Farbige Linien und schwarz-weisse Bruchstellen

Statistiken lügen zumeist; gelegentlich aber können sie auch die Ansprüche benachteiligter Minderheiten legitimieren. 1900 entstand ein soziologischer Atlas zur Situation der «Negros» in den USA, der auch frappierende und avantgardistische Infografiken schuf.

Von Stefan Howald

Manche sehen wie konstruktivistische Gemälde aus den heroischen Anfängen der Sowjetunion und den 1920er Jahren aus. Dabei sind es visualisierte Statistiken von 1900. Präsentiert wurden sie an der Weltausstellung in Paris, in der «American Negro Exhibit» innerhalb des US-Pavillons. Die war damals eine Sensation. Konzipiert worden war sie durch W.E.B. Du Bois (1868–1963). Der führende schwarze Intellektuelle seiner Zeit, Soziologiedozent in Atlanta, wollte den USA und der Welt demonstrieren, zu welchen Leistungen die «Negroes» fähig seien, wie weit sie es in der weissen Mehrheitsgesellschaft schon gebracht hatten, welche Hindernisse ihnen aber immer noch in den Weg gelegt wurden. Als Motto stellte er seiner «soziologischen Studie» deshalb den unmissverständlichen Satz voran: «The Problem of the 20th Century is the Problem of the Color-Line», also die rassistische Segregation.

Entstanden sind dabei originelle und eigentümliche Diagramme. Das gilt bereits für eine einfache, grundlegende Statistik, die das quantitative Verhältnis von SklavInnen und befreiten Schwarzen von 1790 bis 1870 zeigt. Eine herkömmliche Darstellung hätte die – formale – Sklavenbefreiung nach dem Bürgerkrieg wohl triumphalistisch in den Himmel ragen lassen. Du Bois und sein Team stellen sie umgekehrt dar. Auch hier wird die Anzahl der ab 1868 freien Schwarzen in grün abgebildet, vielleicht als Hoffnung. Doch diese Befreiung ragt vorerst nur als dünne Spitze in die Gegenwart, während der dominierende mächtige schwarze Block das weiterhin lastende Erbe der Sklavenhaltung nicht vergessen lässt.

Andere Diagramme sind visuell geradezu berückend. Eines bildet das Verhältnis von ruraler und urbaner schwarzer Bevölkerung ab (und schwarz ist hier klein geschrieben, weil schwarz damals umstandslos mit der Hautfarbe identifiziert wurde). Es zeigt eine Art gespannter Feder, aus einem Uhrwerk zum Beispiel. In einem Balkendiagramm wäre der Balken für die Landbevölkerung sechsmal länger als derjenige für die urbane Bevölkerung. Die von Du Bois präsentierte Grafik sagt nicht auf den ersten Blick, dass sechsmal so viele Schwarze auf dem Land wie in der Stadt leben. Sie mag zahlenmässig nicht so genau wirken (obwohl die unterschiedlichen Längen der Linien ebenso genau ausgemessen sind wie die Balken einer herkömmlichen Grafik), aber sie überwältigt visuell und emotional stärker als jedes brave Balkengerüst. Beim zweiten Blick mag sie auch an einen Galgen erinnern, an Lynchjustiz, die or allem in ländlichen Gegenden ausgeübt wurde.

Natürlich war diese «American Negro Exhibit» für den Pavillon der USA ursprünglich nicht vorgesehen – die juristische Sklavenemanzipation lag erst ein paar Jahrzehnte zurück und die sozial-ideologische liess auf sich warten. Aber ein Bibliothekar an der Library of Congress und ein Zeitungsredaktor überzeugten Booker T. Washington (1856–1915), den anderen führenden schwarzen Intellektuellen, von der Idee, und dieser appellierte, bei damals kürzeren Entscheidungswegen, direkt an US-Präsident William McKinley; vier Monate vor Beginn der Pariser Weltausstellung beschloss der US-Kongress einen Pauschalbetrag von 15´000 Dollars für eine Ausstellung «über den Fortschritt der schwarzen Rasse in den USA bezüglich Bildung und Beschäftigungslage». W.E.B. Du Bois übernahm die Gesamtleitung. Zusammen mit Studenten der Atlanta University in Georgia sammelte er Informationen zum Zustand der «schwarzen Rasse». Der US-Zensus hatte 1870 damit begonnen, Schwarze zu erfassen, vorher gehörten sie zum beweglichen Vermögen. Georgia samt Atlanta University wies damals die grösste schwarze Bevölkerung in den USA auf; so konzentrierten sich die Diagramme auf diesen Bundesstaat.

Hergestellt wurden sie mit einfachsten Mitteln; die getippten Anschriften mussten teilweise von Hand ergänzt werden, da zum Beispiel kein typografisch passendes Prozentzeichen vorlag. Einige der Infografiken kommen auf den ersten Blick durchaus spielerisch daher, etwa eine Karte zum Landbesitz von Schwarzen, nach kleineren Bezirken in Georgia gegliedert. Mangels Vergleichsdaten etwa mit dem Landbesitz von Weissen oder der soziografischen Gliederung des Bundesstaats lässt sie sich nur schwer lesen, bildet aber immerhin den bunten Flickenteppich des Besitzes ästhetisch ansprechend ab.

Zusätzliche Bedeutung erhält sie allerdings durch eine weitere Grafik. Die fasst den Wert des Landbesitzes von Schwarzen im Lauf der vergangenen dreissig Jahre zusammen. Da wird dessen Zuwachs sofort sinnfällig, durch konzentrisch angeordnete Kreise, die sukzessive grösser werden. Die Platzierung der Zahlen in Pfeilen von den zeitlich definierten Kreisen her verleiht dem Ganzen eine ungeahnte Raffinesse und Schönheit.

Die ganze Ausstellung war durchaus integrationistisch gedacht. W.E.B. Du Bois setzte seine Hoffnungen zu diesem Zeitpunkt auf die sich herausbildende schwarze Mittelklasse, die den Vorsprung des weissen Mittelstands aufholen und den ihr gebührenden Platz in der Gesellschaft einnehmen sollte. Die Präsentation in Paris war in diesem Sinne zugleich ein Mittel zur Selbstermächtigung: Du Bois verstand sie «als eine ehrliche, schnörkellose Darstellung einer kleinen Nation von Menschen, die ihr Leben und ihre Entwicklung dokumentiert, ohne sich zu rechtfertigen oder sie zu beschönigen, und vor allem von diesen Menschen selbst gemacht worden ist». Dass die Schwarzen zur amerikanischen Gesellschaft gehörten, stand ausser Frage, zugleich betonte er allerdings die Existenz einer eigenständigen «black nation» innerhalb der USA.

In einigen Darstellungen wurde die Zahl der «Negros» in den USA deshalb explizit mit der Bevölkerungszahl in anderen Ländern in Beziehung gesetzt. So wurde augenfällig, dass die «black nation» in den USA teilweise mehr Menschen umfasste als Staaten wie Belgien oder die Niederlande, Schweden oder Australien – als Vergleich taucht im Übrigen hier auch die Schweiz auf. Zudem wurden bestimmte soziale Zustände im Bundesstaat Georgia mit denen in Ländern wie Frankreich und Deutschland verglichen. Das unterstrich den Anspruch, dass die schwarze Bevölkerung zum Beispiel bezüglich Bildung grosse Fortschritte gemacht hatte und in dieser Hinsicht den Vergleich mit anderen, weissen, Bevölkerungen nicht zu scheuen brauchte; ja, eine Grafik zeigt, dass der Analphabetismus bei den Schwarzen in den USA tiefer lag als in Russland oder Serbien.

Einzelne Diagramme ziehen auch Vergleiche mit der weissen Bevölkerung: In einer formal wiederum bemerkenswerten Grafik bezüglich der Beschäftigungssituation in den USA wird deutlich, dass Schwarze überproportional in der Landwirtschaft und in Dienstleistungsbereichen arbeiten, während sie in höher qualifizierten Berufen deutlich untervertreten sind. In einer spezifischeren Grafik aus dem eher ländlichen Georgia lässt sich angesichts der in beiden Gruppen ähnlichen Aufteilung in Hand- und Kopfarbeit allerdings erahnen, dass nicht nur die Angehörigkeit zu einer «Rasse», sondern auch zu einer Klasse eine Rolle spielen mochte.

Vorgeführt wurden diese grafischen Karten an der Pariser Weltausstellung in einem als Bibliothek konzipierten Raum, in dem auch zahlreiche Fotografien hingen, teilweise Porträts berühmter Einzelpersonen, teilweise Gruppenbilder von bemerkenswerter Aussage- und Symbolkraft. Sie zeigten etwa junge schwarze Frauen selbstbewusst auf den Stufen einer Universität, oder ZahnarztstudentInnen bei der Arbeit. Dazu kam eine «Library of Colored Authors». Rund 200 Titel waren dafür gesammelt worden, was etwa in der New York Times mit etlichem Erstaunen zur Kenntnis genommen wurde.

Die Weltausstellung wurde von mindestens vierzig Millionen Menschen besucht; die «American Negro Exhibit» erregte einiges Aufsehen, wurde mehrfach ausgezeichnet und später in verschiedenen Städten der USA vorgeführt. Mit ihren Infografiken war die Präsentation ihrer Zeit durchaus voraus, ebenso in ihrer Betonung der Color Line, der rassistischen Segregation, als zentrale Bruchstelle des 20. Jahrhunderts. Den integrationistischen Ansatz aber beurteilte Du Bois später sehr skeptisch; er näherte sich der sozialistischen Bewegung an, bemühte sich um eine weltweite panafrikanische Verknüpfung und siedelte im hohen Alter aus den USA nach Ghana über.

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