Noch ein Bündel zum Lesen

Unesco-Welttag des Buches II

Sonett

Wenn einer, oder eine, im Wald von Arden
Wo Reih an Reih die Bäume stehn und durchs Dickicht
versperrt wird jedweder Anschein auch nur von Licht
zu lesen lechzt ein Sonett, ein Stück des Barden

Stücke, die einst für das Rund des Globe geschaffen
worin Frauenherzen durcheinander fliegen
– daraus entstehen dann zahllose Intrigen
Auf, Capulets! greift zu den geschärften Waffen

Wer trotz gefährlichen Getiers im Walde froh
zu lesen wünscht, wie es ihm oder ihr gefällt
von diesen Brettern als einer eigenen Welt

auch wem der Gedanken Blässe verwirrter Geist
den Weg zu keinem Pferd für ein Königreich weist
dem nützte wohl die gross gedruckte Folio.

 

Limerick

Da gabs einen eifrigen Leser in D.
Der glaubte, gefunden zu haben den Dreh
durch Bücher im Schnellzug zu eilen
bei Schlagwörtern bloss zu verweilen
So bleibt er jetzt leider ein Denker in spe.

 

Zahme Xenie

Das Buch ist des menschlichen Geistes funkelnde Quelle
Wenn es ihm fehlt, steht unsre Welt dürr und nackt.

 

Ode

Du machst wieder lebendig, was abgetan, verdrängt, in den
Orkus gestossen, wo graue Schatten von Menschen sinnlos sich drängen:
Herrscherin der Erinnerung, Du, Mnemosyne, gütig & schmerzhaft,
und zu uns Menschen bringen es Deine Töchter, neun an der Zahl.

Hell wie die Grasmücke tönt der Klang, wenn Euterpe das Flötenspiel anleitet
und Kalliope verleiht dem Gesang dazu die nötige Kraft,
des Leibes Gestalt beugt Terpsichore zu anmutigen Gesten, Klio schürft im
Gestein der Geschichte, und Urania hebt uns die Augen zu den Sternen empor.

Mir aber die liebsten seid Ihr, die ihr den Geist zu Worten bündelt,
die wir Menschen mit scharfem Griffel in nachgiebigen Ton ritzen
frei schwebend, vielfältig, in Reim & Rhythmus; selbst Du, Polyhymnia,
die, selbstbezüglich, die Kraft jener beschreibst, der Du selbst angehörst.

Dunkel lässt Melpomene uns in Abgründe der menschlichen Seele blicken,
und Thalia führt scharfzüngig zum befreienden Lachen hinauf.
Die schönste doch bist Du, umschmeichelst mit sanften Tönen,
was wir zum Leben, zum Lesen – also zum Leben brauchen: Erato.

 

Dieser Beitrag wurde unter Kulturkritik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.