Krisen, Krisen

Grossbritannien steckt in einer Krise, ökonomisch, sozial, moralisch. Im Land prägen sich Verwerfungen früher und schärfer aus, die für viele andere Länder gelten. Was muss die oppositionelle Labour Party tun, falls und wenn sie an die Macht gelangt? Kann die Debatte darum auch für andere linke Parteien Anregungen vermitteln? Der Politologe Geoff Andrews stellt in seiner Analyse die Aufgabe für Labour in eine grössere historische Perspektive.

Ein neuer moralischer Kompass für Labour

Von Geoff Andrews

Labour liegt in den gegenwärtigen Meinungsumfragen gegenüber den Konservativen weiter voraus als je zuvor in den letzten 25 Jahren. Aber wir wissen immer noch nicht, was die Partei anders machen will, wenn sie einmal an der Macht ist. Labour-Chef Keir Starmer warnt, dass «wir aus dem von den Konservativen angerichteten Schlamassel nicht durch höhere Staatsausgaben hinaus kommen werden». Das soll uns freilich nicht daran hindern, Alternativen und Werte zu diskutieren, auf denen solche Alternativen aufbauen. Krisen oder die Auswirkungen von Kriegen haben den Radikalismus von Labour immer wieder befeuert, sehr oft angeregt durch eine moralische Debatte über den Zustand der Nation. Die gegenwärtige Krise mag nicht so schlimm sein wie die Schrecken des 20. Jahrhunderts, aber das Land ist zerrissen, der Lebensstandard sinkt, die Infrastruktur zerbröckelt, und es gibt eine wachsende Kluft zwischen den PolitikerInnen und der Bevölkerung. Der moralische Verfall des politischen Apparats unter der gegenwärtigen konservativen Regierung mit ihrer Vetternwirtschaft, Unehrlichkeit und ihren Privilegien steht im scharfen Gegensatz zu den Opfern vieler Arbeitender während der Pandemie, von denen gegenwärtig zahlreiche streiken. Das sollte ein fruchtbarer Boden für Labour sein.

Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs verstärkten die ethische Dimension der politischen Ideale der Arbeiterbewegung, die sich nach der Ausweitung des Stimmrechts auf mehr Arbeiter und 1918 auch auf Frauen aus den bisherigen Vereinen und Gesellschaften zu einer nationalen Partei zusammenschloss. In seinem Buch «The Aims of Labour» (1918) verkündete der damalige Parteisekretär Arthur Henderson eine «neue Ordnung» von Freiheit, Brüderlichkeit und Demokratie, die aufbaue auf dem «wunderbaren Geist der Loyalität und der bemerkenswerte Stärke, Mut und Entschiedenheit während des ganzen Kriegs». R. H. Tawney, der beredsamste sozialistische Denker, warnte in seinen «Some Reflections of a Soldier» (1916) vor dem «Schleier der Falschheit» durch Politiker und Zeitungen, der den latenten Wunsch nach Veränderung und demokratischer Erneuerung verunkläre. Vor dem Weltkrieg hatte Tawney während der ersten Jahre in der Worker`s Educational Association unterrichtet. Er glaubte, eine Bildungsreform sei nötig, um die individuellen Aspirationen zu befriedigen, die durch die Opfer des Kriegs dringlich geworden seien; während zugleich die Widerstandskraft der Fabrikarbeiter zeige, dass die Wirtschaft der Gemeinschaft mehr dienen sollte als dem «Reichtum und dem Wohlbefinden von Einzelnen».

Der Zweite Weltkrieg veranlasste George Orwell zur Behauptung, das alte durch Klassenherrschaft geprägte System von Snobismus und Privilegien, «in dem vorwiegend die Alten und Albernen herrschten», werde nicht überleben. Die Ungleichheiten des Kapitalismus untergrüben das Gemeininteresse, wobei, wie während des Ersten Weltkriegs (und während der Covid-Pandemie), die Opfer ungleichmässig verteilt seien. «Die ausgebombte Bevölkerung des Londoner East End ist hungrig und obdachlos, während die reicheren Opfer in ihre Autos steigen und in ihre behaglichen Landhäuser fliehen», schrieb er in «The Lion and the Unicorn» (1941). Er anerkannte, dass britische Arbeiter die Leiden des Kriegs nur ertragen würden, wenn es «irgendeinen Beweis gab, dass ein besseres Leben vor ihnen und ihren Kindern lag». Das Programm von Labour von 1945, vom führenden linken Denker und Visionär nach dem Krieg, Michel Young verfasst, versuchte, Orwells Ansicht, dass eine radikale soziale Veränderung nötig war, in die Praxis umzusetzen.

Die Pandemie ist kein Krieg gewesen, aber sie war eine Zeit der nationalen Krise, die zum Verlust von Leben, zu persönlichem Leiden und zum Wunsch nach einer neuen Regelung führte, um den Gesundheitsdienst und das politische System im weiteren Sinne zu retten. Und dies zu einem Zeitpunkt, da das Land in der Konsequenz des Brexit und des EU-Austritts so gespalten war wie seit Generationen nicht mehr. Doch Labour ist in seinen Ambitionen bemerkenswert zurückhaltend geblieben und wartet ab, indem man die internen Zwistigkeiten bereinigt und zuschaut, wie die Konservativen implodieren. Das hat der Partei zwar die Möglichkeit eines Wahlerfolgs eröffnet, aber sie eines längerfristigen Projekts der Erneuerung beraubt.

Einige Mitglieder der Labour-Führung argumentieren kühner, der Slogan «Die Kontrolle zurückgewinnen», der ursprünglich aus der Brexit-Kampagne stammt, könne Labour wiederbeleben, indem man dadurch einen moralischen Zweck gewinne. In ihrem jüngsten Buch «All In» argumentiert Lisa Nandy, Ministerin für Regionen im Schattenkabinett, sowohl das Brexit-Abstimmungsresultat wie die Reaktion auf die Handhabung der Pandemie widerspiegelten ein weitverbreitetes Gefühl, dass die Macht fernab, jeder Verantwortung entzogen und ungleich verteilt sei. Ihre Besuche in Spitälern, Pflegeheimen sowie in Städten und Gemeinden, die sich als «abgehängt» verstanden, hätten klar gezeigt, dass die Lasten ungleich verteilt gewesen seien und eindeutige Gewinner und Verlierer hervorgebracht haben. Das habe Zorn erzeugt und zugleich «einen Wunsch nach Mitverantwortung und Kontrolle sowie einer Mitbeteiligung am System». Zur gleichen Zeit habe sie oft die ethischen Werte der gegenseitigen Hilfe, der Solidarität und des Gemeinsinns kennen gelernt, als die Leute ihre Gemeinschaften verteidigten.

Es ist viel darüber gesagt und geschrieben worden, welchen wirtschaftlichen Problemen sich Labour in der Regierungsverantwortung gegenüber sehen wird, und wir wissen noch nicht, was «die Kontrolle zurückgewinnen» praktisch heissen könnte. Damit dies mehr als ein leerer, medientauglicher Begriff wird, muss sich Labour mit jenen verbünden, die während der Krise am meisten gelitten haben. Das sollte eine moralische Grundvoraussetzung sein, um die Macht zu übernehmen. «Wir müssen im Frieden den Idealismus aus dem Krieg weiterführen», meinte Tawney vor hundert Jahren. Labour muss sowohl den Zorn wie auch die Aspirationen der Leute ernst nehmen, wenn die Partei wirklich das Land neu aufbauen will.

Geoff Andrews unterrichtet an der Open University und hat mehrere Bücher zur Geschichte der britischen Arbeiterbewegung verfasst. Der Originalbeitrag erschien in der Zeitschrift Prospect, London 2023, siehe https://www.prospectmagazine.co.uk/politics/labour-party-keir-starmer-lisa-nandy-radical-second-world-war-covid-crisis. Übersetzung aus dem Englischen von Stefan Howald.

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Alice Boman, melancholisch

Sagen wir mal: melancholische Klänge aus Schweden. Alice Boman webt mit ihrer Gruppe einen sanften nordischen Soundteppich. Hier zur Einstimmung ein kurzer Ausschnitt aus einem kürzlichen Konzert in London.

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Der Afrikaner

Entdeckt wurde die Grabstätte erst 2004. Und zwar im Londoner Abney Park Cemetery. Es ist ein ebenso spektakulärer wie wunderschöner Friedhof, eigentlich ein Park, von Wegen durchzogen, darin tausende vonGräbern ohne Systematik angelegt, in vielem überwachsen, gar zerfallen. Da steht ein Grabstein mit einer Urne drauf, darunter die kaum mehr leserliche Schrift: «in Memory of Joanna / beloved wife of /Henry Bromley / daughter of / Gustavus Vassa». Was soll neben all den andern Grabmälern, grösseren und kleineren, daran besonders sein? Nun, Joanna Vassa war die jüngere Tochter von «Gustavus Vassa dem Afrikaner». Der war einer der ersten afrikanischen Sklaven, der sich freikaufen konnte und in London 1789 eine Autobiografie veröffentlichte, die ihn weitherum bekannt machte und wesentlich zum Kampf für ein Verbot des Sklavenhandels beitrug.

Abney Park Cemetery ist trotz all der alten, teilweise morschen Bäume und verwitterten Grabsteine nicht ganz so antik, wie er wirkt. Vor kaum 200 Jahren, 1840 ist er eröffnet worden, als sechster der grossen Londoner Friedhöfe, und zwar im Osten der Stadt. Dabei wies er von vornherein eine Besonderheit auf: Er stand allen Konfessionen offen. Deshalb finden sich hier sehr viele NonkonformistInnen begraben, Angehörige jener nicht-katholischen Konfessionen jenseits der staatstragenden Church of England. Darunter sind sehr viele Kongregationalisten, die in calvinistischer Tradition auf selbstverantwortlichen Kirchgemeinden aufbauten und sich verglichen mit anderen nonkonformistischen Gruppierungen noch stärker gegen jede Kirchenhierarchie wandten.

Nicht ganz zufällig waren viele Kongregationalisten Abolitionisten, also Vertreter der Anti-Sklaverei-Bewegung, und setzten sich ab Mitte der 1760er-Jahre für die Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei ein. Etliche von ihnen sind im Abney Park Cemetery begraben. Womit sich ein erster Kreis zu Joanna Vassa schliesst.

Wenig ist über sie bekannt. Geboren wurde sie am 11. April 1795. Ihre Eltern, ebenso wie eine ältere Schwester starben früh, vermutlich wurde sie danach von Verwandten ihrer Mutter aufgezogen. 1821, mit 26 Jahren, heiratete sie Henry Bromley, einen Pfarrer aus Devon. Nach fünf Jahren zog das Ehepaar nach Clavering in Essex im Osten Englands. Es gibt, jenseits von Heirats- und Todeszertifikat und Einträgen in Melderegistern, keinerlei Originaldokumente von Joanna selbst; was wir über sie wissen, ist nur in spärlichen Aufzeichnungen via ihren Ehemann überliefert. Der gab laut eigenem Bekunden wegen der Krankheit seiner Ehefrau nach achtzehn Jahren die Stelle in Clavering auf, und das Ehepaar zog nach London. Dort scheint ein neues Arrangement getroffen worden zu sein, da Joanna Bromley geborene Vassa laut Melderegister in London angemeldet blieb, während Henry eine Pfarrstelle ausserhalb der Stadt annahm. Am 10. März 1857 ist sie gestorben, ihr Grabmal ist also schon bald nach der Eröffnung im Abney Park Cemetery errichtet worden.

Freigekauft

Im Gegensatz zum Schweigen über Joanna wissen wir über ihren Vater Gustavus Vassa umso mehr. Er wurde nach eigenen Angaben 1745 in einer Oberschichtsfamilie in Igboland im heutigen östlichen Nigeria geboren. Mit elf Jahren wurde er von afrikanischen Sklavenhändlern gefangen genommen, diente in verschiedenen Familien als Haussklave, bevor er an einen europäischen Sklavenhändler verkauft wurde. Er überlebte die mörderische Middle Passage, die Reise über den Atlantik in die Karibik, wurde in Barbados von einem englischen Marineoffizier gekauft, als Schiffsjunge eingesetzt, gelegentlich auch vermietet, machte auf Handels- wie auf Kriegsschiffen abenteuerliche Reisen mit, unter anderem 1758 die Eroberung der Festung Louisbourg durch die Engländer in Französisch Kanada. An einen Plantagenbesitzer verkauft, glaubte er, durch die Taufe freizukommen, wurde aber nochmals weiterverkauft; schliesslich konnte er sich doch 1766, erst 21 Jahre alt, freikaufen. Als Schwarzer «Freeman» nahm er in der Folge eine Mittelstellung in der rassistisch organisierten Gesellschaft ein. Auf Schiffsreisen als Matrose, später Proviantmeister betrieb er Handelsgeschäfte auf eigene Rechnung, allerdings jederzeit von der Willkür der Weissen bedroht, mehrfach betrogen, da er vor Gericht keinerlei Rechte besass und auf das Wohlwollen seiner jeweiligen Schiffskapitäne angewiesen war. Doch scheint er ein erfinderischer und widerstandsfähiger junger Mann gewesen zu sein, der Rückschläge immer wieder verkraftete. Nach jahrelanger Tätigkeit auf Handelsschiffen in der Karibik sowie Schiffsreisen nach Nordamerika, nach London und ins Mittelmeer, nahm er 1773 an der berühmten Forschungsreise in die Arktis auf der Suche nach einer Nordwestpassage teil. 1775 beteiligte er sich gar am Versuch, in Zentralamerika eine neue Sklavenplantage aufzubauen. Nach deren Scheitern wurde er zum englischen Regierungskommissar für das Unternehmen verpflichtet, ehemalige Sklaven in die Republik Sierra Leone zu führen und zu betreuen, wurde aber nach Intrigen entlassen.

In seiner Autobiografie von 1789 lässt er keinen Zweifel an der Schändlichkeit und der Grausamkeit des westlichen Sklavenhandels sowie der entsprechenden Plantagenwirtschaft. In vielen Details beschreibt er nicht nur die unmenschlichen Bedingungen der eigenen Middle Passage und seiner Existenz als jugendlicher Sklave, sondern auch die unglaublichen Grausamkeiten, denen sich die Sklaven insbesondere in der Karibik ausgesetzt sahen. Das ist seither von der Geschichtsforschung bis in die grässlichsten Details bestätigt worden, womit zugleich die zuweilen immer noch vorherrschende Meinung widerlegt ist, der englische Kolonialismus sei ein wenig «humaner» als etwa der französische oder später der belgische oder deutsche gewesen.

Dabei blieb Vassas eigene Position gegenüber der Sklaverei lange ambivalent. Unumwunden gesteht er ein, dass auch sein Vater als lokaler Stammesführer Sklaven besass, und er beschreibt den innerafrikanischen Sklavenhandel, der durch Beutezüge und Kriege genährt wurde. Dabei macht er allerdings eine deutliche Unterscheidung. «Aber wie verschieden war ihr Schicksal [der afrikanischen Dienstsklaven] von dem Los der Sklaven in Westindien!» (45) Nach seinem Freikauf verstand er sich lange als Selfmademan, der seines eigenen Glückes Schmied war. Erst allmählich setzte er sich für einzelne andere Sklaven oder Freigelassene ein; das Scheitern der Plantage an der Miskitoküste lieferte ihm auch ökonomische Argumente für die Rückständigkeit der Sklavenhalterwirtschaft. In London lernte er andere Freigelassene kennen; bei einem Gerichtsfall über seinen als unrechtmässig empfundenen Wiederverkauf vertrat ihn der führende Anti-Sklaverei-Aktivist Granville Sharp, mit dem er in der Folge gelegentlich zusammenarbeitete.

Zwei Namen

Offenbar hatte Vassa, der sich Lesen und Schreiben in mehreren Etappen während seiner Tätigkeit als Schiffsjunge und Diener angeeignet hatte, schon während einzelner Reisen ein Tagebuch geführt. 1789 erschien dann seine Autobiografie. Auch dabei zeigte er sich als gewiefter Geschäftsmann. «Printed for and sold by the author», heisst es in der Erstausgabe, und indem er den Verkauf selbst übernahm, konnte er den Erlös vollumfänglich einstreichen. Da er sein Buch unermüdlich propagierte und eine beträchtliche Zahl von bekannten Subskribenten dafür gewinnen konnte, wurde er zu einem durchaus vermögenden Mann. 1792 heiratete er Susannah Cullen aus einer Familie in Cambridgeshire, aus der Ehe erwuchsen zwei Töchter, von denen die ältere früh starb. Als die jüngere, Joanna, ein Jahr alt war, starb die Mutter Susannah, ein gutes Jahr später, am 31. März 1797, auch Gustavus.

Nun wirft diese Geschichte ein paar interessante postkoloniale Fragen auf. Das beginnt mit dem Namen von Gustavus Vassa. Der vollständige Titel der Autobiografie lautet: «The Interesting Narrative of The Life of Olaudah Equiano or Gustavus Vassa, the African. Written by himself». Da benennt er sich also mit zwei Namen. Olaudah Equiano ist der ihm in der Heimat verliehene afrikanische Name. Von seinem ersten englischen Besitzer wurde er zu Gustavus Vassa umbenannt, womöglich in sarkastischer, gar demütigender Anspielung an den mächtigen Schweden-König Gustav Wasa. Zuerst, so schreibt er in seiner Autobiografie, habe er sich gegen den Namen gewehrt, sich dann aber gefügt. Tatsächlich ist er in seiner Freilassungsurkunde als Gustavus Vassa registriert, und entsprechend ist er später öffentlich zumeist unter diesem Namen aufgetreten. Dabei bekam der ihm aufgebürdete Name Vassa sogar eine prophetische Bedeutung, da sich der historische Gustav Wasa, wie Gustavus, einst aus der Gefangenschaft befreit und die Fremdherrschaft der Dänen über Schweden beseitigt hatte; das mochte in England als Anspielung auf schottische Unabhängigkeitsgelüste gelten, da ein Theaterstück über den «Patrioten» Gustav Wasa bis 1805 offiziell verboten war, obwohl es gelegentlich aufgeführt wurde.

Dass Vassa im Titel seiner Autobiografie den Namen Olaudah Equiano an erste Stelle rückt, kann als geschickter Schachzug verstanden werden, seine afrikanische, «exotische» Herkunft zu verbürgen. Auch der Zusatz «der Afrikaner», den er öffentlich gelegentlich verwendete, wies nicht nur auf seinen Anspruch hin, sich als emanzipierter Schwarzer zu verstehen, sondern bezeichnete kommerziell ein weiteres Alleinstellungsmerkmal.

Erst als historische Figur, im 20. Jahrhundert, ist «Vassa» zu «Equiano» geworden; in den heutigen Ausgaben, auch den englischen, fällt der Name Gustavus Vassa zumeist weg. Das scheint allerdings ein kulturelles Missverständnis, ja, eine umgekehrte kulturelle Aneignung zu sein, da es sich bei Equiano nicht um einen Nachnamen im westlichen Sinn, sondern um eine Ausschmückung des eigentlichen Namens Olaudah handelt. Selbst der Historiker Paul Edwards, der sich mit verschiedenen neuen Editionen um Vassa verdient gemacht hat, hat diese Umdeutung vorangetrieben und spricht nur von Equiano.

Eine hübsch aufgemachte Broschüre, in der die wenigen Fakten zu Joanna und ihrem Umfeld zusammengetragen werden, betitelt sich «Equianoʼs Daughter. The life of & times of Joanna Vassa». Aber wenn Joanna die Tochter von Olaudah Equiano und die Ehefrau von Henry Bromley gewesen ist: Woher kommt dann ihr Name Vassa, der ja auch auf ihrem Grabmal eingemeisselt ist? Offenbar muss sie sich selbst als eine Vassa verstanden haben. Die nachträglichen Überschreibungen gehen noch weiter. Während eines «Black Month» in London, mit dem die unterdrückte Schwarze Geschichte in den Fokus gerückt werden sollte, wurde kurzzeitig auch eine rosa Plakette für Joanna Vassa präsentiert, mit der Charakterisierung «Abolitionistin und Aktivistin». Leider gibt es für ein solches Engagement keinerlei Beleg. Ihr Mann Henry Bromley zeigte sich durch die Heirat mit einer von einem ehemaligen Schwarzen Sklaven abstammenden Frau vorurteilsfrei und aufgeschlossen, er war als nonkonformistischer Pfarrer wohl gegen den Sklavenhandel eingestellt, und Joanna mag ihn bei seiner seelsorgerischen und administrativen Arbeit unterstützt haben – aber weder von ihm noch gar von ihr gibt es irgendwelche Äusserungen zum Sklavenhandel oder zur Sklaverei. Nur weil Joanna im Weissen 19. Jahrhundert Schwarz war, muss sie dem heutigen Bewusstsein offenbar als Aktivistin gelten.

Seit ein paar Jahren betreibt eine internationale Forschungsgruppe eine gediegene Website, die vieles zu Gustavus Vassa und seinem Umfeld versammelt. Sie nennt sich «Equianoʼs World», aber damit wird nicht er selbst bezeichnet, sondern all die Geschichten, die sich um ihn als historische Figur entwickelt haben. Bezüglich der realen Person verwendet die Website beide Formen.

In der Autobiografie beschreibt Vassa ausführlich all seine zahlreichen Seereisen, in deren Verlauf er mehrfach tödlichen Gefahren entronnen sei. Die Fahrten in mehreren Kontinenten sind eindrücklich und geben einen Einblick in die sich damals entwickelnde Weltwirtschaft. In einer Vorbemerkung meint er allerdings, er müsse sich wohl nicht nur gegen den Vorwurf der Eitelkeit wehren, sondern dass das Publikum einem Erzähler, «wenn man ungewöhnliche Dinge erzählt, ihm wenig, wenig überhaupt, Glauben schenkt» (41). Das ist eine captatio benevolentiae, wie sie viele zeitgenössische Reiseberichte voranstellen. Und tatsächlich beschleicht einen zuweilen das Gefühl, hier werde doch ein wenig übertrieben, ja sogar, in der Tradition von Jonathan Swifts «Gulliver», satirisiert. Zugleich bedient sich Vassa immer wieder einer ironischen Kontrastierung zwischen den humanen christlichen Vorstellungen und dem wirklichen Verhalten der Weissen Herren.

Exkurs 1: Munchausen und der Sklavenhandel

Praktisch gleichzeitig mit der «Merkwürdigen Lebensgeschichte» ist in London eine andere merk-würdige Lebensgeschichte erschienen, nämlich die ursprünglich 1789 anonym veröffentlichten Abenteuer des Baron Munchausen. Die machten schon im Titel auf das Dilemma der abenteuerlichen Reiseberichte aufmerksam: «Der auferstandene Gulliver oder das Laster zu lügen, umfassend dargestellt». Wenn Vassa all seiner Abenteuer ein bisschen überdrüssig ist, fügt er gelegentlich zu einer weiteren Reise an: «es begegnete uns nichts von Bedeutung» (230), was auch Munchausen gelegentlich beinahe wörtlich formuliert, um darauf nur umso grösser aufzutrumpfen. In den von Rudolf Erich Raspe verfassten Münchhausen-Geschichten gibt es eine kritische Episode zum Sklavenhandel auf dem Umschlagplatz Deptford an der Themse, den auch Vassa aus eigener schmerzlicher Erfahrung kannte. In der Fortsetzung des Münchhausen von 1792 nimmt Raspe auf jene Forschungsreise in die Arktis unter Kapitän Constantine John Phipps von 1775 Bezug, an der Vassa – so wie übrigens ein junger Horatio Nelson – teilnahm, und der von Vassa geschilderte Kampf mit Bären und Walrossen wird von Munchausen ebenso satirisch wie grausam überhöht, da er hunderte von Eisbären nur wegen deren Hinterschinken abschlachtet. Der Munchausen enthält im Übrigen in satirischer Form eine der schärfsten Anklagen gegen den Sklavenhandel, wenn der Baron einem Schiff begegnet, auf dem eine Schwarze Besatzung Weisse Sklaven zur Arbeit in Plantagen in der Arktis verschifft; dass den Weissen dabei gar die Seele abgesprochen wird, empört Munchausen so sehr, dass er das Schiff entert und die ganze Schwarze Besatzung über Bord wirft.

Vorläufer

Die «Merkwürdige Geschichte» ist nicht der erste englische Erlebnisbericht eines ehemaligen Sklaven. Bereits 1782 waren posthum «Briefe» von Ignatius Sancho veröffentlicht worden, in denener die eigene Kindheit und Jugend als Sklave sowie den späteren Aufstieg unter der Patronage des Duke of Montague schilderte. Noch früher, 1770, hatte Ukawsaw Gronniosaw einen Lebensbericht publiziert, und 1787 erschien von Ottobah Cugoano das Pamphlet «Thoughts and Sentiments on the Evil and Wicked Traffic of the Slavery and Commerce of the Human Species». Es gibt in der Forschung Vermutungen, dass Gustavus Vassa an der Abfassung des Werks beteiligt war, jedenfalls wirkten Cugoano wie Vassa danach zunehmend aktiv in der Abolitionistenbewegung mit. Dabei wurde Vassas Bericht zweifellos das durchschlagskräftigste und einflussreichste Buch. Nicht weniger als acht Auflagen erschienen noch zu Lebzeiten, und immer wieder wurde das Werk als Beleg für die Verderblichkeit der Sklaverei zitiert und angeführt.

Das hat auch mit der Perspektive von Vassas Lebensbericht zu tun. Schon im Vorwort betont er, dass er sich im Vergleich mit dem zumeist viel grausameren Schicksal der meisten seiner Landsleute als «besonderen Liebling des Himmels» ansehen müsse (41). Tatsächlich ist seine Geschichte als eine Heilssuche und Missionsgeschichte angelegt. Während er zu Beginn noch die magischen Rituale seiner Herkunftsgesellschaft schildert und manche ihm unbekannten Phänomene der westlichen Gesellschaft deren überlegener magischen Kraft zuschreibt, sucht er angesichts der ihn bedrängenden Gefahren durch Mensch und Natur zusehends ein gottesfürchtiges, christliches Leben. Dieser Anpassungsversuch an die Mehrheitsgesellschaft hat eine untergründige pikante Note. So beschreibt er, wie er alle westlichen Religionen und Konfessionen geradezu einem Lackmustest unterzieht, wobei ihn vorerst alle unbefriedigt lassen, sowohl in theologischer Hinsicht wie angesichts der zumeist gottlosen Praxis der Weissen(226). Vorübergehend bezeichnet er gar die muslimischen Türken als das ehrenwerteste Volk, das ihm begegnet sei. Schliesslich findet er den wahren Glauben bei den Kongregationalisten, was durchaus eine politische Komponente hat, da sich diese zusammen mit den Quäkern am stärksten für die Emanzipation der Schwarzen einsetzten.

Exkurs 2: Vassa in Deutschland

Auf deutsch ist das Buch bereits 1792, nur wenige Jahre nach dem Original, erschienen. Die englische Publizistik hatte in der sich international verstehenden aufgeklärten Öffentlichkeit eine zentrale Bedeutung, und viele Werke wurden jeweils schnell übersetzt.«Olaudah Equiano’s oder Gustav Vasa’s, des Afrikaners merkwürdige Lebensgeschichte» wurde in Göttingen von Johann Christian Dieterich, dem Begründer der Dieterichʼschen Verlagsbuchhandlung, publiziert. Als Übersetzer wird Georg Friedrich Benecke (1762-1844) angegeben. Der war nach einem Studium an der Uni Göttingen seit 1789 an der Bibliothek Göttingen angestellt, war ein Freund von Georg Christoph Lichtenberg und gilt als Begründer der deutschen Philologie.

Ideologiegeschichtlich ergibt sich via Vassa eine noch gewichtigere Beziehung zwischen England und Deutschland. Der Göttinger Wissenschaftler Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) hat als Begründer der physischen Anthropologie einen extrem gegensätzlichen Ruf: Während er einerseits für rassistische Theorien vereinnahmt wurde, versteht man ihn heute umgekehrt als Begründer einer antirassistischen Anschauung in der Anthropologie. 1775 stellte er in seiner Dissertation aufgrund vergleichender anatomischer Studien erstmals Überlegungen zu den verschiedenen Varietäten der Menschen an, die er später im Werk«Über die natürlichen Verschiedenheiten im Menschengeschlechte» systematisierte. Darin benannte er fünf Menschen«rassen», die er aber als Teil der selben Menschheit betrachtete. «Es gibt fünf Hauptvarietäten des Menschengeschlechts, jedoch nur Eine Gattung desselben.» Entsprechend vertrat er einen Monogenismus, wonach alle Menschen den selben und einzigen Ursprung hätten. Laut Blumenbach war das Menschengeschlecht ein Kontinuum leicht verschiedener, aber miteinander verbundener Formen, in heutiger Terminologie also eine biologische Spannbreite oder ein Spektrum.

Zu Lebzeiten war er zwar kein expliziter Verfechter des Abolitionismus, betonte aber in seinen Schriften immer wieder, dass die Schwarzen bezüglich ihrer «natürlichen Geistesanlagen und Fähigkeiten» anderen Varietäten der menschlichen Gattung nicht unterlegen seien. Um dies zu belegen,sammelte er zeitgenössische Publikationen afrikanischer AutorInnen. So besass er auch Vassas Lebensbericht; 1790 veröffentlichte er eine Besprechung desselben, die, bei paternalistischen Anklängen, festhielt, in diesem Buch präsentiere sich«ein braver Neger, der sich als nützlicher und angenehmer Schriftsteller zeigt». Im Buch «Beyträge zur Naturgeschichte» (1790) nannte er Vassa zusammen mit Ignatius Sancho «zwey vortrefliche Neger», die «in England als Schriftsteller berühmt worden», ebenbürtig «vielerihrer weissen Brüder», wobei er Vassa gegenüber Sancho mehr «gesetzten Ernst», aber auch Witz zubilligte.

Ende 1791 oder Anfang 1792 haben sich die beiden womöglich in London getroffen; jedenfalls hat das Blumenbach selbst berichtet. Vassa mag ihn als Beispiel eines sich selbst bildenden Afrikaners interessiert haben. 1796 publizierte Blumenbach in den «Abbildungen naturhistorischer Gegenstände»kurze biografische Abrisse dreier gebildeter und erfolgreicher Nicht-Europäer. Alle drei waren in nicht-schriftlichen Kulturen aufgewachsen, zeichneten sich aber öffentlich aus, nachdem sie in Europa beziehungsweise Amerika eine Bildung genossen hatten.

Vassa selbst setzt sich mit dem Thema der «Rasse», jenseits der Sklavenbefreiung, gelegentlich auseinander. Als er als Junge in einer englischen Familie dient, will er so wie das weisse Mädchen der Familie werden, indem er sich seine schwarze Hautfarbe abzuwaschen versucht. Der scheiternde Versuch hat weiter gehende Konsequenzen. «Unsere unterschiedliche Hautfarbe fing nun an, mich zu beunruhigen» (83) – wozu es später mannigfaltige Gründe gibt. Doch in seiner programmatischen Einleitung meint er: «Viele Beispiele zeigen, wie sich die Hautfarbe ein und desselben Menschen unter verschiedenen Himmelstrichen verändert; hoffentlich können sie die Vorurteile vertreiben helfen, die einige gegen die Afrikaner ihrer Farbe wegen hegen.» (50) Für den jeweiligen Entwicklungsstand scheinen ihm die Umstände bedeutsamer, wofür er auch theologische Argumente anführt. «Gibt es nicht Gründe genug, aus denen sich erklären lässt, warum die Afrikaner den Europäern so offensichtlich unterlegen sind, ohne dass man der Güte Gottes Grenzen setzen müsste, indem man annimmt, er habe Geschöpfen, die doch gewiss auch sein Abbild sind, deshalb das Geschenk der Vernunft versagt, weil dieses Abbild in Ebenholz geschnitten ist? Kann es nicht ganz natürlich ihrer Situation zugeschrieben werden? […] Der verfeinerte und hochmütige Europäer erinnere sich nur daran, dass seine Vorfahren einmal, ganz wie die Afrikaner, unzivilisiert, ja Barbaren waren. Gestaltete die Natur diese schlechter als ihre gegenwärtigen Söhne, und hätten auch siezu Sklaven gemacht werden sollen? Jeder vernünftige Mensch antwortet: Nein.» (50f.)

In Deutschland geriet Vassas Bericht im 19. Jahrhundert in Vergessenheit. Erst 1990 ist eine überarbeitete deutschsprachige Fassung der Lebensgeschichte erschienen. Da lautet der Titel plötzlich: «Merkwürdige Lebensgeschichte des Sklaven Olaudah Equiano, von ihm selbst veröffentlicht im Jahre 1789». Vom «Sklaven» ist freilich in den Titeln der englischen Ausgaben nie die Rede, ja, der Titel der nach wie vor einzig vorliegenden deutschen Ausgabe ist inhaltlich falsch, weil er mit der Formulierung «Lebensgeschichte des Sklaven … von ihm selbst veröffentlicht», suggeriert, dass Equiano zum Zeitpunkt der Abfassung immer noch Sklave gewesen sei. Vor allem aber hat Vassa seinen Lebensbericht gerade als Emanzipationsgeschichte aus dem Zustand der Sklaverei verstanden.

Aufstände

Soweit die Welt von Joanna und Gustavus Vassa. Im Abney Park Cemetery allerdings sind weitere Abolutionisten begraben, vor allem aus späteren Phasen der Bewegung, nachdem das formelle Verbot des Sklavenhandels 1807 durch das englische Parlament nicht die erwarteten Verbesserungen gebracht hatte. Da liegt etwa der Reverend Thomas Burchell (1799-1846), baptistischer Missionar in Jamaika, der zugleich freie Ansiedlungen für Sklaven förderte. 1831 reiste er zurück nach London, wo er eine Unterstützung der Emanzipationsbewegung durch den König erwartete. Als er mit leeren Händen zurückkehrte, erhoben sich an Weihnachten 1831 die meisten Sklaven seines Missionsgebiets und verweigerten die Arbeit. Baptistisch getauft, waren sie stärker als andere Sklaven bereit, Autoritäten anzuzweifeln. Unter der Führung einheimischer Missionare radikalisierte sich die Bewegung zu einem Aufstand, an dem sich rund 60ʼ000 Sklaven beteiligten. Die Revolte wurde nach elf Tagen blutig niedergeschlagen, wobei sich auch Gruppen von Maroons, freigekommene ehemalige Sklaven aus der spanischen Besatzungszeit, auf die Seite der Briten stellten, da sie sich davon eine Absicherung der eigenen Stellung versprachen. Über 500 Sklaven wurden bei Kämpfen oder durch die nachfolgende Repressionswelle getötet. Burchell wurde der Kollaboration verdächtigt, konnte aber vorübergehend nach England entfliehen. Andere baptistische Missionare wurden von Plantagenbesitzern geteert und gefedert, was wiederum in England für viel Empörung sorgte und 1833 zur Annahme eines Gesetzes zur, zumindest nominellen, Abschaffung der Sklaverei beitrug. In Jamaika selbst wurde der «Baptist War» genannte Aufstand, obwohl ein blutiger Misserfolg, ein Fanal für die künftige Unabhängigkeitsbewegung. Burchell gründete in der Folge auf Jamaika verschiedene Schulen und wohltätige Institutionen. Nach seinem Tod 1846 wurde er im Abney Park Cemetery beigesetzt; 150 Jahre später, 1992, haben seine Nachfahren anstelle des alten verwitterten Grabsteins einen neuen setzen lassen.

Ebenfalls hier begraben liegt Aaron Buzacott (1829-1881), Sekretär der Gesellschaft gegen die Sklaverei. Dazu, nebeneinander, Reverend Christopher Newman Hall und Reverend James Sherman, beide führende Vertreter des Abolitionismus.

Sherman (1796-1862), der in Islington predigte, schrieb beispielsweise 1852 ein feuriges Vorwort zur Buchausgabe von «Uncle Tomʼs Cabin» von Harriet Beecher Stowe. Newman Hall (1816-1902), früh sozial engagiert, war ebenfalls ein einflussreicher Pfarrer, Prediger und Publizist, der insbesondere während des Amerikanischen Bürgerkriegs als Propagandist für die Sache der Sklavenbefreiung eintrat. Und so liegen sie beieinander: links am Boden, kaum sichtbar, mit noch knapp lesbarem Schriftzug, die Grabstätte von Newman Hall, rechts der etwas abgesunkene Sarkophag von James Sherman, der im Übrigen einer der Gründer des Abney Park Cemetery war.

Ja, manches liegt im Argen oder im Verborgenen im Abney Park. Etwa der bescheidene Grabstein für Thomas Canry Caulker (1846-1859). Caulker war der Sohn eines zum Christentum konvertierten Stammesfürsten in Bompey im heutigen Sierra Leone. Zur Erziehung nach England geschickt, erkrankte er dort und starb mit dreizehn Jahren in Islington. So sah das Grabmal Anfang Dezember 2022 aus, bevor eine barmherzige Hand zumindest den Efeu ein wenig zur Seite schob.

Was so eher unbeabsichtigt an die Vergänglichkeit menschlichen Tuns erinnert, hat seine handfesten Gründe in der Geschichte von Abney Park Cemetery. 1840 durch eine private Stiftung lanciert, war der Friedhof ursprünglich ein grosser Erfolg, wenn denn dieses Wort angemessen ist. Bereits im ersten Jahrzehnt wurden 5000 Grabstätten angelegt, und bis 1855 waren es 14ʼ000. Mittlerweile sind in über 60ʼ000 Gräbern rund 200ʼ000 Menschen bestattet. Das konnte seit Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich die Bindung an die den Friedhof einst tragenden konfessionellen Gemeinden abschwächte, kaum unterhalten werden, ja, Mitte der 1970er-Jahre musste die damalige Stiftung Konkurs anmelden. Ein Jahrzehnt lang blieb der Friedhof sich selbst und der Natur überlassen. Erst Mitte der 1980er-Jahre besann sich die Bezirksverwaltung von Hackney ihrer historischen Verpflichtung und führt Abney Park Cemetery seither zusammen mit einer neuen privaten Stiftung. Die lange Vernachlässigung hatte immerhin das erfreuliche Resultat, dass der Friedhof mittlerweile als kleines Naturreservat gelten kann, in dem sich mit einigem Glück seltene Schmetterlinge beobachten lassen. Unterhalt und Betrieb allerdings bleiben weiterhin prekär. In den letzten zwei Jahren ist mit Unterstützung verschiedener Institutionen die Restaurierung der mitten im Park angesiedelten Abdankungskirche begonnen worden. Die Freilegung, Sicherung und Pflege mancher Grabstätten ist dagegen Freiwilligenarbeit vorbehalten. Zweifellos wären dabei, wie im Falle von Joanna Vassa, weitere Entdeckungen zu machen.

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Den Kurs setzen

Mit dem von ihm gegründeten «Kursbuch» setzte er Themen und Massstäbe, vielseitig tätig beförderte er viele Jahre den bundesdeutschen Kulturbetrieb. Am 24. November ist Hans Magnus Enzensberger mit 93 Jahren gestorben.

Von Stefan Howald

Drei Jahrzehnte lang war er einer der prägenden deutschsprachigen Intellektuellen, anregend, scharfzüngig und umtriebig. Als Essayist und Herausgeber, als Lyriker und Übersetzer hinterlässt er vielfältige Spuren und ein kaum zu überblickendes Gesamtwerk.

Mit Jahrgang 1929 gehörte Hans Magnus Enzensberger noch der Generation an, die das Nazi-Regime und den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, mit fünfzehn Jahren war er als Flakhelfer eingezogen worden. Nach dem Krieg studierte er Germanistik, danach wurde Alfred Andersch, wie für viele andere, sein erster Förderer beim Süddeutschen Rundfunk.

In der Öffentlichkeit trat Enzensberger zuerst als Lyriker auf. Der Gedichtband «verteidigung der wölfe» demonstrierte eine neue Sachlichkeit, trat in einer entschlackten Sprache gegen die versumpften Fünfzigerjahre und die Adenauer-Republik an. «landessprache» (1960) und «blindenschrift» (1964) verschärften die Kritik an Deutschland, «dem unheilig Herz der Völker», wo es in der einsetzenden Nachkriegskonjunktur «aufwärts geht, aber nicht vorwärts». Neben den eigenen Gedichtbänden schloss er mit der von ihm verantworteten Gedichtsammlung «Museum der modernen Poesie» (1960) die deutsche Literatur an die europäische Moderne an.

Die Story als Konsumgut

Fast gleichzeitig erschienen die ersten Essays, so 1957 «Die Sprache des Spiegel». Den damals zum Leitmedium aufgestiegenen «Spiegel» wegen seiner Haltung zu kritisieren, sei hilflos, da dieser gar keine Haltung habe, erklärte er. Kritik müsse sich vielmehr auf dessen sprachliche, ideologische Mechanismen konzentrieren. Ebenso präzise wie boshaft entlarvend und unterhaltsam arbeitete er diese heraus: Jargon, verstecktes Vorurteil und angestrengte Humorigkeit, ein ahistorisches Denken, das Sachverhalte erst als existent erkläre, wenn sie im Magazin vorkämen, ein Voyeurismus durch angeblich exklusive Enthüllungen, insgesamt: die Story als reines Konsumgut. Das liest sich, 65 Jahre später, erstaunlich aktuell.

Überhaupt waren Enzensbergers frühe sprachkritische Analysen von Tageszeitungen, Wochenschau, Versandkataloge äusserst anschaulich. Man kann darin ein Parallelprogramm zu Roland Barthes «Mythen des Alltags» von 1957 sehen, bevor diese noch ins Deutsche übersetzt waren. Adorno/Horkheimers Analysen der Kulturindustrie in der «Dialektik der Aufklärung» wurden leichtfüssig aktualisiert. Dabei setzte sich Enzensberger maliziös von seinen Vorgängern ab, die sich mit dem Begriff der Kulturindustrie in den hehren Kulturbereich hätten abdrängen lassen. Dagegen schuf er den weiter ausgreifenden Begriff «Bewusstseins-Industrie», der durchaus bahnbrechend wirkte. Für einen kurzen Moment glaubte er, 1970, noch oder wieder an das emanzipatorische Potential der damals verhältnismässig neuen elektronischen Medien Radio und Fernsehen. Im «Baukasten zu einer Theorie der Medien» versprach er sich – im Anschluss an die kritische Radiotheorie von Bertolt Brecht und anderen aus den zwanziger Jahren – angesichts der aufgehobenen Trennung von Sender und Empfänger durch die Medien eine «massenhafte Teilnahme an einem gesellschaftlichen Umwälzungsprozess».

Gegen die deutschen Notstandsgesetze, 1967

Auf Kurs

Im ersten Gedichtband hatte Enzensberger «ins lesebuch für die oberstufe» gefordert: «lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: / sie sind genauer». Man kann darin die «Sprache des HM Enzensberger» aufspüren: provokativ, lakonisch, in einem aufklärerischen Fortschrittsglauben, den er zugleich ein wenig spöttisch ausstellt, und in der Eingängigkeit wohl auch im Hinblick auf einen Einschluss in ein modernisiertes Lesebuch komponiert. 1965 lancierte er, zusammen mit Karl Markus Michel, den eigenen Fahrplan: das Magazin «Kursbuch». Dessen Einfluss lässt sich kaum überschätzen. Hier wurden, mit vier Ausgaben pro Jahr, alle Themen vor und nach 68 behandelt: Vietnam, Kulturrevolution, Psychiatrie, Antiimperialismus, Formen des Politischen und der politischen Gewalt, deutsche Notstandsgesetze, Sexualpolitik. Anders als in dem noch etwas früher gegründeten «Argument», das ähnliche Themen stärker wissenschaftlich und mitten im linken Parteiengetümmel verhandelte, legte Enzensberger fürs «Kursbuch» Wert auf essayistische, offenere Ansätze und eine reizvolle Sprache.

Zuvor hatte er selber Beispiele für solche politische Essays vorgelegt. Der Band «Politik und Verbrechen» von 1964 versammelte neun Studien, vom dominikanischen Diktator Rafael Trujillo über die Mafia bis zu russischen Anarchisten, kenntnisreich, thesenartig zugespitzt, auch ein wenig sarkastisch. Als Enzensberger das Buch 1966 unter dem Titel «Politische Kolportagen» neu auflegte, schien das eine gewisse Distanzierung auch von seinem eigenen Anspruch der Verallgemeinerung zu bedeuten. Aber darauf liess er sich nicht festmachen, im Gegenteil. Die Jahre 1968/69 bedeuteten wieder eine stärkere Politisierung.

Peter Weiss und Konsorten

Eingeschrieben in diese Jahre war ein Disput mit dem schwedisch-deutschen Schriftsteller Peter Weiss (1916-1982), der symptomatisch für die zeitgenössische Debatte um die Politisierung der Literatur stehen mag. In der Nummer 2 des «Kursbuchs» hatte Enzensberger 1965 unter dem Titel «Europäische Peripherie» das Verhältnis von westlichen Intellektuellen zur dritten Welt abgehandelt und eine grundsätzliche Unvereinbarkeit festgestellt. Wahrend die Stellungsnahmen von Wortführern der dritten Welt für westliche Ohren «fadenscheinig und verbraucht», «antiquiert und unglaubhaft» klängen, vermöchten sich, umgekehrt, Angehörige der reichen Welt nicht «in die Lage eines schwarzen Grubenarbeiters, eines asiatischen Reisbauern oder eines peruanischen Indios zu versetzen». Im April 1966 nahmen Enzensberger wie Weiss während der Tagung der Gruppe 47 in Princeton an einer Veranstaltung der US-Linken teil, was etwa von Günter Grass abfällig kommentiert wurde. Dabei hielt Peter Weiss seinen Vortrag «I Come Out of My Hiding Place», in dem begründete, warum man sich in der gegenwärtigen Situation für den Sozialismus entscheiden müsse. Dieser Positionsbezug schien Enzensberger nicht überzeugt zu haben, im Gegenteil. Jedenfalls kam es ein paar Monate später, im Juli 1966, in der Nummer 6 des «Kursbuchs» zu einem heftigem Schlagabtausch. Peter Weiss kritisierte Enzensbergers Diktum aus der Nummer 2, wonach jede Solidarität westlicher Intellektueller etwa mit antikolonialen Befreiungsbewegungen unaufrichtig sei: Schliesslich gehe es nicht um Einfühlung, sondern um «die Fähigkeit, die Anlässe zu ergründen, die zu diesen Situationen führen». Auch wandte er sich gegen die von Enzensberger vertretene Dichotomie zwischen armen und reichen Ländern, da doch die Klassenspaltung auch in den Ländern des Zentrums weiter gehe und nach wie vor «der Gegensatz einer kapitalistischen und sozialistischen Welt brauchbarer» sei. Er präsentierte beispielhaft einige Fakten und Zahlen zum Wirken des westlichen Imperialismus in der Dritten Welt und forderte, die Intellektuellen müssten endlich «Farbe bekennen».

Enzensberger behielt als Herausgeber das letzte Wort und kanzelte Weiss geradezu höhnisch ab. Weiss ersetze Analyse durch Glaubensbekenntnisse: «Er hat weder ein Programm vorzuschlagen noch eine Strategie.» Als schlechter Idealist verfälsche er die Wirklichkeit, da er etwa den sino-sowjetischen Gegensatz unterschlage. Schliesslich zeuge dieser Verbalradikalismus von Doppelmoral und Heuchelei, denn auch Peter Weiss und Konsorten führten keinen gefährlichen Klassenkampf unter Einsatz des eigenen Lebens, sondern begnügten sich mit ein paar Aufsätzen und Interviews aus der sicheren Stube. Und er schloss emphatisch: «Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Revolutionäres Geschwätz ist mir verhasst. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit.»

Enzensberger konnte ein paar billige Punkte buchen, da Weissens Terminologie zuweilen hohl und abstrakt tönte und seine Beschreibung des «sozialistischen Lagers» nicht eben differenziert ausfiel. Dass Weiss mit seinen Fakten nichts Neues liefere, war allerdings eine schnöde und selbstgefällige Behauptung. Tendenziös war vor allem der Vorwurf an Weiss, dieser kämpfe nicht mit der Waffe in der Hand, sondern nur mit Worten – als ob Weiss je etwas anderes behautet hätte und ob es nicht genau darum gehe, welches denn der Beitrag von westlichen Intellektuellen sein könnte. Jedenfalls äusserte sich in der Kontroverse der regelmässig aufbrechende und aktualisierte Konflikt innerhalb der Linken zwischen Solidarität und Zweifel, zwischen Engagement und Distanz.

Die Positionen schienen unversöhnlich, der Bruch endgültig. Aber dann liess Enzensberger Heft 11 des «Kursbuchs» mit einem aus dem Schwedischen übersetzten Text von Peter Weiss zum Tod von Che Guevara eröffnen. Kurz darauf reiste Enzensberger selbst in die Dritte Welt und lebte längere Zeit in Kuba. Zurückgekehrt, 1970 veröffentlichte er einen Sammelband «Freisprüche», in dem er Revolutionäre vor Gericht auftreten liess, wobei er den Band schon mit dem Titel unter das Motto stellte, revolutionäre Taten entzögen sich der zeitgenössischen Kritik der Herrschenden und würden, wie es einst Fidel Castro formuliert hatte, einzig von der Geschichte beurteilt werden. Erstmals versuchte er sich mit «Das Verhör von Habana» (1971) auch an einem Theaterstück, das, durchaus in Anlehnung auch an Werke von Peter Weiss, starke dokumentarische Anteile enthielt. Eine Beschäftigung mit dem Anarchismus führte zudem zur literarischen Rekonstruktion «Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod» (1972), in der neben dem Dokumentarischen die Frage nach den konstruierten Bildern eines linken Märtyrers in den Vordergrund trat.

Fortschrittsskepsis

Das «Kursbuch» geriet ihm als Herausgeber mit der Zeit ein wenig aus dem Blick und konnte ihm nicht mehr als Fahrplan dienen. Der Gedichtband «Mausoleum» von 1975 zeigte Fortschrittsskepsis an. In 37 Balladen porträtierte er – mit kaum einer Frau in Sicht – Wissenschaftler, Techniker, Künstler aus der «Geschichte des Fortschritts». 1978 war ihm im Langgedicht «Untergang der Titanic» der Fortschritt noch brüchiger geworden. So gründete er 1980 zusammen mit dem ehemaligen Studentenführer Gaston Salvatore die Zeitschrift «TransAtlantik». Während die internationale Ausrichtung noch einiges Verdienst hatte, wurde die Kultur wieder entpolitisiert und zuweilen geschmäcklerisch als reines Bildungsgut gefeiert. Nach zwei Jahren schied Enzensberger im Streit mit dem Verlag, der eine weitere Kommerzialisierung verlangte. Seinen «Lieblingsflop» hat er das später etwas kokett genannt.

Die Essays aus den Achtzigerjahren zur bundesdeutschen Wirklichkeit bündelte er unter dem Titel «Mittelmass und Wahn». Darin beschrieb er die neue Normalität Westdeutschlands mit scharfem Blick, aber auch in widerwilliger Anerkennung, und er distanzierte sich von einer als Ritual abqualifizierten generellen Gesellschaftskritik. Zugleich richtete sich sein Interesse, mit gutem Gespür, auf Zentral- und Osteuropa; der Band «Ach Europa» versammelte 1987 «Wahrnehmungen aus sieben Ländern». Aber der Epochenumbruch von 1989 traf auch ihn weitgehend unerwartet. Seine aparten Reiseberichte erwiesen sich in manchem als Makulatur. Persönlich und öffentlich wurde der erste Golfkrieg 1991 zu einer Wegscheide. In einem Essay bezeichnete er Saddam Hussein als «Hitlers Wiedergänger». Seine frühere Differenziertheit hatte sich zu einen unbrauchbaren Vergleich unterschiedlicher Diktaturen verfestigt, und er unterstützte vorbehaltlos den US-Einmarsch in den Irak.

Eine andere Bibliothek

Vielleicht war das ihm am meisten gemässe Projekt «Die Andere Bibliothek», die Enzensberger 1985 zusammen mit dem Schriftsetzer Franz Greno gründete und bis 2004 herausgab. Diese Bibliothek bestand aus wunderbar gestalteten bibliophilen Bänden, im Abonnement zu beziehen, mit Sachbüchern und Literatur, bekannten und vergessenen Klassikern, Geheimtipps und Ausgrabungen sowie neuen AutorInnen wie Christoph Ransmayr und Irene Dische, Ralf Vollmann und Raoul Schrott. Es bleibt im Rückblick eine eindrückliche Schatzkammer, bestückt durch Enzensbergers Neugier, sein ästhetisches Sensorium und seinen eklektischen Spürsinn.

In all den Jahren hat Hans Magnus Enzensberger rund drei Dutzend Übersetzungen aus dem Spanischen und Französischen, auch aus dem Griechischen verfertigt, aus dem Fundus einer lateinamerikanischen, US-amerikanischen und europäischen Moderne, von Pablo Neruda über William Carlos Williams bis zu Lars Gustafsson. Wohl noch mehr Bücher hat er als Herausgeber betreut, mit Vor- und Nachworten versehen. Eine seiner immer wieder aufgegriffenen Lieblingsfiguren war der französische Aufklärer Denis Diderot (1713-1784). Ihn verstand Enzensberger als einen der ersten Intellektuellen, der sich auf dem neu entstandenen Markt einer aufgeklärten bürgerlichen Öffentlichkeit behaupten musste, unermüdlich tätig, sich einer Vielfalt von Genres bedienend, so wie es Enzensberger selber tat. Tatsächlich, seine Vielfältigkeit und Flexibilität waren Stärke und Schwäche zugleich. «In der Schwebe» hat er eine Abteilung in einem Gedichtband überschrieben, wobei sich diese schwebende Leichtigkeit zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich stark verortete.

Nach 1991 wurde er erneut zum gefragten Essayisten, auch im «Spiegel», den er einst so gnadenlos vorgeführt hatte, mit zunehmend kulturkritischen, konservativen Positionen, etwa zu Migration und Asylpolitik, selbst zur neuen Sprachreform, die er ablehnte. Doch seine Meinungsmacht nahm ab, von anderen lauteren oder prononcierteren Stimmen übertroffen. Vermehrt wandte er sich wieder der Lyrik zu, schrieb weiterhin elegant, formvollendet, zuweilen nostalgisch an die frühen Gedichte erinnernd. Schon 1961 hatte er im Band «Allerleirauh» Reime, Gedichte und Lieder für Kinder versammelt, die über das Herkömmliche und Beschauliche hinausgingen und an Phantasie ebenso wie eigenes Denkvermögen der Kinder appellierten. 1997 wurde ein Kinderbuch zu einem seiner grössten Erfolge: «Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben». Es lässt sich als eine Anleitung zu aufgeklärtem naturwissenschaftlichen Denken sehen, wobei sich der Autor für einmal nicht mehr mit Politischem abmühen muss.

Am 24. November ist Hans Magnus Enzensberger, 93-jährig, gestorben, als Repräsentant einer Epoche, die längst vergangen aber noch nicht eingelöst ist.

Dies ist die stark erweiterte Version eines Nachrufs, der in der WOZ Nr. 48 vom 1. Dezember 2022 erschien.

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Theater, Theater

Die Aufzeichnungen von Gunilla Palmstierna-Weiss (1928-2022)

Eben noch war sie auf einer kurzen Lesetour mit ihrer Autobiografie «Eine europäische Frau», die vor kurzem auf Deutsch erschienen ist. Am 20. November ist Gunilla-Palmstierna-Weiss im Alter von 94 Jahren gestorben.

«Eine europäische Frau» ist ein Buch von und über Gunilla Palmstierna-Weiss. Es ist auch ein Buch über den Schriftsteller Peter Weiss, mit dem sie dreissig Jahre lang zusammengelebt hat. Aber das ist es erst in zweiter Hinsicht. Denn, wie der Titel verspricht: Hier spricht eine weltgewandte Frau in ihrem eigenen Namen. Gunilla Palmstierna-Weiss, Keramikerin, Bühnenbildnerin, Netzwerkerin, Aktivistin.

Und so beginnt diese Geschichte.

Die Enkelin eines reich gewordenen jüdischen Buchdruckers aus Deutschland, der sich in Nordschweden angesiedelt hat, heiratet einen Angehörigen aus schwedischem Adel, gegen den Widerstand von dessen Familie. Die 1928 geborene Tochter Gunilla wird nach der frühen Scheidung der Mutter mit vier Jahren zu einer Pflegefamilie gegeben. Zurück bei der Mutter Vera leben Gunilla und ihr zwei Jahre älterer Bruder Hans in Stockholm als Schlüsselkinder. Die Mutter ist Schauspielerin, pflegt intellektuelle und künstlerische Freundschaften im Salon ihres Hauses. Die Sommeraufenthalte werden bei den Grosseltern väterlicherseits, den Palmstiernas, verbracht. Dort befreundet sich Gunilla mit einer Cousine, deren Vater aus einem französisch hugenottischen Adelsgeschlecht stammt.

1936 lebt sie mit der Mutter ein paar Monate in Wien, diese bewegt sich in psychoanalytischen Kreisen um Sigmund Freud und heiratet einen wohlhabenden holländischen Psychiater. 1937, als Gunilla neun Jahre alt ist, übersiedelt die Mutter mit den beiden Kindern nach Holland; die Kinder werden zumeist von Kindermädchen betreut. Mit zwölf Jahren erlebt Gunilla die Bombardierung von Rotterdam; gegen Kriegsende wird ihr Stiefvater von den Nazis verhaftet, sie begleitet die Mutter bei einem Bittgang ins Nazi-Hauptquartier in Den Haag. In Stockholm wie in Wien und dann in Rotterdam wechselt sie häufiger die Schule, erhält auch Privatunterricht.

Nach Kriegsende, mit siebzehn Jahren, ist Gunilla zurück in Schweden. Sie beginnt ein kunsthandwerkliches Studium, betreut die psychisch immer labilere Mutter und den jüngeren Halbbruder. Nach dem frühen Tod der Mutter wird sie 1947 vom Stiefvater aus der elterlichen Wohnung geschmissen, und der reisst auch das mütterliche Erbe an sich. 1948 geht Gunilla als Neunzehnjährige eine Ehe mit einem Kunstmaler ein; da sie noch nicht volljährig ist, braucht es dazu die Einwilligung des schwedischen Königs.

           Als Kostümmodel am Theater, Stockholm 1946

Kein Erbarmen

Da sind wir bereits, oder erst, auf Seite 145 dieser autobiografischen Aufzeichnungen, und es gibt schon Schicksale und Erlebnisse und Anekdoten genug für mehrere Leben. Abspielen tun sich Kindheit und Jugend in der niedrigen schwedischen Aristokratie sowie in der holländischen und französischen Haute Bourgeoisie, alles durchsetzt von Snobismus und Klassendünkel und erschüttert durch gelegentliche Eheskandale.

Ja, in diesen Kreisen herrschen brutale Sitten der Ausgrenzung. Insbesondere wenn es ums Geld geht, kennen die Adligen und Reichen kein Erbarmen.

Der Haushälterin, die die Grossmutter Palmstierna fünfzig Jahre lang bedient, davon zehn Jahre als Alzheimer-Patientin betreut hat, wird nach dem Tod der Grossmutter auf deren Anwesen gnädig ein heruntergekommenes Zimmer ohne warmes Wasser und Toilette zugestanden, das die Haushälterin bis ins hohe Alter bewohnt. «Nicht einmal in meiner wildesten Fantasie hätte ich mir ausmalen können, dass das alte Klassendenken noch in diesem Ausmass existierte» (63), kommentiert Gunilla.

Das von ihrer Familie väterlicherseits geerbte Geld, mit dem Mutter Vera den von seiner Familie geächteten Ehemann finanziert hat, geht nach der Scheidung durch juristische Kniffe an den Ex-Ehemann über; für die Kinder bleibt praktisch nichts übrig.

Überforderungen

Die Mutter Vera Palmstierna, geb. Herzog, 1928

Gunilla Palmstierna ist, in der Jugend viel auf sich gestellt, früh selbstständig geworden. Die Beziehung zur Mutter war nicht einfach. Vera ist in der Mutterrolle überfordert und überfordert ihre Kinder, behandelt sie als Erwachsene. So erzählt sie der sechsjährigen Gunilla von einem Suizidversuch und der Todeskälte, die sie bereits gespürt habe. Umgekehrt eröffnet sie ihren Kindern früh die Welt der Kunst und fordert eigenständiges Denken. «Hans und ich hatten uns daran gewöhnt, allein zurechtzukommen. Veras Liebhaber kamen und gingen, das hatte auf das Leben von Hans und mir keinen Einfluss. Es spielte keine Rolle, ob es Männer oder Frauen waren. Hauptsache, sie respektierten uns.» (49f.) Die Selbstständigkeit bringt wiederum eine allzu grosse Verantwortung mit sich. 1946, nach einem weiteren Suizidversuch stirbt Vera im Krankenhaus, unter erbärmlichen Umständen, und die achtzehnjährige Gunilla macht sich Vorwürfe, dass sie nicht die letzten Stunden mit mir verbracht habe; in ihren Aufzeichnungen deutet sie bitter an, dass dem Suizid wohl ein körperlicher Streit mit dem Ehemann vorausgegangen war.

Es war, meint sie über Vera, in einer patriarchalen Gesellschaft «ein vergeudetes Frauenleben» gewesen: «Nie wurde ihr die Achtung zuteil, die sie angesichts ihrer Fantasie, ihrer Intelligenz und ihrer aufgeweckten Art verdient hätte.» (133)

Mutter Vera, 1928

Nach dem Krieg wieder in Stockholm, beginnt Gunilla eine Ausbildung an der Hochschule für Handarbeit und Handwerk. Ihr Stiefvater finanziert die Ausbildung unter der Bedingung, dass sie sich um den Halbbruder Allan kümmert, worauf sie den Sechsjährigen zur Verblüffung von LehrerInnen und MitschülerInnen in die Webkurse mitnimmt, wo er zum «Maskottchen» (116) des Kurses wird. Unter Druck der Familie heiratet sie, ein wenig zufällig, den einiges älteren Zeichner Mark Sylwan. Das erleichtert die Wohnungssuche in der Altstadt von Stockholm. Sylwan, ein politischer Karikaturist von etlichem Renommee, führt Gunilla in die Kunst- und Politszene ein, wo sie aber eher als dessen Anhängsel betrachtet wird. Die Geschlechterstereotypen spielen auch in der Ehe. Ihr Mann beansprucht in der Wohnung viel Platz zum Arbeiten, während Gunilla in eine Ecke gedrängt wird; die Zeit für die eigene Arbeit wird noch knapper, als sie im November 1949 den Sohn Mikael zur Welt bringt. Auch an der Kunsthochschule muss sie gegen Diskriminierungen als Frau ankämpfen, und man merkt es dem Text an, dass Gunilla Palmstierna-Weiss noch während der Niederschrift gegen die damaligen Kränkungen anschreibt.

Schicksale

Geschrieben sind diese auf schwedisch bereits 2013 erschienenen, für die deutsche Ausgabe überarbeiteten Memoiren in einem direkten, zupackenden Stil, wobei der gelegentliche Sarkasmus zwanglos der Sache entspringt. Auf wenigen Seiten werden Schicksale lebendig: etwa das von Murre, einem unehelichen Sohn aus der väterlichen Linie, der von der Familie nie akzeptiert wurde. «In diesem grossen Zuhause hatte er die Rolle eines Dienstboten und Aufpassers und trug stets die Livree eines Dienstboten. Selbstverständlich wurde er nicht bezahlt. Er bekam Kost und Logis und wohnte im Dienstbotenbereich.» (158) Später bezog er eine kleine Wohnung und hütete zuweilen das kleine Kind von Gunilla. Er liebte «grosse kräftige Lastwagenfahrer» und hatte einen festen Freund, Sigge. Ein homosexueller Pfarrer traute die beiden in der Wohnung. «Sigge erschien im Frack und Murre mit Schleier.» Als Murre an Magenkrebs erkrankte, kümmerten sich Sigge und Gunilla um ihn, bis Sigge – vermutlich – Sterbehilfe leistete. «Die reichen Halbgeschwister kamen und holten sich das Wenige, was es noch in Murres Zuhause gab. Sigge wurde nie erwähnt.»

1949 lernt Gunilla Peter Weiss kennen. Damit sind wir auf Seite 175 angekommen, und die folgenden Passagen erwecken, zugestanden, ein zusätzliches Interesse. Peter wirkt bei der ersten Begegnung als Kultursnob, dem Gunilla aber Paroli zu bieten vermag. Gunillas Ehemann reicht kurz darauf die Scheidung ein; 1952 ziehen Peter und Gunilla zusammen. Peter Weiss, geboren 1916, hat bereits zwei Heiraten hinter sich. Drei Kinder bringen die beiden Partner in die Beziehung ein. Patchworkfamilien, so lässt sich lernen, sind nichts Neues, wobei Gunilla nicht müde wird, zu betonen, dass Schweden bezüglich der Frauenrechte Deutschland weit voraus gewesen sei – was angesichts der Schicksale wie das ihrer Mutter doch ein wenig fraglich scheint.

Das erste Jahrzehnt der Beziehung ist durch die steten Bemühungen von Peter Weiss um künstlerische Anerkennung als Schriftsteller und Maler geprägt. Gunilla Palmstierna ihrerseits bildet sich an der Kunsthochschule vielfältig weiter, in Keramik, Bildhauerei, Webkunst, Malerei, ja, sie lernt auch Schweissen. 1952 schliesst sie das Studium ab – ohne Diplom, da sie laut offizieller Lesart zu oft die Fächer gewechselt habe. Während die Männer Jobs als Designer in der Industrie finden, übernimmt Gunilla mit zwei anderen Frauen eine Keramikmanufaktur, und sie öffnen ihr Atelier und arbeiten vor Publikum, werden zu einem Geheimtipp.

Stockholmer Szene

In den Fünfzigerjahren bildet sich eine Stockholmer Szene, sie dreht sich vor allem um Kunst und Theater, auch ein wenig um Jazz und etwas mehr um Erotik. Fast täglich trifft man sich zu opulenten – aber nicht gerade feinschmeckerischen – Essen und Diskussionen: «Es war eine mentale Überlebensfrage, zu begreifen, für wen man eigentlich schöpferisch tätig ist und welche Möglichkeiten es gibt, als Künstler seinen Lebensunterhalt zu bestreiten» (226). Namen und Ereignisse drängen sich; Stockholm wird als ein europäisches «Zentrum für Kunst, Film, Musik, Tanz und Happenings» (246) vorgestellt, und namentlich als eine Drehscheibe für den Import US-amerikanischer Kunst auf den europäischen Kontinent. Auch einige lang dauernde Freundschaften mit Frauen entwickeln sich in dieser Zeit.

Mit Peter Weiss, Begutachtung von Filmaufnahmen, 1958

Als Peter Weiss sich dem Filmemachen zuwendet, ist Gunilla dabei, sie spielt sogar eine Hauptrolle in dessen Spielfilm «Hägringen». Peter ist ein schwieriger Lebenspartner, hypochondrisch, selbstgerecht, phobisch lärmempfindlich, ein, vorerst unverbesserlicher, Schürzenjäger. Zugleich ist er vielseitig interessiert und gebildet, mitreissend, engagiert, aufgeschlossen. Später, nach einer grundsätzlichen Krise, hat Gunilla ihre Gemeinschaft als ein Bauwerk beschrieben, das sich in zwei Jahrzehnten aufgebaut habe. Wesentlich sind die «gemeinsamen Diskussionen, das gegenseitige Interesse für die Arbeit und unsere gemeinsamen Freunde», ohne irgendwelche professionelle Eifersucht, die Unterstützung noch für die «verrücktesten Gedanken», auch ein Glaube an die Zukunft, dazu selbstverständlich «eine Portion körperlicher Nähe» (446f.).

1961 erhält Gunilla den Auftrag, ein Steinzeugrelief für einen Konferenzraum des Schwedischen Radios herzustellen. Es ist der bisherige Höhepunkt ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Parallel dazu gelingt Peter die erste Veröffentlichung auf deutsch, bei Suhrkamp. Jetzt reisen die beiden häufiger nach Berlin, Peter Weiss wird an die Treffen der Gruppe 47 eingeladen. Gunilla, gelegentlich auch hier wieder nur als Peters Begleiterin wahrgenommen, entwirft einige amüsante Vignetten über Vertreter dieser monopolartigen Vereinigung der deutschsprachigen Literaturszene. Scharfsinnig beschreibt sie gleichzeitig das Verhältnis von Peter Weiss zu den verschiedenen Sprachen seines Lebens.

Theater

Ab Seite 353 widmet sich ihr Buch dem Theater, und tatsächlich sind die Jahre 1962 bis 1971 ein Zentralpunkt dieser beiden Lebensgeschichten. Zu Recht betont Gunilla, dass sie Bühnenbilder und Kostüme für viele Peter-Weiss-Stücke gemacht habe, was bis heute zu wenig gewürdigt wird. Schon zuvor hat sie, für den «Marat/Sade», intensiv in Paris Originalquellen recherchiert. Jetzt folgen faszinierende Überlegungen zu den Konzepten ihrer Bühnen- und Kostümentwürfe, mit hübschen Anekdoten umrankt. Zum Beispiel braucht sie für die Verfilmung des «Marat/Sade» durch Peter Brook einen spezifischen Stoff für die Zwangsjacken. Nach längerer vergeblicher Suche scheinen ihr die Vorhänge in der Wohnung der Brooks besonders geeignet. Natürlich, nimm sie nur, sagt ihr der Regisseur. Doch als die Vorhänge zugeschnitten auf der Bühne auftauchen, realisiert Gunilla, dass Brook die Zustimmung nur im Scherz erteilt hat und der Verlust der teuren, massgeschneiderten Stoffe doch eine kurzfristige Spannung zwischen den beiden verursacht. Allerdings, Autobiografien sind bekanntlich subjektive Rückblicke, und zuweilen beschleicht einen das Gefühl, eine andere Perspektive auf bestimmte Ereignisse wäre wohl auch möglich.

Politische Reisen

Unerschrocken begibt sie sich auch ins politische Getümmel. Anfang 1967 werden Peter und Gunilla Kontaktpersonen für das Russell-Tribunal zu den US-amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam, das in Stockholm stattfinden soll, wovon sie sich auch durch Interventionen des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Tage Erlander nicht abbringen lassen; Vorbereitungssitzungen finden weiterhin in ihrer Wohnung statt. Im Juli reisen sie mit einer internationalen Delegation zum Nationalfeiertag nach Kuba. Mit auf der Reise sind etwa Marguerite Duras, «eine sehr ernste Dame, die meist für sich allein blieb», der «elegante und recht überhebliche Schriftsteller Jorge Semprun», Eva-Forest-Sastre, Mitglied der baskischen Befreiungsorganisation ETA, und Rossana Rossanda, damals noch im ZK der KPI. Der Aufenthalt war «eine Mischung aus Tanz, Fest und Karneval sowie politischen Diskussionen» (423). Die ausländischen Genossen werden aufgefordert, ein gemeinsames Gemälde zu schaffen. Selbst hier wird Gunilla gelegentlich nur als «Peters Anhängsel» betrachtet und der Besuch sie interessierender Kunstinstitutionen verhindert. Das lässt sie sich nicht gefallen. Sie beschreibt das in einem Abschnitt, der ihren Stil und ihre Haltung beispielhaft verdeutlicht. «Ich forderte eine Diskussion darüber. Ich wollte mir alles ansehen, was für meinen Beruf relevant war und mit meinem politischen Engagement zu tun hatte, neue Milieus kennenlernen, und natürlich wollte Peter sich auch seinen eigenen Sachen widmen, ohne dass ich ständig hinterherdackelte. Meine Haltung bezog sich nicht nur auf uns, die eingeladenen Frauen, sondern symbolisch auch auf die kubanischen Frauen. Nach der Diskussion über die Situation der eingeladenen Frauen, eine Debatte, die Teil einer grösseren trikontinentalen Diskussion über die Situation von Frauen in der Welt war, bekamen die eingeladenen Frauen eigene, auf ihren jeweiligen Beruf zugeschnittene Programme. Ich wurde gefragt, ob ich innerhalb sehr kurzer Zeit «Macbeth» von Shakespeare mit Schülern der Schauspielschule inszenieren könnte. Der Schule fehlte es zwar an Material, aber nicht an Ideen.» (422f.)

In Vietnam, 1968

Im Mai/Juni 1968 folgt eine beinahe zweimonatige Reise durch (Nord)Vietnam. Gunilla und Peter erleben sowohl die vielfältigen Kulturanstrengungen, insbesondere auf dem Theater, wie die verheerenden Kriegszerstörungen. Doch mitten während der Reise erleidet Peter eine Nierenkolik und wird ins Spital eingeliefert. So reist sie allein an die Demarkationslinie zwischen Nord- und Südvietnam. Später besuchen sie gemeinsam Dörfer, von Bombenabwürfen beschädigt, in denen traditionelle, auch abergläubische Vorstellungen auf moderne Technologie und neue politische Konzepte treffen, gelegentlich mit bemerkenswerten Resultaten: So werden traditionelle Heilmethoden in neue ärztliche Diagnosetechniken integriert. Gemeinsam schreiben Gunilla und Peter «Notizen zum kulturellen Leben der Demokratischen Republik Viet Nam», doch auf dem Buchumschlag fehlt ihr Name: «Peter, der für Gleichberechtigung war, hätte das sehen und darauf hinweisen müssen.» (418)

Kosmopolitisches Leben

Es sind zwei Jahrzehnte eines kosmopolitischen Lebens. In Stockholm beherbergt das Paar Hans Werner Richter und andere Mitglieder der Gruppe 47, später Mitglieder des Russell-Tribunals, den Black-Panther-Führer Stokely Carmichael oder den Westberliner Kabarettisten Wolfgang Neuss und den DDR-Filmer Konrad Wolf; ihrerseits wohnen sie bei Peter Brook in London oder bei Ernest Mandel in Brüssel.

Weiss ist als Autor etabliert, Gunilla eine anerkannte Bühnenkünstlerin. Doch dann kommt, 1970, «Trotzki im Exil». Das Stück ist eine politische Zumutung, es wird von allen Seiten bekämpft. «Die extreme Linke und die äusserste Rechte hatten sich mit den Anarchisten zusammengetan» (429), meint Gunilla. Während der Generalprobe kommt es zu Pöbeleien, antisemitischen Schmähungen, Handgreiflichkeiten; ein paar Leute wollen als Reminiszenz an den «Marat/Sade» auf der Bühne kopulieren, später sollen auch vier Revolver beschlagnahmt worden sein. Gunilla selbst empört sich so sehr, dass sie einem vor ihr sitzenden rechten Schreihals das Mikrophon über den Eierkopf schlagen will, kann aber vom Regieassistent gerade noch zurückgehalten werden. Nach der Premiere erscheinen «mörderische Rezensionen sowohl in der linken als auch in der rechten Presse» (430). In dieser zugespitzten Situation hat sich nicht nur Peter Weiss umzingelt gefühlt, auch Gunilla schlägt sich unverrückbar auf die Seite ihres Manns und verteidigt das Stück unhinterfragt.

Szenenbild zum VietNam-Diskurs von Peter Weiss, 1967.

Wenig später erleidet Peter einen Herzinfarkt. Sie fährt ihn im Auto zum Krankenhaus. Es ist ein Heldinnenstückchen. «Ich fuhr barfuss, trug nur ein dünnes Hemdchen und Jeans und roch nach Alkohol. … Die Kurven nahm ich sicher nur auf zwei Rändern und stand eher hinter dem Steuer, als dass ich sass.» (435) Während der Rekonvaleszenz muss sie unter Zeitdruck vier eigene Reliefs für ein Ausbildungszentrum fertigstellen, kümmert sich zugleich umfassend um Peter, versorgt ihn mit Essen und Büchern und kocht auch gleich noch für die Maurer, die das Relief anbringen.

Die falsche Frau Weiss

Alle diese Zuspitzungen und Krisen lassen die Spannungen zwischen den Ehepartner anwachsen, Gunilla fühlt sich, obwohl sie das Wort nicht verwendet, ausgenützt. Während der Inszenierung von «Hölderlin» 1971 in Berlin erreicht die Beziehung einen Tiefpunkt. Peter Weiss hat, wie Gunilla erfahren hat, ein neues Verhältnis mit der Frau eines bekannten deutschen Publizisten angefangen – na gut, es war Maria Augstein. Gunilla trifft sich, ganz die moderne Frau, mit dieser, erkundigt sich «nach ihren Absichten» und schlägt vor, dass Maria nun die «Verantwortung» für Peter übernehme (443). Doch dann kommt es bei der Feier nach der Inszenierung zum Eklat. Peter Weiss und Maria Augstein sitzen auf den Ehrenplätzen, und letztere wird in den gehaltenen Ansprachen öfters als Frau Weiss angeredet. Worauf Gunilla aufsteht, allen dankt, die zur Inszenierung beigetragen haben, sich als Frau Weiss und die vermeintliche Frau Weiss als Maria Augstein outet, aufsteht und die Feier verlässt.

Und sie will Peter verlassen. Sie reist nach Paris, kehrt nach Stockholm in die gemeinsame Wohnung zurück, vorläufig, fest zur Trennung entschlossen. «Das Leben ging weiter unter Schweigen, bis wir uns eines Nachts, wie wir dachten, zum Abschied für immer zusammenfanden. Zu meinem Erstaunen wurde ich schwanger.» (448) Gunilla kann auch dem nachträglich einen Witz abgewinnen. «Während der Schwangerschaft arbeiteten wir zusammen an der Inszenierung von «Hölderlin» am Stockholmer Dramaten. Die Schwangerschaft erregte Aufmerksamkeit – zusammen waren wir ja hundert Jahre alt, ich vierundvierzig und Peter sechsundfünfzig. Es wurde viel darüber gewitzelt. Die Bühnenarbeiter haben gefragt, ob wir erst nach zwanzig Jahren herausgefunden hätten, wie es geht. Es war eine fröhliche und kreative Zeit.» (449) Die Geburt der Tochter Nadja im November 1972 hat Peter Weiss dann als höchstes Glück erlebt, und sie hat die Eltern wieder in einem neuen Verhältnis zusammenführt.

Worauf sich eine merkwürdige Lücke in diesen Aufzeichnungen auftut: die Arbeit von Peter Weiss an der «Ästhetik des Widerstands». Es gibt eine frühe Bemerkung dazu: Peter sei in den Sechzigerjahren «durch ein Relief von Donald Judd zur grafischen Gestaltung seiner Trilogie Die Ästhetik des Widerstands inspiriert» worden (246). Danach allerdings wird das Monumentalwerk praktisch nicht mehr erwähnt. Natürlich, da war vor dem Arbeitsbeginn die tief gehende, anfänglich unlösbar scheinende Krise in der Beziehung, auch ist die künstlerische und berufliche Zusammenarbeit nicht mehr so eng wie bei den Theaterstücken. Dennoch bleibt es einigermassen erstaunlich – und bedauerlich –, dass wir kaum etwas zu dieser Arbeit erfahren, das als Ergänzung zu den eigenen «Notizbüchern» von Peter Weiss dienen könnte.

Leuchtende Bühnenbilder

Mit Ingmar Bergmann und Peter Weiss, Stockholm 1966

Beruflich gehen Gunilla und Peter zunehmend getrennte Wege. Erst 1982 werden sie nochmals zusammenarbeiten, bei der Inszenierung von «Der neue Prozess» in Stockholm, kurz vor dem Tod von Peter Weiss. In den Siebzigerjahren dagegen arbeitet Gunilla an Stücken von anderen Autoren mit Regisseuren wie Götz Friedrich oder Ingmar Bergmann, der dann in den Achtzigerjahren zunehmend wichtiger wird. Da findet sie zu einer neuen, eigenen Rolle. Sie liefert leuchtende Beschreibungen von Bühnenbildern und Kostümen, von Ideen und Arbeitsprozessen, von Materialien und Techniken, von Räumen und Farben. Es gibt bewundernd-sarkastische Anekdoten zu Regisseuren, etwa zum cholerischen Ingmar Bergmann, und zur Zusammenarbeit mit Bühnenarbeitern – ja, der Theaterbetrieb ist damals noch fast ausschliesslich eine Männerdomäne. Dabei bewegt sie sich mehr oder weniger gekonnt zwischen den arbeitsrechtlichen und kulturellen Unterschieden in den USA, in Deutschland, in Schweden, in Österreich – dort steigt sie in der Hochachtung der Mitarbeitenden ungemein, als eine Freundin einen grossen Briefumschlag an sie mit dem, zutreffenden, Titel «Baronin Palmstierna» adressiert.

Immer wieder ist sie kulturpolitisch engagiert, in den Fünfzigerjahren mit Peter Weiss in der schwedischen Filmszene, in den Sechzigerjahren im allgemeinen politischen Aufbruch. Auch später äussert sie sich schriftlich und mündlich, zum Theater und zu den Rahmenbedingungen des künstlerischen Schaffensprozesses. Dazu kommt die zunehmende Arbeit als die Nachlassverwalterin von Peter Weiss, im ganz praktischen wie im ideellen Sinn.

Im Atelier, 2017

Das letzte Unterkapital dieses überreichen Buchs ist den Kindern und Enkeln gewidmet, insbesondere der Tochter Nadja, die als Schauspielerin dem Theatermilieu treu geblieben ist. Da sind wir auf Seite 570 angelangt. Beinahe ein ganzes Jahrhundert ist wie im Flug vergangen.

Gunilla Palmstierna-Weiss: Eine europäische Frau. Aus dem Schwedischen von Jana Hallberg. Verbrecher Verlag, Berlin 2022. 600 Seiten.

Bildcopyrights
1)  Gunilla Palmstierna-Weiss auf der Terrasse der Berliner Akademie der Künste, 2013. Foto: imago images/gezett
2) Jugendbild 1946, © Gunilla Palmstierna-Weiss
3) Vera Palmstierna, 1928, © Gunilla Palmstierna-Weiss
4) Beim Filmen
5) Peter Brook, Plakat zur Verfilmung des Marat/Sade, 1967
6) Vietnam-Besuch
7) Szenenentwurf zum VietNam-Diskurs, 1967. Foto: Albin Dahlström / Moderna Museet © Gunilla Palmstierna-Weiss
8) Mit Ingmar Bergmann, 1966. Foto: Beata Bergström, © Musik- och teaterbiblioteket, Statens musikverk
9) Im Atelier, Malin Musikverket
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