Krisen, Krisen

Grossbritannien steckt in einer Krise, ökonomisch, sozial, moralisch. Im Land prägen sich Verwerfungen früher und schärfer aus, die für viele andere Länder gelten. Was muss die oppositionelle Labour Party tun, falls und wenn sie an die Macht gelangt? Kann die Debatte darum auch für andere linke Parteien Anregungen vermitteln? Der Politologe Geoff Andrews stellt in seiner Analyse die Aufgabe für Labour in eine grössere historische Perspektive.

Ein neuer moralischer Kompass für Labour

Von Geoff Andrews

Labour liegt in den gegenwärtigen Meinungsumfragen gegenüber den Konservativen weiter voraus als je zuvor in den letzten 25 Jahren. Aber wir wissen immer noch nicht, was die Partei anders machen will, wenn sie einmal an der Macht ist. Labour-Chef Keir Starmer warnt, dass «wir aus dem von den Konservativen angerichteten Schlamassel nicht durch höhere Staatsausgaben hinaus kommen werden». Das soll uns freilich nicht daran hindern, Alternativen und Werte zu diskutieren, auf denen solche Alternativen aufbauen. Krisen oder die Auswirkungen von Kriegen haben den Radikalismus von Labour immer wieder befeuert, sehr oft angeregt durch eine moralische Debatte über den Zustand der Nation. Die gegenwärtige Krise mag nicht so schlimm sein wie die Schrecken des 20. Jahrhunderts, aber das Land ist zerrissen, der Lebensstandard sinkt, die Infrastruktur zerbröckelt, und es gibt eine wachsende Kluft zwischen den PolitikerInnen und der Bevölkerung. Der moralische Verfall des politischen Apparats unter der gegenwärtigen konservativen Regierung mit ihrer Vetternwirtschaft, Unehrlichkeit und ihren Privilegien steht im scharfen Gegensatz zu den Opfern vieler Arbeitender während der Pandemie, von denen gegenwärtig zahlreiche streiken. Das sollte ein fruchtbarer Boden für Labour sein.

Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs verstärkten die ethische Dimension der politischen Ideale der Arbeiterbewegung, die sich nach der Ausweitung des Stimmrechts auf mehr Arbeiter und 1918 auch auf Frauen aus den bisherigen Vereinen und Gesellschaften zu einer nationalen Partei zusammenschloss. In seinem Buch «The Aims of Labour» (1918) verkündete der damalige Parteisekretär Arthur Henderson eine «neue Ordnung» von Freiheit, Brüderlichkeit und Demokratie, die aufbaue auf dem «wunderbaren Geist der Loyalität und der bemerkenswerte Stärke, Mut und Entschiedenheit während des ganzen Kriegs». R. H. Tawney, der beredsamste sozialistische Denker, warnte in seinen «Some Reflections of a Soldier» (1916) vor dem «Schleier der Falschheit» durch Politiker und Zeitungen, der den latenten Wunsch nach Veränderung und demokratischer Erneuerung verunkläre. Vor dem Weltkrieg hatte Tawney während der ersten Jahre in der Worker`s Educational Association unterrichtet. Er glaubte, eine Bildungsreform sei nötig, um die individuellen Aspirationen zu befriedigen, die durch die Opfer des Kriegs dringlich geworden seien; während zugleich die Widerstandskraft der Fabrikarbeiter zeige, dass die Wirtschaft der Gemeinschaft mehr dienen sollte als dem «Reichtum und dem Wohlbefinden von Einzelnen».

Der Zweite Weltkrieg veranlasste George Orwell zur Behauptung, das alte durch Klassenherrschaft geprägte System von Snobismus und Privilegien, «in dem vorwiegend die Alten und Albernen herrschten», werde nicht überleben. Die Ungleichheiten des Kapitalismus untergrüben das Gemeininteresse, wobei, wie während des Ersten Weltkriegs (und während der Covid-Pandemie), die Opfer ungleichmässig verteilt seien. «Die ausgebombte Bevölkerung des Londoner East End ist hungrig und obdachlos, während die reicheren Opfer in ihre Autos steigen und in ihre behaglichen Landhäuser fliehen», schrieb er in «The Lion and the Unicorn» (1941). Er anerkannte, dass britische Arbeiter die Leiden des Kriegs nur ertragen würden, wenn es «irgendeinen Beweis gab, dass ein besseres Leben vor ihnen und ihren Kindern lag». Das Programm von Labour von 1945, vom führenden linken Denker und Visionär nach dem Krieg, Michel Young verfasst, versuchte, Orwells Ansicht, dass eine radikale soziale Veränderung nötig war, in die Praxis umzusetzen.

Die Pandemie ist kein Krieg gewesen, aber sie war eine Zeit der nationalen Krise, die zum Verlust von Leben, zu persönlichem Leiden und zum Wunsch nach einer neuen Regelung führte, um den Gesundheitsdienst und das politische System im weiteren Sinne zu retten. Und dies zu einem Zeitpunkt, da das Land in der Konsequenz des Brexit und des EU-Austritts so gespalten war wie seit Generationen nicht mehr. Doch Labour ist in seinen Ambitionen bemerkenswert zurückhaltend geblieben und wartet ab, indem man die internen Zwistigkeiten bereinigt und zuschaut, wie die Konservativen implodieren. Das hat der Partei zwar die Möglichkeit eines Wahlerfolgs eröffnet, aber sie eines längerfristigen Projekts der Erneuerung beraubt.

Einige Mitglieder der Labour-Führung argumentieren kühner, der Slogan «Die Kontrolle zurückgewinnen», der ursprünglich aus der Brexit-Kampagne stammt, könne Labour wiederbeleben, indem man dadurch einen moralischen Zweck gewinne. In ihrem jüngsten Buch «All In» argumentiert Lisa Nandy, Ministerin für Regionen im Schattenkabinett, sowohl das Brexit-Abstimmungsresultat wie die Reaktion auf die Handhabung der Pandemie widerspiegelten ein weitverbreitetes Gefühl, dass die Macht fernab, jeder Verantwortung entzogen und ungleich verteilt sei. Ihre Besuche in Spitälern, Pflegeheimen sowie in Städten und Gemeinden, die sich als «abgehängt» verstanden, hätten klar gezeigt, dass die Lasten ungleich verteilt gewesen seien und eindeutige Gewinner und Verlierer hervorgebracht haben. Das habe Zorn erzeugt und zugleich «einen Wunsch nach Mitverantwortung und Kontrolle sowie einer Mitbeteiligung am System». Zur gleichen Zeit habe sie oft die ethischen Werte der gegenseitigen Hilfe, der Solidarität und des Gemeinsinns kennen gelernt, als die Leute ihre Gemeinschaften verteidigten.

Es ist viel darüber gesagt und geschrieben worden, welchen wirtschaftlichen Problemen sich Labour in der Regierungsverantwortung gegenüber sehen wird, und wir wissen noch nicht, was «die Kontrolle zurückgewinnen» praktisch heissen könnte. Damit dies mehr als ein leerer, medientauglicher Begriff wird, muss sich Labour mit jenen verbünden, die während der Krise am meisten gelitten haben. Das sollte eine moralische Grundvoraussetzung sein, um die Macht zu übernehmen. «Wir müssen im Frieden den Idealismus aus dem Krieg weiterführen», meinte Tawney vor hundert Jahren. Labour muss sowohl den Zorn wie auch die Aspirationen der Leute ernst nehmen, wenn die Partei wirklich das Land neu aufbauen will.

Geoff Andrews unterrichtet an der Open University und hat mehrere Bücher zur Geschichte der britischen Arbeiterbewegung verfasst. Der Originalbeitrag erschien in der Zeitschrift Prospect, London 2023, siehe https://www.prospectmagazine.co.uk/politics/labour-party-keir-starmer-lisa-nandy-radical-second-world-war-covid-crisis. Übersetzung aus dem Englischen von Stefan Howald.

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