Bergstürze und Denkmalstürze

Soll das Denkmal von Alfred Escher beim Hauptbahnhof Zürich gestürzt werden, weil die Familie Escher eine Plantage mit SklavInnen besass? Müssen die Gebäude und Institutionen in Neuenburg, die aus dem Erbe von Bankier David de Pury gebaut worden sind, geschleift werden, weil der sein Geld unter anderm mit Sklavenhandel verdient hatte? Der St. Galler Historiker und postkoloniale Aktivist Hans Fässler bemüht sich seit vielen Jahren darum, dass sich die Schweiz ihrer Verwicklung in den globalen Kolonialismus bewusst stellt. Er hat verschiedene Kampagnen zur Umbenennung öffentlicher Orte und Plätze lanciert. Im Zeichen von Black Lives Matter hat das Thema eine erneute Dringlichkeit erhalten.

Im bücherraum f hat Hans Fässler am Donnerstag, den 10. September, von seinen Erfahrungen berichtet und kreative Vorschläge erläutert.

Fässler identifizierte zuerst drei Formen von Erinnerungsstätten und erläuterte diese an einzelnen Beispielen. Da sind gezielte, gewollte Erinnerungsorte: Denkmäler, Strassennamen, Bergspitzen, von Edward Colston und Alfred Escher über den Raiffeisen-Platz und die Lavaterstrasse bis zum Agassizhorn. Dann gibt es ungewollte Erinnerungsorte, etwa wenn ein Hausname plötzlich fragwürdige Verbindungen offenbart: So das «Haus zur Flasche» in St. Gallen der Familie Högger, die verschiedene Plantagen mit SklavInnen besass, oder das zu einem klassizistischen Prachtbau umgebaute ehemalige Bauernhaus der Familie Pool in Bevers, die ihren Reichtum ebenfalls durch Plantagen anhäufte. Schliesslich die noch zu schaffenden Erinnerungsorte, Gegen-Denkmäler, mit denen alternative Personen, Bewegungen gewürdigt werden sollen: Paul Grüninger ist da ein prominentes Beispiel oder die von Fässler hartnäckig verfolgte Umbenennung des Agassizhorns in Rentyhorn.

Wenn gegenwärtig zum Beispiel von Schreibern in der NZZ die Gefahr einer illiberalen Zensur beschworen werde, so wende er dagegen jeweils den Empörungstest an: Ob der Sturz einer Statue empörender sei als das Unrecht, das einst begangen worden sei und an das mit dem Denkmalsturz erinnert werden solle?

Sein Vortrag lässt sich hier nachhören:

 

Fässler erläuterte dies an zahlreichen Bildern. Dabei müssen Denkmäler für Fässler nicht immer entfernt und Strassennamen nicht immer ausradiert werden. Mit Detailkenntnis und Witz zeigte er verschiedene Alternativen: Erläuterungstafeln zu Agassiz in Lausanne, in Schieflage versetzte Statuen, Dokumentationen öffentlicher Auseinandersetzungen, etwa wenn der alte Name einer Strasse durchgestrichen neben dem neuen steht. Die Beispiele lassen sich hier nachhören:

 

Die Beispiele lassen sich hier nachhören, wobei der mündliche und bebilderte Vortrag und die Dokumentation nicht ganz übereinstimmen.

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In der lebhaften Diskussion wurde angemahnt, warum bei Gegen-Erinnerungen zumeist wiederum nur Männer gewürdigt werden und nicht auch die Frauen oder die Netzwerke, die sie unterstützt haben. Dass solche Politik um Symbole mit anderen politischen Bewegungen verbunden werden sollte, blieb unbestritten, zumal, wie angemerkt wurde, es dabei immer auch um die Zurückeroberung des öffentlichen Raums gehe.

Zentral bleibt die Diskussion um den historischen Horizont und die historische Relativierung: Konnten die Zeitgenossen um das Unrecht der Sklaverei wissen? Fässler wies darauf hin, dass die Sklaven immer schon wussten, dass Verbrechen an ihnen begangen wurden; mindestens seit dem Ende des 17. Jahrhunderts gab es kritische Stimmen in den Kolonialländern, Ende des 18. Jahrhunderts waren sie unüberhörbar und wurden auf dem Wiener Kongress 1815 erstmals kodifiziert. Allerdings, wurde angemerkt, seien wohl Unterschiede der unmittelbaren Verantwortlichkeit festzuhalten – da alle Menschen im Norden vom globalen Sklavenhandel profitiert hatten, würde andernfalls jedes kritische Sprechen aus diesen Ländern verunmöglicht. Und prospektiv stellt sich die Frage, wie weit heutige Verantwortung etwa für den Klimanotstand beurteilt werden könnte.

Die Diskussion mündete ins Thema von Wiedergutmachung und Reparation. Reparationen sind ja, anders als von denen behauptet, die sich dagegen sperren, nichts Neues, gerade auch in Bezug auf die Sklaverei. Skandalöserweise wurden nach dem Verbot der Sklaverei nicht etwa die SklavInnen, sondern die ehemaligen Plantagenbesitzer und Sklavenhändler entschädigt, was die Republik Haiti beinahe hundertfünfzig Jahre lang belastet hat. Natürlich ist, so Fässler, jede Reparationsforderung komplex: wer, warum, wieviel an wen zu zahlen habe. Aber das Argument der Komplexität sei zumeist nur vorgeschoben. Fässler hat dazu im letzten Dezember Scores, das Schweizerische Komitee für die Wiedergutmachung der Sklaverei, initiiert. Dieses arbeitet mit der Reparationsinitiative der karibischen Staatengemeinschaft zusammen, wie Fässler soeben in der jüngsten WOZ Nr. 37 erläutert, siehe https://www.woz.ch/2037/schweizer-wiedergutmachung/die-damaligen-argumente-klingen-sehr-vertraut.

Siehe auch Hans Fässlers Website www.louverture.ch.

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Lichtstrahlen und vegetarische Küche

bücherräumereien (XXX)

«Lichtstrahlen» – unter diesem jugendstilhaft verheissungsvollen Titel wollte eine politische Wochenzeitschrift ab 1913 in die Höhe, in die Zukunft führen, wobei der Untertitel ein «Bildungsorgan für denkende Arbeiter» ankündigte. Wer da so emphatisch zu bilden versuchte, war Julian Borchardt. Borchardt (1868–1932) arbeitete nach einer kaufmännischen Ausbildung in Bromberg als Bibliothekar, Lehrer und freier Journalist und wurde dann Redaktor sowie Bildungsverantwortlicher bei verschiedenen sozialdemokratischen Zeitungen und Institutionen.

Dabei rückte er allmählich auf den linken Flügel. 1911 ins preussische Abgeordnetenhaus gewählt, wurde er wegen heftiger Interventionen zwei Mal des Saals verwiesen, und da er sich beim zweiten Mal weigerte, den Saal zu verlassen, des Hausfriedensbruchs angeklagt. In der von ihm 1913 in Berlin gegründeten Wochenzeitschrift «Lichtstrahlen» wandte er sich zusehends gegen die Mehrheitssozialdemokratie, insbesondere als diese im August 1914 einen nationalchauvinistischen Kurswechsel vollzog und den Kriegskrediten für das imperiale Deutschland zustimmte. Seinen pädagogischen Antrieb begründete er später gerade auch mit dieser Erfahrung: «Wir sind überzeugt, dass höhere Bildung der sozialistischen Massen jenen blinden Autoritätsglauben ausrotten wird, der den Menschen heutzutage beim Militär anerzogen wird, und den wir deshalb nicht selten leider auch an Stellen finden, wo er nicht hingehört. Der allerdings wird schwinden wie die Spreu vor dem Winde, wenn alle Menschen das nötige Mass Bildung besitzen.»

In den «Lichtstrahlen» publizierten ab Kriegsbeginn zunehmend oppositionelle linke Sozialdemokraten, etwa der Ökonom Artur Crispien oder der Bauernpolitiker und Schriftsteller Edwin Hoernle. Beide hatten zur Redaktion der sozialdemokratischen «Schwäbischen Tagwacht» in Stuttgart gehört und mussten nach kritischen Stellungnahmen zur SPD-Burgfriedenspolitik auf Druck der nationalen Parteileitung ihre Posten räumen. In den «Lichtstrahlen» ebenfalls ein Sprachrohr fanden Karl Radek und Anton Pannekoek, die vor dem Weltkrieg gemeinsam zur Bremer radikalen Linken gezählt hatten.

Abschied von der SPD

Borchardt bot seine Zeitschrift als Forum an, blieb aber mit zahlreichen kürzeren und längeren Beiträgen der unbestrittene Taktgeber. Seine zumeist nicht gezeichneten Texte sind eingängig geschrieben, jederzeit um Argumente bemüht, dabei mit klaren Positionen. Der Wikipedia-Eintrag zu ihm vermeldet, er sei bereits 1914 aus der SPD ausgetreten, was wohl nicht stimmt, da er noch im April 1915 in einer kritischen Stellungnahme in den «Lichtstrahlen» schrieb: «Weit von uns weisen müssen wir deshalb den Vorwurf, wir hätten es auf eine Spaltung der sozialdemokratischen Partei abgesehen. Solche Absichten überlassen wir jenen, die es bereits mit hinreichender Deutlichkeit ausgesprochen haben, dass alle, welche die gegenwärtige Haltung der Partei kritisieren, bei nächster Gelegenheit hinausgeworfen werden sollen. Wir denken gar nicht daran, weder die Partei zu verlassen, noch sie zu spalten. Ganz im Gegenteil: wir wollen drin bleiben und nach Kräften daran arbeiten, ihr den sozialdemokratischen Charakter zu wahren.»

Im Juli 1915 nahm Borchardt an einer von Robert Grimm organisierten Vorbereitungssitzung in Bern und im September 1915 an der Zimmerwalder Konferenz der europäischen Linken teil. Mit Karl Radek und Lenin gehörte er dabei zur radikalen – und minoritären – Zimmerwalder Linken. Erst nach der Rückkehr aus Zimmerwald vollzog er den Bruch mit der SPD; zusammen mit den Bremern und einer Handvoll Mitglieder aus Hamburg und Braunschweig gründete er die Internationalen Sozialisten Deutschlands (ISD).

Ökonomie und Feuilleton

Im bücherraum finden sich drei repräsentative Nummern der «Lichtstrahlen», die uns freundlicherweise bei der Auflösung von «Gretlers Panoptikum» überlassen worden sind. Neben dem politischen Teil enthielt die Zeitschrift, die «jeden Sonntag» erschien, immer auch feuilletonistische Artikel, Erzählungen, Gedichte und Buchbesprechungen.

In grundsätzlichen Beiträgen trat Borchardt für eine differenzierte materialistische Analyse ein, die ökonomische Interessen betonte, ohne den subjektiven Faktor in der Geschichte leugnen zu wollen. So gingen einzelne Artikel der deutschen Entwicklung seit 1792 im Spannungsfeld von Klasseninteressen, Nationalstaat und frühen Globalisierungstendenzen nach. An anderer Stelle analysierte Karl Radek die Rolle Bismarcks, wobei dessen Kompromisse zwischen den Fraktionen der herrschenden Klassen betont wurden. Aufmerksamkeit wurde auch den organisationstheoretischen Entwicklungen der sich herausbildenden Weltwirtschaft geschenkt.

Bezüglich der aktuellen politischen Situation zeigte Borchardt die Widersprüche der Mehrheitssozialdemokratie auf, die alles Vertrauen verspielt habe, da ihre früheren Worte und jetzigen Taten schroff auseinanderklafften. Ebenso scharf rechnete er mit der Hoffnung ab, die SPD werde für ihre Burgfriedenspolitik nach einem allfälligen Kriegsschluss mit Zugeständnissen in sozialen Belangen belohnt.

Unter dem Strich, im Feuilleton, dokumentierte zum Beispiel Edwin Hoernle mit prägnanten Strichen den erschreckenden Chauvinismus und Rassismus vieler deutscher Intellektueller bei Kriegsausbruch. Daneben fanden sich russische Erzählungen ebenso wie Auszüge aus Wilhelm Hauffs «Mitteilungen aus den Memoiren des Satans» (1825): Das ist gehobene Unterhaltungsliteratur, deren Zielpublikum aber in diesem politisch zunehmend radikalisierten Umfeld unklar blieb.

Im April 1916 wurden die «Lichtstrahlen» wegen ihrer antimilitaristischen Haltung von der Zensur verboten. Die Nachfolgezeitschrift «Leuchtturm» fiel ebenfalls bald der Zensur zum Opfer.

Ein unzuverlässiger Intellektueller?

Hans Manfred Bock würdigt in seiner grundlegenden Studie zu «Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923» (1993) die historische Bedeutung der «Lichtstrahlen» als Forum für die sich herausbildende linkskommunistische Strömung, behandelt Borchardt als Person aber ein bisschen schnöde. So habe dieser ab 1917 eine Entwicklung eingeschlagen, die «ihn künftig als Sprecher der linksradikalen Bewegung disqualifizieren sollte» (Bock 77) – was ein eher orthodoxes Verständnis für das Verhältnis von Bewegung und Führung verrät. Tatsächlich hatte Borchardt ein Buch zum deutschen U-Boot-Krieg zum Lesen empfohlen und mit einer Einleitung versehen und war deswegen von seiner Parteisektion der ISD gerügt worden. Er rechtfertigte sich damit, dass er selbstverständlich weiterhin Pazifist sei, aber das Buch wichtig finde, um zu zeigen, dass die sozialdemokratische Vorstellung eines blossen «Verteidigungskriegs» ein Hirngespinst sei. 1918 erschien in seinem Kleinverlag auch Lenins «Staat und Revolution», was den Linkskommunisten wiederum nicht recht passen wollte.

Ab 1917 drängten die zersplitterten linksradikalen Gruppierungen, parallel und in Auseinandersetzung mit dem Spartakus-Bund von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, auf eine organisatorische Konsolidierung. Borchardt zeigte sich schon früh skeptisch gegenüber dem Aufbau einer neuen Partei und vertrat anti-organisatorische, geradezu anti-autoritäre Positionen. Das trennte ihn nunmehr auch von Radek und Pannekoek. Im November 1918 lancierte Borchardt die «Lichtstrahlen» erneut. Die Zeitschrift blieb allerdings nahezu einflusslos und wurde 1921 eingestellt.

Bock referiert – weitgehend zustimmend – die Position der ISD, die Borchardt vorwarfen, er habe «den Kontakt mit der radikalen Arbeiterbewegung verloren» und sich mit seinen weiteren Aktivitäten für einen blossen «Debattierclub» entschieden (Bock 77). Ja, er rechnet generell mit den wankelmütigen Geistesarbeitern ab. Insbesondere die Künstler, die von «anti-bürgerlichen Affekten» getrieben worden seien, hätten sich bald wieder von ihrem Engagement distanziert, aber auch für Intellektuelle wie Borchardt sei ihr linksradikales Engagement nur «eine Episode ihres politischen Lebenslaufes» geblieben (Bock 327).

Die früheren gemeinsamen Mitstreiter Radek und Pannekoek schlugen in der Folge sehr unterschiedliche, zuweilen entgegengesetzte Wege ein. Radek wurde schon im März 1920 Komintern-Funktionär, danach ein führendes Mitglied der KPD, für die er kurzfristig ein Bündnis mit nationalistischen Kreisen suchte. In den folgenden fünfzehn Jahren lavierte er mehrfach zwischen den verschiedenen Strömungen innerhalb der KPD und der Komintern. 1937 wurde er schliesslich als angeblicher Anhänger Trotzkis im zweiten Schauprozess angeklagt und 1939 in einem sowjetischen Arbeitslager ermordet – Stefan Heym hat dieses Leben 1995 romanhaft in aller Widersprüchlichkeit geschildert. Anton Pannekoek seinerseits, der zugleich ein renommierter Astronom war, wurde zu einem führenden Vertreter des Rätekommunismus, in scharfem Gegensatz zu Lenin und dann dem Sowjetkommunismus, zumeist allerdings in politisch nicht sehr wirkungsvollen Splittergruppen tätig.

« Lehrmeister-Bibliothek»

Den im bücherraum vorhandenen Heften der «Lichtstrahlen» liegen jeweils Prospekte der «Buchhandlung des Schweiz. Grütlivereins» an der Oberen Kirchgasse in Zürich bei. Angeboten werden wegen der «Kriegswirren» in einer «Ausnahmeofferte» ein paar Titel zu Schweizer Genossenschaften, und zwar als «Bücher, die in jeder Arbeiterbibliothek vorhanden sein müssen». Dazu ist als «Sonderangebot» eine Broschüre über die Bestattung von August Bebel in Zürich vom August 1913 neben einem dicken Band mit Humoresken von Wilhelm Busch, «für Freunde gesunden Humors», zu haben.

Kulturpolitisch besonders bemerkenswert ist in einer weiteren Ausgabe eine vierseitige Beilage des Leipziger Verlags Hachmeister und Thal zu dessen «Lehrmeister-Bibliothek». Das ist eine um 1900 gestartete «Sammlung praktischer Anleitungen für alle möglichen Bedürfnisse des täglichen Lebens». Rund 300 Titel sind in dieser Anzeige verzeichnet, bis Anfang der 1930er Jahre sollte die Reihe an die tausend Titel umfassen. 1915 kostete jedes Heft 30 Centimes, die Doppelnummer 55 Centimes. Titel in zehn Abteilungen wurden angeboten, von «Gartenbau, Blumenpflege» bis «Geistige Bildung». Als Hilfe zur Selbsthilfe scheint das anschlussfähig an die Genossenschafts- und Arbeiterbewegung gewesen zu sein. Zumeist sind die Bände ganz praktisch auf den Alltag hin angelegt, wobei das tägliche Leben doch weit gespannt wird, vom Beruf übers Wohnen bis zur Freizeit.

Beim Gartenbau etwa werden den Schädlingen des Apfel- bzw. Birnbaums ebenso wie des Steinobstes und des Beerenobstes je eine eigene Doppelnummer gewidmet. Während «Der praktische Champignonzüchter» auf altbekannte Lebensmittel verweist, behandelt das «Tomatenbüchlein» ein Speisegewächs, das sich in Deutschland erst Ende des 19. Jahrhunderts als Nahrungsmittel in weiteren Kreisen verbreitete. Bei Sport und Spiel sind neben Fussball und Schwimmen auch dem Tennis und dem Skilaufen einzelne Bändchen gewidmet.

Themen wie Ansätze sind mehrheitlich landwirtschaftlich und handwerklich geprägt. Zugleich geht es jedoch um die Erschliessung moderner technischer Erkenntnisse, sei es in einem Band übers Mikroskop, über die «Selbstanfertigung eines Elektromotors», ja sogar über die «Wasserversorgung mit Stahlwindturbinen». Parallel dazu werden Einführungen in die Buchführung angeboten, für die Landwirtschaft ebenso wie für die Geflügelzucht oder für «kleine Wirtschaftsbetriebe und für den Privatmann»; gelehrt werden kann aber auch die «rationelle Fütterung der Kleinhaustiere».

Noch stärker Einzug hält die Moderne unter dem Stichwort «geistige Bildung». So gibt es einen Ratgeber sowohl für männliche wie für weibliche Stellensuchende, aber auch über «Moderne Gartenentwürfe» und «Neuzeitliche Mietwohnungseinrichtungen»; das «Praktische Lehrbuch der Hypnose und Suggestion» mag sowohl an geheimnisumwitterte altertümliche wie moderne Techniken der Einflussnahme anschliessen

Sozial richtet sich das eher an die aufstrebenden Arbeiter- und Mittelschicht, mit einzelnen Ausreissern nach oben: Die «Chauffeurschule» ist nicht nur für den Berufs- sondern auch für den «Herrenfahrer» gedacht, und gelernt werden kann zudem die «Erziehung und Dressur des Luxushundes».

Das ist alles von apartem historischem Interesse. Einer dieser Lehrmeister hat freilich bis heute überlebt, oder besser eine Lehrmeisterin. 1912 veröffentlichte der Verlag als Nummer 187 eine Broschüre «Vegetarisches Kochen». Die ist vor ein paar Jahren, textlich unverändert, in einem neuen Verlag wieder aufgelegt worden ist. Die Autorin Irma Lindekam hatte für die «Lehrmeister-Bibliothek» zudem eine Broschüre «Ein Monat Arbeiterküche» verfasst. Die ist nun allerdings nur noch antiquarisch zu beziehen, und zwar in Lettland.


Im bücherraum f sind vorhanden

  • «Lichtstrahlen», Nummern 7/15 vom 4. April 1915, Nr. 8/15 vom 11. April 1915 und Nr. 9/15 vom 18. April 1915.
  • Stefan Heym: «Radek». Roman. München 1995.
  • Hans Manfred Bock: «Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923». Darmstadt 1993.
  • Drei Schriften von Anton Pannekoek, dazu eine Monografie von Cajo Brendel über Pannekoek, holländisch bereits 1970 erschienen, aber erst 2001 ins Deutsche übersetzt.
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Industriell hergestellte Träume

Bücherräumereien (XXIX): Andreas Bürgi zur Vergnügungsindustrie

Was Unterhaltungen und Vergnügungen betrifft, kann man ihm nichts vormachen. Was Luzern betrifft, auch nicht viel. Andreas Bürgi hat in drei weit reichenden Büchern die Tourismusindustrie in Luzern als Pionierleistung für die Schweiz beschrieben und analysiert. Im Vordergrund stehen langjährige Institutionen wie der Gletschergarten und ältere Medien wie das Panorama und das Relief. Aber was ein bisschen verstaubt tönen mag, ist in der Analyse der Wirkungsmechanismen von Medien und der Bearbeitung von Publikumserwartungen aktuell. Denn Bürgis Bücher sind nicht nur Beiträge zur Entwicklung der Vergnügungsindustrie, sondern zur Kulturgeschichte.

Unbegrenzter Blick auf die Urschweiz

Um 1785 war das «Relief der Urschweiz», das der Luzerner Franz Ludwig Pfyffer geschaffen hatte, eine europaweite Sensation. Rund 120 Erwähnungen in zeitgenössischen Reiseberichten hat Andreas Bürgi für seine umfassende Monografie aufgespürt. Das Relief liess die BesucherInnen ein 3500 Quadratkilometer umfassendes Gebiet in einem 26 Quadratmeter grossen dreidimensionalen Modell aus der Vogelperspektive überblicken. Damit trug das Relief nicht nur zur Eroberung der unzugänglichen Alpen bei, sondern auch zur Demokratisierung des Sehens gegen jede feudal-religiöse Begrenzung des Blicks und des Wissens.

Bürgis Buch aus dem Jahr 2007 ist weit mehr als eine Geschichte des Pfyffer-Reliefs, das seit bald 150 Jahren im Gletschergarten in Luzern steht. Es ist zusätzlich eine Biografie seines Schöpfers; und es gewährt erhellende Ausblicke in verschiedenste Richtungen. So werden konzise Materialien zur Geschichte des schweizerischen Soldwesens geliefert, und ebenso aufschlussreich sind die Erläuterungen zur Vermessungsgeschichte oder kulturgeschichtliche Einsichten zur Veränderung der Wahrnehmung; dazwischen finden sich immer wieder Vignetten, etwa zur Geschichte der Ballonfahrerei oder zur Gestalt des Gemsjägers bei der Herausbildung eines schweizerischen Nationalcharakters.

Pfyffer (1716-1802) war ein mittelmässiger Soldat, aber ein gewiefter Soldunternehmer und ein erzkonservativer Politiker, der in Luzern als Regierungsmitglied keinerlei Widerspruch gegen das Ancien Régime duldete und als dafür bezahlter Parteigänger Frankreichs vertrauliche Berichte über die Schweizer Innenpolitik an den französischen Hof lieferte. Die Grundlagen für sein Landschaftsmodell schuf er in dreissigjährigen bahnbrechenden trigonometrischen Messungen, um das Modell dann in ebenso dilettantischer wie bemerkenswerter Heimarbeit zu erschaffen. Schon vor dessen Fertigstellung wurde der 70-jährige konservative Politiker als Aufklärer und Patriot gefeiert. Denn im Relief der Urschweiz sah ein aufgeklärtes Publikum zugleich einen Hort der Freiheit. Wie Pfyffer selbst mit solchen Widersprüchen umging, bleibt ein Rätsel. Den Sturz der französischen Monarchie vermochte er jedenfalls nicht zu verschmerzen; seine letzten Lebensjahre verbrachte er vor allem damit, vom revolutionären und später vom bonapartistischen Frankreich für sich und seine Standesgenossen die einstigen Pensionen einzufordern.

Bürgis weit reichende Darstellung ist wissenschaftlich minutiös fundiert und gleichzeitig eingängig, ja elegant geschrieben. Er rehabilitiert die im 19. Jahrhundert abgewertete vermessungstechnische Leistung von Pfyffer, insbesondere dessen Höhenmessungen, und zeigt dessen Leistung als Alpenforscher. Zugleich dokumentiert er, wie die gesellschaftliche Bedeutung des Reliefs sich längst von seinem Schöpfer emanzipiert hatte, mit dem Epochenumbruch um 1800 aber ihrerseits in ein anderes, etwas matteres Licht geriet.

Das Buch ist wunderschön illustriert; insbesondere ein gutes Dutzend abgedruckte Aquarelle von Pfyffer, die dieser als Gedächtnisstütze für sein Relief malte, gewinnen zu der darin sichtbaren Kühnheit des Unterfangens und des Blicks in heutiger Perspektive neue ästhetische Qualitäten.

Pfahlbauer im Gletschergarten

Zehn Jahre später hat Andreas Bürgi eine weitere monografische Studie vorgelegt, über den Luzerner Gletschergarten. Der wurde 1873 eröffnet, nach der Entdeckung sogenannter Gletschertöpfe – topf- oder schachtartige Vertiefungen in Felsgestein, die durch Schmelzwasser von Gletschern entstanden. Die Familie Amrein erwarb das Areal gleich neben dem 1821 eingeweihten Löwendenkmal, baute um die Gletschertöpfe als Rück-Blick in die Eiszeit eine alpine Landschaft und machte sie als Privatunternehmen dem Publikum zugänglich. Die Anlage wurde mit wechselnden Attraktionen angereichert, darunter von Beginn an das angemietete Pfyffer-Relief, Alpenpfade, ein Tierkabinett und ein kleines Heimatmuseum sowie eine Galerie mit Blick aufs Löwendenkmal.

Was in die eigene Vergangenheit zurückführt. Besuche des Löwendenkmals und des Gletschergartens gehörten in den 1950er und 1960er Jahren zum unverbrüchlichen Besuchsprogramm von Schulausflügen.

Doch die Gletschertöpfe wollten mich damals nicht so wirklich beeindrucken. Der Weg zwischen konkreten Gesteinsformationen und der Abstraktion urzeitlicher Abläufe war mir zu weit. Handgreiflicher war da die damals aktuelle Beschäftigung mit den Pfahlbauern. Eine Ausstellung dazu hatte, von Beginn an, ihren Platz im Gletschergarten, als Einblick in die «Urbesiedelung» der Schweiz, dargeboten als menschliche Ergänzung zu den Zeugen der geologischen Urzeiten. Ja, die Pfahlbauer waren wirklich eine Faszination unserer Jugend, inklusive SJW-Heftli und selbst verfertigten Siedlungsbauten aus Streichhölzern. Bürgi zeigt die kulturgeschichtlichen Antriebe, Interessen und Konstellationen, die das ermöglicht hatten. Mittlerweile ist die Pfahlbauerkultur wissenschaftlich verworfen, im populären Bewusstsein vergessen. Wenn schon, dann wird in jüngerer Zeit über die Neandertaler und ihren Bezug zum Homo sapiens räsoniert: unbarmherzige Rivalität oder prekäre Koexistenz? Oder dann entzücken, selbstverständlich, die Dinosaurier. Solche kulturgeschichtlichen Veränderungen werden durch neue Massenmedien verstärkt. Pfahlbauer würden für Kinder nicht so herzig aussehen wie Dinos.

Das Löwendenkmal seinerseits war von Beginn an ambivalent. Der tödlich getroffene Löwe mochte Eindruck hinterlassen und vage Vorstellungen von Heldenmut und Aufopferung bis zum Einsatz des eigenen Lebens hervorrufen. Aber nur schon das geringste historische Hintergrundwissen machte die Frage unabweislich, was diese Heroisierung von Schweizer Söldnern repräsentieren sollte, die den französischen König bis zum Tode verteidigten? Wie in anderen Schweizer Schlachterzählungen und -gesängen lässt sich eine Todessehnsucht nicht übersehen.

So martialisch stand es um den Gletschergarten nicht. Nach kommerziell schwierigen Anfängen wurde er um die Jahrhundertwende ausgebaut. 1898 wurde ein Spiegellabyrinth erworben, der Alhambra in Granada nachempfunden, bis heute eine der Hauptattraktionen der Anlage. Es gab verschiedene Dioramen, auf zwei Seiten bemalte Panoramen, die abwechslungsweise beleuchtet wurden und so ansatzweise die Illusion einer Bewegung erzeugten, weshalb sie als Vorform des Kinos beziehungsweise des Werbefilms gelten dürfen, wenn sie die Schönheiten der Schweizer Alpen verkündeten.

Bürgi lässt auch den Frauen der Familie Amrein als Unternehmerinnen Gerechtigkeit widerfahren. Zehn Jahre lang florierte der Gletschergarten, dann begann ein langsamer Abstieg, mit dem Ersten Weltkrieg erfolgte ein totaler Einbruch der Touristen- und Besucherzahlen. Nach dem Weltkrieg setzten verschiedene Mitglieder der Geschäftsführung unterschiedliche Schwerpunkte; auf der einen Seite mit der Verstärkung der eiszeitlichen Artefakte und der Rekonstruktion der Urgeschichte der Alpen; auf dem anderen Extrem die Forcierung eines Heimatmuseums. 1930er Jahre und Kriegszeit bedeuteten kommerziell erneut schwierige Jahre. Doch nach dem Krieg wurde 1953 mit 130´000 eine Besuchszahl erreicht, die seither kaum je wieder übertroffen worden ist.

Doch dann geriet der Gletschergarten in der sich entwickelnden Konsumgesellschaft unter neuen Druck und musste gegen expandierende neue Museen antreten, in Luzern etwa gegen das 1959 eröffnete Verkehrshaus, das dem Gletschergarten als hauptsächlicher Besuchsattraktion sogleich den Rang ablief. In Konkurrenz zur Eventgesellschaft wurden periodisch neue Innovationen unternommen, zahlreiche Sonderausstellungen initiiert. Seit 2008 amtet Andreas Burri als Direktor. Angesichts der Technologisierung und Digitalisierung der Museumsszene setzt er auf eher traditionelle Werte. Die BesucherInnen «empfinden den Gletschergarten als etwas Authentisches, etwas Romantisches auch und als Ort mit vielen Entdeckungsmöglichkeiten». Entsprechend wird an einem Erlebnisweg gebaut, der in den Felsen gehauen werden soll, der über Gletschergarten und Löwendenkmal ragt – dessen Neueröffnung ist für Sommer 2021 geplant.

Maschinerie der Bilderfabrik in der Tourismusmeile

Im Buch «Bilderfabrik», das bereits 2016 erschienen ist, hat Andreas Bürgi diese verschiedenen Stränge seiner Interessen und Forschungen stärker zusammengeführt und systematisiert. Es geht ihm um die «Unterhaltungs- und Belehrungsstrategien und ihre Medien», wie sie in der Schweiz entwickelt und angewendet worden sind. Das wird zurückhaltend durch Walter Benjamins «Passagenwerk» angeleitet. Rekonstruiert werden Geschichte und Funktion der Luzerner «Tourismusmeile» von dem, was heute noch besteht: Löwendenkmal. Bourbaki-Panorama. Gletschergarten mit Pfyffer-Relief, Alpineum. Auch von dem, was verschwunden ist, etwa verschiedene Dioramen, ein Museum der Alpentiere oder ein von Henry Dunants Aktivitäten angestossenes Friedensmuseum. Geschildert werden ökonomische und technische Bedingungen ebenso wie die Personen, die sich da an neuartigen Mitteln versuchten. Allen diesen Unternehmen ist, bei ihrer unbestreitbaren kommerziellen Ausrichtung, doch immer auch ein didaktischer Anspruch der Belehrung eigen.

In einem systematischen Teil über die «Maschinerie der Bilderfabrik» stellt Bürgi verschiedene Exponenten und ihre thematischen Schwergewichte vor: Oswald Heer als Pionier der Forschung zur Urzeit, Ferdinand Keller als Propagandist der Pfahlbauer, Friedrich von Tschudi als Tierpräparator, Xaver Imfeld als unermüdlicher technischer Innovator. Das mündet in Überlegungen zur Technik, Medialität und Zeitlichkeit, zum Veralten und zum Konzept der modischen Innovation. In einem dritten Teil, «die Galerie der Bilderfabrik: die globalisierte Schweiz» werden zuerst die Aussenwahrnehmungen der Schweiz rekapituliert, die in der Schweiz selbst zur Rekonstruktion von «Villages suisses» als Pappmaché-Dörfer führen, die ihrerseits das Schweiz-Bild in die Welt tragen sollen. Wovon, so fragt Bürgi abschliessend, sind diese künstlichen Konstruktionen Ausdruck? Sie drücken nicht nur die Sehnsucht nach heiler Welt aus, antwortet er in einer überraschenden Volte, sondern stehen parallel und zuweilen in Gegensatz dazu für eine «Versöhnung»: «Die nach neuen Modellen finanzierten und auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Möglichkeiten basierenden Einrichtungen demonstrierten gerade die Versöhnung von Moderne und Herkommen und luden alle ein, sich davon zu überzeugen. Ihre Behauptung war, dass man sich unnötig Sorgen mache, wenn man sich vom Lärm der Industrialisierung, beschleunigtem Lebensrhythmus und dem Auf und Ab der Börsen verwirren lasse und glaube, sie liessen die vertrauten Werte erodieren.» Allerdings sei dies eine «Versöhnung mit beschränkter Haftung», da sie sich «auf die Sphäre des Konsums beschränkte».


Andreas Bürgi: Relief der Urschweiz. Entstehung und Bedeutung des Landschaftsmodells von Franz Ludwig Pfyffer. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2007, 232 Seiten, mit 105 Illustrationen.

Andreas Bürgi: Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz 1850 – 1914. Chronos Verlag, Zürich 2016. 212 Seiten, mit 68 Abbildungen.

Andreas Bürgi: Urwelten und Irrweg. Eine Geschichte des Luzerner Gletschergartens und der Gründerfamilie Amrein 1873 – 2018. Chronos Verlag, Zürich 2018, 212 Seiten, mit 93 Illustrationen.


Die Bücher sind jetzt, als Geschenk des Autors, im bücherraum f vorhanden, und zwar in der Abteilung DC.12, Schweizer Kulturgeschichte.

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