Hier also sank er ins Grab

Eine kleine Erinnerung zum Geburtstag von Georg Büchner

Die Erinnerungsstätte ist immer noch ein lauschiges Plätzchen. Gleich oben, neben der Seilbahnstation Rigiblick, mit Blick auf die Stadt drunten. Die Linde, die 2013, beim 200. Gedenktag, wegen Sturmschäden hatte ersetzt werden müssen, ist auch erfreulich gewachsen. Noch immer allerdings ist auf dem Gedenkstein als Geburtsort Darmstadt eingemeisselt, dabei wurde Georg Büchner doch am 17. Oktober 1813 ein paar Kilometer davon entfernt, in Goddelau geboren.

Item, zum 209. Geburtstag waren, wie jedes Jahr, Peter Brunner, unermüdlicher Leiter des BüchnerHauses in Riedstadt-Goddelau. und seine Frau Swantje Brunner angereist und legten einen prächtigen Kranz nieder. Riedstadt-Goddelau nennt sich nicht zu Unrecht die BüchnerStadt, denn dort findet sich unter dem Motto «Büchnerfindetstatt» ein zweifaches Kulturunternehmen: neben dem BüchnerHaus auch die BüchnerBühne.

Aus Zürich waren Stefan Howald und Armin Büttner vor Ort, Gründungsmitglieder des Vereins der Freunde des Linksbüchnerianismus, der eben gerade bei jener Jubiläumsveranstaltung 2013 ins Leben gerufen worden war.

Zuvor blieb die Frage, was wäre neben Blumen der Feier und dem Gefeierten angemessen? In der Bahnhofsbuchhandlung, die für die zahlreiche eilige Laufkundschaft aktuelle Bestseller, Romane und Reiseführer anbietet, findet sich auch ein ganzes Gestell mit gelben und grünen Reclam-Bändchen. Welche Nostalgie weht einen da an. Im obersten Gestelle steht, tatsächlich, «Leonce und Lena» neben «Dantons Tod», und letzteres Bändchen ist sogar erschwinglich: 4.90 Franken kostet es, was in der Hochpreisstadt Zürich billiger ist als manche Tasse Kaffee. Jetzt liegt «Dantons Tod» neben dem Kranz und einer zarten rosaroten Rose, trotzt den kommenden Stürmen oder wird von einer Neugierigen aufgegriffen.

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Auf dem Schienenstrang des Lebens

Bücherräumereien (XXXVIII)

Zwei Ex Libris von Ritter Waniek und Heinrich Landis

Das Ex Libris ist womöglich kein eigenständig geschaffenes, sondern schlicht jenes Wappen, das dem adligen Besitzer zustand, der daruntergenannt wird: Ritter Waniek von Domyslow. Da krönen als Oberwappen zwei gekrönte Helme das Schild, einerseits mit einem Löwen und andererseits mit Greifenschwingen, die ihnen entspringen. Dazu im vierteiligen Feld unter anderem ein Zirkel mit drei Sternen, der möglicherweise auf das Berufsfeld des Ritters hinweist, der nicht mehr hoch zu Pferd in den Krieg zog, sondern als Amtsstatthalter wirkte.

Heinrich Ritter Waniek von Domyslow (1855-1926) stammte aus einer österreichischen (minderen) Adelsfamilie, als Sohn von Mathias August Ritter Waniek von Domyslow aus Pilzen und von Franziska Romana Waniek Edle von Domyslow, die Tochter eines Verwaltungsbeamten. Domyslow, auf deutsch Dannenberg, liegt auf der polnischen Ostseeinsel Wolin, nahe der deutsch-polnischen Grenze. Ritter Waniek wird auf einer Genealogiewebsite als Jurist und Hautpmann von St. Pölten in Niederösterreich geführt; als solcher war er, wie eine Dissertation über die österreichischen Reichstagswahlen 1911 dokumentiert, verantwortlich für die Durchführung der Wahlen ebendort.

Warum also sollte er dieses Buch in seinen Besitz gebracht und mit seinem Wappen versehen haben: Jack Londons «Abenteurer des Schienenstranges», autobiografische Aufzeichnungen des rebellischen Weltenbummlers? Herausgegeben wurde der Band von der Deutschen Buch-Gemeinschaft in Berlin. Die verspricht in einer Werbeanzeige am Schluss des Buchs, man könne als Mitglied mit Halblederbänden eine «eigene wertvolle Hausbibliothek» schaffen. Die Deutsche Buch-Gemeinschaft war 1926 gegründet worden, hatte gegen den wütenden Protest der Sortimentsbuchhandlungen bald etwa 250000 LeserInnen – der Name Mitglieder wurde auf Betreiben des Buchhändlerverbands untersagt, da die Firma ansonsten als Kulturverein hätte Steuererleichterungen beantragen können. Mit ihrem Erfolg war die Buch-Gemeinschaft bald dreimal so gross wie die zwei Jahre früher, 1924, gegründete Büchergilde Gutenberg, die allerdings fürs deutsche Buchwesen ungleich bedeutsamer war. Das Copyright der Jack-London-Übersetzung lag beim Universitas-Verlag, gegründet 1920 in Berlin als Zweigniederlassung des dänischen Verlags Gyldendalske Boghandel. Der Universitas Verlag veröffentlichte etwa Sigrid Undset, Jack London und B. Traven, «volkstümliche Unterhaltungsliteratur» wie Wikipedia meint, der wir hier energisch widersprechen müssen, da sowohl Jack London wie B. Traven zwar populäre aber zugleich höchst gesellschaftskritische Bücher verfasst haben.

Schillernd
Der Umschlag der vorliegenden Ausgabe stammt vom Maler und Grafiker Max Hauschild (1907-1961), und als Bearbeiter der ursprünglichen Übersetzung wird Max Barthel genannt. Barthel (1893-1975) ist eine durchaus schillernde Figur aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. In einem ärmlichen Arbeiterhaushalt aufgewachsen, arbeitete er als Ungelernter in verschiedenen Fabriken, auch auf Wanderschaft, und schloss sich dabei der sozialistischen Jugend an. Ab 1910 publizierte er kleinere Texte in Zeitschriften; als Soldat eingezogen, veröffentlichte er 1916 einen Band mit zornigen Antikriegsgedichten, der etliches Aufsehen erregte. Danach radikalisierte er sich politisch, war Mitglied des Spartakusbundes, nahm am Spartakusaufstand in Stuttgart teil, wurde ein halbes Jahr inhaftiert, aber dann vom Vorwurf des Hochverrats freigesprochen. 1919 trat er der KPD bei und lebte als Lyriker und Publizist in Berlin. Mit seinen flammenden Revolutionsgedichten wurde er zu einem der führenden «Arbeiterdichter». Zweimal reiste er als Komintern-Vertreter nach Moskau; mit Willi Münzenberg, den er bereits 1912 in Zürich kennengelernt hatte, arbeitete er an verschiedenen Projekten zusammen.

Doch bereits 1923 trat er aus der KPD aus und in die SPD ein. Er arbeitete als Lektor und Übersetzer, womit wir wieder bei Jack London gelandet sind. Bei der Büchergilde Gutenberg betreute er offenbar Werke von John Knittel, Stefan Andres, Alfons Paquet, Willy Sachse und Theodor Bohner, und er begann mit einer zwölfbändigen Jack-London-Reihe, wobei er gelegentlich zusammen mit Erwin Magnus als Übersetzer genannt wird.

Dann, ab 1930, näherte er sich dem «linken» Flügel der Nazi-Bewegung an. Zuerst noch im Schutzverband Deutscher Schriftsteller und bei einer kurzlebigen Sozialistischen Dichterhilfe aktiv, machte er 1933 die «Gleichschaltung» mit, engagierte sich in der Folge in verschiedenen NS-Kulturinitiativen und diente dem Regime als Kriegsberichterstatter. Kurze Zeit setzte er in der ebenfalls gleichgeschalteten Büchergilde Gutenberg die Herausgabe der Jack-London-Reihe fort. Nach dem Krieg brachte er in einer Autobiografie die übliche Verteidigung vor: Er sei nie Mitglied der NSDAP gewesen und habe deren mörderische Rassentheorie nicht vertreten.

Mit unserem Ex Libris gibt es ein kleines Problem: Das Copyright des Bandes beim Universitas Verlag stammt von 1926, und im gleichen Jahr ist Ritter Waniek gestorben. Gehen wir also davon aus, dass sein Abenteuer auf dem Schienenstrang, der unser Leben ist, erst zu Ende ging, nachdem er das Buch gekauft und gekennzeichnet hatte.

Von Unternehmer zu Unternehmer
Ebenfalls ein Zeitproblem stellt sich bei einem zweiten Ex Libris, das sich in Henry Fords berühmt-berüchtigter Autobiografie «Mein Leben und Werk» befindet. Das Ex Libris gehört Heinrich Landis. Ja, Landis ist der Unternehmer, der Landis&Gyr mitbegründet hat. Sein Vater Heinrich Landis senior war ebenfalls Unternehmer gewesen, dazu Kantonsrat. Entsprechend ist er in den Weiten des Internets präsenter als sein Sohn, der doch für die Industriegeschichte der Schweiz ungleich bedeutsamer war. Landis Junior hatte als Elektroingenieur abgeschlossen, einige Jahre bei der Maschinenfabrik Oerlikon gearbeitet; 1904 übernahm er die Elektrofabrik Theiler und Co in Zug und gründete ein Jahr später mit seinem Studienfreund Karl Heinrich Gyr eine eigene Firma, die 1914 bereits 500 Mitarbeitende zählte und in der Zwischenkriegszeit weiter rapide wuchs.

Das Ex Libris ist ein Blick durch ein Schlüsselloch – oder eine Moschee? – auf eine über einer Meerenge mit je einer Pappel zu beiden Seiten aufgehende – oder untergehende – Sonne. Die in den Ecken angebrachten Buchstaben Alpha und Omega deuten eher auf Vergänglichkeit hin, also auf jenen Strom, auf dem uns ein Kahn ins Jenseits – oder in die Ewigkeit – führen wird. Die Anker in den beiden zwei Wappen in den oberen Ecken mögen Hoffnung oder Zuversicht signalisieren.

Bei diesem Buch kompliziert sich die Chronologie noch mehr. Es handelt sich um die 26ste Auflage des Bestsellers im Verlag Paul List, Leipzig. Das genaue Erscheinungsdatum dieser Auflage lässt sich auf die Schnelle nicht eruieren, aber es gibt ein post-Datum, da die Einleitung vom Oktober 1923 stammt. Heinrich Landis Junior aber ist im Januar 1922 gestorben. Was kann das wohl heissen? Nun, neben dem Ex Libris findet sich auf der Innenseite des Buchs eine kleine Silberetikette, und auf der steht: «Bibliotheca H. Landis». Die Bibliothek des Unternehmers ist offenbar nach dessen Tod weitergeführt worden.

Tatsächlich besitzen wir ein zweites Buch von Henry Ford: «Das grosse Heute, das grössere Morgen». Es handelt sich um die 21.-30. Auflage – das heisst wohl Tausend –, wiederum im Paul List Verlag in Leipzig erschienen. In einem Vorwort des deutschen Herausgebers Curt Thesing vom September 1926 bestätigt dieser, dass Fords «Mein Leben und Werk» auf Deutsch erstmals im November 1923 erschienen sei. Dieses Buch enthält zwar das Ex Libris von Heinrich Landis nicht, aber die kleine Silberetikettte mit dem Hinweis auf die Bibliotheca H. Landis. Auf der inneren Rückseite ist ein weiteres kleines Schildchen angebracht, und zwar eines des Buchhändlers C. M. Ebell in Zürich; dazu liegt ein Prospekt zu einem anderen Wirtschaftsbuch bei, einer Biografie des deutschen Reeders Albert Ballin, geschrieben von Peter Franz Stubmann. Die ist nun ihrerseits allerdings erst 1926 erschienen. Woraus wir folgern, dass die Bibliotheca H. Landis doch etliche Jahre nach dem Tod ihres Gründers weiterbestand.

Als Nebenbei sei erwähnt, dass sich auf dem Max-Frisch-Platz in der Nähe des bücherraums, wo zuweilen der Frische Max seine Freiluftkost anbietet, ebenfalls ein Landis wirkte, nämlich Albert Heinrich Landis mit seiner Kofferfabrik. Ob der auch ein Ex Libris besass, ja, ob er überhaupt Bücher las und besass, entzieht sich unserer Kenntnis.

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Elefanten während der fünften Jahreszeit

Eine Lesung mit Meran Kureyshi am Donnerstag im bücherraum f:

 

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Vom Schatten im Augenwinkel der Gams

Zur Vernissage am 15. September von Jürgmeiers «Die Gams, sie lebt nicht im Frieden».

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Bücherfreundinnen und Bücherfreunde,

Ich möchte Sie ganz herzlich zu dieser Vernissage von Jürgmeiers neuem Buch «Die Gams, sie lebt nicht im Frieden» begrüssen. Mein Name ist Stefan Howald, und ich darf durch den heutigen Abend führen, der sicherlich eine schöne, anregende und unterhaltsame Sache werden wird.

Nun, es geht heute Abend in diesem schönen Raum im Wohnprojekt «Zusammen_h_alt» in Winterthur um Jürgmeier und sein neues Buch. Oder vielleicht doch vorrangig um das Buch von Jürgmeier und dann um ihn.

Dennoch sollte ich wohl ein paar Worte zu seiner Person sagen. Jürgmeier, 1951 geboren, war Berufsschullehrer, Erwachsenenbildner und Journalist, ist Essayist und Lyriker und Bildungsfachmann. Die Jugendbewegung und den Kampf gegen den Fichenstaat hat er schon 1981 in einem höchst erfolgreichen Buch dokumentiert, «Paranoia City oder Zürich ist überall». Er hat fürs Radio gearbeitet, insbesondere für die Satiresendung «Faktenordner», er hat als Dozent gewirkt, Gesprächsreihen moderiert. Früh hat er sich mit Männerbildern und Genderfragen herumgeschlagen und eine demokratisierte Bildung und das Lernen als Sache für alle befördert. An grösseren Veröffentlichungen erwähne ich nur «Der Mann, dem die Welt zu gross wurde» (2001), das 2002 erschienene Buch «Schwarzundweiss», eine grosse «literarische Reportage aus dem Kalten Krieg». Ich sollte einfügen, dass wir damals eine kleine Meinungsverschiedenheit hatten, da ich die persönliche Position einer der darin vorkommenden Personen vertrat. Seither sich das Buch aber als eine wichtige, leider zu wenig benutzte Quelle für eine leider zu wenig aufgearbeitete Epoche der Schweiz erwiesen, nämlich des Kalten Kriegs. Aus seinem anderen Tätigkeitsfeld heraus verfasste er 2008 zusammen mit Helen Hürlimann den Band «Tatort, Fussball und andere Gendereien – Materialien zur Einübung des Genderblicks» sowie 2017, mit drei andern AutorInnen zusammen, das Bildungsprojekt «Lernen ist meine Sache. Schule als Ort des Lernens».

Nun also zum neusten Buch. Etliche der Texte darin sind ursprünglich auf dem Internetportal Infosperber erschienen, wo Jürgmeier jahrelang als Mitredaktor und Mitarbeiter tätig war. Sie sind aber für dieses Buch überarbeitet und neu zusammengestellt worden. Das verleiht ihnen eine grössere Kohärenz, eine entschiedenere Struktur, die Einzeltexte schliessen sich zu einem neuen fortlaufenden Panorama zusammen.

Als ich das Manuskript von Jürg gekriegt habe, hat mich sofort die Gämse fasziniert, die ihm während Wanderferien doch eher unerwartet begegnet ist. Ich unternehme zwar keine grossen Bergtouren wie Jürg, sondern begnüge mich mit Spaziergängen durch den lokalen Wald. Deshalb begegnen mir auch keine Gämsen, aber doch gelegentlich Rehe. Mein Verhältnis dazu ist allerdings sentimental; ihre vermeintliche Unschuld rührt mir ans Herz. Bei Jürg gilt das natürlich ebenfalls, doch er zeigt, was sich an den eindrücklichen Gämsen weiter ablesen lässt. Sentimentalität ist gut und schön, aber auch eine menschliche Projektion auf die Natur. Dagegen geht es nicht nur um einen abstrakten Umweltschutz, sondern um ganz konkretes menschliches Fühlen und Verhalten. Und Jürg denkt sich die Begegnung von beiden Seiten her: was sie uns bedeutet und was sie womöglich für die Gams bedeuten könnte.

Jürgmeiers Journal geht häufig vom Alltag aus, von vermeintlich einfachen Beobachtungen. Ist Ihnen zum Beispiel schon aufgefallen, dass Drohnen allermeist von Männern eingesetzt werden? Ich selbst hab das vielleicht mal im rechten Augenwinkel wahrgenommen, aber bei Jürg erfahre ich, was das in unserer und für unsere Gesellschaft bedeuten mag.

Zuerst sollte dieses Buch im Untertitel «Falländer Tagebuch» heissen. Wir haben uns dann darüber verständigt, dass das vielleicht ein wenig zu subjektiv wirkt. Deshalb ist jetzt daraus ein «Journal» geworden. Das mag einen leicht altertümlichen Anklang haben, im guten Sinn freilich. Das Journal bezieht sich meines Erachtens stärker auf die Umwelt, dokumentiert nicht so sehr das Ich, sondern das Ich in seinen gesellschaftlichen Beziehungen. Der Akzent der Betrachtungen verschiebt sich. Das vorliegende Buch ist freilich nicht ein beliebiges Journal, sondern es ist das «Fällander Journal». Das hat zu Beginn eine gewisse ironische Fallhöhe: Gibt Fällanden ein Journal her? Aber Fällanden bezeichnet zuerst einmal ganz praktisch den Standort von Jürgmeier, ganz nach dem Motto: Schreibe, wo du stehst. Darüber hinaus bezeichnet es auch seinen Standpunkt, nicht vom Zentrum (der Macht) her, sondern von der Peripherie, sagen wir mal: von links unten.

Dieser Standpunkt ist immer differenziert. Jürg beschäftigt sich zum Beispiel mit unseren Gefühlen gegenüber Wohltätigkeit, oder er schreibt über unterschiedliche Formen des Engagements im Angesicht der Klimakrise. Widersprüche werden nicht übertüncht, sondern auseinander gelegt, umn sie aushaltbar, lebbar zu machen.

Das Journal reicht bis in die Anfänge von Corona hinein, was ja vieles verändert hat. Jürg gelingt eine anrührende, auch empörende Erzählung, in welche Zwangssituationen etwa das Pflegepersonal dadurch geraten ist.

Das ist tatsächlich ein zentrales Merkmal dieses Buchs: Es enthält zwanglos Erzählungen neben Reflexionen, Beobachtungen neben Analysen, auch Gedichte. Wobei das «Neben» falsch ist, es ist gerade kein Nebeneinander, sondern ein Ineinander. Die Formen entspringen auseinander, entwickeln sich gegenseitig aneinander.

Ich erlaube mir, noch kurz etwas zum Verlag zu sagen, in dem das Buch erschienen ist, zur edition 8. Es wird Sie in unserem Rahmen kaum erstaunen, dass es sich dabei um eine Genossenschaft handelt. Diese besteht aus einem schon beinahe verschworenen Team von gegenwärtig sechs Leuten, die das allermeiste in Gratisarbeit erschaffen. Ich gestehe, dass ich Partei bin, da ich als Präsident der Genossenschaft amte, eher formal, ohne viel zum Gelingen des Verlags beizutragen. Aber ich darf doch sagen, die edition 8 macht schöne Bücher, in unverwechselbarer Handschrift, und das jetzt zur Taufe gebrachte Buch von Jürgmeier ist besonders schön, geradezu gediegen gelungen.

Zum Schluss gilt es noch, Dank abzustatten. Organisiert worden ist diese Vernissage gemeinsam von der edition 8 und der Buchhandlung Buch am Platz, die beste Adresse in Winterthur für Bücher aller Arten. Dank gilt auch Peter Hainoczky, der uns im Haus «Zusammen_h_alt» Gastrecht gewährt hat. Dank zudem an Immanuel Witschi, der diese Buchvernissage mit seinen perlenden Klavierläufen umrahmt. Und herzlichen Dank an Sie, die Sie sicherlich gebannt zuhören und mit und nach dem Apéro dieses anregende Buch von Jürgmeier kaufen werden.

Jürgmeier: Die Gams, sie lebt nicht im Frieden. Fällander Journal 2016-2020. edition 8, Zürich 2022. 200 Seiten, 24 Franken.

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Ein Dach über den Köpfen

Millionen von Menschen haben keine menschenwürdige Unterkunft: Was können Genossenschaften und kommunale Wohnbauprojekte gegen die globale Wohnungskrise tun?

Die Stadt Zürich ist einigermassen auf dem Weg, das gesetzlich vorgeschriebene Ziel von einem Drittel kommunalen Wohneigentums zu erreichen; in Serbien befinden sich 99 Prozent des Wohnungsbestands in Privatbesitz, was oft zu gravierenden finanziellen Zwangslagen führt. Genossenschaftliche Wohnbauprojekte im globalen Süden sind einsame Inseln in einer Brandung und scheitern an mangelnden Finanzen; in Britannien drängt der Dachverband der Wohnbaugenossenschaften seine Mitglieder dazu, doch nicht so behäbig auf den angesammelten Reserven zu sitzen, sondern sie in neue Projekte zu investieren.

In den hoch industrialisierten Ländern verdrängt ein überbordender Häusermarkt sozial Schwächere aus den urbanen Zentren; im globalen Süden vergrössern sich die riesigen Slums ebenso wie die direkte Obdachlosigkeit, verschärft durch die akuten Auswirkungen der Klimakrise.

Ja, das Menschenrecht auf erschwingliches Wohnen stellt in Zentrum und Peripherie andere Herausforderungen, und der Beitrag der jeweiligen Genossenschaften in der Krise sieht anders aus. Das verdeutlichte eine internationale Tagung in Zürich, die von Cooperative Housing International organisiert wurde, zusammen mit dem Zürcher Regionalverband der Schweizer Wohnbaugenossenschaften als Gastgeber.

Die rund achtzig TeilnehmerInnen repräsentierten ein weites Spektrum, geographisch wie von der Grösse ihrer Organisationen her. Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) als grösste Schweizer Baugenossenschaften verwaltet in 58 Siedlungen 5100 Wohnungseinheiten; auf den Philippinen kommen auf 110 Millionen EinwohnerInnen fünf (5) Wohnbaugenossenschaften. Für einmal konnten sich die Vertreterinnen aus der Schweiz halbwegs beruhigt zurücklehnen: Im Vergleich mit anderen westlichen Ländern ist die Situation in der Schweiz schon beinahe vorbildlich, im Vergleich mit Ländern des globalen Südens paradiesisch.

Reden wir vom Geld

So vielfältig die vorgestellten Projekte waren, so liessen sich die Diskussionen unter drei Stichworten zusammenfassen: Finanzen. Politik. Instrumente.

Zuerst kam das Geld. Und dann nochmals das Geld. Schon die Anschubfinanzierung bereitet Projekten in der globalen Peripherie beinahe unüberwindliche Schwierigkeiten. Staatliche Finanzhilfen sind selten, herkömmliche Bankdarlehen kaum erschwinglich. Einige Institutionen haben Glück gehabt: Die Asian Coalition for Housing Rights ACHR, die seit 1989 lokale, kommunale Initiativen zu fördern sucht, hat 2008 zwölf Millionen Dollars von der Gates Stiftung gekriegt. Damit wurde die Asian Coalition for Community Action ACCA gegründet. Sie hat, wie Lumanti Joshi (Nepal) berichtete, 1100 Initiativen in 165 Städten in 19 Ländern auch finanziell unterstützt. Aber die Finanzierung durch die Stiftung war auf vier Jahre befristet; seither ist die ACHR wieder auf ein Informations- und Beratungsnetzwerk für lokale Initiativen beschränkt.

Zuweilen werden Hoffnungen in ein Netzwerk von ethisch orientierten, nachhaltigen Banken gesetzt – deren Aufbau wiederum Geld voraussetzen würde, aufgrund politischer Entscheide oder karitativen Engagements. Die ABZ hat, immerhin, vor ein paar Jahren einen Solidaritätsfonds geschaffen und taucht mittlerweile gelegentlich als Unterstützerin internationaler Projekte auf. Vor allem in Asien wird auf selbst verwaltete Spargruppen gesetzt, die allerdings in Probleme mit der Nachhaltigkeit laufen – wenn einmal ein Haus finanziert worden ist, nimmt die Bereitschaft, die Spargruppe weiter zu alimentieren, stark ab.

Eher subkutan wurde die Politik verhandelt. «Affordable housing» erfordert ja wie «kommunales Wohnen» noch keine genossenschaftliche Mitbestimmung. Die Forderung nach erschwinglichem Wohnraum bedeutet zuerst einmal einen sozialen Anspruch. Zwar wurde häufiger der Ansatz von unten, die Mitsprache der Betroffenen bekräftigt, aber einzig VertreterInnen von Projekten aus Katalonien brachten einen weitergehenden gesellschaftspolitischen Ansatz, etwa das Zurückdrängen des kapitalistischen Verwertungsprinzips zumindest als Chiffre zur Sprache.

Griff in die «tool box»

Das Schweigen über Politik wurde durch das Reden über die «tools» ersetzt: Mit welchen Mitteln, Instrumenten können die vielfältigen Aufgaben angepackt werden? In die «tool box» lassen sich verschiedenste Werkzeuge mit unterschiedlichsten Zielsetzungen packen beziehungsweise daraus hervorholen. Die britischen Vertreter [[zwei Männer]] präsentierten eine «tool box» im Wortsinn: eine Anleitung mit Kärtchen zur Strukturierung von Entscheidungsprozessen, ausgehend von sechzehn möglichen Prioritäten, auf drei Ebenen weiter verfeinert. Das tönt managementmässig-technokratisch, kann aber über Wohnbauprojekte hinaus ganz hilfreich sein – auch die WOZ hat schliesslich ihre Erfahrungen mit den Umwegen und Verzögerungen basisdemokratischer Entscheide gemacht.

Ein «tool» ist zweifellos die internationale Vernetzung. Die globale Initiative «Housing 2030» hat in den letzten Jahren VertreterInnen aus 56 Ländern insbesondere aus Europa, Nordamerika und Asien versammelt – der afrikanische Kontinent bleibt wieder einmal aussen vor. Allerdings verlieren sich solche transnationale Initiativen zuweilen im Gewirr von Akronymen, Aktionen und Abteilungen der internationalen Gemeinschaft, der Uno und anderer transnationaler Organisationen. Das kürzlich erschienene Abschlussdokument von «Housing 2030» empfiehlt eine ganze Reihe von «tools» – was auch ein Ersatz für mangelnde Entscheidungskompetenz ist.

Die transnationale asiatische Initiative von ACCA konnte in einigen Fällen bemerkenswerte Resultate vorweisen. Aber sie liess sich gelegentlich in die staatliche Politik integrieren. So wird auf der Website festgehalten, der grösste Erfolg von ACCA sei in Kampuchea erzielt worden, weil dort die besten Voraussetzungen bestanden hätten und die Regierung alle Initiativen unterstützt habe – ein autoritäres Regime, welches das Land in Armut und Korruption gehalten hat.

Basisarbeit für Südosteuropa

Ganz aus der Zivilgesellschaft kommt die südosteuropäische Initiative MOBA. Laut Ana Džokić (Belgrad) will das 2017 gegründete Projekt Wohnbaugenossenschaften in den fünf Ländern Kroatien, Tschechien, Ungarn, Serbien und Slowenien koordinieren, wobei auch gleich noch der Graben zwischen Kroatien und Serbien überbrückt werden soll. MOBA baut wie die fünf Einzelorganisationen, die sie tragen, angesichts kaum mehr vorhandener Traditionen auf dem genossenschaftlichen Basiskonzept auf: gemeinsamer Erwerb, Finanzierung und Verwaltung von Wohnungen und Häusern, nicht auf Profit angelegt, deshalb billiger und längerfristig planbar. Darüber hinaus gibt es eine Zusammenarbeit mit ArchitektInnen; einzelne Projekte sind etwa in Serbien in Planung. Bisher zugesichertes Geld für Darlehen: 300 00 Euro. Angestrebte Zusagen: 1 Million Euro. Zum Vergleich: Ein kleines lokales Genossenschaftsprojekt im Zürcher Unterland sucht 14 Millionen Franken.

Immerhin: Zum Schluss zeigten sich die Genossenschaftsmitglieder und AktivistInnen angeregt und angespornt durch die vielfältigen internationalen Begegnungen.

Stefan Howald

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