Ein Dach über den Köpfen

Millionen von Menschen haben keine menschenwürdige Unterkunft: Was können Genossenschaften und kommunale Wohnbauprojekte gegen die globale Wohnungskrise tun?

Die Stadt Zürich ist einigermassen auf dem Weg, das gesetzlich vorgeschriebene Ziel von einem Drittel kommunalen Wohneigentums zu erreichen; in Serbien befinden sich 99 Prozent des Wohnungsbestands in Privatbesitz, was oft zu gravierenden finanziellen Zwangslagen führt. Genossenschaftliche Wohnbauprojekte im globalen Süden sind einsame Inseln in einer Brandung und scheitern an mangelnden Finanzen; in Britannien drängt der Dachverband der Wohnbaugenossenschaften seine Mitglieder dazu, doch nicht so behäbig auf den angesammelten Reserven zu sitzen, sondern sie in neue Projekte zu investieren.

In den hoch industrialisierten Ländern verdrängt ein überbordender Häusermarkt sozial Schwächere aus den urbanen Zentren; im globalen Süden vergrössern sich die riesigen Slums ebenso wie die direkte Obdachlosigkeit, verschärft durch die akuten Auswirkungen der Klimakrise.

Ja, das Menschenrecht auf erschwingliches Wohnen stellt in Zentrum und Peripherie andere Herausforderungen, und der Beitrag der jeweiligen Genossenschaften in der Krise sieht anders aus. Das verdeutlichte eine internationale Tagung in Zürich, die von Cooperative Housing International organisiert wurde, zusammen mit dem Zürcher Regionalverband der Schweizer Wohnbaugenossenschaften als Gastgeber.

Die rund achtzig TeilnehmerInnen repräsentierten ein weites Spektrum, geographisch wie von der Grösse ihrer Organisationen her. Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) als grösste Schweizer Baugenossenschaften verwaltet in 58 Siedlungen 5100 Wohnungseinheiten; auf den Philippinen kommen auf 110 Millionen EinwohnerInnen fünf (5) Wohnbaugenossenschaften. Für einmal konnten sich die Vertreterinnen aus der Schweiz halbwegs beruhigt zurücklehnen: Im Vergleich mit anderen westlichen Ländern ist die Situation in der Schweiz schon beinahe vorbildlich, im Vergleich mit Ländern des globalen Südens paradiesisch.

Reden wir vom Geld

So vielfältig die vorgestellten Projekte waren, so liessen sich die Diskussionen unter drei Stichworten zusammenfassen: Finanzen. Politik. Instrumente.

Zuerst kam das Geld. Und dann nochmals das Geld. Schon die Anschubfinanzierung bereitet Projekten in der globalen Peripherie beinahe unüberwindliche Schwierigkeiten. Staatliche Finanzhilfen sind selten, herkömmliche Bankdarlehen kaum erschwinglich. Einige Institutionen haben Glück gehabt: Die Asian Coalition for Housing Rights ACHR, die seit 1989 lokale, kommunale Initiativen zu fördern sucht, hat 2008 zwölf Millionen Dollars von der Gates Stiftung gekriegt. Damit wurde die Asian Coalition for Community Action ACCA gegründet. Sie hat, wie Lumanti Joshi (Nepal) berichtete, 1100 Initiativen in 165 Städten in 19 Ländern auch finanziell unterstützt. Aber die Finanzierung durch die Stiftung war auf vier Jahre befristet; seither ist die ACHR wieder auf ein Informations- und Beratungsnetzwerk für lokale Initiativen beschränkt.

Zuweilen werden Hoffnungen in ein Netzwerk von ethisch orientierten, nachhaltigen Banken gesetzt – deren Aufbau wiederum Geld voraussetzen würde, aufgrund politischer Entscheide oder karitativen Engagements. Die ABZ hat, immerhin, vor ein paar Jahren einen Solidaritätsfonds geschaffen und taucht mittlerweile gelegentlich als Unterstützerin internationaler Projekte auf. Vor allem in Asien wird auf selbst verwaltete Spargruppen gesetzt, die allerdings in Probleme mit der Nachhaltigkeit laufen – wenn einmal ein Haus finanziert worden ist, nimmt die Bereitschaft, die Spargruppe weiter zu alimentieren, stark ab.

Eher subkutan wurde die Politik verhandelt. «Affordable housing» erfordert ja wie «kommunales Wohnen» noch keine genossenschaftliche Mitbestimmung. Die Forderung nach erschwinglichem Wohnraum bedeutet zuerst einmal einen sozialen Anspruch. Zwar wurde häufiger der Ansatz von unten, die Mitsprache der Betroffenen bekräftigt, aber einzig VertreterInnen von Projekten aus Katalonien brachten einen weitergehenden gesellschaftspolitischen Ansatz, etwa das Zurückdrängen des kapitalistischen Verwertungsprinzips zumindest als Chiffre zur Sprache.

Griff in die «tool box»

Das Schweigen über Politik wurde durch das Reden über die «tools» ersetzt: Mit welchen Mitteln, Instrumenten können die vielfältigen Aufgaben angepackt werden? In die «tool box» lassen sich verschiedenste Werkzeuge mit unterschiedlichsten Zielsetzungen packen beziehungsweise daraus hervorholen. Die britischen Vertreter [[zwei Männer]] präsentierten eine «tool box» im Wortsinn: eine Anleitung mit Kärtchen zur Strukturierung von Entscheidungsprozessen, ausgehend von sechzehn möglichen Prioritäten, auf drei Ebenen weiter verfeinert. Das tönt managementmässig-technokratisch, kann aber über Wohnbauprojekte hinaus ganz hilfreich sein – auch die WOZ hat schliesslich ihre Erfahrungen mit den Umwegen und Verzögerungen basisdemokratischer Entscheide gemacht.

Ein «tool» ist zweifellos die internationale Vernetzung. Die globale Initiative «Housing 2030» hat in den letzten Jahren VertreterInnen aus 56 Ländern insbesondere aus Europa, Nordamerika und Asien versammelt – der afrikanische Kontinent bleibt wieder einmal aussen vor. Allerdings verlieren sich solche transnationale Initiativen zuweilen im Gewirr von Akronymen, Aktionen und Abteilungen der internationalen Gemeinschaft, der Uno und anderer transnationaler Organisationen. Das kürzlich erschienene Abschlussdokument von «Housing 2030» empfiehlt eine ganze Reihe von «tools» – was auch ein Ersatz für mangelnde Entscheidungskompetenz ist.

Die transnationale asiatische Initiative von ACCA konnte in einigen Fällen bemerkenswerte Resultate vorweisen. Aber sie liess sich gelegentlich in die staatliche Politik integrieren. So wird auf der Website festgehalten, der grösste Erfolg von ACCA sei in Kampuchea erzielt worden, weil dort die besten Voraussetzungen bestanden hätten und die Regierung alle Initiativen unterstützt habe – ein autoritäres Regime, welches das Land in Armut und Korruption gehalten hat.

Basisarbeit für Südosteuropa

Ganz aus der Zivilgesellschaft kommt die südosteuropäische Initiative MOBA. Laut Ana Džokić (Belgrad) will das 2017 gegründete Projekt Wohnbaugenossenschaften in den fünf Ländern Kroatien, Tschechien, Ungarn, Serbien und Slowenien koordinieren, wobei auch gleich noch der Graben zwischen Kroatien und Serbien überbrückt werden soll. MOBA baut wie die fünf Einzelorganisationen, die sie tragen, angesichts kaum mehr vorhandener Traditionen auf dem genossenschaftlichen Basiskonzept auf: gemeinsamer Erwerb, Finanzierung und Verwaltung von Wohnungen und Häusern, nicht auf Profit angelegt, deshalb billiger und längerfristig planbar. Darüber hinaus gibt es eine Zusammenarbeit mit ArchitektInnen; einzelne Projekte sind etwa in Serbien in Planung. Bisher zugesichertes Geld für Darlehen: 300 00 Euro. Angestrebte Zusagen: 1 Million Euro. Zum Vergleich: Ein kleines lokales Genossenschaftsprojekt im Zürcher Unterland sucht 14 Millionen Franken.

Immerhin: Zum Schluss zeigten sich die Genossenschaftsmitglieder und AktivistInnen angeregt und angespornt durch die vielfältigen internationalen Begegnungen.

Stefan Howald

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