Populismus: Politische Ökonomie und Repräsentationsprinzip

Viel beredet, immer noch zu wenig begriffen. Was sich aus jüngsten Büchern über den Populismus lernen lässt.

Von Stefan Howald

Der Buchtitel dieses neuen Sammelbands trifft die aktuelle Lage: «Der populistische Planet». Populismus scheint heute global und endemisch, von den USA bis nach Indien. Acht GesprächspartnerInnen aus vier Kontinenten versuchen, sich brieflich darüber zu verständigen. Dabei wird schnell klar: Im Westen mag der Populismus erst in jüngster Zeit – oder erst seit neustem wieder – drängend geworden sein, in Indien oder Afrika herrscht er seit siebzig Jahren. So belegt der indische Dalit-Aktivist Naren Bedide, dass sich die indische Kongresspartei selbst unter Mahatma Gandhi populistischer Mechanismen bediente, die bestimmte Bevölkerungsgruppen ausschloss; und die kenianische Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor kann sich angesichts der Tatsache, dass der Westen endlich von den bislang exportierten politischen Zerfallserscheinungen eingeholt wird, «ein wenig Schadenfreude» nicht verkneifen.

Tatsächlich ist Populismus nicht nur allgegenwärtig, sondern er kann bereits als Totschlagargument eingesetzt werden. Im Tages-Anzeiger vom 18. August schreibt Edgar Schuler, es sei ebenso unüberlegt wie populistisch, die Aufnahme von afghanischen Flüchtlingen in die Schweiz zu fordern. Abgesehen von der moralisch korrupten Argumentation ist der Gebrauch des Worts bemerkenswert: Populistisch heisst hier schlichtweg unseriös. Auch Gewerbeverbandspräsident Fabio Regazzi (CVP) nennt die 99-Prozent-Initiative eine «populistische Initiative» und billigt ihr entsprechende Kräfte zu: «dagegen anzukämpfen, ist immer schwierig» (Tages-Anzeiger, 30.8.21).

Was Populismus ist, scheint also im öffentlichen Diskurs klar. Allerdings wird dessen Lebenskraft unterschiedlich eingeschätzt. Wird der Trumpismus nach Trump überleben?, hat der Politologe Jan-Werner Müller gleich nach dessen Abwahl gefragt und die Antwort gegeben: in dieser Form nicht, weil die Person und die Figur Trump für seine Bewegung unersetzlich sind. Was künftige andersartige Massenbewegungen nicht verhindere (The Guardian, 9. 11. 2020). Andere KommentatorInnen sahen in Trumps Niederlage einen grundsätzlichen Rückschlag für rechtspopulistische Bewegungen weltweit. Dagegen behauptet sich in Brasilien der rechtsradikale Populist Bolsonaro trotz seiner menschenverachtenden, ja tödlichen Politik an der Macht und erfreut sich weiterhin hoher Zustimmungsraten.

Der Erfolg dieses breit gefassten Populismus wird in der aktuellen Diskussion mit zwei gegensätzlichen Gründen erklärt. Einerseits soll er, gemäss einem ökonomischen Ansatz, eine politische Reaktion auf die wirtschaftlichen Verwerfungen der neuen globalisierten Wirtschaft sein. Andererseits wird er als Kampf unterschiedlicher Werte interpretiert, wobei sozial konservative Schichten ihre Identität in Gefahr glauben. Beide Erklärungen treffen sich darin, dass sie als HauptträgerInnen populistischer Bewegungen «GlobalisierungsverliererInnen» sehen.

Vier Ökonomien

Der deutsche Politologe Philip Manow hat 2018 eine Studie vorgelegt, die sich entschieden auf die Seite eines ökonomischen Ansatzes schlägt und eine «Politische Ökonomie des Populismus» liefern will. Die Abkehr von der vorherrschenden Wertediskussion und die Rückkehr zu ökonomischen Analysen ist in manchem überzeugend. Manow unterscheidet regionale Varianten des Populismus, die aus unterschiedlichen Ökonomien entstünden. Tatsächlich äussert sich die Globalisierung unterschiedlich, je nachdem, ob mehr die neuen globalen Waren/Geld-Ströme oder die neue Migration von Arbeitskräften dominieren. Manow unterscheidet vier politische Ökonomien (er spricht von vier Kapitalismen; in kritischer Sicht handelt es sich um vier unterschiedliche kapitalistische Akkumulationsregimes). Kontinental- bzw. Nordeuropa (Frankreich, Deutschland, Benelux, Schweiz sowie Skandinavien) sind exportorientiert mit einer formellen Wirtschaft und einem (relativ) starken Sozialstaat. Südeuropäische Wirtschaften setzen eher auf den Binnenmarkt; einem informellen Arbeitsmarkt mit Klientelismus entspricht ein relativ schwacher Sozialstaat. Osteuropa ist durch Migration und Kapitalimport subaltern an die globale Wirtschaft angebunden, bei schwachem Sozialstaat; das angelsächsische neoliberale Modell verhält sich aggressiv im Weltmarkt, bei zunehmend geschwächtem Sozialstaat.

Manow belegt das mit vielen Statistiken. Aus seiner Analyse folgt eine These zum Rechts- bzw. Linkspopulismus. Sein Ausgangspunkt ist die für Linke enervierende Tatsache, dass in Nordeuropa bei Meinungsumfragen an erster Stelle des so genannten «Sorgenbarometers» die Migration steht; dagegen ist es in Südeuropa die allgemeine Wirtschaftslage. In den am meisten entwickelten europäischen Industriestaaten würden MigrantInnen nicht so sehr als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, sondern vor allem als «Schmarotzer» im Sozialstaat wahrgenommen – deshalb die Ausländerfeindlichkeit. In Südeuropa dominiere angesichts der in den Heimatmarkt eindringenden Exportoffensiven der nördlichen Industriestaaten die Angst um den Arbeitsplatz – die MigrantInnen spielten angesichts des herrschenden Klientelismus auf dem Arbeitsmarkt nicht so eine grosse Rolle, weshalb auch die Ausländerthematik nicht so virulent sei. Letztere Aussage wird die vielen Flüchtlinge in Süditalien oder in Griechenland nicht gerade überzeugen oder beruhigen.

Tendenziell aber stimmt die von Manow portierte These, dass die unterschiedlichen Ökonomien unterschiedliche politische Reaktionen hervorrufen. So habe die Ausländerfeindlichkeit in Frankreich, Deutschland, der Schweiz, den skandinavischen Ländern den Rechtspopulismus gestärkt. In Südeuropa hingegen werde die Globalisierung vor allem als Übergriff des Kapitals wahrgenommen, deshalb seien in Griechenland und Spanien linkspopulistische Bewegungen entstanden. Italien bestätige die These im Kleinen: Im industrialisierten Norden dominiert die fremdenfeindliche Lega, im traditionelleren Mittel- und Süditalien die Bewegung der Fünf Sterne, die Manow, etwas forciert, als linkspopulistisch einstuft.

Arbeiterklasse oder Mittelstand?

Woher rekrutieren sich diese Bewegungen sozial gesehen? Manow wertet auch hier umfangreiche Statistiken aus und kommt zum Resultat, es seien gerade nicht die «GlobalisierungsverliererInnen», die solche Bewegungen trügen. Ausschlaggebend sei nicht die aktuelle Wirtschaftslage und damit die aktuelle Abstiegsangst, sondern die Abstiegsangst aus früheren Erfahrungen, etwa der Börsenkrise. Davon betroffen seien nicht in erster Linie die Reste der «Arbeiterklasse», sondern der Mittelstand. Das ist nicht ganz neu, denn die bürgerliche Klientel der AfD ist seit einiger Zeit festgestellt worden, aber in der Deutlichkeit der ausgewerteten Statistiken doch verblüffend.

So weit so aufschlussreich. Ein Loch klafft allerdings in Manows Theorie, weil er Populismus nicht definiert, sondern voraussetzt. Populismus wird dabei an der Identifikation mit oppositionellen Parteien und Bewegungen festgemacht, ja, letztlich wird er eingedampft auf eine Oppositionshaltung. Wer gegen die herrschenden Regierungsparteien ist, ist populistisch. Aber das klammert die ja nicht gerade seltenen Populisten an der Macht und deren AnhängerInnen aus. Daraus folgt ein zweites Manko: So differenziert Manow die Frage mit seinen vier politischen Ökonomien und den entsprechenden politischen Reaktionsweisen angeht, so drückt immer wieder ein Ökonomismus durch. Die verschiedenen Populismen werden als zwangsläufiges Resultat ökonomischer Entwicklungen verstanden. Entsprechend kümmert sich Manow kaum um die Frage, von wem und wie sie politisch hergestellt bzw. befördert werden.

Zu diesen politischen Aspekten liegen unter anderem Studien von Jan-Werner Müller und Pierre Rosanvallon vor. Müllers knappes Buch «Was ist Populismus?», von ihm selbst als Essay bezeichnet, ist das wohl erfolgreichste auf dem Markt der Populismus-Studien. 2016 erstmals erschienen, liegt es mittlerweile in der sechsten Auflage vor. Das Buch ist verständlich, eingängig, zuweilen witzig geschrieben. Müller ist sozusagen das Spiegelbild zu Manow. Während Manow von der statistisch belegten Empirie oppositionellen Wahlverhaltens ausgeht und diesem dann den Populismus zuordnet, geht Müller von einer fixen Definition des Populismus aus und sucht diesen dann in Theorie und Praxis sozialer Bewegungen. Der Populismus arbeitet für Müller mit der Setzung des Volks als geschlossener, damit auch ausschliessender Einheit, er ist antipluralistisch und damit antidemokratisch. Aber das ist beinahe ein Zirkelschluss: Ein Populist ist jemand, der antipluralistisch und antidemokratisch ist, also ist einer, der antidemokratisch und antipluralistisch ist, ein Populist. Der Vorteil: Müller kann so eine entschiedene Kampfansage an den Populismus formulieren und die demokratischen Verfahren dagegen mobilisieren. Seine Paradebeispiele sind Viktor Orban und Hugo Chavez. Das hat zuweilen einen Geruch der unseligen Totalitarismustheorie; aber leider muss man vielen seiner kritischen Beschreibungen zur Politik von Chavez zustimmen. Theoretisch, selbst demokratiethoretisch bleibt das freilich ein wenig dünn. Müller konzentriert sich vor allem auf die Verteidigung der repräsentativen, parlamentarischen Demokratie gegen die instrumentell eingesetzten Plebiszite; die Gewaltenteilung, die von den Populisten ebenfalls bestritten wird, scheint mir dagegen die wichtigere demokratische Errungenschaft.

Der französische Soziologe Pierre Rosanvallon verbindet im Gegensatz zu den andern Ansätzen wirtschaftliche und politische Analysen. Sein Buch «Das Jahrhundert des Populismus. Geschichte. Theorie. Kritik» ist die bislang reichhaltigste, differenzierteste Studie.

Fünf Grundelemente des Populismus macht Rosanvallon im ersten Teil seiner Studie aus: Ein Volk wird konstruiert, das als einheitliches gegen alle andern Gesellschaftsmitglieder gesetzt wird; das Repräsentationsprinzip in der Demokratie wird verworfen und dagegen die Evidenz des «Gemeinwillens» und von Volksabstimmungen gesetzt, samt Kritik der Legislative; statt der klassischen Parteiform wird eine Bewegung mit Führungsfigur aufgebaut; ein wirtschaftspolitischer Protektionismus wird zugleich als Nationalprotektionismus gegen die Migration angeboten; Leidenschaften und Emotionen werden gegen die Technokratie und das ExpertInnentum bewirtschaftet.

Der plötzliche Charme der Volksabstimmung

Diese Passagen sind glänzend und überaus verständlich geschrieben. Alle Grundelemente sind auch schon andernorts in Zusammenhang mit dem Populismus gebracht worden, aber überzeugend ist es, wie Rosanvallon das Zusammenspiel mehrerer Faktoren detailgenau analysiert. Sein Material liefern vor allem die USA, Frankreich und Lateinamerika. Andere Brutstätten des Rechtspopulismus wie Deutschland und Italien werden nur gestreift; die Schweiz wird als Bezugspunkt für den plötzlichen Charme von Volksabstimmungen erwähnt, ohne deren spezifische Mechanismus zu studieren.

Als ein besonderes Element führt Rosanvallon das Konzept des «Homme-peuple» ein. Als Beispiel dient ihm Napoleon III. während dessen Herrschaft in Frankreich von 1851 bis 1870. Napoleon reiste im Land umher, um sich die Sorgen des «Volks» anzuhören, und gab sich nachher nicht etwa als dessen Repräsentant, sondern als «das Volk selbst» aus, als dessen geradezu gottgegebener Wille. «Homme-peuple» ist nur schwer übersetzbar: Soll man sich mit dem merkwürdig klingenden «Volks-Mann» begnügen, oder wäre «Mann des Volks» besser, wobei der, wie beim berühmten «Opium des Volks», nicht von aussen, instrumentell, sondern als Bestandteil des Volks gedacht ist? Entscheidend ist dabei, dass er offiziell das blosse Repräsentationsprinzips ablehnt und dagegen die «Verschmelzung» mit dem Volk setzt; zugleich rettet er praktisch das hierarchische Führerprinzip.

War (und ist) Trump ein Homme-peuple? Es gab Ansätze dazu, doch sie sind von ihm nicht ausgearbeitet worden. Die 74 Millionen, die für ihn gestimmt haben und ihm weitgehend die Treue halten, wollen glauben, dass er sie versteht und vertritt. Aber er geht nicht zu den Menschen, um sie kennenzulernen, er kennt sie ja schon, und sie ihn. Die in den Medien geschaffene Figur Trump ist ihre eigene Rechtfertigung. Er bietet sich weder als Repräsentant noch als Verkörperung des Volks an, sondern als Vorbild, an das sich die anderen angleichen sollen. Im (behaupteten) Milliardär, der seinen (behaupteten) Reichtum schamlos zur Schau stellt, wird das meritokratische Versprechen sozialen Aufstiegs sichtbar. Das hat eine aktivierende Potenz, was seine Bewegung so virulent macht.

Für den Homme-peuple gibt es dagegen mehr oder weniger krasse Beispiele auf der Linken, von Hugo Chavez bis zu Jean-Luc Melénchon. Von letzterem zitiert Rosanvallon etliche bezeichnende Aussagen, etwa «ich bin mehr als Jean-Luc Mélenchon, ich bin 7 Millionen Personen». Entsprechend hat Rosanvallon für den Linkspopulismus nicht viel Sympathien übrig. So wirft er deren HaupttheoretikerInnen Ernesto Laclau und Chantal Mouffe vor, «das Volk» als starre Grösse zu setzen, letztlich einen essenzialistischen Volksbegriff zu vertreten; selbst in der Formulierung von den 99 Prozent unten gegen die 1 Prozent oben äussere sich das rechtskonservative Freund-Feind-Schema von Carl Schmitt.

Gegenüber solch konziser Gesamtanalyse bleibt der Sammelband zum populistischen Planeten, wohl notgedrungen, disparat. Es gibt darin, jenseits des Populismus-Themas, aufschlussreiche Analysen der aktuellen Situation in einzelnen Ländern, etwa von Maria Stepanova zu Russland oder von Youssef Rakha zu Ägypten. Es gibt auch anregende Begriffe, die die kurz nach Beginn des Briefwechsels verstorbene Agnes Heller in die Debatte geworfen hat, etwa eine Unterscheidung zwischen Populismus (der sich auf einen möglichst breiten Volksbegriff bezieht) und Ethnonationalismus (der sich auf ein «Kernvolk» bezieht); anschaulich sind auch ein paar konkrete Bemerkungen zur, theoretisch allerdings subkomplex gefassten, Refeudalisierung. Aber dann legt sich die Covid-Pandemie über die globale Kommunikation, und die Beschreibungen werden grundsätzlicher, damit abstrakter, und beinahe apokalyptisch.

Fürs Repräsentationsprinzip

Pierre Rosanvallon erklärt in seinem Buch, durchaus ehrenwert, eine Kritik könne sich nicht vor der Formulierung von Alternativen drücken. Einen entsprechenden Versuch unternimmt er im dritten Teil. Dabei wird der Akzent, der bislang doch ökonomiepolitische Aspekte immer mit berücksichtigte verschoben. Populistischen Positionen wird jetzt vor allem ein anderes demokratietheoretisches Konzept entgegengestellt. Detailliert begründet Rosanvallon zum Beispiel, warum sich das Repräsentationsprinzip nicht vollständig durch «direktdemokratische» Formen ersetzen lasse. Damit knüpft er an dem an, was er in seinem Buch «Die gute Regierung» (französisch 2015, deutsch 2016) begonnen hat.

Auch Rosanvallons Alternativen lassen aber die Frage offen, wie der Populismus zu bekämpfen wäre, wie Menschen von ihren populistischen Positionen abgebracht werden könnten. Natürlich, er versichert, Demokratie verwirkliche sich nur in der konkreten Ausübung, DemokratInnen entstünden also in der Praxis vielfältiger Handlungen. Aber letztlich vertraut auch er auf die Kraft des überzeugenden Arguments in Sprachhandlungen. Zudem wird Demokratie aufs politische Feld beschränkt; Wirtschaftsdemokratie kommt nicht einmal als Stichwort vor. Verstehen lässt sich der Populismus nach Rosanvallons Buch besser, bekämpfen weiterhin nur unzulänglich.


«Der populistische Planet. Berichte aus einer Welt im Aufruhr». Mit Beiträgen von Naren Bedide, Agnes Heller, Jonas Lüscher, Yvonne Adhiambo Owuor, Carol Pires, Youssef Rakha, Maria Stepanova und Michael Zichy. C.H. Beck, München 2021. 192 Seiten.

Philip Manow: «Die Politische Ökonomie des Populismus». Edition suhrkamp. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 178 Seiten.

Jan-Werner Müller: «Was ist Populismus?» Ein Essay. Sonderdruck edition suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 160 Seiten.

Pierre Rosanvallon: «Das Jahrhundert des Populismus. Geschichte. Theorie. Kritik». Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt. Hamburger Edition, Hamburg 2020. 266 Seiten.


Dieser Text erschien auch auf der Website Theoriekritik, siehe  www.theoriekritik.ch/?p=4294

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für Populismus: Politische Ökonomie und Repräsentationsprinzip

Rätsel um die Schweiz

Ein rätselhaftes Land: Achtundzwanzig Fragen zu Schweizer Persönlichkeiten. Alle sind im Buch #ProjektSchweiz aus dem Unionsverlag vertreten. Aus achtundzwanzig verknappten Lebensläufen lässt sich ein ganzes Rätselgitter füllen. Sichtbar wird dabei eine überraschende, offene, sozial engagierte Schweiz. Wer führte die Kindergärten in Zürich ein, und in welchem Gefängnis wurde das Thermometer erfunden? Wessen Romane waren ebenso konservativ wie kapitalismuskritisch, und wie viele Erstbesteigungen von Bündner Berggipfeln schaffte der Initiator des Schweizerischen Nationalparks?

Solche Fragen führen zu Lösungen: Wer war nicht nur Zeichner, sondern auch Jäger? Wie hiess die Adresse der Radiosendung, mit der die gefragte Schauspielerin ein Jahrzehnt die Schweizer Stuben beglückte? Wo in Italien starb jener ruhelose Schriftsteller, der auch als Simenon der Schweiz bezeichnet wurde? Welche Farbe hat die eintönige Landschaft, deren Bewohner der Troubadour in einem seiner Lieder besang? Womit wurde der Mann jener Frau hingerichtet, die erste Bürgermeisterin des revolutionären Frankreich war?

Hier folgt das Rätsel für alle, die etwas über die Schweiz wissen und mehr erfahren wollen. Auch zum Ausschneiden.

Und hier kommen die ersten Fragen für einen Start. Die weiteren folgen. Ach ja, es gibt auch Preise zu gewinnen.

Veröffentlicht unter Kulturkritik, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Rätsel um die Schweiz

«Heillos vernachlässigt oder verderbt»

bücherräumereien (XXXIV)

Berta Rahm und die «Geschichte der Frauen»

34 Bücher sind es schliesslich, zwei Tragtaschen. Antiquar Peter Petrej hat die Bücher eine Zeitlang in seinem thematischen Schaufenster zur Frauenbewegung präsentiert. Jetzt dürfen wir auslesen, was wir für den bücherraum f gebrauchen können. Zeitgenössische Klassikerinnen wie Judith Butler stehen, natürlich, bereits in unseren Gestellen. «Das Vagina-Buch» findet vielleicht doch noch eine Käuferin (oder womöglich einen Käufer), also bleibt es noch kurze Zeit im Schaufenster an der Sonneggstrasse 29.

Interessant sind für die Bibliothek schema f zum Beispiel Werke von Lily von Muralt oder von Maria Wyss. Die profilierten sich, lese ich, als Autorinnen für Kinderbücher und «Frauenliteratur», mit Dutzenden von Werken. Die literarische und feministische Qualität lässt zu wünschen übrig, doch sind es halt historische Dokumente, ebenso wie ein «Ratgeber für junge Mädchen» aus den 1920er-Jahren. Vielleicht passend dazu, lässt sich vermuten, ein Buch von Rösy von Känel (1895– 1953). Seit 1942 war die «eine der erfolgreichsten Schweizer Autorinnen ihrer Zeit», wie wikipedia versichert. Ein Buch von ihr scheint angesichts des Titels «Passion» (1949) vielversprechend, aber die beschriebene Passion besteht dann leider nur darin, dass eine Frau in den Schoss der Kirche zurückfindet.

Die Bloomer Girls

Gewichtigere Gaben von Peter Petrej sind zwei, nein drei Bücher von Berta Rahm. Rahm (1910-1998) war eine der ersten Architektinnen der Schweiz – dazu hat Elisabeth Joris in dem soeben erschienenen Buch «Projekt Schweiz» (Unionsverlag) geschrieben. Angesichts beruflicher Diskriminierungen gab Rahm 1966 ihr Architekturbüro auf und startete einen Einfrauenverlag – der erste in der Schweiz. Sie hatte zuvor selbst ein Buch verfasst, das den Preis der Büchergilde Gutenberg für das Jahr 1941 gewonnen hatte: ein Reisebericht über die städtebaulichen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Skandinavien. Ab 1967 publizierte sie in ihrem Ala Verlag Bücher zur Frauenbewegung und feministische Klassikerinnen.

Als erstes Buch brachte sie eine von Charles Neilson Gattey verfasste Biografie zu Amelia Bloomer heraus. Bloomer (1818–1894), ursprünglich Hauslehrerin, hatte sich ab 1850 in den USA gegen die rigiden Kleidervorschriften für Frauen gewandt und das so genannte Bloomer-Kostüm mit einer Art Pluderhosen geschaffen, das Frauen auch so neumodische Beschäftigungen wie das Velofahren ermöglichte. In der Folge beförderte sie mit ihrer Zeitschrift «The Lily» die amerikanische Frauenbewegung. Die etwas idiosynkratische Figur mochte Berta Rahm durchaus persönlich angesprochen haben. Einleitend meinte Rahm: «Dieses Buch ist all den Frauen und Männern gewidmet, die sich für die Menschenrechte einsetzten, einsetzen und sich noch einsetzen werden». Ins Deutsche übertragen worden war die ein Jahr zuvor auf Englisch erschienene Biografie von «Peter Ala», was man wohl als Pseudonym zu lesen hat. Und gelegentlich wird der Text angereichert durch Hinweise auf die Situation in der Schweiz. Ebenso finden sich hier erstmals, was für alle späteren Bücher von Berta Rahm galt, zusätzliche Dokumente und Illustrationsmaterial, das sie in Bibliotheken und Archiven aufspürte.

Ein Kosmopolit

Vom profilierten US-Autor Charles Neilson Gattey übersetzte Berta Rahm wenig später eine Biografie zur Frühsozialistin Flora Tristan. Und sie grub chronologisch noch tiefer. Und landete beim Kosmopoliten James Henry Lawrence (1773–1840).

Der studierte als Sohn eines Plantagenbesitzers in Jamaika ab 1791 in Göttingen und Braunschweig. Nach der Lektüre von Mary Wollstonecrafts 1792 erschienenen frühen Frauenmanifest «A Vindication of the Rights of Woman» verfasste er mit zwanzig Jahren den Essay «Ueber die Vortheile des Systems der Galanterie und Erbfolge bey den Nayren». Der wurde 1793 von Christoph Martin Wieland ins Deutsche übertragen und in seiner Zeitschrift der «Neue Teutsche Merkur» veröffentlicht. Lawrence beschreibt darin die mütterliche Erbfolge bei den südindischen Nayar. Enthusiastisch plädiert er, auch in den westlichen Gesellschaften die restriktiven Ehegesetze zugunsten von frei gewählten Liebesbeziehungen und eines auf weibliche Nachkommen basierenden Erbrechts aufzugeben, und fordert zugleich eine gleichwertige Bildung von Frauen. Ein paar Jahre später entwarf er im zweibändigen Roman «Das Paradies der Liebe» eine entsprechend emanzipierte Gesellschaft.

Berta Rahm veröffentlichte diesen Essay 1971 und fügte ihm Auszüge aus dem Roman bei. Nachdem sie ihren Frauenverlag mit Büchern von Männern begonnen hatte, publizierte sie in der Folge, programmatisch, ein erstes gewichtiges Buch einer Autorin, eben Mary Wollstonecrafts «Verteidigung der Rechte der Frauen», in drei Bänden zwischen 1975 bis 1977. Rahm wählte dazu, im doppelten historischen Anschluss, die Übersetzung der Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim (1859–1936) aus dem Jahr 1899, mit zusätzlichen Anmerkungen versehen, auch mit textkritischen Vergleichen verschiedener Ausgaben. Das war durchaus antizyklisch zur damaligen Frauenbewegung, die mit der, zeitgenössisch bedingten, Hochschätzung der Mutterschaft bei Wollstonecraft nicht viel anfangen konnte und im Buch das Fehlen einer einheitlichen erzählerischen «Frauenstimme» beklagte. Im Schatten der neu entstehenden Frauenverlage blieb das Interesse an den eigenwilligen Büchern von Berta Rahm leider beschränkt.

Aufgeklärte Geschichte der Frauen

1981 publizierte sie eine «Geschichte der Frauen», ein Buch, das jetzt, ebenfalls aus Peter Petrejs Schaufenster, im bücherraum f steht. Es war eine Trouvaille, die zeitlich noch hinter Wollstonecraft und Lawrence zurückreicht. Veröffentlicht wurde diese «Geschichte» nämlich 1779 vom schottischen Arzt William Alexander; bereits ein Jahr später wurde sie, anonym, ins Deutsche übersetzt. Diese Übersetzung hat Berta Rahm für ihre Wiederentdeckung 200 Jahre später gewählt, neu getippt, in gemässigter Kleinschreibung, und mit Anmerkungen versehen. In einem Vorwort bemerkt sie, man wisse, 1981, nur wenig über William Alexander, und das scheint, wie eine halbwegs einlässliche Internetrecherche ergibt, noch immer so zu sein. Alexander (1742– 1788) war Arzt in Edinburgh, dann London, in den Annalen vermerkt sind ein paar Fachaufsätze; die «Geschichte der Frauen» steht wie ein erratischer Block in diesem Leben. Im deutschsprachigen Raum ist sie verstreut rezipiert worden. Das Buch taucht in einem Exzerptheft des unersättlichen Lesers Karl Marx auf. In einem Reclam-Sammelbändchen von 2014 «Was ist Aufklärung?» ist ein kurzer Auszug abgedruckt. Und vor ein paar Jahren ist eine umfangreiche, halb spanisch, halb englisch verfasste Dissertation von Eulalia Simal Iglesias zur frühen Geschichtsschreibung über Frauen erschienen. Das Werk von William Alexander steht explizit im Mittelpunkt und zwar als Teil der schottischen Aufklärung; dabei erfahren wir viel über die schottische Aufklärung, aber nur wenig über Alexander.

Dessen «Geschichte der Frauen» ist ein frappierendes, zuweilen auch kurioses Werk. Alexander spürt in den Weltkulturen aller Zeiten Dokumente zur Stellung und Rolle der Frauen auf. Sympathetisch tritt er misogynen Interpretationen gegenüber, bleibt aber, selbstverständlich, gelegentlich in seiner Zeit befangen. Auf der Suche nach gleichberechtigten Geschlechterbeziehungen befleissigt er sich einer materialistischen Bibellektüre: aus den heroischen und religiösen Erzählungen den Alltag destillieren. Wer hat wo Verantwortung übernommen? Haben auch die Männer bei dem, was mittlerweile als weibliche Hausarbeit gilt, mitgetan? Wie sind die Frauen in der Öffentlichkeit aufgetreten? In vielerlei Überlieferungen aus der Antike zitiert er einzelne Beispiele von tätigen Frauen, die er dankbar als Hinweise auf die damalige Sozialstruktur verallgemeinert. Das ist nicht ganz neu; vorangegangene vergleichende Geschichtsschreibungen hatten schon Ansätze geliefert, und das Interesse für «wilde», auch «östliche» Völker lieferte ihm weitere Materialien. Neu ist freilich die Konzentration auf die Frauen und der Versuch einer Systematisierung. Ganz im Geiste der schottischen Aufklärung ist dabei Erziehung das Allheilmittel für die Gebresten der Gesellschaft. Nur sie könne die nicht gerechtfertigte Diskriminierung des weiblichen Geschlechts beseitigen. «Übersehen wir diese Abrisse der Erziehung der Frauen noch einmal, so müssen wir erstaunen, dass ein Geschlecht von einerlei Natur mit uns, das zu unsern Gesellschafterinnen auf Zeitlebens bestimmt ist, beständig entweder heillos vernachlässigt, oder durch seine sogenannte Erziehung verderbt wird. […] Kaum ist jemals oder unter irgend einem Volke ein Gesetzgeber aufgestanden, der sie zum Gegenstande seiner ernstlichen Aufmerksamkeit gemacht hätte; und die Männer überhaupt, denen doch am Verstande und an der Tugend der Frauen so viel gelegen ist, scheinen, nach ihrem Betragen gegen dieses Geschlecht zu urteilen, sich mit einander verschworen zu haben, es einfältig und lasterhaft zu machen.» (Seite 69) Natürlich, die Situation der Frauen wird weiterhin von männlicher Warte aus betrachtet, diese zum Erziehungsobjekt erklärt, ohne auf ihre Selbsttätigung einzugehen; aber diese mangelnde Selbsttätigkeit wird ihrerseits auf eine falsche Erziehung zurückgeführt.

Historisch gesehen hebt Alexander insbesondere die ägyptische Zivilisation hervor. «Nur unter den Ägyptiern treffen wir in den Zeitaltern, die wir jetzt behandeln, etwas an, das einer ordentlichen Erziehung und Lehrart ähnlich siehet. Ihre Zauberer, auf welchen ihre Gelehrsamkeit beruhete, studierten und lehreten die damals bekannten Wissenschaften, worunter die Sternkunde die vornehmste war, von welcher, wie es scheint, auch die Frauen nicht ganz ausgeschlossen wurden. […] Fast jeder Schriftsteller vom alten Ägypten erwähnt, dass die Frauen die meisten Geschäfte ausser dem Hause verrichtet haben, und dass insbesondere die Handlung [Leitung] der Nation ihrer Besorgung überlassen worden sei; es ist also auch sehr wahrscheinlich, dass man sie die Rechenkunst, so weit man sie damals verstand, eine Kunst, gelehrt habe, ohne deren Beihilfe die Handlung äusserst schlecht und unordentlich hätte betrieben werden müssen. Da auch das Schreiben sehr frühe schon in Ägypten bekannt und die Schreibkunst zur Handlung ebenso notwendig war als die Rechenkunst, so ist auch zu vermuten, dass man die Frauen die damals übliche Schreibkunst gelehret haben werde.» (Seite 32)

In anderen Kulturen, etwa der germanischen, beschreibt er die Frau als Haupternährerin und Organisatorin des Alltagslebens. Was einer einseitigen Arbeitsteilung auf Kosten der Frauen entsprungen ist, versteht er zuweilen umstandslos als Beweis für deren Wertschätzung. Der Gegensatz dazu ist der verzärtelte Müssiggang, in die Frauen gedrängt würden, ebenso wie die Wollust, die schon bei den Griechen oder in «morgenländischen»Kulturen vorgeherrscht habe. Alexander wird hier zum presbyterianischen Moralapostel und fügt viele Beispiele solcher verruchter Gebräuche an. Jenseits von Abwehr und Verurteilung schimmert gelegentlich die Faszination für die Ungebärdigkeit der Frauen durch, wie sie etwa in heidnischen Kulten um Bacchus zum Ausdruck gekommen sei.

Mary Wollstonecraft und Hedwig Dohm

Der deutsche Übersetzer Friedrich von Blankenburg ist ebenfalls eine interessante Figur. Nach einer Militärlaufbahn betätigte er sich ab 1778 in Leipzig als unermüdlicher Publizist und Kulturkritiker. In einem Vorwort zu seiner ursprünglich anonym erschienenen Übersetzung versucht er sich ein wenig vom Original zu distanzieren, nicht so sehr wegen dessen Forderung nach Gleichberechtigung, aber wegen des Vorwurfs, die von ihm übersetzte Schrift könne womöglich wegen einiger der behandelten Gegenstände eine verderbliche Wirkung insbesondere auf Leserinnen ausüben.

Eine Nachwirkung von Rahms verdienstvoller Ausgabe lässt sich nicht nachweisen. Bedeutsamer wurden, neben der Mary Wollstonecraft-Ausgabe, spätere Nachdrucke eines Reiseberichts von Flora Tristan und dann vor allem Texte der deutschen Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831-1919), die Rahm in mehreren Ausgaben neu ins Bewusstsein zu rücken versuchte. Der Ala Verlag blieb dabei jederzeit im Wortsinn ein Einfrauenbetrieb. Berta Rahm machte alles selber, spürte die Texte auf übersetzte sie falls nötig, verfasste Vorworte und suchte zusätzliches Material; zuweilen tippte sie die Texte auch neu ab und machte das Layout, verhandelte mit Druckern, besorgte zudem auch die Werbung und den Vertrieb. Manches hat von heute aus gesehen einen gewissen dilettantischen Charme. Einzelne Büchlein sind, im Composersatz, im Kleinstformat erschienen. Zusammen mit Renate Möhrmann begann Rahm auch eine Serie «Lose Studienblätter» über «Pionierinnen und Pioniere für Menschenrechte. Freiheit und Frieden», die aber bald abgebrochen wurde. Dazwischen kehrte sie mit einem Werk von Amalia Holst (1758-1829) zur Aufklärung um 1800 zurück. 1993 verfasste sie schliesslich eine biografische Skizze zu Marie Goegg-Pouchoulin, die mit zahlreichen Originaldokumenten angereichert war und mancherlei historische Bezüge herstellte. Sowohl durch die Wiederherstellung verschütteter Traditionen wie die vielfachen eigenwilligen Verknüpfungen darf man sie füglich eine Pionierin für Menschen- und Frauenrechte nennen.


Der Ala Verlag – eine vorläufige Bibliografie

  • Charles Neilson Gattey: Amelia Bloomer. Aus dem Amerikanischen von Peter Ala. Ala-Verlag, Zürich 1968 (Originalausgabe 1967). 192 Seiten.
  • Charles Neilson Gattey / Berta Rahm: Flora Tristan. Ala-Verlag, Zürich 1971.
  • James Henry Lawrence: Galanterie und Erbfolge / Das Paradies der Liebe. Ala-Verlag, Zürich 1971 (Originalausgaben 1793 und 1801).
  • Pat Burch: Das Jungfernhäutchen. Aus dem Amerikanischen von Berta Rahm. Ala Verlag, Neunkirch 1974. 98 Seiten.
  • Mary Wollstonecraft: Verteidigung der Rechte der Frauen, I bis III. Übersetzt von Bertha Pappenheim. Ala-Verlag, 1975–1977.
  • Kari Rolfsen: Xanthippe Rotstrumpf. Bilder mit Denkanstössen. Texte deutsch, französisch, norwegisch. Ala Verlag 1977. 32 Seiten.
  • Hedwig Dohm: Was die Pastoren denken. Ala Verlag, Zürich 1977. 96 Seiten.
  • Renate Möhrmann und Berta Rahm: Pionierinnen und Pioniere für Menschenrechte, Freiheit und Frieden. Lose Studienblätter, Mappe 1. Ala Verlag, Zürich 1979.
  • Hedwig Dohm / Hedda Korsch: Erinnerungen. Erinnerungen von und an Hedwig Dohm. Ala Verlag, Zürich 1980. 208 Seiten.
  • William Alexander: Geschichte der Frauen. In vier Bänden (nur 2 erschienen). Anonym übersetzt von Friedrich von Blankenburg. Neuauflage Ala Verlag, Zürich 1981 (Originalausgabe 1779, deutsche Erstausgabe 1780). 208 / 256 Seiten.
  • Hedwig Dohm: Emanzipation. Die wissenschaftliche Emancipation der Frauen. Text von 1874 und weitere Schriften von und über Hedwig Dohm bis 1919. Ala Verlag, 2. Auflage, Zürich 1982. 242 Seiten.
  • Amalia Holst: Über die Bestimmung des Weibes zur höheren Geistesbildung. Ala Verlag 1983 (Originalausgabe 1802). 162 Seiten.
  • Flora Tristan: Fahrten einer Paria. 3 Bände. Reise von Bordeaux nach Peru / Arequipa / Lima. Ala Verlag 1983.
  • Hedwig Dohm: Die neue Mutter (Mit Beiträgen von Hedwig Dohm, Wally Zepler und Berta Rahm). Ala Verlag, Neunkirch 1987. 96 Seiten.
  • Hedwig Dohm: Falsche Madonnen / Der Jesuitismus im Hausstande. Ala Verlag, Neunkirch 1990 (Originalausgabe 1918 / 1893). 96 Seiten.
  • Hedwig Dohm: Der Frauen Natur und Recht. Ala Verlag
  • Hedwig Dohm: Werde, die du bist. Novelle (Originalausgabe 1894). Ala Verlag
  • Berta Rahm: Flora Tristan (erweiterte Neuauflage der Ausgabe von 1971). Ala Verlag 1993.
  • Berta Rahm: Marie Goegg (geb. Pouchoulin). Mitbegründerin der Internationalen Liga für Frieden und Freiheit / Gründerin des Internationalen Frauenbundes, des Journal des Femmes und der Solidarité. Ala Verlag, Schaffhausen 1993. 180 Seiten.

Veröffentlicht unter bücherraum f, Kulturkritik | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentare deaktiviert für «Heillos vernachlässigt oder verderbt»

Farbige Linien und schwarz-weisse Bruchstellen

Statistiken lügen zumeist; gelegentlich aber können sie auch die Ansprüche benachteiligter Minderheiten legitimieren. 1900 entstand ein soziologischer Atlas zur Situation der «Negros» in den USA, der auch frappierende und avantgardistische Infografiken schuf.

Von Stefan Howald

Manche sehen wie konstruktivistische Gemälde aus den heroischen Anfängen der Sowjetunion und den 1920er Jahren aus. Dabei sind es visualisierte Statistiken von 1900. Präsentiert wurden sie an der Weltausstellung in Paris, in der «American Negro Exhibit» innerhalb des US-Pavillons. Die war damals eine Sensation. Konzipiert worden war sie durch W.E.B. Du Bois (1868–1963). Der führende schwarze Intellektuelle seiner Zeit, Soziologiedozent in Atlanta, wollte den USA und der Welt demonstrieren, zu welchen Leistungen die «Negroes» fähig seien, wie weit sie es in der weissen Mehrheitsgesellschaft schon gebracht hatten, welche Hindernisse ihnen aber immer noch in den Weg gelegt wurden. Als Motto stellte er seiner «soziologischen Studie» deshalb den unmissverständlichen Satz voran: «The Problem of the 20th Century is the Problem of the Color-Line», also die rassistische Segregation.

Entstanden sind dabei originelle und eigentümliche Diagramme. Das gilt bereits für eine einfache, grundlegende Statistik, die das quantitative Verhältnis von SklavInnen und befreiten Schwarzen von 1790 bis 1870 zeigt. Eine herkömmliche Darstellung hätte die – formale – Sklavenbefreiung nach dem Bürgerkrieg wohl triumphalistisch in den Himmel ragen lassen. Du Bois und sein Team stellen sie umgekehrt dar. Auch hier wird die Anzahl der ab 1868 freien Schwarzen in grün abgebildet, vielleicht als Hoffnung. Doch diese Befreiung ragt vorerst nur als dünne Spitze in die Gegenwart, während der dominierende mächtige schwarze Block das weiterhin lastende Erbe der Sklavenhaltung nicht vergessen lässt.

Andere Diagramme sind visuell geradezu berückend. Eines bildet das Verhältnis von ruraler und urbaner schwarzer Bevölkerung ab (und schwarz ist hier klein geschrieben, weil schwarz damals umstandslos mit der Hautfarbe identifiziert wurde). Es zeigt eine Art gespannter Feder, aus einem Uhrwerk zum Beispiel. In einem Balkendiagramm wäre der Balken für die Landbevölkerung sechsmal länger als derjenige für die urbane Bevölkerung. Die von Du Bois präsentierte Grafik sagt nicht auf den ersten Blick, dass sechsmal so viele Schwarze auf dem Land wie in der Stadt leben. Sie mag zahlenmässig nicht so genau wirken (obwohl die unterschiedlichen Längen der Linien ebenso genau ausgemessen sind wie die Balken einer herkömmlichen Grafik), aber sie überwältigt visuell und emotional stärker als jedes brave Balkengerüst. Beim zweiten Blick mag sie auch an einen Galgen erinnern, an Lynchjustiz, die or allem in ländlichen Gegenden ausgeübt wurde.

Natürlich war diese «American Negro Exhibit» für den Pavillon der USA ursprünglich nicht vorgesehen – die juristische Sklavenemanzipation lag erst ein paar Jahrzehnte zurück und die sozial-ideologische liess auf sich warten. Aber ein Bibliothekar an der Library of Congress und ein Zeitungsredaktor überzeugten Booker T. Washington (1856–1915), den anderen führenden schwarzen Intellektuellen, von der Idee, und dieser appellierte, bei damals kürzeren Entscheidungswegen, direkt an US-Präsident William McKinley; vier Monate vor Beginn der Pariser Weltausstellung beschloss der US-Kongress einen Pauschalbetrag von 15´000 Dollars für eine Ausstellung «über den Fortschritt der schwarzen Rasse in den USA bezüglich Bildung und Beschäftigungslage». W.E.B. Du Bois übernahm die Gesamtleitung. Zusammen mit Studenten der Atlanta University in Georgia sammelte er Informationen zum Zustand der «schwarzen Rasse». Der US-Zensus hatte 1870 damit begonnen, Schwarze zu erfassen, vorher gehörten sie zum beweglichen Vermögen. Georgia samt Atlanta University wies damals die grösste schwarze Bevölkerung in den USA auf; so konzentrierten sich die Diagramme auf diesen Bundesstaat.

Hergestellt wurden sie mit einfachsten Mitteln; die getippten Anschriften mussten teilweise von Hand ergänzt werden, da zum Beispiel kein typografisch passendes Prozentzeichen vorlag. Einige der Infografiken kommen auf den ersten Blick durchaus spielerisch daher, etwa eine Karte zum Landbesitz von Schwarzen, nach kleineren Bezirken in Georgia gegliedert. Mangels Vergleichsdaten etwa mit dem Landbesitz von Weissen oder der soziografischen Gliederung des Bundesstaats lässt sie sich nur schwer lesen, bildet aber immerhin den bunten Flickenteppich des Besitzes ästhetisch ansprechend ab.

Zusätzliche Bedeutung erhält sie allerdings durch eine weitere Grafik. Die fasst den Wert des Landbesitzes von Schwarzen im Lauf der vergangenen dreissig Jahre zusammen. Da wird dessen Zuwachs sofort sinnfällig, durch konzentrisch angeordnete Kreise, die sukzessive grösser werden. Die Platzierung der Zahlen in Pfeilen von den zeitlich definierten Kreisen her verleiht dem Ganzen eine ungeahnte Raffinesse und Schönheit.

Die ganze Ausstellung war durchaus integrationistisch gedacht. W.E.B. Du Bois setzte seine Hoffnungen zu diesem Zeitpunkt auf die sich herausbildende schwarze Mittelklasse, die den Vorsprung des weissen Mittelstands aufholen und den ihr gebührenden Platz in der Gesellschaft einnehmen sollte. Die Präsentation in Paris war in diesem Sinne zugleich ein Mittel zur Selbstermächtigung: Du Bois verstand sie «als eine ehrliche, schnörkellose Darstellung einer kleinen Nation von Menschen, die ihr Leben und ihre Entwicklung dokumentiert, ohne sich zu rechtfertigen oder sie zu beschönigen, und vor allem von diesen Menschen selbst gemacht worden ist». Dass die Schwarzen zur amerikanischen Gesellschaft gehörten, stand ausser Frage, zugleich betonte er allerdings die Existenz einer eigenständigen «black nation» innerhalb der USA.

In einigen Darstellungen wurde die Zahl der «Negros» in den USA deshalb explizit mit der Bevölkerungszahl in anderen Ländern in Beziehung gesetzt. So wurde augenfällig, dass die «black nation» in den USA teilweise mehr Menschen umfasste als Staaten wie Belgien oder die Niederlande, Schweden oder Australien – als Vergleich taucht im Übrigen hier auch die Schweiz auf. Zudem wurden bestimmte soziale Zustände im Bundesstaat Georgia mit denen in Ländern wie Frankreich und Deutschland verglichen. Das unterstrich den Anspruch, dass die schwarze Bevölkerung zum Beispiel bezüglich Bildung grosse Fortschritte gemacht hatte und in dieser Hinsicht den Vergleich mit anderen, weissen, Bevölkerungen nicht zu scheuen brauchte; ja, eine Grafik zeigt, dass der Analphabetismus bei den Schwarzen in den USA tiefer lag als in Russland oder Serbien.

Einzelne Diagramme ziehen auch Vergleiche mit der weissen Bevölkerung: In einer formal wiederum bemerkenswerten Grafik bezüglich der Beschäftigungssituation in den USA wird deutlich, dass Schwarze überproportional in der Landwirtschaft und in Dienstleistungsbereichen arbeiten, während sie in höher qualifizierten Berufen deutlich untervertreten sind. In einer spezifischeren Grafik aus dem eher ländlichen Georgia lässt sich angesichts der in beiden Gruppen ähnlichen Aufteilung in Hand- und Kopfarbeit allerdings erahnen, dass nicht nur die Angehörigkeit zu einer «Rasse», sondern auch zu einer Klasse eine Rolle spielen mochte.

Vorgeführt wurden diese grafischen Karten an der Pariser Weltausstellung in einem als Bibliothek konzipierten Raum, in dem auch zahlreiche Fotografien hingen, teilweise Porträts berühmter Einzelpersonen, teilweise Gruppenbilder von bemerkenswerter Aussage- und Symbolkraft. Sie zeigten etwa junge schwarze Frauen selbstbewusst auf den Stufen einer Universität, oder ZahnarztstudentInnen bei der Arbeit. Dazu kam eine «Library of Colored Authors». Rund 200 Titel waren dafür gesammelt worden, was etwa in der New York Times mit etlichem Erstaunen zur Kenntnis genommen wurde.

Die Weltausstellung wurde von mindestens vierzig Millionen Menschen besucht; die «American Negro Exhibit» erregte einiges Aufsehen, wurde mehrfach ausgezeichnet und später in verschiedenen Städten der USA vorgeführt. Mit ihren Infografiken war die Präsentation ihrer Zeit durchaus voraus, ebenso in ihrer Betonung der Color Line, der rassistischen Segregation, als zentrale Bruchstelle des 20. Jahrhunderts. Den integrationistischen Ansatz aber beurteilte Du Bois später sehr skeptisch; er näherte sich der sozialistischen Bewegung an, bemühte sich um eine weltweite panafrikanische Verknüpfung und siedelte im hohen Alter aus den USA nach Ghana über.

Veröffentlicht unter Kulturkritik | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Farbige Linien und schwarz-weisse Bruchstellen

Jürgen Habermas und Jakob Bührer

Diese Bibliothek hat ihre Schätze. Beginnen wir mit einem Schwerpunkt. Vieles ist vorhanden zu dem, was sich mangels eines besseren Begriffs unter das Dach der Frankfurter Schule geflüchtet hat, die üblichen Verdächtigen, Adorno, Benjamin, von den jüngeren Habermas und Axel Honneth, und ein Schwerpunkt im Schwerpunkt ist Max Horkheimer, der immer noch unterschätzt wird. Die neueren Gesamtausgaben sind nicht immer ganz vollständig, dafür finden sich verschiedene Ausgaben der «Dialektik der Aufklärung», was eine kulturgeschichtliche Studie erlauben würde. Dazu ein paar ungewöhnliche Dokumente. Etwa ein Raubdruck der frühesten Aufsätze von Jürgen Habermas. Schliesslich sind auch Randfiguren vertreten, zum Beispiel Alfred Sohn-Rethel – was sich nicht auf deren Qualität bezieht, sondern auf die Randständigkeit im Verhältnis zur Schule, die ja gerade keine war.

Im Gestell nebenan findet sich, natürlich, Karl Marx, vollständig die klassischen Marx-Engels-Werke MEW in 44 Bänden, die aus vielen Arbeitszimmern in Antiquariate gewandert sind. Verständlicherweise gibt es nur wenige Bände der neuen sauteuren MEGA, dafür drei Bände der Moskauer Ausgabe aus den 1930er-Jahre. Aus etwas späterer Zeit, chronologisch wie bewegungsgeschichtlich, stammen Erstausgaben von Franz Mehring oder Rosa Luxemburg.

Die Politisch-Philosophische Bibliothek im bücherraum f verfügt aber auch über politische Belletristik. Etwa über die Gesammelten Werke von Jakob Bührer, Einzelnes auch in Erstausgaben. Der ist vergessen oder wird unterschätzt. Mit «Aus dem Tagebuch des Konrad Sulzer» hatte er schon früh einen politischen, zugleich witzigen Entwicklungsroman vorgelegt, dann früh antifaschistisch Stellung bezogen. Sein drei- bzw. vierbändiger Roman «Im Roten Feld» war ein grosses Unterfangen, die Schweiz im Aufbruch zur Moderne, bis hin zur Helvetik zu schildern. Apropos Helvetik: Die wird zu einem kleinen Kompetenzzentrum ausgebaut. Daneben stehen dann andere Funde zur Schweizer Geschichte, etwa Broschüren des rabiaten Rechtskatholizismus gegen die ungläubigen freisinnigen Umstürzler. Oder die vollständigen Dokumente der Parteitage von SPS und Grütliverein aus den Jahren 1904 bis 1915.

Mittlerweile umfasst die Bibliothek 9400 Titel. Erschlossen sind sie in einem Katalog, der sich an dieser Stelle einsehen lässt.

politbibliothek_Katalog_130821

Eine Schweizer Tradition wird auch beim religiösen Sozialismus dokumentiert, mit den grossen Bibelinterpretationen von Leonhard Ragaz und vielen kleineren Schriften von ihm und seinem Kreis. Auf der andern Seite des Doppelgestells finden sich eineinhalb Regale zum Anarchismus: Bakunin, Erich Mühsam, Rudolf Rocker, der nicht mehr so bekannte, aber wichtige Anton Pannekoek. Was uns wieder zurück zur Schweiz führt: Auch Fritz Brupbacher ist gut vertreten, zuerst die politischen Schriften, aber auch die kulturpsychologischen, etwa «Seelenhygiene für Heiden», und gleich daneben steht dann Paulette Brupbachers «Meine Patientinnen».

Überhaupt, das Nebeneinander von handgreiflichen Büchern hat seine Reize, die die digitalen Ausgaben nicht bieten. Da steht also Günther Anders halbwegs versöhnt neben seiner Ex-Ehefrau und philosophischen Rivalin Hannah Arendt, und, ja, auch Martin Heidegger weselt in der Bibliothek, allerdings in einer anderen Abteilung. Wer das Verhältnis Arendt-Heidegger zu verstehen sucht, kann sich vielleicht in der psychologischen Abteilung kundig machen. Grössere Konvolute gibt es zur Kritischen Psychologie oder zur Zürcher Ethnopsychoanalyse. Gut vertreten ist auch der eigenwillige Wilhelm Reich, mit Raubdruck-Erstausgaben aus der Zeit der Wiederentdeckung in der 68er-Bewegung. Seine «Massenpsychologie des Faschismus» führt beinahe bruchlos zur Ideologietheorie. Da steht vieles, sehr vieles von Louis Althusser aufgereiht, auch die ersten alten, nicht sehr verlässlichen deutschen Übersetzungen. Daneben oder darunter dann – weil Italien nach Frankreich kommt – die zehnbändige Gramsci-Ausgabe aus dem Argument-Verlag.

Dazu führt die Bibliothek auch Zeitschriften. Aktuell laufende und historische. Aus den Anfängen der Arbeiterbewegung wie die «Sozialistischen Monatshefte» oder «Der Kampf», das Organ des Austromarxismus. Aus der Schweiz etwa «neutralität», die Zeitschrift des Nonkonformismus. Noch etwas näher zur Gegenwart hin das «Kulturmagazin», eine wichtige historische Quelle für den Übergang von der «politischen» zur «kulturellen» Linken. Auch das fast vollständige «Kursbuch». Laufende Jahrgänge lassen sich zudem einsehen unter andern von «Luxemburg», das gediegene Organ der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Und natürlich der «Widerspruch». Der war schliesslich ein Motiv für die Gründung der Bibliothek und hat ihr die ursprünglichen Bestände geliefert.

Also, anschauen und lesen.

Veröffentlicht unter bücherraum f, Kulturkritik, Politik | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Jürgen Habermas und Jakob Bührer