Mitten drin

«Aus aktuellem Anlass», heisst es gross auf der Titelseite des Buchs von Franziska Schutzbach, und die «Rhetorik der Rechten», die sie darin analysiert, ist ja wirklich aktuell, wenn auch bei den jüngsten Schweizer Abstimmungen und EU-Wahlen zumindest der ganz grosse Durchmarsch verhindert worden ist.

Aktuell, doch nicht neu. Man kann den Bogen zurückspannen. Etwa zu einem Sammelband über den «Rechten Populismus», wie er sic in Deutschland anlässlich der Kandidatur von Franz Josef Strauss als Bundeskanzler 1980 gezeigt hatte. Das Buch ist im bücherraumf vorhanden, so wie ein noch etwas älteres, nämlich «Zur Kritik der Weiblichkeit» der Wiener Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, die sich darin schon 1905 mit allerlei reaktionären Sprachregelungen und Konzepten auseinandersetzte. Das Buch ist ein bemerkenswertes Dokument genauer Textlektüren und der Beschäftigung mit Alltagskultur anhand von so genannter Frauenliteratur oder Familienliteratur, was damals etwas anderes hiess als in unserem heutigen Verständnis.

An den einleitenden Hinweis auf diese beiden älteren Werke durch Stefan Howald knüpfte Franziska Schutzbach in ihrem Referat im bücherraum f zu Beginn spontan an, indem sie die von Mayreder scharf analysierte Frauenfeindlichkeit als untergründigen, doch immer wieder heftig an die Oberfläche tretenden, Zug rechter, völkischer Bewegungen benannte. Nationalismus werde immer an militaristische Männlichkeit gekoppelt. Beim mörderischen Andres Breivik bestand die Hälfte von dessen Manifest aus einem gewalttätigen Antifeminismus, was in der Aufarbeitung eher unzulänglich reflektiert worden sei. Ja, der Antifeminismus diene mancher rechter Ideologie als «scheinbar unverdächtige Einstiegsdroge».

Schutzbach ist Soziologin, Genderforscherin, Aktivistin und Publizistin, die sich immer wieder in aktuellen Debatten zu Wort meldet. Ihr Buch versteht sie als einen zusammenfassenden, didaktisch verfassten Beitrag mit eingreifender Absicht. Neben dem Antifeminismus charakterisierte sie verschiedene andere rechte Diskursstrategien. Dabei geht es ihr nicht um die extremsten Ausprägungen, sondern darum, wie rechtspopulistisches Gedankengut in den Mainstream eingedrungen ist, wie die Grenzen verwischt werden und es zu Normalisierungen kommt, durch gezielte Tabubrüche und Opferstilisierungen. Ein Motiv ist die Rede von den Ängsten der Abgehängten, Bedrohten, GlobalisierungsverliererInnen usw., die man ernst nehmen müsse. Aber dabei gilt es nach Schutzbach, projektive Ängste, die Missstände anderen – den Fremden, den Randständigen – zuschieben, von sozial bedingten Ängsten zu unterscheiden, die auch mit sozialen Massnahmen bekämpft werden können.

Dominiert wird die gegenwärtige Diskussionskultur vom Topos der Ausgewogenheit. Jede kritische, linke Position muss angeblich mit einer rechten ausgeglichen werden; das klassische Beispiel sind die Diskussionssendungen im Fernsehen, schweizerisch oder deutsch. Doch diese Äquidistanz verbiete sich jegliche Frage nach der unterschiedlichen Qualität der Argumente. Lebhaft und anschaulich, immer wieder auf eigene Erfahrungen zurückgreifend, schilderte Schutzbach, wie sachliche Expertise durch politische Meinungen ersetzt werde. In Diskussionrunden über Rassismus oder Sexismus würden von jeglicher Sachkenntnis unbeleckte MeinungsmacherInnen eingeladen; dagegen müsse man ein Mindestmass an Expertise auch auf der rechten Seite anmahnen und gegebenenfalls die Teilnahme an einer Diskussion überdenken.

Die Schweiz ist, wie verschiedene Studien mittlerweile belegt haben, geradezu ein Versuchslabor für rechtspopulistische Strategien. Dabei zeigt sich eine Ambivalenz der direkten Demokratie. Diese gibt rechten Bewegungen Ausdrucksmöglichkeiten, etwa mit der Volksinitiative, bindet sie im konsensualen Regierungsstil aber immer wieder ein – wobei man das nicht als fixe Garantie verstehen darf.

Was tun? Gegen etwaigen Pessimismus bringt Franziska Schutzbach den verstorbenen deutschen Publizisten Sebastian Haffner in Anschlag, der vor der Gefahr einer «melancholischen Behaglichkeit» warnte. Wiewohl die Formulierung vom «Aufgeben als Kollaboration» ein bisschen stark wirkt, stiess die Kritik des Pessimismus auf weitgehende Zustimmung im Publikum, wobei man dazu vielleicht doch als Ergänzung das Gramsci-Motto gesellen könnte: Pessimismus des Verstands und Optimismus des Willens.

Tatsächlich wies Schutzbach auf die Dialektik politischer Bewegungen: Der neue Antifeminismus sei zweifellos auch eine Reaktion auf die erstärkte feministische Bewegung.  «MeToo»: Das sei jüngst so allgegenwärtig gewesen, dass selbst sie sich manchmal schon beinahe genervt habe. So lasse sich das Patriarchat gegenwärtig vielleicht als angeschossenes Tier verstehen, das jetzt gefährlicher als je um sich schlage – offen musste bleiben, ob die Wunden schon tödlich sind.

Aber vielleicht müssen wir auch die Blickrichtung ändern, so sollte etwa in der Bildung neben der Kritik an den TäterInnen eher auf die Ermächtigung der Opfer gesetzt werden. Zugleich braucht es den Kampf um die Mitte. Von der muss eine, womöglich konservative, aber entschieden liberaldemokratische Haltung gefordert werden. Dies würde, von links her, bedeuten, Druck auf die Mitteparteien auszuüben und diese in eine Bündnispolitik einzubinden. Was den vehementen Hinweis hervorrief, der Ort der Kämpfe könne nicht nur die ideologische Auseinandersetzung sein, sondern Demokratiefeinde müsse man auch auf der Strasse konfrontieren.

Im lebhaften Austausch wollte man von Franziska Schutzbach wiederholt handfeste Tipps für den Alltag wissen; und einer stellte sich im Gespräch zweifellos heraus: Bei rassistischen, sexistischen Sprüchen zurückfragen. Argumente, Belege für Meinungen verlangen. Das bedeutet noch nicht, dass sich die Gegenüber überzeugen liessen, aber zumindest lassen sie sich ein wenig zum Nachdenken bringen, und ihre Meinungen lassen sich aufweichen. Allerdings müsse man realistisch bleiben und sich nicht in fruchtlosen Debatten aufreiben. Dabei betonte Schutzbach, dass auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Mittel angebracht und nötig seien. Im Alltag würde sie wohl so etwas wie «Sozialarbeit» versuchen; in der Öffentlichkeit dagegen müsse man klar fordern, antidemokratischen Kräften keine Plattform zu bieten. Wobei es nicht nur um die etwaige Zusammensetzung von Diskussionsrunden gehe, sondern auch um das framing, die Themensetzung und die Anlage von Debatten.

sh

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Heisse Fäuste im Kalten Krieg

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Die Sprache der Rechten

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Wie der Stahl gehärtet wurde

Bücherräumereien (VIII): Eine gelegentliche Rubrik über Bestände des bücherraums f

Das Buch erzählt eine seiner Editionsgeschichten in einem eingeklebten Beiblatt gleich selbst. Danach lag es, als No. 1270, vier Jahre lang auf Geheiss der Schweizer Bundesanwaltschaft in einem Gewölbe des Bundeshauses. Im Zweiten Weltkrieg glaubte die offizielle Schweiz ja, ihre Neutralität mit Verboten gegen links und rechts unter Beweis stellen zu müssen, während sie gleichzeitig Gold- und Waffenlieferungen für Nazi-Deutschland ermöglichte; doch dann, als sich die Niederlage des faschistischen Deutschland abzeichnete, wurde das Buch aus der Sowjetunion im Mai 1945 offenbar freigegeben.

Eine zweite Editionsgeschichte besteht darin, dass der Autor Nikolai Ostrowski (1904 – 1936) in den verschiedenen sowjetischen Ausgaben 1932 und 1934, während der Verschärfung der Stalinisierung, seine Versionen der jeweiligen Parteilinie anpasste. Die erste deutsche – anonyme – Übersetzung erschien 1939 in Kiew im Staatsverlag der nationalen Minderheiten der UdSSR, nachdem die nationale Mehrheit in der Ukraine bereits massiv unterdrückt worden war.

Der Titel hat natürlich epigrammatischen Charakter. «Wie der Stahl gehärtet wurde» zeigt anhand von engagierten Fabrikarbeitern sowohl die reale Stahlproduktion, wie noch viel stärker: wie ein Land, nämlich die Sowjetunion, und wie die Menschen darin gehärtet wurden. Da ist in erster Linie Pawel «Pawka» Kortschagin. Der trägt deutlich autobiografische Züge. Nach einer kursorischen Rekapitulation seiner Jugend in der Ukraine setzt das Buch ein mit dem Sturz des Zarenreichs und dann dem Bürgerkrieg, als sich der Siebzehnjährige der Roten Armee anschliesst, und es reicht bis zu den innerparteilichen Auseinandersetzungen 1923/24 um Lenins Tod herum. Pawel kämpft, wie einst Ostrowski selbst, in Budjonnys Roter Reiterarmee gegen weisse und polnische Streitkräfte, verliert dabei die Sehkraft in einem Auge, wird Funktionär bei den Komsomolzen, dem kommunistischen Jugendverband, um den Aufbau der Sowjetmacht und die Kollektivierung der Landwirtschaft voranzutreiben; gegen Ende des Buchs erblindet er ganz und wird beinahe gelähmt. So diktiert er, wie einst Ostrowski, seine Erfahrungen, und mit dem dann veröffentlichten Buch reiht er sich nach eigenem Bekunden wieder in die bolschewistische «Kampfreihe» ein.

«Wie der Stahl gehärtet wurde» ist ein paradigmatisches Werk des sozialistischen Realismus, war auch in der DDR weit verbreitet, sogar unter Schweizer KommunistInnen halbwegs Pflichtlektüre. Der Kampf ist heroisch, der Held rappelt sich bei allen Schicksalsschlägen immer wieder auf, das Gute – der wahre Kommunismus – siegt. Die Sprache ist hoch schiessend, zuweilen klischiert. Das erzeugt durchaus einen Sog: die glühend engagierte Jugend, die die alte, überlieferte Welt radikal umwälzt. Man könnte geradezu von einem sowjetischen Steppenwolf sprechen. Als Bericht über den brutalen Bürgerkrieg hat es zudem dokumentarischen Charakter, so wenn die standrechtliche Erschiessung von linken Milizionären, die Frauen vergewaltigt haben, beschrieben wird, und zwar für einmal kontrovers. Es gibt auch ein paar interessante Figuren und Lebensläufe, etwa unterschiedlich engagierte Bolschewisten und Komsomolzen. Und dann die Frauen! Deren Emanzipation vollzieht sich, vorbildhaft, vor allem politisch, womit sie teilweise die Männer hinter sich zurücklassen; aber sie zeigt sich doch auch in geändertem Verhalten, wenn sie sich den gängigen Geschlechterklischees beim erotischen Werben entziehen.

Letztlich ist das Buch allerdings strikt linientreu, und ab 1923 werden die linke Arbeiteropposition und der «Trotzkismus» zunehmend heftiger als Abweichung vom «wahren» Bolschewismus verdammt – die späteren mörderischen Konsequenzen dieser Verfemung haben es dann nicht mehr ins Buch geschafft.

2004 ist das Buch in Deutschland überraschenderweise neu aufgelegt worden, im Leipziger Kinderbuchverlag. Ein jüngerer Autor, in der DD geboren, aber so jung, dass er um die Buchlektüre als Kind herumgekommen ist, hat daraufhin im «Neuen Deutschland» zwiespältig darüber geschrieben: Selten habe ihn ein Buch «gleichzeitig so fasziniert und abgestossen», fasziniert durch die Bedingungslosigkeit des Engagements, abgestossen durch die Ignoranz anderen Wahrheiten gegenüber. Das Buch ist beim Verlag weiterhin vorrätig, und es wäre eine weitere kulturgeschichtliche Vignette, welchen Jugendlichen es heute gekauft wird und wie diese es lesen.

sh

«Wie der Stahl gehärtet wurde» in der Ausgabe von 1939 befindet sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek f des bücherraums f im Gestell 13 in der Abteilung DK.2 (Sowjetunion).

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Zur Kritik der Weiblichkeit

Bücherräumereien (VII): Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f

Eine Biene, die Honig aus einer Blüte saugt: So symbolisiert ein Exlibris, das die anonyme Künstlerin LRz für Anni Breuer geschaffen hat, offensichtlich das Lesen. Eingeklebt hat Anni Breuer ihr Buchzeichen in den Band «Zur Kritik der Weiblichkeit» der österreichischen Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, der sich im bücherraum f findet.

Dazu liesse sich nun folgende Hypothese entwickeln. Mayreders Buch erschien erstmals 1905. Kaum zehn Jahre zuvor waren die Bahn brechenden Studien über Hysterie von Josef Breuer und Sigmund Freud erschienen. Die Wienerin Mayreder kannte den Wiener Psychiater Breuer sicherlich; tatsächlich gibt es Anknüpfungspunkte via den Komponisten Hugo Wolf, den Mayreder mäzenatisch unterstützte und der unter anderem die Kinder von Josef Breuer unterrichtete. So hätte denn ihr Buch Eingang in den Breuerschen Haushalt gefunden, wo es mit einem Exlibris versehen worden wäre. Doch leider hiessen weder Breuers Frau noch eine der drei Töchter Anni; zudem handelt es sich nicht um die Erstausgabe, sondern um ein Exemplar des sechsten bis achten Tausend aus dem Jahr 1922, und fernerhin ist auch nicht klar, ob diese Anni Breuer überhaupt in Wien lebte.

Jedenfalls, das Buch selbst und seine Autorin sind höchst lohnend. Rosa Mayreder (1858 – 1938), Tochter eines wohlhabenden Wiener Gastwirts, betätigte sich schon früh künstlerisch, kämpfte gegen die Diskriminierung der Frauen in der Bildung und war 1893 eine der Initiatorinnen des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins, Später gründete sie eine Kunstschule für Frauen und Mädchen, engagierte sich während des 1. Weltkriegs zusammen mit Bertha von Suttner in der Friedensarbeit und wurde 1919 Vorsitzende der «Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit» (IFFF), deren hundertstem Jahrestag ihrer Versammlung im Mai 1919 im Zürcher Glockenhof gerade dieser Tage gedacht wird.

«Zur Kritik der Weiblichkeit» fasste bereits 1905 mehrere ihrer Vorträge und Schriften zusammen und tönt zuweilen wie von heute in den LGBTQIA+-Debatten. «Welche biologische Notwendigkeit bestünde denn auch für eine essentielle Trennung der Geschlechter?», fragt Mayreder und antwortet, indem sie sich, zeitgemäss, auf die damaligen naturwissenschaftlichen Ansätze bezieht: Keine. «Daher können die Unterschiede, die das Geschlecht mit sich bringt, nur relative, keine absoluten sein und in die Konstitution nicht tief genug eingreifen, um die Einheit des Gattungscharakters aufzuheben.» Am Ende des Bandes tritt einem entsprechend «das Ideal einer Menschlichkeit entgegen, in der dem Geschlecht eine schönere und glücklichere Bedeutung eingeräumt ist, als es bisher besessen hat», nämlich eine «Lebensform, in der die Möglichkeit liegt, die Bande des Geschlechtes ohne Verneinung zu überwinden».

Zwischen diesem Anfang und dem Ende gibt es die Kritik: Mayreder nimmt sich scharfzüngig männliche (und weibliche) Meinungen zur «Frauenfrage» vor, bösartige etwa von Cesare Lombroso oder von Nietzsche und differenziertere, etwa von Henry Havelock Ellis. Und es gibt die Pragmatik: Mayreder wendet sich als (linke) Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung gelegentlich gegen die sozialistische Frauenbewegung und deren generalisierende, vor allem ökonomische Forderungen, weil man allen Frauen individuelle, eigenständige Entscheidungen zugestehen müsse. Immer wieder zeigt sich ein erfrischend nüchterner, konkreter Blick, etwa wenn sie herkömmliche Männlichkeitsbilder historisiert. «Es ist für die asiatischen Männer ein ehrendes Zeugnis, dass sie innerhalb ihres originären Kulturkreises die Erfindung des Pulvers hauptsächlich ästhetischen Zwecken dienstbar machten und seine tödlichen Eigenschaften in Feuerwerkskünsten spielerisch zu verpuffen liebten. Waren die europäischen Männer um soviel kriegerischer, um soviel todesmutiger, als sie die furchtbarste Mordwaffe daraus schufen? Oder waren sie nur von allen guten Instinkten der primitiven Männlichkeit schon zu sehr verlassen?» Da werden die Kriterien von Kultur und essenzialistischen Zuschreibungen ironisch neu angeordnet: höchst modern.

Rosa Mayreders «Zur Kritik der Weiblichkeit» findet sich in der Bibliothek schema f im bücherraum f unter dem Sigel L 54a. Letztmals ausgeliehen worden ist das Buch am 3. Februar 1991; Zeit also für eine Neubesichtigung.

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Weltgeschichte und Literatur

Inmitten all der drängenden Anforderungen, das unvergleichliche Gretler’sche Panoptikum im Zürcher Kanzleizentrum bis Ende Mai zu räumen, hatte mir Sarah G. erneut ein paar Trouvaillen für den bücherraum f bereitgelegt, etwa zwanzig Jahrgänge der Monatszeitschrift «der neue bund» ab 1949, der Zeitschrift des religiös-sozialistischen Escherbunds, oder zwei kleine Broschüren von und über den Sozialisten und Kriegsdienstverweigerer Charles Naine; auch Material zu 68 in der Schweiz. Dazu ein Sichtmäppchen mit einem Exemplar des «Illustrierten Blatts» aus Deutschland, wobei ihr im Moment gerade nicht mehr einfallen wollte, weshalb? Aber mich sprang auf dem vorerst noch gefalteten Titelblatt sogleich das Bild eines Mannes mit einem ebenso offenen wie melancholischen Blick an, den ich zu kennen schien, nein, den ich kannte: Es war der deutsche Industrielle, Aussenminister und Publizist Walter Rathenau und die Zeitung eine Sonderausgabe zu dessen Ermordung am 24. Juni 1922.

Rathenau ist mir mehr noch als Figur der Zeitgeschichte bekannt dadurch, dass er einen prominenten Auftritt in der Literatur hat: In Robert Musils Epochenwerk «Der Mann ohne Eigenschaften» taucht er nämlich kaum verklausuliert als Dr. Paul Arnheim auf. Der ab 1900 ungemein bekannte Rathenau hatte nicht nur als Aufsichtsratsvorsitzender die von seinem Vater Emil Rathenau gegründete Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft AEG ebenso wie weitere Industrieunternehmen geführt, dann die deutsche Kriegswirtschaft koordiniert und nach 1918 die deutschen Nachkriegsreparationen verhandelt, sondern auch äusserst erfolgreiche Bücher wie «Von kommenden Dingen», «Zur Mechanik des Geistes» oder «Zur Kritik der Zeit» geschrieben. Letzteres hatte Musil dazu geführt, ihn spöttisch, ja schon beinahe bösartig als aufgeblasenes Beispiel eines «Grossintellektuellen» zu persiflieren, mit welchem Begriff und welcher Figur Musil etwas kulturpessimistisch den Verfall wahrer kultureller Grösse beklagte. Wiewohl er mit seiner Kritik an Rathenaus eher dubiosen Verbindung von Geld und Geist durchaus Recht hatte und in minutiöser Textexegese mit einem Verfahren, das ich in meiner Dissertation als «ästhetische Ideologiekritik» charakterisiert habe, Rathenau wie anderen damals bekannten philosophischen Autoren ihre Widersprüchlichkeiten nachwies, klang auch ein bisschen Eifersucht auf den Erfolg solcher Grossschriftsteller mit. Zudem gab es für Musils Abneigung einen realgeschichtlichen Anlass, da Rathenau einst Musil bei einem kulturellen Empfang den Arm um die Schulter gelegt hatte, was dieser als anstössig und übergriffig empfunden hatte, und diese individualpsychologische Ursprungsszene habe ich seinerseits mal in einem Aufsatz sozialpsychologisch unter dem Stichwort «Berührungsfurcht» als Sozialpathologie des freischwebenden Intellektuellen thematisiert.

Item, im «Illustrierten Blatt» konnte es nicht, anachronistisch, um die spätere künstlerische Anverwandlung Rathenaus gehen, sondern hier wurde der Meuchelmord eines Vertreters der Weimarer Republik beklagt, in dem, wie sich zeigen sollte, Späteres, noch Schrecklicheres vorweggenommen war. Der Schuss, der Rathenau niedergestreckt hatte, sei «ein Volltreffer für das ganze deutsche Volk« gewesen, hiess es, eher unglücklich formuliert, im Kommentar des «Illustrierten Blatts», der aber alsbald sich zur aufrechten demokratischen Gesinnung bekannte und den «einmütigen Protest» beim Staatsbegräbnis beschwor. Tatsächlich hatten sich 200’000 Menschen in Berlin versammelt, aber die Hoffnung auf das dadurch geschaffene «Gefühl der Einigkeit und Zusammengehörigkeit» gegen den bereits auch antisemitisch grundierten Terror von rechts hielt nicht lange an.

Neben den dreieinhalb Seiten zu Rathenau bzw. zum politischen Attentat generell enthält diese Ausgabe des 1913 als Wochenzeitschrift gestarteten «Illustrierte Blatts» auf ihren insgesamt zwölf Seiten allerdings nicht mehr viel Substanzielles. Ein Fortsetzungsroman verspricht allerlei populärwissenschaftliche Erörterungen. Eine grässliche, aus dem Englischen übersetzte Parabel «Der Tod und die Orange» lehnt sich vage an das Urteil des trojanischen Paris an und lässt eine Frau «in einem fremden, südlichen Land» mit bösem Gelächter eine Orange unter den Wirtshaustisch rollen, worauf sich zwei Männer zerstreiten und der Tod vom Nachbartisch herbeitritt. Eine Seite ist «deutschen Kampfspielen» gewidmet, worunter man sich eine Art deutscher Olympiade vorstellen muss. Illustriert ist das mit Originalzeichnungen, und im Text wird trotz des martialischen Titels der Hoffnung Ausdruck verliehen, Sport verbinde das deutsche Volk gerade auch im Angesicht der Ermordung Rathenaus. Abgeschlossen wird die Zeitschrift hinten mit einer zweigeteilten Bildseite: Unter dem Titel «Sport und Spiel» findet sich eine Fotografie des ebenso beeindruckend wie paradoxal benannten deutschen Hürdenlaufmeisters «Dr. Ritter von Halt»; als «Bilder vom Tage» werden unter andern der «Einzug deutscher Truppen in Oberschlesien» neben einem Strandanzug, einem «fraisen Seidentrikot mit grau-schwarzer Seidentresse», präsentiert.

Bei den durchaus zahlreichen Inseraten fällt auf, wie häufig für allerlei unterschiedlichste Medikamente geworben wird. Was sich auch als Zeichen für die damaligen dräuenden Zeiten lesen lässt.

sh

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Trump als mögliche Apokalypse

«Lasst alle Hoffung fahren!» Zuweilen blickte man am 26. April im bücherraum f zu Dantes Spruch am Höllentor empor, als Philipp Löpfe die USA unter Donald Trump schilderte. Löpfe ist einer der profiliertesten Wirtschaftsjournalisten der Schweiz, ein pointierter Kolumnist für das Onlineportal Watson. Bei vielfachen Studienaufenthalten in den USA hat er sich Einblicke ins Funktionieren und die Gefühlslage des Landes verschafft; in seinem Vortrag argumentierte er ebenso material- wie bezugsreich.

Löpfe gab zuerst einen historischen Abriss über die USA zwischen früher Musterdemokratie und «gewalttätiger» oder «gefährlicher Nation» (so der konservative Historiker Robert Kagan). Schon die so genannten Gründerväter entwickelten eine moderne Verfassung und waren gleichzeitig ganz selbstverständlich Sklavenbesitzer, auch in heftige Fraktions- und Interessenskämpfe verwickelt. Nach dem Genozid an der indigenen Bevölkerung durchzog der Rassismus die ganze US-Geschichte, während zugleich vorbildhafte Mechanismen der institutionellen Politik von checks and balances entwickelt wurden. Rechtsextreme Politiker und Bewegungen florierten in den dreissiger, in den sechziger, in den achtziger Jahren. Eine Denkschule beurteilt das zyklisch, als historische Ausschläge, wobei das Pendel jeweils schon wieder in eine liberalere Richtung zurückschwinge. Löpfe ist sich da bezüglich Trump nicht so sicher, weil er gegenwärtig eine besonders explosive Gemengelage vorhanden sieht. Er nannte die Bedingungen für dessen Aufstieg: Niedergang des US-Mittelstands; Entstehung einer dekadenten Oligarchie; Kulturkrieg, Medien und Kultur der Lüge. Als Konsequenz fiel dann gar das F-Wort, da Trump gegen alle Institutionen antrete und man ihm durchaus einen Staatsstreich auf Raten zutrauen könne.

Besonders handgreiflich waren zum Auftakt die Zahlen zum sozioökonomischen Zustand des Landes: 70 Prozent der Lohnabhängigen müssen vierzehntäglich von paycheck zu paycheck kalkulieren; 40 Prozent geraten bei unerwarteten Ausgaben ab 400 Dollar in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten. Dazu kommt die scharfe existenzielle Trennung bezüglich des Gesundheitswesens, wo die eine Hälfte der Bevölkerung von Betriebskrankenkassen bei grösseren Unternehmen profitiert, die während des 2. Weltkriegs im Wettlauf um die rarer gewordenen Arbeitskräfte eingeführt wurden, während die andere Hälfte erst mit Obamacare überhaupt eine rudimentäre Krankenversicherung erhalten hat.

Nicht einmal mehr die Meritokratie funktioniert. Eine dekadente Oligarchie inszeniert sich schamlos, was sich geradezu mit römischen Zuständen vergleichen lasse, wie sie kürzlich Mary Beard wissenschaftlich oder Robert Harris in seinen historischen Romanen geschildert haben. Dazu zählte Löpfe auch Silicon Valley mit seiner merkwürdigen Mischung von Gier und Kontrollwahn einerseits, Philanthropie und Weltverbesserungsträumen andererseits.

Die soziale Kluft wird überlagert, verstärkt und zugleich verschoben durch einen Kulturkampf, der die «kreative Klasse» gegen die Abgehängten, die Zurückgebliebenen der so genannten flyover states aufmarschieren lässt. Diese «deplorables» (Hillary Clinton) sind gegenwärtig besonders von der Opiat-Krise getroffen; diese von skrupellosen Unternehmen geschaffene Epidemie äussert sich im Rahmen einer von den Rechten geschürten, und von Liberalen teilweise mit verschuldeten Kultur der Empörung und des Ressentiments als Hass auf die Liberalen.

Die rechten Medien und Trump selber haben jedes Konzept der Wahrhaftigkeit, ja der Wahrheit aufgegeben, nach dem Motto: Nichts ist wahr, und alles ist möglich. Löpfe schilderte Trumps Politik mit prägnanten Formulierungen: Als Schöpfer einer Bewegung der Empörung sei er geradezu gefangen in der Übersteigerung, müsse er seiner Anhängerschaft im medialen Zirkus immer wieder rohes Fleisch vorwerfen. Als Abbild und zugleich Verstärkung können auch die Dystopien in Hollywood und anderen Traumfabriken gelten. Beispielhaft zeigt sich das etwa im Übergang von der früheren TV-Serie «West Wing» über einen liberalen US-Präsidenten, in der letztlich noch Vertrauen auf die Politik und auf das Präsidialamt herrschen, zum zynischen «House of cards» mit ewigen Machinationen und inhaltsleeren Machtkämpfen, bis hin zu «Games of Thrones», in dem der blanke Überlebenskampf zelebriert wird.

Montage von Donald Trump in ein Standbild aus einem Film über George Orwells Dystopie «1984».

Zum Schluss äusserte Löpfe doch noch ein wenig Hoffnung auf die Stärke der Institutionen und neue soziale Bewegungen. Die anschliessenden lebhaften Nachfragen schwankten in diesem Spannungsfeld. Ob die checks and balances noch funktionieren, ob die Verfassung standhalten könne. Welche Bedeutung dem patriotischen Slogan von America first zukomme, und wie die Chancen der jüngeren grassroots-Bewegung einzuschätzen seien. Als mögliche Hoffnungsträgerin, die auch WechselwählerInnen ansprechen könne, nannte Löpfe die 58-jährige Senatorin Amy Klobuchar aus Minnesota.

Die Frage eines Impeachments wurde nur kurz als taktische Frage gestreift, wobei sich Löpfe kürzlich entschieden dafür ausgesprochen hat (siehe https://www.watson.ch/!784386589). Offen blieb auch die Frage, ob denn Aufklärungsarbeit noch möglich und nötig sei, zwar nicht gerade beim harten Kern der Trump-AnhängerInnen, aber doch im weiteren Radius seiner WählerInnen, die womöglich durch die nicht erfüllten wirtschaftlichen Versprechungen etwa bezüglich des Bergbaus desillusioniert würden. Wie der rechte Populismus wirkt und wie er womöglich bekämpft werden kann: Diese Themen werden im bücherraum f am 17. Mai weitergeführt mit der Soziologin und Genderforscherin Franziska Schutzbach. Erlaubt sei an dieser Stelle ein Hinweis auf die TV-Serie «The Good Fight» (CBS) über die Mitglieder einer Anwaltspraxis in Chicago, die sich beruflich und persönlich damit herumschlagen, ob man Trump und dem rassistischen und sexistischen backlash mit den gleichen Mitteln der Manipulation, ja der Lüge begegnen soll und kann.

sh

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Gesucht: ein neuer Internationalismus

Brexit-Splitter (6)

Über tausend Protestierende sind in der letzten Woche in London verhaftet worden. Die Extinction Rebellion hatte im Zeichen des Klimanotstands mehrere Tage lang Plätze in der Londoner Innenstadt lahmlegen können, und Greta Thunberg begeisterte die mehrheitlich jugendlichen Massen mit mehreren Auftritten. Die Taktik der Extinction Rebellion hat eine lange, erfolgreiche Tradition in Grossbritannien, eine Mischung von Radikalität und disziplinierter Organisation. Schon die Suffragetten verbanden originelle Propagandaideen mit radikalen Aktivitäten. Die Kämpfe gegen Strassenbauprojekte in den neunziger Jahren knüpften in den Baumbesetzungen wie in den Symbolen an die Volkslegende Robin Hood an; ab 2010 machte UK Uncut mit spektakulären Aktionen in Banken auf die Steuerhinterziehung aufmerksam. Die Proteste von Extinction Rebellion sind im Vergleich mit den gilets jaunes in Frankreich fokussierter und disziplinierter, dafür weniger anarchisch und spontaneistisch. Schwieriger wird es bei der längerfristigen Mobilisierung: Die Grüne Partei spielt in Grossbritannien nur lokal eine sehr beschränkte Rolle; Umweltschutz ist weiterhin vorwiegend Tierschutz.

Foto: Lola Perrin

Immerhin hatte die Umweltbewegung für ein paar Tage ein anderes Thema als Brexit in den Vordergrund gerückt. Jetzt kehrt er zurück, im Stupor. Ende letzter Woche erklärte Labour die Gespräche mit der Regierung praktisch für gescheitert; übers Wochenende gab es gezielte Indiskretionen, man stehe womöglich, vielleicht vor einem Durchbruch, oder auch nicht. Die Erschiessung der Journalistin Lyra McKee in Nordirland durch die gewaltbereite Splittergruppe New IRA hat zugleich gezeigt, wie fragil die dortige Situation ist; und das Argument, ein Brexit könnte den Friedensprozess weiter gefährden, hat dadurch an Gewicht gewonnen.

Was lässt sich von links noch Neues zu Brexit sagen? Kaum je sind Taktik und Strategie so auseinandergefallen wie im Moment. Taktisch hält Jeremy Corbyn die beiden Labour-Flügel – die urbanen Remainer und die de-industralisierten Brexiteer – erstaunlich erfolgreich zusammen. Das ist durchaus eine Leistung. Erkauft ist sie mit einem weit gehenden Verzicht auf eine Strategie in Bezug auf die internationale Einbindung von Labour und der Nation.

Die renommierte Sozial- und Politikwissenschaftlerin Mary Kaldor, Professorin für Global Governance an der London School of Economics, analysiert im blog der Theoriezeitschrift «Soundings» die aktuellen Möglichkeiten für Labour und charakterisiert die verschiedenen Fraktionen innerhalb der Partei. Sie selbst geht von der Einschätzung aus, man müsse Brexit als rechtes Projekt bekämpfen und dürfe keinem der entsprechenden Argumente einen Fussbreit nachgeben. Das spreche gegenwärtig für ein zweites Referendum. Dahinter stehen für sie zwei gewichtigere Entwicklungen: Durch die Wahl von Jeremy Corbyn zum Parteichef habe sich die Veränderung der Klassenbasis von Labour weiter akzentuiert, und zugleich bilde sich eine neue Partei- und Politikform heraus. Labour sei mittlerweile eine Koalition der Angestellten im öffentlichen Dienst, der neuen Hightech-ArbeiterInnen sowie der unterbezahlten Angestellten in der Gig-Ökonomie; das umfasse Frauen wie Männer, britische StaatsbürgerInnen ebenso wie Menschen aus der ganzen Welt. So wichtig diese Betonung einer neuen Regenbogenkoalition ist, steht die Einschätzung von Kaldor doch in Gefahr, die traditionelle (männliche, weisse) Arbeiterklasse gänzlich aufzugeben. Was die neue Politikform betrifft, stärker basisorientiert und inklusiv, so sei Corbyn, wie Kaldor betont, als deren Repräsentant gewählt worden: Er müsse sie fortführen, oder er habe sein Mandat verspielt.

Auch in «Renewal», einer weiteren linken Theoriezeitschrift, wird ein Ausweg für Labour gesucht. James Stafford und Florence Sutcliffe-Braithwaite richten sich gegen den herrschenden Ökonomismus innerhalb von Labour und der Gewerkschaften. Die Ambivalenz von Labour bezüglich des Brexit habe zu einer weiteren Abkoppelung von der kontinentaleuropäischen linken Diskussion geführt. Die konkreten Forderungen der Labour-Führung für einen «besseren Brexit», insbesondere die Teilnahme an einer Zollunion, sei eine bloss nationalistische, keine sozialistische Politik. Es sei an der Zeit, dass die Linke die Globalisierung genauer verstehe. Globalisierung sei keine wirtschaftliche Naturgewalt, deren Verteufelung sei das blosse Spiegelbild zu ihrer Verherrlichung. Vielmehr müsse man das Verhältnis von Politik und Wirtschaft genauer einschätzen, die politischen Eingriffsmöglichkeiten neu bestimmen. Das heisst auch, sich aktiv und kreativ mit den internationalen Institutionen einlassen. Ein Artikel in der gleichen «Renewal»-Nummer geht dafür sogar in die 1950er- und 1960er-Jahre zurück, um die ursprünglichen sozialdemokratischen und sozialistischen Hoffnungen und Vorstellungen einer sozial verantwortlichen EU zu rekonstruieren.

Was die taktischen Niederungen nicht überspringen kann. Der stellvertretende Labour-Parteichef Tom Watson hat letzte Woche schon beinahe ultimativ gefordert, Labour müsse jetzt ohne Wenn und Aber ein zweites Referendum fordern, auch und gerade wenn die Verhandlungen mit der Regierung zu einem Ergebnis führen sollten. Das ist am Sonntag von rund 90 Labour-ParlamentarierInnen unterstützt worden. Der Parteivorstand will am Dienstag darüber entscheiden.

Gemäss der ersten Meinungsumfrage zu den EU-Wahlen von Ende Mai hat die neue Brexit-Partei unter Nigel Farage dessen ehemalige Ukip schon fast vollkommen auf- und abgelöst. Mit 28 Prozent möglicher Stimmen liegt sie Kopf-an-Kopf mit Labour, während die Konservativen, von denen einzelne Sektionen aus Protest gegen die eigene Premierministerin keine Abstimmungspropaganda machen werden, auf 14 Prozent abgesackt sind. Die neue EU-freundliche Abspaltung von Labour, Change UK, kommt auf 7 Prozent, ebenso wie die EU-freundlichen Liberaldemokraten. Wenn man die Grünen mit 6 und die Scottish National Party mit 5 Prozent berücksichtigt und den Vorbehalt anbringt, dass es in Labour Brexiteers und unter den Konservativen Remainer gibt, dann spricht sich gegenwärtig eine Mehrheit der Wählenden für Remain-Parteien aus.

Zuvor finden allerdings am Donnerstag noch Lokalwahlen statt. Die in ihren Kompetenzen eh schon beschränkten Lokalbehörden sind in den letzten Jahren finanziell ausgehungert worden; so haben sie verglichen mit 2009 im Durchschnitt pro Haushalt 23 Prozent weniger Geld zur Verfügung und entsprechend Leistungen abgebaut. Dennoch wird die Stimmbeteiligung auf historischen Tiefstwerten verharren. Sowohl Konservative wie Labour meiden das Thema Brexit geflissentlich. Labour hat im Vorfeld neue Initiativen im Lokalbereich angekündigt: einen Ausbau lokaler Busverbindungen, Verschärfung der Baugesetze zur Umwandlung von Büros in winzige Wohnungen, sowie mehr Geld zugunsten der Haushaltshilfe für Ältere zuhause. Das ist Teil einer allseitig gewünschten linken Strategie, sich jenseits von Brexit auf lokale soziale Fragen zu konzentrieren. Aber es braucht jenseits von Brexit eben auch die internationalistische Strategie. Und die Extinction Rebellion dazu.

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Der Soziologe schaut hin

«Und der Soziologe schaut natürlich wieder nicht hin.» So kommentierte eine Quartiersbewohnerin, als Ueli Mäder auf dem lokalen Bahnhof wortlos an Jugendlichen, die gerade milden Unfug trieben, vorbei auf den Zug eilte. Dafür redete er dann mit der Frau, nachdem die in denselben Zug eingestiegen war. Ja, der Soziologe findet es wichtig, zu reden. Persönlich, natürlich, aber auch beruflich und politisch. Gespräche liefern Alltagsmaterial für soziologische Studien, und wenn man das Feld nicht den politischen Opponenten überlässt, lernt man verstehen, was vorgeht.

Mäder ist einer der profiliertesten Soziologen der Schweiz; um seine Studien zu Reichtum und Macht und Armut kommt man nicht herum. Im bücherraum f finden sich rund zehn seiner Werke. Bei Mäders Besuch am 8. April türmten sich Bücher auf dem Lesetischchen, eigene und fremde, angefangen von der Dissertation zu «Gewaltfreie Revolution in Entwicklungsländern» (1984) über Tourismus als «Fluchthelfer» oder als sanfte Alternative und Frei-Zeit bis zu den Bänden über die CH.Macht, samt Originaltönen von Reichen und Armen.

«68 – was bleibt?», heisst Mäders jüngster Band, und von der eigenen bibliophilen Sozialisation her hatte er Bücher ausgewählt, die wichtige Themen anschnitten; dazu gesellte er jüngere Beispiele, denen sich aus einem kritischen Ansatz etwas abgewinnen lässt. Die Bücher stellte er unter fünf Stichworte: biografisch, literarisch, politologisch, soziologisch und perspektivisch. Seine Wahl und deren Verortung hat er in einem Papier nachgezeichnet, das sich hier nachlesen lässt: [Bücherraum. Ueli 8.4.2019] Er sprach dann weitgehend frei, theoretisch weit ausholend, mit vielen Anekdoten aus der reichhaltigen soziologischen Forschungspraxis. Dabei kam es schon bald zu Nachfragen, zu Interventionen und Gesprächen, denn: Reden ist wichtig.

Zum Auftakt veranschaulichte Mäder den biografischen Ansatz am Buch «Gegenleben» (2003) von Ina Boesch über Margarethe Hardegger (1882–1963), der ersten Arbeiterinnensekretärin im Schweizerischen Gewerkschaftsbund, später ungebärdige Syndikalistin und Lebensreformerin in einer Landkommune. Da zeigte sich eine bedeutsame Spur von Frauen in der Gewerkschaftsbewegung. Wozu aus dem Publikum beigesteuert wurde, dass Frauen als Sekretärinnen über viele Einsichten in das Funktionieren der Gewerkschaftsapparate verfügten. Umgekehrt hat ihre zuweilen als untergeordnet verstandene Tätigkeit weniger Zeugnisse als diejenige von Männern hinterlassen. Ina Boesch konnte noch Gespräche mit KollegInnen führen, die Hardegger noch gekannt hatten. Generell erläuterte Mäder, wie sich die Auswahl der GesprächspartnerInnen gezielt vorbereiten lässt, mit Vorabkategorisierung und zunehmender, laufender Erweiterung (oder Eingrenzung) der Fragestellungen. Ein wenig weiter ist die Gesellschaft seit Hardeggers Zeiten gekommen, wie er mit Blick auf neue Kader in den Gewerkschaften und den Frauenstreik anfügte.

Neben, oder sogar vor dem Wissenschaftlichen steht das Literarische. Etwa Peter Bichsel mit seinem Bändchen «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennen lernen» (1964), dessen knappe Sätze sich rhetorischen Floskeln und Ablenkungen verweigerten und auf alltagssoziologischen Betrachtungen beharrten. Die Kneipe als Ort der Vergesellschaftung ebenso wie der poetischen Imagination hat Bichsel zwar nicht erfunden, aber doch vervollkommnet.

Bei Jean-Paul Sartre ging es grundsätzlicher zu, ob und wie sich Menschen die Hände schmutzig machen beim politischen Handeln zwischen Ideologie, Verrat und Menschlichkeit.

Zeitlich näher liegend wurde eine Passage von Alex Capus zitiert, in dem dieser die PendlerInnen auf dem Oltener Bahnhof je nach Reiseziel einem vermuteten Beruf zuordnet und entsprechend charakterisiert. Worauf ein kleiner Einwurf erfolgte, das sei nun gerade nicht sehr aufschlussreich, sondern eher, hm, klischiert; worauf sich eine kleine Debatte entspannte, ob in solchen Typisierungen nicht doch eine Realität getroffen werde, zudem sei das doch vergnüglich satirisch gemeint; aber satirisch, wurde hinwiederum eingewandt, müsse ebenfalls erhellend sein – so blieb man sich freundlich uneinig.

Darin steckte auch die Frage, wie weit denn die Reduktion von Komplexität gehen dürfe und im Hintergrund – oder durchaus im Vordergrund – dräute das aktuelle Problem des Populismus mit seinen Vereinfachungen. Von anderer Seite wurde da Peter Weiss ins Feld geführt, der in seiner «Ästhetik des Widerstands» (1971-1981) politische Debatten dialektisch inszeniert.

Jedenfalls lässt sich bei Capus die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft und des Alltags ablesen. Mäder berichtete dazu aus dem Unialltag über Gelder, die er als Uniprofessor bekommen hat, um mit Exponenten einer bekannten Firma im Energiesektor Gespräche zu führen. Und wie man ihn, als er die Praxis dubios fand und das Geld weiterreichte, der Naivität zieh.

Was zur Politik hinführte. 68 ist natürlich nicht denkbar ohne Karl Marx. Aber wie tief ging die Beschäftigung damit und wie weit die Auseinandersetzung? Ob es da nicht doch etliche Vereinfachungen gegeben habe, stellte Mäder zur Debatte, und das Politische sich über Manches hinweggesetzt habe? Vielleicht, wurde von verschiedenen Teilnehmern eingeworfen, wurden solche Vereinseitigungen schon Mitte, Ende der siebziger Jahre aufgelöst, einerseits indem die politischen Bewegungen konkreter und handfester wurden; andererseits auf theoretischer Ebene durch das, was sich als kulturalistische Wende des Marxismus bezeichnen liesse, die mit dem Namen Antonio Gramsci verbunden ist.

An dieser Stelle wurden jene bislang halblauten Kommentare einer Besucherin lauter, der mal in der Kunstgewerbeschule von den 68ern die eigene Kunst madig gemacht worden war und die seither – oder zumindest gegenwärtig – alle – oder zumindest viele – Linke für Schwätzer hält, so dass der Vortragende, ihrer Meinung nach, die Kritik an diesen durchaus hätte verschärfen dürfen.

Als soziologische Marksteine erwähnte Mäder «Die Neue Unübersichtlichkeit» (1985) von Jürgen Habermas und die «Risikogesellschaft» (1986) von Ulrich Beck, der die Grosstechnologien als Gefahren analysierte, aber am Projekt der Aufklärung und einer neuen Moderne festhalten wollte, wogegen sich Marianne Gronemeyer in ihrer früheren Studie «Motivation und politisches Handeln» (1976) einiges skeptischer zeigte. Tatsächlich liesse sich wohl behaupten, dass die neoliberal forcierte Individualisierung im Fall der Social Media  zum Narzissmus tendiert – in Bezug auf diese Technologien erklärte sich Mäder für einmal geradezu zum Konservativen und, konsequent, als Verfechter des direkten Gesprächs.

Was perspektivisch bleiben könnte, skizzierte er mit kurzen Hinweisen auf die Bestrebungen von Bini Adamczak und Heinz Bude, die das Konzept der Solidarität und einer solidarischen Gesellschaft zu reaktivieren trachten. In einem Bogen zu früheren Ausführungen erwähnte er zudem die historische Aufarbeitung zeitgenössischer Politarbeit, etwa in einem Band, in dem ehemalige Mitglieder der RML/SAP zurückblicken. Sichtbar werde darin, wie einst zu wenig Selbstkritik vorhanden gewesen war und wie Demokratiefragen unterbewertet wurden. Da zeige sich immerhin, erfreulich, ein neues Element der Selbstreflexion, der Selbstkritik der Linken. Sichtbar werde allerdings auch, merkte eine Zuhörerin an, dass die Geschlechterfrage immer noch nicht bewältigt sei.

Dass viele Junge es erneut und anders ausfechten wollen, zeigt die Bewegung zum Klimanotstand. Das gibt doch Mut. So konnten die Anwesenden nach zwei Stunden mit positiven Stichworten abschliessen: offene Dialektik, eine neue Fehlerkultur, Wagnis zur Offenheit.

sh

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Vom Schwimmen in Bibliotheken

Bücherräumereien (VI): Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f

Wer wäre nicht schon dieser Leser, oder diese Leserin, gewesen, dem «die Bücherwände, die ihn jahrelang berückt hatten, immer näher rückten», und der sich fragte, wie man angesichts all dieser Bücher bestehen könne «in der hochkonzentrierten Anmassung anerkennungspflichtiger Autoritäten». In einem hübschen Prosaband hat Ernst Strebel solche Bedrückungszustände in verschiedenen imaginären Bibliotheken erkundet, und schlägt zugleich Abhilfen vor.

Eine seiner eher abschreckenden Bibliotheken zwingt die LeserInnen zu verstärkter Aufmerksamkeit, indem sie ihnen Kartonröhren über die Arme streift, so dass sie beim Umblättern der Seiten zurücktreten müssen und sich nie in den Büchern verlieren, sondern immer daran erinnert werden, dass sie diesen gegenüber in der Pflicht stehen. LeserInnen sind zumeist auch aspirierende SchreiberInnen, doch wenn sie alles in das Schreiben eines einzigen Buchs investieren, können sie beim vorbereitenden Lesen im «Lesesaal der Lebensleser» verloren gehen; so wie bei der Reise zum Buch des Lebens, das in einer fernen Bibliothek steht, die sich wie das Gesetz bei Kafka der Annäherung entzieht.

Diesen vielfach gebeutelten LeserInnen werden dann Distanzierungen angeboten, wenn mögliche andere Funktionen von Bibliotheken umkreist werden. In der «Bibliothek der Entleerung» zum Beispiel kann «der Leser alles vergessen, was sich aus Büchern je in ihn gedrängt hat», und das mag man gelegentlich seufzend durchaus ins Auge fassen, wobei die entsprechende Anlage notgedrungen ein «bedeutender Palast» ist.

Doch werden perspektivisch auch neue Standorte erprobt. Etwa Freihandbibliotheken entlang der –  noch vor der Ausrufung des Klimanotstands – geschlossenen Autobahnen, wo Dreiräder bereitstehen, um den kilometerlangen Buchkolonnen entlang zu radeln. Dabei verbinden sich Lesen und Lernen mit der körperlichen Erfahrung, ein Buch aufzusuchen und unter ungewohnten Umständen zu lesen, was wiederum neue Leseformen sich entwickeln lässt, etwa der gemeinsame Austausch mit andern auf Dreirädern unterwegs befindlichen Lesern. Was zugleich die Offenheit fördert, wenn LeserInnen ihren ursprünglichen Leseplan aufgeben: «Anderntags werden sie die Einfahrt wechseln, neue Lesebahnen befahren und das gewählte Buch an einem andern Autobahnabschnitt messen.»

Eine besonders anziehende Utopie ist die «dezentralisierte Bibliothek»: Alle Bibliotheken sind aufgelöst und die Bücher auf Privatwohnungen aufgeteilt, wo prospektive LeserInnen sie aufsuchen, um sogleich in den sozialen Konnex vor Ort eingebunden zu werden und statt zu lesen vielleicht bei der Neuausstattung der Wohnung zu helfen. Verordnet worden ist das nach der Umwälzung vom Revolutionsrat, und so hat diese partielle Auflösung der Privatsphäre doch auch einen Geschmack von Erziehungsdiktatur und Dystopie. Man kann sich ebenfalls eine Bibliothek der Singenden vorstellen oder eine, in der die Lesenden nach Abschluss ihrer Lektüre das Gelesene bei einem gemeinsamen Fest «nach aussen kehren» sollen, in Rede, Haltung oder auch Tanz; und man kann sich ausmalen, dass jede Stadt einen «Biblioplatz» besitzt, auf dem sich die Worte eines Buchs abschreiten lassen. Das alles ist so fantasievoll ausgedacht wie in den Details ausgeklügelt beschrieben. Item, zum Schluss schreitet der Leser aus dem Lesesaal «unbehelligt zwischen den Bücherwänden hindurch in den hellen Tag»  – was wir natürlich nicht als Absage ans Lesen interpretieren wollen, sondern als Plädoyer für einen gereifteren, verantwortungsvolleren, ertragreicheren etc. pp. Umgang mit Büchern.

In einem Anhang wird darauf hingewiesen, welche realen Bestände sich wohl in den einzelnen imaginären Bibliotheken finden liessen – da schreitet man dann in den hellen Tag der leibhaftigen Bücher hinein.

sh

 

Ernst Strebel: «Die imaginären Bibliotheken». Prosa. Die Reihe Nr. 44. Wolfbach Verlag. Zürich 2017. Englische Broschur. 84 Seiten. 20 Franken.

 

 

Das Buch befindet sich im bücherraum f im mittleren Raum links unter der Rubrik W (Bibliografische Werke).

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