Wohltätigkeit und Politik

Gertrud Kurz und ihr christlicher Friedensdienst

Der ihr verliehene Ehrentitel «Flüchtlingsmutter» zeigte die Wertschätzung, die man Gertrud Kurz als unermüdlicher Helferin entgegenbrachte, aber auch ein wenig Geringschätzung, da sie so in die traditionelle karitative Rolle der mütterlichen Frau eingehegt wurde. Sie selbst verkörperte in Erscheinung und Auftreten beide Seiten.

Gerade diese Ambivalenz hat die Publizistin Susan Boos frappiert und fasziniert. Boos war einst, Ende der 1980er-Jahre, selbst journalistisch stark mit der Flüchtlingspolitik beschäftigt, aber Gertrud Kurz, 1972 verstorben, erschien, auch im Rückblick, nur als eine Randfigur. Für den im letzten Herbst erschienenen Porträtband «Projekt Schweiz» hat sich Boos nunmehr intensiver mit Kurz beschäftigt, Gespräche mit Verwandten und Mitarbeiterinnen geführt, die Kurz noch gekannt haben. Und sie hat die nicht unbeträchtlichen Fichen im Bundesarchiv eingesehen. Darüber sprach Susan Boos kürzlich an einer Veranstaltung des Schweizerischen Friedensrats im Café de la Paix im erinnerungsträchtigen Gartenhof in Zürich.

Gertrud Kurz (1890-1972) gehört in der öffentlichen Wahrnehmung zu Bern, wo sie ihre hauptsächliche Arbeit geleistet hat. Dabei war sie im Appenzellischen geboren, als Gertrud Hohl, in einer begüterten Fabrikantenfamilie, im Appenzellischen auch emotional verankert. Erst nach der Heirat mit dem Gymnasiallehrer Albert Kurz 1912 zog sie nach Bern. Bald bot sie in ihrem Haus Obdachlosen, Fahrenden, aus dem Gefängnis Entlassenen eine warme Mahlzeit oder andere Unterstützung an. Das tat sie aus einem radikalen evangelischen Christentum heraus, und dabei kannte sie keinerlei Berührungsängste oder Vorurteile.

GerEnde 1938 erfuhr sie von ihrer Mutter vom Los jüdischer Flüchtlinge und begann mit ihrem Engagement für Flüchtlinge, aus dem der heute noch bestehende Christliche Friedensdienst (cfd) entstand. Darin schlug sich wohl auch ihre Herkunft nieder. Der Ausblick vom Appenzeller Vorderland über die Grenze macht aufgeschlossener, offener, wie OstschweizerInnen am Abend im Gartenhof bekräftigten. Im Appenzellischen tätig war etwa auch Pfarrer Paul Vogt, der 1933 in Walzenhausen den Sonneblick als soziales Wohnheim eröffnet hatte. Vogt wirkte ab 1936 im Zürcher Vorortsquartier Seebach, unterstützte dort, ähnlich wie Kurz in Bern, Flüchtlinge und trat 1943 in Zürich eine eigens geschaffene Stelle als «Flüchtlingspfarrer» an. Kurz hatte bald Kontakt mit ihm und führte ab 1947 im Sonneblick jährliche Besinnungs- und Erholungswochen durch, als Schauplatz einer internationalen Versöhnungs- und Friedensarbeit.

Gut bürgerlich

Die gutbürgerliche Herkunft von Kurz äusserte sich in einem Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, einer Selbstverständlichkeit im Umgang mit gesellschaftlich massgeblichen Kreisen, die zugleich durch ihren christlichen Glauben gefestigt wurde; andererseits musste sie sich als Frau gegen die dominierenden patriarchalen Strukturen durchsetzen.

Susan Boos veranschaulichte dieses Widerspiel von sozialer Herkunft und Geschlechterrollen an drei symptomatischen Episoden.

Da ist die berühmte Unterredung mit Bundesrat Eduard von Steiger im Sommer 1942, mit der Kurz eine – vorübergehende – Öffnung der Schweizer Grenze für jüdische Flüchtlinge erreichte. Kurz suchte zusammen mit dem Genfer Diplomaten Paul Dreyfus-de Gunzburg den konservativen Bundesrat in dessen Ferienhaus auf dem Mont Pèlerin auf und konnte ihm in einem dreistündigen Gespräch eine humanere Asylpolitik abringen. Ja, sie hatte keine Angst vor Autoritäten. Dass die Schweizer Grenzen nach ein paar Wochen wieder undurchlässiger wurden, zeigt allerdings Möglichkeiten und Grenzen solcher privater Interventionen.

Das Verharren in traditionellen Wahrnehmungen äusserte sich in einer Episode mit ihrem Sohn Hans-Rudolf Kurz. Der war von 1949 bis 1980 als stramm konservativer Generalstabsoffizier im Militärdepartement und als Militärhistoriker tätig. Als Gertrud Kurz einmal zugetragen wurde, die Schweizer Behörden hätten Listen von subversiven Personen zusammengestellt, die bei einem nationalen «Notfall» interniert würden, befragte sie dazu ihren Sohn; und als der ihr versicherte, so etwas habe es nie gegeben und werde es nie geben, gab sie diese Auskunft unhinterfragt weiter.

Schliesslich ist da ihr Auftauchen und Verschwinden in den Fichen. Die umfassen immerhin neun Seiten, reichen von 1943 bis 1963, in der bekannten, skandalösen Mischung von internen Informationsfetzen, die durch Bespitzelungen gewonnen wurden, und banalen öffentlich zugänglichen Angaben. Bei Gertrud Kurz scheinen sich die Beobachter nie klar geworden zu sein, welche Art Person sie da vor sich hatten und was sie bei ihr aufspüren sollten. Immer wieder wird ihre öffentliche Bekanntheit zitiert, als ob sich die Spitzel versichern müssten, dass es nicht an ihnen lag, wenn nichts Verwerfliches entdeckt werden konnte. Ja, Kurz verkehrte mit Kommunisten – aber sie distanzierte sich unmissverständlich von diesen. Während bei andern Überwachten allein schon solcher Kontakt als inkriminierend galt, kam Kurz gerade ihre Offenheit zu gute: Wer mit so vielen Menschen aus einem so breiten politischen Spektrum verkehrte, konnte nichts Umstürzlerisches im Schilde führen. Die Person entzog sich ins öffentliche Bild, das keinerlei Angriffsflächen bot.

Brücken schlagen

Das von Kurz gegründete Hilfswerk nannte sich Friedensdienst, und ihre Flüchtlingsarbeit verstand sie immer auch als Friedensarbeit. Was aber, so wurde am Abend beim Friedensrat diskutiert, hiess das in konkreten politischen Situationen? Unbestritten ging es ihr ums Brückenschlagen. So schuf sie die Berner Friedenswoche als Treffpunkt und Diskussionsforum. Kurz und der cfd waren in bemerkenswerter Weise international vernetzt und engagiert. Auch hier wieder war sie offen auf alle Seiten hin, im Sinne einer allgemeinen, friedlichen «Völkerverständigung». So unterstützte der cfd 1956 Ungarnflüchtlinge, während gleichzeitig an der Friedenswoche der Rassismus im südlichen Afrika diskutiert wurde. Tatsächlich beschäftigte sich Kurz schon früh mit Problemen der «Entwicklungsländer», vor allem in Afrika. So wurde 1960 ein Schulprojekt im heutigen Zimbabwe und wenig später eine Mütterberatung in Algerien initiiert. Trotz eindeutiger Unterstützung für den Staat Israel organisierte der cfd bald auch erste Projekteinsätze in der palästinensischen Westbank, und 1967 wurde im dortigen Bethanien ein Kinderheim für Waisen und Behinderte aufgebaut. In solche Projekte der intra-nationalen Verständigung wurden gelegentlich illusionäre Hoffnungen gesetzt. Ginevra Signer, in den letzten Jahren von Kurz eine Art persönliche Assistentin von dieser, schilderte an der Veranstaltung im Gartenhof, wie Kurz einst im konfessionell gespaltenen Belfast ein Begegnungszentrum einrichten wollte, was sich in der damals gewalttätig zugespitzten Lage als unmöglich erwies.

Internationale Vernetzung: Gertrud Kurz mit Patience Hamilton, 
Frauenrechtlerin aus Sierra Leone, an einer internationalen 
Friedenskonferenz, Mitte der 1960er-Jahre.

Noch während ihres Lebens hatte Kurz vielfältige Ehrungen erhalten, etwa 1958, als erste Frau, die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Uni Zürich, oder 1965 den Albert-Schweitzer-Preis der Königin der Niederlande. 1992 prägte die Eidgenossenschaft eine Gedenkmünze zu ihrem 20. Todestag. Danach flachte das Interesse ab. Es nimmt aber in letzter Zeit wieder zu, gefördert durch die bereits 1974 gegründete Stiftung Gertrud Kurz. So ist ihr seit 2017 eine Station im Appenzeller Friedensweg gewidmet; 2021 wurde sie auch im Rahmen der Hommage-Veranstaltungen anlässlich des Jubiläums zum Frauenstimmrecht gewürdigt.

Arbeitsteilungen

Der cfd hat mittlerweile ein gelegentlich distanziertes Verhältnis zur Gründerin. Das hängt mit anderen Akzentsetzungen nach ihrem Tod 1972 zusammen. Wenn Kurz auf informelle Einflussnahme vertraut hatte, bezog der cfd zunehmend explizit politisch Stellung. 1980 wurde eine «Frauenstelle für Friedensarbeit» eingerichtet. Mit der «Privatisierung» der Flüchtlingshilfe durch den Bund Ende der 1980er-Jahre wurde der cfd finanziell überfordert und zog sich 1993 aus der unmittelbaren Flüchtlingsbetreuung zurück. Verbunden mit einer Strukturreform wurde die Arbeit gezielt auf die Verbesserung der Situation von Frauen ausgerichtet; 1997 gab sich der cfd ein feministisches Leitbild. In der hauseigenen cfd-Geschichte wird das Schweigen von Kurz gegenüber den politischen Behörden, das sie während des Zweiten Weltkriegs im Dienst ihrer konkreten Flüchtlingsarbeit pflegte, ziemlich kritisch beurteilt. In einem Sonderheft zum 80. Geburtstag des cfd wird sie nur knapp erwähnt, und ihre Pionierinnenrolle für die Arbeit in Palästina kommt nicht vor.

Hatte die Arbeit von Gertrud Kurz auch politische Auswirkungen, oder war sie «nur» karitativ tätig? In der an der Veranstaltung diskutierten Frage steckt auch die Frage, ob und wie sie mit anderen Organisationen zusammenarbeitete, die sich stärker als öffentliche Lobbyorganisation und als Teil einer sozialen Bewegung verstanden, wie etwa auch der Schweizerische Friedensrat (SFR). Der SFR wurde im Dezember 1945 als Koordinationsorgan von 22 pazifistisch orientierten Organisationen gegründet und sollte nach dem Zweiten Weltkrieg mit friedenspolitischen Initiativen eine Öffnung der Schweiz und eine soziale Innen- sowie eine solidarische Aussenpolitik befördern helfen. Der cfd, so erzählte es der jetzige SFR-Präsident Ruedi Tobler, war bald Mitglied beim SFR, und er selbst hat Gertrud Kurz als SFR-Vorstandsmitglied bei seinem Einstellungsgespräch direkt erlebt. Ein spezifisches Anliegen wie die Einführung eines Zivildienstes hat sie wohl kaum aktiv unterstützt, aber der soziale und moralische Wiederaufbau nach dem Krieg, das Überwinden des Blockdenkens und das Bemühen um eine neue gerechtere Weltordnung entsprachen durchaus ihren Vorstellungen. Mit ihren internationalen Initiativen versuchte Kurz die Themen von Frieden, Frauen und Entwicklungszusammenarbeit zu verbinden.

Solches tat sie allerdings in ihrer besonderen Form, mit ihrer besonderen Haltung, die sich den politischen Strukturen entzog und pragmatisch auf den Einzelfall konzentrierte. Äusserte sich darin eine «List der Ohnmacht» (Claudia Honegger), eine, auch zeitlich bedingte, spezifisch weibliche Widerstandsform? Susan Boos nennt Kurzens Wirken, die herkömmlichen Machtstrukturen zu unterlaufen, eine «Empathie als Subversion». Darin mag sich, jenseits geschlechtsspezifischer Zuordnungen, auch eine Arbeitsteilung in der Flüchtlings- und Friedenspolitik zeigen. Zum 50. Todestag von Gertrud Kurz am 26. Juni und angesichts des russischen Aggressionskriegs gegen die Ukraine gibt es jedenfalls genügend aktuelle Fragen.

Stefan Howald


Weitere Informationen

https://www.cfd-ch.org/
https://www.gertrudkurz.ch/
https://www.friedens-stationen.ch/
https://www.friedensrat.ch/

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Seebach, von Haus zu Haus

Genau an der Grenze ging es los, an der Binzmühlestrasse, wo auf der anderen Seite bereits Oerlikon beginnt. Es war ein schon beinahe glorioser Aprilsonntag, als man sich zum Seebacher Rundgang versammelte. Der war mit 25 Teilnehmenden ausgebucht, einige Interessierte hatten abgewiesen werden müssen. Zur Mehrheit hatten sich Einheimische eingefunden, wenn lokalpatriotisch so von den SeebacherInnen gesprochen werden darf, darunter auch Lokalprominenz, und sogar aus der Nachbarschaft ennet der Grenze waren HistorikerInnen angereist.

Vier Mitglieder des bücherraums f – Monika Zemp, Francis Uhler, Monika Saxer und Stefan Howald – wechselten sich an zwölf Stationen mit Erläuterungen ab. Der erste Halt war das so genannte SMUV-Hüsli, ein 1943 bezogenes Gewerkschaftslokal in einer neuen kleinen Überbauung an der Ecke Binzmühle und Jungholzstrasse. Sichtbar ist noch das ursprüngliche Fresko von 1944, mit nicht ganz unüblicher Rollenverteilung, da den Metallarbeitern eine Frau mit Kind eine Zwischenverpflegung zubereitet. Darunter ist jetzt eine Reklame für einen Beautysalon angebracht.

Danach ging es an die Jungstrasse 9. Das ist ein nicht gerade auffälliger, fünfgeschossiger Bau, aber ein früherer Bewohner führt in die düstere Geschichte des kurzen 20. Jahrhunderts zurück. Gino Pezzani war 1943 in Frankreich als Mitglied der Résistance von der Gestapo verhaftet worden und kam, als einer von 391 Schweizerinnen und Schweizern, in ein KZ des Nazi-Regimes. 1945 geflüchtet und befreit, verfolgten ihn die schrecklichen Erfahrungen bis ans Lebensende, auch, als er in den 1960er-Jahren an der Jungstrasse 9 wohnte.

Hier soll im Juni im Gedenken an ihn und andere Opfer des Nationalsozialismus ein symbolischer Stolperstein angebracht werden.

Ein Stein des Anstosses war auch Niklaus Meienberg gewesen, der eine Strasse weiter an der Eisfeldstrasse gewohnt hatte. Von Seebach hielt er nicht allzu viel, das er übrigens hartnäckig mit Oerlikon verwechselte, wie ein vorgetragener Textauszug belegte. Dabei wurde er einmal vom Quartiersvereinspräsidenten angefragt, eine 1.-August-Ansprache zu halten, doch da er sich in der Friesstrasse ans Volk wenden wollte, verzichteten die Organisatoren auf ihn. Nur ein paar Schritte entfernt, an der Friesstrasse 32, wurden einst feine Seebacher Zigaretten hergestellt. Oder vielmehr war es türkisch-mazedonischer Tabak, der ab 1920 in Seebach zu den Turmac-Zigaretten verarbeitet wurde, in wunderschönen Blechdosen verpackt und elegant beworben, unter anderm mit «orientalischen» Motiven. Der bekannte Grafiker Josef Müller-Brockmann zum Beispiel gestaltete 1955 ein Paneel in der Haupthalle des HB Zürich. Es dokumentierte mit rauchenden jungen, aufgestellten Männern und Frauen die noch nicht so alte «Gleichberechtigung» der Geschlechter beim Rauchen.

Im November 2018 ist eine Turmac-Schachtel das «Objekt des Monats» im Museum Nidwalden gewesen, wobei sogar, besser als bei manchen Bildern aus der Sammlung Emil G. Bührle, die Provenienz festgestellt werden konnte: «Ursprünglich gehörte die Blechschachtel Edith Wyrsch-Hug, der Ehefrau des Malers Charles Wyrsch aus Buochs.»

Ja, Seebach hat auch kleinere Anhöhen. Daran äussern sich wie andernorts soziale Unterschiede – die einen da oben, die andern da unten. Darf man die Überbauung den Bühl hinauf als Villenquartier bezeichnen? Nun, einer früheren Bewohnerin wollte sie als Kind so erscheinen. Einst hatte der Hügel – gut, das Hügelchen – weniger soziale denn strategische Bedeutung. Hier lagerten 1799 die Kosaken, die im 2. Koalitionskrieg der Alten Mächte die Franzosen aus dem Land werfen, in der Schweiz das Ancien Régime wieder herstellen und das Land als Aufmarschgebiet gegen Frankreich sichern sollten. Nach verlorener Schlacht um Zürich flohen sie dann via Seebach nach Süddeutschland. Rechterhand, unten in der Ebene, das Stierli-Areal als Zelle des industriellen Aufschwungs von Seebach ab 1900, wo neben Flugzeugmotoren in einer begrenzten Auflage ein original Seebacher Auto und später leider auch Kanonen produziert worden waren.

Während des Rundgangs am Sonntag zeigten sich sogar die AutofahrerInnen auf Seebachs Hauptverkehrsader gegenüber den Flanierenden geduldig. Nach ein paar Hinweisen auf die Kirche Maria Lourdes samt Grotte musste diese leider rechts liegen gelassen werden, da es im gemächlichen Aufstieg zum Höhenring und zur Markuskirche ging. Linkerhand liess sich durch eine Hecke das Brückenlager der 1997 abgebrochenen Fussgängerpasserelle erspähen. Einer der Mitwandernden, der sich mittlerweile schon beinahe als Einheimischer fühlen darf, meinte, die Demonstration gegen den Abriss sei 1995 seine Initiation ins Quartiersleben gewesen. Von der Markuskirche ist, neben modernistischer Kirche und Schulhaus, natürlich der Blick zu rühmen. Eine der Teilnehmerinnen am Rundgang hatte übrigens als Schulkind beim Aufziehen der Glocken in den Glockenturm geholfen.

Eine kleine Verpflegung stärkte für die Fortsetzung rund um den Buhnhügel. Dabei konnten einige Sehenswürdigkeiten nur gestreift werden, etwa das Restaurant Falken an der Hertensteinstrasse, in dem einst, zum Rössli umgetauft, Wachtmeister Studer im gleichnamigen Film 1939 nicht etwa eine von ihm wohl als allzu mild empfundene Turmac-Zigarette, sondern einen Stumpen geraucht hatte. Gegenüber der Nikolauskirche befand sich, wie von Ortskundigen angemerkt wurde, das ehemalige Schulhaus. Und schräg gegenüber das ehemalige Pfarrhaus, in dem jetzt der Brot-Egge des Sozialwerks Pfarrer Sieber untergebracht ist. Zwischen 1936 und 1943 hatte hier der «Flüchtlingspfarrer» Paul Vogt gewirkt. Der hatte schon früh Verfolgten des Nazi-Regimes geholfen und insbesondere jüdischen Flüchtlingen in Zürich wie im Sozialheim Sonneblick im Appenzellischen eine Zuflucht geboten. Dabei arbeitete er auch mit der «Flüchtlingsmutter» Gertrud Kurz zusammen, von der ja eine ehrende Fotografie im jetzigen Pfarrhaus hängt. Die Benennung einer Strasse nach Paul Vogt ist vor ein paar Jahren gescheitert, so bleibt die Paul-Vogt-Stube in Siebers Brot-Egge die sichtbarste Anerkennung für ihn. Das in Vorortsgemeinden immer wieder spürbare soziale Engagement ging, wie von berufener Seite ergänzt wurde, in Seebach zum Beispiel weiter mit Pfarrer Peter Walss und dem Kirchenasyl in Seebach von 1985 für chilenische, von der Ausschaffung bedrohte Flüchtlinge.

Etwas frohsinniger ging und geht es zu und her im Landhus bei der Tramendstation. Hier wurde seit 1934 gekegelt, musiziert und geschwoft, etwa zum Kriminaltango von Hazy Osterwald, der hier 1959 uraufgeführt wurde. Auch ein paar Anekdoten zur Anbindung ans städtische Verkehrsnetz durften nicht fehlen, da einst die frühe durchgängige Tramlinie vom Stadtzürcher Central via Oerlikon und Seebach nach Glattbrugg beim Bahnübergang in Oerlikon auf Veranlasssung der eifersüchtig auf ihren Wettbewerbsvorteil bedachten Nordostbahn jäh gestoppt wurde, die Trampassagiere aussteigen und zu Fuss den Bahnübergang passieren mussten, um auf Noch-nicht-ganz-Seebacher-Seite in ein neues Tram umzusteigen.

Auf der andern Seite des Platzes stand die Geschichte des Tiergartens Seebach im Vordergrund. Ja, hinter dem Restaurant Alte Post hatten einst Affen geturnt und Löwen gebrüllt und waren Krokodilen mit einer zwei Meter langen Zahnbürste die Zähne geputzt worden, und wie auf Bestellung turnte ein Eichhörnchen von Ast zu Ast, deren Sichtung ja keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Wie rührte da die Geschichte von Tantor, dem Elefanten, ans Herz, der nach einem nächtlichen Streifzug durchs Quartier auf den Bahngleisen im Schärenmoos einem Frühzug zum Opfer gefallen war.

Die Seebacher Siedlungsformen reichen von den nördlichen Flarzhäusern bis zur Genossenschaftssiedlung am Katzenbach. Dazwischen, zeitlich wie strukturell, liegen die so genannten Globus-Heimeli. An der Steffenstrasse erstellten die Magazine zum Globus 1932 achtzehn Einfamilienhäuser, die ab Stange verkauft wurden, mitsamt Inneneinrichtung, für den aufstrebenden Mittelstand. Noch immer ist die Siedlung an der Steffenstrasse halbwegs einheitlich, wiewohl von zwei Seiten bedroht: durch den Verdichtungsdruck zum Umbau bzw. Verkauf der einzelnen Häuser, und durch die, allerdings vom Volk abgesegnete, Riesenüberbauung an der Thurgauerstrasse.

So vollführte der Rundgang tatsächlich eine Art Kreis: vom SMUV-Hüsli zu den Globus-Heimeli. Dazu kam zum Abschluss ein kurzer Blick auf die Monster im Garten von HR Giger. Dessen Besuch muss einer weiteren Expedition vorbehalten bleiben.

Die Broschüre zum Seebacher Rundgang mit zahlreichen weiteren Informationen ist im bücherraum f zum Selbstkostenpreis von 6 Franken (+Porto) zu beziehen.

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Unermüdlich feministisch

Als langjährige Studienleiterin an der Paulus-Akademie hat Brigit Keller viele angeregt, vor allem Frauen, und manches ist aufgegangen von dem, was sie geistig und emotional gesät hat. 80 Jahre ist sie grad geworden, es war und ist ein reiches Leben. Schreiben gehörte und gehört zu ihr. Audre Lordes Motto «Dichten ist kein Luxus» gilt auch für Brigit Keller.

So durfte es kürzlich heissen: Feiern mit Gedichten. Am 10. März im bücherraum f versammelten sich Freundinnen und Freunde. Brigit las eine reiche Auswahl von Gedichten, veröffentlichte und unveröffentlichte. Die Natur, Landschaft, Tiere, anrührende Begegnungen, daraus entwickeln sich Sentenzen, Gedanken, hallen im Echoraum der Worte.

Die Lesung, der Abend lässt sich hier nachhören:

Veröffentlicht hat Brigit Keller erst spät, drei Gedichtbände liegen mittlerweile vor, im eFeF-Verlag, mit sprechenden Titeln: «Vogelflug im Augenwinkel» (1998), «Wasserzeichen in meiner Haut» (2006), zuletzt «Sehnarben» (2011/15).

Die Buchstaben können tanzen, funkeln, aber sie können auch zornig werden, als notwendiges Aufbegehren gegen die Zumutungen der Welt. Die Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde (1934-1992), die Brigit Keller zweimal an die Paulus-Akademie eingeladen hatte, hat sie als unermüdliche Kämpferin bestärkt. Der Widerstand mag zart, zugleich utopisch sein, wie der Schmetterling, der gegen Wind und Wetter anfliegt. Das schliesst Empathie ein: «Glück ist, andern die Türe zu öffnen, sagen zu können, kommt herein, es ist Platz da und Wärme für alle.» Die Individualität wird dabei nicht aufgegeben, im Gegenteil, sie bleibt notwendig, sogar die zerbrechliche Schönheit einer Porzellantasse, denn «Freiheit hat je ein neues Gesicht».

Was Brigit Keller anlässlich des Kriegs in Syrien formuliert hat, ist erneut und immer wieder aktuell. «Die Worte geben nicht auf, die Worte dürfen nicht aufgeben. Aber der Stacheldraht ist nicht zerschnitten.»

Hier finden sich ein paar Reminiszenzen an den Abend im bücherraum f.

 

 

 

 

 

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Bären im Schweizer Wald

Ob die Schweiz existiert? Ja, aber vielleicht anders als gedacht. Das dokumentiert der Band «Projekt Schweiz», vor kurzem erschienen im Unionsverlag. 44 zeitgenössische AutorInnen präsentieren darin 44 Schweizer Persönlichkeiten, in leuchtenden Texten, mit zahlreichen Dokumenten und Fotografien angereichert.

Herausgeber Stefan Howald erzählt in diesem Podcast über Absicht und Umsetzung des grossen Projekts und stellt drei Porträtierte und ihr Umfeld vor: Wie Elsa Barberis Haute Couture mit einheimischen Stoffen herstellte und mondäne Weltläufigkeit mit nachhaltigem Anspruch verband. Warum Berta Rahm den ersten Einfrauenverlag in der Schweiz gründete und welche Funde zur Frauengeschichte sie dabei zu Tage förderte. Weshalb Johann Coaz das Umweltbewusstsein in der Schweiz schuf und gleich auch noch Bären bei uns ansiedeln wollte. Streiflichter auf Überraschendes, Spannendes und Erhellendes, mit zahlreichen Anekdoten und an Illustrationen erläutert. Womöglich existiert die Schweiz ja doch.

Dies ist der Podcast, samt anschliessender Diskussion:

 

Und hier finden sich die Illustrationen, die am Vortrag vom 24. Februar im bücherraum f gezeigt worden sind:

ProjektSchweiz_buecherraum_240222

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Reisende der Revolution, in Farbe

Und jetzt noch illustriert sowie in Farbe. Eindringlich schildert die Historikerin Brigitte Studer in ihrem Vortrag Glanz und Elend der Kommunistischen Internationale, der berühmt-berüchtigten Komintern. Sie wird anhand von einem Dutzend Personen auch als Biotop sichtbar.

In einer angereicherten Version des Vortrags werden diese Menschen ins Bild gerückt. Rund 150 Illustrationen und historische Videoausschnitte vergegenwärtigen die «Reisenden der Weltrevolution» und deren Tätigkeit. Bewegte Bilder vom Empfang beim 2. Weltkongress der Komintern 1920 in Moskau. Weibliche Delegierte aus der Türkei und aus Aserbaidschan, die beim Kongress der «Völker des Ostens» in Baku das Wort ergreifen. Propagandamittel, von Plakaten und Tarnschriften bis zu Schallplatten; Beglaubigungsschreiben und gefälschte Pässe – alles erläutert und bildhaft vorgeführt.

Brigitte Studer hat in ihrem umfassenden Buch «Reisende der Weltrevolution» (Suhrkamp 2020) auch eher unbekannte MitarbeiterInnen der Komintern sichtbar gemacht, Personen wie Hilde Kramer und Luise Geissler. In diesem illustrierten Vortrag lässt sich sehen, wie Hilde Kramer mit Erich Mühsam im Café zusammenarbeitete, welch weit reichenden Weg Luise Geissler gemacht und wo sie in Zürich die junge Indira Gandhi getroffen hat.

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