Ein utopischer Mai zu Christa Wolf

Kein Ort. Nirgends. Darin verflüchtigten sich selbstbestimmte Lebensentwürfe für Frauen. Aber Christa Wolf hat sie in Büchern aufbewahrt: Christa T. Kassandra. Medea. Auch in den eigenen Kindheitsmustern wurden sie aufgespürt, in Sommerstücken oder in Störfällen leibhaftig am eigenen Körper. Auf der Suche nach andern Menschen zeigte sich, dass der Himmel von mehreren Bruchlinien, politischen, geschlechtlichen, sozialen, geteilt ist.

Christa Wolf (1929-2011) war ab den 1960er-Jahren eine der gewichtigsten deutschsprachigen Autorinnen. Ganze Generationen von Leserinnen und Lesern hat sie begeistert und angeregt. Zeit, sie wieder ins öffentliche Bewusstsein zu holen.

Als Karin Aleksander von der Berliner Christa Wolf Gesellschaft an den bücherraum f herantrat und die Übernahme einer Christa-Wolf-Wanderausstellung vorschlug, waren wir entsprechend entflammt. Aber unser Raum schien uns für eine solch leuchtende Sache denn doch ein wenig zu klein. Da traf es sich gut, dass uns Leonie Staubli von der Pestalozzi-Bibliothek Oerlikon kürzlich angefragt hatte, ob wir uns eine punktuelle Zusammenarbeit vorstellen könnten. Die Ausstellung in Form von vierzehn grossformatigen Bannern dünkte uns ein guter Ausgangspunkt. Also erkundeten wir die beiden Räumlichkeiten und fanden bald eine Lösung in Form einer Aufteilung: neun überlebensgrosse, grafisch eindringlich gestaltete Schauelemente in der Pestalozzi-Bibliothek, fünf im bücherraum f. Auch thematisch bot sich eine gewisse Arbeitsteilung an: in ersterer eher die literarischen, in zweiterer eher die politischen Themen, wobei das natürlich dialektisch verschränkt ist und sich nur pragmatisch trennen lässt. Wenn also Passagen aus «Kassandra» zitiert werden, oder wenn die Rezeption in Ost und West verglichen wird, wenn Behinderungen der Arbeit in der DDR zur Sprache kommen oder Lebensläufe in unterschiedlichen Gesellschaftsformationen, dann wird das Literarische politisch und umgekehrt.

Als Rahmen für die Ausstellung organisierten wir drei Veranstaltungen, deren Durchführung finanziell der Verein Frauenzentrum Zürich unterstützte. So wurde der Mai zum veritablen Christa-Wolf-Monat.

Die technische Konstruktion der Banner erwies sich in einer Mischung aus Diavortrags-Leinwand und verlängerbaren Zeltstangen als überraschend einfach; in der Pestalozzi-Bibliothek empfing das einleitende Banner beim Treppenaufgang in den ersten Stock, fortgesetzt von einem auf dem Treppenabsatz, und die ganze Weite und Vielfalt von Leben und Werke entfaltete sich dann im ersten Stock neben und zwischen den Büchergestellen mit der Belletristik der pbz Oerlikon. Christa Wolfs Tochter Katrin Wolf und ihr Mann, der Grafiker Martin Hoffmann, der die Banner gestaltet hatte, halfen am Montagmorgen, den 6. Mai tatkräftig beim Aufstellen, rückten hier noch etwas zurecht, legten dort noch einen Kartonstreifen unter den Ständerfuss, um ihn richtig vertikal zu stellen; danach gings auf die andere Seite der Oerlikoner Geleise in den bücherraum f, wo fünf Banner den mittleren Raum umrundeten.

Feminismus

Für die Vernissage konnte der bücherraum f der pbz mit einigen Stühlen aushelfen, die wiederum einst in der Buchhandlung Nievergelt gestanden hatten, welche – trotz des fragwürdigen Entscheids der pbz-Zentrale, die ganzen Buchbestellungen der pbz nicht mehr durch die lokalen Buchhandlungen abwickeln zu lassen, sondern dem gefrässigen Moloch der Buchbranche zu vergeben, wofür aber die lokale Filiale und deren Mitarbeiter:innen ja nichts können – den Büchertisch gestaltete (Oerlikon ist ein kulturelles Dorf).

Die Vernissage eröffnete als Gastgeberin Leonie Staubli von der pbz, danach führte Stefan Howald Katrin Wolf ein, die einst als Gleichstellungsbeauftragte in der letzten DDR-Regierung 1990, danach als Trainerin für transkulturelles Lernen und gewaltfreie Konfliktbearbeitung mit NGOs auch in Osteuropa und ab 2007 als stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung filia.die frauenstiftung in Hamburg arbeitete.

Katrin Wolf las Ausschnitte aus verschiedenen Büchern von Christa Wolf, in denen sich deren feministischer Ansatz zeigt – Feminismus sei allerdings ein zu starrer Begriff dafür, es gehe um die Lebensumstände von Frauen, oftmals tragisch scheiternd. Katrin Wolf bestätigte eine gewisse Skepsis ihrer Mutter gegenüber dem westlichen Feminismus und dessen Themensetzungen, weil in der DDR doch einiges selbstverständlich gewesen sei, um das in der BRD damals noch gestritten wurde: die Arbeitstätigkeit der Frauen, dank Kinderkrippen, und damit deren finanzielle Selbstständigkeit; auch der Paragraf 218, der in Deutschland bis heute Abtreibungen im Prinzip verbietet, sei früh abgeschafft worden. Deshalb sei zum Beispiel «Kassandra» in der DDR mehr als Fanal gegen Aufrüstung und Krieg als in der Darstellung von Geschlechterverhältnissen rezipiert worden.

Lange, so erläuterte sie in persönlicher Hinsicht, habe sie sich nicht als Tochter einer berühmten Schriftstellerin definieren lassen wollen, und erst nach dem Tod der Mutter 2011 und jetzt auch des Vaters im letzten Jahr sei sie als Nachlassverwalterin von deren künstlerischem Vermächtnis in eine neue Situation gerückt. Sie deutete an, dass sie ihre Mutter zuweilen allzu selbstquälerisch empfunden habe, setzte ihren Eltern aber ein liebevolles Denkmal, gerade auch ihrem Vater Gerhard Wolf, für den gleiche und gleichberechtigte Arbeit im Haushalt und im Alltag selbstverständlich gewesen sei.

Zum Abschluss der Vernissage präsentierte die Philosophin Karin Aleksander die 2014 gegründete Christa Wolf Gesellschaft und deren Aktivitäten, etwa die Aufarbeitung des Nachlasses und die an der Humboldt Universität in Berlin im Rahmen der Arbeits- und Forschungsstelle Privatbibliothek Christa und Gerhard Wolf durchgeführte peinlich genaue Rekonstruktion des Arbeitszimmers von Christa Wolf mit allen einst gesammelten Büchern. Der Abend in der pbz war ein schöner Erfolg, es gab eine knappe, lautstarke Beschwerde wegen der zu geringen Lautstärke der Vorträge, ansonsten waren nur begeisterte Stimmen zu vernehmen.

 

 

 

 

 

Sprache

Am 16. Mai trafen sich im bücherraum f die drei Schriftstellerinnen Friederike Kretzen, Melinda Nadj Abonji und Jasmine Keller zu einem Gespräch über Christa Wolf und darüber, was diese für ihr eigenes Schreiben bedeutet habe. So sassen auf dem Podium drei Generationen. Friederike Kretzen hat bislang zehn Romane geschrieben, ist als Essayistin und Schreibtutorin tätig; schon zweimal war sie im bücherraum f zu Besuch, ihre Vorträge zu Robert Frank und «das Andere und das Eigene» sind auf dieser Website unter Podcasts nachzuhören. Von Melinda Nadj Abonji liegen drei Romane vor, dazu ist sie multimedial und kulturpolitisch tätig; sie ist ebenfalls schon zwei Mal im bücherraum aufgetreten und hat dabei ein feuriges Plädoyer für die Benennung eines Zürcher Platzes nach Rosa Luxemburg gehalten. Jasmine Keller arbeitet als Bibliothekarin, ist in queeren Zusammenhängen unterwegs, hat bislang Erzählungen veröffentlicht und hat soeben einen Roman beendet. Alle drei, so zeigte sich, hatten als eines der ersten Bücher von Christa Wolf «Kein Ort. Nirgends» gelesen, über Heinrich von Kleist und Caroline von Günderrode und das Ungenügen gegenüber einer rigiden Gesellschaft, und sie sprachen über ihre, auch verstörende, Reaktion darauf: Das ist doch heute, und das bin doch ich!

In diesem Werk wie auch in andern von Christa Wolf werde, so verständigte man sich, Historie in die Gegenwart geholt. Dazu gehöre eine präzise Körperlichkeit, nah träten einem Personen und Orte. Christa Wolf lasse sich intensiv mit ihren Figuren ein, begegne ihnen zugleich mit Respekt. Doch die Welt ist zerrissen, und die Menschen sind es ebenso, gerade auch, vor allem, die Frauen. Das richte sich gegen die Macht der Männer, aber darüber hinaus gegen eine zähmende Rationalität. Dagegen steht das Ungebärdige, Unverständige, Unbezähmbare. Einen kurzen Vorschein einer anderen Möglichkeit gewähren Gemeinschaft, etwa mit andern Frauen, die aber, Kein Ort. Nirgends, an den Umständen scheitern.

Nach solch erstem Austausch lasen alle drei Schriftstellerinnen je eine Passage aus den Werken von Christa Wolf, und dann aus eigenen Werken, in denen sie mehr oder weniger explizit Bezug auf Christa Wolf nehmen. Friederike Kretzen präsentierte eine Passage aus ihrem jüngsten Roman, «Bild vom Bild vom grossen Mond», in dem sich bei einem Besuch im heutigen Iran verschiedene Zeitebenen verweben; zur Frage steht, was sich erzählen und überliefern lässt, und wo der Ort dafür wäre. Jasmine Keller las aus ihrem noch nicht veröffentlichten Roman, in dem, wie in «Kein Ort. Nirgends» der Selbstmord zum Thema wird, und Melinda Nadj Abonji stellte eine Übersetzung vor, die sie von Euripidesʼ «Iphigenie in Aulis» gemacht hatte, in denen der Bezug zur vielfältigen Auseinandersetzung mit der griechischen Antike bei Christa Wolf sogleich ersichtlich ist.

Über die einflussreichsten Bücher waren sich die Gesprächsteilnehmerinnen schnell einig, «Kein Ort. Nirgends» (1979), «Nachdenken über Christa T.» (1968), «Kassandra» (1983), auch «Kindheitsmuster» (1976); dazu kamen als weitere Empfehlungen «Medea» (1996), «Ein Tag im Jahr» (2003) und dann das letzte Buch «Stadt der Engel» (2010).

Der Rückbezug der Werke auf die DDR, die Bedeutung verschiedener Gesellschaftsformationen, wurde gestreift: Da sei die Würde einer Alternative vorhanden, die es zu retten galt. Bei aller unterschiedlicher Tonlage in verschiedenen Büchern könne man doch immer wieder Wolfs unverwechselbare Stimme hören, sei eine gemeinsame Herangehensweise und Erkenntnishaltung vorhanden: das Leben anderer wie das eigene genau, schonungslos und zärtlich, zu rekonstruieren. Schreiben erfahre man hier als Suche, auch als Zumutung. Denn auf der Spur der Erinnerung bleibe als einzige Rettung im Unbehausten, Zerrissenen die Sprache.

Das Publikum im vollen bücherraum f lauschte den Ausführungen intensiv und engagiert auch in eigenen Voten. Eine Zuhörerin sah sich in die eigene Geschichte versetzt, in der «Kassandra» immer in der Verschränkung von Friedens- und Frauenbewegung gelesen worden sei. Zum Schluss kam aufs Schönste eine nicht mehr so selbstverständliche kulturelle Fähigkeit zum Vorschein: Ein Besucher trug auswendig eine zum Thema passende Kalen-dergeschichte von Erwin Strittmatter über Leben und Tod und Nachwirken vor.

Utopie

Vor und nach dem Gespräch konnte man im bücherraum auf den Schaubannern eherne Sätze etwa aus «Kassandra» lesen: «Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter anderen Sätzen: Lasst Euch nicht von den Eigenen täuschen.» Aktuell zeigt sich darin der Sog durch Nationalismus sowie Ausgrenzungs- und Eroberungsphantasien. Oder wenn ein anderer Krieg schon da ist, wie es Jason in «Medea» verkündet: «Wir sollen die Weiber nehmen. Wir sollen ihren Widerstand brechen. Nur so graben wir aus, was die Natur uns verliehen hat, die alles überspülende Lust.» Dagegen die trostlose Antwort der Amazonenkönigin: «Lieber kämpfend sterben, als versklavt sein.» Da wirkt der Zuspruch, «So mag es, in der Zukunft, Menschen geben, die ihren Sieg in Leben umzuwandeln wissen», beinahe ebenso verzweifelt.

Das Thema utopischer Hoffnung wurde von Karin Aleksander am Montag, den 27. Mai zur Finissage der Ausstellung wiederum im bücherraum f aufgegriffen. Mit vielen Zitaten erläuterte sie das utopische Potential, wie es Christa Wolf in den drei Themenbereichen Feminismus, Frieden und alternativer Gesellschaftsform behandelt habe. Die Frage habe sie durchgängig beschäftigt und auch beunruhigt. Dabei wies Aleksander auf das produktive Verhältnis von Kritik und prospektiver Phantasie hin. Zu letzterer habe gehört, dass Christa Wolf 1989/90 die Präambel für eine neue Verfassung eines neuen Deutschlands schrieb, die schnell aus Abschied und Traktanden fiel. Dazu passte auch der Hinweis auf das Kunstwerk «Sturzlage», in dem Gabi Dolff-Bonekämper 2019 die Stühle des letzten Zentralen Runden Tisches der DDR im wirren Durcheinander präsentierte.

Die Ausstellung selbst ist auf etliches Interesse gestossen, in der pbz naturgemäss mehr als im bücherraum f. Der Christa-Wolf-Monat war zweifellos ein beachtlicher Erfolg. Im bücherraum f sind rund dreissig Bücher von und zu Christa Wolf vorhanden. Auf der Website werden nächstens die Podcasts der beiden Veranstaltungen im bücherraum aufgeschaltet.

Stefan Howald

Fotos: Nora Jäggi, K. Aleksander, Stefan Howald, dpa

 

 

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