Industriell hergestellte Träume

Bücherräumereien (XXIX): Andreas Bürgi zur Vergnügungsindustrie

Was Unterhaltungen und Vergnügungen betrifft, kann man ihm nichts vormachen. Was Luzern betrifft, auch nicht viel. Andreas Bürgi hat in drei weit reichenden Büchern die Tourismusindustrie in Luzern als Pionierleistung für die Schweiz beschrieben und analysiert. Im Vordergrund stehen langjährige Institutionen wie der Gletschergarten und ältere Medien wie das Panorama und das Relief. Aber was ein bisschen verstaubt tönen mag, ist in der Analyse der Wirkungsmechanismen von Medien und der Bearbeitung von Publikumserwartungen aktuell. Denn Bürgis Bücher sind nicht nur Beiträge zur Entwicklung der Vergnügungsindustrie, sondern zur Kulturgeschichte.

Unbegrenzter Blick auf die Urschweiz

Um 1785 war das «Relief der Urschweiz», das der Luzerner Franz Ludwig Pfyffer geschaffen hatte, eine europaweite Sensation. Rund 120 Erwähnungen in zeitgenössischen Reiseberichten hat Andreas Bürgi für seine umfassende Monografie aufgespürt. Das Relief liess die BesucherInnen ein 3500 Quadratkilometer umfassendes Gebiet in einem 26 Quadratmeter grossen dreidimensionalen Modell aus der Vogelperspektive überblicken. Damit trug das Relief nicht nur zur Eroberung der unzugänglichen Alpen bei, sondern auch zur Demokratisierung des Sehens gegen jede feudal-religiöse Begrenzung des Blicks und des Wissens.

Bürgis Buch aus dem Jahr 2007 ist weit mehr als eine Geschichte des Pfyffer-Reliefs, das seit bald 150 Jahren im Gletschergarten in Luzern steht. Es ist zusätzlich eine Biografie seines Schöpfers; und es gewährt erhellende Ausblicke in verschiedenste Richtungen. So werden konzise Materialien zur Geschichte des schweizerischen Soldwesens geliefert, und ebenso aufschlussreich sind die Erläuterungen zur Vermessungsgeschichte oder kulturgeschichtliche Einsichten zur Veränderung der Wahrnehmung; dazwischen finden sich immer wieder Vignetten, etwa zur Geschichte der Ballonfahrerei oder zur Gestalt des Gemsjägers bei der Herausbildung eines schweizerischen Nationalcharakters.

Pfyffer (1716-1802) war ein mittelmässiger Soldat, aber ein gewiefter Soldunternehmer und ein erzkonservativer Politiker, der in Luzern als Regierungsmitglied keinerlei Widerspruch gegen das Ancien Régime duldete und als dafür bezahlter Parteigänger Frankreichs vertrauliche Berichte über die Schweizer Innenpolitik an den französischen Hof lieferte. Die Grundlagen für sein Landschaftsmodell schuf er in dreissigjährigen bahnbrechenden trigonometrischen Messungen, um das Modell dann in ebenso dilettantischer wie bemerkenswerter Heimarbeit zu erschaffen. Schon vor dessen Fertigstellung wurde der 70-jährige konservative Politiker als Aufklärer und Patriot gefeiert. Denn im Relief der Urschweiz sah ein aufgeklärtes Publikum zugleich einen Hort der Freiheit. Wie Pfyffer selbst mit solchen Widersprüchen umging, bleibt ein Rätsel. Den Sturz der französischen Monarchie vermochte er jedenfalls nicht zu verschmerzen; seine letzten Lebensjahre verbrachte er vor allem damit, vom revolutionären und später vom bonapartistischen Frankreich für sich und seine Standesgenossen die einstigen Pensionen einzufordern.

Bürgis weit reichende Darstellung ist wissenschaftlich minutiös fundiert und gleichzeitig eingängig, ja elegant geschrieben. Er rehabilitiert die im 19. Jahrhundert abgewertete vermessungstechnische Leistung von Pfyffer, insbesondere dessen Höhenmessungen, und zeigt dessen Leistung als Alpenforscher. Zugleich dokumentiert er, wie die gesellschaftliche Bedeutung des Reliefs sich längst von seinem Schöpfer emanzipiert hatte, mit dem Epochenumbruch um 1800 aber ihrerseits in ein anderes, etwas matteres Licht geriet.

Das Buch ist wunderschön illustriert; insbesondere ein gutes Dutzend abgedruckte Aquarelle von Pfyffer, die dieser als Gedächtnisstütze für sein Relief malte, gewinnen zu der darin sichtbaren Kühnheit des Unterfangens und des Blicks in heutiger Perspektive neue ästhetische Qualitäten.

Pfahlbauer im Gletschergarten

Zehn Jahre später hat Andreas Bürgi eine weitere monografische Studie vorgelegt, über den Luzerner Gletschergarten. Der wurde 1873 eröffnet, nach der Entdeckung sogenannter Gletschertöpfe – topf- oder schachtartige Vertiefungen in Felsgestein, die durch Schmelzwasser von Gletschern entstanden. Die Familie Amrein erwarb das Areal gleich neben dem 1821 eingeweihten Löwendenkmal, baute um die Gletschertöpfe als Rück-Blick in die Eiszeit eine alpine Landschaft und machte sie als Privatunternehmen dem Publikum zugänglich. Die Anlage wurde mit wechselnden Attraktionen angereichert, darunter von Beginn an das angemietete Pfyffer-Relief, Alpenpfade, ein Tierkabinett und ein kleines Heimatmuseum sowie eine Galerie mit Blick aufs Löwendenkmal.

Was in die eigene Vergangenheit zurückführt. Besuche des Löwendenkmals und des Gletschergartens gehörten in den 1950er und 1960er Jahren zum unverbrüchlichen Besuchsprogramm von Schulausflügen.

Doch die Gletschertöpfe wollten mich damals nicht so wirklich beeindrucken. Der Weg zwischen konkreten Gesteinsformationen und der Abstraktion urzeitlicher Abläufe war mir zu weit. Handgreiflicher war da die damals aktuelle Beschäftigung mit den Pfahlbauern. Eine Ausstellung dazu hatte, von Beginn an, ihren Platz im Gletschergarten, als Einblick in die «Urbesiedelung» der Schweiz, dargeboten als menschliche Ergänzung zu den Zeugen der geologischen Urzeiten. Ja, die Pfahlbauer waren wirklich eine Faszination unserer Jugend, inklusive SJW-Heftli und selbst verfertigten Siedlungsbauten aus Streichhölzern. Bürgi zeigt die kulturgeschichtlichen Antriebe, Interessen und Konstellationen, die das ermöglicht hatten. Mittlerweile ist die Pfahlbauerkultur wissenschaftlich verworfen, im populären Bewusstsein vergessen. Wenn schon, dann wird in jüngerer Zeit über die Neandertaler und ihren Bezug zum Homo sapiens räsoniert: unbarmherzige Rivalität oder prekäre Koexistenz? Oder dann entzücken, selbstverständlich, die Dinosaurier. Solche kulturgeschichtlichen Veränderungen werden durch neue Massenmedien verstärkt. Pfahlbauer würden für Kinder nicht so herzig aussehen wie Dinos.

Das Löwendenkmal seinerseits war von Beginn an ambivalent. Der tödlich getroffene Löwe mochte Eindruck hinterlassen und vage Vorstellungen von Heldenmut und Aufopferung bis zum Einsatz des eigenen Lebens hervorrufen. Aber nur schon das geringste historische Hintergrundwissen machte die Frage unabweislich, was diese Heroisierung von Schweizer Söldnern repräsentieren sollte, die den französischen König bis zum Tode verteidigten? Wie in anderen Schweizer Schlachterzählungen und -gesängen lässt sich eine Todessehnsucht nicht übersehen.

So martialisch stand es um den Gletschergarten nicht. Nach kommerziell schwierigen Anfängen wurde er um die Jahrhundertwende ausgebaut. 1898 wurde ein Spiegellabyrinth erworben, der Alhambra in Granada nachempfunden, bis heute eine der Hauptattraktionen der Anlage. Es gab verschiedene Dioramen, auf zwei Seiten bemalte Panoramen, die abwechslungsweise beleuchtet wurden und so ansatzweise die Illusion einer Bewegung erzeugten, weshalb sie als Vorform des Kinos beziehungsweise des Werbefilms gelten dürfen, wenn sie die Schönheiten der Schweizer Alpen verkündeten.

Bürgi lässt auch den Frauen der Familie Amrein als Unternehmerinnen Gerechtigkeit widerfahren. Zehn Jahre lang florierte der Gletschergarten, dann begann ein langsamer Abstieg, mit dem Ersten Weltkrieg erfolgte ein totaler Einbruch der Touristen- und Besucherzahlen. Nach dem Weltkrieg setzten verschiedene Mitglieder der Geschäftsführung unterschiedliche Schwerpunkte; auf der einen Seite mit der Verstärkung der eiszeitlichen Artefakte und der Rekonstruktion der Urgeschichte der Alpen; auf dem anderen Extrem die Forcierung eines Heimatmuseums. 1930er Jahre und Kriegszeit bedeuteten kommerziell erneut schwierige Jahre. Doch nach dem Krieg wurde 1953 mit 130´000 eine Besuchszahl erreicht, die seither kaum je wieder übertroffen worden ist.

Doch dann geriet der Gletschergarten in der sich entwickelnden Konsumgesellschaft unter neuen Druck und musste gegen expandierende neue Museen antreten, in Luzern etwa gegen das 1959 eröffnete Verkehrshaus, das dem Gletschergarten als hauptsächlicher Besuchsattraktion sogleich den Rang ablief. In Konkurrenz zur Eventgesellschaft wurden periodisch neue Innovationen unternommen, zahlreiche Sonderausstellungen initiiert. Seit 2008 amtet Andreas Burri als Direktor. Angesichts der Technologisierung und Digitalisierung der Museumsszene setzt er auf eher traditionelle Werte. Die BesucherInnen «empfinden den Gletschergarten als etwas Authentisches, etwas Romantisches auch und als Ort mit vielen Entdeckungsmöglichkeiten». Entsprechend wird an einem Erlebnisweg gebaut, der in den Felsen gehauen werden soll, der über Gletschergarten und Löwendenkmal ragt – dessen Neueröffnung ist für Sommer 2021 geplant.

Maschinerie der Bilderfabrik in der Tourismusmeile

Im Buch «Bilderfabrik», das bereits 2016 erschienen ist, hat Andreas Bürgi diese verschiedenen Stränge seiner Interessen und Forschungen stärker zusammengeführt und systematisiert. Es geht ihm um die «Unterhaltungs- und Belehrungsstrategien und ihre Medien», wie sie in der Schweiz entwickelt und angewendet worden sind. Das wird zurückhaltend durch Walter Benjamins «Passagenwerk» angeleitet. Rekonstruiert werden Geschichte und Funktion der Luzerner «Tourismusmeile» von dem, was heute noch besteht: Löwendenkmal. Bourbaki-Panorama. Gletschergarten mit Pfyffer-Relief, Alpineum. Auch von dem, was verschwunden ist, etwa verschiedene Dioramen, ein Museum der Alpentiere oder ein von Henry Dunants Aktivitäten angestossenes Friedensmuseum. Geschildert werden ökonomische und technische Bedingungen ebenso wie die Personen, die sich da an neuartigen Mitteln versuchten. Allen diesen Unternehmen ist, bei ihrer unbestreitbaren kommerziellen Ausrichtung, doch immer auch ein didaktischer Anspruch der Belehrung eigen.

In einem systematischen Teil über die «Maschinerie der Bilderfabrik» stellt Bürgi verschiedene Exponenten und ihre thematischen Schwergewichte vor: Oswald Heer als Pionier der Forschung zur Urzeit, Ferdinand Keller als Propagandist der Pfahlbauer, Friedrich von Tschudi als Tierpräparator, Xaver Imfeld als unermüdlicher technischer Innovator. Das mündet in Überlegungen zur Technik, Medialität und Zeitlichkeit, zum Veralten und zum Konzept der modischen Innovation. In einem dritten Teil, «die Galerie der Bilderfabrik: die globalisierte Schweiz» werden zuerst die Aussenwahrnehmungen der Schweiz rekapituliert, die in der Schweiz selbst zur Rekonstruktion von «Villages suisses» als Pappmaché-Dörfer führen, die ihrerseits das Schweiz-Bild in die Welt tragen sollen. Wovon, so fragt Bürgi abschliessend, sind diese künstlichen Konstruktionen Ausdruck? Sie drücken nicht nur die Sehnsucht nach heiler Welt aus, antwortet er in einer überraschenden Volte, sondern stehen parallel und zuweilen in Gegensatz dazu für eine «Versöhnung»: «Die nach neuen Modellen finanzierten und auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Möglichkeiten basierenden Einrichtungen demonstrierten gerade die Versöhnung von Moderne und Herkommen und luden alle ein, sich davon zu überzeugen. Ihre Behauptung war, dass man sich unnötig Sorgen mache, wenn man sich vom Lärm der Industrialisierung, beschleunigtem Lebensrhythmus und dem Auf und Ab der Börsen verwirren lasse und glaube, sie liessen die vertrauten Werte erodieren.» Allerdings sei dies eine «Versöhnung mit beschränkter Haftung», da sie sich «auf die Sphäre des Konsums beschränkte».


Andreas Bürgi: Relief der Urschweiz. Entstehung und Bedeutung des Landschaftsmodells von Franz Ludwig Pfyffer. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2007, 232 Seiten, mit 105 Illustrationen.

Andreas Bürgi: Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz 1850 – 1914. Chronos Verlag, Zürich 2016. 212 Seiten, mit 68 Abbildungen.

Andreas Bürgi: Urwelten und Irrweg. Eine Geschichte des Luzerner Gletschergartens und der Gründerfamilie Amrein 1873 – 2018. Chronos Verlag, Zürich 2018, 212 Seiten, mit 93 Illustrationen.


Die Bücher sind jetzt, als Geschenk des Autors, im bücherraum f vorhanden, und zwar in der Abteilung DC.12, Schweizer Kulturgeschichte.

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