Anarchie und Politpunk

Bücherräumereien XLIV

Was von uns auch bleibt: Bücher. Tomi Geiger, letztes Jahr viel zu früh verstorben, hat sie in Überfülle besessen, als Buchhändler&Verleger. Und als Leser, selbstverständlich.

Einige davon dürfen jetzt in die Politisch-Philosophische Bibliothek im bücherraum f umziehen. Zwei Themen stechen hervor und interessieren besonders: Anarchismus und Dada. Vielleicht ist das auch nur ein Thema.

Das zeigt sich gleich beim ersten übernommenen Titel, Erich Mühsams «Ascona. Eine Broschüre», mit dem berühmt-berüchtigten Titelbild des nackten Erich bei der Gartenarbeit auf dem Monte Verità. Die Broschüre gesellt sich vorzüglich zu dem schon im bücherraum stehenden Erzählband «Dada, Ascona» von Friedrich Glauser. Die Verlagsgeschichte des Mühsam-Bändchens ist ein bisschen verwirrlich. Bei der vorliegenden Ausgabe handelt es sich um einen fotomechanischen Nachdruck durch den Verlag Klaus Guhl, Berlin, und zwar in zweiter Auflage. Ohne Erscheinungsjahr. Was sich freilich anderweitig eruieren lässt: 1978. Ursprünglich ist der Band, wie getreulich vermerkt wird, im Verlag von Birger Carlson in Locarno erschienen, ebenfalls ohne Jahreszahl, die sich ebenfalls anderweitig identifizieren lässt: 1905.

Mehrfach vertreten ist der Anarchoökologe Murray Bookchin, etwa mit «Hierarchie und Herrschaft», dazu stehen etliche Bände von Max Nettlau nebeneinander. Der Österreicher Nettlau (1865-1944) war vor allem Bibliomane, Archivar, Bibliograf, mit einer riesigen Sammlung von und umfassendem Wissen über anarchistische Publikationen, und als Dokumentalist des Anarchismus hat er unzählige Artikel über seine Funde und seine entsprechenden Einschätzungen geschrieben. Diese kleineren Arbeiten sind teilweise nur in abgelegenen Zeitschriften oder als Broschüren in Kleinstauflagen erschienen, seit den 1970er-Jahren erneut in abgelegenen Zeitschriften nachgedruckt worden oder vergessen gegangen; manche Manuskripte liegen noch ungedruckt im Nachlass im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam: wahrlich ein zerstreutes Werk.

Liechtenstein und Amsterdam

Nettlaus grosses Hauptwerk war allerdings die «Geschichte der Anarchie», ab 1925 veröffentlicht, auf sieben Bände angelegt, von denen zu Lebzeiten nur drei im Syndikalist-Verlag erschienen sind. Um 1980 wurden die ersten Bände vom Bremer Impuls-Verlag nachgedruckt (ohne Verlagsjahr); etwa zur gleichen Zeit wurden die Bände IV und V als Raubdruck sowie ein «Ergänzungsband» publiziert, vom Topos Verlag in Ruggell/Liechtenstein, der laut Website auf den Nachdruck von Werken spezialisiert ist, deren Copyright vermutlich abgelaufen ist; mit politischer Schlagseite, da sich auch Erich Mühsam, Rudolf Rocker und andere Anarchisten im Programm finden, zu ziemlich saftigen Preisen (Liechtenstein!). Die im Manuskript vorliegenden Bände VI und VII von Nettlau sind weiterhin unveröffentlicht. Seit 2020 hat sich ein Team die Herausgabe aller Bände zur Aufgabe gemacht, und zwar sowohl in gedruckter Form wie auch Online – das wird in einer gediegenen Website aufbereitet, siehe https://www.geschichte-der-anarchie.de/ Als Trägerschaft treten das Amsterdamer Institut sowie der Libertad-Verlag in Potsdam auf, der die libertäre Zeitschrift espero herausgibt.

Tatsächlich, Nettlaus «Geschichte des Anarchismus» ist in historischer Hinsicht unverzichtbar. Im Übrigen bemerkenswert geschrieben. Obwohl viel bibliografisch aufgelistet wird, liest sich das erstaunlich flüssig, und zugleich sehr subjektiv, mit unverblümten Wertungen zur Sekundärliteratur und Eingeständnissen, wenn Nettlau etwas (noch) nicht gelesen hat.

Zwischen den ersten Bänden der «Geschichte» veröffentlichte Nettlau, 1927, das Buch «Eugenik der Anarchie: Texte zu Geschichte und Theorie des Anarchismus». Der zeitgenössische Begriff der Eugenik unheiligen Angedenkens irritiert ein wenig. Nettlau skizziert damit seine Einschätzung des gegenwärtigen Anarchismus, was zugleich eine Absichtserklärung fürs Buch bedeutet: «Der gesunde Keim ist da, aber auch der gesündeste Keim bedarf günstiger Entwicklungsverhältnisse und diese, die Eugenetik der Anarchie also, zu schaffen, kann durch diese Skizze gewiss nicht erreicht werden, sollte aber durch sie wenigstens angeregt und zur Diskussion gestellt werden.» Man kann nur hoffen, dass er das nicht wirklich so biologistisch verstanden hat wie es sich von heute aus anhört. Die vorliegende Ausgabe ist übrigens die Neuausgabe durch einen weiteren kleinen Verlag, Büchse der Pandora, und zwar von 1987.

 

England und Spanien

Im ersten Band von Nettlaus «Geschichte der Anarchie» mit dem Titel «Der Vorfrühling der Anarchie» findet sich ein ganzes Kapitel, das IX., über William Godwin. Für Nettlau gehörte der noch selbstverständlich zum linken Bildungsgut, «Godwins Leben ist bekannt genug», schreibt er einleitend und nennt dann einige Aufsätze um 1900, die sich unter verschiedenen Aspekten mit dem englischen politischen Denker beschäftigen. Mittlerweile ist Godwin (1756-1836), zumindest im deutschsprachigen Raum, vergessen. Oder in den Schatten gestellt, für einmal ein Mann durch Frauen: Durch seine Ehefrau Mary Wollstonecraft, Verfasserin der protofeministischen Schrift «A Vindication of the Rights of Woman», und durch seine Tochter Mary Shelley, Schöpferin des «Frankenstein». Für Nettlau aber gilt Godwin als Verfasser des «ersten grundlegenden anarchistischen Werks». Und er belegt das mit verschiedenen Zitaten von Godwin, wonach «alle Regierung notwendig unserer Vervollkommnung entgegenwirke», die – gewaltlosen – Revolutionen als «allgemeine Erleuchtung» den gesellschaftlichen Fortschritt vorantrieben und man den Staatsapparat zu kleinen autonomen Entscheidungsinstitutionen umbauen müsse, die schliesslich auch entfielen, bis jede Angelegenheit von den Betroffenen von Fall zu Fall geregelt werde.

Was Nettlau noch nicht bearbeiten konnte und wo der Anarchismus zur Praxis wurde, war Spanien ab 1936, in der dortigen revolutionären Republik, die dann von den faschistischen Kräften im Bürgerkrieg 1939 zerschlagen wurde. Dazu steht nun im bücherraum ein kleiner Band, quadratisch im Format: «The Spanish Revolution 1936». Das Cover eignet sich das Signet der anarchistischen Bewegung an und nennt deren Protagonisten: die CNT, Konföderation anarchosyndikalistischer Gewerkschaften, und die FAI, Iberische Anarchistische Föderation, der parteimässige oder militante revolutionäre Arm der Gewerkschaften, in dessen Namen gelegentlich auch Attentate verübt wurden. Der Band enthält schöne, heroische Fotografien aus dem CNT-Archiv, das sich wiederum in Amsterdam befindet. Etwa eine Aufnahme von lesenden Soldaten in einer Bibliothek hinter der Front. Versehen mit zweisprachigem Text, englisch und holländisch. Ja, holländisch. Tatsächlich ist das Buch in Holland erschienen, 1986. Es fühlt sich etwas steif, ungelenk an, doch dann findet sich bei genauerer Untersuchung vorne und hinten im Kartonumschlag je eine Schallplatte, Singles, muss ich einem jüngeren Nachhilfeschüler erklären: eine Platte mit einem Lied pro Seite, je eine A- und B-Seite. Auf den Computer übertragen, tönt Politpunk von 1986 aus Holland aus den Lautsprechern. Und zwar von der Gruppe The Ex, 1979 gegründet und offenbar immer noch politisch-musikalisch unterwegs. Die vier Lieder sind spanisch und englisch gesungen, holländisch hätte wohl nicht den selben anarchistisch internationalen Groove.

Obwohl, hatte ich gedacht, es eine Tradition holländischen Anarchismus gibt, nicht gerade als politische Bewegung, aber durch verschiedene TheoretikerInnen. Henriette Roland Holst war mir begegnet, in späteren Jahren als religiöse Sozialistin aktiv, auch Hermann Gorter war mir vage in Erinnerung. Aber beim Nachforschen hat sich herausgestellt, dass beide eher linkskommunistischen Strömungen zuzurechnen waren, eine falsche politische Zuordnung meinerseits, die dem unverbrüchlich anarchischen Tomi nicht gepasst hätte.

Ebenfalls zu Spanien findet sich ein Band von Augustin Souchy: «Anarchosyndikalisten über Bürgerkrieg und Revolution in Spanien». Erstmals ist der Band erschienen unter dem Titel «Nacht über Spanien» im Verlag Die freie Gesellschaft, Darmstadt-Land, wieder mal ohne Erscheinungsjahr. Ja, Zeit ist für AnarchistInnen ein Disziplinierungsinstrument. Hier liegt der Band in einer Neuauflage des März-Verlags von 1969 vor. Souchy spricht über die spanischen Freiheitskriege der Vergangenheit, und er stellt eine Tradition her, die auf den Befreiungskampf gegen die napoleonische Besatzung zurückgehe, während dem Guerillataktiken erprobt worden seien. Das wiederum wird, um einen anderen Faden aufzunehmen, in einem Roman des schottischen Schriftstellers Stuart Hood ebenfalls thematisiert, «Das Buch Judith», 2020 bei der edition 8 in Zürich erschienen. Hoods Roman verbindet in einer Art Rahmenhandlung gleichenfalls drei Zeiten und Ebenen von spanischen Freiheitskriegen, eben die Befreiungskriege gegen Napoleon – allerdings von liberal-nationalistischen Kräften instrumentalisiert –, den Bürgerkrieg 1936-39 und den Kampf gegen Franco 1975, als der Diktator und sein Regime in den letzten Zügen liegen. Ich kann das Buch nur empfehlen, und dies nicht nur, weil ich es übersetzt habe.

Schliesslich, die Schweiz

So setzen sich die Entdeckungen und Lektüren fort, aber ein Fund sei noch erwähnt. Einem Bändchen von Tristan Tzara, «7 DADA Manifeste», herausgegeben in der edition Nautilus, 1978 in der zweiten Auflage, findet sich ein vervielfältigtes Schreiben beigelegt. «Aufruf zur TELEBUEHNE ʼAntigoneʼ vom 2. Juli 1980» heisst es zu oberst; und die Lesenden werden aufgefordert, per Brief die Frage zu beantworten «Ist Widerstand gegen die Staatsgewalt berechtigt – und wann?», und wer, wird nachgeschoben, Interesse an einer Teilnahme an der Sendung habe, solle dies auf dem Brief vermerken. Datiert ist das hektografierte Blatt vom 2.6.1980 und unterschrieben vom Produzenten der Telebühne, Max P. Ammann. Jene Telebühne aber ist längst in die Annalen der Schweizer Polit- und Mediengeschichte eingegangen, weil sie die erste Live-Sendung war, die, unter der Leitung des späteren Fernsehdirektors Andreas Blum, abgebrochen wurde, da Mitglieder der Zürcher «Bewegung» die freundliche Einladung gerne angenommen hatten und die ganze Sendung durch allerlei Aktionen durcheinander brachten. Das Blatt scheint echt zu sein, aber vielleicht ist es auch eine nachträgliche Vor-Rekonstruktion, denn wer weiss das schon, wenn Dada und Politik aufeinander treffen, so wie es auch bei Peter Weiss geschehen ist – aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Stefan Howald

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Wo das Böse steckt

Sechs Bücher hatte der Schriftsteller Jürgmeier mitgenommen, um sie im bücherraum f vorzustellen – es reichte dann angesichts des lebhaften Publikumsgesprächs nur für vier. Hannah Arendts “Eichmann in Jerusalem” hat besondere Bedeutung gewonnen; einerseits wegen der Debatte um die Banalität des Bösen, aber vor allem wegen der dringlichen Frage, wie weit Kritik an Israel gehen darf (oder muss). Auch die übrigen Bücher schnitten durch aktuelle Debatten hindurch, etwa um race und gender, oder um die Funktion der Schule. Der workshop lässt sich hier nachhören.

Folgende Bücher wurden besprochen

– Manès Sperber: Wie eine Träne im Ozean. Romantrilogie. Französische Originalausgabe 1949-1952, deutsche Erstausgabe 1961. Antiquarisch als dtv-Taschenbuch erhältlich.

– A.S. Neill: theorie und praxis der antiautoritären Erziehung. das beispiel summerhill.  Englische Originalausgabe 1960, deutsche Erstausgabe 1965. Jetzt lieferbar als Rowohlt Taschenbuch, 51. Auflage der Ausgabe von 1994.

– Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Englische Originalausgabe 1963, deutsche Erstausgabe 1964. Jetzt lieferbar als Piper Taschenbuch, 2022.

– Mithu Sanjal: Identitty. Hanser Verlag, 2021.

 

Natürlich sind alle diese Bücher auch im bücherraum f zu lesen.

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Abendliche Büchersuche in Oerlikon

Am Donnerstag Abend um halb sechs, vor einer Veranstaltung im bücherraum, noch schnell zum Grossverteiler geeilt, dessen genossenschaftliche Ursprünge kaum mehr sicht- und fühlbar sind, und kurz vor der Tür von einem Paar angehalten, was zum üblichen Zögern führte, ob es wohl um Geld gehe, aber es schien doch ein eher gesetztes Paar (welch soziales Vorurteil!), und sie fragten, ob ich wüsste, wo der bücherraum f zu finden sei. Ebenso überrascht wie erfreut beschrieb ich den Weg und fügte an, eben dieser bücherraum sei auch mein Ziel; wenn sie eine Viertelstunde warten könnten, zum Beispiel im Café des Grossverteilers, dann würde ich den Weg gleich mit ihnen beschreiten. In den Vorschlag willigten sie geradezu enthusiastisch ein und gaben mir eine Viertelstunde für meine Einkäufe, was mich doch ein wenig unter Druck setzte, vor allem, weil ich den Bio-Zitronenpfeffer erst nach längerem, zweimaligem Mustern der ganzen Gewürzregale entdeckte; ich hatte trotzdem, schien mir, die gesetzte Frist knapp eingehalten, auch, weil angesichts der sich stauenden KundInnen gerade eine neue Kasse geöffnet worden war, so dass ich meine Warteschlange verlassen und mich an erster Stelle bei der neuen Kasse hatte einreihen können; doch sah ich die beiden mich bei der Drehtür bereits erwartungsvoll erwarten, wobei eine Erwartung zumeist erwartungsvoll ist.

Jedenfalls machten wir uns bei glücklicherweise beendetem Regen auf, und sie erzählten mir ungefragt, dass sie etwa zehn Leute nach dem bücherraum gefragt hatten, aber die meisten hätten nur verständnislos den Kopf geschüttelt, wobei der Mann, etwas tröstend, wie mir schien, beifügte, manche hätten beim Kopfschütteln nicht einmal die Ohrstöpsel aus dem Ohr genommen. Jedenfalls war ich ihnen, in der Adventszeit, geradezu wie ein rettender, säkularer, Engel erschienen. Wie sie denn überhaupt vom bücherraum gehört hatten, wollte ich jetzt wissen. Die Frau hatte, offenbar durch das Programmheft von «Zürich liest» aufmerksam geworden, schon die Lesung von Isolde Schaad besucht, aber das war am Vormittag gewesen, und in der Nacht, in der philosophisch gesprochen alle Katzen grau sind, hatte sie die Lokalität nicht mehr gefunden, was ich ihr nicht verargen konnte. Der Mann hinwiederum war von einem Bekannten nachdrücklich auf uns hingewiesen worden, Attilio B., der tatsächlich bei uns schon beinahe Stammgast ist. Ob denn der Raum immer offen sei, wollten sie wissen, was ich korrigieren musste, aber die Angabe, wir seien nur an zwei Tagen offen, versüsste ich mit dem Hinweis, dass sie heute Abend zusätzlich in den Genuss einer Veranstaltung kämen.

Da trafen wir schon im bücherraum ein, der bereits ordentlich für die kommende Veranstaltung hergerichtet war; und die beiden flanierten müssig aber interessiert durch die beiden Bibliotheken, der Mann begutachte selbst die Doubletten, ohne allerdings fündig zu werden, oder fündig werden zu wollen. Zur Veranstaltung wollte das Paar dann freilich, für einen längeren Aufenthalt nicht vorbereitet, nicht bleiben, doch hinterliessen sie ihre E-Mail-Adressen. Der Name des Mannes, Biologe, Wissenschaftsjournalist, schien mir halbwegs bekannt, und eine kurze Suche auf der grössten basisdemokratischen Allmend ergab, dass er vor gut zwanzig Jahren die Initiative «HOFgesang» gegründet hatte, in der alle zwei, gerade, Jahre Chöre in Hinterhöfen singen, um deren soziales und städtebauliches Potential zu erwecken. Die Website ist nicht ganz auf dem neusten Stand und vermittelt den Eindruck, das Unterfangen sei nur bis 2012 durchgeführt, was aber keineswegs stimmt; tatsächlich wird im geraden Jahr 2024 wiederum ein Hinterhofsingen durchgeführt, und zwar am 8. Mai bis 9. Juni. Der Hinterhof des bücherraums könnte ja ein wenig Belebung durchaus vertragen.

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Scharfe Melancholie

Zuweilen gilt es, innezuhalten und dem Schweigen der Agenda zu lauschen. Isolde Schaad führt das in ihrem neusten Erzählband vor. Ein Umbruch, eine Verunsicherung, ein Aufhören vollzieht sich in allen Texten. Was macht ein Schriftsteller, wenn er im hohen Alter nicht mehr schreiben will? Wer verfügt über die Erinnerung an eine verstorbene Freundin? Wie kann die verheimlichte, oder abgebrochene, Vergangenheit einer Mutter rekonstruiert werden? Sichtbar werden scharfe Lebensentwürfe, gelegentlich satirisch, zumeist von Altersgelassenheit überzogen: Denn auch Melancholie gehört zum Leben.

Isolde Schaad trat kürzlich im Rahmen von “Zürich liest” im voll gepackten bücherraum f auf und begeisterte ihr Publikum.

Die Lesung samt Diskussion über den Zustand des Kulturbetriebs lässt sich hier nachhören:

Isolde Schaad: Das Schweigen der Agenda. Geschichten vom Innehalten und Aufhören. Limmat Verlag, Zürich 2023. 160 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag. 30 Franken.

 

 

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Als die Schweiz Königsmördern Asyl gewährte

1 A Murder in Lausanne

Am Donnerstag, den 11. August 1664, betrat ein Fremder, der ein wenig Französisch radebrechte, eine Barbierstube in Lausanne, um sich ein Mittel gegen Zahnschmerzen zu verschaffen. Nachträglich wollte der Barbier gesehen haben, dass der Fremde immer wieder unruhig aus dem Fenster geblickt hatte. Tatsächlich verliess dieser den Laden mitten in der Zubereitung des Pülverchens – immerhin, wie der Barbier betonte, nicht ohne ein Geldstück auf die Theke geworfen zu haben – und schritt in Richtung der benachbarten Kirche Saint François. Beiläufig grüsste er einen englischen Gentleman, der eben gerade den Vorplatz der Kirche betrat, zog unter seinem Mantel einen Karabiner, ein kurzläufiges Gewehr hervor, schoss dem andern Mann dreimal in den Rücken. Dann liess er das Gewehr fallen und flüchtete mit zwei Kompagnons, die mit einem Pferd auf ihn gewartet hatten. Der Angeschossene verstarb noch vor Ort.

Der Mord erregte einiges Aufsehen, wegen des Opfers ebenso wie wegen der Umstände. Beim Getöteten handelte es sich um John Lisle, ein ehemaliges englisches Parlamentsmitglied, der Mord geschah am helllichten Tag und im Vorhof einer Kirche.

Der Tatort: Église St François am Bildrand unten in der Mitte

John Lisle lebte seit 1662 im Schweizer Asyl. Er gehörte zu einer Gruppe, die als «Königsmörder» in England gesucht wurden. Als Königsmörder galten jene Parlamentsabgeordnete, die 1649 bei einem speziell einberufenen Gerichtsverfahren für die Hinrichtung des damaligen Königs Charles I gestimmt hatten. Dem wurde dann am 30. Januar 1649 mit einem einzigen Beilhieb der Kopf vom Rumpf getrennt.

Die Hinrichtung wühlte ganz Europa auf. Erstmals kam ein König nicht durch externe Kriege unter Königshäusern oder interne Rivalitäten unter Adelsclans zu Tode, sondern durch einen Kampf zwischen zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen: Königshaus versus Parlament. Die herkömmliche Ordnung und Hierarchie der Dinge war damit fundamental gestört.

 

2 Cromwell und der «Königsmord»

Durch England ziehen sich im 17. Jahrhundert drei Bruchlinien: Erstens Kämpfe zwischen sozial unterschiedlichen Schichten, die sich vor allem verfassungsmässig äusserten; zweitens religiöse Auseinandersetzungen, sowie drittens internationale Rivalitäten, wobei «international» und «national» natürlich moderne Begriffe sind, vielleicht liess sich besser von territorialen Auseinandersetzungen sprechen.

Diese Umbrüche spitzten sich in den Auseinandersetzungen zwischen Königshaus und Parlament zu, in denen sich vor allem soziale und religiöse Fragen verquirlten: König Charles I, der von 1625 bis 1649 herrschte, betonte sein Gottesgnadentum, und die mächtigen Fürsten stützten diesen Anspruch, solange sie ihre Pfründe behalten konnten. Dagegen wollten kleine Landadlige und die entstehenden Mittelschichten vor allem in London auch einen Anteil an Macht und Reichtum. Eine stark basisorientierte puritanische Bewegung bekämpfte die anglikanische Church of England als Staatsreligion; zusammen mit dem Kleinadel und Mittelschichtsvertretern beherrschten sie das Parlament, das der König mehr oder weniger widerwillig tolerierte. Die Gegensätze spitzten sich zu und führten ab 1642 zum Bürgerkrieg. In dem traten die feudalen Cavaliers gegen die bürgerlichen Roundheads an. Erste militärische Auseinandersetzungen verliefen unentschieden, bis Oliver Cromwell 1644/45 die Truppen des Parlaments reformierte, die New Model Army aufstellte und die royalistischen Heere besiegte.

Trotz der Niederlagen auf dem Schlachtfeld versuchten Adelskreise zusammen mit dem unter Hausarrest stehenden Charles im Frühling 1648 einen Aufstand, scheiterten aber. Ein von Monarchisten und Gemässigten gesäubertes so genanntes «Rumpfparlament» bereitete eine Anklage gegen den König wegen Landesverrats und Verbrechen gegen Volk und Nation vor. Ein speziell einberufenes Gericht aus 59 Parlamentarier verurteilte ihn Anfang 1649 einmütig zum Tode durch das Beil.

3 Restauration, Verfolgung und Flucht

Jetzt etablierte sich das Commonwealth als eine Republik. Innerhalb des Parlaments gab es zugleich Auseinandersetzungen zwischen den gemässigten Presbyterianern und den rigideren Independents, die bis zu den radikalen Levellers mit agrarkommunistischen Ansätzen reichten. Angesichts des Konflikts setzte sich schliesslich Oliver Cromwell als Armeeführer durch und erklärte sich zum autoritären Lord Protector. Wie bei etlichen Autokraten zeichnete sich seine Regierung durch Fortschritte ebenso wie Rückschritte, ja Repression aus. Er modernisierte neben der Armee auch die Verwaltung und den Staatsapparat; der blutigste Makel seiner Herrschaft bleibt wohl die grausame Unterwerfung Irlands unter die englische Vorherrschaft.

Nach dem Tod von Cromwell 1658 kehrte der Wind allmählich. Sein Sohn Robert Cromwell verfügte nicht über die Autorität und die Machtmittel seines Vaters. Anfang 1660 wandte sich der einflussreiche Armeegeneral George Monck vom Parlament ab, gab das republikanische Commonwealth preis und begann Geheimverhandlungen mit Charles II, dem Sohn des hingerichteten Königs Charles I. Charles II kehrte im Mai 1660 aus dem Exil zurück, handelte eine neue Machtteilung zwischen Königtum, Adel und Parlament aus und wurde dann 1661 zum König gekrönt.

Gleich nach seinem Machtantritt verkündete Charles II einen Versöhnungserlass, wonach die Vertreter und Anhänger des Commonwealth nicht bestraft werden sollten; ausgenommen blieben freilich diejenigen, die direkt an der Hinrichtung seines Vaters beteiligt gewesen waren, als Parlamentsabgeordnete dafür gestimmt oder sie als Verwaltungsbeamte organisiert hatten.

Seit der Antike gibt es eine Debatte über den Tyrannenmord, wann er nötig, wann er gerechtfertigt sei. In der frühen Neuzeit wurde sie wieder aufgenommen, als neue soziale Schichten gegen das angeblich selbstverständliche Herrschaftsmonopol der Könige opponierten. Diejenigen, die 1649 das Todesurteil über Charles I gefällt hatten, verstanden dieses als gerechte Strafe für einen Diktator, der sich des Verrats am Parlament, am Volk, ja an Gott schuldig gemacht hatte. Doch nach der Restauration 1660 wurde die Hinrichtung von royalistischer Seite als Regicide, als Königsmord geächtet.

Es gibt auf der englischen Wikipedia ein eigenes Stichwort, «List of regicides of Charles I». Darin werden insgesamt 90 Namen aufgelistet. Der Eintrag ist ein bisschen gruselig. Etliche der darauf Verzeichneten waren bis 1660 schon gestorben. 25 der 1660 noch Lebenden wurden zum Tode verurteilt, aber begnadigt und starben dann zum Teil nach jahrzehntelanger Haft im Gefängnis, zumeist im Tower of London. Bei dreizehn Männern freilich heisst es: hanged, drawn and quartered. Ja, auch die Toten waren vor der königlichen Rache nicht sicher. Die Leichen der bereits verstorbenen Hauptverantwortlichen Oliver Cromwell, John Bradshaw und Henry Ireton wurden exhumiert und posthum hingerichtet, ihre Köpfe zur Abschreckung an der Stadtmauer aufgespiesst.

Samuel Pepys, der berühmteste Tagebuchschreiber der Geschichte, hat eine dieser Hinrichtungen im Oktober 1660 als beinahe normales Vorkommnis beschrieben: «Ging nach Charing Cross [also mitten im heutigen London], um der Hinrichtung von Generalmajor Harrison beizuwohnen, der gehängt, ausgeweidet und geteilt werden sollte, was auch geschah – wobei der Generalmajor so gelassen wirkte, wie man es unter den Umständen nur sein konnte. Er wurde sofort [vom Galgen] abgeschnitten und sein Kopf und sein Herz der Menge gezeigt, worauf viele Jubelrufe ertönten.» (I, 310)

Für diejenigen, die sich dem Zugriff entziehen konnten, gab es in Europa drei mögliche Fluchtländer. Frankreich. Die Niederlande. Und die Schweiz. Frankreich bot Asyl, weil man sich im mehr oder weniger steten Konflikt mit dem englischen Regime befand; aber ein protestantischer Königsmörder war fürs absolutistische, katholische Frankreich doch nicht der ideale Flüchtling. Die Niederlande befanden sich zwar in Konkurrenz mit England und waren geneigt, angesichts der katholisierenden Tendenzen des neuen englischen Monarchen protestantische Gesinnungsgenossen aufzunehmen. Aber das Land erwies sich als überraschend unsicherer Zufluchtsort, da es dem britischen Botschafter gelang, die drei Regicides John Barkstead, Miles Corbet und John Okey verhaften zu lassen und nach England zu bringen, wo sie sogleich hingerichtet wurden. Blieb die Schweiz. Die freundschaftliche Beziehung zu den Regicides ergab sich vorrangig über religiöse Beziehungen innerhalb des europäischen Protestantismus; es mochte auch mitwirken, dass Oliver Cromwell einst versucht hatte, Vereinbarungen vor allem mit Bern über Schweizer Söldnertruppen abzuschliessen.

4 Die Schweiz und England

Hier möchte ich ein paar Vignetten zum Verhältnis Schweiz-England anfügen. Schon in der «Utopia» des englischen Philosophen und Staatsmanns Thomas Morus aus dem Jahr 1516 kommen die Schweizer vor, oder es kommen die so genannten Zapoleten vor. Dieses Volk ist «ungesittet, derb und wild … ein zäher, kräftiger Menschenschlag, unempfindlich gegen Hitze, Kälte und Strapazen, unbekannt mit allen Lebensgenüssen … Nur zum Krieg geboren, suchen sie eifrig nach Gelegenheit dazu; bietet sich eine, so stürzen sie sich mit Gier drauf, rücken in hellen Scharen aus dem Land und bieten sich um geringem Sold jedem Beliebigen an, der Soldaten sucht. … Wem sie um Sold dienen, für den fechten sie mit Eifer und unerschütterlicher Treue. Jedoch verpflichten sie sich nicht zu einem bestimmten Termin, sondern ergreifen nur unter der Bedingung Partei, dass sie bereits am nächsten Tage zu den Feinden übergehen können, wenn ihnen diese höheren Sold bieten, und schon am übernächsten kehren sie zurück, verlockt durch ein wenig mehr Geld.» In diesem Zerrbild liessen sich für die Zeitgenossen unschwer die Söldner aus den Bergen im Herzen Europas erkennen. Pikant ist die Beschreibung unter anderem deshalb, weil sie erfolgte, kurz nachdem ein vom englischen König Henry VIII ausgehandelter Vertrag über ein eidgenössisches Söldnerheer von nicht weniger als 18000 Mann kurzfristig von englischer Seite aufgekündigt wurde. Umgekehrt konnte sich Huldrych Zwingli, als er 1519 gegen das Söldnerunwesen wetterte, auf die «Utopia» beziehen, die 1518 zwei Auflagen auf deutsch erlebt hatte. Die Schweizer Söldner, oder die switzer, tauchten in der Folge als stehender Begriff in verschiedenen englischen Theaterstücken auf. Auch bei Shakespeare ruft König Claudius im «Hamlet» aus dem Jahr 1601 angesichts der unruhigen Bevölkerung «He! Meine Schweizer! Lasst die Tür bewachen!».

Längerfristig bedeutsamer waren die Beziehungen in religiöser Hinsicht. Tatsächlich setzte mit der ersten englischen Rekatholisierung von 1553 eine Flüchtlingsbewegung nach Zürich und dem mit der Eidgenossenschaft verbündeten Genf ein, wo sich gerade eben der Calvinismus als Staatskirche durchgesetzt hatte. Zwischen 1555 und 1560 nahm die Calvinstadt rund 220 Engländer und Schotten auf; kleinere Gemeinden britischer protestantischer Flüchtlinge bildeten sich auch in Basel und Aarau. Ab 1558, mit dem Machtantritt von Elisabeth I., begann die Rückkehr der Exilierten nach England. Mindestens fünf Religionsflüchtlinge, die einst in Zürich an der Stüssihofstatt 13 bei Buchdrucker Froschauer Aufnahme gefunden und von Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger wöchentlich mehrfach Erbauungsunterricht erhalten hatten, stiegen später in ihrer Heimat zu Bischöfen auf.

Der einflussreichste Rückkehrer wurde wohl John Knox, der 1558 aus dem Genfer Exil nach Glasgow zurückkehrte und die schottische Kirche in Richtung Presbyterianismus bewegte; noch heute steht er mit schlichtem Gewand und langem, sorgfältig gestutztem Bart als einer der vier Reformatoren auf dem Genfer Reformationsdenkmal.

Reformationsdenkmal in Genf: Guillaume Farel, Johannes Calvin, Theodor Beza, John Knox

Als 1582 die Republik Genf unter zunehmenden Druck des Herzogs von Savoyen geriet, wurde Ratsherr Jean Maillet nach London geschickt, um bei der Königin und den protestantischen Glaubensbrüdern um politische und finanzielle Unterstützung nachzusuchen. Eine Geldsammlung erbrachte 6’000 Pfund, was einem Drittel des Staatshaushalts der Republik Genf entsprach. Sieben Jahre später ergab eine weitere Spendenaktion gar 15’000 Pfund. Noch bedeutsamer erwies sich eine politische Intervention der englischen Königin: Da sich Bern in Verhandlungen mit dem Erzgegner Savoyen eingelassen hatte und willig schien, wenn Savoyen endgültig auf die Waadt verzichtete, seinerseits bei einem Angriff Savoyens auf Genf neutral zu bleiben, erinnerte Elisabeth I. in einer Demarche alle Eidgenossen an die Notwendigkeit, die Heimatstadt von Calvin zu schützen; was bei den katholischen Orten wohl eher Befremden ausgelöst haben mochte, aber in Bern dazu beitrug, dass der Vertrag mit Savoyen nicht ratifiziert wurde. Nach dem erfolgreich abgewehrten Sturm auf Genf, der Escalade von 1602, unterstützte die englische Monarchin eine erneute Sammlung zu Gunsten der calvinistischen Republik.

Im Dreissigjährigen Krieg hat England nicht direkt auf dem europäischen Kriegsschauplatz interveniert, aber Cromwell hegte verschiedentlich Pläne für eine europäische Union protestantischer Länder, das heisst England, Deutschland, Niederlande und die reformierten Schweizer Kantone. Doch als er auf Drängen der Bankiers der City of London und der grossen Handelskompanien die seit Jahrzehnten vernachlässigte englische Flotten- und Überseepolitik wieder aufnahm, kam es im Frühsommer 1652 zur Konfrontation mit der damals führenden Seemacht, den Niederladen, und zum ersten englisch-niederländischen Seekrieg. Im April 1653 versuchten die reformierten Schweizer Kantone zwischen den Kriegsparteien zu vermitteln und schickten zu diesem Zweck den Schaffhauser Stadtschreiber Johann Jakob Stokar nach London. Mehrfach von Cromwell empfangen, genoss Stokar Privilegien, die weit über diejenigen anderer Botschafter hinausgingen. So bekam er die Erlaubnis, 4’000 Gallonen oder 18’000 Liter Wein zollfrei einzuführen, zwanzigmal mehr als dem portugiesischen Gesandten zugestanden wurde. Der Wein spielte, wie wir später nochmals sehen werden, durchaus eine Rolle in der Diplomatie.

Als Antwort auf Stokars diplomatische Bemühungen verfasste der zum Staatsdichter gewordene John Milton im November eine Dankesschrift an die Behörden von Zürich, Bern, Glarus, Basel, Schaffhausen, Appenzell, dem protestantischen Graubünden, Genf, St. Gallen, Mühlhausen und Biel, in der er betonte, wie diese Städte als festes Bollwerk des wahren Glaubens in hervorragender Weise zu Friedensbemühungen berufen seien. In dem im April 1654 abgeschlossenen Friedensvertrag zwischen Holland und England wurden die protestantischen Kantone der Schweiz denn auch als Schiedsrichter eingesetzt.

Gleichzeitig mit Miltons Memorandum wurde mit dem Gelehrten John Pell erneut ein ständiger englischer Gesandter in die evangelischen Orte geschickt, der Wohnsitz in der Engelburg an der Oberen Kirchgasse in Zürich nahm. Überliefert ist ein ausführlicher Briefwechsel von Pell mit dem englischen Staatssekretär John Turloe ebenso wie mit seiner Frau und Freunden. Er verstand seine Aufgabe in beiderlei Richtung: Nicht nur die protestantischen Orte enger an Cromwells England zu binden, sondern auch den ersteren wirtschaftlich und politisch zu helfen. Dabei beklagte er sich in Briefen gelegentlich über die Gemächlichkeit der Schweizer Regierenden, die die Teilnahme an der Weinernte über staatspolitische Entscheide stellten.

Als sich der mittlerweile zum Lord Protector ernannte Cromwell Anfang 1655 über die blutige Verfolgung der Waldenser im Piemont durch Herzog Karl Emanuel II. von Savoyen empörte, forderte er in einer von Milton verfassten Schrift die eidgenössischen Reformierten zur Hilfe für ihre Glaubensgenossen auf, ja, es wurde die Aufstellung eines Heeres von 10’000 Mann durch Genf und die reformierten Orte beschlossen. Cromwell verordnete einen offiziellen Spendetag, bei dem 20000 Pfund zusammenkamen. Angesichts einer Zusicherung des Herzogs von Savoyen, die Religionsfreiheit im Piemont zu garantieren, kam das Heer nicht zum Einsatz, worauf die den Schweizern versprochenen englischen Gelder in der Höhe von 38’000 Pfund an die Flüchtlinge verteilt wurden. Im Januar 1656 warnte Milton in einer weiteren Schrift die reformierten Orte vor dem rücksichtslosen Vorgehen des katholischen Ortes Schwyz gegen reformierte Familien in Arth, das den ersten Villmergerkrieg auslöste; in der Folge spendete die englische Regierung 20’000 Pfund an die unterlegenen protestantischen Stände Zürich und Bern.

Mit der Restauration des Königshauses der Stuarts und den philo-katholischen Tendenzen von Charles II musste sich das Verhältnis zur Schweiz notwendig abkühlen. Deshalb konnten die Königsmörder vor allem in Bern, dem reformierten Vorort, auf einige Sympathie zählen.

5 Die Schweiz als Exilland

Edmund Ludlow war der erste jener Flüchtlinge, jener «Königsmörder», der via Frankreich in der Schweiz eintraf, im Wortsinn ein Bahnbrecher, dem später ein halbes Dutzend andere folgte.

Ludlow (1617-1692), Sohn eines Landadligen, hatte sich als Jurist 1643 dem Heer des Parlaments angeschlossen und nahm 1646 den Parlamentssitz für Wiltshire ein. Er gehörte den Independents an und trat strikt für eine, von Gott geleitete, Republik ein, neigte sogar den noch radikaleren levellers zu. Die Hinrichtung Charles I unterzeichnete er als Parlamentsmitglied. In der Folge wurde er Mitglied des Staatsrats des neu geschaffenen Commonwealth unter Cromwell. 1651/52 kommandierte er als General die Armee in Irland, wo er den royalistisch-katholischen Widerstand blutig unterdrückte.

Als sich Cromwell 1654 zum Lord Protector ernennen liess, entzweite sich Ludlow mit ihm, weil er darin eine versteckte Wiedereinführung eines monarchistischen Prinzips sah. Nach Cromwells Tod setzte sich Ludlow für eine erneute Radikalisierung des Commonwealth ein und nahm im Parlament eine führende Stellung ein. Doch als die Armee das Parlament entmachtete und ein neues Parlament mit Presbyterianern besetzt wurde, sollte er Anfang 1660 vor Gericht gestellt werden. Ludlow zögerte anfänglich, England zu verlassen. Allmählich verstärkte sich der Druck. Ludlow lieferte sich kurzfristig dem Parlamentsvorsitzenden aus, weil er immer noch an dessen Autonomie glaubte. Als der König im Mai 1660 in London einzog, ging Ludlow vorsichtshalber in Südlondon auf Tauchstation. Seine Frau Elizabeth sondierte unter Bekannten und Parlamentsmitgliedern, wie es denn um seine Sicherheit stünde. Als er auf die Liste der Königsmörder gesetzt wurde, blieb nicht mehr viel Zeit. Im August setzte er sich aus England ab.

Ludlow wurde auf seiner ganzen Flucht von befreundeten Glaubensgenossen unterstützt. Man kann von einem Netzwerk von Vertretern protestantischer Glaubensrichtungen sprechen, das transnational war. Dazu zählten Vertreter des Presbyterianertums ebenso wie Independents und andere reformierte Strömungen. Im Bürgerkrieg, aber auch im Commonwealth hatten sich verschiedene Fraktionen noch zerstritten; doch gegen die wieder hergestellte Monarchie fanden sie sich kurzfristig in der gemeinsamen Opposition.

In London war 1550 die Strangerʼs Church gegründet worden, als Sammelplatz für französischsprechende Protestanten aus den Niederlanden und aus Frankreich. In French Church of London umgetauft, bot sie später geflüchteten Hugenotten eine Zuflucht. Während des Commonwealth kam es um 1650 kurzfristig auch zu einer Spaltung zwischen Presbyterianern und den Independents, die sogar in der Nähe eine neue Kirche für Protestant:innen in der Fremde einweihten. Zu dieser Kirche hatte Ludlow Kontakte, etwa zu Herbert Saladin, einer der führenden Männer.

Pfarrer Johann Heinrich Hummel, Bern

 

 

In seinen Memoiren hat Ludlow die Flucht ausführlich als Räuberpistole erzählt. Er reiste unter falschem Namen und in Verkleidung von London nach Lewis in Sussex an der englischen Küste; in Lewis entkam er wegen einer Verwechslung der Geheimpolizei nur knapp einer Verhaftung; auf einem französischen Boot nach Dieppe übergesetzt, schmuggelten ihn die Seeleute dort unter einer Plane versteckt an der Grenzkontrolle vorbei. In Dieppe wurde er von der protestantischen Landadligen Madame de Caux empfangen und beherbergt. Diese bot ihm die Weiterfahrt in die Niederlande an, doch Ludlow entschied sich für Genf, wie er meinte, «a city very renowned for liberty and religion». In der Folge wurde er von Vertrauensperson zu Vertrauensperson weitergereicht. Neben der Religion spielten auch geschäftliche Beziehungen eine Rolle. Zuerst gings in Begleitung des Schwiegersohns von Madame de Caux per Pferd via Rouen nach Paris. Dort traf Ludlow verschiedene englische Kaufleute, mit denen er etliche finanzielle Belange regeln konnte. Der achttägige Aufenthalt war aber nicht nur erfreulich: Bei einer katholischen, papistischen Prozession durch eine Strasse musste er sich voller Abscheu abwenden. Überhaupt erschien ihm die Stadt Paris als schmutzig und unsittlich. Via Lyon erreichte er schliesslich Anfang November 1660 Genf.

Dort wurde er sogleich von Charles Perrot aufgesucht. An diesem lassen sich die vielfältigen transnationalen Verknüpfungen nochmals illustrieren. Perrot stammte aus einer hugenottischen Familie, die vor etlichen Generationen aus Frankreich nach Genf umgesiedelt war. Sein Grossvater, Charles Perrot der Ältere, war Rektor der protestantischen Academie de Genève gewesen und hatte mit Theodor Beza, dem Nachfolger Calvins zusammengearbeitet. Perrot der Jüngere hatte als protestantischer Offizier im englischen Bürgerkrieg im Parlamentsheer mitgekämpft; er hatte eine Engländerin geheiratet und war dann nach Genf zurückgekehrt. Sein Schwager war Herbert Saladin, der zur französischen Kirche in London zählte und Ludlow bei der Flucht womöglich unterstützt hatte. Perrot gehörte in Genf dem Rat der Sechzig, dem Grossrat, an und vermochte Ludlow vielfältig nützlich zu sein. In seinem Haus beköstigte er verschiedene Logiergäste, so auch Ludlow. Eine besondere Attraktion des Hauses benennt dieser in seinen späteren Memoiren: Es wurde hier, offenbar illegal, Bier gebraut, und da Ludlow, wie er schreibt, durch den auf der Flucht durch Frankreich kaum zu umgehenden Genuss von Wein Rheuma entwickelt hatte, sei für ihn die Rückkehr zum üblichen Bierkonsum eine glückliche Fügung gewesen.

Ein ebenso wichtiger Kontakt wurde der französische Priester Jean de Labadie. Der ehemalige Jesuit verschrieb sich nach seiner Bekehrung zum Calvinismus, so wie häufig bei Renegaten, der neuen Lehre mit fanatischem Eifer. Er war 1659 für die Stelle als Pfarrer an der French Protestant Church in London vorgesehen, entschied sich aber, in Genf zu bleiben, um die etwas lax gewordene Stadt wieder auf den strengen calvinistischen Weg zurückzuführen. Das machte ihn für den in religiösen Fragen ebenfalls rigiden Ludlow speziell attraktiv. Zugleich verfügte Labadie über Kontakte zu den führenden Kreisen Berns.

Anfang 1662 waren in Genf zwei weitere Regicides eingetroffen, William Cawley und John Lisle. Sie schlossen sich dem Kreis um Ludlow an. Die eigenständige Republik Genf war damals der Eidgenossenschaft assoziiert; aber, umschlossen von Frankreich, wagten die Behörden doch nicht, den Flüchtigen offiziellen Schutz anzubieten. Zwar unternahm Charles Perrot einen entsprechenden Vorstoss. Er beriet sich mit einem weiteren Angehörigen des Rats der Sechzig, Jacob Dupain. Dieser wiederum besprach sich mit seinem Neffen, dem Generalstaatsanwalt Jean Anthoine Dupain, der zugleich ein Cousin von Perrot war. Jean Anthoine Dupain versprach Unterstützung, zudem sass auch Perrots Bruder im Rat der Sechzig – man sieht, wie eng diese Familien und Kreise verbunden waren. Doch dann ergab sich Opposition im Kleinen Rat – Ludlow insinuiert, es sei aus persönlichen Gründen geschehen, da der Hauptopponent dem König von England einen grösseren Kredit gewährt hatte und dessen Annullierung fürchtete. Jedenfalls entschied der Kleine Rat, dem Interpellanten den Rückzug des Antrags zu empfehlen, was dieser auch tat. Ludlow hatte in Genf achtzehn Monate lang bei Charles Perrot gewohnt. Jetzt entschloss er sich zusammen mit Cawley und Lisle im April 1662, in die Schweiz weiter zu reisen. Ihnen schloss sich der kürzlich in Genf eingetroffene ebenfalls auf der Liste der gesuchten Königsmörder stehende Parlamentssekretär John Phelbs an.

Erster Ansprechpartner für die Übersiedlung war Pfarrer Johann Heinrich Hummel (1611-1674). Hummel stammte aus einer Handwerkerfamilie in Brugg, also nicht aus den höchsten sozialen Kreisen, konnte aber dank Mäzenen Philosophie und Theologie in Bern studieren und dann gar eine mehrjährige Reise durch Europa antreten – nicht ganz die Grand Tour, wie sie englische Adelige unternahmen, da er in späteren Aufzeichnungen schrieb, er habe eher kärglich leben müssen. Ja, er behauptete sogar, nur zufällig, oder durch göttliche Fügung, nämlich durch einen Schiffsunfall an die englische Küste gespült worden zu sein. Item, nach dem Studium in Groningen schaffte er es nach London, Oxford und Cambridge. In London verkehrte er in vielfältigen protestantischen Kreisen, wurde von der Familie Penington geradezu als Adoptivsohn aufgenommen, Kontakte, die er später weiter pflegte. 1636 in der Schweiz zurückgekehrt, wurde er schliesslich Pfarrer in Bern. 1653 sollte er zu Verhandlungen mit Cromwell über die Aufstellung eines kontinentalen Heeres beigezogen werden, doch untersagte ihm die Berner Regierung die Annahme des Mandats, da sie ihn als Pfarrer behalten wollte. Als Dekan der Berner Kirche war er eine einflussreiche Persönlichkeit, auch in der Politik. Jedenfalls bot er sich 1662 als natürlicher Schutzherr für Ludlow an. Dabei war er durchaus konservativ; so wandte er sich später gegen die frühaufklärerischen Thesen von René Descartes.

Am 16. April 1662 stellte die Berner Regierung den drei Flüchtlingen Ludlow, Cawley und Lisle «von des Glaubens wegen uss ihrem Land vertriebenen Ussländeren», wie es heisst, einen Schutzbrief aus. Sie wurden also explizit als religiös Verfolgte behandelt; der politische Aspekt des radikalen Republikanismus wurde geflissentlich übersehen. Wie notwendig ein solcher Schutzbrief war, zeigte sich darin, dass nur drei Tage später, am 19. April, jene drei Regicides, John Barkstead, John Okey und Miles Corbet, die in die Niederlande geflüchtet und dann ausgeliefert worden waren, in London hingerichtet wurden.

Aus Sicherheitsüberlegungen wurden Ludlow und seine Gefährten aber nicht nach Bern gelassen, sondern ins Untertanengebiet, in die Waadt, nach Lausanne verwiesen. Als Ehrenzeichen wurden ihnen wenig später eigene Sitze in der Kirche Saint François zugewiesen.

Im September 1662 trafen der Staatsanwalt William Say, der für die Anklageschrift gegen Charles I verantwortlich gezeichnet hatte, Oberst John Biscoe, der zwar nicht auf der Liste der Regicides stand, aber ein vehementer Anti-Royalist war, und Sergeant Edward Denby in Lausanne ein, im Oktober der Ex-Parlamentarier Nicholas Love und der Gerichtsschreiber Andrew Broughton, im November schliesslich noch der Staatssekretär Cornelius Holland. Insgesamt hatten neun Regicides, «Königsmörder», in der Schweiz Exil gesucht und gefunden. Einige sehen wir hier auf dieser satirischen Zeichnung: Der Teufel hat Cromwell und einige Getreue um sich versammelt. Dann gibt es ein Jugend- und ein Altersbild, von anderen existieren kaum Bilder, weil sie doch eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben.

Im Frühling 1663 allerdings empfahl Emmanuel Steiger, die im Rahmen der wechselnden Allianzen in Europa nicht ganz unproblematischen Gäste sollten von Lausanne nach der Kleinstadt Vevey umziehen, wo ihr Schutz besser gewährleistet sei.

Vevey, die Perle am Genfersee, zog sich damals auf einer Länge von achthundert Metern dem Ufer entlang, aber eng zusammengekauert, nur etwa 100 Meter ins Land hinein. Die Stadt hatte damals rund 3300 EinwohnerInnen. Sie lag an der Verkehrsroute von Genf und Lausanne zum Simplon, diente auch als Zwischenlandestelle für Lastschiffe.

6 Alltag im Exil

Das Exil stellt besondere Anforderungen, gerade auch im Alltag. Am detailreichsten kennen wir das von Edmund Ludlow, der später ausführliche Memoiren geschrieben hat, in denen er minutiös politische und religiöse Debatten ebenso wie Sitten und Gebräuche bis hin zu seinen Geldsorgen, den Altersgebrechen und der Bekämpfung der drohenden Pest schildert.

Die Schwierigkeiten im Exil beginnen mit der Sprache. Deutsch war den Schichten, aus denen Ludlow stammte, unbekannt. Mit den Gebildeten konnte er sich Lateinisch verständigen; dazu lernte er mit der Zeit offenbar nicht ganz so schlecht Französisch, da er, mit einiger Hilfe, Eingaben an amtliche Stellen auf Französisch aufsetzen konnte. Das war vielleicht ein weiterer Grund, wieso er von Bern in die französischsprachige Waadt weitergereicht wurde.

Wie sah es mit dem Geld aus? Ludlow hatte Güter in England und Irland besessen. Die wollte er 1660, als die Situation brenzlig wurde, verkaufen und die ausstehenden Pachtzinsen schleunigst einziehen. Aber die beauftragten Agenten handelten zu langsam, und der Grossteil seiner Güter wurde vom monarchistischen Staat eingezogen.

An dieser Stelle kommen die Frauen ins Spiel. Elizabeth Ludlow (1617-1693) blieb nämlich vorerst in England zurück, um sich um die familiären Vermögensverhältnisse zu kümmern. Sie vermochte regelmässige Geldbeiträge von Gönnern zu organisieren und erhielt später von ihrer Mutter eine Apanage. Das zeigt eine interessante Ambivalenz in der Einschätzung der Frauen: Für die Herrschenden waren sie offenbar zweitrangig, nicht von Bann und Todesurteil wie die Männer betroffen; andererseits wurden sie in Geschäftsfragen doch als bevollmächtigt Handelnde anerkannt. Elizabeth kam im Oktober 1662 zu einem einmonatigen Besuch nach Vevey, zusammen mit dem einflussreichen Slingsby Bethel, einem Republikaner, der sich nicht öffentlich exponiert hatte. Im Oktober 1663 zog sie dann endgültig nach Vevey. In seinen Memoiren wird sie von Ludlow häufig dankbar erwähnt für all die Mühen des Alltags, die sie für ihn und den ganzen Haushalt erledigte. Als die Unterstützung aus England allmählich zu versiegen begann, erhielt Ludlow sowohl von Genf wie von Bern eine Leibrente.

Hier sehen wir einen Plan von Vevey. Der Marktplatz ganz links befand sich bereits ausserhalb der Stadtmauern. Die ersten Häuser bezeichnen die damalige befestigte Eingangspforte die Porte du Sauveur. Das mit der 1 bezeichnete Haus gehörte dem Ratsherr Samson Dubois. Es war ein Nebengebäude der damaligen Eingangspforte. Hier wohnten Edmund Ludlow und seine Frau samt Bediensteten wohl 20 Jahre lang. Das Haus ist mit einer Tafel markiert, heute befindet sich darin eine belgische Brasserie.

Bevor sie nach Vevey zog, hatte Elizabeth wesentlich zum internationalen Informationsnetzwerk beigetragen. Ludlow erhielt alle zwei bis drei Wochen Neuigkeiten, direkt aus England via Paris und Lyon, später dann auch aus den Niederlanden und aus Deutschland.

Nicht ganz überraschend gibt es von Elizabeth Ludlow kein Bildnis. Immerhin taucht eine andere Frau aus der patriarchalen Geschichtsschreibung auf, nämlich Lucy Hutchinson (1620-1681). Sie machte sich einen Namen als Übersetzerin, etwa aus dem Lateinischen. Ihr Mann John Hutchinson schloss sich Mitte der 1640er-Jahre den Roundheads an und unterzeichnete 1649 das Todesurteil von Charles I. 1660 wurde er auf die Liste der Regicides gesetzt, doch bemühte sich seine Frau mit mehreren Schriften, seine Verdienste um Staat und Nation hervorzuheben. Auch dank der unermüdlich mobilisierten familiären Beziehungen von Lucy wurde Hutchinson nur zu Gefängnis verurteilt, doch starb er bereits nach dreiviertel Jahren Haft. Lucy aber veröffentlichte später nicht nur eine Biografie ihres Manns aus republikanischer Sicht, sondern blieb bis zum Tod auch sonst schriftstellerisch tätig.

Doch zurück in die Schweiz: Im September 1663 reisten drei der Exilierten, Ludlow, Broughton und Love, nach Bern, wo sie mit vielen Ehren empfangen wurden, auch mit Ehrenwein, den Ludlow in der Zwischenzeit womöglich schätzen gelernt hatte. Es gab aber auch Missverständnisse. So waren die Engländer in ihren religiösen Ansichten sehr rigoros und weigerten sich teilweise, an zu «liberalen» Gottesdiensten teilzunehmen, wofür sie sich gegenüber ihrem Wohltäter Johann Heinrich Hummel zu rechtfertigen versuchten.

Tatsächlich blieben sie auf das Wohlwollen und die Deckung ihrer Schutzherren angewiesen. So schildert Ludlow in seinen Memoiren mehrere Komplotte und Attentatsversuche. Vielleicht schwang da ein wenig Paranoia mit, aber die Gefahr war doch real. Im November 1663 liess sich ein Trupp von rund einem Dutzend verdächtiger Gesellen in Vevey blicken, was die Stadtväter so beunruhigte, dass sie für die englischen Gäste zusätzliche Wachen abstellten. Man sieht daraus schon, dass Bern seine Verpflichtung gegenüber den Engländern durchaus ernst nahm und auch bereit war, mal in die Geldschatulle zu greifen. Umgekehrt unterstützte das englische Königshaus explizit oder implizit Todesschwadronen auf dem Kontinent. Deren grösster «Erfolg» war die Ermordung von John Lisle in Lausanne, wobei vermutet werden darf, dass das eigentliche Ziel Edmund Ludlow darstellte. Durchgeführt wurde das Attentat von drei irischen Offizieren. Darüber gab es in der zeitgenössischen englischen Presse verschiedene zum Teil masslos aufgebauschte Erzählungen, etwa dass es zu einem heftigen Kampf mit Leibwächtern gekommen sei, von denen etliche mit Wunden am Schauplatz zurückgeblieben seien. Einer der Attentäter, Major Germaine Riordan, hat über seine schon länger andauernden Bemühungen bei der Verfolgung der Regicides Berichte an den englischen Geheimdienst verfasst, die erhalten geblieben sind; säuberlich vermerkt wird dort auch die Belohnung für den staatlich sanktionierten Mord. Zum Trio gehörte zudem der irische Offizier und Gutsherr James Fitz Edmond Cotter. Cotter kämpfte nachher in den westindischen Kolonien, schliesslich in der Armee von James I, von dem er geadelt wurde. Dass sich Iren als Meuchelmörder verdingten, erklärt sich einmal aus dem religiösen Gegensatz zu den Protestanten, aber auch daraus, dass unter Oliver Cromwell die englische Besiedlung Irlands gewalttätig vorangetrieben worden war, gerade auch von General Edmund Ludlow.

In einer besonderen Wendung der Geschichte kam übrigens John Lisles zweite Frau, Alice Beconshaw, ebenfalls gewalttätig ums Leben. Und zwar wurde sie 1685 wegen angeblicher Unterstützung einer nonkonformistischen Rebellion gegen die Inthronisierung von James II hingerichtet. Trotz eines dubiosen Gerichtsverfahrens weigerte sich der neue König, das Urteil aufzuheben; immerhin – immerhin – gewährte er Lady Lisle, dass sie geköpft wurde und nicht, wie es für eine Frau üblich gewesen wäre, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Im Exil hielten die meisten Flüchtlinge zwar ihre Opposition gegenüber dem Stuart-Regime aufrecht; so weigerte sich Ludlow hartnäckig, Charles II je als legitimen König zu bezeichnen, sondern nannte ihn, sozusagen als Privatperson, nach seiner Herkunft Charles Stuart und hielt ihn für einen Thronräuber, ja gar für einen Abgefallenen, wie Satan, der sich dem Willen Gottes entgegenstemmte. Aber nur wenige arbeiteten aktiv auf die Beseitigung der Monarchie hin, am intensivsten Algernon Sidney (1623-1683).

Der hatte sich einst als Parlamentarier der Hinrichtung von Charles I widersetzt, sie aber später gerechtfertigt. 1660 in Rom weilend, hielt er es deshalb für klüger, im Exil zu bleiben. 1665 wandte er sich in einer Schrift gegen die Monarchie. Sie gilt als frühes Dokument eines verfassungsrechtlichen Liberalismus. In den Niederlanden begann er, einen Umsturz gegen Charles II zu planen, und der zweite Krieg zwischen England und der Niederlande schien 1665 die Gelegenheit dazu. Sidney suchte sich mit Ludlow und seiner Gruppe in Vevey zu verständigen; Ludlow war, als ehemaliger General, als Oberbefehlshaber für eine Armee vorgesehen, die in England einfallen sollte. Als Vermittler reiste William Say im Mai 1665 aus Vevey zu Sidney. Ein ehemaliger holländischer Botschafter in London diente als Kontakt zu den niederländischen Regierungskreisen und versprach eine grosse Flotte. Auch in England schien eine Rebellion möglich, womöglich mit Unterstützung aus Schottland. Ludlow blieb zurückhaltend, weil er den Niederländern seit der Auslieferung dreier Regicides misstraute und ihnen vorwarf, Handel höher zu gewichten als die Ehre Gottes und die christliche Religion. Zudem hatte ihn die Berner Regierung ermahnt, sich aussenpolitischer Aktivitäten zu enthalten. Angesichts zwischenzeitlicher militärischer Seeniederlagen froren die Niederlande die Kontakte mit der Gruppe um Syndey ein. Als sich aber Frankreich auf die Seite der Niederlande stellte und im Januar 1666 England den Krieg erklärte, reiste Sidney nach Paris und schloss, sozusagen als Vertreter einer englischen Exilregierung, ein Hilfsabkommen mit Louis XIV. Dessen Umsetzung schien Louis dann doch zu riskant. In all dieser Zeit lavierte Ludlow, hielt weiterhin Kontakt mit Sidney, ohne sich aber zur Sache zu erklären. Letztlich räumte er den Umsturzplänen keine grossen Chancen ein. Zudem vertraute er, in gut calvinistischer Prädestinationslehre, auf Gott, der den unrechtmässigen König letztlich zweifellos strafen werde.

Sidney kehrte 1677 nach London zurück, blieb umtriebig in der Opposition gegen Charles II. 1683 wurde er, nach einem handfesteren Umsturzversuch und aufgrund seiner aufrührerischen republikanischen Schriften zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ludlow seinerseits versuchte 1688, wähend der Glorreichen Revolution, ein politisches Comeback in England, sah sich aber weiterhin von einer Verhaftung bedroht und kehrte nach Vevey zurück, wo er 1692 mit 75 Jahren starb.

Hier sind nochmals die neun Exilierten in der Schweiz zusammengefas

  • Andrew Broughton (1602-1687), Friedensrichter, Bürgermeister von Maidstone/Kent, Schreiber am Strafgericht, 1662 Flucht nach Hamburg, dann Lausanne, gestorben 1687 in Vevey
  • William Cawley (1602-1667), ab 1628 Parlamentsabgeordneter für Chichester und Midhurst, 1660 Flucht in die Niederlande und dann in die Schweiz, gestorben 1667 in Vevey
  • Edward Dendy (1613-1674), Sicherheitschef des Parlaments, 1660 Flucht nach Rotterdam, dann nach Lausanne, gestorben 1674 in Lausanne
  • Cornelius Holland (1599-1671), Rechtsanwalt, 1660 Flucht nach Lausanne, gestorben 1671 in Lausanne?
  • John Lisle (1610-1664), Rechtsanwalt, ab 1640 Parlamentsabgeordneter für Winchester, 1660 Flucht nach Lausanne, ermordet 1664 in Lausanne
  • Nicholas Love (1608-1682), Rechtsanwalt, Parlamentsabgeordneter ab 1645 für Winchester, 1660 Flucht in die Schweiz, gestorben 1682 in Vevey
  • Edmund Ludlow (1617-1692), Rechtsanwalt, General, ab 1645 Parlamentsabgeordneter für Wiltshire, 1660 Flucht über Frankreich nach Genf und in die Schweiz, gestorben 1692 in Vevey
  • John Phelps (1619-1666), Gerichtsschreiber, dann Privatsekretär von Oliver Cromwell, 1660 Flucht nach Lausanne, gestorben 1666 in Vevey
  • William Say (1604-1666), Rechtsanwalt, ab 1647 Parlamentsabgeordneter für Camelford, 1660 Flucht in die Schweiz, gestorben 1666 in den Niederlanden.

Von diesen neun verschied einer, William Say, in den Niederlanden, John Lisle wurde in Lausanne ermordet; die sieben andern starben, in mehr oder weniger hohem Alter, in Vevey bzw. Lausanne. Edmund Ludlow, der wichtigste unter ihnen, wurde am ältesten und hat, wie gesagt, ausführliche Memoiren überliefert.

Sie erschienen erstmals posthum 1698/99 in drei Bänden, angeblich in Vevey gedruckt, reichten bis 1672 und galten lange als authentische Quelle eines Augenzeugen über das Cromwellsche Commonwealth und die Restauration durch die Stuarts. Doch 1970 tauchte ein Teil des Originalmanuskripts auf, und es zeigte sich, dass die bisher bekannte Fassung eine massive Überarbeitung darstellte. So wurden sie vom originalen religiösen Sendungsbewusstsein gereinigt, aber auch der Radikalismus etwas gemässigt, so dass Ludlow als säkularer Parteigänger jener politisch liberaler Kreise, der so genannten Whigs, erschien, die sich in der Glorious Revolution durchgesetzt hatten.

In Vevey ist Ludlow bis heute bekannt geblieben. Ich bin am Montag mit einem Kollegen nach Vevey gereist; wir haben zuerst das ehemalige Wohnhaus besichtigt und wollten dann in der Kirche Saint Martin die Grabtafeln der dort bestatteten Regicides besichtigen. Vor der Kirche standen wir allerdings von verschlossenen Pforten, weil der Heilige Martin kürzlich die Öffnungs- und Präsenzzeiten reduziert hatte. Mein Kollege fragte eine Passantin, ob sie uns den Weg zum Pfarrhaus weisen könnte, wo wir auf Hilfe von oben hofften; worauf die Frau erwiderte, ihr Mann habe ehemals die Kirchenpflege präsidiert und verfüge weiterhin über die Schlüsselgewalt zur Kirche. So kamen wir in den Genuss einer Privatführung; wir konnten uns ein wenig revanchieren, indem wir unserem Führer zwei ihm bisher nicht bekannte Grabinschriften von Königsmördern identifizieren konnten.

Die Kirche, ursprünglich gotisch, ist während der Reformation allen irdischen Schmucks beraubt worden. Auf der einen Längsseite findet sich eine grosse Plakette für Edmund Ludlow. Nicht zu übersehen, lateinisch abgefasst, kommt sie gewichtig daher; dabei ist auch der Tod von Elizabeth Ludlow vermerkt.

Erst im 19. Jahrhundert sind in einer Katakombe unter der Kirche weitere Gräber entdeckt worden, darunter auch diejenigen von Andrew Broughton (gestorben 1687), William Cawley (hier «Gulieme» geschrieben, gestorben 1666) und Nicholas Love (hier «Nicolas» geschrieben, gestorben 1682). Diese Grabtafeln sind nun, alle im gleichen Stil gehalten und ebenfalls lateinisch abgefasst, nebeneinander an einer Kirchwand aufgereiht.

Bei unserem Ausflug wollten wir auch den Schauplatz des Mordes in Lausanne aufsuchen; doch auf dem Vorhof der Kirche Saint François wurde gerade ein verfrühter Weihnachtsmarkt eingerichtet, so dass uns der Atem der Geschichte nicht wirklich anwehen wollte.

Der posthume Ruhm der «Königsmörder» ist zwiespältig geblieben. 1820 ist zum Beispiel in London eine Serie von Holzschnitten der meisten von ihnen erschienen; auf dem Rahmen sind allerlei Insignien wie Totenschädel und ein Hochgericht verzeichnet, was sie beinahe als touristisches Souvenir erscheinen lässt, oder als Pannini-Bilder, die vielleicht bis zu einer vollständigen Serie erworben und getauscht werden konnten.

Die Stadt Maidstone in Kent (Südosten Englands) gedenkt Andrew Broughton mehr oder weniger widerwillig als Bürgermeister. Es gibt aber auch Familien, die auf ihren Vorfahren stolz sind. So hängt ebenfalls in Vevey eine Gedenktafel an den Regicide John Phelps. Gestiftet worden ist sie 1882 von einem Nachkommen aus den USA, Walter Phelps (1839-1894, Bankier, Politiker, später Botschafter, 1890 auch in Deutschland), und gedacht wird darin einem «exile in the cause of human freedom», also einem Menschen, der im Kampf für die menschliche Freiheit ins Exil getrieben wurde.

Und das ist doch ein schöner Schluss.

 

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