Skizzen zum Völkerkongress

«So wahr die Sonne scheint und im Mai die Amsel pfeift, wird der Tag anbrechen, da Frieden auf der ganzen Welt herrschen wird», schreibt der Schweizer Schriftsteller Georges Haldas (1917–2010) im Jahre 1952. Solche hochgespannten Worte waren, nach dem Zweiten Weltkrieg, wohl mehr kämpferischer Ansporn als realistisch gedachte Prophezeiung. Eingeleitet hat er damit einen Bildband zum «Völkerkongress für den Frieden», der im Dezember 1952 in Wien stattfand. Enthalten sind im Band sechsunddreissig Skizzen oder Porträts des in Biel geborenen Malers und Zeichners Edouard Henriod (1898–1986). Neben ein paar Stücken zu Massenszenen am Kongress und in der Stadt handelt es sich zumeist um Einzelporträts von KongressteilnehmerInnen.

Der Völkerkongress für den Frieden 1952 war ein Höhepunkt der damaligen kommunistisch beeinflussten (dominierten? angeleiteten?) weltweiten Friedensbewegung. Man muss das historisch differenzieren. Viele unabhängige, engagierte Leute, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs nicht mehr wiederkehren sehen und den Slogan «nie mehr Krieg» aktualisieren wollten, gehörten zu dieser Friedensbewegung. Andererseits ist eine geplante und teilweise auch erfolgreiche Instrumentalisierung im Kalten Krieg durch die stalinistische Sowjetunion nicht zu leugnen.

Laut Statistik der Kongressleitung nahmen am Wiener Kongress insgesamt 1880 Personen teil, davon waren 1627 offizielle «Delegierte» nationaler Friedenskomitees. Rund zwei Drittel der TeilnehmerInnen stammten aus Europa, aber doch immerhin 203 kamen aus Afrika und 293 aus den beiden Amerika; dazu 150 asiatische VertreterInnen, wo am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China ausgerufen worden war und 1950 der Koreakrieg begonnen hatte. Fein säuberlich nach Berufen aufgegliedert sind die TeilnehmerInnen auch, von 320 Arbeitern und 55 Bauern über 189 Schriftsteller, 65 Geistliche und 8 Sportler bis zu 45 höherrangigen «Staatsmännern»; und insgesamt waren 442 Frauen anwesend, also knapp ein Viertel.

Von der Schweiz nach Tunesien

Henriods Zeichnungen sind hübsche Vignetten, klar im Umriss, atmosphärisch leicht verschattet. Interessant sind sie durch die ausgewählten Personen. Natürlich, er gibt einige führende Vertreter des 1950 gegründeten Weltfriedensrats wieder, den französischen Chemie-Nobelpreisträger Fréderic Joliot-Curie oder den sowjetischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg sowie Hewlett Johnson, der «rote Dekan von Canterbury». Aber daneben finden sich auch Unbekanntere und Namenlose.

Von den fünfzehn TeilnehmerInnen aus der Schweiz präsentiert Henriod vier, mit durchaus unterschiedlichen beruflichen und politischen Hintergründen. Da ist zum Beispiel André Bonnard (1888–1959). Der Präsident der schweizerischen Bewegung für den Frieden war ein eminenter Gräzist, Professor in Lausanne. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs war er zum Pazifisten geworden; der Erfolg der Roten Armee gegen Nazideutschland schien ihm in der Sowjetunion den Aufbau einer neuen humanistischen Gesellschaft möglich zu machen. 1950 liess er sich ins Leitungskomitee des Weltfriedensrats wählen. Im sich verschärfenden Kalten Krieg hatte das für ihn ungeahnte Folgen. Als er sich im Juni 1952 zu einer Sitzung des Komitees nach Berlin begeben wollte, wurde er von der schweizerischen Bundespolizei verhaftet und des Landesverrats zugunsten der Sowjetunion angeklagt. Tatsächlich hatte Bonnard für den Weltfriedensrat einen Bericht über die Position des IKRK bezüglich der damals heftig diskutierten bakteriologischen Kriegsführung verfasst. Das mochte politisch strittig sein, aber der Bericht war aus öffentlichen Quellen zusammengestellt worden – wie in anderen Fällen wurde daraus der Vorwurf des Landesverrats gestrickt. Tatsächlich wurde Bonnard 1954 in Nebenpunkten schuldig befunden, doch mit fünfzehn Tagen Gefängnis auf Bewährung eher symbolisch bestraft. Allerdings verweigerte ihm die Universität Lausanne nach seiner Pensionierung die ihm von Amtes wegen zustehende Ehrenprofessur. Inzwischen ist die Rolle der Uni bei diesem und zwei anderen Bonnard betreffenden politischen Zensurfällen aufgearbeitet worden und wird in einem längeren Artikel auf der Website der Universität Lausanne dokumentiert. Auch Thomas Buomberger erwähnt den Fall Bonnard in seiner 2017 erschienenen Darstellung zur Schweiz im Kalten Krieg ebenso wie die vielfältigen Schikanen, die Frédéric Joliot-Curie in der Schweiz erlebte.

Gezeichnet hat Heriod auch den Journalisten und Publizisten René Bovard (1900–1983). Nach dem Aktivdienst als Oberleutnant, wurde er nach dem Krieg 1947 wegen Kriegsdienstverweigerung verurteilt und setzte sich bis in die siebziger Jahre für einen Zivildienst ein. Daneben findet sich Armand Magnin (1920–2011), langjähriger Gewerkschafts- und PdA-Funktionär. Dagegen hat es die Delegierte der Schweizerischen Frauenvereinigung für Frieden und Fortschritt nur zur «Frau Rudin» geschafft, die ohne Archivsuche vor Ort auch an dieser Stelle ihren Vornamen nicht bekommt.

Aus dem Kulturbereich skizziert Henriod neben Ehrenburg noch den französischen Maler Fernand Léger und den Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Weitaus spannender ist freilich, wen er aus der Dritten Welt ins Bild gerückt hat. Manche dieser ExponentInnen tragen keinen Namen, etwa ein «Scheich aus Syrien» oder ein «Delegierter aus Burma in Tracht». Immerhin, die in der Bildlegende namenlose «junge Mongolin» hat ihr Porträt signiert, wobei ihre chinesischen Schriftzeichen offensichtlich von westlichen Augen nicht entziffert werden konnten.

Von China bis in die Karibik

Andere Dargestellte sind durchaus prominent und führen in die Geschichte der globalen kommunistischen Bewegung. Aus China ist zum Beispiel Kuo Mo-jo / Guo Moruo (1892–1978) herbeigeeilt, ein führender Historiker und Poet, der sich in den zwanziger Jahren der kommunistischen Sache verschrieb und später alle Wendungen und Windungen der kommunistischen Herrschaft mitmachte. Nachdem er sich 1937 der Roten Armee angeschlossen hatte, bekleidete er nach der Revolution als Lobredner von Mao wichtige Ämter, geriet aber während der Kulturrevolution 1966 durch seine «bourgeoise» Bildung unter Verdacht und rettete sich durch unterwürfige Elogen auf die «Viererbande». Nach deren Sturz wurde er angesichts seiner lang anhaltenden Verehrung von Mao wieder in Gnade und Würden aufgenommen. Da er sich selbst einmal mit Goethe verglich, korrigierte ihn ein offizieller Schriftleiter, er sei nicht nur der «chinesische Goethe, sondern der Goethe für die neue sozialistische Aera in China».

Aus dem aufbrechenden Asien findet sich auch Xuan Thuy (1912–1985), eineinhalb Jahre später Vertreter der nordvietnamesischen Delegation bei der Indochinakonferenz in Genf, in den sechziger Jahren kurzfristig Aussenminister der nordvietnamesischen Regierung, dann Parteisekretär und ab 1968 bis zum Friedensschluss 1973 Chefunterhändler bei der Pariser Vietnamkonferenz.

Die Karibik ist durch den Lyriker Pedro Mir (1913–2000) aus Santo Domingo vertreten, der während der Diktatur Trujillo 1947 bis 1963 im Exil in Kuba lebte. Zwei grosse Gedichte zur Geschichte seiner Insel verbinden sich mit ihm, die von seinen nachgeborenen Bewunderern immer wieder ins Feld geführt werden, um ihn in eine Reihe mit führenden Lyrikern der Karibik zu rücken.

Zu Othman Ben Aleya aus Tunesien gestaltet sich eine Internetrecherche schwieriger. Offenbar, so lässt sich einer beiläufigen Bemerkung in einer französischen Studie entnehmen, gehörte er im November 1940 zu den FührerInnen der Pariser StudentInnen, die als «Bataillone der Jugend» von links her gegen die deutsche Besatzung mobilisierten. Dabei diente diese Bewegung in einer späteren Debatte um die Beteiligung der Kommunistischen Partei Frankreichs am Kampf gegen die Nazis als Argument gegen den Vorwurf, die KPF habe sich diesem Kampf erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion angeschlossen und zuvor in Akzeptanz des infamen Hitler-Stalin-Pakts eine «neutrale» Haltung eingenommen. Wegen seiner Rolle in der Studentenbewegung wird Othman Ben Aleya auch kurz in einem Beitrag von Gerhard Höpf, «Der verdrängte Diskurs. Arabische Opfer des Nationalsozialismus», in einem Sammelband von 2004 erwähnt. Ansonsten fördert das Internet Informationsfetzelchen zutage: 1960 unterstützte Ben Aleya die Gründung der Zeitschrift «Hebdomadaire panafrican», und später sass er offenbar für kurze Zeit als Vertreter einer Basisorganisation im nationalen Parlament.

Max Salazar, Mitglied des ZKs der Anfang der fünfziger Jahre minuskülen KP Guatemala, lässt sich gar nur als Stellvertreter von Parteiführer Victor Manuel Gutiérrez aufspüren.

Fortschreiten und Weiterfahren

Einen der Starredner am Wiener Kongress hat Edouard Henriod verpasst: Jean-Paul Sartre, damals der grosse westliche maître à penser. Ein anderer Star verpasste die Teilnahme am Kongress: Bertolt Brecht richtete den Organisatoren kurzfristig aus, er sei leider wegen Krankheit verhindert. Für ihn trug Helene Weigel eine kurze «Rede für den Frieden» vor, die in typischer Brecht-Manier scharfsinnig Denkhaltungen analysiert, ohne sich auf allzu viele Details einzulassen und noch heute im Rahmen verschiedener Friedensaktivitäten gerne zitiert wird. Im Übrigen hat auch Frida Kahlo ein Gemälde zum Friedenskongress gemalt.

Die Ausrichtung und Wirkung des Völkerkongresses wie der gesamten damaligen Friedensbewegung mögen umstritten sein, aber diese demonstrierte immerhin die internationale Reichweite einer im weitesten Sinne kapitalismuskritischen Bewegung, die wohl erst wieder mit den Weltsozialforen ab 2001 erreicht wurde.

Nebenbei sei erwähnt, dass Edouard Henriod offenbar aus jener Dynastie stammte, die einst das Henriod-Modell als erstes eigenständiges Schweizer Automobil gebaut hatte. Bereits 1886 stellte der Bieler Fritz Henriod einen dreirädrigen Dampfwagen und 1893 ein benzingetriebenes Automobil mit Ein- bzw. Zweizylindermotor und einer Leistung von 4 bis 10 PS her. 1896 gründete er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Charles-Edouard Henriod in Biel «Henriod Frères» zur Produktion von Automobilen mit dem Markennamen Henriod – die erste Schweizer Autofabrik. Mit einem alkoholbetriebenen Prototyp fuhr Charles-Edouard Henriod 1897 nach Paris, von Publikum und Presse gefeiert und sogar vom französischen Präsidenten empfangen. Doch bereits 1898 endete die Produktion, weil sich die Frères zerstritten hatten. Charles-Edouard Henriod wechselte nach Neuilly-sur-Seine und gründete dort Henriod et Cie, die bis 1908 verschiedenste Modelle produzierte. Fritz Henriod seinerseits startete 1903 in Boudry die Société Neuchâteloise d’Automobile, die bis 1913 existierte.

Mit einem Kalauer, der der Sache wohl nicht angemessen ist, liesse sich schliessen, dass das Auto zweifellos den grösseren Siegeszug als die Friedensbewegung durchfahren hat.


Congrès des peuples pour la paix, Vienne 1952                                Trente-six portraits par Edouard Henriod                                           Edité par le secrétariat du mouvement suisse pour la paix

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