Der Afrikaner

Entdeckt wurde die Grabstätte erst 2004. Und zwar im Londoner Abney Park Cemetery. Es ist ein ebenso spektakulärer wie wunderschöner Friedhof, eigentlich ein Park, von Wegen durchzogen, darin tausende vonGräbern ohne Systematik angelegt, in vielem überwachsen, gar zerfallen. Da steht ein Grabstein mit einer Urne drauf, darunter die kaum mehr leserliche Schrift: «in Memory of Joanna / beloved wife of /Henry Bromley / daughter of / Gustavus Vassa». Was soll neben all den andern Grabmälern, grösseren und kleineren, daran besonders sein? Nun, Joanna Vassa war die jüngere Tochter von «Gustavus Vassa dem Afrikaner». Der war einer der ersten afrikanischen Sklaven, der sich freikaufen konnte und in London 1789 eine Autobiografie veröffentlichte, die ihn weitherum bekannt machte und wesentlich zum Kampf für ein Verbot des Sklavenhandels beitrug.

Abney Park Cemetery ist trotz all der alten, teilweise morschen Bäume und verwitterten Grabsteine nicht ganz so antik, wie er wirkt. Vor kaum 200 Jahren, 1840 ist er eröffnet worden, als sechster der grossen Londoner Friedhöfe, und zwar im Osten der Stadt. Dabei wies er von vornherein eine Besonderheit auf: Er stand allen Konfessionen offen. Deshalb finden sich hier sehr viele NonkonformistInnen begraben, Angehörige jener nicht-katholischen Konfessionen jenseits der staatstragenden Church of England. Darunter sind sehr viele Kongregationalisten, die in calvinistischer Tradition auf selbstverantwortlichen Kirchgemeinden aufbauten und sich verglichen mit anderen nonkonformistischen Gruppierungen noch stärker gegen jede Kirchenhierarchie wandten.

Nicht ganz zufällig waren viele Kongregationalisten Abolitionisten, also Vertreter der Anti-Sklaverei-Bewegung, und setzten sich ab Mitte der 1760er-Jahre für die Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei ein. Etliche von ihnen sind im Abney Park Cemetery begraben. Womit sich ein erster Kreis zu Joanna Vassa schliesst.

Wenig ist über sie bekannt. Geboren wurde sie am 11. April 1795. Ihre Eltern, ebenso wie eine ältere Schwester starben früh, vermutlich wurde sie danach von Verwandten ihrer Mutter aufgezogen. 1821, mit 26 Jahren, heiratete sie Henry Bromley, einen Pfarrer aus Devon. Nach fünf Jahren zog das Ehepaar nach Clavering in Essex im Osten Englands. Es gibt, jenseits von Heirats- und Todeszertifikat und Einträgen in Melderegistern, keinerlei Originaldokumente von Joanna selbst; was wir über sie wissen, ist nur in spärlichen Aufzeichnungen via ihren Ehemann überliefert. Der gab laut eigenem Bekunden wegen der Krankheit seiner Ehefrau nach achtzehn Jahren die Stelle in Clavering auf, und das Ehepaar zog nach London. Dort scheint ein neues Arrangement getroffen worden zu sein, da Joanna Bromley geborene Vassa laut Melderegister in London angemeldet blieb, während Henry eine Pfarrstelle ausserhalb der Stadt annahm. Am 10. März 1857 ist sie gestorben, ihr Grabmal ist also schon bald nach der Eröffnung im Abney Park Cemetery errichtet worden.

Freigekauft

Im Gegensatz zum Schweigen über Joanna wissen wir über ihren Vater Gustavus Vassa umso mehr. Er wurde nach eigenen Angaben 1745 in einer Oberschichtsfamilie in Igboland im heutigen östlichen Nigeria geboren. Mit elf Jahren wurde er von afrikanischen Sklavenhändlern gefangen genommen, diente in verschiedenen Familien als Haussklave, bevor er an einen europäischen Sklavenhändler verkauft wurde. Er überlebte die mörderische Middle Passage, die Reise über den Atlantik in die Karibik, wurde in Barbados von einem englischen Marineoffizier gekauft, als Schiffsjunge eingesetzt, gelegentlich auch vermietet, machte auf Handels- wie auf Kriegsschiffen abenteuerliche Reisen mit, unter anderem 1758 die Eroberung der Festung Louisbourg durch die Engländer in Französisch Kanada. An einen Plantagenbesitzer verkauft, glaubte er, durch die Taufe freizukommen, wurde aber nochmals weiterverkauft; schliesslich konnte er sich doch 1766, erst 21 Jahre alt, freikaufen. Als Schwarzer «Freeman» nahm er in der Folge eine Mittelstellung in der rassistisch organisierten Gesellschaft ein. Auf Schiffsreisen als Matrose, später Proviantmeister betrieb er Handelsgeschäfte auf eigene Rechnung, allerdings jederzeit von der Willkür der Weissen bedroht, mehrfach betrogen, da er vor Gericht keinerlei Rechte besass und auf das Wohlwollen seiner jeweiligen Schiffskapitäne angewiesen war. Doch scheint er ein erfinderischer und widerstandsfähiger junger Mann gewesen zu sein, der Rückschläge immer wieder verkraftete. Nach jahrelanger Tätigkeit auf Handelsschiffen in der Karibik sowie Schiffsreisen nach Nordamerika, nach London und ins Mittelmeer, nahm er 1773 an der berühmten Forschungsreise in die Arktis auf der Suche nach einer Nordwestpassage teil. 1775 beteiligte er sich gar am Versuch, in Zentralamerika eine neue Sklavenplantage aufzubauen. Nach deren Scheitern wurde er zum englischen Regierungskommissar für das Unternehmen verpflichtet, ehemalige Sklaven in die Republik Sierra Leone zu führen und zu betreuen, wurde aber nach Intrigen entlassen.

In seiner Autobiografie von 1789 lässt er keinen Zweifel an der Schändlichkeit und der Grausamkeit des westlichen Sklavenhandels sowie der entsprechenden Plantagenwirtschaft. In vielen Details beschreibt er nicht nur die unmenschlichen Bedingungen der eigenen Middle Passage und seiner Existenz als jugendlicher Sklave, sondern auch die unglaublichen Grausamkeiten, denen sich die Sklaven insbesondere in der Karibik ausgesetzt sahen. Das ist seither von der Geschichtsforschung bis in die grässlichsten Details bestätigt worden, womit zugleich die zuweilen immer noch vorherrschende Meinung widerlegt ist, der englische Kolonialismus sei ein wenig «humaner» als etwa der französische oder später der belgische oder deutsche gewesen.

Dabei blieb Vassas eigene Position gegenüber der Sklaverei lange ambivalent. Unumwunden gesteht er ein, dass auch sein Vater als lokaler Stammesführer Sklaven besass, und er beschreibt den innerafrikanischen Sklavenhandel, der durch Beutezüge und Kriege genährt wurde. Dabei macht er allerdings eine deutliche Unterscheidung. «Aber wie verschieden war ihr Schicksal [der afrikanischen Dienstsklaven] von dem Los der Sklaven in Westindien!» (45) Nach seinem Freikauf verstand er sich lange als Selfmademan, der seines eigenen Glückes Schmied war. Erst allmählich setzte er sich für einzelne andere Sklaven oder Freigelassene ein; das Scheitern der Plantage an der Miskitoküste lieferte ihm auch ökonomische Argumente für die Rückständigkeit der Sklavenhalterwirtschaft. In London lernte er andere Freigelassene kennen; bei einem Gerichtsfall über seinen als unrechtmässig empfundenen Wiederverkauf vertrat ihn der führende Anti-Sklaverei-Aktivist Granville Sharp, mit dem er in der Folge gelegentlich zusammenarbeitete.

Zwei Namen

Offenbar hatte Vassa, der sich Lesen und Schreiben in mehreren Etappen während seiner Tätigkeit als Schiffsjunge und Diener angeeignet hatte, schon während einzelner Reisen ein Tagebuch geführt. 1789 erschien dann seine Autobiografie. Auch dabei zeigte er sich als gewiefter Geschäftsmann. «Printed for and sold by the author», heisst es in der Erstausgabe, und indem er den Verkauf selbst übernahm, konnte er den Erlös vollumfänglich einstreichen. Da er sein Buch unermüdlich propagierte und eine beträchtliche Zahl von bekannten Subskribenten dafür gewinnen konnte, wurde er zu einem durchaus vermögenden Mann. 1792 heiratete er Susannah Cullen aus einer Familie in Cambridgeshire, aus der Ehe erwuchsen zwei Töchter, von denen die ältere früh starb. Als die jüngere, Joanna, ein Jahr alt war, starb die Mutter Susannah, ein gutes Jahr später, am 31. März 1797, auch Gustavus.

Nun wirft diese Geschichte ein paar interessante postkoloniale Fragen auf. Das beginnt mit dem Namen von Gustavus Vassa. Der vollständige Titel der Autobiografie lautet: «The Interesting Narrative of The Life of Olaudah Equiano or Gustavus Vassa, the African. Written by himself». Da benennt er sich also mit zwei Namen. Olaudah Equiano ist der ihm in der Heimat verliehene afrikanische Name. Von seinem ersten englischen Besitzer wurde er zu Gustavus Vassa umbenannt, womöglich in sarkastischer, gar demütigender Anspielung an den mächtigen Schweden-König Gustav Wasa. Zuerst, so schreibt er in seiner Autobiografie, habe er sich gegen den Namen gewehrt, sich dann aber gefügt. Tatsächlich ist er in seiner Freilassungsurkunde als Gustavus Vassa registriert, und entsprechend ist er später öffentlich zumeist unter diesem Namen aufgetreten. Dabei bekam der ihm aufgebürdete Name Vassa sogar eine prophetische Bedeutung, da sich der historische Gustav Wasa, wie Gustavus, einst aus der Gefangenschaft befreit und die Fremdherrschaft der Dänen über Schweden beseitigt hatte; das mochte in England als Anspielung auf schottische Unabhängigkeitsgelüste gelten, da ein Theaterstück über den «Patrioten» Gustav Wasa bis 1805 offiziell verboten war, obwohl es gelegentlich aufgeführt wurde.

Dass Vassa im Titel seiner Autobiografie den Namen Olaudah Equiano an erste Stelle rückt, kann als geschickter Schachzug verstanden werden, seine afrikanische, «exotische» Herkunft zu verbürgen. Auch der Zusatz «der Afrikaner», den er öffentlich gelegentlich verwendete, wies nicht nur auf seinen Anspruch hin, sich als emanzipierter Schwarzer zu verstehen, sondern bezeichnete kommerziell ein weiteres Alleinstellungsmerkmal.

Erst als historische Figur, im 20. Jahrhundert, ist «Vassa» zu «Equiano» geworden; in den heutigen Ausgaben, auch den englischen, fällt der Name Gustavus Vassa zumeist weg. Das scheint allerdings ein kulturelles Missverständnis, ja, eine umgekehrte kulturelle Aneignung zu sein, da es sich bei Equiano nicht um einen Nachnamen im westlichen Sinn, sondern um eine Ausschmückung des eigentlichen Namens Olaudah handelt. Selbst der Historiker Paul Edwards, der sich mit verschiedenen neuen Editionen um Vassa verdient gemacht hat, hat diese Umdeutung vorangetrieben und spricht nur von Equiano.

Eine hübsch aufgemachte Broschüre, in der die wenigen Fakten zu Joanna und ihrem Umfeld zusammengetragen werden, betitelt sich «Equianoʼs Daughter. The life of & times of Joanna Vassa». Aber wenn Joanna die Tochter von Olaudah Equiano und die Ehefrau von Henry Bromley gewesen ist: Woher kommt dann ihr Name Vassa, der ja auch auf ihrem Grabmal eingemeisselt ist? Offenbar muss sie sich selbst als eine Vassa verstanden haben. Die nachträglichen Überschreibungen gehen noch weiter. Während eines «Black Month» in London, mit dem die unterdrückte Schwarze Geschichte in den Fokus gerückt werden sollte, wurde kurzzeitig auch eine rosa Plakette für Joanna Vassa präsentiert, mit der Charakterisierung «Abolitionistin und Aktivistin». Leider gibt es für ein solches Engagement keinerlei Beleg. Ihr Mann Henry Bromley zeigte sich durch die Heirat mit einer von einem ehemaligen Schwarzen Sklaven abstammenden Frau vorurteilsfrei und aufgeschlossen, er war als nonkonformistischer Pfarrer wohl gegen den Sklavenhandel eingestellt, und Joanna mag ihn bei seiner seelsorgerischen und administrativen Arbeit unterstützt haben – aber weder von ihm noch gar von ihr gibt es irgendwelche Äusserungen zum Sklavenhandel oder zur Sklaverei. Nur weil Joanna im Weissen 19. Jahrhundert Schwarz war, muss sie dem heutigen Bewusstsein offenbar als Aktivistin gelten.

Seit ein paar Jahren betreibt eine internationale Forschungsgruppe eine gediegene Website, die vieles zu Gustavus Vassa und seinem Umfeld versammelt. Sie nennt sich «Equianoʼs World», aber damit wird nicht er selbst bezeichnet, sondern all die Geschichten, die sich um ihn als historische Figur entwickelt haben. Bezüglich der realen Person verwendet die Website beide Formen.

In der Autobiografie beschreibt Vassa ausführlich all seine zahlreichen Seereisen, in deren Verlauf er mehrfach tödlichen Gefahren entronnen sei. Die Fahrten in mehreren Kontinenten sind eindrücklich und geben einen Einblick in die sich damals entwickelnde Weltwirtschaft. In einer Vorbemerkung meint er allerdings, er müsse sich wohl nicht nur gegen den Vorwurf der Eitelkeit wehren, sondern dass das Publikum einem Erzähler, «wenn man ungewöhnliche Dinge erzählt, ihm wenig, wenig überhaupt, Glauben schenkt» (41). Das ist eine captatio benevolentiae, wie sie viele zeitgenössische Reiseberichte voranstellen. Und tatsächlich beschleicht einen zuweilen das Gefühl, hier werde doch ein wenig übertrieben, ja sogar, in der Tradition von Jonathan Swifts «Gulliver», satirisiert. Zugleich bedient sich Vassa immer wieder einer ironischen Kontrastierung zwischen den humanen christlichen Vorstellungen und dem wirklichen Verhalten der Weissen Herren.

Exkurs 1: Munchausen und der Sklavenhandel

Praktisch gleichzeitig mit der «Merkwürdigen Lebensgeschichte» ist in London eine andere merk-würdige Lebensgeschichte erschienen, nämlich die ursprünglich 1789 anonym veröffentlichten Abenteuer des Baron Munchausen. Die machten schon im Titel auf das Dilemma der abenteuerlichen Reiseberichte aufmerksam: «Der auferstandene Gulliver oder das Laster zu lügen, umfassend dargestellt». Wenn Vassa all seiner Abenteuer ein bisschen überdrüssig ist, fügt er gelegentlich zu einer weiteren Reise an: «es begegnete uns nichts von Bedeutung» (230), was auch Munchausen gelegentlich beinahe wörtlich formuliert, um darauf nur umso grösser aufzutrumpfen. In den von Rudolf Erich Raspe verfassten Münchhausen-Geschichten gibt es eine kritische Episode zum Sklavenhandel auf dem Umschlagplatz Deptford an der Themse, den auch Vassa aus eigener schmerzlicher Erfahrung kannte. In der Fortsetzung des Münchhausen von 1792 nimmt Raspe auf jene Forschungsreise in die Arktis unter Kapitän Constantine John Phipps von 1775 Bezug, an der Vassa – so wie übrigens ein junger Horatio Nelson – teilnahm, und der von Vassa geschilderte Kampf mit Bären und Walrossen wird von Munchausen ebenso satirisch wie grausam überhöht, da er hunderte von Eisbären nur wegen deren Hinterschinken abschlachtet. Der Munchausen enthält im Übrigen in satirischer Form eine der schärfsten Anklagen gegen den Sklavenhandel, wenn der Baron einem Schiff begegnet, auf dem eine Schwarze Besatzung Weisse Sklaven zur Arbeit in Plantagen in der Arktis verschifft; dass den Weissen dabei gar die Seele abgesprochen wird, empört Munchausen so sehr, dass er das Schiff entert und die ganze Schwarze Besatzung über Bord wirft.

Vorläufer

Die «Merkwürdige Geschichte» ist nicht der erste englische Erlebnisbericht eines ehemaligen Sklaven. Bereits 1782 waren posthum «Briefe» von Ignatius Sancho veröffentlicht worden, in denener die eigene Kindheit und Jugend als Sklave sowie den späteren Aufstieg unter der Patronage des Duke of Montague schilderte. Noch früher, 1770, hatte Ukawsaw Gronniosaw einen Lebensbericht publiziert, und 1787 erschien von Ottobah Cugoano das Pamphlet «Thoughts and Sentiments on the Evil and Wicked Traffic of the Slavery and Commerce of the Human Species». Es gibt in der Forschung Vermutungen, dass Gustavus Vassa an der Abfassung des Werks beteiligt war, jedenfalls wirkten Cugoano wie Vassa danach zunehmend aktiv in der Abolitionistenbewegung mit. Dabei wurde Vassas Bericht zweifellos das durchschlagskräftigste und einflussreichste Buch. Nicht weniger als acht Auflagen erschienen noch zu Lebzeiten, und immer wieder wurde das Werk als Beleg für die Verderblichkeit der Sklaverei zitiert und angeführt.

Das hat auch mit der Perspektive von Vassas Lebensbericht zu tun. Schon im Vorwort betont er, dass er sich im Vergleich mit dem zumeist viel grausameren Schicksal der meisten seiner Landsleute als «besonderen Liebling des Himmels» ansehen müsse (41). Tatsächlich ist seine Geschichte als eine Heilssuche und Missionsgeschichte angelegt. Während er zu Beginn noch die magischen Rituale seiner Herkunftsgesellschaft schildert und manche ihm unbekannten Phänomene der westlichen Gesellschaft deren überlegener magischen Kraft zuschreibt, sucht er angesichts der ihn bedrängenden Gefahren durch Mensch und Natur zusehends ein gottesfürchtiges, christliches Leben. Dieser Anpassungsversuch an die Mehrheitsgesellschaft hat eine untergründige pikante Note. So beschreibt er, wie er alle westlichen Religionen und Konfessionen geradezu einem Lackmustest unterzieht, wobei ihn vorerst alle unbefriedigt lassen, sowohl in theologischer Hinsicht wie angesichts der zumeist gottlosen Praxis der Weissen(226). Vorübergehend bezeichnet er gar die muslimischen Türken als das ehrenwerteste Volk, das ihm begegnet sei. Schliesslich findet er den wahren Glauben bei den Kongregationalisten, was durchaus eine politische Komponente hat, da sich diese zusammen mit den Quäkern am stärksten für die Emanzipation der Schwarzen einsetzten.

Exkurs 2: Vassa in Deutschland

Auf deutsch ist das Buch bereits 1792, nur wenige Jahre nach dem Original, erschienen. Die englische Publizistik hatte in der sich international verstehenden aufgeklärten Öffentlichkeit eine zentrale Bedeutung, und viele Werke wurden jeweils schnell übersetzt.«Olaudah Equiano’s oder Gustav Vasa’s, des Afrikaners merkwürdige Lebensgeschichte» wurde in Göttingen von Johann Christian Dieterich, dem Begründer der Dieterichʼschen Verlagsbuchhandlung, publiziert. Als Übersetzer wird Georg Friedrich Benecke (1762-1844) angegeben. Der war nach einem Studium an der Uni Göttingen seit 1789 an der Bibliothek Göttingen angestellt, war ein Freund von Georg Christoph Lichtenberg und gilt als Begründer der deutschen Philologie.

Ideologiegeschichtlich ergibt sich via Vassa eine noch gewichtigere Beziehung zwischen England und Deutschland. Der Göttinger Wissenschaftler Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) hat als Begründer der physischen Anthropologie einen extrem gegensätzlichen Ruf: Während er einerseits für rassistische Theorien vereinnahmt wurde, versteht man ihn heute umgekehrt als Begründer einer antirassistischen Anschauung in der Anthropologie. 1775 stellte er in seiner Dissertation aufgrund vergleichender anatomischer Studien erstmals Überlegungen zu den verschiedenen Varietäten der Menschen an, die er später im Werk«Über die natürlichen Verschiedenheiten im Menschengeschlechte» systematisierte. Darin benannte er fünf Menschen«rassen», die er aber als Teil der selben Menschheit betrachtete. «Es gibt fünf Hauptvarietäten des Menschengeschlechts, jedoch nur Eine Gattung desselben.» Entsprechend vertrat er einen Monogenismus, wonach alle Menschen den selben und einzigen Ursprung hätten. Laut Blumenbach war das Menschengeschlecht ein Kontinuum leicht verschiedener, aber miteinander verbundener Formen, in heutiger Terminologie also eine biologische Spannbreite oder ein Spektrum.

Zu Lebzeiten war er zwar kein expliziter Verfechter des Abolitionismus, betonte aber in seinen Schriften immer wieder, dass die Schwarzen bezüglich ihrer «natürlichen Geistesanlagen und Fähigkeiten» anderen Varietäten der menschlichen Gattung nicht unterlegen seien. Um dies zu belegen,sammelte er zeitgenössische Publikationen afrikanischer AutorInnen. So besass er auch Vassas Lebensbericht; 1790 veröffentlichte er eine Besprechung desselben, die, bei paternalistischen Anklängen, festhielt, in diesem Buch präsentiere sich«ein braver Neger, der sich als nützlicher und angenehmer Schriftsteller zeigt». Im Buch «Beyträge zur Naturgeschichte» (1790) nannte er Vassa zusammen mit Ignatius Sancho «zwey vortrefliche Neger», die «in England als Schriftsteller berühmt worden», ebenbürtig «vielerihrer weissen Brüder», wobei er Vassa gegenüber Sancho mehr «gesetzten Ernst», aber auch Witz zubilligte.

Ende 1791 oder Anfang 1792 haben sich die beiden womöglich in London getroffen; jedenfalls hat das Blumenbach selbst berichtet. Vassa mag ihn als Beispiel eines sich selbst bildenden Afrikaners interessiert haben. 1796 publizierte Blumenbach in den «Abbildungen naturhistorischer Gegenstände»kurze biografische Abrisse dreier gebildeter und erfolgreicher Nicht-Europäer. Alle drei waren in nicht-schriftlichen Kulturen aufgewachsen, zeichneten sich aber öffentlich aus, nachdem sie in Europa beziehungsweise Amerika eine Bildung genossen hatten.

Vassa selbst setzt sich mit dem Thema der «Rasse», jenseits der Sklavenbefreiung, gelegentlich auseinander. Als er als Junge in einer englischen Familie dient, will er so wie das weisse Mädchen der Familie werden, indem er sich seine schwarze Hautfarbe abzuwaschen versucht. Der scheiternde Versuch hat weiter gehende Konsequenzen. «Unsere unterschiedliche Hautfarbe fing nun an, mich zu beunruhigen» (83) – wozu es später mannigfaltige Gründe gibt. Doch in seiner programmatischen Einleitung meint er: «Viele Beispiele zeigen, wie sich die Hautfarbe ein und desselben Menschen unter verschiedenen Himmelstrichen verändert; hoffentlich können sie die Vorurteile vertreiben helfen, die einige gegen die Afrikaner ihrer Farbe wegen hegen.» (50) Für den jeweiligen Entwicklungsstand scheinen ihm die Umstände bedeutsamer, wofür er auch theologische Argumente anführt. «Gibt es nicht Gründe genug, aus denen sich erklären lässt, warum die Afrikaner den Europäern so offensichtlich unterlegen sind, ohne dass man der Güte Gottes Grenzen setzen müsste, indem man annimmt, er habe Geschöpfen, die doch gewiss auch sein Abbild sind, deshalb das Geschenk der Vernunft versagt, weil dieses Abbild in Ebenholz geschnitten ist? Kann es nicht ganz natürlich ihrer Situation zugeschrieben werden? […] Der verfeinerte und hochmütige Europäer erinnere sich nur daran, dass seine Vorfahren einmal, ganz wie die Afrikaner, unzivilisiert, ja Barbaren waren. Gestaltete die Natur diese schlechter als ihre gegenwärtigen Söhne, und hätten auch siezu Sklaven gemacht werden sollen? Jeder vernünftige Mensch antwortet: Nein.» (50f.)

In Deutschland geriet Vassas Bericht im 19. Jahrhundert in Vergessenheit. Erst 1990 ist eine überarbeitete deutschsprachige Fassung der Lebensgeschichte erschienen. Da lautet der Titel plötzlich: «Merkwürdige Lebensgeschichte des Sklaven Olaudah Equiano, von ihm selbst veröffentlicht im Jahre 1789». Vom «Sklaven» ist freilich in den Titeln der englischen Ausgaben nie die Rede, ja, der Titel der nach wie vor einzig vorliegenden deutschen Ausgabe ist inhaltlich falsch, weil er mit der Formulierung «Lebensgeschichte des Sklaven … von ihm selbst veröffentlicht», suggeriert, dass Equiano zum Zeitpunkt der Abfassung immer noch Sklave gewesen sei. Vor allem aber hat Vassa seinen Lebensbericht gerade als Emanzipationsgeschichte aus dem Zustand der Sklaverei verstanden.

Aufstände

Soweit die Welt von Joanna und Gustavus Vassa. Im Abney Park Cemetery allerdings sind weitere Abolutionisten begraben, vor allem aus späteren Phasen der Bewegung, nachdem das formelle Verbot des Sklavenhandels 1807 durch das englische Parlament nicht die erwarteten Verbesserungen gebracht hatte. Da liegt etwa der Reverend Thomas Burchell (1799-1846), baptistischer Missionar in Jamaika, der zugleich freie Ansiedlungen für Sklaven förderte. 1831 reiste er zurück nach London, wo er eine Unterstützung der Emanzipationsbewegung durch den König erwartete. Als er mit leeren Händen zurückkehrte, erhoben sich an Weihnachten 1831 die meisten Sklaven seines Missionsgebiets und verweigerten die Arbeit. Baptistisch getauft, waren sie stärker als andere Sklaven bereit, Autoritäten anzuzweifeln. Unter der Führung einheimischer Missionare radikalisierte sich die Bewegung zu einem Aufstand, an dem sich rund 60ʼ000 Sklaven beteiligten. Die Revolte wurde nach elf Tagen blutig niedergeschlagen, wobei sich auch Gruppen von Maroons, freigekommene ehemalige Sklaven aus der spanischen Besatzungszeit, auf die Seite der Briten stellten, da sie sich davon eine Absicherung der eigenen Stellung versprachen. Über 500 Sklaven wurden bei Kämpfen oder durch die nachfolgende Repressionswelle getötet. Burchell wurde der Kollaboration verdächtigt, konnte aber vorübergehend nach England entfliehen. Andere baptistische Missionare wurden von Plantagenbesitzern geteert und gefedert, was wiederum in England für viel Empörung sorgte und 1833 zur Annahme eines Gesetzes zur, zumindest nominellen, Abschaffung der Sklaverei beitrug. In Jamaika selbst wurde der «Baptist War» genannte Aufstand, obwohl ein blutiger Misserfolg, ein Fanal für die künftige Unabhängigkeitsbewegung. Burchell gründete in der Folge auf Jamaika verschiedene Schulen und wohltätige Institutionen. Nach seinem Tod 1846 wurde er im Abney Park Cemetery beigesetzt; 150 Jahre später, 1992, haben seine Nachfahren anstelle des alten verwitterten Grabsteins einen neuen setzen lassen.

Ebenfalls hier begraben liegt Aaron Buzacott (1829-1881), Sekretär der Gesellschaft gegen die Sklaverei. Dazu, nebeneinander, Reverend Christopher Newman Hall und Reverend James Sherman, beide führende Vertreter des Abolitionismus.

Sherman (1796-1862), der in Islington predigte, schrieb beispielsweise 1852 ein feuriges Vorwort zur Buchausgabe von «Uncle Tomʼs Cabin» von Harriet Beecher Stowe. Newman Hall (1816-1902), früh sozial engagiert, war ebenfalls ein einflussreicher Pfarrer, Prediger und Publizist, der insbesondere während des Amerikanischen Bürgerkriegs als Propagandist für die Sache der Sklavenbefreiung eintrat. Und so liegen sie beieinander: links am Boden, kaum sichtbar, mit noch knapp lesbarem Schriftzug, die Grabstätte von Newman Hall, rechts der etwas abgesunkene Sarkophag von James Sherman, der im Übrigen einer der Gründer des Abney Park Cemetery war.

Ja, manches liegt im Argen oder im Verborgenen im Abney Park. Etwa der bescheidene Grabstein für Thomas Canry Caulker (1846-1859). Caulker war der Sohn eines zum Christentum konvertierten Stammesfürsten in Bompey im heutigen Sierra Leone. Zur Erziehung nach England geschickt, erkrankte er dort und starb mit dreizehn Jahren in Islington. So sah das Grabmal Anfang Dezember 2022 aus, bevor eine barmherzige Hand zumindest den Efeu ein wenig zur Seite schob.

Was so eher unbeabsichtigt an die Vergänglichkeit menschlichen Tuns erinnert, hat seine handfesten Gründe in der Geschichte von Abney Park Cemetery. 1840 durch eine private Stiftung lanciert, war der Friedhof ursprünglich ein grosser Erfolg, wenn denn dieses Wort angemessen ist. Bereits im ersten Jahrzehnt wurden 5000 Grabstätten angelegt, und bis 1855 waren es 14ʼ000. Mittlerweile sind in über 60ʼ000 Gräbern rund 200ʼ000 Menschen bestattet. Das konnte seit Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich die Bindung an die den Friedhof einst tragenden konfessionellen Gemeinden abschwächte, kaum unterhalten werden, ja, Mitte der 1970er-Jahre musste die damalige Stiftung Konkurs anmelden. Ein Jahrzehnt lang blieb der Friedhof sich selbst und der Natur überlassen. Erst Mitte der 1980er-Jahre besann sich die Bezirksverwaltung von Hackney ihrer historischen Verpflichtung und führt Abney Park Cemetery seither zusammen mit einer neuen privaten Stiftung. Die lange Vernachlässigung hatte immerhin das erfreuliche Resultat, dass der Friedhof mittlerweile als kleines Naturreservat gelten kann, in dem sich mit einigem Glück seltene Schmetterlinge beobachten lassen. Unterhalt und Betrieb allerdings bleiben weiterhin prekär. In den letzten zwei Jahren ist mit Unterstützung verschiedener Institutionen die Restaurierung der mitten im Park angesiedelten Abdankungskirche begonnen worden. Die Freilegung, Sicherung und Pflege mancher Grabstätten ist dagegen Freiwilligenarbeit vorbehalten. Zweifellos wären dabei, wie im Falle von Joanna Vassa, weitere Entdeckungen zu machen.

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