Milieu und Literatur

Das Niederdorf und Dora Koster: Zu beidem gab es viel zu hören beim Stadtgang am 22. Januar, gemeinsam organisiert vom bücherraum f und dem Musée Visionnaire. Wie das Niederdorf, die villa inferior, einst durch das Niederdorftor beim heutigen Central die städtische Aussengrenze bildete; wie es zum Vergnügungsquartier mutierte, wobei mit der Zähringerstrasse eine Schneise durch einige verwinkelte Gassen und Häuser geschlagen wurde und es Pläne bis in die 1950er-Jahre hinein gab, das Niederdorf ganz abzureissen.

Wir erfuhren, wie und wo Dora Koster 1964 ins Milieu einstieg und wie ihr Einstieg 1980 in den Literaturbetrieb für ihren Verleger nicht nur angenehm verlief. Wir folgten den wechselnden Wohnorten und deren sozialgeschichtlichen Hintergründen. Etwa zur Schoffelgasse, wo Emmy Hennings 1916 zusammen mit Hugo Ball in der „verruchtesten Gasse“ in ganz Zürich hauste, dort im Akkord Knöpfe annähte, bis sie eine Anstellung als Chanteuse im benachbarten Hirschen fand und dann, nur wenig davon entfernt, Dada entstand; und sechzig Jahre später gleich vis-à-vis an der Schoffelgasse Dora Koster ein Studio betrieb, ebenso wie Lady Shiva, die einige Jahre lang den Spagat zwischen zwielichtigem Milieu und glorioser Kunstszene schaffte. Und dann Dora Koster wiederum gegenüber im berühmten Café Gloria Schach gegen Grossmeister ebenso wie gegen Laien spielte, die sie schnell abzockte.

Wir besichtigten das Rothaus an der Marktgasse, mit einer immer noch vorhandenen Verbindung unter der Strasse hindurch zum einst gegenüberliegenden Goldenen Schwert, wobei sich die beiden Vergnügungsstätten in ihren Programmen zwischen Variété und Striplokal ergänzten. Ein anderer sozialhistorischer Hintergrund tat sich an der Froschaugasse auf, benachbart einer ehemaligen Synagoge, Ort eines christlichen Konvents, wo Dora Koster eine Kleinkunstbühne eröffnet hatte, und schliesslich gelangten wir zum Neumarkt, wo sie den Puck im Sommernachtstraum gespielt hatte.

Zwischen den Erläuterungen von Stefan Howald las Giorgina Hämmerli Originaltexte von Dora Koster, Autobiografisches ebenso wie Gedichte.

Der Stadtgang wird am Donnerstag, 26. Februar wiederholt. Er dauert gut 2 Stunden und kostet 20 Franken. Treffpunkt um 17 Uhr an der Zähringerstrasse 43 (beim Hotel Rütli/Buchhandlung Klio).

 

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ALL IN: Dora Koster

Liebe Anwesende,

Es freut mich, Sie hier im Musée Visionnaire begrüssen zu dürfen, diesem Ort der Experimente und Kühnheiten. Wenn ich mich umblicke, so sehe ich, dass vielleicht nicht tout Zürich aber doch tout Niederdorf sich hier versammelt hat. Und das ist ja durchaus passend für eine der Figuren dieser breit gefächerten Ausstellung, nämlich für Dora Koster.

Manche von Ihnen haben Dora Koster gekannt, sie war ja unübersehbar und auch unüberhörbar. Das Motto dieser Ausstellung, oder besser Installation oder auch Performance heisst ALL IN. Und das galt für Dora Koster, wie wir wissen. Sie war nie halb zu haben. Man musste alle ihre Seiten nehmen. Das war zuweilen schwierig, die Pole ihres Gemütszustands spannten sich ja zwischen überwältigendem Schmerz und ungebärdiger Liebe, zwischen unendlicher Hilfsbereitschaft und rabenscharzem Zorn.

Manuela Hitz und ihr Team wollen diese Spannung in Leben und Werk vergegenwärtigen. Die Ausstellung enthält verschiedene Artefakte, die Situationen zeigen, aus der die Kunst entsprang, die wiederum das Leben prägte.

Da steht zuvorderst die Literatur. Rund 20 Bücher hat Doras Koster geschrieben, aber auch produziert. Sie war ja in ihren Ansprüchen nicht einfach, hat sich mit den meisten VerlegerInnen zerstritten, und hat dann im Eigenverlag publiziert. Später hat sie die meisten ihrer Bücher neu aufgelegt, einfach gedruckt und gebunden, um sie schnell auf der Gasse vertreiben zu können. Das sind sozusagen Raubdrucke der eigenen Werke. Besonders hübsch ist die Ausgabe von «Nur ein Sprung in die Welt». Weil Dora kein Original mehr besass, hat sie ein Exemplar in der Zentralbibliothek Zürich ausgeliehen und dann das Titelblatt abgekupfert, inklusive Katalognummer; das Buch aus der Zentralbibliothek hat sie vermutlich auch gleich mit verkauft, jedenfalls sind in der ZB etliche Bücher nach dem Ausleihen durch Dora Koster als Verluste notiert. Dass ihr Nachlass jetzt in der ZB gelandet ist, stellt einen schönen Kreislauf dar.

Dora Koster hat Hunderte von Gedichten geschrieben, das Schreiben entströmte ihrem Alltag. Wenn das Wort drängte, musste jede Unterlage genügen, das zeigen etwa die Tischsets, die sie beschrieben und grosszügig verschenkt hat. Das ist Alltagspoesie im Wortsinn.

Auch die Gemälde waren Ausdruck ihres Kunstwillens und zugleich Lebensunterhalt. Zuweilen musste eines in wenigen Stunden entstehen, um etwas Geld einzubringen, oder etwas Freude für jemanden, den sie damit beschenkte.

Geld, ja, das war ein eigenes Thema. Sinnbildlich steht dafür im Raum ein prunkvolles Schachspiel. Damit hat sie wie mit Backgammon zuweilen ihren Tagesunterhalt finanziert. Dabei war sie durchaus ehrgeizig, es gibt eine Fotografie, die sie an einem Blitzschachturnier gegen einen russischen Grossmeister zeigt, dem sie nicht gerade einen Sieg, aber doch ein Remis abrang.

Dann war da natürlich die Musik, ihr Schwyzerörgeli. Handharmonikaspielen hatte ebenfalls eine Doppelbedeutung, einerseits die Lust am Spiel, an der Kreativität, andererseits immer auch die Möglichkeit und Notwendigkeit, auf die Schnelle etwas Geld zu verdienen. In einem Video sieht man, wie ihr Gesicht beim Spielen in – darf man sagen: kindlicher – Freude erstrahlt.

Dora war auch Kunstmanagerin in eigener und fremder Sache. Zu ihren besten Zeiten konnte sie an einem Tag ihre Wohnung ausräumen, die Möbel, das Geschirr verkaufen oder verschenken, und zwei Tage später war die Bleibe neu möbliert, und sie präsentierte eine Matinee samt Kulissen und Catering, das ihr eine Wirtin gegen ein Gemälde geliefert hatte.

«Dora» hat zu einem Soziotop im Niederdorf, beziehungsweise zum Soziotop des Niederdorfs gehört. Ihr Spektrum an Bekannten reichte weit, alle Anwohnerinnen und Gewerbetreibenden zählten dazu. Das Spektrum war auch politisch breit, vom SP-Gemeinderat bis zum SVP-Kantonsrat. Wobei sie sich mit allen gelegentlich zerstritt und dann wieder versöhnte, das ging nicht ohne Verletzungen ab. Zu diesem Soziotop gibt es zahlreiche Fotografien, die noch zu erschliessen sind, etwa von Niklaus Stauss, der sie beinahe vierzig Jahre lang fotografisch begleitet hat.

Lange Zeit schrieb Dora Koster ihre Texte auf wechselnden Schreibmaschinen. Mit Computern hat sie es nicht so gekonnt, die waren ihr zu wenig handfest. Dafür hat sie sich dann die Handytechnik unverzüglich einverleibt. In den letzten Jahren verkehrte sie vor allem via SMS. SMS waren für sie eine besondere Kommunikationsform, so schnell, wie sie redete, töggelte sie zuweilen auch ihre Texte herunter. Wenn ein Handy voll war, kaufte sie ein neues; wenn sie eines verlegt hatte, auch. Zu allermeist enthalten sie Alltagsgespräche, schnelle Dialoge, ein halbes Dutzend Nachrichten in einer Viertelstunde, wenn sie nicht schlafen konnte. Doch die Handys waren auch Speichermittel für Texte, die sie an viele versandte: zunehmend bitter, enttäuscht über die Liebe und die Gesellschaft. Und schliesslich dienten sie als Produktionsmittel fürs aktuelle Schaffen. Darunter finden sich ein paar starke Kurztexte. Wir haben versucht, dieses Kommunkationsgeflecht grafisch abzubilden, im zeitlichen Verlauf die verschiedenen Formen und die Anhäufungen der Texte zu erfassen.

Ich erlaube mir, mit Aphorismen aus ihrem letzten Buch «Die kleine Schweizerin» zu enden, die wiederum das emotionale und gedankliche Feld aufspannen, in denen sich Dora Koster bewegte: von der scharfen, satirischen Beobachtung der Gesellschaft über die Anklage bis zur elegischen Melancholie und zum Verständnis als selbstbewusste Autorin:

Wer ein goldenes Kalb verspeist 

wird niemals satt
Der Dreck an mir

stammt von euren Füssen
Hass trinkt mehr Wein

als es Trauben gibt
Den Hund gabs vor der Leine …
Heimweh zieht schwarze Tapeten

über das Blau des Himmels

Heimweh überschwemmt die Vernunft

Heimweh unweigerlich

die schwerste Fremdsprache

und trotzdem allen verständlich

Wenn ich meckere

bin ich keine Ziege

sondern einfach eine Frau

die sich noch

tierisch ausdrücken kann

Ausdrücken konnte sie sich, tierisch und menschlich. Viel Vergnügen beim Nachlesen und Nachhören dieser unverwechselbaren Stimme.


Dies ist ein leicht veränderter Text, den Stefan Howald bei der Eröffnung der Ausstellung ALL IN am 11. November 2025 im Musée Visionnaire gehalten hat. Das Musée Visionnaire am Predigerplatz 10 ist jeweils Mi/Fr 13-17 Uhr, Do 13-20 Uhr und Sa/So 11-17 Uhr geöffnet, siehe www.museevisionnaire.ch.

 

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Ultramarin und Dantons Tod. Die begabte Familie Büchner

Ja, Ultramarin. Wilhelm, der schulische Versager, hatte es mit einem Verfahren, Ultramarin billig herzustellen, zum Millionär gebracht. Und warum war diese Erfindung so erfolgreich? Weil, weiss der Büchner-Spezialist Peter Brunner, mit dem Verschwinden der Waschwiesen im 19. Jahrhundert die Wäsche zuweilen einen Gelbstich annahm, und da Gelb und Ultramarinblau im Farbkreis weiss ergeben, machte eine Spur Ultramarin im Waschpulver die Wäsche wieder blütenweiss.

Mit solchen sozialgeschichtlichen Details wartete Peter Brunner, langjähriger Leiter des Büchner-Museums in Goddelau/Hessen, Mitte Oktober bei einem Vortrag im bücherraum f über die Familie Büchner auf.

Die Familie Büchner? Nun, Georg Büchner (1813-1837) ist bekannt als ein leuchtender Komet der deutschen Literatur. Aber auch vier seiner Geschwister waren bedeutende Persönlichkeiten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Peter Brunner hat bereits 2008 zusammen mit Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz das Buch «Die Büchners oder der Wunsch, die Welt zu verändern» veröffentlicht. Seither hat er in verschiedenen Publikationen und Vorträgen seine Recherchen und neuen Erkenntnisse päsentiert.

In einem fulminanten Auftritt in Zürich machte er diese äusserst begabte Familie gegenwärtig. Über die älteste Schwester Mathilde Büchner (1815-1888) ist am wenigsten bekannt, kein einziges Bild existiert von ihr. Aufzeichnungen aus dem Familienkreis bezeichnen sie einmal als «aufopfernd», ein andermal als «träge». Sie führte, zeitgenössisch nicht untypisch, ein eher unauffälliges Hausfrauenleben im elterlichen Haushalt, später auch im Haushalt ihrer ungemein bekannteren Schwester Luise. Eine spektakuläre Tat ist von ihr überliefert, als sie ihrem Bruder Alexander womöglich einen langjährigen Gefängnisaufenthalt ersparte. Als der in seiner revolutionären Jugend von der Polizei angehalten wurde und einen Dolch auf sich trug, versteckte Mathilde diesen geistesgegenwärtig in ihren Kleidern.

Da war Wilhelm Büchner (1816-1892) prominenter in der Öffentlichkeit präsent. Zwar wurde er in einer späteren, durchaus liebevollen Erinnerung seines Bruders Alexander als «der dumme Bub» bezeichnet, der kein Studium absolvierte; doch durch seine Begabung als Apotheker entdeckte er eben jene verbesserte Ultramarin-Herstellung, die er auch kommerziell auszuwerten vermochte. Ein von ihm gebauter Fabrikkomplex in Pfungstadt machte ihn zum grössten Arbeitgeber in dem stark anwachsenden Dorf. In späteren Jahren war er sozialreformerisch unterwegs, führte im Betrieb unter anderm eine Betriebskrankenkasse ein und beteiligte die Arbeiter sogar am Geschäftsgewinn. Auch als liberaler Reichstagsabgeordneter unterstützte er eine fortschrittliche Sozialgesetzgebung.

Die Schwester Luise Büchner (1821-1877) war eine sozialreformerische Pädagogin und Frauenrechtlerin. Mit ihrem Buch «Die Frauen und ihr Beruf» von 1855 forderte sie eine verbesserte Ausbildung für Mädchen und Frauen in Schule und Beruf. Ihr Erbe wird sorgfältig gepflegt – Peter Brunner gehört zu den MitgründerInnen der Luise-Büchner-Gesellschaft in Darmstadt, die einst, 2019, ihre GV im bücherraum f abgehalten hatte, eingerahmt von einem Zürcher Stadtrundgang, da Luise Büchner 1875 die erste Schweizer Ärztin Marie Heim-Vögtlin und Schweizer Pädagoginnen an der Hottingerstrasse 25 besucht und über den beruflichen und intellektuellen Austausch berichtet hatte, und einem Vortrag von Melinda Nadj Abonji über Rosa Luxemburg.

Noch erfolgreicher war einst Ludwig Büchner (1824-1899). Als Arzt tätig, schrieb er im gleichen Jahr 1855 den philosophisch-politischen Bestseller «Kraft und Stoff», der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beinahe in jedem bildungsbürgerlichen Haushalt stand. Darin propagierte er eine naturwissenschaftlich-materialistische Weltanschauung, in der Kraft und Stoff die bewegenden Triebkräfte waren, wodurch, durchaus radikal, die Religion ins Reich der Fabeln verbannt wurde. Zugleich bot der republikanische Intellektuelle durch seine unverbrüchliche Hoffnung in neue wissenschaftliche Erkenntnisse wie die Evolutionstheorie und seinen optimistischen Fortschrittsglaube in den bleiernen Zeiten nach dem versandeten Aufbruch von 1848 dem desillusionierten liberalen Bürgertum eine neue Perspektive, weshalb verschiedene politische Strömungen, auch etwa die junge Sozialdemokratie, ihn und seine Thesen zu vereinnahmen suchten.

Dann war da schliesslich noch Alexander Büchner (1827-1904), der, nicht ganz verbürgt, 14 Sprachen beherrschte, vielfältig zu einer vergleichenden Sprachwissenschaft publizierte und mit 72 Jahren eine 24-Jährige heiratete, was sich in der schillernden Spannung zwischen rührender Liebe und vorherrschenden Geschlechterkonventionen betrachten liesse.

In seinem Vortrag ging Peter Brunner natürlich auch auf Georg Büchner ein, schilderte ein unvergleichliches Leben und Werk, immer wieder auf die sozialgeschichtlichen und politischen Umstände zurückgebunden, mit einer Detailfülle an Personen und Geschehnissen. Und mit erhellenden Einschätzungen: Er betonte den damals unerhörten Montagecharakter von «Dantons Tod» hin. Er wies auf die besondere Wertschätzung hin, mit der der junge, unbekannte Büchner dank seines ersten Manuskripts, dessen Qualität offenbar sofort erkannt worden war, im Verlagsgeschäft behandelt wurde. Er arbeitete die Bedeutung von Büchners naturwissenschaftlichen Studien in der Diskussion über die teleologische Geschichtsauffassung heraus und rühmte die Scharfsichtigkeit, mit der Büchner in seiner Novelle «Lenz» die Schizophrenie des unglücklichen Dichters erkannt habe. Auch ein skurriles Detail wurde womöglich aufgeklärt: Dass die beiden Königreiche in «Leonce und Lena» Pipi und Popo heissen, mag mit der von Büchner als hinterwäldnerisch erlebten Darm-Stadt zu tun haben. Peter Brunner betonte alles in allem die grundsätzliche, vor Vereinseitigungen gefeite Ambivalenz Büchners, als Mensch und in seinem Werk – worüber in Details weiter zu diskutieren wäre.

Vom Rigiblick zur Spiegelgasse

Zuvor hatten sich am Donnerstagnachmittag Swantje und Peter Brunner sowie Stefan Howald am Grab von Büchner beim Rigiblick getroffen, wohin dessen Gebeine 1875 durch einen grossen Umzug aus dem aufgehobenen Stadtzürcher Friedhof Krautgarten umgebettet worden waren. Wie jedes Jahr sollte, für einmal um einen Tag verschoben, der Geburtstag von Georg am 17. Oktober gefeiert werden. Während des kurzen Eingedenkens trat eine Frau hinzu, dann zwei weitere, die sich nach dem Grab und dem Zusammensein erkundigten, mit unterschiedlicher Kenntnis von Georg Büchner, wobei alle drei nachmittags um 16.30 Uhr einem Glas Sekt nicht abgeneigt waren.

Am Sonntag wurde schliesslich ein Büchner-Rundgang durch Zürich unter Anleitung von Stefan Howald in der überraschend milden Herbstsonne durchgeführt. Er stand unter drei Stichworten: «Büchner, Asylpolitik und Kolonialismus», wozu auch eine kleine Broschüre vorliegt. Der Ausgangspunkt Büchner erlaubte es, die einstmals fortschrittliche Zürcher Asylpolitik zu beschreiben und, gleichsam als die Kehrseite der Medaille, oder deren Vorderseite, die Verstrickungen in die globale Kolonialwirtschaft zu dokumentieren. Der Rundgang begann wiederum beim Rigiblick, wo einst, 2013, auch der Linksbüchnerianismus aus der Taufe gehoben worden war, der sich zum Ziel setzt, die emanzipatorische Kraft von Büchner gegen verharmlosende Interpretationen zu fördern. Mit Seilbahn und Tram ins so genannte Plattenquartier hinuntergefahren, wurden dort die städtebaulichen Entwicklungen mit der vorherrschenden Baumeisterarchitektur und den zahlreichen Pensionen in der Nähe der Universität besichtigt. In solchen Pensionen hatte einst auch Rosa Luxemburg gewohnt, wobei an der Plattenstrasse 47 bislang die einzige Plakette in Zürich offiziell an sie erinnert – dazu kann ganz aktuell angeführt werden, dass jetzt in Altstetten ein Platz nach ihr benannt werden soll.

Der Name Hottingen bot Gelegenheit, anhand des Bankiers Hans-Konrad Hottinger auf die kolonialen Verflechtungen Zürichs hinzuweisen. Dabei wechselten diese frühen Zürcher Unternehmer zwischen Warenhandel und Geldgeschäften hin und her. Insbesondere in den beiden Amerika liess sich mit Baumwolle viel Geld machen, das in der Heimat durch Privatbanken vermehrt und für repräsentative Gebäude wie etwa die Villa Tobler an der Winkelwiese eingesetzt wurde. Am Zeltweg evozierte das ehemalige Restaurant Thaleck die Exiltätigkeiten der deutschen Sozialdemokratie und die Escherhäuser wiederum die Verstrickungen Zürichs in die koloniale Globalwirtschaft. Am Rüden und am Weinplatz vorbei, wo einst exilierte Deutsche ab den 1830er-Jahren die zürcherische Kultur und Politik vorangetrieben hatten, gelangte man zum Neumarkt, zum Geburtshaus des Schweizer Nationaldichters Gottfried Keller, dessen Werk selbst in den sich harmlos gebenden Seldwyler Geschichten kolonial grundiert erscheint. Schliesslich landete man in der Spiegelgasse, wo Erinnerungstafeln an Georg Büchner und Wladimir Lenin Haus an Haus hängen und wo Dada aus der Wiege gehoben worden war. Was Peter Weiss einst in seinem Stück «Trotzki im Exil» und in der «Ästhetik des Widerstands» zum Konzept der doppelten Revolution, der künstlerischen und der politischen, der geträumten und der wachen, veranlasst hat. Darüber entspann sich ein kleiner Disput, ob man Dada als künstlerische Revolution bezeichnen könne, worauf sich als Kompromiss der Begriff Revolte anbot. Was ja auch nicht wenig ist.

sh

 

Die Broschüre «Büchner, Asylpolitik und Kolonialismus» ist zur Schutzgebühr von 5 Franken via den bücherraum erhältlich: buch@buecherraumf.ch

Wer sich für den Linksbüchnerianismus interessiert, findet hier den Gründungsakt: https://www.stefanhowald.ch/aktuell/?p=63. Siehe auch die folgenden Interventionen auf der Website unter dem Stich

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Literatur vom afrikanischen Kontinent

Afrika gibt es nicht. Unzweifelhaft aber gibt es Literatur vom afrikanischen Kontinent. Oder bald auch nicht mehr? Jedenfalls geht die Vermittlung in den deutschsprachigen Raum zurück. Die KennerInnen Chudi Bürgi und Ruedi Küng  sprachen kürzlich im bücherraum f über den Stand der Dinge. Bürgi war langjährige Co-Direktorin bei Artlink, eine Institution, die sich für eine Kontinente überspannende Kultur einsetzt, Ruedi Küng ist bekannt als ehemaliger Afrika-Korrespondent bei Radio DRS und als Publizist. Im Gespräch skizzierten sie die historische „Entdeckung“ der Literatur vom afrikanischen Kontinent in Deutschland und in der Schweiz, gingen auf Debatten um eine indigene versus eine Weltliteratur ein und kamen dann auf die eher trübe Gegenwart zu sprechen: Staatliche Subventionen werden gestrichen, Programme zur Kulturvermittlung sind gefährdet, Übersetzungen kaum mehr finanzierbar, Verlage müssen schliessen. Ist Kulturaustausch ein Auslaufmodell? Trotz allem: Es liegt ein unschätzbarer Fundus an Literatur vor, der weiterhin vergrössert wird. Bürgi und Küng nannten einige der wichtigsten AutorInnen und Bücher, wodurch der Beitrag auch zur enthusiastischen Literaturempfehlung wurde.

Das Zwiegespräch lässt sich hier nachhören:

Die Illustrationen, Fotografien und Tabellen, auf die Bezug genommen wird, können parallel dazu angeschaut werden:

bücherraum f 10. Juli 2025

Foto Copyright: Herby Sachs

 

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Ferne Welten – zur Geschichte der Utopien

Wo weht der Geist der Utopie noch? Viel eher suchen uns apokalyptische Visionen heim. Oder die autoritären Phantasmen von Milliardären und Potentaten, die sich nach einem eisfreien Grönland oder auf den Mars absetzen wollen und verbrannte Erde hinter sich zurücklassen. Wo also wächst in der Gefahr das Rettende? Stefan Howald skiziert eine Geschichte von Utopien und Dystopien, von Thomas Morus über Ernst Bloch bis Margaret Atwood, mit einigen tröstenden Ideen zum Schluss.

 

Die während des Vortrags präsentierten Illustrationen lassen sich in der folgenden PPP herunterladen und anschauen.

VHS_Utopie

Nach dem ersten Teil des Vortrags, bei 1º05′50′′, gibt es ein musikalisches Intervall: „Jerusalem“, die utopische Hymne über den Aufbau einer neuen Gesellschaft.

William Blake’s „Jerusalem“, geschrieben 1804, beschwört in biblischen Bildern eine neue, gerechte Gesellschaft in England, gegen die Auswüchse der Industrialisierung. In der Vertonung von Hubert Perry von 1916 ist „Jerusalem“ seither zu einem der beliebtesten englischen Lieder geworden und wird von verschiedenen Seiten beansprucht, von der Labour Party ebenso wie vom englischen Cricket-Verband. Weil sich Blake konkret auf England bezieht, gilt „Jerusalem“ gelegentlich als quasi-offizielle Hymne Englands, wobei die chauvinistischen Untertöne das utopisch-revolutionäre Potential ins Gegenteil verkehren. Die eingespielte Version ist vom politischen Sänger Billy Bragg 1990 aufgenommen worden.

 

 

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