Der Opportunismus der Allegorie

Bücherräumereien (XXVIII): Ernst Jüngers Auf den Marmorklippen

Die Anekdote war zu gut, um nicht wahr zu sein: Der schottische Schriftsteller Stuart Hood hatte mir erzählt, er sei als britischer Nachrichtenoffizier nach dem Kriegsende in Deutschland im requirierten Haus eines Arztes auf das von Ernst Jünger 1939 verfasste Buch Auf den Marmorklippen gestossen, habe den unter alliiertem Hausarrest stehenden Jünger besucht und ein Kapitel aus dessen Buch für die Arbeit in der Entnazifizierung ins Englische übertragen, weil es Einblicke ins faschistische Denken geboten habe. Später übersetzte er das ganze Buch ins Englische und meinte dazu: «Es gibt gewisse rechtsgerichtete Autoren, wie Louis-Ferdinand Céline oder eben auch Jünger, die einem, trotz politisch entgegengesetzter Positionen, zuweilen neue Einsichten ermöglichen.» Ich hatte dieses Urteil staunend und beeindruckt entgegengenommen, ohne mir Jüngers Buch zu Gemüte führen zu wollen. Aber es steht in einer frühen Nachkriegsausgabe im bücherraum f, also habe ich es kürzlich zu lesen begonnen.

Und bin frappiert. Es fängt damit an, dass der Ich-Erzähler, im wehmütigen Rückblick, ein Idyll in der Rauten-Klause am Rande der Marmorklippen beschreibt, oberhalb der grossen, lieblichen Marina, angrenzend an Mauretanien. Es hat für den Ich-Erzähler eine kriegerische Vergangenheit gegeben, da er mit seinem Bruder Otho in den Reihen der mauretanischen Purpur-Ritter gegen Alta Plana gezogen war; aber diese Zeit ist abgetan. Jetzt ist alles Pflanzenstudium und Pflege eines grossen Herbariums, umgeben von Erio, dem Sohn des Ich-Erzählers, betreut von der alten Lampusa, Erios Grossmutter (Mutter Silvia ist in Alta Plana zurückgeblieben) und in vertrautem Einverständnis mit allerlei Getier, vor allem den wilden Lanzenottern, die Erio sanft gehorchen. So weit, so befremdlich aus der Zeit gefallen. Geschrieben in einem Stil, der altväterisch raunt und tiefgründig verkündet.

Dann, auf Seite 31, taucht der Oberförster auf. «Er zählte zu den Gestalten, die bei den Mauretaniern zugleich als grosse Herren angesehen und als ein wenig ridikül empfunden werden.» Doch steckt mehr dahinter, denn es lag «in den Augen des Oberförsters, besonders wenn er lachte, der Schimmer einer fürchterlichen Jovialität». Dieser Oberförster verkehrt in der städtischen Gesellschaft und hält sich zugleich im Waldgebiet allerlei ihm ergebenes Gesindel, entfacht dann einen schrecklichen Eroberungskrieg gegen die Marina, mit Mord und Totschlag. Das ist nun also, versichert mir die Sekundärliteratur, Hitler. Vielleicht auch, wegen der Jovialität, Hermann Göhring. Die Figur könnte auch von Stalin angeregt worden sein (der ja ebenfalls eine joviale Seite besass). Aber ist er von der Beschreibung her – unermesslich reich und von einem «Hauch von alter Macht umwittert» – nicht eher ein preussischer Junker, also zum Beispiel der Feldmarschall und Reichspräsident Hindenburg? Na, kommt ja nicht so drauf an. Er verkörpert auf jeden Fall so etwas wie den bösen Gewalttäter.

Recht gut gesehen

Von dieser Gestalt nimmt die Allegorie des Aufstiegs einer mörderischen Anarchie ihren Ausgangspunkt. Denn die Gegenwart ist auch in der Marina von Zweifeln zerfressen. Nach dem ersten Auftritt des Oberförsters kommt eine knappe Beschreibung über die einem kulturellen Verlust folgende Flucht aus der Gegenwart. «Es gibt Epochen des Niederganges, in denen sich die Form verwischt, die innerst dem Leben vorgezeichnet ist. Wenn wir in sie geraten, taumeln wir als Wesen, die des Gleichgewichts ermangeln, hin und her. Wir sinken aus dumpfen Freuden in den dumpfen Schmerz, auch spiegelt ein Bewusstsein des Verlustes, das uns stets belebt, uns Zukunft und Vergangenheit verlockender. Wir weben in abgeschiedenen Zeiten oder in fernen Utopien, indes der Augenblick verfliesst.» (32f.)

Das ist recht gut gesehen, auch die Fortsetzung: «Sobald wir dieses Mangels innewurden, strebten wir aus ihm heraus. Wir spürten Sehnsucht nach Präsenz, nach Wirklichkeit und wären in das Eis, das Feuer und den Äther eingedrungen, um uns der Langeweile zu entziehen. Wie immer, wo der Zweifel sich mit Fülle paart, bekehrten wir uns zur Gewalt – und ist nicht sie das ewige Pendel, das die Zeiger vorwärtstreibt, sei es bei Tage, sei es in der Nacht? Also begannen wir, von Macht und Übermacht zu träumen und von den Formen, die sich kühn geordnet im tödlichen Gefecht des Lebens aufeinander zubewegen, sei es zum Untergange, sei es zum Triumph.» (33)

©Klett-Cotta Verlag

Ja, dieser Mechanismus liess sich an etlichen Intellektuellen verfolgen, schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs und dann bei so etwas wie dem Futurismus und Intellektuellen der konservativen Revolution wie Jünger selbst; kritisch sei nur angemerkt, dass Langeweile doch eher ein bürgerliches Phänomen ist und die Massenwirksamkeit des Faschismus nicht zu erklären vermag. Letzteres versucht Jünger ansatzweise in der folgenden Passage: «Gerade hierin lag ein meisterhafter Zug des Oberförsters; er gab die Furcht in kleinen Dosen ein, die er allmählich steigerte, und deren Ziel die Lähmung des Widerstandes war. Die Rolle, die er in diesen Wirren, die sehr fein in seinen Wäldern ausgesponnen wurden, spielte, war die der Ordnungsmacht, denn während seine niederen Agenten, die in den Hirtenbünden sassen, den Stoff der Anarchie vermehrten, drangen die Eingeweihten in die Ämter und Magistrate, ja selbst in Klöster ein, und wurden dort als starke Geister, die den Pöbel zu Paaren treiben würden, angesehen. Der Oberförster glich einem bösen Arzte, der zunächst das Leiden fördert, um sodann dem Kranken die Schnitte zuzufügen, die er im Sinne hat.» (55)

Diese Passagen hatte Stuart Hood einst offenbar für den internen Gebrauch während der Entnazifizierung übersetzt. In der zuletzt zitierten Stelle wird ja knapp die Arbeitsteilung einer Machtergreifung skizziert. Das würde einen etwas luftigen, aber nicht uninteressanten kurzen Essay abgeben. Aber Jünger wollte sein Thema weiter und breiter gestalten. Deshalb entwarf er eine eigene Welt und eine Handlung und einen (kurzen) Roman. Zuerst wird die Landschaft mit verschiedenen Völkerschaften und Kulturstufen dargestellt, mit typisierten Gruppen, stilisierten Figuren und sprechenden Namen, etwa die mörderischen Brandstifter als «Feuer-Würmer». Zuweilen wirkt das wie in Tolkiens Herr der Ringe oder bei Game of Thrones. Also ein bisschen pubertär.

Waldgelichter und andere Gestalten

Jenseits der von Rebbauern zu einem wohlhabenden Gemeinwesen aufgebauten Marina, in der Campagna, leben die Hirtenvölker, «wild und ungezähmt», aber im Herzen gut und gastfreundlich. Dagegen sammelt der alte Oberförster in seinem Waldgebiet alle Vaganten, Ketzer, versprengten Räuberbanden, Hexenmeister, Fahrende, Gauner und Betrüger. «Mit diesen Scharen gingen Raub und Händel landaus, landein [..] So floss von hier ein dunkler Blutstrom in die gebahnte Welt.» (61) Auch die Hirten werden langsam verdorben durch Agenten des Oberförsters. Die traditionellen Hirtenbünde, rau doch mit eigenem Ehrenkodex, werden zu Pressgangs, erheben von den Grundherren immer grösseren Tribut; dann gehen sie schliesslich zu Brandstiftungen und Ermordungen über.

Dann sind da die eigentlichen Jäger, das «Waldgelichter, wie es im Buche steht, klein, blinzelnd und mit dunklen Hängebärten in den zerfressenen Gesichtern; ein Rotwelsch sprechend, das von allen Zungen das Übelste sich angeeignet hatte und wie aus blutigem Kot gebacken war.» (56) Dazu die Förster, die das Land vermessen, um es zu enteignen. Denn der Oberförster will die Zivilisation vernichten und Urwald an ihre Stelle setzen. Selbst Künstler schliessen sich ihm an, propagieren die Rückkehr zu einer angeblich urtümlichen Hirtenkunst. Natürlich spielen auch «Weiber als Lockvögel feinster Sorte» (63) ihre herkömmliche Rolle.

Unter den Hirten wehrt sich vor allem der Grossgrundbesitzer Belovar, seinerseits ein ungebärdiger Krieger. Er bietet dem Ich-Erzähler und dessen Bruder eine Perspektive an. «Als die Vernichtung stärker an die Marmor-Klippen brandete, lebten Erinnerungen an unsere Mauretanier-Zeiten in uns auf, und wir erwogen den Ausweg der Gewalt. […] Wir erwogen, mit Belovar und seiner Sippe nachts auf die Jäger Jagd zu machen und jeden, der uns ins Garn geriet, zerfetzt am Kreuzweg aufzuhängen, um so den Gäuchen aus den Tannicht-Dörfern in einer Sprache zuzusprechen, wie sie ihnen allein verständlich war.» (78) Gegen solche gewalttätigen Visionen entscheiden sich die beiden Brüder vorerst für den geistigen Widerstand und die Pflege ihrer Pflanzensammlung zur Einsicht in das Wirken der Welt. Doch dann entdecken sie die Folter- und Hinrichtungsstätte des Oberförsters, wo Schädel verbleichen und Menschenhände an die Scheunenwand genagelt sind. Und dessen Übergriffe werden dreister. «Es war doch schliesslich kein Zufall und kein Abenteuer, dass der Alte mit dem Lemuren-Volke aus dem Wälder-Dunkel herauszutreten begann und Wirksamkeit entfaltete. Gelichter dieser Art ward früher gleich Gaudieben abgefertigt, und sein Erstarken deutete auf tiefe Veränderungen in der Ordnung, in der Gesundheit, ja, im Heile des Volkes hin.» (113) Eine gelinde Hoffnung wird in den altehrwürdigen Adel gesetzt, aber der wehrt sich nur in Gestalt zweier Einzelner. Also zieht der Ich-Erzähler schliesslich mit Belovar in die Schlacht. Zwei schreckliche Hundemeuten werden aufeinandergehetzt; diese Ragnarök endet mit der vollständigen Vernichtung von Belovars Truppe, der Niederbrennung der Marina und der Vernichtung aller Kulturgüter.

Eine solche Allegorie dürstet nach Aufschlüsselung. Der opportunistische Söldnerführer, der sich schliesslich dem Oberförster anschliesst: die Generäle der Reichswehr? Der Fürst, der sich als einer der wenigen Adligen auflehnt: der Widerstandskämpfer Adam von Trott von Solz, wie sich einem Tagebucheintrag von Jünger entnehmen lassen soll. Die Folterstätte mit den gebleichten Schädeln – die frühen KZs! Aber die Allegorie ist schon früh auf Grenzen gestossen. Soll mit den Hirtenvölker, mit deren Verführung die Unordnung beginnt, tatsächlich die Bauernschaft abgebildet werden, oder geht es breiter um das ländliche und städtische Proletariat? Die Bünde, die das Land verheeren:  Sind damit die SA-Sturmtrupps gemeint, oder vielleicht nicht auch die Kommunisten, da doch den armen Grundherren Tribute abgepresst werden. Jedenfalls verengt sich die Darstellung immer mehr auf eine klare Polarität: Vielfältiges Gelichter gegen die Hüter des Geistes und der Kultur.

Am Schluss können sich der Ich-Erzähler und sein Bruder Otho aus den verheerten Landstrichen nach Alta Plana retten. Soll da, 1939 geschrieben, England als Retterin der Demokratie erscheinen ? Oder Russland? (Wohl eher nicht) Vielleicht der Mond, jenseits der entfremdeten Welt? Oder die nostalgisch verklärte Vergangenheit? Die Allegorie meint alles und nichts.

Voller Ranküne

Ernst Jünger ist, so sagt Wikipedia mit einiger Berechtigung, der am heissesten diskutierte deutsche Schriftsteller der letzten hundert Jahre. Nicht der erfolgreichste, schon gar nicht der beste, aber derjenige, der die meisten Kontroversen ausgelöst hat.

Dass überhaupt gestritten werden kann, bleibt allerdings dubios. Zweifellos war Jünger doch ein unverbesserlicher Militarist. Zweifellos war er ein rabiater Nationalist. Zweifellos war er ein Antidemokrat. Zweifellos war er in einer bestimmten politischen Konstellation ein ideologischer Vorbereiter des nationalsozialistischen Regimes. Seine Publizistik in den zwanziger und frühen dreissiger Jahren ist eindeutig.

Womöglich hat er sich ab 1933 mit den Nazis nicht gemein gemacht. Aber das ist das treffende Verb: nicht gemein machen. Die Nazis in ihrer konkreten Ausprägung konnten seinen ästhetischen Ansprüchen nicht genügen. Sein Ideal war eben der gebildete Feudalherr und Heerführer. Ist er dadurch zu einem Gegner der Nazis geworden? Es gibt Gerüchte, dass Goebbels, als Auf den Marmorklippen 1939 in Deutschland erschien, Jünger ins KZ stecken wollte. Tatsache ist allerdings, dass das Buch in Nazi-Deutschland zwischen 1939 und 1942 in sechs Auflagen erscheinen konnte. Schliesslich hatte Jünger ein früheres Buch Hitler mit einer persönlichen Widmung geschenkt. Und wenn die Marmorklippen auch nicht mehr umstandslos eine Umwälzung feiern, konnte man sich daraus dennoch die eigene Weltanschauung herauspicken. Das bärtige Waldgelichter konnte auch antisemitisch gelesen werden. Die Allegorie lässt vieles zu.

Natürlich, der Ich-Erzähler ist nicht der Autor. Aber die Erzählhaltung des Werks entspricht derjenigen Jüngers. Die Aufhäufung gewalttätig abwertender Beschreibungen verrät eine elitäre, biologistisch unterlegte Verachtung der Menge, der Masse, des Pöbels, den nicht nur der Oberförster «zu Paaren treiben» will.

Man hat Jüngers Haltung als unerbittliche Beobachtungsgabe gerechtfertigt und seine eherne Sprache gerühmt. Auf den Marmorklippen ist schwülstig und geschmäcklerisch und voller Ranküne. Die Haltung ist nicht scharf sezierend, sondern ebenso mystifizierend wie verächtlich. Über den Faschismus lernt man aus diesem Buch kaum etwas.

Als Auf den Marmorklippen 1951 wieder erschien, diente es a) der wundersamen Verwandlung des rabiaten Nationalisten und Wehrmachtsoffiziers Jünger zum frühen Antifaschisten der inneren Emigration, war es b) im Zeichen des Totalitarismus bereits zum antibolschewistischen Pamphlet erklärt geworden, und reichte es c) angeblich weit über die politische Allegorie in die reine Dichtung hinaus.

Doch die Allegorie ist defizitär. Die Haltung elitär. Und das Kunstwerk ein tönerner Koloss. So bleibt das Buch ein Musterbeispiel, wie eine allegorische Schreibweise sich opportunistisch alle Ausflüchte offenhält.


Ernst Jünger: «Auf den Marmorklippen». Verlag Günther Neske. Pfullingen 1951 (Ausgabe im 50. und 51. Tausend). 162 Seiten, gebunden.

Im bücherraum f steht das Buch in der Abteilung L.2, deutschsprachige Literatur.

 

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Von Johannesburg bis Pennsylvania

Bücherräumereien (XXVII): Noch ein paar Ariadne-Krimis

Natürlich müssen es Schwarze gewesen sein. Wenn ein weisses Ehepaar in seinem Blut liegt, verstecken sich sicherlich irgendwo ein oder mehrere schwarze Mörder. Schliesslich sind wir in Johannesburg im Jahr 1953.

Nur, wenn der Ermittler Detective Sergeant Emmanuel Cooper heisst, ist der Fall vielleicht nicht ganz eindeutig schwarz-weiss. Aber das darf er seinem Vorgesetzten nicht so deutlich zu verstehen geben. Cooper ist selbst nicht ganz schwarz oder weiss, vielmehr «gemischtrassig». Er ist in der Township Sophiatown aufgewachsen, hat dann Karriere gemacht, misstrauisch beobachtet von den weissen Kollegen, vor denen er auch seine junge schwarze Freundin samt Kleinkind versteckt halten muss.

Malla Nunn beschreibt anschaulich die Herrschaftsverhältnisse und sozialen Zerklüftungen, die die Apartheidgesellschaft durchziehen. Die Parallelgesellschaften beginnen bei der segregierten Wohn- und Arbeitssituation. Darüber hinaus braucht es aber auch segregierte soziale Institutionen: Etwa eine «Eingeborenen-Ambulanz». Oder die «Eingeborenen-Polizei». In der Township herrschen ihrerseits soziale Hierarchien. Fix Mapela, den Emmanuel noch vor früher her kennt, balanciert auf dem Grat zwischen legitimen Geschäften und dubiosen Deals. Seine Schwester Fatty, eine «Abrissbirne in Stöckelschuhen», organisiert mehr oder weniger illegale Partys mit gemischtrassigem Publikum. Und dann gibt es die mafiaähnlichen Banden der tsotsis, die man sich vom Leibe halten muss.

Zuweilen wird die Rassenfrage von der Klassenfrage durchkreuzt. Briten und Afrikaaner versuchen, ihre jeweilige politische, wirtschaftliche und soziale Macht auszutarieren. Es gibt auch arme Weisse, etwa eine alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern auf einer heruntergekommenen Farm im Hinterland. Selbst da gilt allerdings: Die noch ärmeren Schwarzen bleiben von der weissen Landbesitzerin abhängig. Denn bei Grenzüberschreitungen zwischen den künstlich geschaffenen Gesellschaften sind die Machtverhältnisse eindeutig. Und ebenso eindeutig sind die Frauen die ersten Opfer. So geht es um rassistisch geprägte Entführungen von Mädchen; daneben und dahinter geht es auch um Landraub, um wiedergeborene Christen, mörderische Söhne und strafende Väter.

Zusammen mit Emmanuel machen sich ein jüdischer Arzt und ein Zulu-Polizist auf die Spur von Mord und Entführung. Das tönt schon beinahe wie das Casting einer liberalen Hollywood-Serie. Aber es ist mit Präzision und einiger Selbstironie gehandhabt. Nur beim Showdown stellen sich unsere Helden vorerst etwas ungeschickt an, und so kommt eine kindliche Steinschleuder zu einem unerwarteten und unerwartet erfolgreichen Einsatz.

Strassenkinder

Charlotte Otter ist Südafrikanerin, lebt in Deutschland und schreibt auf Englisch. Ihre Krimis spielen im Nach-Apartheid-Südafrika und handeln doch, leider, von ähnlichen kriminellen Verhältnissen, weiter bestehenden und neuen. Kriminalreporterin Maggie Cloete spürt dem gewaltsamen Tod von Balthasar Meiring nach, der sich in der Aids-Hilfe engagiert hat. Dabei kommen Altlasten zum Vorschein: Er ist der Sohn eines Afrikaaners, der einst einen Schwarzen erschossen hat. Seine Wohltätigkeit als Wiedergutmachung zu bezeichnen, würde ihm aber Unrecht tun. Jedenfalls, die Verheerungen durch Aids sind schrecklich, und davon profitieren ein weisser Quacksalber, der sich Unwissenheit und Leichtgläubigkeit zu nutze macht, ebenso wie ein schwarzer Unternehmer, der sich mit monopolmässig vertriebenen Särgen bereichert. Die unerschrockene Maggie ist umgeben von einem Redaktionsteam, das unter kommerziellem Druck des Verlegers steht und zugleich miteinander um die heisseste Titelgeschichte wetteifert. Die Krimihandlung weist Parallelen zu derjenigen bei Nunn auf: Verschleppte Mädchen, Vergewaltigungen als politische Waffe, wobei besonders die verheerenden Konsequenzen gezeigt werden, die der Mythos von der Jungfräulichkeit in einer jahrzehntelang von Gewalt geprägten Gesellschaft zeitigt.

Ebenfalls um Menschen- und Mädchenhandel geht es bei Anita Nair. Diesmal im südindischen Bangalore, das, wie sich dem Klappentext entnehmen lässt, das «Babylon Indiens» sein soll. Hier ist alles noch ein bisschen grösser und düsterer und erschreckender. Kinderentführungen sind zu einem lukrativen Geschäftszweig geworden. Dazu kommen Korruption in der Staatsverwaltung und Intrigen im Polizeiapparat. Auf der andern Seite stehen Hilfsorganisationen, die sich um Strassenkinder kümmern, und der eine oder andere aufrechte Polizeibeamte. Insgesamt ergibt das ein weitgespanntes Panorama, aus verschiedenen Perspektiven dargestellt. Geschrieben in einer funktionalen Sprache, die gelegentlich am Klischee vorbeischrammt. Thematisch spannend und aufschlussreich, als Sprachkunstwerk aber für die Ariadne-Krimis Substandard.

White trash

Kehren wir in die USA zurück, genauer nach Pennsylvania. In die ehemaligen Kohlegebiete. Dort, wo die Erde seit Jahren durch einen Schwelbrand ausgezehrt wird. Dort, wo die arbeitslosen blue-collar-worker Donald Trump zum Sieg verholfen haben. Die Polizeichefin Dove Carnahan muss sich in einer Kleinstadt bei der Aufklärung eines Mords gegen etliche Vorurteile durchsetzen. Und sie gerät in ein Milieu, das sich als white trash bezeichnen liesse. Abwesende Väter, abgestumpfte Mütter, verwahrloste Kinder. Schläger und AlkoholikerInnen, inzestuöse Beziehungen. Die sozialen Verheerungen sind aus einer nicht gerade zimperlichen Perspektive eindrücklich beschrieben, aber zuweilen will es scheinen, als ob die Autorin den white trash so aufgegeben hat, wie einst Hillary Clinton, als sie mit ihrer berüchtigten Bemerkung die Hälfte von Trumps Wählern als «erbärmlich» bezeichnete. Doch kurz vor der Aufklärung kippt die Geschichte: Die klaren Fronten verwischen sich. Und in einer weiteren Volte wird der psychische Hintergrund der Tat verständlicher, denn die Polizeichefin hat selbst, wie es so schön heisst, ein dunkles Geheimnis. Auf die kathartische Fortsetzung darf man gespannt sein.

Alle vier Krimis stellen sich dem Thema der individuellen und organisierten Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit klarer Perspektive. Bemerkenswert ist dagegen die persönliche Sexualpolitik. Bei Nair hat der Detektiv, mit nur ganz leichten Gewissensbissen, in der einen Stadt eine Ehefrau und in der anderen eine Geliebte. Die junge Frau von Emmanuel Cooper «wandte sich ihm zu wie eine Blume, die die Sonne sucht», und durch einen Überfall, der für sie übel hätte enden können, wird ihre sexuelle Lust durchaus angestachelt. O`Dells Polizeichefin wird von ihrem Liebhaber «im Höhlenmenschenstil über die Schulter» geworfen und ins Bett verfrachtet, wo er, mit ihrem Einverständnis, wie «eine «Kriegsmaschine» ist: «Ich bin sein Schlachtfeld. Er betreibt gründliche Aufklärung, stösst vor, dringt ein, zieht sich zurück und hinterlässt mich in Trümmern.» Offensichtlich gehört das auch zur breiteren Ausrichtung dieser Politkrimis.


Alle vier Romane sind im bücherraum f an der Jungstrasse 9 in Zürich-Seebach vorhanden.

Malla Nunn: «Zeit der Finsternis». Aus dem Englischen von Laudan & Szelinksi. Ariadne 1217. Argument-Verlag, Hamburg 2016 (Originalausgabe 2014). 300 Seiten, Broschur.

Charlotte Otter: «Balthasars Vermächtnis». Aus dem Englischen von B. Szelinksi und Else Laudan. Ariadne Krimi 1214. Argument Verlag, Hamburg 2013. 316 Seiten, Broschur.

Anita Nair: «Gewaltkette». Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Ariadne 1226. Argument Verlag 2017 (Originalausgabe 2016). 350 Seiten, gebunden.

Tawni O´Dell: «Wenn Engel brennen». Aus dem Amerikanischen von Daisy Dunkel. Ariadne1239. Argument Verlag, Hamburg 2019 (Originalausgabe 2016). 350 Seiten, gebunden.

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Radikale Bieler Kultur

Bücherräumereien (XXVI): Genossenschaft St. Gervais

Die Genossenschaften und Institutionen der ArbeiterInnenbewegung kommen in die Jahre und schreiben ihre Geschichten. 2010 konnte die Stiftung Volkshaus Zürich ihr hundertjähriges Jubiläum mit einem opulenten Band feiern, kürzlich erschien ein ebenso gediegenes Buch zum Zürcher Cafe Boy (siehe http://www.stefanhowald.ch/aktuell/?p=3475. Nicht ganz so aufwändig aber ebenfalls aufschlussreich wird jetzt in einer Publikation die hundertjährige Geschichte der Genossenschaft St. Gervais in Biel dargestellt. Die Genossenschaft hiess zu Beginn anders, entschiedener: «Società Cooperativa Proletaria». Gegründet wurde sie am 30. Dezember 1919 von italienischen ArbeiterInnen. Im Februar 1920 konnte das geschichtsträchtige «Abtenhaus» in der Bieler Altstadt gekauft werden, am 1. April wurde das Restaurant «Proletaria» im Erdgeschoss eröffnet. Daneben verkaufte die Genossenschaft Lebensmittel und Weine aus Italien vergünstigt, und die oberen Räume dienten für politische und kulturelle Versammlungen.

Nach der Machtergreifung von Mussolini in Italien wurde auch das «Proletaria» in politische Auseinandersetzungen in der italienischen Diaspora verwickelt. In den folgenden Jahren bemühte man sich mit einigem Erfolg um eine breitere, dreisprachige Kundschaft. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Genossenschaft, bei reduziertem Betrieb, erstaunlich unbeschadet, doch geriet sie danach angesichts eines veränderten sozialen Umfelds in die Krise. Die sollte 1965 mit der Änderung des Namens in das noch heute bestehende «St. Gervais» überwunden werden, wobei man damit an ein radikales Bieler Café aus dem 19. Jahrhundert anknüpfte. Tatsächlich kamen mit der 68er-Bewegung neue politische und alternative Kreise ins «St. Gervais». Wenig später traf die Wirtschaftskrise ab 1973 den Industriestandort Biel und dessen Arbeiterschaft stark, was die traditionelle Trägerschaft des «St. Gervais» tangierte. Ab 1975 veränderte sich die Genossenschaft Richtung Kulturaktivitäten.

Periodisch kamen sich, wie etwa auch beim Cafe Boy, die verschiedenen Funktionen als Restaurant, Diskussionsort und Kulturzentrum in die Quere, und zuweilen gerieten verpachteter Gastbetrieb und die Genossenschaft als Besitzerin aneinander. 1989 konnte eine existenzgefährdende Krise dank viel Solidarität aus breiten Kreisen überwunden werden.

Letztmals wurde die Liegenschaft 2015 durchgängig renoviert; seither wirtet ein neues Team erfolgreich, und der im Haus beheimatete Club «Le Singe» ist im Rahmen der generellen Wiederbelebung Biels zum anerkannten Veranstaltungsort geworden. Diese Geschichte wird in einer hübsch aufgemachten Broschüre knapp und anschaulich erzählt. In die Bibliothek im bücherraum f gelangt ist die Broschüre übrigens als Geschenk der treuen Sponsorin Ginevra S., die, natürlich, in Biel wohnt.

Antonia Jordi: «100 Jahre Genossenschaft St. Gervais. Die Geschichte des Restaurants St. Gervais, vormals Proletaria». Biel 2020, 48 Seiten.

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Tunnelbauer

Bücherräumereien (XXV): Krimis aus der Schweiz

Bücher suchen sich zuweilen ihre Gestellnachbarn. Da steht zum Beispiel Peter Krons vor einigen Jahren erschienene «Gotthard-Basistunnel-Roman», in dem Sprengmeister Fabrizio Zumstein den Tunnelbau durch den Gotthard zwischen 2002 und 2006 beschreibt. Plötzlich reiht sich neben diesen Roman der Krimi «Endstation Engadin» von Gian Maria Calonder ein, in dem es um den Durchstich beim neuen Albulatunnel im Jahr 2018 geht.

Beide Bücher vermitteln tunnelbautechnisches Wissen, aber das ist jeweils in eine fiktive Handlung eingebaut. Bei Peter Kron gerät der verheiratete Sprengmeister in eine Midlife-Krise, ausgelöst durch die attraktive Geologiestudentin Iris. Bei Calonder kommen zwei Mineure ums Leben, und es kann sich nicht um Arbeitsunfälle handeln, wie der Polizist Massimo Capaul sogleich merkt. Zwar ist er vom Dienst suspendiert, was ihn nicht an offiziösen Befragungen hindert und auch nicht daran, die provisorischen und vertraulichen Resultate seiner Privatermittlungen über einen der Verdächtigten mit einem ganzen Hobby-Eisenbahnerclub zu teilen.

Der Tunnelbau regt zu einer weiteren Gemeinsamkeit der beiden Bücher an: Sagen. Bei Kron erläutert die Geologiestudentin dem eher nüchternen Sprengmeister die mythologische Bedeutung der Unterwelt. Polizist Capaul seinerseits trifft auf Fräulein Nietzsche, eine attraktive Geschichten- und Sagenerzählerin, die auf ihn in doppelter Hinsicht eine halluzinatorische Wirkung ausübt. Bei Calonder, dessen Pseudonym im Klappentext hilfreich aufgelöst wird, gehört das Sagenhafte zum Schreibprogramm, wie andere Bücher vob ihm belegen. Gleichzeitig mit diesem Krimi ist im Übrigen das Buch «Der See der Seelen» erschienen, in dem eben jene «Engadinergeschichte» ausgebreitet wird, die im Krimi Fräulein Nietzsche kurz zusammengefasst erzählt.

Wer sich für Tunnelbau, Sagen, Midlife-Krisen und/oder Krimis interessiert, kann eines oder beide Bücher als Schnäppchen im bücherraum f beziehen, wo neben ihnen weitere 500 Doubletten zu günstigen Preisen in den Gestellen stehen; siehe http://www.stefanhowald.ch/bookcase/


Peter Kron: «Begegnung in der Unterwelt. Der Gotthard-Basistunnel-Roman». Offizin Verlag, Zürich 2016. Gebunden, 118 Seiten.

Gian Maria Calonder: «Endstation Engadin. Ein Mord für Massimo Capaul». Kampa Verlag, Zürich 2019. Broschur, 24 Seiten.

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Süchtige Stoffe

Es freut mich, dass wir hiermit im bücherraum f unsere Veranstaltung zu neueren Krimis fortsetzen können. Die Welt torkelt immer noch ein wenig, aber die Krimiwelt steht nicht still. An diesem Abend geht es um eine englische und drei französische Autorinnen, und es geht gelegentlich um Süchte.

Das Ende der Sucht

Einst, vor dreissig Jahren als Pionierinnen in einer Männerdomäne, waren sie hart im Nehmen, standen auch beim Alkoholtrinken ihre Frau. Der tägliche Whisky oder die halbe Flasche Wein gehörten für diese feministischen Ermittlerinnen dazu, neben schnellem Mundwerk, harten Judokünsten und treffsicherer Pistole. Seither ist eine Generation vergangen, und die künstlichen Fluchten scheinen nicht mehr so erstrebenswert. In Trüb taucht Sarah Schulmans Heldin eben gerade aus der Entziehungskur auf (siehe Bericht unter http://www.stefanhowald.ch/aktuell/?p=3576). Liza Codys Lady Bag steckt im gleichnamigen Roman noch mitten in der Sucht drin. Und sie ist obdachlos. Alkoholismus ist (unmittelbare) Ursache ebenso wie Folge der Obdachlosigkeit. Natürlich steckt mehr dahinter: ein Mann, der sie dazu gebracht hat, seine finanziellen Betrügereien auf sich zu nehmen und für ihn ins Gefängnis zu gehen. Das System, das eine Strafentlassene nicht mehr zu integrieren vermag. Seither hat Lady Bag ihren bürgerlichen Namen abgelegt und lebt auf den Strassen von London. In Abbruchwohnungen, in Notschlafstellen, in Pärken. Das ist präzise, erbarmungslos geschildert, und in allen Widersprüchlichkeiten. Die Notwendigkeit, sich gegen die Kälte und Rohheit der Menschen mit Alkohol zu betäuben. Die Ausrede, damit man sich deswegen betäuben kann. Die Schicksalsgenossinnen der Strasse, die zugleich in scharfer Konkurrenz um beste Plätze, Essen und Alkohol stehen. Lady Bag liefert eine eindringliche Sozialreportage aus erster Hand, in einer ganz eigenen Stimme, die zwischen trockenem Humor und verzweifeltem Furor schwankt.

Natürlich gibt es auch eine Krimihandlung. Vor der National Portrait Gallery sieht Lady Bag ihren ehemaligen Freund, der sie ins Verderben gestürzt hat; sie folgt ihm insgeheim, wird niedergeschlagen, für jemand anderer gehalten, was ihr ein paar schöne Tage erlaubt, gerät dann folgerichtig unter Mordverdacht. Unterstützt wird sie von ihrer Hündin Elektra, die im trauten Zwiegespräch die Stimme der Vernunft verkörpert, von einem Transvestiten und einer Transe, mit derer Umwandlung sie sich schwertut wie eine herkömmliche Spiessbürgerin. Den Staatsgewalten gegenüber rettet sie sich in eine Doppelsprache über den Teufel, der sie ständig zu verführen droht. Zum Schluss landet Lady Bag wegen eines kleineres Vergehens erneut im Gefängnis, und ihre Geschichte, dass Frauen die Schuld von Männern auf sich nehmen, wiederholt sich mit und an einer anderen Frau.

 Vier Jahre später hat Liza Cody ihre Lady Bag in Krokodile und edle Ziele erneut auf die Strasse gesetzt. Gerade eben wird sie aus dem Gefängnis entlassen. Eine Zellengenossin bittet sie, sich um deren kleinen Sohn zu kümmern. Ihre drei FreundInnen sind noch da und unterstützen sie widerwillig. Dabei gerät sie ins Milieu heruntergekommener Sozialwohnungen und überfroderter SozialarbeiterInnen. Und die Bedrohung kommt aus den eigenen Reihen, einer neuen Freundin ihres Transvestiten, die ihren sozialen Dünkel stolz vor sich hertragt. Das ist wiederum scharfzüngig geschrieben, steigert sich in einzelnen Szenen zu kleinen Bravourstücken. Auch ist es eine Parforceleistung, welche Benennungen und Umschreibungen Lady Bag für den weiterhin in ihr Ohr flüsternden Teufel alles einfallen. Doch nutzt sich dieses Mittel mit der Zeit ein bisschen ab, ebenso wie die Zwiegespräche mit der treuen Elektra. Liza Codys ein paar Jahre früher erschienene Ballade einer vergessenen Toten war da im Einsatz unterschiedlicher Stilformen entschieden souveräner.

Von Liza Cody hat schema f übrigens nicht weniger als neun Bücher in den Regalen hinter Ihnen stehen, darunter fünf mit der Privatdetektivin Anna Lee aus den achtziger Jahren. Die neuen Bücher zeigen den Wandel der Zeiten, von der thematischen Öffnung bis zum zunehmenden Pessimismus.

Französischer Surrealismus

Nun stechen wir über den Ärmelkanal nach Frankreich. Französische Krimis hatten auf dem internationalen Markt lange einen schweren Stand, abgesehen von Georges Simenon mit seiner Massenproduktion – danke für den Einwurf, ja, er war Belgier, so wie Hercule Poirot. Also französischsprachige Krimis – in den achtziger Jahren versuchte der kleine deutsche Elster Verlag mit hübsch ausgestatteten Bändchen den französischen Anarchisten und Surrealisten Léo Malet zu lancieren, der zwischen 1940 und 1970 rund zwanzig Krimis schrieb, die sukzessive in allen Pariser Arrondissements handelten. Dann kam Fred Vargas und war 1991 mit ihrem zweiten Buch eine Offenbarung. Sie führte den eigenwilligen Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg samt ausgedehntem Polizeiteam ein, und in einer zweiten Reihe vier Amateurdetektive mit jeweils ganz eigenen Eigenschaften, die sich selbstironisch die vier Evangelisten nannten; wobei das Personal der beiden Serien sich teilweise überlappt. schema f besitzt fünf ihrer Bücher.

Vargas kommt nicht so sehr vom roman noir her, sondern stärker aus der Tradition Maigret mit dem Schwergewicht auf genauer Psychologie. Kommissar Adamsberg denkt nicht streng logisch, sondern lässt Gasbläschen in seinem Hirn treiben, um psychische Konstellationen und Mordmotive aufzuspüren. Die Figuren haben ihren eigenen Charme, «skurril» ist ein in Besprechungen oft verwendetes durchaus zutreffendes Adjektiv. Vargas, unter dem bürgerlichen Namen Frédérique Audoin-Rouzeau Archäologin und Historikerin und aus einer künstlerischen Familie stammend, verwendet zuweilen auch so etwas wie surreales penser automatique. Wichtig ist das Figurenensemble. Neben Adamsberg treten auf die Kommissare und Leutnants Danglard, Retancourt, Froissy, Veyrenc, Mordent, Mercadet … In ihrem neusten Werk Der Zorn der Einsiedlerin sind die ersten zweihundert Seiten, bis man sich die Figuren wieder vergegenwärtigt hat, ein Genuss. Der Fall dagegen ist schrecklich, wiewohl mit realem Vorbild: zwei Mädchen, die jahrelang eingesperrt und von ihrem Vater vergewaltigt, auch einer Bande von Männern angeboten worden sind. Die schuldigen Männer sterben nach vielen Jahren einer nach dem andern; offenbar rächt jemand die Mädchen, und zwar höchst ausgeklügelt mittels des Gifts der scheuen Einsiedlerspinne, obwohl das biologisch nicht so ganz möglich scheint. Was zurückführt zu den erlesensten Giftmorden in Krimis auf englischen Landsitzen. Vargas breitet alles nur erdenkliche Wissen über Spinnen, über mittelalterliche Reklusen, das heisst ausgestossene Einsiedlerinnen, und über archäologische Ausgrabungen aus und lässt das dann von Adamsberg intuitiv-psychologisch zusammenführen. Nur schade, dass eine halbwegs routinierte Krimileserin die Auflösung 150 Seiten früher erahnt, als die Gasbläschen bei Adamsberg in die richtige Ordnung geraten. Es scheint sich etwas anzubahnen: Neuere Krimis sind gelegentlich ein wenig zu lang.

Übertriebene Psychologisierung kann man Dominique Manotti nicht vorwerfen. Sie ist die gesellschaftspolitische Variante des neueren französischen Kriminalromans; nicht zufällig nennt sie die hard-boiled-Krimis von James Ellroy als wichtigsten Einfluss. Der ehemaligen Gewerkschaftssekretärin (bürgerlicher Name: Marie-Noëlle Thibault) geht es öfters um Wirtschaftskriminalität. Wie Vargas oder die empfehlenswerte TV-Serie Engrenages schildert sie das breite Ensemble auf einem Polizeirevier. Natürlich, danke für den Einwurf, Sie haben Recht: Das gibt es auch im angelsächsischen Krimi, aber ich würde mal schätzen, dass das Ensemble dort jeweils kleiner ist, auf drei bis fünf Personen konzentriert. Manottis Hauptkommissar ist beruflich ziemlich hemdsärmelig und handgreiflich gegenüber den Verdächtigen – was nicht so weit an den französischen Zuständen vorbeigeht. Sozial hingegen ist er modern aufgemotzt, das heisst schwul, mit einem nahezu perfekten Hausmann für den Alltag, dazu gelegentlichen Eskapaden nicht abgeneigt, was er ein bisschen eitel vor sich herträgt. Manotti ist sich in diesem zügigen Frühwerk Zügellos noch nicht ganz klar, in welche Richtung sie gehen soll, ob sie den Polizisten als ebenso zynischen wie moralischen Einzelgänger darstellen oder ihn stärker zum Systemkritiker machen will. In den späteren Romanen, die ebenfalls bei Ariadne vorliegen, wird das deutlicher; sie sind auch präziser auf den Punkt geschrieben.

Ein schönes Alter

Der Höhepunkt der heutigen Auswahl kommt zum Schluss. Uneingeschränkt toll ist Die Alte von Hannelore Cayre. Das beginnt mit einer originellen Konstellation: Eine Arabisch-Übersetzerin muss der französischen Polizei all die Gaunereien aus dem weit verzweigten Drogenhandel übersetzen. Bis sie einen Dealer vor einer drohenden Verhaftung warnt, dann dessen Hasch-Ladung, die er eilig versteckt hat, aufspürt und auf eigene Kosten verhökert. Die Alte, als die sie sich maskiert, ist dabei den Ermittlungen immer einen Schritt voraus, da sie der Polizei ja deren Abhöraktionen im Milieu übersetzt. Patience Portefeux, die uns das selbst erzählt, bricht sprachlich und inhaltlich jedes nur erdenkliche Tabu. Die Mitglieder verschiedener nordafrikanischer Drogenbanden werden durchgängig mit abschätzigen Bemerkungen beschrieben; die Chinesen sind zwar ein bisschen cleverer, aber dafür noch ein bisschen ruchloser. Das wird ausgeglichen durch die schonungslose Darstellung des Staatsapparats, der entweder korrupt oder dysfunktional ist. Doch die Erzählperspektive ist in ihrer Mischung von Zynismus und Empathie jederzeit stimmig. Angesichts ihrer eigenen Geschichte aus dubiosem Elternhaus und ihrer jahrelangen Knochenarbeit am Rande des Zusammenbruchs ist es nur gut und recht, dass sie endlich auch mal profitiert. Doch kriegt man das Gefühl nicht los, das sei zu schön / zu erfolgreich, um wahr zu sein, umso mehr, als sie in einer losen Beziehung mit einem Drogenfahnder steht. Die Alte muss doch wohl – leider – auffliegen? Oder etwa doch nicht? Tja, das muss man und frau selber nachlesen.

Stefan Howald


Liza Cody: «Lady Bag». Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski. Ariadne 1228. Argument Verlag, Hamburg 2017 (OA 2013, deutsche EA 2014). Broschur, 318 Seiten.
Liza Cody: «Krokodile und edle Ziele». Aus dem Englischen von Else Laudan. Ariadne 1227. Argument Verlag, Hamburg 2017 (OA 2017). Gebunden, 432 Seiten.
Fred Vargas: «Der Zorn der Einsiedlerin». Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. Blanvalet Taschenbuch, München 2019 (OA 2017, deutsche EA 2018). Broschur, 508 Seiten.
Dominique Manotti: «Zügellos». Aus dem Französischen von Andrea Stephani. Ariadne Krimi 1193. Argument Verlag, Hamburg 2013 (OA 1997). Gebunden, 286 Seiten.
Hannelore Cayre: «Die Alte». Aus dem Französischen von Iris Konopik. Ariadne 1240. Argument Verlag, Hamburg 2019 (OA 2017). Gebunden, 204 Seiten.
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