Hegemonie und Personenkult

Der neue britische Premierminister Boris Johnson bedient sich im Instrumentenkasten des Populismus. Man kennt das Muster solcher Charaktermasken mittlerweile auf der ganzen Welt. Doch anhand von Johnson lassen sich neue Facetten zur Auflösung der herkömmlichen Politik wie auch zum Verlust der bürgerlichen Hegemonie studieren. Die volatile Situation ist umso gefährlicher. Labour versucht dagegen zögerlich, ein Bündnis über die Parteigrenzen hinaus zu schmieden.

Von Stefan Howald

1. Ein Bild von einem Mann

Boris Johnson ist ein Kunstprodukt. Die Exzentrizität des neuen britischen Premierministers ist scharf kalkuliert. Er spielt den Tolpatsch ebenso wie den Tabubrecher. Mit Erfolg. Anekdotisch habe ich das 2007 erlebt. Als er sich damals erstmals um das Amt des Londoner Bürgermeisters gegen den bisherigen Amtsinhaber Ken Livingstone vom linken Labourflügel bewarb, meinten ein, zwei jüngere Londoner Kollegen, die ich von einem linken politischen Diskussionszirkel her kannte, sie würden ihn womöglich wählen – er sei ja noch ganz lustig und bringe etwas anarchischen Wind in die Politik. Darin steckte diese angeblich typisch englische Ironie, diese (mittelständische) Nachsicht, ja Liebe fürs Skurrile.

In seiner kürzlich erschienenen, von Fachleuten scharf kritisierten Biografie über Winston Churchill verkündet Johnson unverdrossen die Bedeutung des grossen Einzelnen für den Lauf der Weltgeschichte und stellt sich schamlos in eine solche Reihe.

Ist das lächerliche Selbstüberhebung? Nicht ganz. Immerhin war er 2016 für etliche Konservative der wichtigste Grund, ein Ja für einen EU-Austritt einzulegen, und mit einigen so gewonnenen Prozentteilen mag er womöglich den Ausschlag für den Brexit gegeben haben. Zudem bündelt er gegenwärtig die abstrusen Erwartungen einer lautstarken radikalen Minderheit in England.

Die linksliberale Wochenzeitschrift «New Statesman» spricht seit einiger Zeit von einer «Verengung des konservativen Geistes». Eine fundamentalistische Mehrheit in der Konservativen Partei ist mittlerweile bereit, fast alle Eckpunkte jahrhundertealter konservativer Politik zu opfern: das Bündnis mit den führenden Wirtschaftskreisen; den Anspruch, die ganze Nation in eine bessere – natürlich konservativ geprägte – Zukunft zu führen; die Einheit der eigenen Partei im Dienste der Machterhaltung zu bewahren; in Meinungsumfragen spricht sich eine klare Mehrheit der Tories dafür aus, selbst die britische Union von England und Schottland preiszugeben, ja, sogar Nordirland der irischen Republik auszuliefern, wenn nur der Brexit kommt, der dann im Wortsinn ein englischer Exit wäre.

Dieser Mehrheit der Tories scheint nur Johnson eine Garantie dafür zu sein, sie in das gelobte Land der splendid isolation zu führen und zugleich das erwartbare Chaos mit ein paar Witzchen und Durchhalteparolen zu verzuckern. Rationale Interessenspolitik ist durch einen Personenkult ersetzt.

Dabei sind Johnsons Qualitäten indiskutabel. Die Liste von Fehlleistungen, Peinlichkeiten und Entgleisungen nimmt kein Ende. Ja, Boris Johnson ist ein Prahlhans und ein Clown, ein Sexist und ein Lügner. Was ihn für seine Fans gerade attraktiv macht. Seine Fehler werden als Stärken verklärt. Noch kaum je ist ein neuer britischer Premierminister von vornherein so polarisiert wahrgenommen worden.

 

2. Polarisierung

Vorausgegangen ist natürlich in den USA Donald Trump. Dessen persönlicher Narzissmus, ideologische Lagermentalität und Politik im Interesse spezifischer Klientel haben die USA tief gespalten. So wie die republikanische Partei ihren einstigen Anspruch, die ganze Nation zu repräsentieren, endgültig aufgegeben und die Moderaten marginalisiert hat, so haben jetzt die Brexiteers das Konzept der One-Nation-Tories zerstört.

Jede bewusste Polarisierung von rechts bedeutet allerdings eine mehr oder weniger bewusste Preisgabe eines hegemonialen Projekts, das heisst möglichst viele subalterne Klassen und Interessengruppen unter bürgerlicher Führung einzubinden. Der Thatcherismus versuchte dies trotz seiner scharfen Klassenpolitik mit einer Stärkung individueller Aufstiegsmöglichkeiten, und noch der sozialdemokratische Dritte Weg mit seiner Übernahme neoliberaler Eckwerte bei gleichzeitiger sozialer Abfederung anerkannte dieses Modell implizit. In Grossbritannien ist die Situation spätestens mit Brexit volatil geworden, sowohl nach oben wie nach unten. Die Brexiteers haben eine scharfe Abgrenzung von Kreisen der Wirtschaft in Kauf genommen, die einen gemeinsamen, möglichst reibungslosen Freihandelsmarkt mit der EU wünschen. Die wichtigsten IndustrievertreterInnen wie praktisch alle Mainstream-ÖkonomInnen warnen entsprechend vor einem harten Brexit.

Boris Johnson hat den Brexit vor allem als Königsweg zur persönlichen Machteroberung beschritten. Um den Verlust bisheriger politischer Partner zu kompensieren, setzen er und seine Koterie einerseits auf den Personenkult und reagieren andererseits mit einem opportunistischen Populismus. So hat er die von den vorangegangenen konservativen Regierungen bislang als schmerzhaft aber notwendig verkaufte Austeritätspolitik mehr oder weniger offen aufgegeben. Wie schon während der Brexit-Abstimmung mit den berüchtigten 350 Millionen Pfund, die nach einem EU-Austritt pro Woche für den Gesundheitsdienst frei würden, verspricht Johnson wiederum das Blaue vom Himmel herunter und verteilt freigiebig Wahlgeschenke an jene Wählersegmente, die er dringend an sich binden muss. Steuersenkungen sollen mit mehr Investitionen für die Polizei und das Gesundheitswesen einhergehen. Solche Klientelpolitik mag kurzfristig ein paar Stimmen bringen, aber mittelfristig werden die nicht gehaltenen Versprechungen das Misstrauen gegenüber der «Politik» und die zentrifugalen Kräfte verstärken.

 

3. Hegemonie

Was die Frage nach der hegemonialen Kraft der Borismanie aufwirft. Hegemonie bedeutet ja mehr als blosse Wahl- und Abstimmungssiege. Sie bedeutet die längerfristige Einbindung einer Bevölkerungsmehrheit in ein von oben bestimmtes Projekt, durch das Angebot plausibler Lebensentwürfe und einer lebbaren Alltagsphilosophie, durch offen gehaltene und neu angebotene Handlungsfähigkeiten.

Boris Johnson vermag das nicht zu leisten. Schon jetzt kann er nur mit prekären und wechselnden Koalitionen regieren. Ein Projekt, die Interessen in einem breiten Bündnis zusammenführen könnte, ist das nicht. Vielmehr versucht sich eine Minderheitsfraktion als Allgemeinwille auszugeben.

Der deutsche Philosoph Wolfgang Fritz Haug hat vor über dreissig Jahren am Konzept einer Hegemonie ohne Hegemon herumgedacht und sie als strukturelle Hegemonie bezeichnet. Dies Mitte der achtziger Jahre angesichts einer Situation, in der eine linke Führungskraft nicht mehr sichtbar war. Aber die Überlegungen lassen sich auch nach rechts anwenden. Wenn Johnson kein hegemoniales Projekt anbietet, so halten uns dennoch die herrschenden neoliberalen Verhältnisse und Denkformen weiterhin gefangen, in einer strukturellen Hegemonie eben.

Diese Einschätzung wirft die Frage auf, ob es sich bei den gegenwärtigen Politiken in den USA und in Grossbritannien tatsächlich um eine weiter reichende Strategie, gar eine neue Epoche handelt. Der Publizist Paul Mason (Autor von «Postkapitalismus») hat das kürzlich in einem Interview mit dem Onlinemagazin «Republik» bejaht. Für ihn ist der Neoliberalismus mit der Finanzkrise 2008 «zusammengebrochen» und bedeutet Trump einen «definitiven Epochenwechsel». Die US-Elite, oder die herrschende Klasse, habe sich gespalten, und eine neue plutokratische Klasse sei an die Macht gekommen. So weit ist das plausibel. Aber die weiteren Auskünfte dazu sind im Detail nicht immer konsequent. Mason unterstellt Trump und den von ihm vertretenen Kapitalfraktionen ein kohärentes Projekt. Einerseits sagt er: «Trumps Botschaft lautet: ich werde den amerikanischen Neoliberalismus am Leben erhalten, auch wenn das bedeutet, dass ich anderen Ländern den Wirtschaftskrieg erklären muss. Trump predigt eine Grossmachtsversion des Neoliberalismus.» Andererseits redet Mason von einer «Nationalisierung des Neoliberalismus» durch Trump. Aber wirtschaftliche Grossmachtpolitik und Nationalismus sind doch tendenziell zwei verschiedene Dinge? «America first» arbeitet zwar mit knallharter Interessenspolitik, mit Protektionismus und Aushöhlung multilateraler Strukturen. Das mag die transnationalen Wirtschaftsbeziehungen zwar stören, aber es nationalisiert sie noch nicht. Viel eher liesse sich von einer Gleichzeitigkeit auf verschiedenen Ebenen sprechen. Was die Reibungsverluste erhöht.

 

4. Old Etonians

In Grossbritannien bedeutet die Person von Boris Johnson Symptom einer anderen sozialen Verschiebung, die dem Aufstieg von Trump in manchem parallel läuft, in anderem gerade widerspricht. In der «London Review of Books» zeichnet James Wood, selbst ein ehemaliger Absolvent der Eliteschule Eton, nach, wie deren Absolventen, die Old Etonians wieder an die Macht drängen und welches Weltbild in ihnen steckt: Sie verbinden eine plutokratische Gesellschafts- mit einer neoliberalen Wirtschaftsauffassung und einer Nostalgie fürs entschwundene Empire. Zentral allerdings ist der selbstverständliche Führungsanspruch, an die Schalthebel von Geld und Macht zu gehören. Dieses Grundverständnis ist eher ein Instinkt denn eine ausgeprägte Ideologie. Sachgerecht, technokratisch gesehen ist die Politikfähigkeit der herrschenden Klasse in England schwer beschädigt. Man muss sich nur die Abfolge der letzten konservativen Premiers anschauen: von der schrecklich tatkräftigen Margaret Thatcher über den aufrechten, blassen John Major zum aalglatten, inhaltsleeren David Cameron und zur starrsinnig unfähigen Theresa May bis zum Witzbold Boris Johnson. Unter der Regierung von Theresa May wurde eine Rekordzahl von MinisterInnen verschlissen, die nichts zustande gebracht haben. Die Brexit-Verhandlungen wurden von britischer Seite her dilettantisch geführt (mit partieller Beteiligung von Johnson); die seit zwei Jahren immer wieder propagierten neuen grossartigen Freihandelsverträge sind jämmerlich verschlampt worden. Das ursprüngliche Feld der NachfolgekandidatInnen für Theresa May war ein Gruselkabinett an Untoten, Unfähigen und Unbekannten.

 

5. Angriff der Hedge Funds

Bei Johnson könnte man geradezu von einer Auflösung der Ideologie und des Politischen sprechen, theoretisch wie praktisch. Sein jetziges Regierungsprogramm, mit dem er bereits Wahlkampf betreibt, umfasst drei Punkt: den Brexit zu liefern, mehr Geld für die Sicherheit und die Bekämpfung der Kriminalität sowie fürs Gesundheitswesen bereitzustellen. Alle drei Punkte sind populistisch durch Meinungsumfragen gesteuert – wobei er das letztere Thema Labour streitig zu machen versucht.

Rechts vom Opportunisten Johnson stehen allerdings die Ideologen Nigel Farage und Jacob Rees-Mogg bereit. James Meek hat ebenfalls in der «London Review of Books» deren Hintergrund analysiert. Beide gehören sie zum Finanzkapital. Die Zeitschrift «Private Eye» hat dokumentiert, wie viele Hedge-Fund-Manager auf Johnson gesetzt haben, indem sie seine Kandidatur finanzierten, zugleich angesichts der erwarteten Turbulenzen auf eine Schwächung des Pfunds setzten. Farage und Rees-Mogg handeln global und sind zugleich nationalistisch gesinnt. Das scheint ein Widerspruch. Aber es ist ein Widerspruch, den sie durchaus profitabel leben. Der finanzgetriebene globale Neoliberalismus steht für sie strukturell ausser Frage. Auf der individuellen Ebene kann man problemlos davon abweichen.

Und es ist ein Widerspruch, den sie offensiv vertreten. Der klassische Neoliberalismus hält ideologisch noch an einer Meritokratie fest. Das verleiht ihm eine gewisse egalitäre Faszination (obwohl diese real nicht eingelöst werden kann). Selbst Silicon Valley kann sich in dieses Konzept einfügen, mit gesellschaftspolitisch liberalen Vorstellungen. Der neoliberale Rechtskonservatismus hingegen will die wirtschaftlichen Gewinne strikt klassenspezifisch verteilen. Zum Zug kommt ein Patronage-System. Kulturell und gesellschaftspolitisch gesehen haben sich Rees-Mogg und Farange zugleich zu den absurdesten Vorstellungen verstiegen: etwa eine Stärkung der Monarchie oder eine Rückkehr zum imperialen Masssystem.

Diese Mischung kann kurzfristig, in einer bestimmten Konstellation mehrheitsfähig werden, in England im Falle von Brexit. Brexit hat das ganze politische Koordinatensystem verschoben. Aber auf der strukturellen Ebene gilt nach wie vor: Wir leben und handeln in der kapitalistischen Schuld- und Zins-Wirtschaft, sind etwa auf die Verzinsung unserer Pensionsgelder angewiesen. Deshalb skandalisieren die schamlos im Selbstinteresse erfolgenden wirtschaftlichen Taten der Brexiteers nicht so stark wie man das erwarten (erhoffen) könnte, etwa wenn der englische Erznationalist Rees-Mogg den Sitz seines Hedge Funds nach Irland verschiebt.

Das ist gegenwärtig deprimierend erfolgreich und nicht zu unterschätzen. So wie die Clowns weltweit nicht zu unterschätzen sind. Doch brauchen sie die ständige Erregung – was kommt nach dem Brexit? Die Schürung des Chaos bleibt jederzeit volatil und kann nicht hegemonial wirken. Damit stellen sich für eine erfolgreiche Gegenpolitik andere Aufgaben.

 

6. Das politische Vakuum

Dabei zeigt die «älteste Demokratie der Welt» im Angesicht des Brexit ihre demokratischen Defizite. 160’000 Parteimitglieder der Konservativen haben bestimmt, wer der nächste britische Premierminister wird, ohne weiteres Volksmandat. Die angebliche Wiedergewinnung der nationalen Souveränität durch die Abkoppelung von der EU ist von Premier Johnson bereits bei der ersten Intervention von US-Präsident Trump wegen eines unbotmässigen Botschafters mit einem Kniefall konterkariert worden, und eine Teilnahme am Begleitschutz im Persischen Golf wird als stolze heroische Tat verkauft, die ans Empire anknüpfe. Die wüsten Beleidigungen gegenüber der EU und vor allem Irlands erinnern an die Kolonialherrschaft, werden aber durch bedingungslose Vasallentreue zu den Trump’schen USA kompensiert.

Umgekehrt sucht das Parlament verzweifelt seine Verfügungsmacht durch arkane Verfahren zu sichern. Im Wahlkampf wie auch nach seiner Wahl hat sich Boris Johnson nicht von der Idee distanziert, er könne, um einen Austritt aus der EU auf den 31. Oktober durchzusetzen, das Parlament kurzzeitig suspendieren – was einem kalten Staatsstreich gleichkäme. Dagegen wehrten sich Unter- wie Oberhaus, indem sie ein Gesetz verabschiedeten, wonach die Regierung zweiwöchentlich über die Fortschritte bei der Aufrechterhaltung des Friedensprozesses in Nordirland berichten muss – womit das Parlament nicht beliebig suspendiert werden kann. Soeben hat auch Parlamentspräsident John Bercow verkündet, dass er sich einer Suspendierung mit allen Mitteln entgegenstemmen wolle.

Mittlerweile denkt Johnson an einem anderen kalten Staatsstreich herum. So könnte er das Parlament auflösen und während des Wahlkamps als Interimsregierung am 31. Oktober den «Volkswillen» und den Brexit vollziehen. Damit hat er zwar die meisten Verfassungsrechtler gegen sich aufgebracht, aber er befeuert erneut den Gegensatz von «politischer Klasse» und «Volk».

Labour findet immer noch kein Gegen-Narrativ, im Gegenteil. Die Partei bleibt weiterhin in der Defensive. Der Austritt einiger ParlamentarierInnen vom rechten Flügel und die Gründung einer neuen Gruppierung Change UK ist zwar vorläufig verpufft. Doch der von aussen geschürte und innen unzulänglich behandelte Vorwurf, antisemitische Positionen zu dulden, beschädigt das Image weiter.

Das taktische Zugeständnis, gegen einen Deal der Tories eine Volksabstimmung einzufordern und sich dabei für ein Verbleiben in der EU einzusetzen, verschaffte kurzfristig etwas Spielraum. Eine neue programmatische Ausrichtung kann von Labour kurzfristig aber nicht erwartet werden, etwa im Hinblick auf einen neuen solidarischen Internationalismus oder auf eine umweltverträglichere Politik. Da hält Extinction Rebellion den punktuellen radikalen Widerstand aufrecht, während die Grünen bei den EU-Wahlen Fortschritte gemacht haben, ohne dass sich das bislang bewegungsmässig umsetzen liesse.

Es gibt zwar kleine Lichtblicke. In Sheffield ist mit Magid Magid ein somalischer Migrant als EU-Abgeordneter gewählt worden. Bei der jüngsten Nachwahl zum Parlament in Westminster haben die Liberaldemokraten den Konservativen ein Parlamentsmandat abgejagt und Johnsons nominelle Mehrheit auf einen einzigen Sitz reduziert. Aber das Resultat stimmt nur gemässigt optimistisch. Erstens fiel es knapper aus als zu erhoffen war. Wenn die Rechte nicht zwischen Konservativen und Brexit-Partei gespalten gewesen wäre, hätte es für die Opposition nicht gereicht. Labour hat bei den Wahlen keine Rolle gespielt. Zustande kam das Resultat, weil die Grünen und die walisischen Nationalisten auf eine eigene Kandidatur verzichteten. Das ist andererseits strategisch hoffnungsvoll: ein taktischer Zusammenschluss der Remainer.

Tatsächlich versucht Jeremy Corbyn ganz aktuell, im Parlament mit allen Oppositionsparteien und mit gemässigten Konservativen ein Misstrauensvotum gegen Boris Johnson zustande zu bringen. Danach würde er bis zu Neuwahlen eine Interimsregierung anführen; und Labour würde mit dem Versprechen eines zweiten Referendums in diese Wahlen steigen. Nicht weiter diskutiert bleibt allerdings die bisherige Brexit-Strategie, mit der EU einen neuen Austrittsvertrag mit einem Verbleib in einer Zollunion auszuhandeln – was eine ökonomistische Reduktion der Beziehung zu «Europa» darstellt. Nötig wäre vielmehr, meint der Kultur- und Politanalytiker Jeremy Gilbert von der University of East London, eine neue politische Arrondierung mit und über Labour hinaus, eine Koalition progressiver Kräfte. Paul Mason hat im «Guardian» dafür den altertümlichen und eher fragwürdigen Begriff einer Volksfront vorgeschlagen. Labour kann sich dem offiziell nicht anschliessen, aber vielleicht implizit auf lokaler und regionaler Ebene. Wenn der Corbynismus als Bewegung von unten überleben will, dann hat er hier seine Aufgabe und Bewährungsprobe.

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Gut gewandert

Welch eine sinnige Veranstaltung zum 1. August. Carolyn Kerchof wird nach sieben Jahren in der Schweiz im Januar in die heimatlichen USA zurückkehren; und als Vorschein des Abschieds hat sie ein Magazin kreiert, «Bad Hiking», und als erste Nummer autobiografische Aufzeichnungen verfasst, die sich als Rückblick auf die Schweiz anbieten und die Carolyn am schweizerischen Nationalfeiertag FreundInnen und Bekannten im bücherraum f präsentierte. Eine Vernissage verband sich mit einer Feier und einem vorgezogenen Abschied im gut gefüllten bücherraum f zu einer aparten Mischung; zudem war es die erste englischsprachige Veranstaltung bei uns.

Jonathan Pärli stellte einleitend ein paar Bezüge zu Kulturaustäuschen und Grenzüberschreitungen her, berichtete von einer 1.-August-Feier von MigrantInnen und HelferInnen jenseits der Tessiner Grenze, und wies kühn darauf hin, dass auch Oerlikon vom Zürcher Stadtzentrum aus zuweilen als grenzwertig betrachtet werde.

Carolyn Kerchof kam nach einem halben Jahr in Deutschland im September 2012 studienhalber in die Schweiz, und die Berge spielten vorerst keine besondere Rolle. «The Alps never really occurred to me when I thought about moving here. In theory I knew they were there, but in practice, I didn’t see how they could have anything to do with me.» So lässt sich ihr Unterfangen, das Wandern, das Bergwandern als Hobby zu entdecken und zu erlernen, geradezu als ein bewusstes Erziehungsprojekt verstehen, und der Bericht darüber als eine Entwicklungsnovelle, in neun Kapiteln oder Stationen, denn Wandern ist ja, mit einem Augenzwinkern gesagt, zugleich eine Lebensschule.

Es gibt Aspekte, die fürs Wandern allgemein gelten: gute Organisation zum Beispiel, oder angemessenes Essen – wobei Carolyn das ganz persönlich besonders wichtig ist: «Just thinking about hiking makes me ravenous. In general, my appetite impresses me, but my cravings peak when I’m in the mountains, and few things fill me with dread like the prospect of running out of food.» Was sie mit einigen Beispielen illustriert.

Dann gibt es Aspekte, die in der Schweiz eine besondere Bedeutung bekommen. «Gear» beispielsweise, also die Ausrüstung. Die ist in der Schweiz geradezu fetischistisch besetzt. Carolyn besucht zu Beginn ihres Wegs Transa an der Europaallee, «evidence of the burgeoining amateur hiking lifestyle», wo sich alles und noch mehr finden lässt, was sich je mit Wandern verbinden liesse, in der Schweizer Hochpreisinsel: «it is outdoors haute couture» – was eine besondere Pointe bekommt, weil Transa mal als Genossenschaft startete, die den kapitalistischen Hochtourismus unterlaufen wollte.

Als besonders typisch greift Carolyn auch den Bergführer auf. Patricia Purtschert hat beschrieben, wie der Anfang des 20. Jahrhunderts in der Literatur zum prototypischen Schweizer Mann erklärt worden sei, «einfach, ehrlich, mutig und loyal» – wobei Carolyn bei einem Besuch in der Kletterhütte Bockmättli eben einen solchen Naturburschen zu treffen scheint, der zwölf Stunden lang treuherzig kein Wort sagt.

Besonders schweizerisch ist für Carolyn zudem die Infrastruktur: die Wanderwege und deren Beschriftung. Letztere basiert auf dem Werk von Adrian Frutiger (1928 – 2015), dem weltweit anerkannten Schweizer Typographen. Seine Frutiger, eine serifenlose Linear-Antiqua, markiert viele öffentliche Gebäude und Stätten. 2003 kaufte das Bundesamt für Strassen (Astra) zwei Spezialversionen, Astra-Frutiger Standard und Astra Frutiger-Autobahn. Damit wurden einerseits das Wanderwegnetz, andererseits das Autobahnnetz gekennzeichnet, die beiden Pole der Schweizer Perfektion.

«Bad Hiking» ist eine hübsche Mischung von (Selbst)Beobachtungen und Reflexionen, mit etlicher Selbstironie. Durchs Wandern ist in Carolyn auch eine Liebe zur Schweiz entstanden, die eine Liebe zu Menschen in der Schweiz ist.

Carolyn Kerchof: «Bad Hiking. A memoir». Zürich 2019. 24 Seiten. Schutzgebühr 5 Franken.

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War das ein Geraune, ein Geflüster, ein Hautrieseln!

Bücherräumereien (XI): Eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

«Eines Tages, soweit das Auge reicht, alles – rot. Einen solchen Tag hat Wien nicht wieder erlebt. War das ein Geraune, ein Geflüster, ein Hautrieseln! Auf den Strassen, auf der Tramway, im Stadtpark, alle Menschen lesend aus einem roten Heft … Es war narrenhaft. Das Broschürchen, ursprünglich bestimmt, in einigen hundert Exemplaren in die Provinz zu flattern, musste in wenigen Tagen in Zehntausenden von Exemplaren nachgedruckt werden.» So beschreibt Robert Scheu, wie im April 1899 das erste Exemplar der «Fackel» von Karl Kraus erschien. Und er schildert, wie die Zeitschrift in den folgenden Jahren als «rotes Ungetüm», dreimal im Monat «allemal ein Gegenstand fieberhafter Neugierde» wurde, Karrieren zerstören und machen konnte.

Scheus Broschüre ist die erste Würdigung von Karl Kraus (1874–1936), geschrieben zum zehnten Jahrestag des ersten «Fackel»-Hefts, im selben Verlag veröffentlicht wie die «Fackel». Scheu analysiert, wie Kraus vom Beobachter zum Kritiker und dann zum Richter geworden sei, mit «fröhlicher gesunder Grausamkeit» die verderbliche Macht der Presse entlarvt habe. Die Presse habe sich Verwaltungsbefugnisse angeeignet, ohne entsprechende Verantwortung zu übernehmen; und so sei geradezu eine umgekehrte Pressezensur entstanden, nämlich die von der Presse ausgeübte Zensur, die sich zum «Herrn der Ereignisse» mache, auslasse und fälsche. Die Leseschulung des bislang hilflosen Publikums gegenüber dieser Anmassung hält er Kraus als geschichtliche Tat zugute.

Robert Scheu (1873–1964) studierte Jurisprudenz, war dann als Angestellter im österreichischen Handels-Museum tätig und entfaltete daneben eine breite schriftstellerische Tätigkeit. Er verfasste Theaterstücke, Erzählungen sowie Aphorismen und Gedichte. Ab 1906 stand er in Kontakt mit Kraus, schrieb gelegentlich für die «Fackel», bediente ab 1911 selber eine satirische Politikkolumne «Chronik der Weltereignisse» im «Simplicissimus» und im «Prager Tagblatt». So scharfsichtig er die Leistung von Kraus würdigt, so zieht er doch auch eine Grenze zu diesem. Dieser führe den Kampf mit Wachsamkeit und Unermüdlichkeit und Unduldsamkeit; doch könne es wohl nicht darum gehen, die Presse etwa abzuschaffen, sondern man müsse sie in ihrer gesellschaftlichen Funktion regulieren. In der Presse drücke sich generell die Macht der Organisation und der Maschinerie des modernen sozialen Organismus aus; dagegen sei Kraus ebenfalls «von einer ganz grandiosen Ranküne erfüllt», was nötig sei, aber doch einen Stich ins Reaktionäre bekommen, weil man auch die Organisation und Technik nicht bloss verhöhnen könne, sondern zu Neuem veredeln müsse.

Tatsächlich hatte Scheu bereits 1901 ein demokratiepolitisches Programm unter dem Titel «Kulturpolitik» vorgelegt, welchen Begriff er recht eigentlich in die öffentliche Debatte einbrachte. Die von ihm initiierte Kulturpolitische Gesellschaft hatte vielfältige Kontakte mit Persönlichkeiten der Wiener Moderne, etwa Adolf Loos und Hermann und Eugenie Schwarzwald; 1913 liess sich Scheu von Adolf Loos ein Wohnhaus entwerfen. Nach dem 1. Weltkrieg verschmolz die Kulturpolitische Gesellschaft in Wien mit dem Aktivismus-Kreis und flirtete kurz mit rätedemokratischen Modellen. Scheu selbst wurde zum Vermittler zwischen Österreich und der Tschechoslowakei und beschäftigte sich mit volkswirtschaftlichen Fragen.

Die Kraus-Broschüre ist im bücherraum f vorhanden, ebenso wie einige Originalausgaben der «Fackel», von 1913 bis 1927. Die Broschüre ist aus einem weiteren Grund bemerkenswert: Sie enthält ein gepresstes Edelweiss. Ein Edelweiss? Kaum etwas scheint der urbanen Kulturkritik von Karl Kraus weniger angemessen. Nicht erschliessen lässt sich, ob das Edelweiss vom Käufer oder der Käuferin der Broschüre selbst hinzugefügt, oder ob es in eine etwa als Geschenk erhaltene Broschüre gelegt wurde. Das würde die Beilage jeweils in ein anderes Licht rücken. Kaum vorstellbar, dass es sich auf den Inhalt bezieht, auf dieses scharfe Richtschwert gegen die moderne Gesellschaft, diesen auszeichnend wie etwa ein Lorbeerblatt. Dazu wäre das Edelweiss ein schräges Symbol! Eher noch mag es den Inhalt sanft abwehren, ja verwerfen: dem ehernen Polemiker die treuherzige Macht der Natur entgegenstrecken.

Vielleicht auch, wenn das Edelweiss in einem Geschenk steckte, hätte die Broschüre womöglich als Versteck gedient, als Panzer, der verbergen und abschrecken sollte. Oder als Kassiber, der etwas schmuggelte. Scheu schreibt von einer jungen Generation, «eine ganz eigene Rasse, welche die ‹Fackel› statt als Medizin als Nahrung zu sich nahm». Vielleicht hat die scharfe Kulturkritik also etwas weiteres transportiert: neben der geistigen die emotionale Nahrung.

sh

Robert Scheu: «Karl Kraus». Verlag Jahoda & Siegel. Wien 1909. 40 Seiten. Die Broschüre befindet sich im bücherraum f in der Abteilung V (Raritäten) im Gestell 24.

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Aus den Büchern

Bücherräumereien (X): Eine gelegentliche Rubrik über die Bestände des bücherraums f

Der bücherraum f hat jetzt ein eigenes Exlibris, eine Buchmarke, die wir in geschenkte Bücher einkleben. So wird unser Bestand durch eine historische Dimension ergänzt.

Exlibris tauchen erstmals im Mittelalter auf, sind vereinzelt in Inkunabeln vorhanden, um etwa den Besitz von Handschriften in bestimmten Klöstern zu bezeichnen. Sie kommen dann im 15. Jahrhundert, mit dem Buchdruck, breiter in Gebrauch. Anfang des 16. Jahrhunderts machen bekannte Maler wie Albrecht Dürer, Lukas Cranach der Ältere und Hans Holbein der Jüngere Exlibris für mäzenatische Sammler. In Renaissance und Barock entstehen solche mit je spezifischen Motiven. Eine besondere Blüte erlebt die Kleinkunst um 1880 und dann mit dem Jugendstil. 1890 entsteht die englische Ex-Libris-Society, 1891 der Exlibris-Verein zu Berlin. Bis zum 2. Weltkrieg leistet sich ein Bildungsbürgertum eigene Exlibris und bietet etlichen KünstlerInnen eine bescheidene Verdienstmöglichkeit. In den letzten Jahrzehnten sind Exlibris mehr Sammelobjekt denn konkrete Praxis geworden. In der Schweiz wird erst 1968 der Schweizerische Exlibris Club (SELC) gegründet; drei Mal im Jahr erhalten Mitglieder den «SELC-Express» plus eine Jahresgabe.

Soll man Bücher mit einer Besitzangabe belasten? Widerspricht der Eigentumsvermerk nicht dem Ideal freier Gedanken und frei schwebender Literatur? Nun, das Exlibris des bücherraums f wird nicht bloss als Besitzvermerk verwendet, sondern es wird in geschenkte Bücher eingeklebt und dient einer zusätzlichen Information: wer uns das Buch wann geschenkt hat. Indem wir die Provenienz neuerer Bücher vermerken, wird der Buchbestand des bücherraums f mit überschüssigen Geschichten versehen.

Unser Exlibris stammt von der Grafikerin Helen Ebert, die auch die Flyer für den bücherraum f konzipiert. Es ist eine Landschaft gestaltet aus und mit dem Buchstaben f – für fortschritt und feminismus.

Im bücherraum f befinden sich bereits einige Bücher mit älteren Exlibris, siehe dazu etwa die Bücherräumereien II und VII über Caroline Haslett und Anni Breuer auf dieser Website.

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Rettung der Wunderkammer

Fünfzig Jahre lang sammelten Roland und Anne Gretler Dokumente zur Schweizer Sozialgeschichte. Was bleibt, nachdem ihr «Panoptikum» jetzt aufgelöst wird? Wohin mit den vielen gesellschaftlichen und persönlichen Erinnerungsstücken? Ein Bericht von Stefan Howald

Und dann kommen diese drei Kisten im Keller zum Vorschein. Da drin finden sich, sauber geordnet in chronologischen Lagen, 1.-Mai-Ausgaben aller Schweizer Gewerkschaftszeitungen und regionalen SP-Blätter. Von den zwanziger bis in die sechziger Jahre. Ein Mitarbeiter des Schweizerischen Sozialarchivs winkt ab: Man besitze die entsprechenden Zeitungen zumeist in vollständigen Jahrgängen. Aber in diesen Kisten findet sich ein spezifisches Thema einzigartig konzentriert. Das darf doch nicht im Altpapier verschwinden!

Auf solche Schätze trifft man in «Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» im Zürcher Kanzleischulhaus auf Schritt und Tritt, und solche Entscheidungen gilt es laufend zu fällen, jetzt, da das Panoptikum über ein Jahr nach dem Tod von Roland Gretler aufgelöst wird. …

Weiter lesen in der WOZ vom 27.6.2019 [pdf, 774 KB]

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Eindrücklichste Zürcher Figur – Dora Koster

Dora Koster (1939 – 2017), hat Franz Hohler kürzlich dem «Tages-Anzeiger» erklärt, ist oder war oder ist eine der eindrücklichsten Zürcher Figuren. Zeit also, sich ihrer bald zwei Jahre nach ihrem Tod wieder zu erinnern. Die Arbeiten am Nachlass der Schriftstellerin und Malerin gehen an der Forschungsstelle Dora Koster voran, die im bücherraum f an der Jungstrasse 9 in 8050 Zürich angesiedelt ist.

– Die schriftliche Hinterlassenschaft ist zu grössten Teilen erschlossen und wird gelegentlich in die Zentralbibliothek Zürich überführt. Wichtigere Texte werden laufend elektronisch erfasst.

– Die rund zwanzig von ihr verfassten Bücher sind im bücherraum f vorhanden und werden ebenfalls elektronisch erfasst.

– Rund hundertvierzig Gemälde finden sich hier versammelt: http://www.stefanhowald.ch/aktuell/?page_id=1762

– In den letzten Lebensjahren hat Dora Koster vierzehn Handys mit SMS beschrieben, eher düsteren Inhalts; die sind mittlerweile zum grössten Teil entziffert.

Wer über weitere Materialien – Manuskripte, Gemälde, Fotografien, Dokumente – verfügt, wird gebeten, sich via sthowald@bluewin.ch zu melden.

 

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Auflösung der Hegemonie

(Brexit-Splitter 7)

Er bietet sich als einziger Gewährsmann für einen harten Brexit an, koste es, was es wolle. Zugleich verspricht Boris Johnson das Ende der Austerität und verteilt freigiebig Wahlgeschenke in Form von erhöhten Staatsausgaben. Um die konservative Macht zu retten, verzichtet er darauf, die bürgerliche Hegemonie aufrecht zu erhalten.

Seine Qualitäten sind indiskutabel. Die Liste von Fehlleistungen, Peinlichkeiten und Entgleisungen nimmt kein Ende. Ja, Boris Johnson ist ein Prahlhans und ein Clown, ein Schürzenjäger und ein Lügner. Man kennt das Muster solcher erfolgreicher politischer Charaktermasken mittlerweile auf der ganzen Welt. Doch am vermutlichen künftigen britischen Premierminister lassen sich neue Facetten zur Auflösung der Politik und zum Verlust der bürgerlichen Hegemonie studieren.

Als sich Boris Johnson 2007 um das Amt des Londoner Bürgermeisters gegen den bisherigen Amtsinhaber Ken Livingston vom linken Labourflügel bewarb, meinten ein, zwei jüngere Londoner Kollegen, die ich von einem linken politischen Diskussionszirkel her kannte, sie würden ihn womöglich wählen – er sei ja noch ganz lustig und bringe etwas anarchischen Wind in die Politik. Darin steckte diese angeblich typisch englische Ironie, diese (mittelständische) Nachsicht, ja Liebe fürs Skurrile. Wo anders als in England hätte eine absurde Figur wie Jacob Rees-Mogg zu einer wichtigen politischen Figur werden können, der vom Satiremagazin «Private Eye» ebenso ironisch wie zutreffend als «ehrenwertes Parlamentsmitglied für das 18. Jahrhundert» charakterisiert worden ist? Mit der Liebe zum Skurrilen lässt sich halt vieles rechtfertigen.

Mittlerweile sind andernorts krassere Populisten an die Macht gekommen. Manche EngländerInnen halten sich weiterhin etwas darauf zugute, dass ihr Mann nicht so schlimm sei wie etwa Donald Trump. Zumindest nicht so vulgär. Johnson schreibt ja sogar wissenschaftliche Bücher! Tatsächlich lässt sich bezüglich Donald Trump sagen: Der macht Politik, um Geld zu scheffeln und sein Ego zu befriedigen. Das ist narzisstisch unbewusst. Johnson ist narzisstisch bewusst. Also opportunistisch und zynisch. Was vielleicht noch schlimmer ist.

Natürlich ist das alles im Rahmen des Brexit zum Ausbruch gekommen und durch diesen verschärft worden. Die Brexit-Debatte hat das ganze britische Koordinatensystem verschoben. Eine fundamentalistische Mehrheit in der Konservativen Partei ist mittlerweile bereit, fast alle Eckpunkte jahrhundertealter Politik zu opfern, wenn nur der Brexit kommt: die britische Union als Ausgleich mit Schottland, den Anspruch, die ganze Nation in eine bessere Zukunft zu führen, die Einheit der eigenen Partei zur Machterhaltung. Johnson hat sich der Erwartung eines schnellen, radikalen Brexit schamlos angedient. Nur er scheint für eine Mehrheit der Tories garantieren zu können, sie in das gelobte Land der splendid isolation zu führen und zugleich das erwartbare Chaos mit ein paar Witzchen und Durchhalteparolen zu verzuckern.

Dabei zeigt die «älteste Demokratie der Welt» ihre demokratischen Defizite. 160’000 Parteimitglieder der Konservativen werden bestimmen, wer der nächste Premierminister wird, ohne weiteres Volksmandat. Die angebliche Wiedergewinnung der nationalen Souveränität durch die Abkoppelung von der EU ist von Johnson bereits bei der ersten Intervention von US-Präsident Trump wegen eines unbotmässigen Botschafters mit einem Kniefall kompensiert worden.

Umgekehrt sucht das Parlament verzweifelt seine Verfügungsmacht durch arkane Abstimmungen zu sichern. Im gegenwärtigen Wahlkampf hat sich Boris Johnson nicht von der Idee distanziert, er könne, um einen Austritt aus der EU auf den 31. Oktober durchzusetzen, das Parlament kurzzeitig suspendieren – was einem kalten Staatsstreich gleichkäme. Dagegen wehren sich Unter- wie Oberhaus, indem sie ein Gesetz verabschieden, wonach die Regierung zweiwöchentlich über die Fortschritte bei der Aufrechterhaltung des Friedensprozesses in Nordirland berichten muss – womit das Parlament nicht beliebig suspendiert werden kann.

Die Person Johnson ist dabei Symptom sozialer Verschiebungen. In der «London Review of Books» zeichnet ein ehemaliger Absolvent der Eliteschule Eton nach, wie deren Absolventen, die Old Etonians wieder an die Macht drängen und welches Weltbild in ihnen steckt: Sie verbinden eine plutokratische Gesellschafts- mit einer neoliberalen Wirtschaftsauffassung und einer Nostalgie fürs entschwundene Empire. Zentral allerdings ist der selbstverständliche Führungsanspruch, an die Schalthebel von Geld und Macht zu gehören. Dieses Grundverständnis ist eher ein Instinkt denn eine ausgeprägte Ideologie. Ja, man könnte geradezu von einer Auflösung der Ideologie und des Politischen sprechen, theoretisch wie praktisch. Die Politikfähigkeit der herrschenden Klasse ist in England schwer beschädigt. Man muss sich nur die Abfolge der letzten konservativen Premiers anschauen: von der schrecklich tatkräftigen Margaret Thatcher über den aufrechten, blassen John Major zum aalglatten, inhaltsleeren David Cameron und zur starrsinnig unfähigen Theresa May bis zum Witzbold Boris Johnson. Unter der Regierung von Theresa May wurde eine Rekordzahl von MinisterInnen verschlissen, die nichts zustande gebracht haben. Die Brexit-Verhandlungen wurden von britischer Seite her dilettantisch geführt (mit partieller Beteiligung von Johnson); die seit zwei Jahren immer wieder propagierten neuen grossartigen Freihandelsverträge sind jämmerlich verschlampt worden. Das ursprüngliche Feld der NachfolgekandidatInnen für Theresa May war ein Gruselkabinett an Untoten, Unfähigen und Unbekannten.

Jede bewusste Polarisierung von rechts bedeutet auch eine mehr oder weniger bewusste Preisgabe hegemonialer Führung. Tatsächlich zerbröckelt das hegemoniale Projekt, möglichst viele subalterne Klassen und Interessengruppen unter bürgerlicher Führung einzubinden – noch der sozialdemokratische Dritte Weg mit seiner Übernahme neoliberaler Eckwerte bei gleichzeitiger sozialer Abfederung hatte dieses Projekt implizit anerkannt. Spätestens mit Brexit ist die Situation volatil geworden, sowohl nach oben wie nach unten. Die Brexiteers und mit ihnen Johnson nehmen mittlerweile eine scharfe Abgrenzung von Kreisen der Wirtschaft in Kauf, die einen gemeinsamen, möglichst reibungslosen Freihandelsmarkt wünschen. Die wichtigsten Industrievertreter wie praktisch alle Mainstream-Ökonomen warnen entsprechend vor einem harten Brexit. Selbst das Finanzkapital, aus dem führende Vertreter des Brexit-Lagers stammen und das sich anfänglich von einem Brexit neue Standortvorteile und Chancen erhoffte, ist mittlerweile verunsichert. Und von unten droht die Brexit-Partei, die die Konservativen in den EU-Wahlen in den Orkus der Unerheblichkeit gestossen hat.

Der opportunistische Populismus reagiert darauf, indem im Wahlkampf die bislang als schmerzhaft aber notwendig verkaufte Austeritätspolitik aufgegeben worden ist. Wie schon während der Brexit-Abstimmung mit den berüchtigten 350 Millionen Pfund, die nach einem EU-Austritt pro Woche für den Gesundheitsdienst frei würden, verspricht Johnson (ebenso wie sein letzter verbliebener Gegenkandidat Jeremy Hunt) wiederum das Blaue vom Himmel herunter: Steuersenkungen und gleichzeitig mehr Investitionen in Sozialpolitik und Gesundheitswesen. Das mag kurzfristig ein paar Stimmen bringen, aber mittelfristig werden die nicht gehaltenen Versprechungen das Misstrauen gegenüber der «Politik» und die zentrifugalen Kräfte verstärken.

Labour findet immer noch kein Gegen-Narrativ, im Gegenteil. Die Partei ist weiter in die Defensive geraten. Der Austritt einiger ParlamentarierInnen vom rechten Flügel und die Gründung einer neuen Gruppierung Change UK ist zwar vorläufig verpufft. Doch der von aussen geschürte und innen unzulänglich behandelte Vorwurf, antisemitische Positionen zu dulden, beschädigt das Image weiter.

Das taktische Zugeständnis, gegen einen Deal der Tories eine Volksabstimmung einzufordern und sich dabei für ein Verbleiben in der EU einzusetzen, hat kurzfristig etwas Spielraum verschafft. Eine programmatische neue Ausrichtung kann kurzfristig von Labour aber nicht erwartet werden, etwa im Hinblick auf eine umweltverträglichere Politik. Da hält Extinction Rebellion den punktuellen radikalen Widerstand aufrecht, während die Grünen bei den EU-Wahlen Fortschritte gemacht haben, ohne dass sich das bislang bewegungsmässig umsetzen liesse. Nötig wäre, meint der Kultur- und Politanalytiker Jeremy Gilbert von der University of East London, eine neue politische Arrondierung mit und über Labour hinaus, eine Koalition progressiver Kräfte. Antworten, wie die zu erreichen wäre, auf einer Postkarte, bitte.

sh

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Ein Mann und eine Frau, die nicht nur Marx Ideen gaben

Radikaldemokrat und bahnbrechender Ökonom: Wilhelm Schulz (1797-1860) war als hessischer Oppositioneller mehrfach in Haft und lebte nach einer tollkühnen Flucht ab 1836 im Zürcher Exil, Wand an Wand mit Georg Büchner an der Spiegelgasse. Ein profilierter Publizist, wurde er 1848/49 Parlamentarier in der Frankfurter Paulskirche und war danach bis zum Tod wieder in Zürich wohnhaft. Seine Frau Caroline Schulz Sartorius (1801 – 1847) war ihm eine unentbehrliche Partnerin, eine ältere Vertraute für Georg Büchner, Georg Herwegh und Gottfried Keller.

Geschichten aus der Geschichte der deutschen wie der schweizerischen Demokratie finden sich in einem längeren, reich illustrierten Text über dieses bemerkenswerte Paar, und zwar hier:

CarolineundWilhelmSchulz

 

 

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Reisen um die Büchners

Die Luise-Büchner-Gesellschaft kam rechtzeitig zum Frauenstreik 2019 nach Zürich. Vor knapp zehn Jahren in Darmstadt gegründet, widmet sich die Gesellschaft Leben und Werk von Luise Büchner (1821–1877). Die jüngere Schwester von Georg Büchner war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bekannte Bildungsreformerin und Frauenrechtlerin; verschiedene ihrer Sachbücher und belletristischen Werke sind in Neuauflagen weiterhin erhältlich. Dass die mehrtägige Reise der Gesellschaftsmitglieder den zweiten Schweizer Frauenstreik am 14. Juni einschloss, war da durchaus passend.

Unter der kundigen Leitung von Martina Kuoni setzte man sich am Freitag zuerst auf die Spuren von Frauen in Zürich, von Emilie Kempin-Spyri über Claire Goll und Ricarda Huch bis zu Caroline Farner. Im Gymnasium auf der Hohen Promenade übten die Jugendlichen gerade Debatten zu Klimanotstand und Frauenstreik. Und die Frauendemo am späteren Nachmittag beeindruckte die BesucherInnen aus Hessen aufs Schönste.

 

Rosa Luxemburg

Am Abend war die Gesellschaft dann im bücherraum f eingeladen. Melinda Nadj Abonji, stark bewegt vom Frauenstreik, hatte eben gerade einen Text fertig gestellt, über Rosa Luxemburg, den sie druckfrisch vortrug; seither ist er digital in der «Republik» erschienen.

Die Revolutionärin Rosa Luxemburg (1871–1919) hat neun Jahre in Zürich verbracht und hier studiert, weil im deutschsprachigen Raum nur an der Universität Zürich Frauen und Männer gleichberechtigt zugelassen waren. Ab Mai 1889 wohnte sie in Zürich Oberstrass, ab Oktober 1889 belegte sie Philosophie, Mathematik, Botanik und Zoologie. 1892 nahm sie das Studium der Rechtswissenschaft auf, 1893 schrieb sie sich zudem in Staatswissenschaften ein.

Mehrfach wechselte sie in den neun Zürcher Jahren die Unterkunft, immer in der Nähe der Universität verbleibend. Rasch fand sie Kontakt zu deutschen, polnischen und russischen EmigrantInnen. Eine Zeitlang wohnte sie beim emigrierten SPD-Politiker Carl Lübeck, dessen Sohn Gustav sie später heiratete, um den deutschen Pass zu bekommen. In einem weiten Freundes- und Gesprächskreis suchte sie emigrierte StudentInnen und Arbeitern zusammenzubringen. Im Mai 1897 wurde ihre Doktorarbeit über «Polens industrielle Entwicklung» von der Universität angenommen, womit sie als erste Frau in Zürich zur Dr. oec. promovierte; ihr Doktorvater Julius Wolf nannte sie später den «begabtesten Schüler» seiner Zürcher Zeit. Im Mai 1898 reiste sie schliesslich nach Deutschland.

Melinda Nadj Abonji beschrieb ihre Faszination durch Luxemburg, deren Vielseitigkeit und Offenheit, in einem dichten Text. Erst spät, gegen herrschende Vorurteile, sei sie Luxemburgs Sätzen begegnet und habe in diesen einen «klaren, kräftigen Herzschlag» vernommen, so ganz anders als in andern politischen Texten. Bei Luxemburg sei jederzeit eine Sprachmelodie voll erzählerischer Eleganz und Genauigkeit zu spüren.

Mit Briefzitaten belegte Nadj Abonji Luxemburgs Verbundenheit mit der Natur, die keine bloss aufgesetzte Empathie sei, sondern ein Mitfühlen im genauen Wortsinn. Luxemburgs Existenz gehöre einem «Lebensrhythmus an durch ihre zugewandte Aufmerksamkeit und ihre Vorstellungskraft», die Details mit grösseren Zusammenhängen verbinde. Gerade daraus sei ihr radikaler Antimilitarismus ebenso wie der Antiimperialismus erwachsen, gegen alle Gewalt, die den Menschen, Tieren und Dingen weltweit angetan werde.

Doch jede Beschäftigung mit Luxemburg sehe sich schliesslich mit dem Schmerz ihrer Ermordung konfrontiert, die unter schändlicher Duldung oder gar mit Hilfe der deutschen Sozialdemokratie geschehen sei. So viel sollte mit ihr getötet werden: Aufmerksamkeit, Weiterdenken, Hoffnung, Kritik am jämmerlichen Opportunismus, revolutionäre Ungeduld. Und dennoch sei das alles nicht verstummt. «Ja, die vielsprachige Rosa Luxemburg gibt keine Ruhe, sie ruft mir beherzt zu, auf Polnisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Jiddisch: ‹Die Revolution ist grossartig, alles andere ist Quark!›»

Der Zürcher Aufenthalt hat immerhin eine kleine Spur hinterlassen, eine Gedenktafel an der Plattenstrasse 47, wo sie 1894/95 wohnte, angebracht am Haus zur Platte, der Villa Wehrli, in dem das Englische Seminar der Universität residiert.

Melinda Nadj Abonji ist das entschieden zu wenig. «Baut dieser Frau endlich ein Denkmal!», ruft sie der Stadt Zürich zu und hat auch schon zwei mögliche Vorschläge: Eine Skulptur Rücken an Rücken zu Alfred Escher auf den Bahnhofplatz gestellt, um Eschers Blick auf die Bahnhofstrasse als Ort des Geldes und des Konsums die Sicht auf den Bahnhof als Ort des migrantischen Daseins entgegenzustellen. Oder dann könnte man den Helvetiaplatz umbenennen. «‹Treffen wir uns am Rosalux?› Klingt doch gut!»

Der Vorschlag fand im bücherraum f lebhaften Zuspruch – die Luise-Büchner-Gesellschaft hat nach langem Lobbyieren letztes Jahr in Darmstadt ein Denkmal für die Frauenrechtlerin einweihen können.

 

Von der Spiegelgasse nach Hottingen

Am Samstag machte sich die Gesellschaft unter Anleitung von Stefan Howald auf die Spuren von Georg Büchner, vom alten Universitätsgebäude an der Kappelergasse über den Fischmarkt und – natürlich! – die Spiegelgasse bis zum ehemaligen Krautgartenfriedhof beim Kunsthaus. Man endete mit einem Abstecher nach Hottingen, wo Marie Heim-Vögtlin gearbeitet und gelebt hatte, die 1875 als erste Schweizer Ärztin zu praktizieren begann. Im Haus an der Hottingerstrasse 25 war sie von Luise Büchner im gleichen Jahr besucht worden, anlässlich der Gedenkfeier für Georg Büchner, nachdem dessen Gebeine vom aufgehobenen Friedhof Krautgarten auf den Germaniahügel beim Rigiblick versetzt worden waren. Luise Büchner verfasste darüber einen Bericht; beinahe interessanter als die offizielle Gedenkfeier, die überwiegend von Männern dominiert wurde, beschreibt sie ihren weiteren Zürich-Aufenthalt. Sie benutzte nämlich die Gelegenheit, um Schweizer Bildungsreformerinnen zu besuchen, neben Heim-Vögtlin etwa auch die Italienischlehrerin Sophie Heim und die Schriftstellerin Susanna Müller, die sie ihrerseits in das Schweizer Bildungssystem einführten.

 

Ein radikales Ehepaar

Am 27. Juni erwiderte Stefan Howald den deutschen Besuch in Riedstadt-Goddelau, im bewundernswürdigen Büchnerhaus. Im Gepäck trug er einen Vortrag über Caroline und Wilhelm Schulz mit: «Aus der Geschichte der deutschen Demokratie, und der schweizerischen dazu». Wilhelm Schulz (1797–1860), ehemaliger hessischer Offizier, kam wegen eines kritischen «Frag- und Antwortbüchleins» bereits 1819 in einjährige Untersuchungshaft, betätigte sich dann als vielseitiger radikaldemokratischer Publizist. 1833 wurde er erneut verhaftet und 1834 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, konnte aber dank eines von seiner Frau Caroline Schulz Sartorius (1801–1847) minutiös geplanten und unterstützten spektakulären Ausbruchs flüchten und nach Strassburg exilieren. Dort trafen die Schulzens Anfang 1836 den ebenfalls aus Hessen exilierten Georg Büchner und befreundeten sich mit ihm. Ab November 1836 wohnten die drei in Zürich, Wand an Wand an der Spiegelgasse 12. Caroline Schulz pflegte Georg Büchner in den letzten Wochen bis zu dessen Tod am 19. Februar 1837 und hat bewegende Notizen dazu hinterlassen.

Kurz danach zogen die Schulzens vor die Tore der Stadt, nach Hottingen, an die Gemeindestrasse 27. Hottingen war damals noch – bis zur Eingemeindung 1893 – eine eigenständige Ortschaft, 1837 von gut 2000 Menschen besiedelt, mit grossen Rebbergen den Zürichberg hinauf, aber auch beträchtlicher Heimarbeit und Manufaktur, sowie relativ billigem Wohnraum für KünstlerInnen und ExilantInnen. Die Schulzens verkehrten vor allem in der deutschen Exilszene um Adolf Ludwig Follen und Julius Fröbel, befreundeten sich mit Georg und Emma Herwegh, mit Ferdinand und Ida Freiligrath, auch mit einem jungen Gottfried Keller. 1843 veröffentlichte Schulz im Literarischen Comptoir von Julius Fröbel das Buch «Bewegung der Produktion», in dem er eine materialistische Gesellschaftsentwicklung skizzierte. Wegen dieses Buchs stellte der Historiker Walter Grab, der Schulz 1979 wieder für die Öffentlichkeit entdeckte, seine Biografie unter den Titel «Ein Mann der Marx Ideen gab». Als vielseitiger Publizist veröffentlichte Schulz aber beispielsweise auch eine Satire über die «wahrhaftige Geschichte des deutschen Michel und seiner Schwester» mit Illustrationen des Schweizer Satirikers Martin Disteli.

Caroline erlag 1847 einer vermuteten Krebserkrankung. Die schriftlichen Dokumente von ihr sind spärlich, aber allen Zeugnissen nach muss sie eine eindrückliche, ebenso selbständige wie hilfsbereite Frau gewesen sein, die nicht nur Georg Büchner, sondern auch Georg Herwegh und Gottfried Keller eine anregende ältere Freundin war. Gottfried Keller zog Mitte 1847 ein halbes Jahr lang zu Schulz, da dieser den Alltag nicht allein bewältigen konnte. Offenbar noch von Caroline eingefädelt, verheiratete sich der Witwer danach mit deren bester Freundin, Anna Katharina «Kitty» Bodmer, aus altem Zürcher Geschlecht.

Nach den Märzstürmen in Wien und Berlin konnte Schulz 1848 erstmals wieder auf das Gebiet des deutschen Bundes zurückkehren und gehörte 1848/49 als hessischer Abgeordneter zu den gemässigten Linken im Frankfurter Parlament. Nach dessen Scheitern kehrte er nach Hottingen zurück. Hier blieb er weiterhin publizistisch tätig, insbesondere zur Militär- und Aussenpolitik, mit abnehmender Wirkung. 1860 starb er in Hottingen, weitgehend vergessen. Die Biografie von Walter Grab brachte ihm kurzfristigen Nachruf, der aber wieder verblasst ist. Weitere Forschungen zu Caroline und Wilhelm Schulz wären wichtige Beiträge zur Geschichte der deutschen und der schweizerischen Demokratie.

Stefan Howald

 

 

 

 

 

 

Von Wilhelm Schulz existiert eine einzige Darstellung, anonym, vermutlich von 1820; von Caroline Schulz ist bislang keine Darstellung bekannt.

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Nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte

Fotografien von Florian Bachmann: Gegenwärtig im bücherraum f an der Jungstrasse 9 in Zürich

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