Seebach, von Haus zu Haus

Genau an der Grenze ging es los, an der Binzmühlestrasse, wo auf der anderen Seite bereits Oerlikon beginnt. Es war ein schon beinahe glorioser Aprilsonntag, als man sich zum Seebacher Rundgang versammelte. Der war mit 25 Teilnehmenden ausgebucht, einige Interessierte hatten abgewiesen werden müssen. Zur Mehrheit hatten sich Einheimische eingefunden, wenn lokalpatriotisch so von den SeebacherInnen gesprochen werden darf, darunter auch Lokalprominenz, und sogar aus der Nachbarschaft ennet der Grenze waren HistorikerInnen angereist.

Vier Mitglieder des bücherraums f – Monika Zemp, Francis Uhler, Monika Saxer und Stefan Howald – wechselten sich an zwölf Stationen mit Erläuterungen ab. Der erste Halt war das so genannte SMUV-Hüsli, ein 1943 bezogenes Gewerkschaftslokal in einer neuen kleinen Überbauung an der Ecke Binzmühle und Jungholzstrasse. Sichtbar ist noch das ursprüngliche Fresko von 1944, mit nicht ganz unüblicher Rollenverteilung, da den Metallarbeitern eine Frau mit Kind eine Zwischenverpflegung zubereitet. Darunter ist jetzt eine Reklame für einen Beautysalon angebracht.

Danach ging es an die Jungstrasse 9. Das ist ein nicht gerade auffälliger, fünfgeschossiger Bau, aber ein früherer Bewohner führt in die düstere Geschichte des kurzen 20. Jahrhunderts zurück. Gino Pezzani war 1943 in Frankreich als Mitglied der Résistance von der Gestapo verhaftet worden und kam, als einer von 391 Schweizerinnen und Schweizern, in ein KZ des Nazi-Regimes. 1945 geflüchtet und befreit, verfolgten ihn die schrecklichen Erfahrungen bis ans Lebensende, auch, als er in den 1960er-Jahren an der Jungstrasse 9 wohnte.

Hier soll im Juni im Gedenken an ihn und andere Opfer des Nationalsozialismus ein symbolischer Stolperstein angebracht werden.

Ein Stein des Anstosses war auch Niklaus Meienberg gewesen, der eine Strasse weiter an der Eisfeldstrasse gewohnt hatte. Von Seebach hielt er nicht allzu viel, das er übrigens hartnäckig mit Oerlikon verwechselte, wie ein vorgetragener Textauszug belegte. Dabei wurde er einmal vom Quartiersvereinspräsidenten angefragt, eine 1.-August-Ansprache zu halten, doch da er sich in der Friesstrasse ans Volk wenden wollte, verzichteten die Organisatoren auf ihn. Nur ein paar Schritte entfernt, an der Friesstrasse 32, wurden einst feine Seebacher Zigaretten hergestellt. Oder vielmehr war es türkisch-mazedonischer Tabak, der ab 1920 in Seebach zu den Turmac-Zigaretten verarbeitet wurde, in wunderschönen Blechdosen verpackt und elegant beworben, unter anderm mit «orientalischen» Motiven. Der bekannte Grafiker Josef Müller-Brockmann zum Beispiel gestaltete 1955 ein Paneel in der Haupthalle des HB Zürich. Es dokumentierte mit rauchenden jungen, aufgestellten Männern und Frauen die noch nicht so alte «Gleichberechtigung» der Geschlechter beim Rauchen.

Im November 2018 ist eine Turmac-Schachtel das «Objekt des Monats» im Museum Nidwalden gewesen, wobei sogar, besser als bei manchen Bildern aus der Sammlung Emil G. Bührle, die Provenienz festgestellt werden konnte: «Ursprünglich gehörte die Blechschachtel Edith Wyrsch-Hug, der Ehefrau des Malers Charles Wyrsch aus Buochs.»

Ja, Seebach hat auch kleinere Anhöhen. Daran äussern sich wie andernorts soziale Unterschiede – die einen da oben, die andern da unten. Darf man die Überbauung den Bühl hinauf als Villenquartier bezeichnen? Nun, einer früheren Bewohnerin wollte sie als Kind so erscheinen. Einst hatte der Hügel – gut, das Hügelchen – weniger soziale denn strategische Bedeutung. Hier lagerten 1799 die Kosaken, die im 2. Koalitionskrieg der Alten Mächte die Franzosen aus dem Land werfen, in der Schweiz das Ancien Régime wieder herstellen und das Land als Aufmarschgebiet gegen Frankreich sichern sollten. Nach verlorener Schlacht um Zürich flohen sie dann via Seebach nach Süddeutschland. Rechterhand, unten in der Ebene, das Stierli-Areal als Zelle des industriellen Aufschwungs von Seebach ab 1900, wo neben Flugzeugmotoren in einer begrenzten Auflage ein original Seebacher Auto und später leider auch Kanonen produziert worden waren.

Während des Rundgangs am Sonntag zeigten sich sogar die AutofahrerInnen auf Seebachs Hauptverkehrsader gegenüber den Flanierenden geduldig. Nach ein paar Hinweisen auf die Kirche Maria Lourdes samt Grotte musste diese leider rechts liegen gelassen werden, da es im gemächlichen Aufstieg zum Höhenring und zur Markuskirche ging. Linkerhand liess sich durch eine Hecke das Brückenlager der 1997 abgebrochenen Fussgängerpasserelle erspähen. Einer der Mitwandernden, der sich mittlerweile schon beinahe als Einheimischer fühlen darf, meinte, die Demonstration gegen den Abriss sei 1995 seine Initiation ins Quartiersleben gewesen. Von der Markuskirche ist, neben modernistischer Kirche und Schulhaus, natürlich der Blick zu rühmen. Eine der Teilnehmerinnen am Rundgang hatte übrigens als Schulkind beim Aufziehen der Glocken in den Glockenturm geholfen.

Eine kleine Verpflegung stärkte für die Fortsetzung rund um den Buhnhügel. Dabei konnten einige Sehenswürdigkeiten nur gestreift werden, etwa das Restaurant Falken an der Hertensteinstrasse, in dem einst, zum Rössli umgetauft, Wachtmeister Studer im gleichnamigen Film 1939 nicht etwa eine von ihm wohl als allzu mild empfundene Turmac-Zigarette, sondern einen Stumpen geraucht hatte. Gegenüber der Nikolauskirche befand sich, wie von Ortskundigen angemerkt wurde, das ehemalige Schulhaus. Und schräg gegenüber das ehemalige Pfarrhaus, in dem jetzt der Brot-Egge des Sozialwerks Pfarrer Sieber untergebracht ist. Zwischen 1936 und 1943 hatte hier der «Flüchtlingspfarrer» Paul Vogt gewirkt. Der hatte schon früh Verfolgten des Nazi-Regimes geholfen und insbesondere jüdischen Flüchtlingen in Zürich wie im Sozialheim Sonneblick im Appenzellischen eine Zuflucht geboten. Dabei arbeitete er auch mit der «Flüchtlingsmutter» Gertrud Kurz zusammen, von der ja eine ehrende Fotografie im jetzigen Pfarrhaus hängt. Die Benennung einer Strasse nach Paul Vogt ist vor ein paar Jahren gescheitert, so bleibt die Paul-Vogt-Stube in Siebers Brot-Egge die sichtbarste Anerkennung für ihn. Das in Vorortsgemeinden immer wieder spürbare soziale Engagement ging, wie von berufener Seite ergänzt wurde, in Seebach zum Beispiel weiter mit Pfarrer Peter Walss und dem Kirchenasyl in Seebach von 1985 für chilenische, von der Ausschaffung bedrohte Flüchtlinge.

Etwas frohsinniger ging und geht es zu und her im Landhus bei der Tramendstation. Hier wurde seit 1934 gekegelt, musiziert und geschwoft, etwa zum Kriminaltango von Hazy Osterwald, der hier 1959 uraufgeführt wurde. Auch ein paar Anekdoten zur Anbindung ans städtische Verkehrsnetz durften nicht fehlen, da einst die frühe durchgängige Tramlinie vom Stadtzürcher Central via Oerlikon und Seebach nach Glattbrugg beim Bahnübergang in Oerlikon auf Veranlasssung der eifersüchtig auf ihren Wettbewerbsvorteil bedachten Nordostbahn jäh gestoppt wurde, die Trampassagiere aussteigen und zu Fuss den Bahnübergang passieren mussten, um auf Noch-nicht-ganz-Seebacher-Seite in ein neues Tram umzusteigen.

Auf der andern Seite des Platzes stand die Geschichte des Tiergartens Seebach im Vordergrund. Ja, hinter dem Restaurant Alte Post hatten einst Affen geturnt und Löwen gebrüllt und waren Krokodilen mit einer zwei Meter langen Zahnbürste die Zähne geputzt worden, und wie auf Bestellung turnte ein Eichhörnchen von Ast zu Ast, deren Sichtung ja keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Wie rührte da die Geschichte von Tantor, dem Elefanten, ans Herz, der nach einem nächtlichen Streifzug durchs Quartier auf den Bahngleisen im Schärenmoos einem Frühzug zum Opfer gefallen war.

Die Seebacher Siedlungsformen reichen von den nördlichen Flarzhäusern bis zur Genossenschaftssiedlung am Katzenbach. Dazwischen, zeitlich wie strukturell, liegen die so genannten Globus-Heimeli. An der Steffenstrasse erstellten die Magazine zum Globus 1932 achtzehn Einfamilienhäuser, die ab Stange verkauft wurden, mitsamt Inneneinrichtung, für den aufstrebenden Mittelstand. Noch immer ist die Siedlung an der Steffenstrasse halbwegs einheitlich, wiewohl von zwei Seiten bedroht: durch den Verdichtungsdruck zum Umbau bzw. Verkauf der einzelnen Häuser, und durch die, allerdings vom Volk abgesegnete, Riesenüberbauung an der Thurgauerstrasse.

So vollführte der Rundgang tatsächlich eine Art Kreis: vom SMUV-Hüsli zu den Globus-Heimeli. Dazu kam zum Abschluss ein kurzer Blick auf die Monster im Garten von HR Giger. Dessen Besuch muss einer weiteren Expedition vorbehalten bleiben.

Die Broschüre zum Seebacher Rundgang mit zahlreichen weiteren Informationen ist im bücherraum f zum Selbstkostenpreis von 6 Franken (+Porto) zu beziehen.

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