In Islington wird jetzt mehr gelesen

Und dabei heisst es doch immer, es werde nicht mehr gelesen. Der riesige Waterstones am Piccadilly Circus in London ist allerdings voll von drängelnden Jugendlichen und eifrig stöbernden Erwachsenen. Bei Foyles geht es ein wenig vornehmer zu, aber voll ist auch dieser Buchladen.

Natürlich, es wird vor allem Laufware gekauft. Unterhaltungsbücher für jung und alt, Reiseführer. Aber jedes Wort, das heutzutage noch auf Papier gelesen wird, ist letztlich eine kulturelle Errungenschaft.

Foyles, 115 Jahre lang in Familienbesitz, war mal der Inbegriff skurriler Buchgelehrsamkeit: Alle Bücher standen nach Verlagen geordnet in den Regalen. Diese Anordnung verlieh den BuchhändlerInnen ungeahnte Bedeutung aber auch Macht, da man, wenn man einen Autorennamen oder einen Titel wusste, ohne sich an den publizierenden Verlag zu erinnern, hilflos die Reihen möglicher Verlage abschritt, wobei man zwar auf Programme interessanter Kleinverlage stossen mochte, man aber, um das gewünschte Buch zu finden, schliesslich doch um Hilfe bitten musste. Einmal ein Buch lokalisiert, wurde an einem Schalter sorgfältig ein Zettel ausgestellt, bei dessen Vorweisen man dann erst an der Kasse den fälligen Betrag begleichen konnte. Ein wunderbares Verwirrspiegel, das beim Übergang ins 21. Jahrhundert und der Übergabe der Geschäftsleitung an eine neue Familiengeneration nicht mehr weiterbestehen konnte. 2018 schliesslich wurde der erneuerte Foyles von der grössten britischen Buchhandelskette Waterstones übernommen, deren Mehrheitseigner im gleichen Jahr der Hedgefonds Elliot Management Corporation wurde. Der Buchhandel scheint doch noch Gewinnaussichten zu bieten. Allerdings müssen die Skaleneffekte stimmen. Entsprechend hat Waterstones vor einem Jahr auch Blackwells übernommen, die letzte verbliebene grössere unabhängige Ladenkette. Damit besitzt Waterstones insgesamt 291 Filialen in Grossbritannien sowie in Irland, in Belgien und in den Niederlanden – das sind ähnliche Grössenordnungen wie beim deutschen Marktführer Thalia Bücher mit 340 Filialen in Deutschland und Österreich.

Der modernisierte Foyles an bester Lage beim Charing Cross ist mittlerweile selbstverständlich mit einem Café bestückt; aber ohne dies geht es ja nicht mehr, und sofern dadurch die Bücher nicht verdrängt werden, ist es eine durchaus praktische, ja willkommene Ergänzung.

Treiben diese grossen Ketten das Sterben der kleinen Buchhandlungen weiter voran? Grundsätzlich ja. Doch nicht gradlinig. 2013 ist erstmals die London Book Shop Map mit 104 unabhängigen Buchhandlungen erschienen. 2016 war deren Zahl auf 116 angestiegen. Seither hat sie unterm Druck der Marktoffensive von Waterstones wieder abgenommen. Aber es gibt weiterhin Gegenbeispiele. Etwa in Islington Nord. Das ist ein Quartier, in dem etliches Potential an alteingesessener und gentrifizierter Bildungsintelligenz vorhanden ist; als Parlamentsabgeordneter amtete und amtet der einst nicht ganz unbekannte Jeremy Corbyn. Erstaunlicherweise existierte hier lange Zeit kein unabhängiger Buchladen (die Filiale der Tierschutzorganisation, die ausschliesslich antiquarische Tierbücher verkauft, zählen wir jetzt mal nicht). Dann wurde vor ein paar Jahren Ink@84 von zwei Frauen eröffnet, und der geschmackvoll eingerichtete Laden hat die Pandemie überlebt. Ja, vor sechzehn Monaten ist hundert Meter entfernt, in der selben Strasse, ein neuer, zweiter Buchladen aufgegangen, die BookBar.

Ein Risiko? Sicher, sagt Chrissy, die BookBar gegründet hat und führt. Sie hat lange in der Buchbranche gearbeitet, als Buchhändlerin, dann bei einem Verlag. Aber dieser doch eher gehobene Teil von Islington vertrage durchaus zwei Buchhandlungen. Vor allem, da sich das Sortiment der beiden eher ergänzt denn überschneidet. Die BookBar bietet hauptsächlich Bücher zu Geschichte und Politik, ja, es fällt sogar das etwas gefürchtete Wort der Identitätspolitik. Ink@84 dagegen setzt mehr auf Belletristik und Kinderbücher. Im Übrigen, sagt Chrissy, wird das Buch seit Jahrzehnten für tot erklärt; es hat überlebt und wird überleben, ist sie überzeugt.

Dennoch, zusätzliche Anstrengungen sind nötig. Heutige Buchhandlungen verstehen sich zunehmend auch als sozialer Ort, durch Veranstaltungen und Netzwerke. Ink@84 bietet workshops zum Geschichtenerzählen an. Die BookBar organisiert Lesungen und Diskussionsrunden, in denen es schon auch mal um den Rassismus in der englischen Gesellschaft geht. Und wie der Name BookBar verspricht – am Samstag kann man bis neun Uhr abends an drei Tischchen vor dem Buchladen sitzen und einen Roten trinken. Nachdem man ein Buch gekauft hat, versteht sich.

www.bookbaruk.com

www.ink84bookshop.co.uk/

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