Die Lebensnotwendigkeit von Theorie-Arbeit

bücherräumereien (XXXVII)

Daraus ist der bücherraum ja auch entstanden, aus Widerspruch-Bibliothek und Widerspruch-Archiv. In der Politisch-Philosophischen Bibliothek im bücherraum f sind die Bücher und Materialien vorhanden, die der Redaktionsarbeit zudienten. Hier ein kurzer subjektiver Rückblick auf vierzig Jahre Widerspruch.

Fünfundsiebzig Archivschachteln stehen im bücherraum f. Gefüllt mit Zeitungsausschnitten, Broschüren, Notizen. Es sind Grundlagen für die Arbeit an rund sechzig Widerspruch-Nummern. So hat Pierre Franzen gearbeitet. Als Widerspruch-Redaktor war er ein unersättlicher Leser und Sammler. Kaum eine deutschsprachige Zeitung, kein Theorieorgan war vor ihm sicher. Alles wurde ausgewertet, angezeichnet, aufbewahrt. Das Material diente der Entscheidung fürs nächste Schwerpunktthema des Widerspruch, aber auch der konkreten Textarbeit. Die ist schon beinahe legendär. Wenn ein Manuskript eintraf, wusste Pierre bald, wo Schwachstellen lagen, Ergänzungen nötig waren, gab hier noch einen Literaturhinweis, eine Anregung, mahnte da eine präzisere Wortwahl an und legte gleich einen hilfreichen Zeitungsausschnitt bei. Das war herausfordernd und anspruchsvoll, zuweilen anstrengend, doch immer lohnend.

Genug der Personalisierung, würde Pierre sagen, der Widerspruch habe schliesslich im Kollektiv gearbeitet. Das stimmt und ist doch nur die halbe Wahrheit. Es stimmt, da die Redaktion in der ersten Phase aus rund zehn Personen bestand, um die sich anfänglich sogar Arbeitsgruppen anordneten. Aber in diesem Kreis gab es wiederum einen inneren Kreis von drei bis vier Leuten, welche die Produktion der Hefte bis hin zum Druck garantierten. Bis 1991 schliesse ich mich in diesen engeren Kreis ein. Ab 1991 wurde der Widerspruch – und man tut niemandem Unrecht, wenn man das feststellt – zweieinhalb Jahrzehnte lang von drei Personen getragen, Pierre Franzen, Urs Sekinger und Walter Schöni.

Auf die Nummer 62 im Jahr 2012 gab es einen Einschnitt: Pierre Franzen trat aus gesundheitlichen Gründen aus der Redaktion zurück. In einer Würdigung schilderten Urs Sekinger und Walter Schöni dessen unschätzbaren Beitrag zum Widerspruch und schlossen: «Mit dem Weggang von Pierre verlieren wir in der Redaktion einen Weggenossen und Kollegen, der für politische Urteilskraft, Kontinuität und stets neue Herausforderungen stand.» (62/12, 10)

Mit diesem Heft gab der Widerspruch auch den Selbstvertrieb auf. Seither erscheint er im Rotpunktverlag, zugleich in einem überarbeiteten Layout. Nach dem Austritt der langjährigen Redaktoren Walter Schöni 2017 und Urs Sekinger 2018 wird er von einem neuen Kollektiv geführt. Kein Wunder, beschäftigten sich jüngste Hefte mit dem Frauen*streik und der Jugend: neue Gesichter und seit Heft 74 nochmals ein neues Gesicht für die Zeitschrift.

Erweiterungen

Die Anfänge des Widerspruch sind von Urs Sekinger im vorangegangenen Widerspruch-Heft 76 geschildert worden. Er hat die drei Gruppen bzw. Tendenzen gezeigt, die sich 1981 zum Projekt vereinigten. Nach dem stark durch interne Diskussionen in der Partei der Arbeit (PdA) geprägten Auftaktheft dokumentierte Heft 2 einen breiteren Ansatz, versuchte der Widerspruch, seinen Anspruch als «Diskussionsforum» für die Schweizer Linke zu erfüllen. Die folgenden Hefte wiesen noch zwei Themenschwerpunkte auf, worin sich ein Nachholbedarf an Analysen drängender Fragen ausdrückte. Dabei zeigten sich zwei Schwerpunktsetzungen innerhalb der Redaktion: diejenigen, die eher auf «harte» politische Themen setzten, und diejenigen, die Analysen «weicher» Themen in den ideologischen Apparaten forcieren wollten. Die Nummer 6 verband dann Politik und Kultur unter dem Titel «Kulturzerstörung & Widerstandskultur». Im Editorial wurde allerdings von einem «Krisenheft» (6/83, 3) gesprochen. Man sei innerhalb der Redaktion an Grenzen der Arbeitsbelastung gestossen, und man müsse sich von der «Illusion» verabschieden, kurzfristig den Diskussionszusammenhang der Linken erweitern zu können.

             

Die Krise schuf zugleich neue Klarheit. Sie erlaubte eine redaktionelle wie inhaltliche Erweiterung des Projekts. Jetzt entstand das im Wesentlichen bis heute beibehaltene Konzept: Zwei Nummern im Jahr, ein einziger Themenschwerpunkt, dazu die Rubriken Diskussion und Rezensionen. Und es wurde das so genannte Aufrisspapier eingeführt, zwei bis vier Seiten, auf denen mögliche, bevorzugte Themen für die nächsten Nummern skizziert sowie erste Stichworte und Literaturhinweise vorgegeben wurden. Das Aufrisspapier diente zuerst einmal der Selbstqualifizierung und Selbstvergewisserung der Redaktion, ging dann an alle potenziellen Autorinnen und Autoren, um sie zur Mitarbeit zu animieren.

Mit Nummer 12/86 traten Urs Sekinger und Jakob Tanner, mit Nummer 14/87 Walter Schöni der Redaktion bei. Der Widerspruch blieb ein Kollektiv doch bildeten sich Arbeitsteilungen heraus: Die einen konzentrierten sich auf die redaktionelle Arbeit, andere verstanden sich eher als Schreiber, und dann gab es noch die produktionstechnische sowie die administrative Arbeit. Die Technik hatte, vor der durchgreifenden Digitalisierung, ihre eigenen Herausforderungen und Reize. Ich erinnere mich an die frühen Zeiten, als wir jeweils auf der Sihlpost Manuskripte auf den allerletzten Zug aufgaben und ich unsere Setzerin, Helga Ruckstuhl im Tessin, und später Fritz Witschi in Basel beschwichtigen musste, weil wieder mal – aber, versprochen, zum allerletzten Mal – ein Artikel nach Redaktionsschluss gesetzt werden sollte. Die Kehrseite war ein, nun, nicht gerade lesefreundliches Layout, sowie die, nun, nicht gerade erstklassige Druck- und Bindequalität der ersten Hefte.

Die Erweiterung der Redaktion ermöglichte zwei Sonderbände, 1987 zum sogenannten Friedensabkommen als «Realität eines Mythos», 1989 zu «Schuldenkrieg und CH-Finanzplatz». Diese Sonderbände trugen dazu bei, dass sich der Widerspruch weiter etablierte. Es ging nicht mehr nur, wie zuweilen etwas boshaft angemerkt worden war, um abgehobene Insiderdebatten, sondern hier wurden praktikable, brauchbare Materialien für eine breite linke Bewegung und deren Diskussionen zur Verfügung gestellt.

Jedes Projekt und Produkt kennt seine Zyklen. Auch im Widerspruch gab es Rücktritte und Neueintritte. Ich nenne, unvollständig und ungerecht, einige Namen: Gründungsmitglied Franz Cahannes schied mit der Nummer 16/88 aus, die langjährigen Redaktionsmitglieder Urs Hänsenberger nach der Nummer 14/ 87, Martin Bondeli und Peter Farago nach Nummer 22/91, Reto Tognina nach Heft 28/94.

Ein Arbeitsmodell

Das Produktions- wie das Geschäftsmodell des Widerspruch beruhten auf viel Gratisarbeit. Das galt in erster Linie für die Redaktion, aber auch für die Mitarbeitenden. Der Widerspruch verfügte bald über einen Kreis von AutorInnen, die bereit waren, ohne Entgelt für ihn zu schreiben. Dazu gehörten bekannte links engagierte Intellektuelle wie Arnold Künzli, Manfred Züfle, Paul Parin oder Jean Ziegler, die periodisch für Beiträge gewonnen werden konnten. Zudem nenne ich hier, wiederum ungerecht, die Gewerkschafter Hans Schäppi und Hans Baumann, die Soziologen Ueli Mäder und Heinz Kleger, die Ökonomin Mascha Madörin, die Historiker Ruedi Graf und Jo Lang, der Ökologe Hans Steiger.

Ausgangspunkt und Zentrum der Analysen blieb die Schweiz, aber der Widerspruch war bald stark mit Deutschland verbunden und strahlte dorthin aus. Regelmässig vertretene deutsche Autoren waren etwa Elmar Altvater, Michael K. Krätke, Wieland Elfferding, Klaus Dörre, Alex Demirovic und Frieder Otto Wolf. Eine besondere Bedeutung kam André Gorz zu, von dem der Widerspruch ein halbes Dutzend Artikel druckte, zuweilen als Originalbeiträge.

Gelegentlich wurde am Widerspruch ein allzu enges Spektrum der Mitarbeitenden kritisiert, nicht weil deren Qualität bezweifelt wurde, sondern weil die Positionen ein wenig vorhersehbar seien. Das hing mit der Kontinuität der Themen zusammen, bei denen spezifisch qualifizierte TheoretikerInnen zur Verfügung standen. Wenn ein für den Widerspruch neues Feld bearbeitet wurde, etwa «Bildung, Schule, Arbeit» in Nummer 33 oder «Zeit» in Nummer 36, dann gelang es, neue sachkundige AutorInnen in die Zeitschrift zu holen. Das hat sich in den letzten Jahren verstärkt, auch mit jüngeren AutorInnen.

Einst hatte die Gestaltung der ersten Nummer heftige Debatten ausgelöst, die auch ihren skurrilen Charme hatten. Beim wichtigeren Untertitel einigten wir uns schliesslich auf «Beiträge zur sozialistischen Politik». Der wurde gelegentlich befragt, blieb dennoch zwei Jahrzehnte lang bestehen. Allmählich aber wurde nicht so sehr das sozialistische, sondern die eine, einzige sozialistische Politik in Zweifel gezogen. Gab es nicht längst verschiedene sozialistische Politiken? 2003, mit Nummer 44, einigte man sich als Kompromiss auf einen neuen, subtil offeneren Untertitel: «Beiträge zu sozialistischer Politik». Der wird seither, allen Verabschiedungen und Konjunkturen zum Trotz, weiterhin mitgetragen; er hat auch eine erneute Überholung des Layouts mit Nummer 74 im Frühling 2020 überstanden, steht jetzt bescheiden in kleinster Schrift unter dem gross prangenden Titel.

In der Medienszene

In Nummer 1 war der Anspruch formuliert worden, «ein theoretisch-politisches Diskussionsforum» zu werden, das zur Erweiterung der sozialistischen Öffentlichkeit in der Schweiz beitragen und dabei nach allen politischen Seiten hin offen sei. In einem Rückblick im Heft 62 von 2013 wurde das nochmals bestätigt: Der Widerspruch sei ein «unabhängiges Diskussionsforum für linke Debatten mit breitem Themenanspruch, intervenierendem Charakter und hohem Qualitätsanspruch» (62/13, 9).

Das Diskussionsforum und der intervenierende Charakter: Über die Erfüllung dieser Ansprüche gab es gelegentlich Debatten innerhalb der Redaktion. In meiner Vorstellung zum Beispiel sollten Diskussionen direkt hergestellt werden, durch kontradiktorische Beiträge im Widerspruch selbst oder durch Artikel, die unmittelbar auf Positionen in anderen Organen reagierten. Das glückte nur selten, war wohl zu einfach gedacht. Diskussionen wurden eher indirekt ausgetragen, thematische Beziehungen untergründig hergestellt (sagen wir: rhizomatisch). Die Widerspruch-Hefte bildeten allmählich ein Themengeflecht, das teilweise auf andere Debatten reagierte, teilweise von diesen aufgegriffen wurde. Vorabdrucke und Nachdrucke trugen dazu bei. Ebenso stand in Frage, ob der Widerspruch aktuelle Debatten im Nachklang zusammenfassen oder sie antizipieren konnte. Vielleicht lässt er sich als ein Seismograf bezeichnen, der die Ereignisse aufzeichnet und erste Schlüsse zieht, um so den künftigen Ereignissen womöglich doch einen Schritt voraus zu sein.

Zu Beginn wurde die Zeitschrift in den bürgerlichen Medien ignoriert, ja mehr noch, unterschlagen. Beispielsweise veröffentlichte das Basler Magazin 1984 einen Artikel des früh verstorbenen Rudolf M. Lüscher, der als unveröffentlicht angekündigt wurde – dabei war er 1982 schon im Widerspruch erschienen. Als die Zeitschrift sich mit einer Auflage von über 2000 Exemplaren und etlicher Resonanz in anderen linken Medien etablierte, wurde sie auch in bürgerlichen Medien als ernsthafte Theorieproduktion wahrgenommen und rezensiert. Spätestens mit der Nummer 21, als unter Stöhnen und Ächzen der Produktionsabteilung erstmals 200 Seiten überschritten wurden, entsprach ein Widerspruch-Heft einem Buch, das eigenständig rezensiert werden sollte. Jedenfalls vertrat Pierre Franzen diesen Anspruch gegenüber unwilligen RedaktorInnen, hartnäckig, unermüdlich; nicht unähnlich jenem anderen, früheren Propagandisten der gemeinsamen Sache, Theo Pinkus. Mit Erfolg: Gelegentlich wurden einzelne Hefte mit bis zu dreissig Rezensionen und Hinweisen gewürdigt.

Dabei bewährte sich die organisatorische und politische Unabhängigkeit der Redaktion und der Zeitschrift, während Parteiprodukte, so wie teilweise die sie tragenden Parteien, allmählich eingingen. Der Widerspruch hat drei Jahrzehnte lang eine Zeitschriftenschau linker Publikationen abgedruckt, und sie dokumentiert nachträglich die Veränderung der linken Medienlandschaft.

Bereits 1986 stellten die POCH ihr theoretisches Organ, die positionen, ein. Aus Kulturkreisen entstand ein Jahr später der Einspruch. Zeitschrift der Autoren, der gediegene Essays mit politischem Anspruch enthielt. Herausgegeben von Alexander J. Seiler und Bruno Schärer, stand der Einspruch «in Verbindung» mit einer illustren Schar, von Max Frisch, Arnold Künzli, Adolf Muschg, Harald Naegeli, Rolf Niederhauser, Erica Pedretti, Alice Vollenweider bis zu Otto F. Walter. Dennoch reichte es, von 1987 bis 1991, nur zu dreissig Heften.

Das Kulturmagazin, 1975 noch vor dem Widerspruch aus POCH-nahen Kreisen gegründet bzw. von diesen mitgetragen, schaffte es immerhin bis zur Nummer 114 im Jahr 1996. Es bleibt historisch gesehen ein wichtiges Dokument zum Übergang von der (partei)politischen zur kulturellen Linken.

Im selben Jahr wie der Einspruch, 1987, war aus Kreisen der linken Opposition in den Gewerkschaften die Monatszeitschrift diskussion gegründet worden. 1994 liquidierte die Revolutionäre Marxistische Liga (RML), später die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) ihr Organ Die Bresche, die neben zeitpolitischen Artikeln grundsätzliche Analysen veröffentlicht hatte; im gleichen Jahr wurde die diskussion eingestellt. Für ein Nachfolgeprojekt fanden sich Mitglieder aus beiden Redaktionen mit der unabhängigen Publizistin Maja Wicki zu einem rot-grünen monatlichen Forumsmagazin zusammen. Die kurz Moma genannte Zeitschrift wurde nie selbsttragend und bereits auf Ende 2000 eingestellt.

Auch die Neuen Wege der religiös-sozialistischen Vereinigung und die Rote Revue der Sozialdemokratischen Partei Schweiz (SPS) brachten theoretische Artikel, richteten sich aber an ein mehr oder weniger homogenes, geschlossenes Publikum. Als Organ, das sich explizit die übergreifende Diskussion zur Aufgabe stellte, nahm der Widerspruch deshalb eine besondere Stellung ein.

2005 startete das Jahrbuch Denknetz. Zuerst von beiden Seiten eher argwöhnisch als mögliche Konkurrenz um den gleichen MitarbeiterInnenpool und das gleiche Lesepublikum sowie finanzielle Ressourcen betrachtet, kann man mittlerweile von einer Arbeitsteilung sprechen; ja, es gab und gibt durchaus personelle Überschneidungen auch auf redaktioneller Ebene.

Ein paar Zahlen

Der Widerspruch startete 1981 mit 600 Exemplaren; eine zweite Auflage von weiteren 600 Exemplaren war bald vergriffen. Für die folgenden Nummern pendelte sich eine Auflage von 1000 Exemplaren ein. Heft 8 schaffte dann eine Zweitauflage, und mit der Nummer 9, ebenfalls in Zweitauflage, wurde ein vorläufiger Rekord von 2000 Verkaufsexemplaren erreicht. Danach lag die durchschnittliche Erstauflage bei 1300 Exemplaren. Erfreulich entwickelte sich auch die finanzielle Situation. 1988 resultierte ein Gewinn, dank Gratisarbeit – der Begriff Selbstausbeutung wurde als «theoretisch unzulässig» tunlichst vermieden. Immerhin konnte man jetzt eine Sekretariatsstelle mit 900 Franken im Monat entlöhnen und Reserven bilden. Mit Heft 16 wurden erstmals 1000 Abos gezeichnet und die Erstauflage stieg auf 2200 Exemplare. Im Jahr 1991, das als «Jubeljahr» der Eidgenossenschaft etwa auch der WOZ publizistischen Auftrieb verlieh, war mit Heft 23 ein Höhepunkt erreicht: Die Abos waren bei 1400 angelangt, die Gesamtauflage bei 2500 Exemplaren.

Satz-, Druck- und Vertriebskosten stiegen freilich überproportional, und da der bereits in den 1980er-Jahren geschaffene Förderverein stagnierte, sah das Budget 1993 und 1994 ein Defizit vor. Unerwarteterweise sprang die Pro Helvetia mit einer Subvention ein. 1995 und 1996 resultierte allerdings ein Verlust, der aus Reserven getilgt werden musste.

Von nun an wurde der Widerspruch unweigerlich von finanziellen Problemen begleitet. Der Förderverein mit rund 130 Mitgliedern («Förderabos») garantierte zwar ein regelmässiges Basiseinkommen. Obwohl im Durchschnitt pro Nummer weiterhin 2200 Exemplare verkauft wurden, schlossen die Abrechnungen 2001 und 2002 mit kleineren Defiziten. Ein grösserer Verlust 2004 konnte teilweise durch eine zweite überraschende Subvention von Pro Helvetia sowie der Migros-Kulturstelle getilgt werden. 2011 musste angesichts finanzieller Engpässe erneut über die Zukunft des Widerspruch diskutiert werden. Noch immer waren 1400 Abos registriert, zwei Jahre später waren es nur noch 1200, bei einer Gesamtauflage von 1750 Exemplaren. Eine Überalterung der LeserInnenschaft, die den Widerspruch dreissig Jahre begleitet hatte, trug dazu bei. Wieder einmal half im Herbst 2014 ein Spendenaufruf, zudem stieg die WOZ als Unterstützerin ein. Damit konnte das Konzept einer neuen Koordinationsstelle in der Redaktion umgesetzt werden, die zuerst von Jonas Aebi und gegenwärtig von Julia Klebs ausgeführt wird. Doch 2016 war die Zahl der Abos unter 1000 gesunken. Seither ist die Tendenz wieder leicht steigend, mit neuen Themen für ein jüngeres Publikum, mit Veranstaltungen und Internet-Auftritten. Dennoch bleibt die Finanzlage angespannt.

Neoliberalismus und Demokratie

Im Überblick lässt sich im Widerspruch eine Kontinuität von Themen feststellen, die auch eine Kontinuität der realen Probleme ist.

Der Start im März 1981 fiel mit dem beginnenden Siegeszug des Neoliberalismus zusammen, der mit den Wahlerfolgen von Margaret Thatcher 1979 in Grossbritannien und Ronald Reagan 1980 in den USA politischen Ausdruck erhalten hatte. An diesem radikal veränderten Umfeld hatte sich die Zeitschrift in der Folge abzuarbeiten. Der Schweizer Finanzplatz war in die weltweiten Entwicklungen eingebunden, und so musste eine Analyse der Schweiz eine internationale Dimension berücksichtigen. Die neoliberal gefärbte Globalisierung wurde früh, in den Nummern 5 und 16 thematisiert, was 1989 im Sonderband II («Schuldenkrieg und CH-Finanzplatz») vertieft wurde. Dabei gab es zwei Ansatzpunkte: Die politökonomische Analyse der neuen globalen Diktatur der Märkte und die NGO-Perspektive als mögliche Alternative. Das wurde periodisch als Neo-Kolonialismus, Imperialismus, finanzgetriebene Globalisierung analysiert.

Verbunden damit war das Thema Demokratie. Nach 1989 feierten die bürgerlichen IdeologInnen den schrankenlosen Sieg des Kapitalismus, dem die (parlamentarische) Demokratie inhärent sei. Der Epochenbruch 1989 hatte die Redaktion Widerspruch überrascht, wie wohl alle. Anfang der 1980er-Jahre war die Entwicklung in Polen, vor allem der Gewerkschaft Solidarność verfolgt worden, ansonsten war der «Realsozialismus» in der Zeitschrift kaum je Thema. Nach 1989 musste sich die Linke vorerst vom schockartigen Zusammenbruch des bipolaren bzw. tripolaren Weltmodells erholen, auch jene, die sich kritisch mit dem sowjetischen Empire auseinandergesetzt hatte. Im Sommer 1990 wurde deshalb im Widerspruch 19 gefragt: «Sozialismus am Ende?» Natürlich nicht, konnte die Antwort nur lauten, wenn man unter sozialistischer Politik sowohl einen analytischen Ansatz wie ein uneingelöstes gesellschaftliches Versprechen verstand. Aber eine Unsicherheit und eine analytische Leerstelle blieben. Dagegen setzte 1992 die Nummer 24 «Demokratie radikal». Sie wollte das Uneingelöste zumindest skizzieren und wagte dabei auch Ungewohntes, ja Ketzerisches. Der Ökonom Samir Amin zum Beispiel beharrte auf einer nationalen Perspektive für die Länder des globalen Südens; Heinz Kleger sah die sozialen Bewegungen erschöpft und plädierte für eine neue zivile Bürgerlichkeit.

Gegen das neoliberale Mantra, «There is no alternative» (TINA), boten die Weltsozialforen ab 2001 eine neue Hoffnung, die auch den Widerspruch beschäftigte. Parallel erlebten der Begriff und das Konzept der Demokratie eine neue Konjunktur. 2008 erkundete die Nummer 55 die Defizite der Postdemokratie und aktualisierte die Wirtschaftsdemokratie als neu-altes Gegenkonzept. Michael R. Krätke formulierte den hohen Anspruch: «Wenn die Wirtschaft demokratisiert wird, kann die Demokratie nicht bleiben, wie sie ist. In dem Prozess, der von der nur ‹politischen› zur ‹sozialen› und ‹wirtschaftlichen› Demokratie führt, wird die Demokratie (und wird der Demos) radikal umgebaut.» (55/08, 7) Es folgten 2011 Analysen zum Arabischen Frühling und zu Vorstellungen einer ökologischen Demokratie; die Nummer 68 brach dies 2018 aufs lokale Terrain der Stadt hinunter, und in Heft 71 kehrte der Widerspruch unter veränderten Vorzeichen wieder zum lockenden Versprechen der Autonomie zurück.

Ein weiteres kontinuierliches Thema bildeten Europa, die EU und die Schweiz. Es gab eine Kontinuität der Problemlage wie der Analyse: «Schweiz-Europa: Strategien» hiess die Nummer 20 von 1990, «Europa, EU, Schweiz – Krise und Perspektiven» hiess es 2014 im Heft 65. Dazwischen lag das EWR-Nein von 1992, das die links-grüne Allianz gespalten hatte; zu den Konsequenzen und Verwerfungen publizierte der Widerspruch regelmässig Diskussionsbeiträge und ganze Hefte.

Ebenso kontinuierlich wurden die verheerenden Konsequenzen der verschiedenen neoliberalen Sozialpolitiken verfolgt, dazu Rassismus und Migration, mit periodischen Beiträgen von Beat Leuthardt und Heiner Busch. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Heft 35/98 mit dem knappen Titel «Menschenrechte» zu einem der am häufigsten verkauften Hefte wurde. Auch Psychologie und Psychoanalyse waren von Beginn gut vertreten durch Gründungsmitglied Berthold Rothschild, dazu kamen unterschiedlich akzentuierende Vertreter der Zürcher Schule wie Emilio Modena oder Robert Heim.

Linke, Frauen, Macht

Besonders erfolgreich erwies sich 2002 das Heft 43, «Linke und Macht». Im Fokus stand die Sozialdemokratie, da sich Mitte-Links-Regierungen und Dritte Wege in Europa allmählich erschöpften. In der NZZ am Sonntag meinte Urs Rauber, einst Gründungsmitglied des Widerspruch, aber längst in der Teppichetage der NZZ gelandet, aus Schweizer Sicht verwundert: «Alle reden über die Krise des Freisinns, nur die linksalternative Zeitschrift Widerspruch widmet ihren Schwerpunkt der Krise der Linken.» (NZZaS, 16.2.2003) Insbesondere angetan hatte es ihm ein Beitrag des ehemaligen Bundeshaus-Fraktionschefs der SPS, Franco Cavalli. «Einige Diagnosen und Rezepte des Polit-Doktors aus Ascona, Franco Cavalli, wirken visionär, andere weltfremd mit einem gewissen Unterhaltungswert. Immerhin belebt der Tessiner Rhetoriker die oft allzu pragmatische Auseinandersetzung in der Schweizer Tagespolitik durch theoretisch unterfütterte Beiträge» – dieses Lob mochte angesichts der heftigen Kritik von Cavalli an der damaligen SP-Führung taktisch gemeint sein, und dennoch wurde mit der «theoretischen Unterfütterung» ein zentraler Anspruch des Widerspruch anerkannt. Auch Rolf Bossart in der Orientierung und Roger Monnerat in der WOZ bescheinigten dem Heft, den gegenwärtigen Diskussionsstand zum Scheitern der Sozialdemokratie und zur Herausbildung einer heterogenen Bewegung gegen die Globalisierung gut zu dokumentieren.

Heft 45 beschäftigte sich unter dem Titel «Wissen, Bildung, Informationstechnologie» mit einer weiteren globalen Tendenz, wie das Editorial erläuterte: «Die konvergierenden Entwicklungen von Mikroelektronik, Telekommunikation und Massenmedien in den 90er-Jahren haben den globalen Raum ökonomisch und politisch-militärisch neu strukturiert. Der Golfkrieg der USA und der multinationalen Streitkräfte im Jahre 1991 leitete nicht nur eine neue Phase des Kriegs um Ressourcen ein, er demonstrierte auch die Möglichkeiten informationsbasierter Steuerung von imperialer Gewaltausübung und ihrer medialen Manipulation in allen Weltregionen.» (45/03, 3)

Autorinnen wie Mascha Madörin oder Christa Wichterich, auch Gisela Notz, Claudia von Werlhof, auch Frigga Haug und später Therese Wüthrich, meldeten sich regelmässig zu Wort. Dennoch blieben feministische Fragestellungen und Ansätze untervertreten. Mit dem Heft 16, «Frauen, Arbeit und Widerstand», wurde erstmals 1988 gezielt versucht, mehr Frauen als Männer ins Heft zu bringen, ohne nachhaltigen Erfolg. In der Jubiläumsnummer 40 sind von 25 Beiträgen gerade mal 2 von Frauen geschrieben. Immerhin: Heft 44 von 2003 erschien zu «Feminismus, Gender, Geschlecht» mit Beiträgen neuer Schreiberinnen mit einer Auflage von 3000 Exemplaren eines der erfolgreichsten Hefte. Und mit Nummer 46 war 2004 im Kollektiv, das jetzt auch durch Ruth Amsler und Heidi Aubert im Vertrieb und Verkauf tatkräftig unterstützt wurde, vorübergehend Geschlechterparität hergestellt. Das schlug sich nur beschränkt in den Themen und Artikeln nieder. Die Gründe dafür lagen nicht nur beim Widerspruch. Frauen schrieben prioritär in den damals noch vorhandenen feministischen Publikationen wie Olympe (1994–2012) und Emanzipation (1975–1996). Immerhin verstärkte Tove Soiland einige Jahre lang den Stellenwert feministischer Ansätze in der Redaktion und in den Heften. Und mittlerweile besteht die Redaktion mehrheitlich aus Frauen, mit entsprechenden Konsequenzen, was Themen und SchreiberInnen betrifft.

Rudolf Walther hatte zum zwanzigsten Jahrgang im Tages-Anzeiger auf den «linken Pluralismus» des Widerspruch hingewiesen: «Die Autoren und die Redaktion verdienen das grösste Lob für eine politische Zeitschrift: Sie haben vom ‹Wandel der Arbeit› über die ‹Krise des Sozialen› bis hin zu ‹Globalisierung› und den ‹Menschenrechten› kein wichtiges Thema verpasst. Und sie verstanden es dabei immer, theoretische Perspektiven mit dem Blick auf konkrete Konflikte und Krisenlagen zu kombinieren.» (Tages-Anzeiger, 20.6.2021) Zum dreissigsten Geburtstag wurde nach einer erfolgreichen Spendenkampagne versprochen, die «Zukunft des Zeitschriftenprojekts behutsam» in Angriff zu nehmen (60/11, 4). Die nunmehr vierzigjährige Erfolgsgeschichte und die weiterhin bestehende Notwendigkeit des Widerspruch lassen sich gerade daran ablesen, dass Kontinuität und Wandel ertragreich miteinander verbunden wurden. Jedenfalls ist die behutsame Zukunft immer noch vorhanden, ja, die neue Redaktion geht mit neuem Schwung ins fünfte Jahrzehnt.

Stefan Howald

 

 

 

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Widerspruch 77, «Geld.Macht.Politik», Zürich 2021, S. 185–195.

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