachalen Gesellschaft werden ansatzweise Fortschritte sichtbar. Eine Scheidung auf Zeit kann, obwohl grundsätzlich von den Bedürfnissen der Ehemännern her gedacht, auch Frauen eine Chance bieten. Johannes Wyss beschreibt zudem das Aufkommen von Mädchenschulen aus nächster Nähe, da seine Mutter an zweien beteiligt ist.

In der Wyss’schen Dokumentationsreihe besonders interessant ist auch ein Heft über den Pfarrer Hans Bader (1875–1935). Der lud 1906 verschiedene kritische Pfarrer wie Hermann Kutter und Leonhard Ragaz zu einer «pädagogisch-sozialen Konferenz» nach Degersheim ein, bei der die religiös-soziale Bewegung in der Schweiz aus der Taufe gehoben wurde. Ab 1911 in der Kirchgemeinde Aussersihl, begründete er in Zürich die sozial engagierte Theologische Arbeitsgemeinschaft, gelegentlich auch als Bader-Chränzli apostrophiert. Bader, der jederzeit eine engagierte, diesseitsgerichtete Religion vertrat, versuchte in den Auseinandersetzungen zwischen Karl Barth, Leonhard Ragaz und Emil Brunner in den zwanziger und dreissiger Jahren eine vermittelnde Rolle zu spielen; seine Person wird im 2009 erschienenen Standardwerk zur religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz, «Für die Freiheit des Wortes» (das sich natürlich auch im bücherraum f befindet) etwas unterbelichtet.

Besonders nachdrücklich setzte sich Bader für die Gemeindearbeit ein. Bereits 1915 gründete er die Jugend-Genossenschaft Industriequartier und den Mädchen-Bund Industriequartier; 1920 wurde er Präsident der Volkshausgenossenschaft Industrie, und dank seiner unermüdlichen Anstrengungen konnte 1931 das heutige Limmathaus eröffnet werden, ganz im Stil des neuen Bauens errichtet. Wenige Jahre später starb Hans Bader, erst 60 Jahre alt.

Die Broschüre von Pit Wyss dokumentiert einige öffentliche und private Aspekte seines Grossvaters mütterlicherseits, wobei sich im Nachlass noch weitaus mehr Material zu dieser eindrücklichen Persönlichkeit findet.

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– Jakob Otto Wyss: «Postmaster in Klau. Rauchzeichen aus dem Wilden Westen 1846–1927». Herausgegeben von Pit Wyss in Zusammenarbeit mit Paul Hugger. Limmat Verlag, Zürich 2001.

Von den Heften sind im bücherraum f folgende vorhanden:

– Das Gefecht bei Lunnern oder meine militärischen Erinnerungen von Johannes Wyss, 1813–1898
– Die Reise nach Heidelberg oder meine Studentenzeit-Einnerung von Johannes Wyss, 1813–1898
– Vom Teilen oder aus dem Leben von Hans Rudolf Wyss 1731–1798
– Die Wanderung nach Regensdorf oder Erinnerungen aus meiner Sekundarschulzeit von Johannes Oskar Wyss 1840–1918
– Das Vereinli-Essen oder aus dem Leben von Ida Diener-Hottinger 1848–1904
– Die Glasplatte oder aus dem Leben von Hans Oskar Wyss-Diener 1891–1950
– Vom Schmiergeld oder die Hochzeitsreise nach München 1839 von Johannes Wyss
– Im Steinhof oder Erinnerungen aus meinem Leben von Johannes Oscar Wyss 1840–1918
– Meine lieben Eltern oder Wer hat von unsern Lieben uns aus der Ferne geschrieben? Briefe aus fünf Generationen
– Der Amateurfotograf oder der Umgang von Hans O. Wyss mit der Camera obscura
– Stein und Gips oder aus dem Leben von Jakob Diener, Baumeister 1820–1882
– Der Landarzt oder aus dem Leben von Johannes Wyss 1813–1898
– Religiös-soziale Menschlichkeit oder aus dem Leben von Hans Bader, Pfarrer, 1875–1935
– Kennenlernen, Hochzeitsfeiern, Hochzeitsreisen. Fünf kleine Hochzeitsgeschichten
– Künstler-Freunde. Fünf kleine Porträts
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«Das aufheulende Chaos unserer Zeit»

Bücherräumereien (XIII): Eine gelegentliche Rubrik zu den Beständen des bücherraums f

Eine ganze Zeitschrift voller Buchbesprechungen. Jeden Monat. Und das aus «sozialistischer Warte». Das bot die in Berlin erscheinende «Bücherwarte» ein paar Jahre lang während der Zwischenkriegszeit. Als die Arbeiterbewegung noch über ein Netz in der Zivilgesellschaft verfügte, mit Zeitschriften, Verlagen, Lesezirkeln. Und Bibliotheken. Herausgegeben vom «Reichsausschuss für sozialistische Bildungsarbeit» der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands sollte die Zeitschrift den Verantwortlichen für die Buchbestände von Partei- und Gewerkschaftssektionen Anschaffungstipps vermitteln, aber auch interessierte individuelle LeserInnen informieren.

Die «Bücherwarte» wurde 1926 gestartet und musste im März 1933 ihr Erscheinen einstellen. Das Spektrum der Buchbesprechungen reichte weit, von wirtschaftsstatistischen Abhandlungen bis zu Kinderbüchern. Neben der Politik nahm auch die Literatur einen beträchtlichen Platz ein.

Dabei wurde die Sichtung eines möglichst breiten Angebots versucht, berücksichtigt wurden zeitgenössische Bücher aus dem In- und Ausland, von denen manche AutorInnen nicht mehr geläufig sind. Aber beispielsweise im Jahresband 1929 wurden doch auch alle wichtigen Publikationen von 1928/29 behandelt: der Erstling von Anna Seghers «Der Aufstand der Fischer von Santa Barbara», Franz Kafkas «Amerika», Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz», Erich Maria Remarques «Im Westen nichts Neues», «Der Steppenwolf» von Hermann Hesse.

Natürlich, zuweilen wird ein bisschen schematisch das Verhältnis von Form und Inhalt darauf abgeklopft, ob da was für den klassenbewussten Arbeiter zu holen sei; aber die Urteile sind doch bemerkenswert aufgeschlossen. Kafka sei als Klagelied über die moderne Entfremdung eine vollkommene und grosse Dichtung. «Berlin Alexanderplatz» biete eine «bewundernswürdige Virtuosität, Witz, Geist, Gesinnung und ein Lebensmosaik von staunenswerter Fülle» – wobei sich der Rezensent zum Schluss die Bemerkung doch nicht verkneifen kann, am Ende der Lektüre sei man dann doch ganz froh, dass das Buch endlich zu Ende sei. Anna Seghers Kampf der Fischer habe zwar nichts mit Sozialismus und Klassenkampf zu tun, aber die soziale Wirklichkeit sei grandios erfasst und gestaltet.

Kästner und Zech

Die politische Aufgeschlossenheit zeigt sich, wenn der nicht gerade als Revolutionär bekannte Erich Kästner und der Arbeiterdichter Paul Zech nebeneinander gewürdigt werden – einerseits heisst es, in keinem der neueren Dichter heule das Chaos unsrer Zeit so auf wie bei Kästner, andererseits wird die Lyrik von Paul Zech gerade aus formalen Gründen gelobt. Zech (1881 – 1946) wurde übrigens zu seiner Zeit von Heinrich Mann wie Else Lasker-Schüler geschätzt, war lange vergessen, wurde als apokrypher Übersetzer von Villon und Rimbaud ein posthumer Bestsellerautor, gelegentlich wiederentdeckt und wieder vergessen.

Auch Christian Morgenstern wird neben seiner Melancholie und seinem Witz politische Bedeutung zugestanden, oder er wird zumindest als ironischer Kommentator des politischen Zeitgeschehens gelobt. Zu Remarques schonungsloser Darstellung des 1. Weltkriegs wird allerdings bei aller Zustimmung kritisch angemerkt, dass jedes Kriegsbuch zu einem gewissen Grad den Krieg normalisiere. Streng ins Gericht wird dann mit einem Kriegsroman von Arnolt Bronnen gegangen, der einst als junger Wilder zusammen mit Bert Brecht die Theaterszene aufgemischt hatte. In seinem jüngsten Roman aber benutze er, so meint der Rezensent, «seine sehr fortschrittlichen epischen Ausdrucksmittel zu dem Versuch, eine höchst rückschrittliche Daseinsform zu rechtfertigen», nämlich rechtsradikale Freikorpsmitglieder von 1920/1921. Dabei zeige sich eine penetrante «Ehrfurcht vor jeder Form Militärfexerei», kurzum «den ganzen Roman beherrscht ein Snobismus der Unreife und Roheit».

Natürlich kommt man aus «sozialistischer Warte» nicht um neue Publikationen zu Marx und Engels herum. Ein Sammelband mit Kritiken der beiden Alten an den sozialdemokratischen Programmentwürfen von 1875 und 1891 muss gegen die These der KPD gerettet werden, damit werde die Sozialdemokratie grundsätzlich kritisiert, denn: «Ihre Erwägungen über die politische Praxis der Spezialdemokratie gelten für einen politisch-ökonomischen Zustand, der sich von dem gegenwärtigen sehr wesentlich unterscheidet.» Die «Bücherwarte» scheut andererseits nicht davor zurück, den zweiten Band des «Marx-Engels-Archivs» aus dem Marx-Institut aus Moskau insgesamt positiv zu besprechen – das Institut stand im Übrigen zeitweilig oppositionell zum Stalin-Kurs.

Auf einem anderen Pol des kulturgeschichtlichen Spektrums steht ein Band wie «Afrika singt», und dabei wird einer der Übersetzer genannt, H. K. – der ist seinerseits mehrfach mit der Schweiz verbunden, lebte hier als Publizist, als Romanautor, wurde dann ein Vertrauter von Robert Musil in dessen Schweizer Exil von 1938 bis 1942, und noch heute leben seine Witwe und seine Tochter hier. Apropos Schweiz: Besprochen werden auch Verena Conzetts autobiografische Aufzeichnungen «Erstrebtes und Erlebtes», und zwar durch Luise Kautsky, wobei dem Buch eine «einfache Sprache und ein anspruchsloser natürlicher Stil» bescheinigt werden, die allerdings die dramatischen Ereignisse dieses Lebens durchaus wirkungsvoll veranschaulichten.

Die Besprechung von Sachbüchern reicht im Übrigen bis hin zu Schriften übers Rettungsschwimmen oder «Das Turnen am Barren». Auf der andern Seite, oder vielleicht in der Verlängerung der Körperkultur, wird auch die Sexualwissenschaft berücksichtigt, werden Studien von Magnus Hirschfeld, Hendrik van de Velde und Max Hodann rezensiert.

Arthur Goldstein

Ein paar VerfasserInnen von Rezensionen haben in der Kulturgeschichte einen gewissen Klang, etwa Kurt Pinthus, der Propagandist des Expressionismus, oder die damals bekannte Autorin Gina Kaus, dann auch die eminente Sozialistin Luise Kautsky. Aus andern Namen entfalten sich zeitgenössisch wichtige, heute kaum mehr bekannte Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung. Etwa Paul Kampffmeyer (1864 -1945), ein vielseitiger Publizist aus liberalem Bürgerhaus, der nach anarchistisch-libertären Anfängen die Gartenstadtbewegung propagierte, schon 1923 über den deutschen Faschismus schrieb und später das SPD-Parteiarchiv aufbaute.

Oder Arthur Goldstein (1887 -1943), ein Schicksal aus dem kurzen 20. Jahrhundert. 1914 wurde der Journalist SPD-Mitglied, Ende 1918 Mitgründer der KPD, bald auf dem antiparlamentarischen oppositionellen Flügel bei der linksradikalen Kommunistischen Arbeiter-Partei KAPD anzutreffen, die in den folgenden Jahren von mehrfachen Spaltungen durchzogen wurde. Goldstein selbst trat bereits 1923 wieder der SPD bei, «entristisch», wie es in einem Wikipedia-Beitrag heisst, da er weiterhin einen rätedemokratischem Kurs mit trotzkistischen Neigungen unterstützte und 1932 den Aufbau der klandestin wirkenden Widerstandsgruppe der Roten Kämpfer befürwortete. Dennoch konnte er in all diesen Jahren in sozialdemokratischen Zeitschriften wie der «Bücherwarte» schreiben. 1933 flüchtete er vor den Nazis nach Frankreich, wurde dort 1943 verhaftet, vom Sammellager Drancy nach Auschwitz transportiert und kurz nach der Ankunft ermordet.

Goldstein schreibt in der «Bücherwarte» mehrheitlich zur Literatur, aber auch zur Ökonomie und zur Politik. Während seine Literaturkritik zumeist sachgerecht ist, schlägt bei den politischen Büchern zuweilen die parteipolitische Bindung stärker durch. Einen Reisebericht aus der Sowjetunion des österreichischen Feuilletonisten Arthur Holitscher watscht er mit der schönen Formulierung ab, hier sänken sich Leninismus und Katholizismus gerührt in die Arme. Scharf kritisiert er auch einen Rechenschaftsbericht von Max Hoelz, dem abenteuernden Führer der Märzkämpfe 1921 im Vogtland. Hoelz sei es, meint Goldstein, nur um die Befriedigung eines persönlichen Rechtsgefühls gegangen, während er von geschichtlichen Zusammenhängen und Entwicklungen sowie von historischen Grundkräften absolut nichts verstanden habe – was insofern eine pikante Note besitzt, weil Hoelz eine Zeitlang wie Goldstein bei der KAPD mitgewirkt hatte.

Zuweilen stösst man in der «Bücherwarte» auch auf Hinweise zu Büchern, die einem als positives Gerücht bekannt sind und die man vielleicht einmal hätte lesen wollen, etwa Egon Friedells «Kulturgeschichte der Neuzeit». Die entsprechende Besprechung wendet allerdings kritisch ein, Friedell sei ein Vertreter eines impressionistischen Feuilletonismus, der Geschichte auf Klatsch reduziere, und präsentiert als Beleg ein längeres Zitat über die Darstellung der Französischen Revolution, die Friedell als «Schundroman» versteht, mit der «Kellerratte» Marat, einem Danton, der «abwechselnd blutgierig und gutmütig, stumpf und intelligent wie ein ungezähmter Bullenbeisser» sei und einem Robespierre als «dämonisch gewordener Oberlehrer» – und da weiss man, das positive Gerücht war falsch, und man kann sich die Lektüre dieses Buches schenken. So eröffnet die «Bücherwarte» in Zustimmung wie Kritik ein kulturhistorisches Universum.

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Der Jahrgang 1929 der «Bücherwarte», aus dem Bestand von Gretlers Panoptikum übernommen, steht im bücherraum f im mittleren Raum in der Abteilung R (Referenzwerke).

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Jo Lang im bücherraum f

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Links das Original, rechts der Abdruck

Bücherräumereien (XII): eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

Im bücherraum f angesiedelt ist linkerhand auch die Forschungsstelle Dora Koster. Bei der Erschliessung des Nachlasses findet sich ein Typoskript, vier Blätter mit ganz wenigen handschriftlichen Korrekturen, «Liebe als positive Verschiebung unserer Reize», nicht datiert, aber offensichtlich aus den 1980er Jahren, und am Kopf des ersten Blatts ist handschriftlich vermerkt «fraz», was in diesem Zusammenhang wohl die in Zürich herausgegebene «Fraue-Zitig» meinen könnte. Dazu passt, dass in der provisorisch erstellten Bibliografie mit Texten über Dora Koster einer von Angela Thomas unter dem Titel «Ihr sprecht meine Sprache nicht» in der fraz vom März 1983 verzeichnet ist.

Da trifft es sich doch gut, dass auf der anderen Seite des bücherraums in der Bibliothek schema f die «Fraue-Zitig», schön gebunden, vorliegt. Also ein Blick in den obenauf liegenden Band und die erste dort vorhandene Nummer, justament aus dem März 1982. Tatsächlich, da steht auch schon der Beitrag zu Dora Koster, Seite 36f., allerdings anonym und mit anderem Titel: «Ich suche die Seele, nicht den Dollar, das ist Dora Koster». Was zwar unbekannt und interessant, aber weder der Beitrag über die Liebe noch der von Angela Thomas ist.  Also müssig-konzentriert die weiteren Ausgaben durchgeblättert, und da findet sich im März 1985, in einer Nummer mit dem Schwerpunkt Liebe, tatsächlich jener Beitrag über die positive Verschiebung unserer Reize, mitsamt den kleineren Korrekturen, allerdings nicht, wie im Manuskript, mit Oiseau bleu unterzeichnet, sondern mit Isa Syltjé, einem anderen Pseudonym von Dora Koster nach der geliebten Nordseeküste. Bleibt nur noch der Beitrag von Angela Thomas zu eruieren. Deshalb nochmals zurückgeblättert, und dann findet er sich tatsächlich ebenfalls, zwar nicht, wie provisorisch vermerkt, im März 1983, sondern im März 1984. 

Womit durch die Synergien im bücherraum sowohl ein neuer Artikel entdeckt wie ein Fehler korrigiert worden ist.

sh

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Anekdote aus einer langen Welle der Geschichte

Als ich kürzlich gegenüber Klaus V., einem in Ehren gereiften Achtundsechziger, mit dem ich an der Erschliessung eines Nachlasses zusammenarbeite, erwähnte, dass ich ein wenig die Überführung des unvergleichlichen Gretler’schen Panoptikums ins Sozialarchiv und andere Bibliotheken mitverfolgt hatte, meinte er, ob ich ihm da nicht noch etwas besorgen könne: Er habe vor einiger Zeit Roland Gretlers berühmtes 1. Flugblatt der antiautoritären Menschen von 1968 mit einem wunderschönen Jimi Hendrix und dem Slogan «Rebellion ist berechtigt» drauf weggegeben, was er mittlerweile bedaure. Wenn also die Gretlers noch eine überzählige Kopie besässen, wäre er dankbar, wenn ich darum fragen könnte; was ich zu tun versprach.

Wenige Tage später überreichte mir Sarah G. freundlicherweise einen Originalabzug des Plakats für Klaus V., zusammen mit zwei Kisten anderer Bücher, vielfältige Schätze etwa aus dem Umkreis des Religiösen Sozialismus, für den bücherraum f. Schnell blätterte ich ein paar der Bücher und Broschüren durch, stiess auch auf eine kleine Publikation «Fortschritt der Völker» im Taschenformat, welche, fortlaufend auf den rechten Seiten abgedruckt, das damals durchaus radikale Rundschreiben Papst Pauls VI. «Über den Fortschritt der Völker» von 1968 enthielt, links jeweils «mit Zahlen, Fakten und Kommentaren versehen von Gustav Kalt und Dr. Rudolf Villiger».

Herausgegeben war die sehr schätzenswerte Broschüre vom Fastenopfer der Schweizer Katholiken, und nach dem Text kam ein «Katalog meiner zukünftigen Taten zur Entwicklung der dritten Welt», wobei auf der ersten Linie hilfreich ausgefüllt war «Mein Beitrag an das Fastenopfer als Ausdruck christlichen Teilens». Dann folgte ein weiterer Anhang, «Die Erklärung von Bern 1968. Die Schweiz und die Entwicklungsländer», offenbar das Gründungsdokument eben dieser Erklärung von Bern, mit einer Bereitschaftserklärung, als Zeichen der Zustimmung zu den in der Erklärung formulierten entwicklungspolitischen Zielen für die Dauer von drei Jahren einen bestimmten Prozentsatz des Einkommens einem Hilfswerk für die Dritte Welt zukommen zu lassen; was mich daran erinnerte, dass mein Vater schon 1969 diese Bereitschaftserklärung unterschrieben und jahrelang erfüllt hatte, obwohl er doch ansonsten als gute Stütze der Gesellschaft in einem Dorf in der Agglomeration, die damals noch nicht so hiess, gesellschaftspolitisch eher bei der FDP angesiedelt war.

Schon wollte ich das Büchlein zuklappen, als mir auf der ersten Seite ein Vermerk in die Augen fiel: der Besitzstempel von Gretler’s Panoptikum und darüber handschriftlich der Name Klaus V. samt einem Pfeil zum Panoptikum-Stempel hin. So war das Buch offenbar einst als Geschenk ins Panoptikum gekommen; fünfzig Jahre später kehrte ein Geschenk aus dem Panoptikum an Klaus V. zurück, während der «Fortschritt der Völker» im bücherraum f hoffentlich neue Leserinnen und Leser findet.

sh

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Hegemonie und Personenkult

Der neue britische Premierminister Boris Johnson bedient sich im Instrumentenkasten des Populismus. Man kennt das Muster solcher Charaktermasken mittlerweile auf der ganzen Welt. Doch anhand von Johnson lassen sich neue Facetten zur Auflösung der herkömmlichen Politik wie auch zum Verlust der bürgerlichen Hegemonie studieren. Die volatile Situation ist umso gefährlicher. Labour versucht dagegen zögerlich, ein Bündnis über die Parteigrenzen hinaus zu schmieden.

Von Stefan Howald

1. Ein Bild von einem Mann

Boris Johnson ist ein Kunstprodukt. Die Exzentrizität des neuen britischen Premierministers ist scharf kalkuliert. Er spielt den Tolpatsch ebenso wie den Tabubrecher. Mit Erfolg. Anekdotisch habe ich das 2007 erlebt. Als er sich damals erstmals um das Amt des Londoner Bürgermeisters gegen den bisherigen Amtsinhaber Ken Livingstone vom linken Labourflügel bewarb, meinten ein, zwei jüngere Londoner Kollegen, die ich von einem linken politischen Diskussionszirkel her kannte, sie würden ihn womöglich wählen – er sei ja noch ganz lustig und bringe etwas anarchischen Wind in die Politik. Darin steckte diese angeblich typisch englische Ironie, diese (mittelständische) Nachsicht, ja Liebe fürs Skurrile.

In seiner kürzlich erschienenen, von Fachleuten scharf kritisierten Biografie über Winston Churchill verkündet Johnson unverdrossen die Bedeutung des grossen Einzelnen für den Lauf der Weltgeschichte und stellt sich schamlos in eine solche Reihe.

Ist das lächerliche Selbstüberhebung? Nicht ganz. Immerhin war er 2016 für etliche Konservative der wichtigste Grund, ein Ja für einen EU-Austritt einzulegen, und mit einigen so gewonnenen Prozentteilen mag er womöglich den Ausschlag für den Brexit gegeben haben. Zudem bündelt er gegenwärtig die abstrusen Erwartungen einer lautstarken radikalen Minderheit in England.

Die linksliberale Wochenzeitschrift «New Statesman» spricht seit einiger Zeit von einer «Verengung des konservativen Geistes». Eine fundamentalistische Mehrheit in der Konservativen Partei ist mittlerweile bereit, fast alle Eckpunkte jahrhundertealter konservativer Politik zu opfern: das Bündnis mit den führenden Wirtschaftskreisen; den Anspruch, die ganze Nation in eine bessere – natürlich konservativ geprägte – Zukunft zu führen; die Einheit der eigenen Partei im Dienste der Machterhaltung zu bewahren; in Meinungsumfragen spricht sich eine klare Mehrheit der Tories dafür aus, selbst die britische Union von England und Schottland preiszugeben, ja, sogar Nordirland der irischen Republik auszuliefern, wenn nur der Brexit kommt, der dann im Wortsinn ein englischer Exit wäre.

Dieser Mehrheit der Tories scheint nur Johnson eine Garantie dafür zu sein, sie in das gelobte Land der splendid isolation zu führen und zugleich das erwartbare Chaos mit ein paar Witzchen und Durchhalteparolen zu verzuckern. Rationale Interessenspolitik ist durch einen Personenkult ersetzt.

Dabei sind Johnsons Qualitäten indiskutabel. Die Liste von Fehlleistungen, Peinlichkeiten und Entgleisungen nimmt kein Ende. Ja, Boris Johnson ist ein Prahlhans und ein Clown, ein Sexist und ein Lügner. Was ihn für seine Fans gerade attraktiv macht. Seine Fehler werden als Stärken verklärt. Noch kaum je ist ein neuer britischer Premierminister von vornherein so polarisiert wahrgenommen worden.

 

2. Polarisierung

Vorausgegangen ist natürlich in den USA Donald Trump. Dessen persönlicher Narzissmus, ideologische Lagermentalität und Politik im Interesse spezifischer Klientel haben die USA tief gespalten. So wie die republikanische Partei ihren einstigen Anspruch, die ganze Nation zu repräsentieren, endgültig aufgegeben und die Moderaten marginalisiert hat, so haben jetzt die Brexiteers das Konzept der One-Nation-Tories zerstört.

Jede bewusste Polarisierung von rechts bedeutet allerdings eine mehr oder weniger bewusste Preisgabe eines hegemonialen Projekts, das heisst möglichst viele subalterne Klassen und Interessengruppen unter bürgerlicher Führung einzubinden. Der Thatcherismus versuchte dies trotz seiner scharfen Klassenpolitik mit einer Stärkung individueller Aufstiegsmöglichkeiten, und noch der sozialdemokratische Dritte Weg mit seiner Übernahme neoliberaler Eckwerte bei gleichzeitiger sozialer Abfederung anerkannte dieses Modell implizit. In Grossbritannien ist die Situation spätestens mit Brexit volatil geworden, sowohl nach oben wie nach unten. Die Brexiteers haben eine scharfe Abgrenzung von Kreisen der Wirtschaft in Kauf genommen, die einen gemeinsamen, möglichst reibungslosen Freihandelsmarkt mit der EU wünschen. Die wichtigsten IndustrievertreterInnen wie praktisch alle Mainstream-ÖkonomInnen warnen entsprechend vor einem harten Brexit.

Boris Johnson hat den Brexit vor allem als Königsweg zur persönlichen Machteroberung beschritten. Um den Verlust bisheriger politischer Partner zu kompensieren, setzen er und seine Koterie einerseits auf den Personenkult und reagieren andererseits mit einem opportunistischen Populismus. So hat er die von den vorangegangenen konservativen Regierungen bislang als schmerzhaft aber notwendig verkaufte Austeritätspolitik mehr oder weniger offen aufgegeben. Wie schon während der Brexit-Abstimmung mit den berüchtigten 350 Millionen Pfund, die nach einem EU-Austritt pro Woche für den Gesundheitsdienst frei würden, verspricht Johnson wiederum das Blaue vom Himmel herunter und verteilt freigiebig Wahlgeschenke an jene Wählersegmente, die er dringend an sich binden muss. Steuersenkungen sollen mit mehr Investitionen für die Polizei und das Gesundheitswesen einhergehen. Solche Klientelpolitik mag kurzfristig ein paar Stimmen bringen, aber mittelfristig werden die nicht gehaltenen Versprechungen das Misstrauen gegenüber der «Politik» und die zentrifugalen Kräfte verstärken.

 

3. Hegemonie

Was die Frage nach der hegemonialen Kraft der Borismanie aufwirft. Hegemonie bedeutet ja mehr als blosse Wahl- und Abstimmungssiege. Sie bedeutet die längerfristige Einbindung einer Bevölkerungsmehrheit in ein von oben bestimmtes Projekt, durch das Angebot plausibler Lebensentwürfe und einer lebbaren Alltagsphilosophie, durch offen gehaltene und neu angebotene Handlungsfähigkeiten.

Boris Johnson vermag das nicht zu leisten. Schon jetzt kann er nur mit prekären und wechselnden Koalitionen regieren. Ein Projekt, die Interessen in einem breiten Bündnis zusammenführen könnte, ist das nicht. Vielmehr versucht sich eine Minderheitsfraktion als Allgemeinwille auszugeben.

Der deutsche Philosoph Wolfgang Fritz Haug hat vor über dreissig Jahren am Konzept einer Hegemonie ohne Hegemon herumgedacht und sie als strukturelle Hegemonie bezeichnet. Dies Mitte der achtziger Jahre angesichts einer Situation, in der eine linke Führungskraft nicht mehr sichtbar war. Aber die Überlegungen lassen sich auch nach rechts anwenden. Wenn Johnson kein hegemoniales Projekt anbietet, so halten uns dennoch die herrschenden neoliberalen Verhältnisse und Denkformen weiterhin gefangen, in einer strukturellen Hegemonie eben.

Diese Einschätzung wirft die Frage auf, ob es sich bei den gegenwärtigen Politiken in den USA und in Grossbritannien tatsächlich um eine weiter reichende Strategie, gar eine neue Epoche handelt. Der Publizist Paul Mason (Autor von «Postkapitalismus») hat das kürzlich in einem Interview mit dem Onlinemagazin «Republik» bejaht. Für ihn ist der Neoliberalismus mit der Finanzkrise 2008 «zusammengebrochen» und bedeutet Trump einen «definitiven Epochenwechsel». Die US-Elite, oder die herrschende Klasse, habe sich gespalten, und eine neue plutokratische Klasse sei an die Macht gekommen. So weit ist das plausibel. Aber die weiteren Auskünfte dazu sind im Detail nicht immer konsequent. Mason unterstellt Trump und den von ihm vertretenen Kapitalfraktionen ein kohärentes Projekt. Einerseits sagt er: «Trumps Botschaft lautet: ich werde den amerikanischen Neoliberalismus am Leben erhalten, auch wenn das bedeutet, dass ich anderen Ländern den Wirtschaftskrieg erklären muss. Trump predigt eine Grossmachtsversion des Neoliberalismus.» Andererseits redet Mason von einer «Nationalisierung des Neoliberalismus» durch Trump. Aber wirtschaftliche Grossmachtpolitik und Nationalismus sind doch tendenziell zwei verschiedene Dinge? «America first» arbeitet zwar mit knallharter Interessenspolitik, mit Protektionismus und Aushöhlung multilateraler Strukturen. Das mag die transnationalen Wirtschaftsbeziehungen zwar stören, aber es nationalisiert sie noch nicht. Viel eher liesse sich von einer Gleichzeitigkeit auf verschiedenen Ebenen sprechen. Was die Reibungsverluste erhöht.

 

4. Old Etonians

In Grossbritannien bedeutet die Person von Boris Johnson Symptom einer anderen sozialen Verschiebung, die dem Aufstieg von Trump in manchem parallel läuft, in anderem gerade widerspricht. In der «London Review of Books» zeichnet James Wood, selbst ein ehemaliger Absolvent der Eliteschule Eton, nach, wie deren Absolventen, die Old Etonians wieder an die Macht drängen und welches Weltbild in ihnen steckt: Sie verbinden eine plutokratische Gesellschafts- mit einer neoliberalen Wirtschaftsauffassung und einer Nostalgie fürs entschwundene Empire. Zentral allerdings ist der selbstverständliche Führungsanspruch, an die Schalthebel von Geld und Macht zu gehören. Dieses Grundverständnis ist eher ein Instinkt denn eine ausgeprägte Ideologie. Sachgerecht, technokratisch gesehen ist die Politikfähigkeit der herrschenden Klasse in England schwer beschädigt. Man muss sich nur die Abfolge der letzten konservativen Premiers anschauen: von der schrecklich tatkräftigen Margaret Thatcher über den aufrechten, blassen John Major zum aalglatten, inhaltsleeren David Cameron und zur starrsinnig unfähigen Theresa May bis zum Witzbold Boris Johnson. Unter der Regierung von Theresa May wurde eine Rekordzahl von MinisterInnen verschlissen, die nichts zustande gebracht haben. Die Brexit-Verhandlungen wurden von britischer Seite her dilettantisch geführt (mit partieller Beteiligung von Johnson); die seit zwei Jahren immer wieder propagierten neuen grossartigen Freihandelsverträge sind jämmerlich verschlampt worden. Das ursprüngliche Feld der NachfolgekandidatInnen für Theresa May war ein Gruselkabinett an Untoten, Unfähigen und Unbekannten.

 

5. Angriff der Hedge Funds

Bei Johnson könnte man geradezu von einer Auflösung der Ideologie und des Politischen sprechen, theoretisch wie praktisch. Sein jetziges Regierungsprogramm, mit dem er bereits Wahlkampf betreibt, umfasst drei Punkt: den Brexit zu liefern, mehr Geld für die Sicherheit und die Bekämpfung der Kriminalität sowie fürs Gesundheitswesen bereitzustellen. Alle drei Punkte sind populistisch durch Meinungsumfragen gesteuert – wobei er das letztere Thema Labour streitig zu machen versucht.

Rechts vom Opportunisten Johnson stehen allerdings die Ideologen Nigel Farage und Jacob Rees-Mogg bereit. James Meek hat ebenfalls in der «London Review of Books» deren Hintergrund analysiert. Beide gehören sie zum Finanzkapital. Die Zeitschrift «Private Eye» hat dokumentiert, wie viele Hedge-Fund-Manager auf Johnson gesetzt haben, indem sie seine Kandidatur finanzierten, zugleich angesichts der erwarteten Turbulenzen auf eine Schwächung des Pfunds setzten. Farage und Rees-Mogg handeln global und sind zugleich nationalistisch gesinnt. Das scheint ein Widerspruch. Aber es ist ein Widerspruch, den sie durchaus profitabel leben. Der finanzgetriebene globale Neoliberalismus steht für sie strukturell ausser Frage. Auf der individuellen Ebene kann man problemlos davon abweichen.

Und es ist ein Widerspruch, den sie offensiv vertreten. Der klassische Neoliberalismus hält ideologisch noch an einer Meritokratie fest. Das verleiht ihm eine gewisse egalitäre Faszination (obwohl diese real nicht eingelöst werden kann). Selbst Silicon Valley kann sich in dieses Konzept einfügen, mit gesellschaftspolitisch liberalen Vorstellungen. Der neoliberale Rechtskonservatismus hingegen will die wirtschaftlichen Gewinne strikt klassenspezifisch verteilen. Zum Zug kommt ein Patronage-System. Kulturell und gesellschaftspolitisch gesehen haben sich Rees-Mogg und Farange zugleich zu den absurdesten Vorstellungen verstiegen: etwa eine Stärkung der Monarchie oder eine Rückkehr zum imperialen Masssystem.

Diese Mischung kann kurzfristig, in einer bestimmten Konstellation mehrheitsfähig werden, in England im Falle von Brexit. Brexit hat das ganze politische Koordinatensystem verschoben. Aber auf der strukturellen Ebene gilt nach wie vor: Wir leben und handeln in der kapitalistischen Schuld- und Zins-Wirtschaft, sind etwa auf die Verzinsung unserer Pensionsgelder angewiesen. Deshalb skandalisieren die schamlos im Selbstinteresse erfolgenden wirtschaftlichen Taten der Brexiteers nicht so stark wie man das erwarten (erhoffen) könnte, etwa wenn der englische Erznationalist Rees-Mogg den Sitz seines Hedge Funds nach Irland verschiebt.

Das ist gegenwärtig deprimierend erfolgreich und nicht zu unterschätzen. So wie die Clowns weltweit nicht zu unterschätzen sind. Doch brauchen sie die ständige Erregung – was kommt nach dem Brexit? Die Schürung des Chaos bleibt jederzeit volatil und kann nicht hegemonial wirken. Damit stellen sich für eine erfolgreiche Gegenpolitik andere Aufgaben.

 

6. Das politische Vakuum

Dabei zeigt die «älteste Demokratie der Welt» im Angesicht des Brexit ihre demokratischen Defizite. 160’000 Parteimitglieder der Konservativen haben bestimmt, wer der nächste britische Premierminister wird, ohne weiteres Volksmandat. Die angebliche Wiedergewinnung der nationalen Souveränität durch die Abkoppelung von der EU ist von Premier Johnson bereits bei der ersten Intervention von US-Präsident Trump wegen eines unbotmässigen Botschafters mit einem Kniefall konterkariert worden, und eine Teilnahme am Begleitschutz im Persischen Golf wird als stolze heroische Tat verkauft, die ans Empire anknüpfe. Die wüsten Beleidigungen gegenüber der EU und vor allem Irlands erinnern an die Kolonialherrschaft, werden aber durch bedingungslose Vasallentreue zu den Trump’schen USA kompensiert.

Umgekehrt sucht das Parlament verzweifelt seine Verfügungsmacht durch arkane Verfahren zu sichern. Im Wahlkampf wie auch nach seiner Wahl hat sich Boris Johnson nicht von der Idee distanziert, er könne, um einen Austritt aus der EU auf den 31. Oktober durchzusetzen, das Parlament kurzzeitig suspendieren – was einem kalten Staatsstreich gleichkäme. Dagegen wehrten sich Unter- wie Oberhaus, indem sie ein Gesetz verabschiedeten, wonach die Regierung zweiwöchentlich über die Fortschritte bei der Aufrechterhaltung des Friedensprozesses in Nordirland berichten muss – womit das Parlament nicht beliebig suspendiert werden kann. Soeben hat auch Parlamentspräsident John Bercow verkündet, dass er sich einer Suspendierung mit allen Mitteln entgegenstemmen wolle.

Mittlerweile denkt Johnson an einem anderen kalten Staatsstreich herum. So könnte er das Parlament auflösen und während des Wahlkamps als Interimsregierung am 31. Oktober den «Volkswillen» und den Brexit vollziehen. Damit hat er zwar die meisten Verfassungsrechtler gegen sich aufgebracht, aber er befeuert erneut den Gegensatz von «politischer Klasse» und «Volk».

Labour findet immer noch kein Gegen-Narrativ, im Gegenteil. Die Partei bleibt weiterhin in der Defensive. Der Austritt einiger ParlamentarierInnen vom rechten Flügel und die Gründung einer neuen Gruppierung Change UK ist zwar vorläufig verpufft. Doch der von aussen geschürte und innen unzulänglich behandelte Vorwurf, antisemitische Positionen zu dulden, beschädigt das Image weiter.

Das taktische Zugeständnis, gegen einen Deal der Tories eine Volksabstimmung einzufordern und sich dabei für ein Verbleiben in der EU einzusetzen, verschaffte kurzfristig etwas Spielraum. Eine neue programmatische Ausrichtung kann von Labour kurzfristig aber nicht erwartet werden, etwa im Hinblick auf einen neuen solidarischen Internationalismus oder auf eine umweltverträglichere Politik. Da hält Extinction Rebellion den punktuellen radikalen Widerstand aufrecht, während die Grünen bei den EU-Wahlen Fortschritte gemacht haben, ohne dass sich das bislang bewegungsmässig umsetzen liesse.

Es gibt zwar kleine Lichtblicke. In Sheffield ist mit Magid Magid ein somalischer Migrant als EU-Abgeordneter gewählt worden. Bei der jüngsten Nachwahl zum Parlament in Westminster haben die Liberaldemokraten den Konservativen ein Parlamentsmandat abgejagt und Johnsons nominelle Mehrheit auf einen einzigen Sitz reduziert. Aber das Resultat stimmt nur gemässigt optimistisch. Erstens fiel es knapper aus als zu erhoffen war. Wenn die Rechte nicht zwischen Konservativen und Brexit-Partei gespalten gewesen wäre, hätte es für die Opposition nicht gereicht. Labour hat bei den Wahlen keine Rolle gespielt. Zustande kam das Resultat, weil die Grünen und die walisischen Nationalisten auf eine eigene Kandidatur verzichteten. Das ist andererseits strategisch hoffnungsvoll: ein taktischer Zusammenschluss der Remainer.

Tatsächlich versucht Jeremy Corbyn ganz aktuell, im Parlament mit allen Oppositionsparteien und mit gemässigten Konservativen ein Misstrauensvotum gegen Boris Johnson zustande zu bringen. Danach würde er bis zu Neuwahlen eine Interimsregierung anführen; und Labour würde mit dem Versprechen eines zweiten Referendums in diese Wahlen steigen. Nicht weiter diskutiert bleibt allerdings die bisherige Brexit-Strategie, mit der EU einen neuen Austrittsvertrag mit einem Verbleib in einer Zollunion auszuhandeln – was eine ökonomistische Reduktion der Beziehung zu «Europa» darstellt. Nötig wäre vielmehr, meint der Kultur- und Politanalytiker Jeremy Gilbert von der University of East London, eine neue politische Arrondierung mit und über Labour hinaus, eine Koalition progressiver Kräfte. Paul Mason hat im «Guardian» dafür den altertümlichen und eher fragwürdigen Begriff einer Volksfront vorgeschlagen. Labour kann sich dem offiziell nicht anschliessen, aber vielleicht implizit auf lokaler und regionaler Ebene. Wenn der Corbynismus als Bewegung von unten überleben will, dann hat er hier seine Aufgabe und Bewährungsprobe.

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Gut gewandert

Welch eine sinnige Veranstaltung zum 1. August. Carolyn Kerchof wird nach sieben Jahren in der Schweiz im Januar in die heimatlichen USA zurückkehren; und als Vorschein des Abschieds hat sie ein Magazin kreiert, «Bad Hiking», und als erste Nummer autobiografische Aufzeichnungen verfasst, die sich als Rückblick auf die Schweiz anbieten und die Carolyn am schweizerischen Nationalfeiertag FreundInnen und Bekannten im bücherraum f präsentierte. Eine Vernissage verband sich mit einer Feier und einem vorgezogenen Abschied im gut gefüllten bücherraum f zu einer aparten Mischung; zudem war es die erste englischsprachige Veranstaltung bei uns.

Jonathan Pärli stellte einleitend ein paar Bezüge zu Kulturaustäuschen und Grenzüberschreitungen her, berichtete von einer 1.-August-Feier von MigrantInnen und HelferInnen jenseits der Tessiner Grenze, und wies kühn darauf hin, dass auch Oerlikon vom Zürcher Stadtzentrum aus zuweilen als grenzwertig betrachtet werde.

Carolyn Kerchof kam nach einem halben Jahr in Deutschland im September 2012 studienhalber in die Schweiz, und die Berge spielten vorerst keine besondere Rolle. «The Alps never really occurred to me when I thought about moving here. In theory I knew they were there, but in practice, I didn’t see how they could have anything to do with me.» So lässt sich ihr Unterfangen, das Wandern, das Bergwandern als Hobby zu entdecken und zu erlernen, geradezu als ein bewusstes Erziehungsprojekt verstehen, und der Bericht darüber als eine Entwicklungsnovelle, in neun Kapiteln oder Stationen, denn Wandern ist ja, mit einem Augenzwinkern gesagt, zugleich eine Lebensschule.

Es gibt Aspekte, die fürs Wandern allgemein gelten: gute Organisation zum Beispiel, oder angemessenes Essen – wobei Carolyn das ganz persönlich besonders wichtig ist: «Just thinking about hiking makes me ravenous. In general, my appetite impresses me, but my cravings peak when I’m in the mountains, and few things fill me with dread like the prospect of running out of food.» Was sie mit einigen Beispielen illustriert.

Dann gibt es Aspekte, die in der Schweiz eine besondere Bedeutung bekommen. «Gear» beispielsweise, also die Ausrüstung. Die ist in der Schweiz geradezu fetischistisch besetzt. Carolyn besucht zu Beginn ihres Wegs Transa an der Europaallee, «evidence of the burgeoining amateur hiking lifestyle», wo sich alles und noch mehr finden lässt, was sich je mit Wandern verbinden liesse, in der Schweizer Hochpreisinsel: «it is outdoors haute couture» – was eine besondere Pointe bekommt, weil Transa mal als Genossenschaft startete, die den kapitalistischen Hochtourismus unterlaufen wollte.

Als besonders typisch greift Carolyn auch den Bergführer auf. Patricia Purtschert hat beschrieben, wie der Anfang des 20. Jahrhunderts in der Literatur zum prototypischen Schweizer Mann erklärt worden sei, «einfach, ehrlich, mutig und loyal» – wobei Carolyn bei einem Besuch in der Kletterhütte Bockmättli eben einen solchen Naturburschen zu treffen scheint, der zwölf Stunden lang treuherzig kein Wort sagt.

Besonders schweizerisch ist für Carolyn zudem die Infrastruktur: die Wanderwege und deren Beschriftung. Letztere basiert auf dem Werk von Adrian Frutiger (1928 – 2015), dem weltweit anerkannten Schweizer Typographen. Seine Frutiger, eine serifenlose Linear-Antiqua, markiert viele öffentliche Gebäude und Stätten. 2003 kaufte das Bundesamt für Strassen (Astra) zwei Spezialversionen, Astra-Frutiger Standard und Astra Frutiger-Autobahn. Damit wurden einerseits das Wanderwegnetz, andererseits das Autobahnnetz gekennzeichnet, die beiden Pole der Schweizer Perfektion.

«Bad Hiking» ist eine hübsche Mischung von (Selbst)Beobachtungen und Reflexionen, mit etlicher Selbstironie. Durchs Wandern ist in Carolyn auch eine Liebe zur Schweiz entstanden, die eine Liebe zu Menschen in der Schweiz ist.

Carolyn Kerchof: «Bad Hiking. A memoir». Zürich 2019. 24 Seiten. Schutzgebühr 5 Franken.

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