Wollust des Lesens

Also, ins Fitnesscenter müssen wir wirklich nicht, und auch die Restaurant-Terrasse ist kein Menschenrecht, denn wir haben ja immer noch ein paar Bücher zuhause. Oder fehlen doch einige? Nun, hier sind sie: mehr als 600 antiquarische Bücher zu einem geradezu unverschämt günstigen Preis.

Da ist zum Beispiel Erich Kästners Roman «Fabian» aus dem Jahr 1931. «Der Gang vor die Hunde» hatte Kästner den Roman ursprünglich nennen wollen, und so ist er in einer Neuauflage 2013 auch wieder benannt worden. Den Gang tritt Fabian an, durch die in Auflösung befindliche deutsche Gesellschaft nach den Goldenen Zwanzigern, die natürlich gerade in Deutschland nie so golden gewesen waren.

Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. Ungekürzte Ausgabe. 491. – 510. Tausend. Ullstein Buch 102. Ullstein Verlag, Frankfurt am Main 1980 (Erstausgabe 1931). 190 Seiten, Broschur. Etwas verfärbt, Gebrauchsspuren. (3 Franken)

Oder, klassisch, antifaschistisch von Thomas Mann «Ein Briefwechsel» von 1937. Die Broschüre dokumentiert den Brief, oder besser den dürren Satz, des Dekans der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, mit dem dem exilierten Thomas Mann im Dezember 1936 die Ehrendoktorwürde abgesprochen wurde; und Thomas Manns Antwort darauf – ein schönes Beispiel kämpferischen Humanismus.

Thomas Mann: Ein Briefwechsel. Verlag Oprecht, Zürich 1937. 16 Seiten, einfacher Einband. Leicht gebräunt, sonst gut. (10 Franken)

Natürlich gibt es auch neuere feministische Literatur, etwa Vilma Hinns «mannundfrauspielen. Von einer die auszog das Frausein zu lernen». Eigenhändig geschriebener Bericht in fünf Büchern. Das fünfte Buch ist die (Auflösung) und steht daher hinten Kopf, damit es – wenn Sie dieses Buch umkehren – wieder auf die Füsse und an den Anfang zu stehen kommt. rotpunktverlag, Zürich 1982. 272 + 38 Seiten, Broschur. Minime Anstreichungen, sonst gut. (3 Franken)

Krimis sind ebenso erhältlich. Zum Beispiel der zweite Roman von Margaret Millar (1915–1994), erst spät ins Deutsche übersetzt. «Steve, traumatisierter Kriegsveteran, aber deshalb nicht weniger charmant, holt Martha aus dem Kokon ihrer perfekten Ehefrau heraus und drängt sie zu unbequemen Entscheidungen», wird im Klappentext versprochen.

Margaret Millar: Umgarnt. Roman. Aus dem Englischen von Monika Elwenspock. Deutsche Erstausgabe. Diogenes Verlag, Zürich 1995 (Originalausgabe 1947). 304 Seiten, Broschur. Guter Zustand. (3 Franken)

Dann wiederum, aus der Ex-DDR, die damals noch die «DDR» war: Wolf Biermanns drittes Gedicht- und Liederbuch, und, wie es auf dem Umschlag schlau heisst: «Texte für und über die DDR, geordnet nach Kategorien des Strafgesetzbuchs: Vergehen. Verleumdung. Hetze. Unzurechnungsfähigkeit. Mildernde Umstände. Das Plädoyer gilt nicht der Anerkennung bestehender Verhältnisse, sondern ihrer proletarisch-demokratischen Veränderung.« Eine immer noch berührende Mischung aus kraftvollen Bildern, scharfen Formulierungen und verzweifelten Hoffnungen; interessant, aber verständlich, im Rückblick, die vielen historischen Bezüge etwa auf Rosa Luxemburg, als Absicherung und Provokation: »Problem der Organisation: Die Revolutionäre:/ Sobald sie sich organisierten/ Schlachteten sie sich gegenseitig ab/Aber sobald sie sich nicht organisierten/Wurden sie abgeschlachtet.«

Wolf Biermann: Für meine Genossen. Hetzlieder, Gedichte, Balladen. Mit Noten zu allen Liedern. Quartheft 62. Mit einer «Gebrauchsanweisung für Leser in kapitalistischen Staaten». Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1972. 92 Seiten, Broschur. Ganz leichte Gebrauchsspuren. (3 Franken)

Aus den USA ist eingetroffen «Acid» zur neuen US-Lyrik. Eine der erfolgreichsten Anthologien mit moderner Literatur. Bei der Erstausgabe 1969 war diese mit vielen Illustrationen und Comics angereicherte Bestandesaufnahme der in den deutschen Sprachraum gebrachten Beat-Literatur bereits recht erfolgreich (20´000 Exemplare in zwei Auflagen); ab 1975 zog das Interesse – auch parallel zum Unfalltod des jung verstorbenen Herausgebers und Übersetzers Rolf Dieter Brinkmann (1940–1975) – wieder an, so dass in den nächsten drei Jahren weitere 30´000 Exemplare abgesetzt wurden. Von der Taschenbuchausgabe 1981 verkauften sich dann innerhalb eines Jahrs erstaunliche 60´000 Stück.

«Acid. Neue amerikanische Szene». Herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Reiner Rygulla. 16. Auflage, 101. -115. Tausend, Zweitausendeins, Berlin 1982 (Erstausgabe 1969). 424 Seiten, Broschur, breites Taschenbuchformat, mit vielen Fotografien und Illustrationen. Gebrauchsspuren. (3 Franken)

Wie es sich für den bücherraum gehört, gibt es auch Theorie, etwa Nummern der  «Zeitschrift für kritische Theorie» 1999 debattiert Michael Th. Greven das Arbeitsprogramm des Instituts für Sozialforschung und damit den Stellenwert der Kritischen Theorie; Gerhard Wagner schreibt zu Walter Benjamin und Jan Robert Bloch über Naturkunst als Vorschein eines besseren Seins, dazu handelt Wolfgang Fritz Haug weit ausgreifen und immer noch aktuell über Kapitalistische Krise und Kritik der politischen Ökonomie heute.

Zeitschrift für kritische Theorie. 5. Jahrgang, 8 / 1999. Zu Klampen Verlag, Lüneburg 1999. 134 Seiten, Broschur. Guter Zustand. (3 Franken)

Als Alternativprogramm dazu Zeitschriften aus der Jugendbewegung wie der «Eisbrecher», und als Ergänzung etliche Ausgaben der erstaunlichen «neutralität» aus den sechziger Jahren, viele Nummern des «Widerspruch» ebenso wie viele Hefte der «beiträge zur feministischen theorie und praxis.

Für die zwischenzeitliche Erholung sind auch Comics zu erwerbenen, etwa von Claire Bretécher: Alles, was den urbanen Mittelstand heute bewegt, ist hier schon hübsch witzig dargestellt.

Die Frustrierten 4 und 5. Deutsche Texte von Rita Lutrand und Wolfgang Mönninghoff. Rowohlt Verlag, Hamburg, 1. Auflage 1980 (OA 1979). A4-Format, 64 Seiten, Broschur. (Je 4 Franken)

Das alles und viel mehr lässt sich auf dieser Website begutachten unter http://www.stefanhowald.ch/bookcase/index.php?frontpage. Die Bücher kosten zwischen 3 und 10 Franken; sie können jeweils am Freitagnachmittag im bücherraum f an der Jungstrasse 9 beim Bahnhof Zürich Oerlikon bezogen werden, oder werden mit einem Versandkostenanteil von 4 bzw. 7 Franken zugeschickt.

 

 

 

 

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Skizzen zum Völkerkongress

«So wahr die Sonne scheint und im Mai die Amsel pfeift, wird der Tag anbrechen, da Frieden auf der ganzen Welt herrschen wird», schreibt der Schweizer Schriftsteller Georges Haldas (1917–2010) im Jahre 1952. Solche hochgespannten Worte waren, nach dem Zweiten Weltkrieg, wohl mehr kämpferischer Ansporn als realistisch gedachte Prophezeiung. Eingeleitet hat er damit einen Bildband zum «Völkerkongress für den Frieden», der im Dezember 1952 in Wien stattfand. Enthalten sind im Band sechsunddreissig Skizzen oder Porträts des in Biel geborenen Malers und Zeichners Edouard Henriod (1898–1986). Neben ein paar Stücken zu Massenszenen am Kongress und in der Stadt handelt es sich zumeist um Einzelporträts von KongressteilnehmerInnen.

Der Völkerkongress für den Frieden 1952 war ein Höhepunkt der damaligen kommunistisch beeinflussten (dominierten? angeleiteten?) weltweiten Friedensbewegung. Man muss das historisch differenzieren. Viele unabhängige, engagierte Leute, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs nicht mehr wiederkehren sehen und den Slogan «nie mehr Krieg» aktualisieren wollten, gehörten zu dieser Friedensbewegung. Andererseits ist eine geplante und teilweise auch erfolgreiche Instrumentalisierung im Kalten Krieg durch die stalinistische Sowjetunion nicht zu leugnen.

Laut Statistik der Kongressleitung nahmen am Wiener Kongress insgesamt 1880 Personen teil, davon waren 1627 offizielle «Delegierte» nationaler Friedenskomitees. Rund zwei Drittel der TeilnehmerInnen stammten aus Europa, aber doch immerhin 203 kamen aus Afrika und 293 aus den beiden Amerika; dazu 150 asiatische VertreterInnen, wo am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China ausgerufen worden war und 1950 der Koreakrieg begonnen hatte. Fein säuberlich nach Berufen aufgegliedert sind die TeilnehmerInnen auch, von 320 Arbeitern und 55 Bauern über 189 Schriftsteller, 65 Geistliche und 8 Sportler bis zu 45 höherrangigen «Staatsmännern»; und insgesamt waren 442 Frauen anwesend, also knapp ein Viertel.

Von der Schweiz nach Tunesien

Henriods Zeichnungen sind hübsche Vignetten, klar im Umriss, atmosphärisch leicht verschattet. Interessant sind sie durch die ausgewählten Personen. Natürlich, er gibt einige führende Vertreter des 1950 gegründeten Weltfriedensrats wieder, den französischen Chemie-Nobelpreisträger Fréderic Joliot-Curie oder den sowjetischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg sowie Hewlett Johnson, der «rote Dekan von Canterbury». Aber daneben finden sich auch Unbekanntere und Namenlose.

Von den fünfzehn TeilnehmerInnen aus der Schweiz präsentiert Henriod vier, mit durchaus unterschiedlichen beruflichen und politischen Hintergründen. Da ist zum Beispiel André Bonnard (1888–1959). Der Präsident der schweizerischen Bewegung für den Frieden war ein eminenter Gräzist, Professor in Lausanne. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs war er zum Pazifisten geworden; der Erfolg der Roten Armee gegen Nazideutschland schien ihm in der Sowjetunion den Aufbau einer neuen humanistischen Gesellschaft möglich zu machen. 1950 liess er sich ins Leitungskomitee des Weltfriedensrats wählen. Im sich verschärfenden Kalten Krieg hatte das für ihn ungeahnte Folgen. Als er sich im Juni 1952 zu einer Sitzung des Komitees nach Berlin begeben wollte, wurde er von der schweizerischen Bundespolizei verhaftet und des Landesverrats zugunsten der Sowjetunion angeklagt. Tatsächlich hatte Bonnard für den Weltfriedensrat einen Bericht über die Position des IKRK bezüglich der damals heftig diskutierten bakteriologischen Kriegsführung verfasst. Das mochte politisch strittig sein, aber der Bericht war aus öffentlichen Quellen zusammengestellt worden – wie in anderen Fällen wurde daraus der Vorwurf des Landesverrats gestrickt. Tatsächlich wurde Bonnard 1954 in Nebenpunkten schuldig befunden, doch mit fünfzehn Tagen Gefängnis auf Bewährung eher symbolisch bestraft. Allerdings verweigerte ihm die Universität Lausanne nach seiner Pensionierung die ihm von Amtes wegen zustehende Ehrenprofessur. Inzwischen ist die Rolle der Uni bei diesem und zwei anderen Bonnard betreffenden politischen Zensurfällen aufgearbeitet worden und wird in einem längeren Artikel auf der Website der Universität Lausanne dokumentiert. Auch Thomas Buomberger erwähnt den Fall Bonnard in seiner 2017 erschienenen Darstellung zur Schweiz im Kalten Krieg ebenso wie die vielfältigen Schikanen, die Frédéric Joliot-Curie in der Schweiz erlebte.

Gezeichnet hat Heriod auch den Journalisten und Publizisten René Bovard (1900–1983). Nach dem Aktivdienst als Oberleutnant, wurde er nach dem Krieg 1947 wegen Kriegsdienstverweigerung verurteilt und setzte sich bis in die siebziger Jahre für einen Zivildienst ein. Daneben findet sich Armand Magnin (1920–2011), langjähriger Gewerkschafts- und PdA-Funktionär. Dagegen hat es die Delegierte der Schweizerischen Frauenvereinigung für Frieden und Fortschritt nur zur «Frau Rudin» geschafft, die ohne Archivsuche vor Ort auch an dieser Stelle ihren Vornamen nicht bekommt.

Aus dem Kulturbereich skizziert Henriod neben Ehrenburg noch den französischen Maler Fernand Léger und den Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Weitaus spannender ist freilich, wen er aus der Dritten Welt ins Bild gerückt hat. Manche dieser ExponentInnen tragen keinen Namen, etwa ein «Scheich aus Syrien» oder ein «Delegierter aus Burma in Tracht». Immerhin, die in der Bildlegende namenlose «junge Mongolin» hat ihr Porträt signiert, wobei ihre chinesischen Schriftzeichen offensichtlich von westlichen Augen nicht entziffert werden konnten.

Von China bis in die Karibik

Andere Dargestellte sind durchaus prominent und führen in die Geschichte der globalen kommunistischen Bewegung. Aus China ist zum Beispiel Kuo Mo-jo / Guo Moruo (1892–1978) herbeigeeilt, ein führender Historiker und Poet, der sich in den zwanziger Jahren der kommunistischen Sache verschrieb und später alle Wendungen und Windungen der kommunistischen Herrschaft mitmachte. Nachdem er sich 1937 der Roten Armee angeschlossen hatte, bekleidete er nach der Revolution als Lobredner von Mao wichtige Ämter, geriet aber während der Kulturrevolution 1966 durch seine «bourgeoise» Bildung unter Verdacht und rettete sich durch unterwürfige Elogen auf die «Viererbande». Nach deren Sturz wurde er angesichts seiner lang anhaltenden Verehrung von Mao wieder in Gnade und Würden aufgenommen. Da er sich selbst einmal mit Goethe verglich, korrigierte ihn ein offizieller Schriftleiter, er sei nicht nur der «chinesische Goethe, sondern der Goethe für die neue sozialistische Aera in China».

Aus dem aufbrechenden Asien findet sich auch Xuan Thuy (1912–1985), eineinhalb Jahre später Vertreter der nordvietnamesischen Delegation bei der Indochinakonferenz in Genf, in den sechziger Jahren kurzfristig Aussenminister der nordvietnamesischen Regierung, dann Parteisekretär und ab 1968 bis zum Friedensschluss 1973 Chefunterhändler bei der Pariser Vietnamkonferenz.

Die Karibik ist durch den Lyriker Pedro Mir (1913–2000) aus Santo Domingo vertreten, der während der Diktatur Trujillo 1947 bis 1963 im Exil in Kuba lebte. Zwei grosse Gedichte zur Geschichte seiner Insel verbinden sich mit ihm, die von seinen nachgeborenen Bewunderern immer wieder ins Feld geführt werden, um ihn in eine Reihe mit führenden Lyrikern der Karibik zu rücken.

Zu Othman Ben Aleya aus Tunesien gestaltet sich eine Internetrecherche schwieriger. Offenbar, so lässt sich einer beiläufigen Bemerkung in einer französischen Studie entnehmen, gehörte er im November 1940 zu den FührerInnen der Pariser StudentInnen, die als «Bataillone der Jugend» von links her gegen die deutsche Besatzung mobilisierten. Dabei diente diese Bewegung in einer späteren Debatte um die Beteiligung der Kommunistischen Partei Frankreichs am Kampf gegen die Nazis als Argument gegen den Vorwurf, die KPF habe sich diesem Kampf erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion angeschlossen und zuvor in Akzeptanz des infamen Hitler-Stalin-Pakts eine «neutrale» Haltung eingenommen. Wegen seiner Rolle in der Studentenbewegung wird Othman Ben Aleya auch kurz in einem Beitrag von Gerhard Höpf, «Der verdrängte Diskurs. Arabische Opfer des Nationalsozialismus», in einem Sammelband von 2004 erwähnt. Ansonsten fördert das Internet Informationsfetzelchen zutage: 1960 unterstützte Ben Aleya die Gründung der Zeitschrift «Hebdomadaire panafrican», und später sass er offenbar für kurze Zeit als Vertreter einer Basisorganisation im nationalen Parlament.

Max Salazar, Mitglied des ZKs der Anfang der fünfziger Jahre minuskülen KP Guatemala, lässt sich gar nur als Stellvertreter von Parteiführer Victor Manuel Gutiérrez aufspüren.

Fortschreiten und Weiterfahren

Einen der Starredner am Wiener Kongress hat Edouard Henriod verpasst: Jean-Paul Sartre, damals der grosse westliche maître à penser. Ein anderer Star verpasste die Teilnahme am Kongress: Bertolt Brecht richtete den Organisatoren kurzfristig aus, er sei leider wegen Krankheit verhindert. Für ihn trug Helene Weigel eine kurze «Rede für den Frieden» vor, die in typischer Brecht-Manier scharfsinnig Denkhaltungen analysiert, ohne sich auf allzu viele Details einzulassen und noch heute im Rahmen verschiedener Friedensaktivitäten gerne zitiert wird. Im Übrigen hat auch Frida Kahlo ein Gemälde zum Friedenskongress gemalt.

Die Ausrichtung und Wirkung des Völkerkongresses wie der gesamten damaligen Friedensbewegung mögen umstritten sein, aber diese demonstrierte immerhin die internationale Reichweite einer im weitesten Sinne kapitalismuskritischen Bewegung, die wohl erst wieder mit den Weltsozialforen ab 2001 erreicht wurde.

Nebenbei sei erwähnt, dass Edouard Henriod offenbar aus jener Dynastie stammte, die einst das Henriod-Modell als erstes eigenständiges Schweizer Automobil gebaut hatte. Bereits 1886 stellte der Bieler Fritz Henriod einen dreirädrigen Dampfwagen und 1893 ein benzingetriebenes Automobil mit Ein- bzw. Zweizylindermotor und einer Leistung von 4 bis 10 PS her. 1896 gründete er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Charles-Edouard Henriod in Biel «Henriod Frères» zur Produktion von Automobilen mit dem Markennamen Henriod – die erste Schweizer Autofabrik. Mit einem alkoholbetriebenen Prototyp fuhr Charles-Edouard Henriod 1897 nach Paris, von Publikum und Presse gefeiert und sogar vom französischen Präsidenten empfangen. Doch bereits 1898 endete die Produktion, weil sich die Frères zerstritten hatten. Charles-Edouard Henriod wechselte nach Neuilly-sur-Seine und gründete dort Henriod et Cie, die bis 1908 verschiedenste Modelle produzierte. Fritz Henriod seinerseits startete 1903 in Boudry die Société Neuchâteloise d’Automobile, die bis 1913 existierte.

Mit einem Kalauer, der der Sache wohl nicht angemessen ist, liesse sich schliessen, dass das Auto zweifellos den grösseren Siegeszug als die Friedensbewegung durchfahren hat.


Congrès des peuples pour la paix, Vienne 1952                                Trente-six portraits par Edouard Henriod                                           Edité par le secrétariat du mouvement suisse pour la paix

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Das Antlitz der Geschichte

Wie soll die Vielfalt der globalen Gesellschaften und Kulturen handlich dargestellt werden? Synchron und erst noch optisch: Das versprach 1952 ein eigenwilliger Versuch zu einer etwas anderen Weltgeschichte.

In diesem Podcast wird auf Leistungen und Grenzen einer globalen Geschichtsgeschichte hingewiesen, vom Kulturfahrplan bis zu Geschichte griffbereit.

Zur Sprache kommen ebenfalls Atlanten, die den Eurozentrismus überwinden wollen, etwa der Peters-Atlas, aber auch neuste Versuche einer scheibenförmigen Weltkarte. Passend dazu ein Lied der US-amerikanischen Politfolkrockerin Ani DiFranco über eine notwendige Tiefenbohrung in der US-Geschichte.

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Brexit und darüber hinaus

Eine Auslegeordnung

Eine Insel am Rande Europas erklärt sich für selbstständig. Ist das angesichts von Pandemie und verschärfter Rivalität zwischen den USA, China und Russland im wörtlichen Sinn nicht bloss eine Randnotiz? Nicht nur. Denn daran lassen sich Verwerfungen im globalen institutionellen Gefüge wie an herkömmlichen Politikformen festmachen.

Im vergangenen Herbst dominierte eine rollende, hektische Berichterstattung über den Austritt Grossbritanniens aus der EU, und im Dezember erhielten wir tägliche Bulletins vom Verhandlungstisch: ein harter Brexit ohne Deal, doch noch ein Deal, eine Verschiebung des Austritts, ein Abbruch der Verhandlungen, mehr Fische, dafür eine Grenze in der Irischen See, nein, natürlich keine Grenze, dafür Anerkennung der EU-Sozialstandards, oder doch nicht, undsoweiter undsofort. Dann, vor Weihnachten die Meldung: Ein Deal ist erreicht. Naturgemäss wurde er von beiden Seiten als Erfolg verkauft. Seit Anfang 2021 ist der Austritt Tatsache, it is done, wie der britische Premierminister Boris Johnson immer wieder mantraartig versprochen hatte.

Natürlich ist es mit dem Brexit nicht getan, aber er geht gegenwärtig in der Covid-Berichterstattung unter. Heftig gefördert durch Johnson, der sich gerade im seltenen Sonnenlichtstrahl einer erfolgreichen Impfkampagne räkelt. Es hat aber auch mit der Lage der Opposition zu tun. Labour hat nach der Wahlniederlage im April 2020 anstelle des zögerlich taktierenden Jeremy Corbyn als neuen Chef den Remainer Keir Starmer gewählt, der sich lange für ein zweites Referendum zum Austritt eingesetzt hatte. Seither hat er das Thema abgehakt. Sein erstes Argument ist realpolitisch: Man kann nichts mehr dagegen machen. Das zweite ist demokratietheoretisch: Man muss den Entscheid akzeptieren. Beides zeigt die mangelnde Perspektive, an der Labour eigentlich seit der Brexit-Abstimmung 2016 leidet.

Der Auftakt der neuen britischen Selbständigkeit am 1. Januar verlief knirschend: Trotz aller Beschwörungen eines reibungslosen Übergangs war das Vereinigte Königreich administrativ und institutionell ungenügend vorbereitet. Die Liste von Pannen und grundsätzlichen Mängeln verlängert sich jeden Tag: Verfaulende Fische, die nicht exportiert werden konnten, überforderte Zollbeamte, zugespitzte Lage in Nordirland wegen der dortigen Sonderregelungen, Abfluss von Geldern aus der Londoner City.

Waghalsige Wetten

Aber Johnson hat es fertiggebracht, solche Fehlleistungen unter dem Covid-Notstandsregime unter den Tisch zu wischen. Im Frühling und Herbst hatte er durch sein unverantwortliches Laissez-faire, dann seinen Zickzackkurs Grossbritannien in eine medizinische und menschliche Katastrophe gestürzt. Mangelndes medizinisches Ausrüstungsmaterial, unzureichender Schutz in Altersheimen, Gesundheitssystem vor dem Kollaps, als Resultat: höchste Todesrate in Europa. Doch seit einigen Wochen kann er unbestreitbar einen Erfolg verzeichnen. Die Impfkampagne treibt England schneller und erfolgreicher als jedes andere kontinentaleuropäische Land voran. Von der Regierung, vor allem aber von den jingoistischen Massenblättern wird das mehr oder weniger penetrant als Erfolg der neuen Souveränität durch den Austritt aus der EU verkauft.

Und das ist in bestimmter Hinsicht sogar richtig. Johnson liess sich, ungehemmt von den halb-demokratischen Regeln der EU, im Frühling auf ein Vabanque-Spiel ein und sicherte sich hektisch Vorkaufsrechte für Impfstoffe bei mehreren Firmen. Die Wette ging auf, und sie ist ein Vorgeschmack auf das, was kommt: ein neuer nationaler Konkurrenzkapitalismus. Dazu gehört, als Kehrseite der selben Medaille, dass die Vertragsabschlüsse schlechter sind als die späteren der EU, weil sie die Pharmafirmen von jeglicher Haftung entbinden.

Den zeitlichen Vorsprung bei der Lieferung der Impfstoffe hat Johnson in eine nationale – zumindest englische – Kampagne umwandeln können. Dazu hat er erstens den staatlichen Gesundheitsdienst NHS benützt – nachdem der jahrelang finanziell ausgeblutet wurde, ist er jetzt wieder zum nationalen Heilsbringer stilisiert worden, mit ständigen Slogans, rituellem Dank-Klatschen und Fundraising-Aktionen. Und während der Gesundheitsdienst letztes Jahr noch vor dem Kollaps stand, hat er die Impfkampagne in eindrücklicher Weise organisiert. Peter Stäuber hat kürzlich in der WOZ gemeint, damit sei der NHS vor allen Privatisierungsplänen der Tories gerettet. Das scheint mir allzu rosig gesehen. Zweifellos werden, wenn die Pandemie abgeklungen ist, gegenüber dem NHS neue Forderungen nach «Rationalisierungen» erhoben werden. Vor allem aber geht die schleichende Privatisierung an den Rändern des Gesundheitswesens weiter. Zusätzliche medizinische Dienstleistungen sind in einer Form eingekauft worden, die an Korruption grenzt. Völlig unerprobte Firmen haben Grossaufträge bekommen, weil sie den Bekannten eines Bekannten eines Regierungsmitglieds gekannt haben. Zudem hat die Regierung im neuen Budget dem öffentlich so gelobten Pflegepersonal faktisch einen Lohnabbau verordnet.

Doch nochmals: Die nationale Mobilisierung ist ein durchschlagender Erfolg. In einem Land, in dem man sich so viel auf seinen Individualismus zugute hält, dass man sich jahrzehntelang gegen die Einführung einer Identitätskarte wehrte, gibt es heute, anders als in den kontinentaleuropäischen Ländern, praktisch keinerlei Impfskepsis. Vor ein paar Jahren kursierten Befürchtungen und eine entsprechende Kampagne, Impfen führe bei Kindern zu Autismus. Von den daraus entspringenden grundsätzlichen Vorbehalten ist gegenwärtig nichts mehr vorhanden. Impfen ist zur nationalen Pflicht, ja Ehre geworden. Die Medien machen pflichtschuldig mit. Der Fernsehsender Sky News, der zumindest in England nicht ganz unkritisch auftritt, blendet jeweils oben links den aktuellen Stand der Impfzahlen ein: Beinahe 27 Millionen sind es mittlerweile, über die Hälfte aller Erwachsenen. Auch hier hat der zwanghafte Spieler Johnson allerdings wieder eine Wette durchgedrückt. Geimpft wird vorerst, entgegen den Empfehlungen der Hersteller, nur einmal, weil man darauf hofft, dass die Zahl womöglich unzureichend Geschützter wegen der verzögerten zweiten Impfung durch die grosse Zahl erstmals Geimpfter in den Hintergrund rückt. Die Wette mag, sogar immunologisch, womöglich aufgehen.

Forsches versus zögerliches Verhalten hat sich auch in der kurzfristigen Debatte um den AstraZeneca-Impfstoff gezeigt. In der EU lag die Beweislast tendenziell beim Impfstoff bzw. der Firma: Der sollte erst eingesetzt werden, wenn nachgewiesen ist, dass er nicht zu gefährlichen Nebenwirkungen führt. In England liegt die Beweislast faktisch bei den Erkrankten: Ein Impfstoff wird erst abgesetzt, wenn nachgewiesen werden kann, dass es dabei überproportional zu anderweitigen Erkrankungen kommt.

Wirtschaftseinbruch

Der Impferfolg kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die britische Gesellschaft stärker als andere von der Pandemie getroffen worden ist. Neben der höheren Todesrate ist auch der wirtschaftliche Einbruch gravierender als anderswo. Die Wirtschaftsleistung ist im Jahr 2020 um 10.3 Prozent zurückgegangen – nur Spanien und Griechenland sind ähnlich dramatisch betroffen, während der EU-Durchschnitt 6.3 Prozent beträgt, Deutschland bei 5 Prozent, die USA bei 4.6 Prozent und die Schweiz bei 4,7 Prozent liegen. Selbst die Aussichten einer Erholung für 2021 liegen mit 3,4 Prozent unter dem EU-Durchschnitt von 3,7 Prozent.

Vorletzte Woche hat der Schatzkanzler Rishi Sunak das erste Covid-Budget vorgelegt. Es setzt den Trend fort, der seit der Corona-Krise in allen Ländern zu beobachten ist: weg mit Austerität und Schuldenbremse. Der Staat muss, muss, muss retten. Es werden Summen eingesetzt, die für konservative Regierungen bislang unvorstellbar waren. In Grossbritannien steigt die Staatsverschuldung auf Höhen wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie lag Ende Jahr bei 100 Prozent. In der EU sind es, mit den bekannten Ausreissern nach oben, im Durchschnitt 88 Prozent, in Deutschland 68, die Schweiz steht bei unglaublichen 35 Prozent. Und für Januar bis April werden in London weitere 270 Milliarden Pfund Neuverschuldung erwartet.

Gegen diese neokeynesianische Ausgabenpolitik lässt sich politisch ja nicht viel einwenden. Und dennoch ist es ein Tory-Budget. Denn viele Grossunternehmen bekommen weitaus grosszügigere Staatshilfe als die Kleinunternehmen. Freilich ist überraschend eine Erhöhung der Unternehmenssteuer angekündigt worden. Die soll allerdings erst 2023 wirksam werden, damit sie nicht als Munition im nächsten Wahlkampf dienen kann. Doch was tut Labour? Nachdem eine solche Erhöhung seit Jahren gefordert worden ist, wird jetzt schwächlich erklärt, eine Krise sei nicht der richtige Zeitpunkt dafür!

Beim Brexit ist Johnsons Wette vorerst noch nicht aufgegangen. Soeben sind die Handelszahlen für den Januar bekannt geworden. Der Export in die EU ist um 40 Prozent eingebrochen, aus der EU um 25 Prozent. Viele Firmen brauchen aus administrativen Gründen einen neuen Sitz auf dem Kontinent und verlagern entsprechend Arbeitsplätze. Selbst der Londoner Finanzplatz hat gegenüber Amsterdam an Boden verloren. Und erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ist im Jahr 2020 die Bevölkerung in Grossbritannien zurückgegangen, vor allem wegen der Re-migration vieler Beschäftigen aus den EU-Ländern – die Konsequenzen für den Dienstleistungssektor, aber auch für die finanzielle Lage der Sozialversicherungen werden sich ebenfalls erst mittelfristig zeigen.

Kommt die Ankündigung von Johnson hinzu, die Übergangsbestimmungen für Nordirland einseitig bis Ende Jahr zu verlängern. Eigentlich ist das eine Bankrotterklärung, dass man sich nicht genügend auf den Austrittsdeal vorbereitet hat. Johnson versucht die Massnahme dagegen wie eh und je, als notwendige Reaktion auf die übergriffige EU-Bürokratie darzustellen – dabei sind die zusätzlichen bürokratischen Abläufe ja gerade ein Resultat des Austritts aus dem europäischen Binnenmarkt. Der Sache der EU hat allerdings die idiotische Drohung der EU-Kommission nicht geholfen, bezüglich Nordirland das Schiedsgericht anzurufen.

Die Verlockung der Souveränität

Dennoch wäre es vorschnell, die Brexit-Strategie schon als gescheitert zu betrachten. Aus zwei Gründen. Erstens war es immer eine Schwäche der Pro-EU-Kampagne, dass sie einen unmittelbaren wirtschaftlichen Zusammenbruch Grossbritanniens an die Wand malte. Ein solcher war aber nie zu erwarten, oder zu befürchten. Auch die jetzigen Schwierigkeiten, so gravierend sie akut für einzelne Betriebe und Sektoren sein mögen, schlagen erst mittelfristig voll durch, können auch erst dann beurteilt werden.

Zweitens hatte der Brexit neben der wirtschaftlichen Frage immer eine Werte-Dimension: die berühmt-berüchtigte Souveränität. Natürlich ist die eine gigantische Täuschung. Souverän will man gegenüber der EU sein, bleibt dabei vollkommen unsouverän gegenüber dem globalen Kapitalismus. Aber das Schlagwort hat eine Attraktion für weite Bevölkerungskreise, deren insulares Denken man nicht unterschätzen sollte.

Entsprechend formuliert Boris Johnson die Souveränitätsfrage. Handelsverträge sollen künftig nach WTO-Regeln ausgestaltet werden, also nach dem absoluten Minimum der Freihandelslehre. Natürlich, auch die EU betreibt weitgehend neoliberalen Freihandel. Aber eben nicht nur: Sie geht bei Sozialstandards und Nachhaltigkeit doch ein wenig weiter. Für das «neue, souveräne» Grossbritannien geht es dagegen vor allem darum, überhaupt Deals hinzukriegen, um welchen Preis auch immer. Inhaltliches, Kleingedrucktes spielt keine Rolle, sondern jeder Vertragsabschluss wird schon als solcher als Ausdruck einer neuen Souveränität angepriesen. Dadurch gerät der Opportunist Johnson ganz in den Sog der Turbo-Kapitalisten des Finanzsektors. Sie haben, im Gegensatz zum längst reduzierten Produktionssektor, den Brexit vorangetrieben, um das krude Konzept eines Singapore-on-Thames einzurichten. Wobei das selbst im Finanzsektor lange eine Minderheitsposition war. Banken und grössere Finanzdienstleister fürchteten Schwierigkeiten im nach wie vor wichtigen Geschäft mit Europa. Tatsächlich sind bereits, bevor neue Strukturen im als Wachstumsparadies angebotenen Pazifikraum aufgebaut werden konnten, beträchtliche Gelder an die konkurrierenden kontinentaleuropäischen Finanzplätze abgeflossen. Vehemente Brexit-Anhänger waren und sind die Hedge Funds und rabiaten Private-Equity-Boutiquen. Mit dem Brexit sind ideologische Extrempositionen ins Zentrum gerückt. Dazu helfen dann auch stunts. Aus dem neuen Budget hat die «Sun» eine beiläufige Idee, acht englische Häfen als sogenannte Freihandelszonen einzurichten, unter der Schlagzeile «Brexit-Boom» zu verkaufen versucht. Der Kanzler, der sich jetzt so sozial gibt, ist übrigens selbst Mitbesitzer eines Hedge Funds. Das wird ihm dereinst nach dem Abschied aus der Politik ganz zupass kommen.

Und die Souveränitätsfrage wird anderweitig abgestützt, nicht nur wirtschaftlich. Gerade eben hat Boris Johnson eine neue Aussen- bzw. Verteidigungspolitik verkündet. Das neue «globale Grossbritannien» müsse in einer sich verändernden Welt eine neue Rolle für sich finden. Das heisst, voraussehbar und konsequent, weg von der EU, wieder stärker hin zu den USA unter Joe Biden als natürlichem Bündnispartner (vergessen sind die früheren Anbiederungen gegenüber Trump) und ein intensiveres Verhältnis zu China («ausgewogen» zwischen Kritik an Menschenrechtsverletzungen und Handelsbeziehungen). Künftig sollen englische Fregatten wieder durch alle Weltmeere pflügen. Diese Grossmachtfantasien werden durch den geplanten hirnrissigen Ausbau des Atomwaffenarsenals unterstützt.

Drei Fragen

Der ganze Brexit-Prozess wirft drei zentrale Fragen auf:

Erstens eine organisationstheoretische. Wie können vielfach verflochtene Institutionen entflochten werden? Zwischen Grossbritannien und der EU müssen hunderte von Gesetzen angepasst und neue Regeln entwickelt werden. Ja, die Bürokratie nimmt überhand – aber das war ja gerade der wirtschaftliche Vorteil der EU, Regeln und Bürokratie abzubauen. Der Brexit ist ein Experiment am lebenden Objekt, so wie auch die internationalen Lieferketten in der Pandemie einem Stresstest unterzogen werden.

Zweitens eine ideologiegeschichtliche. Was begünstigt den neuen Nationalismus? Denn das ist ja, was im Kern der so beschworenen Souveränität steckt. Und dieser Nationalismus wird vor allem durch wirtschaftliche und sogar militärische Macht voranzutreiben versucht, während Institutionen wie dem British Council und dem BBC World Service Gelder gestrichen und die transnationale wissenschaftliche Zusammenarbeit reduziert wird. Die Solidargemeinschaft ist aufs Nationale eingedampft. Ein darüber hinausgehender Solidaritätsgedanke ist verschwunden. Da hat auch und gerade Labour versagt.

Drittens eine politiktheoretische. Wie schafft es Johnson, mit seiner Politik eine Mehrheit an sich zu binden? Man kann dafür das Konzept einer Hegemonie ohne Hegemon hervorholen – ein volatiles, wechselndes Kräftefeld, in dem der Opportunist Johnson – so wie vier Jahre lang der rabiate Demagoge Trump – bislang erfolgreich manövriert hat.

Wird fortgesetzt.

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In der Résistance

Über den Jura ins Maquis gegangen. Sich als Fremdenlegionär in Algerien den Befreiungstruppen von General de Gaulle angeschlossen. Auf dem Bauernhof in Savoyen Waffen für die Widerstandskämpfer versteckt.

Ja, das hat es nicht nur im Spanischen Bürgerkrieg gegeben. 460 Schweizer Freiwillige haben während des Zweiten Weltkriegs auf Seiten des französischen Widerstands gekämpft. Peter Huber hat ihre Schicksale ausführlich erforscht. Einige seiner Ergebnisse präsentiert er im bücherraum f in einem Podcast:

Peter Hubers Buch über diese kaum bekannte Episode schweizerischer Solidarität ist soeben im Chronos Verlag erschienen.

Aufgrund von Akten der Schweizerischen Militärjustiz und französischer Militärarchive hat er Leben und gelegentlich auch Tod der Freiwilligen rekonstruiert: Woher sie kamen, was sie bewegte, wo sie kämpften, ob und wie sie überlebten. Aber auch, wie ihr Engagement entlohnt wurde: Während sie in der Schweiz einen Prozess wegen «fremdem Kriegsdienst» zu erwarten hatte, wurden sie von Frankreich weitgehend ignoriert.

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