Vom Rauschen der Blätter

Zum Unesco-Welttag des Buches am 23. April

«Die Gutenberg-Galaxis» heisst ein Buch, das schon vor einigen Jahren erschienen ist und trotz des etwas gar aufs süffige, verkaufsträchtige Schlagwort zielenden Titels durchaus ins Zentrum einer Revolution trifft, da mit dem Buchdruck sich ein neues Universum oder eben eine Galaxie an Gedrucktem auftat, in allerlei Flugblättern, Broschüren, aber auch Büchern, obwohl die damit bezeichnete Sache einer in ein Konvolut gebundenen Handvoll oder auch zweier, auch mehrerer Handvoll Blättern natürlich schon zuvor vorhanden war, wobei wir nicht einmal auf die unzutreffend, ja, eurozentrisch als fremdländisch bezeichneten Kulturen zurückgreifen müssen, sondern uns, wenn wir hier diesen generischen Begriff gebrauchen dürfen, durchaus auf unser (!) eigenes, gar nicht so finsteres Mittelalter zurückbesinnen können, in der dicke Folianten, und zwar wunderschöne, in den Klöstern in ungebundener Musse verfertigt wurden, die allerdings den Augen der Laien, welche die übergrosse Mehrheit der Bevölkerung stellten, entzogen waren, so dass erst die eben erwähnte Revolution einen grossen Schritt für die etwas idealistisch bezeichnete Menschheit bedeutete und allerlei folgenreiche Entwicklungen wie Aufklärung, Öffentlichkeit, Demokratie usw. nach sich zog, wobei natürlich nicht von einer einzigen Kausalität gesprochen werden soll, sondern von einem vielfältigen Geflecht an Einflüssen, Bewegungen, Beziehungen etc., in die sich die nicht zufällig als schwarze, magische Kunst bezeichnete Drucktechnik mit einem bei dem nach wie vor theoretisch hilfreichen Louis Althusser entlehnten und in unserem Zusammenhang in doppelter Hinsicht passenden Begriff «einschrieb», so dass wir vor der Situation stehen, dieses Universum oder diese Galaxis nicht durch irgendwelche Begriffe und Konzepte grössenwahnsinniger High-tech-Kapitalisten unterlaufen, zerstören, ersetzen zu lassen, wobei dieser Abwehrkampf nicht etwa kulturpessimistisch angeleitet ist, da die Herstellung dieses Text demonstriert, wie sich den in diesem Beispiel allerdings nicht mehr gar so neuen Technologien durchaus Praktikabilitäten, Vorteile abgewinnen lassen, wobei wir allerdings nicht in den Hype um die KI einstimmen wollen, der zwar unzweifelhaft Gefahren innewohnen, die aber gegenwärtig von interessierter Seite gesteigert werden, um im Gegenzug ebenfalls technologisch angeleitete «Lösungen» präsentieren i.d. verkaufen zu können, was die Verteidigung des haptischen Buchs und des analogen Lesens umso dringlicher macht.

Bücher? Lesen? Ja. Was wären wir ohne sie, Fragezeichen. Nein, Ausrufezeichen. Dumm? Wohl nicht. Aber weniger gescheit. Und weniger aufs Mögliche vorbereitet. Ohne Fantasien für und gegen die Macht. Sie eröffnen Welten. Sie öffnen die Welt. Punkt.

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