Ein Jahrhundertleben

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Aus dem blauen Büchergebirge

Warum kriegen wir auf unseren Bankkonten plötzlich keine Zinsen mehr? Wo doch Geld angeblich neues Geld schaffen kann. Weshalb verschwindet unsere Arbeit in fremde Waren? Was wir schon immer über unsere Wirtschaft wissen wollten, aber die Antworten zu kompliziert fanden: Karl Marx hat es im «Kapital» erklärt. Das Buch ist mehr berüchtigt als bekannt. Matthias Eidenbenz wird es in genauer Lektüre mit uns durchgehen (zumindest die ersten Kapitel). Am Donnerstag, den 19. November, ab 19 Uhr im bücherraum f an der Jungstrasse 9 beim Bahnhof Zürich Oerlikon.

Eine Anmeldung ist notwendig. Es gelten Maskenpflicht und beschränkte Sitzzahl.

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Bereits hingewiesen sei auch auf die verschobene Vernissage zu «Das Buch Judith» von Stuart Hood, die jetzt am 26. November stattfindet. Weitere Informationen folgen.

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Widerstand und Gewalt

Die Nachrichten waren gerade beendet. Der Ansager war in Trauerstimmung. Als Pilar den Fernseher abstellte, erloschen ein paar Lichtpunkte auf dem Bildschirm. »Nun«, sagte Pilar, »sie haben es versucht. Die Bombe ging los, aber der Minister kam davon. Einer von ihnen wurde im Wagen in die Luft gesprengt. Was ist mit deinem Freund geschehen? Sie haben heute morgen angerufen und gefragt, wo du seist. Ich hab gesagt, ich wüsste es nicht. Aber was ist mit ihm?« Judith hörte sich sagen: »Ich hab ihn erschossen.« Pilar war einen Augenblick still, dann erhob sie sich und legte ihren Arm um Judith. »Dann müssen wir überlegen«, sagte sie.“

Weiteres, zuvor und danach, im soeben erschienenen Roman Das Buch Judith des schottischen Autors Stuart Hood.


Stuart Hood: Das Buch Judith. Aus dem Englischen von Stefan Howald. edition 8, Zürich 2020. 208 Seiten, 23 Franken.

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Immobilienspekulation und Kolonialismus

Der unermüdliche postkoloniale Aktivist Hans Fässler hat kürzlich eine E-Mail verschickt, in der er berichtet, dass seine Familie in Corono-Zeiten wieder einmal ein «Monopoly»-Spiel hervorgeholt habe. Dabei sei er mit seiner Spielfigur auf Neuenburg gelandet, und als er den dortigen Grundbesitz erwerben wollte, habe es da doch tatsächlich geheissen: Place Pury.

Nun hat Fässler schon 2005 in seinem bahnbrechenden Buch «Reise in Schwarz-Weiss» dokumentiert, wie der spätere Neuenburger Mäzen David de Pury einen grossen Teil seines Vermögens dem Sklavenhandel zu verdanken hatte; und in letzter Zeit sind verschiedene Versuche unternommen worden, dessen Denkmal in Neuenburg nicht geradezu zu stürzen, aber zumindest anders zu kontextualisieren.

Eine Schweizer «Monopoly»-Version existiert seit 1940. Zu Beginn teilweise den Verkaufsgeschäften des ursprünglichen Lizenznehmers Franz Carl Weber nachgebaut, bildet sie die monetären Verhältnisse in der Schweiz ab, vom Churer Kornplatz bis zum Zürcher Paradeplatz, oder von der Nahrungsmittelproduktion bis zur Finanzwirtschaft. Bezüglich Neuenburgs bleibt allerdings eine merkwürdige Ambivalenz. Auf alten Schweizer «Monopoly»-Versionen gelangen wir in Neuenburg nämlich auf die Place Purry, mit starkem Doppel-r.

Im Wilden Süden

Tatsächlich wurde der Familienname der De Purys früher unterschiedlich geschrieben, und er hat sogar Eingang in die amerikanische Siedlungsgeschichte gefunden. Hans Fässler hat kurz darauf hingewiesen, dass die ehemalige Kleinstadt Purrysburg im heutigen US-Bundesstaat South Carolina von einem Neuenburger De Purry gegründet wurde, und zwar von Jean-Pierre Purry (1675–1736). Der hatte als lokaler Verwaltungsbeamter begonnen, machte dann als Weinkaufmann Bankrott, worauf er in holländische Dienste in Südostasien eintrat. Bald suchte er seine Arbeitgeber von den Vorteilen von Siedlerkolonien in Südafrika und Südaustralien zu überzeugen. In einer Publikation entwickelte er die eigenwillige These, dass der 33ste Breitengrad für Kolonien besonders günstig sei, vertrat ansonsten aber die übliche kolonialistische Position, wonach europäischer Kolonialbesitz für die indigenen Völker nur von Vorteil sein könne:

«there is Reason to believe, the Establishing a good colony of Europeans would be so far from being any Detriment to the Inhabitants of the Land of Nights, and from driving them out of their Possessions, that on the contrary it would procure them all Sorts of Advantages, as well from a civilised Life, as from the Arts and Sciences it would bring among them, provided this was done with Mildness, and we looked upon them as poor Creatures, who tho’ stupid and ignorant don’t cease as well as we to be Members of human Society.»

Da die Holländisch-Ostindische Gesellschaft nicht auf seine Vorschläge einging, suchte Purry sein Glück in den englischen Kolonien in Amerika. 1726 sicherte er sich einen Vertrag mit Landbesitzern in South Carolina und konnte 300 Neuenburger und Genfer davon überzeugen, ein besseres Leben in der Neuen Welt zu suchen. Doch dann blieb das versprochene Geld aus, die Auswanderungswilligen sahen sich geprellt und gerieten in Not; Purry flüchtete aus Neuenburg.

Fünf Jahre später hatte der Hasardeur mehr Glück, oder Frechheit. Um die englischen Kolonien an der südlichen Grenze von South Carolina gegen das von Spanien beanspruchte Gebiet im heutigen Georgia abzusichern, erwarb die englische Krone das Land am Ufer des Savannah River selbst und erteilte die Genehmigung zum Bau von neun Grenzsiedlungen, darunter auch an den umtriebigen Purry. Dieser erhielt ein Stück von 48000 acres, dazu einen Startkredit von 400 Pfund und die Mittel, um 300 Leute für ein Jahr zu bezahlen, «insofern sie einen guten Leumund haben und Schweizer Protestanten sind». In einem französisch verfassten Prospekt pries er im September 1731 die neu zu gründende Siedlung an und lieferte zugleich eine einlässliche Beschreibung von South Carolina; die Schrift wurde im August 1732 übersetzt und nachgedruckt im Gentleman´s Magazine, wobei Purry als John Peter Purry zusammen mit drei weiteren Unternehmern aus Genf und Neuenburg als Verfasser zeichnete.

Nach verschiedenen Neurekrutierungen, die in vier Schiffsladungen nach Übersee fuhren, wohnten 1736 in Purrysburg rund 600 Menschen, zumeist NeuenburgerInnen und GenferInnen, aber auch einige aus deutschen und französischen Protestantengemeinden. Doch hatten sich die versprochenen elysischen Gefilde nicht finden lassen. Ein Beitrag in einem regionalen Geschichtsmagazin hat kürzlich zwei diametral entgegengesetzte zeitgenössische Briefe in die Schweiz präsentiert: der eine wohl als Propagandaschrift gedacht, der andere eine ernüchterte realistische Beschreibung der beschwerlichen Lebensumstände. Bald wanderten manche der ersten SiedlerInnen in benachbarte, besser gelegene Orte in Georgia ab. Jean Pierre Purry seinerseits, der womöglich noch persönlich einen Sklaventransport nach South Carolina organisiert hatte, erlag 1736 der in der Gegend grassierenden Malaria. In der weiteren Nachbarschaft entwickelte sich allmählich, wie im ganzen Süden, eine prosperierende, mit Sklaven betriebene Plantagenwirtschaft, wobei einige Nachfahren der Schweizer Siedler durchaus zu Reichtum gelangten.

Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wurde die Ansiedlung im April 1779 von britischen Regimentern erobert. Der drohende Verlust der Verkehrsachse des Savannah River veranlasste die amerikanische Armeeführung, Truppen in den Süden zu verlagern und dort die Engländer allmählich zurückzudrängen. Als Warenumschlagsplatz war Purrysburg bis 1820 in Betrieb, dann setzte ein langsamer Niedergang ein. Im Bürgerkrieg wurde der Ort 1865 durch Nordstaatengeneral William Shermann bei seinem südlichen Feldzug der «verbrannten Erde» erobert und dann aufgegeben. Heute erinnert nur noch der Friedhof mit etlichen deutschen und französischen Grabinschriften und eine Gedenktafel an die wechselvolle Geschichte. Jean Pierre Purrys Sohn, David de Pury (1709-1786) hatte da schon längst eine Neuenburger Kolonialgeschichte begründet, in der die Sklaverei noch eine weitaus grössere Rolle spielte.

Mittlerweile taucht Purry gelegentlich noch als deutsche Version von Pury auf, aber die offizielle Schreibweise ist seit längerem unzweideutig Pury. Im Schweizer «Monopoly» hat das bis vor kurzem noch ein wenig anders ausgesehen. Es ist ja zweisprachig beschriftet, doch nicht nur in Neuenburg, sondern auch in Neuchâtel landete man auf der Place Purry. Erst in der Version von 2011 ist das korrigiert worden. Historisch gesehen ist Pury/Purry in der fiktiven Schweizer Immobilienkarte also mit einem nicht mehr ganz so modischen Ausdruck ein flottierender Signifikant. Als flottierend verbirgt er meistens etwas. Aber, wie wir wissen, kehrt das Verdrängte zurück. Deshalb landen wir jetzt auch beim Schweizer «Monopoly» auf dem Platz des Sklavenhandelsprofiteurs de Pury.

Feindliche Übernahme

Im Übrigen hat auch «Monopoly» eine durchaus ambivalente, flottierende Geschichte. Das klassische kapitalistische Immobilienspiel ist, nicht ganz unpassend, durch die feindliche Übernahme eines antikapitalistisch gemeinten Brettspiels entstanden.

Erfunden wurde es von der Quäkerin Elizabeth Magie aus Delaware, die es unter dem Namen «The Landlord’s Game» 1904 patentierte. Das grundlegende Spielprinzip war bereits vorhanden: Je nach Feld, auf dem die Spielfigur landet, müssen Mietzinsen bezahlt werden. «The Landlord’s Game» war als didaktisches Spiel gedacht, um zu zeigen, wie Monopole auf Kosten der armen LandbesitzerInnen gehen. Magie hoffte, dadurch werde bei Kindern deren «natürliche Abneigung gegen Ungerechtigkeit» entflammt; in einer zweiten Version baute sie eine hohe Grundstücksteuer ein, um soziales Verhalten zu befördern.

Das Spiel hatte moderaten lokalen Erfolg. Einige Ökonomieprofessoren benutzten es als Lehrmittel, um die Mechanismen des Immobilienmarkts zu veranschaulichen. Als einer von ihnen das Spiel seinerseits patentieren wollte, kam es mit Elizabeth Magie zum ersten Patentstreit in der Geschichte von «Monopoly». 1930 entwarf der arbeitslose Heizungsmonteur Charles Darrow eine neue Version. Der Spielzeughersteller Parker Brothers erkannte, nach ursprünglicher Ablehnung, die Möglichkeiten des Spiels. Im Frühling 1935 wurde Darrow, im Herbst Magie ausgekauft – letztere erhielt 500 US-Dollars, ersterer wurde dank des Deals Millionär. Im November 1935 startete Parker rechtzeitig fürs Weihnachtsgeschäft die professionalisierte Version.

Der Spielwarenkonzern gab jeden kritischen Anspruch zugunsten der Apologie für die monopolistische Immobilienspekulation auf. Mittlerweile existiert «Monopoly» in 43 Sprachen und 111 länderspezifischen Versionen; bis heute wurden rund 280 Millionen Stück verkauft und etwa 5,5 Milliarden «Monopoly»-Häuschen hergestellt.

Seit 85 Jahren werden unschuldige Kinder im kapitalistischen Einmaleins geschult, seit 70 Jahren auch in einer Schweizer Version. Womöglich bekommt man dabei zum ersten Mal Geldscheine in die Hand. Der anfängliche Erwerb von Grundstücken, die ursprüngliche Akkumulation geht unblutig vor sich, dank egalitär verteilten Ursprungskapitals und ohne dass die Landbevölkerung vertrieben werden müsste. In der folgenden Phase geht es wilder zu, wenn zur Grundrente die Mieteinnahmen durch den Häuserbau treten.

Es gibt zwei Strategien: sich langsam, kontinuierlich ein Portfolio aufbauen wie im konventionellen Kapitalismus oder alles auf eine Karte und bestimmte Grundstücke setzen wie im Casinokapitalismus. Das Grundprinzip bleibt: Nur mindestens zwei Grundstücke zusammen ermöglichen einen erfolgversprechenden Kapitaleinsatz. Da klingt die ursprüngliche kritische Intention des Spiels wie ein fernes Echo an. Gespielt wird gerade nicht der uramerikanische Mythos vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, sondern es gilt: Wer hat, dem wird gegeben. Doch das Unbehagen darüber wird im Gründerfieber fortgeschwemmt. Wie berauschend fühlt es sich an, wenn das Geld und die Macht wachsen, die GegenspielerInnen immer häufiger zum Obolus gezwungen werden, und wie steigt umgekehrt die Demütigung, wenn man die eigenen Grundstücke verpfänden muss und sich trotzdem die Garotte immer enger um den Hals schliesst, bis das Spiel statt mit der Zwangsevakuierung mit dem sozialen Tod eines Mitspielers, einer Mitspielerin endet.

Stefan Howald

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Plötzlich an unser Herz greifen

Liselotte Lüscher im bücherraum f

Diese Gedichte wachsen öfters aus der Naturerfahrung und Naturbeobachtung heraus, aus denen sich Beobachtungen, Reflexionen erheben, über das Ich und wie es in der Welt steht, wiederum an die Natur zurückgebunden.

Das lyrisch gefasste Leben ist ganz eigen, alltäglich und doch verallgemeinert, wie es uns allen zustossen könnte, Schmerz oder Freude im Schneegestöber.

1959 Januar 10.

wir sind es
die in dem schnee
plötzlich an unser herz greifen
was ist es
das uns hält
zwischen den fallenden flocken
wir können fühlen wie der wind
an unsere rücken stösst
und etwas ergreift uns
in dem schnee

Die langjährige Lehrerin und Erziehungswissenschaftlerin Liselotte Lüscher besuchte am 25. Oktober mit ihrem Gedichtband «… sozusagen als Tagebuch» den bücherraum f. In ihrer erhellenden Einführung skizzierte Verena Stettler die Entstehung des Bandes. Die Gedichte lassen sich drei Lebensabschnitten von Liselotte Lüscher zuordnen. Angeordnet sind in drei Abteilungen, mit den einen lakonischen Bogen spannenden Überschriften «jung gewesen», «weder jung noch alt», «älter und alt geworden».

Aus dem Alleinsein sind manche der frühen Gedichte entstanden, zur Selbstverständigung, oder dann in intensiven, zuweilen bedrohlichen Momenten, Momente, die, wie Liselotte Lüscher geschrieben hat, sie «hinauswarfen aus dem, was mich umgab. Eine Art kurzer Verrücktheit, im eigentlichen Sinn des Wortes. Dann schrieb ich, als ob ich Halt suchte.» Aber in den so entstandenen Texten findet sich keine Larmoyanz, kein Trübsinn oder Selbstmitleid. Denn neben der Bewältigung des Alltags ging es immer auch «ums Schreiben an sich». Da wird dann eine Disziplin sichtbar, wie die Sprache rhythmisch gegliedert wird und dabei knappe, präzise umgesetzt einfasst.

1972 November 28.

heute morgen stehe ich auf müde
schon scheint die sonne schräg
die blauschwarzen schatten stehen da
und ich erinnere mich
an gestern an das licht an den rauch
an die liebe die in mir war
manchmal möchte ich mich herausheben
manchmal möchte ich mit mir
woanders hin

Ja, und dann geht es auch ums Alter und um den Tod. Der wirft seine Schatten, nicht bedrohlich, eher als Tatsache, der ins Auge zu blicken ist, gefasst, ohne doch die existenzielle Empörung darüber ganz aufzugeben und die vergebliche Hoffnung eines anderen Ausgangs kurz zu bedenken.

2016, Januar 14.

überall schaut die welt
noch hervor
unter dem dünnen schnee
so wird es sein
zwischen mich und dies alles
ein graues tuch gesenkt
und ich weggerückt
und die kraft nicht mehr
es zu zerwühlen
hätte ich doch eine seele
die hüpfte über den dünnen schnee
und den glasigen tümpel
und irgendwohin
als lebte ich noch

Gegliedert wurde die Lesung von kurzen Stücken perlend verhaltener Klavierklänge. Es war, gerade auch in Zeiten der Pandemie, ein Nachmittag voller melancholischer Schönheit.


Liselotte Lüscher: «… sozusagen als Tagebuch». Gedichte. Edition 8, Zürich 2020. 126 Seiten.

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