Ein zerfleddertes Bollwerk gegen Schmutz und Schund

bücherräumereien (XXXI)

Zugegeben, es braucht einen starken Magen, um sich durch das Vorwort von Dr. theol. et phil. Albert Sleumer, Lyzealdirektor, zum Index Romanus durchzukämpfen. Um zu erläutern, welche Bücher die katholische Kirche induziert hat, muss ja ansatzweise geschildert werden, was deren Verderblichkeit ausmacht. Dabei sind es nicht so sehr religiöse Irrlehren, die ihn in Wallung bringen, sondern ein durchaus weltlicher Schmutz, der die Welt und insbesondere die Jugend zu überfluten drohen. «Selbst freigeistigen Blättern wird nachgerade die literarische Vergiftung des Volkes zu stark», weiss Sleumer. Tatsächlich nehme die Zahl der «traurigsten Schundwerke» bedenklich zu. «Die Ausschlachtung der gemeinsten verbrecherischen Übeltaten, die literarische Verwertung von Giftmord-, Raubmord-, Lustmordprozessen zeugt von einer Gemütsverrohung, welche die schlimmsten Früchte zeitigen muss.» Die «widerwärtigste Liederlichkeit» macht sich breit, und dies gleich schon auf den ersten beiden Seiten von Sleumers Einführung.

Dagegen tut ein kräftiges Halt! von höchster Stelle Not. Zwei Argumente führt Sleumer für die päpstliche Zensur ins Feld des ideologischen Kampfs. Erstens übt der Staat auch Zensur aus, und erst recht die Protestanten, die, man stelle sich vor!, dazu auffordern, keine katholischen Autoren zu lesen. Was dem König recht ist, kann dem Papst nur billig sein. Zweitens aber hat die wahre Kirche, deren Aufgabe es ist, die «Menschen zur ewigen Seligkeit zu führen», geradezu eine Verpflichtung zur Zensur, und zwar eine «weit ernstere Verpflichtung» als der Staat. Das Recht dazu leitet sie ab, weil sie als eine «vollkommene, für sich bestehende Gemeinschaft von ihrem göttlichen Stifter begründet worden ist». Deshalb also diese 1559 eingeführte Verbotsliste:

Index Romanus. Verzeichnis sämtlicher auf dem römischen Index stehenden deutschen Bücher, desgleichen aller wichtigen fremdsprachlichen Bücher seit dem Jahre 1750.

Zusammengestellt auf Grund der neuesten vatikanischen Ausgabe sowie mit ausführlicher Einleitung unter Berücksichtigung des neuen Kirchengesetzbuches versehen von Dr. theol. et phil. Albert Sleumer, Lyzealdirektor.

Siebente verbesserte und vermehrte Auflage. Mit kirchlicher Genehmigung. Osnabrück. G. Pillmeyer´s Buchhandlung (Julius Jonscher) 1920

Noch vor den LeserInnen hat der Verfasser einen guten Magen gebraucht, um sich durch diese Flut der fortschreitenden Entsittlichung durchzukämpfen. Aber tapfer hat er die Gefahren von sex&crime auf sich genommen, da er sich doch in zahllosen «Schweinereien», «sexueller Verkommenheit» und «dirnenhafter Mode» suhlen musste. Natürlich kommt dem Sittenkämpfer Sleumer auch der Antisemitismus ganz natürlich: «Möchten doch alle Edeldenkenden sich zum Kampfe wider die Unzucht- und religionsfeindliche Skandalpresse, die nach dem Urteile Einsichtiger gerade am jüdischen Gelde ihren stärksten Rückhalt hat und durch jüdische Schriftsteller und Schreiber, zum Teil mit Hilfe der Sozialisten, verbreitet wird, zusammenschliessen, ehe es in Deutschland so weit kommt wie im entchristlichten Frankreich.» Oder auch: «Wann wird das deutsche Volk sich aufraffen, um den ausländischen (galizisch-polnisch-russischen) Schmutzfinken und ihren inländischen Ebenbildern es zum Bewusstsein zu bringen, dass deutsch sein so viel wie anständig sein bedeuten soll? […] Jeder Einsichtige wird darum doch die Hersteller solcher Schmutzfilme – und das weiss selbst der deutsche Michel, dass 95 Prozent der Filmfabrikanten – Juden sind! – als gemeine Verführer betrachten, denen nur der eigene Geldbeutel heilig ist.»

Von der falschen Theologie bis zur unschönen Literatur

Nun also, was steht angesichts solcher Unappetitlichkeiten auf dem Index? Es sind Bücher aus vier verschiedenen Bereichen: Theologie, Philosophie, Geschichte und Literatur. Da sind zuerst einmal die Vor-Aufklärer, die die westliche Moderne innerhalb oder an der Grenze des religiösen Rahmens begründet haben, Francis Bacon, Giordano Bruno, Pascal, Spinoza, Montaigne. Unfehlbar auch die Begründer einer weltlichen Wissenschaft vom Menschen wie Descartes, Hobbes, Locke.

Dann kommen schon die Aufklärer des 18. Jahrhunderts, an ihrer Spitze Voltaire, unter dessen Namen nicht weniger als 31 Schriften aufgelistet sind, die, zur Sicherheit, auch noch jeweils unter den einzelnen Titeln als dem Bannfluch verfallen gekennzeichnet werden.

Natürlich bilden sich die Kämpfe gegen die abtrünnigen Stämme der einen unteilbaren Kirche ab, wobei die einschlägigen Schriften von Luther, Zwingli, Calvin usw. pp. schon ganz selbstverständlich verbannt und verbrannt worden sind und nicht mehr im Index erwähnt werden müssen. Viel grössere Gefahr droht von den Rändern, etwa durch Geschichtsschreibungen, insbesondere französische und italienische, die nicht umhin kommen, das einst weltliche Papsttum kritisch darzustellen oder es gegenüber dem Gottesgnadentum der Kaiser abzuwerten. Dazu gehört etwa Léonard Simonde de Sismondi, dieser ungemein fruchtbare und originelle Genfer Historiker und Ökonom, mit seiner sechzehnbändigen Geschichte der italienischen Freistaaten im Mittelalter, der politischen und ökonomischen Fortschritt in der Befreiung hergebrachter Fesseln sah und damit, nebenbei gesagt, zu einem geradezu avantgardistischen Kämpfer gegen die Sklaverei wurde, der etwa den hoffentlich in naher Zukunft freigelassenen Sklaven das Recht auf eine Entschädigung zusprach.

Im Innern der Theologie finden sich Verbote gegen Bücher und Pamphlete, die sich mit solch heiligen Sachen wie dem Zölibat für Priester, dem Jesuitenorden und dem Marienkult auseinandersetzen oder falsche Visionen und Heilige zur Verehrung anbieten: Fragen, die den religiösen Alltag mehr prägen als Fragen zur Transsubstantiation von Brot und Wein. Doch welche abgründigen Sünden verbergen sich wohl im Annuaire de l´institut canadien pour 1868 et 1869 oder in einem Buch von Pierre-Augustin Metay mit dem ewig gültigen Titel Pièces intéressantes nécessaires à examiner?

In der Philosophie ist Immanuel Kant immerhin mit der Kritik der reinen Vernunft auf den Index geraten, während Hegel wohl als ein wenig zu obskur befunden wurde. Überhaupt muss man den katholischen Instanzen da einige Laxheit vorwerfen, da weder Schopenhauers Pessimismus noch Nietzsches Zynismus eines Verbots für würdig erachtet worden sind. Nicht mal die anderen grossen Zerstörer der göttlich zentrierten Welt, Charles Darwin und Sigmund Freud, haben es auf den Index geschafft; wobei von ersterem immerhin der Grossvater Erasmus Darwin vertreten ist.

Auch das Politische wird nicht so ganz in seiner Gefährlichkeit begriffen: Zwar tauchen Pierre-Joseph Proudhon und Charles Fourier auf; aber der grosse Alte oder der alte Grosse aus Trier fehlt vollkommen.

Wie halten es die Päpste mit den Schweizern, jenseits der Schweizergarde? Die Anwesenheit des Antistes Johann Jacob Breitinger als sechstem Nachfolger Zwinglis versteht sich von selbst; schon etwas aparter ist dann Claudius Schobinger, der 1701 einen Schwyzer Kapuziner als «schlimmen Alchemisten» entlarvt zu haben glaubte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts trifft es den Zürcher Politiker Johann Conrad Heidegger mit seinen Erwägungen zur Abschaffung der kirchlichen Orden und den Luzerner Aufklärer Joseph Anton Felix von Balthasar mit einer Schrift über die Freiheit im Schweizerlande. Dann sind 1835 die Luzerner Behörden dran, die sich im konfessionellen Streit in der Schweiz theologisch zu weit vorwagen. Aber auch der gesellschaftspolitisch eher konservative Johannes Georg Zimmermann hat es mit seinem Traktat Ueber die Einsamkeit auf die Verbotsliste geschafft, was im Fall des Volksaufklärer Heinrich Zschokke plausibler wirkt.

Die Ausgabe im bücherraum ist ziemlich zerfleddert, ob von heftigem Gebrauch oder allgemein durch den Lauf der Zeit, lässt sich nur schwer erschliessen. Zuweilen erinnert der Index an die Schweizer Staatsschützer in der Fichenaffäre: Ungemein fleissig, sehr breites Schleppnetz, durchgehende Ignoranz.

Immerhin wird der Kampf gegen das Unsittliche entschlossen und konsequent geführt. Da verschlägt es den Zensoren sogar die deutsche Sprache. Was verboten ist, wird lakonisch vermerkt: Omnes fabulae amatoriae. Das gilt für Balzac, D´Annunzio, Dumas (Vater und Sohn), Feydeau, George Sand, Stendhal, Sue. Gustave Flaubert wird immerhin die Ehre zuteil, dass nur jene beiden Werke, die allzu unsittlich sind, mit Namen genannt werden, während es bei Emile Zola schlicht heisst: opera omnia. Allerdings fällt auf, dass keinerlei Deutsche als oratores fabulae amatoriae aufgespürt werden konnten.

Verinnerlichte Zensur

Wer sich mit dieser 64-seitigen Liste mit knapp 5000 Titeln halbwegs beruhigen will, dem versichert Sleumer, der Index umfasse natürlich nur einen Bruchteil der Verurteilungen, sozusagen die Spitze des Eisbergs, auf dem die gottesfürchtige und gesittete Welt aufzulaufen droht. Denn rund um den Namens-Index herum ist ein ganzer Sperrgürtel von «allgemeinen Indexregeln» errichtet. Sie sollen die Zensur verinnerlichen, so dass die Gläubigen die Kriterien selbst anwenden und viel mehr Werke auf den persönlichen Index setzen.

Das beginnt mit der Heiligen Schrift selbst. Bibelverbote gibt es beinahe schon so lange wie die Kirche. Natürlich können nicht alle Neuausgaben über die Jahrhunderte hinweg auf den Index gesetzt werden, aber die allgemeinen Richtlinien sind klar: Zulässig ist sie nur mit angemessenen Kommentaren. Durchaus, verteidigt sich Sleumer empört, könne die Bibel mittlerweile entgegen aller anderslautenden, vor allem protestantischen Verleumdungen in Landessprachen angeboten werden, aber eben: Einen Kommentar braucht es dazu. Bücher freilich, welche die Religion oder die guten Sitten planmässig angreifen, gelten durch «Naturgesetz wie durch das kirchliche Gesetz als verboten». Bei unsittlichen Büchern gilt eine zusätzliche Warnung, da eine «zwischen den Zeilen versteckte Sinnlichkeit» insbesondere für ein jugendliches Gemüt beinahe gefährlicher sei als der nackte Schmutz.

Ein paar geradezu jesuitische Kapriolen müssen dann allerdings bei der Frage geschlagen werden, ob katholische Buchhändler fragwürdige Bücher verkaufen dürfen. Ja, wenns kommerziell nicht anders geht, lautet die beinahe schon salomonische Lösung. Und dann wäre da noch der Fall Victor Hugo. Dessen Les Misérables sind sozial wie religiös einigermassen dubios und deswegen auf dem Index. Freilich mit einem Sternchen versehen. Denn, so erläutert der Lyzealdirektor, es gebe eine lesbare, von anstössigen Stellen gesäuberte Version des Werks – die hat er selbst hergestellt, und die «Indexkongregation» hat ihm «auf sein Ansuchen hin die ausdrückliche Genehmigung erteilt, unter Beobachtung obiger Grundregel das bedeutende Werk […] in deutscher Übersetzung neu erscheinen zu lassen». Womit das Suhlen in Schmutz und Schund und Sumpf doch noch etwas zutage gefördert hat.

Der auf wikipedia als «bedeutender Latinist und Theologe» charakterisierte Sleumer widmete sich in den zwanziger und dreissiger Jahren vor allem der Volapük-Bewegung, dem Projekt einer Universalsprache, die schliesslich von Esperanto verdrängt wurde – wie man in Volapük Antisemitismus ausdrückte, bliebe abzuklären. Der Index Romanus seinerseits wurde bis 1962 nachgeführt und erst nach dem zweiten Vatikanischen Konzil sistiert.


Der Index Romanus befindet sich im bücherraum f in der Abteilung R (Nachschlagewerke).

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Königliches Schosshündchen und Freiheitskämpferin

Um Reportagen und Literatur, um Dichtung und Wahrheit, um Authentizität und Faktentreue ging es im bücherraum f am 5. Oktober.

Der polnische Autor Ryszard Kapuściński (1932–2007) machte einst in den siebziger bis neunziger Jahren mit seinen Reportagen aus der damaligen Dritten Welt Furore. Dann geriet er unter Verdacht: Verschiedene der beschriebenen Details mochten nicht ganz der Realität entsprechen; ja, hatte er womöglich einige der beschriebenen wagemutigen Abenteuer gar nie erlebt? Ruedi Küng, selbst langjähriger Reporter für Radio DRS in Afrika, präsentierte den Fall Kapuściński als Musterprozess zu den fliessenden Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion.

Küng hat die Reportagen von Kapuściński über den Befreiungskrieg in Angola oder über das Ende der Herrschaft von Kaiser Haile Selassie in Äthiopien seinerseits noch als Vorbilder empfunden. Umso verstörender erschien ihm die Kritik daran. Der Fall Claas Relotius mit dessen krass gefälschten Reportagen, die in verschiedenen renommierten Medien erschienen sind, hat die Kritik an der journalistischen Reportage befeuert, ist aber eine Schwundstufe in einer grundsätzlich anderen Kategorie. Dagegen bleibt Kapuściński durchaus aktuell. So haben vor knapp zwei Jahren Raúl de la Fuente und Damian Nenow die Angola-Reportagen verfilmt, und zwar als Zeichentrickfilm, wobei in Another day of life die gezeichneten Bilder zuweilen in Dokumentaraufnahmen münden.

Hier der trailer:

Küng breitete zur Debatte reichhaltiges Material aus, von Kapuściński ebenso wie von seinen KritikerInnen, Verächtern und Anhängern. Etwa zur Eingangsszene aus König der Könige: Hat jener Diener, der am kaiserlichen Hof in Addis Abeba hinter dem inkontinenten königlichen Schosshündchen aufputzt, wirklich existiert, oder veranschaulicht diese, womöglich fiktive, Figur nicht prägnant den Zustand eines dekadenten Hofs und dient also einer Parabel der Macht, wie sie Kapuściński liefern will? Kapuściński hat auf die Vorwürfe selbst mit theoretischen Reflexionen geantwortet, eine Art Poetologie der Reportage entworfen. Gegen die Vertreter eines planen Naturalismus meinte er, zwischen der abgenutzten klassischen Reportage und der Literatur bestehe ein weites leeres Feld, das er ausgenutzt habe, wobei er sich als «Übersetzer von Kulturen» verstand. Was die Frage nach der Distanz offenlässt. Am Beispiel der angolanischen Freiheitskämpferin, die so prominent im Film auftaucht: Wie weit dürfen Engagement für, ja Identifikation mit der gerechten Sache gehen?

Ruedi Küngs Vortrag lässt sich hier nachhören:

In der Diskussion wurde thematisch und historisch weit ausgegriffen. Subjektivität in den Journalismus eingebracht hat schon der New Journalism ab Mitte der sechziger Jahre in den USA, der mit etlicher Verspätung in den deutschsprachigen Raum übergeschwappt ist, oder noch früher der parteiliche Stil des rasenden Reporters Egon Erwin Kisch. Offensichtlich gebe es Moden des Schreibens und des Narrativen; oder grundsätzlicher: Bediene sich nicht jeder Journalismus, so wie die Literatur, verschiedener Formen des Erzählens? Eine Frage übrigens, die sich auch für die Geschichtsschreibung stelle. Dabei geht es nicht nur um Faktentreue, sondern auch um das methodische Ziel: ein Feuerwerk der Einzelbeobachtungen zünden oder durch Verdichtung auf Strukturen zielen. Nötig sei wohl Transparenz über die angewandten Mittel und Absichten, und Selbstreflexion. Doch wie stark wirken dabei die Publikumserwartungen: Kriegen wir nicht jene Erzählungen, die uns gerade schmecken? Zudem, worauf schon Kapuściński hingewiesen hatte, wird das geschriebene Wort durch die neuen Technologien zunehmend an die Wand gespielt. Oder gewinnt es gerade eine neue, veränderte Bedeutung? Zum Schluss, schon beinahe zwischen Tür und Angel, wurde in Frage gestellt, ob Beobachtungen von aussenstehenden BeobachterInnen überhaupt noch aufschlussreich sein können; viel stärker müssten doch die Stimmen aus den betroffenen Ländern selber gehört werden.

Die Diskussion lässt sich hier nachhören:

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Authentisch oder wahr?

Nur noch wenige Plätze frei. Um Anmeldung wird gebeten.

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Bergstürze und Denkmalstürze

Soll das Denkmal von Alfred Escher beim Hauptbahnhof Zürich gestürzt werden, weil die Familie Escher eine Plantage mit SklavInnen besass? Müssen die Gebäude und Institutionen in Neuenburg, die aus dem Erbe von Bankier David de Pury gebaut worden sind, geschleift werden, weil der sein Geld unter anderm mit Sklavenhandel verdient hatte? Der St. Galler Historiker und postkoloniale Aktivist Hans Fässler bemüht sich seit vielen Jahren darum, dass sich die Schweiz ihrer Verwicklung in den globalen Kolonialismus bewusst stellt. Er hat verschiedene Kampagnen zur Umbenennung öffentlicher Orte und Plätze lanciert. Im Zeichen von Black Lives Matter hat das Thema eine erneute Dringlichkeit erhalten.

Im bücherraum f hat Hans Fässler am Donnerstag, den 10. September, von seinen Erfahrungen berichtet und kreative Vorschläge erläutert.

Fässler identifizierte zuerst drei Formen von Erinnerungsstätten und erläuterte diese an einzelnen Beispielen. Da sind gezielte, gewollte Erinnerungsorte: Denkmäler, Strassennamen, Bergspitzen, von Edward Colston und Alfred Escher über den Raiffeisen-Platz und die Lavaterstrasse bis zum Agassizhorn. Dann gibt es ungewollte Erinnerungsorte, etwa wenn ein Hausname plötzlich fragwürdige Verbindungen offenbart: So das «Haus zur Flasche» in St. Gallen der Familie Högger, die verschiedene Plantagen mit SklavInnen besass, oder das zu einem klassizistischen Prachtbau umgebaute ehemalige Bauernhaus der Familie Pool in Bevers, die ihren Reichtum ebenfalls durch Plantagen anhäufte. Schliesslich die noch zu schaffenden Erinnerungsorte, Gegen-Denkmäler, mit denen alternative Personen, Bewegungen gewürdigt werden sollen: Paul Grüninger ist da ein prominentes Beispiel oder die von Fässler hartnäckig verfolgte Umbenennung des Agassizhorns in Rentyhorn.

Wenn gegenwärtig zum Beispiel von Schreibern in der NZZ die Gefahr einer illiberalen Zensur beschworen werde, so wende er dagegen jeweils den Empörungstest an: Ob der Sturz einer Statue empörender sei als das Unrecht, das einst begangen worden sei und an das mit dem Denkmalsturz erinnert werden solle?

Sein Vortrag lässt sich hier nachhören:

 

Fässler erläuterte dies an zahlreichen Bildern. Dabei müssen Denkmäler für Fässler nicht immer entfernt und Strassennamen nicht immer ausradiert werden. Mit Detailkenntnis und Witz zeigte er verschiedene Alternativen: Erläuterungstafeln zu Agassiz in Lausanne, in Schieflage versetzte Statuen, Dokumentationen öffentlicher Auseinandersetzungen, etwa wenn der alte Name einer Strasse durchgestrichen neben dem neuen steht. Die Beispiele lassen sich hier nachhören:

 

Die Beispiele lassen sich hier nachhören, wobei der mündliche und bebilderte Vortrag und die Dokumentation nicht ganz übereinstimmen.

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In der lebhaften Diskussion wurde angemahnt, warum bei Gegen-Erinnerungen zumeist wiederum nur Männer gewürdigt werden und nicht auch die Frauen oder die Netzwerke, die sie unterstützt haben. Dass solche Politik um Symbole mit anderen politischen Bewegungen verbunden werden sollte, blieb unbestritten, zumal, wie angemerkt wurde, es dabei immer auch um die Zurückeroberung des öffentlichen Raums gehe.

Zentral bleibt die Diskussion um den historischen Horizont und die historische Relativierung: Konnten die Zeitgenossen um das Unrecht der Sklaverei wissen? Fässler wies darauf hin, dass die Sklaven immer schon wussten, dass Verbrechen an ihnen begangen wurden; mindestens seit dem Ende des 17. Jahrhunderts gab es kritische Stimmen in den Kolonialländern, Ende des 18. Jahrhunderts waren sie unüberhörbar und wurden auf dem Wiener Kongress 1815 erstmals kodifiziert. Allerdings, wurde angemerkt, seien wohl Unterschiede der unmittelbaren Verantwortlichkeit festzuhalten – da alle Menschen im Norden vom globalen Sklavenhandel profitiert hatten, würde andernfalls jedes kritische Sprechen aus diesen Ländern verunmöglicht. Und prospektiv stellt sich die Frage, wie weit heutige Verantwortung etwa für den Klimanotstand beurteilt werden könnte.

Die Diskussion mündete ins Thema von Wiedergutmachung und Reparation. Reparationen sind ja, anders als von denen behauptet, die sich dagegen sperren, nichts Neues, gerade auch in Bezug auf die Sklaverei. Skandalöserweise wurden nach dem Verbot der Sklaverei nicht etwa die SklavInnen, sondern die ehemaligen Plantagenbesitzer und Sklavenhändler entschädigt, was die Republik Haiti beinahe hundertfünfzig Jahre lang belastet hat. Natürlich ist, so Fässler, jede Reparationsforderung komplex: wer, warum, wieviel an wen zu zahlen habe. Aber das Argument der Komplexität sei zumeist nur vorgeschoben. Fässler hat dazu im letzten Dezember Scores, das Schweizerische Komitee für die Wiedergutmachung der Sklaverei, initiiert. Dieses arbeitet mit der Reparationsinitiative der karibischen Staatengemeinschaft zusammen, wie Fässler soeben in der jüngsten WOZ Nr. 37 erläutert, siehe https://www.woz.ch/2037/schweizer-wiedergutmachung/die-damaligen-argumente-klingen-sehr-vertraut.

Siehe auch Hans Fässlers Website www.louverture.ch.

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Lichtstrahlen und vegetarische Küche

bücherräumereien (XXX)

«Lichtstrahlen» – unter diesem jugendstilhaft verheissungsvollen Titel wollte eine politische Wochenzeitschrift ab 1913 in die Höhe, in die Zukunft führen, wobei der Untertitel ein «Bildungsorgan für denkende Arbeiter» ankündigte. Wer da so emphatisch zu bilden versuchte, war Julian Borchardt. Borchardt (1868–1932) arbeitete nach einer kaufmännischen Ausbildung in Bromberg als Bibliothekar, Lehrer und freier Journalist und wurde dann Redaktor sowie Bildungsverantwortlicher bei verschiedenen sozialdemokratischen Zeitungen und Institutionen.

Dabei rückte er allmählich auf den linken Flügel. 1911 ins preussische Abgeordnetenhaus gewählt, wurde er wegen heftiger Interventionen zwei Mal des Saals verwiesen, und da er sich beim zweiten Mal weigerte, den Saal zu verlassen, des Hausfriedensbruchs angeklagt. In der von ihm 1913 in Berlin gegründeten Wochenzeitschrift «Lichtstrahlen» wandte er sich zusehends gegen die Mehrheitssozialdemokratie, insbesondere als diese im August 1914 einen nationalchauvinistischen Kurswechsel vollzog und den Kriegskrediten für das imperiale Deutschland zustimmte. Seinen pädagogischen Antrieb begründete er später gerade auch mit dieser Erfahrung: «Wir sind überzeugt, dass höhere Bildung der sozialistischen Massen jenen blinden Autoritätsglauben ausrotten wird, der den Menschen heutzutage beim Militär anerzogen wird, und den wir deshalb nicht selten leider auch an Stellen finden, wo er nicht hingehört. Der allerdings wird schwinden wie die Spreu vor dem Winde, wenn alle Menschen das nötige Mass Bildung besitzen.»

In den «Lichtstrahlen» publizierten ab Kriegsbeginn zunehmend oppositionelle linke Sozialdemokraten, etwa der Ökonom Artur Crispien oder der Bauernpolitiker und Schriftsteller Edwin Hoernle. Beide hatten zur Redaktion der sozialdemokratischen «Schwäbischen Tagwacht» in Stuttgart gehört und mussten nach kritischen Stellungnahmen zur SPD-Burgfriedenspolitik auf Druck der nationalen Parteileitung ihre Posten räumen. In den «Lichtstrahlen» ebenfalls ein Sprachrohr fanden Karl Radek und Anton Pannekoek, die vor dem Weltkrieg gemeinsam zur Bremer radikalen Linken gezählt hatten.

Abschied von der SPD

Borchardt bot seine Zeitschrift als Forum an, blieb aber mit zahlreichen kürzeren und längeren Beiträgen der unbestrittene Taktgeber. Seine zumeist nicht gezeichneten Texte sind eingängig geschrieben, jederzeit um Argumente bemüht, dabei mit klaren Positionen. Der Wikipedia-Eintrag zu ihm vermeldet, er sei bereits 1914 aus der SPD ausgetreten, was wohl nicht stimmt, da er noch im April 1915 in einer kritischen Stellungnahme in den «Lichtstrahlen» schrieb: «Weit von uns weisen müssen wir deshalb den Vorwurf, wir hätten es auf eine Spaltung der sozialdemokratischen Partei abgesehen. Solche Absichten überlassen wir jenen, die es bereits mit hinreichender Deutlichkeit ausgesprochen haben, dass alle, welche die gegenwärtige Haltung der Partei kritisieren, bei nächster Gelegenheit hinausgeworfen werden sollen. Wir denken gar nicht daran, weder die Partei zu verlassen, noch sie zu spalten. Ganz im Gegenteil: wir wollen drin bleiben und nach Kräften daran arbeiten, ihr den sozialdemokratischen Charakter zu wahren.»

Im Juli 1915 nahm Borchardt an einer von Robert Grimm organisierten Vorbereitungssitzung in Bern und im September 1915 an der Zimmerwalder Konferenz der europäischen Linken teil. Mit Karl Radek und Lenin gehörte er dabei zur radikalen – und minoritären – Zimmerwalder Linken. Erst nach der Rückkehr aus Zimmerwald vollzog er den Bruch mit der SPD; zusammen mit den Bremern und einer Handvoll Mitglieder aus Hamburg und Braunschweig gründete er die Internationalen Sozialisten Deutschlands (ISD).

Ökonomie und Feuilleton

Im bücherraum finden sich drei repräsentative Nummern der «Lichtstrahlen», die uns freundlicherweise bei der Auflösung von «Gretlers Panoptikum» überlassen worden sind. Neben dem politischen Teil enthielt die Zeitschrift, die «jeden Sonntag» erschien, immer auch feuilletonistische Artikel, Erzählungen, Gedichte und Buchbesprechungen.

In grundsätzlichen Beiträgen trat Borchardt für eine differenzierte materialistische Analyse ein, die ökonomische Interessen betonte, ohne den subjektiven Faktor in der Geschichte leugnen zu wollen. So gingen einzelne Artikel der deutschen Entwicklung seit 1792 im Spannungsfeld von Klasseninteressen, Nationalstaat und frühen Globalisierungstendenzen nach. An anderer Stelle analysierte Karl Radek die Rolle Bismarcks, wobei dessen Kompromisse zwischen den Fraktionen der herrschenden Klassen betont wurden. Aufmerksamkeit wurde auch den organisationstheoretischen Entwicklungen der sich herausbildenden Weltwirtschaft geschenkt.

Bezüglich der aktuellen politischen Situation zeigte Borchardt die Widersprüche der Mehrheitssozialdemokratie auf, die alles Vertrauen verspielt habe, da ihre früheren Worte und jetzigen Taten schroff auseinanderklafften. Ebenso scharf rechnete er mit der Hoffnung ab, die SPD werde für ihre Burgfriedenspolitik nach einem allfälligen Kriegsschluss mit Zugeständnissen in sozialen Belangen belohnt.

Unter dem Strich, im Feuilleton, dokumentierte zum Beispiel Edwin Hoernle mit prägnanten Strichen den erschreckenden Chauvinismus und Rassismus vieler deutscher Intellektueller bei Kriegsausbruch. Daneben fanden sich russische Erzählungen ebenso wie Auszüge aus Wilhelm Hauffs «Mitteilungen aus den Memoiren des Satans» (1825): Das ist gehobene Unterhaltungsliteratur, deren Zielpublikum aber in diesem politisch zunehmend radikalisierten Umfeld unklar blieb.

Im April 1916 wurden die «Lichtstrahlen» wegen ihrer antimilitaristischen Haltung von der Zensur verboten. Die Nachfolgezeitschrift «Leuchtturm» fiel ebenfalls bald der Zensur zum Opfer.

Ein unzuverlässiger Intellektueller?

Hans Manfred Bock würdigt in seiner grundlegenden Studie zu «Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923» (1993) die historische Bedeutung der «Lichtstrahlen» als Forum für die sich herausbildende linkskommunistische Strömung, behandelt Borchardt als Person aber ein bisschen schnöde. So habe dieser ab 1917 eine Entwicklung eingeschlagen, die «ihn künftig als Sprecher der linksradikalen Bewegung disqualifizieren sollte» (Bock 77) – was ein eher orthodoxes Verständnis für das Verhältnis von Bewegung und Führung verrät. Tatsächlich hatte Borchardt ein Buch zum deutschen U-Boot-Krieg zum Lesen empfohlen und mit einer Einleitung versehen und war deswegen von seiner Parteisektion der ISD gerügt worden. Er rechtfertigte sich damit, dass er selbstverständlich weiterhin Pazifist sei, aber das Buch wichtig finde, um zu zeigen, dass die sozialdemokratische Vorstellung eines blossen «Verteidigungskriegs» ein Hirngespinst sei. 1918 erschien in seinem Kleinverlag auch Lenins «Staat und Revolution», was den Linkskommunisten wiederum nicht recht passen wollte.

Ab 1917 drängten die zersplitterten linksradikalen Gruppierungen, parallel und in Auseinandersetzung mit dem Spartakus-Bund von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, auf eine organisatorische Konsolidierung. Borchardt zeigte sich schon früh skeptisch gegenüber dem Aufbau einer neuen Partei und vertrat anti-organisatorische, geradezu anti-autoritäre Positionen. Das trennte ihn nunmehr auch von Radek und Pannekoek. Im November 1918 lancierte Borchardt die «Lichtstrahlen» erneut. Die Zeitschrift blieb allerdings nahezu einflusslos und wurde 1921 eingestellt.

Bock referiert – weitgehend zustimmend – die Position der ISD, die Borchardt vorwarfen, er habe «den Kontakt mit der radikalen Arbeiterbewegung verloren» und sich mit seinen weiteren Aktivitäten für einen blossen «Debattierclub» entschieden (Bock 77). Ja, er rechnet generell mit den wankelmütigen Geistesarbeitern ab. Insbesondere die Künstler, die von «anti-bürgerlichen Affekten» getrieben worden seien, hätten sich bald wieder von ihrem Engagement distanziert, aber auch für Intellektuelle wie Borchardt sei ihr linksradikales Engagement nur «eine Episode ihres politischen Lebenslaufes» geblieben (Bock 327).

Die früheren gemeinsamen Mitstreiter Radek und Pannekoek schlugen in der Folge sehr unterschiedliche, zuweilen entgegengesetzte Wege ein. Radek wurde schon im März 1920 Komintern-Funktionär, danach ein führendes Mitglied der KPD, für die er kurzfristig ein Bündnis mit nationalistischen Kreisen suchte. In den folgenden fünfzehn Jahren lavierte er mehrfach zwischen den verschiedenen Strömungen innerhalb der KPD und der Komintern. 1937 wurde er schliesslich als angeblicher Anhänger Trotzkis im zweiten Schauprozess angeklagt und 1939 in einem sowjetischen Arbeitslager ermordet – Stefan Heym hat dieses Leben 1995 romanhaft in aller Widersprüchlichkeit geschildert. Anton Pannekoek seinerseits, der zugleich ein renommierter Astronom war, wurde zu einem führenden Vertreter des Rätekommunismus, in scharfem Gegensatz zu Lenin und dann dem Sowjetkommunismus, zumeist allerdings in politisch nicht sehr wirkungsvollen Splittergruppen tätig.

« Lehrmeister-Bibliothek»

Den im bücherraum vorhandenen Heften der «Lichtstrahlen» liegen jeweils Prospekte der «Buchhandlung des Schweiz. Grütlivereins» an der Oberen Kirchgasse in Zürich bei. Angeboten werden wegen der «Kriegswirren» in einer «Ausnahmeofferte» ein paar Titel zu Schweizer Genossenschaften, und zwar als «Bücher, die in jeder Arbeiterbibliothek vorhanden sein müssen». Dazu ist als «Sonderangebot» eine Broschüre über die Bestattung von August Bebel in Zürich vom August 1913 neben einem dicken Band mit Humoresken von Wilhelm Busch, «für Freunde gesunden Humors», zu haben.

Kulturpolitisch besonders bemerkenswert ist in einer weiteren Ausgabe eine vierseitige Beilage des Leipziger Verlags Hachmeister und Thal zu dessen «Lehrmeister-Bibliothek». Das ist eine um 1900 gestartete «Sammlung praktischer Anleitungen für alle möglichen Bedürfnisse des täglichen Lebens». Rund 300 Titel sind in dieser Anzeige verzeichnet, bis Anfang der 1930er Jahre sollte die Reihe an die tausend Titel umfassen. 1915 kostete jedes Heft 30 Centimes, die Doppelnummer 55 Centimes. Titel in zehn Abteilungen wurden angeboten, von «Gartenbau, Blumenpflege» bis «Geistige Bildung». Als Hilfe zur Selbsthilfe scheint das anschlussfähig an die Genossenschafts- und Arbeiterbewegung gewesen zu sein. Zumeist sind die Bände ganz praktisch auf den Alltag hin angelegt, wobei das tägliche Leben doch weit gespannt wird, vom Beruf übers Wohnen bis zur Freizeit.

Beim Gartenbau etwa werden den Schädlingen des Apfel- bzw. Birnbaums ebenso wie des Steinobstes und des Beerenobstes je eine eigene Doppelnummer gewidmet. Während «Der praktische Champignonzüchter» auf altbekannte Lebensmittel verweist, behandelt das «Tomatenbüchlein» ein Speisegewächs, das sich in Deutschland erst Ende des 19. Jahrhunderts als Nahrungsmittel in weiteren Kreisen verbreitete. Bei Sport und Spiel sind neben Fussball und Schwimmen auch dem Tennis und dem Skilaufen einzelne Bändchen gewidmet.

Themen wie Ansätze sind mehrheitlich landwirtschaftlich und handwerklich geprägt. Zugleich geht es jedoch um die Erschliessung moderner technischer Erkenntnisse, sei es in einem Band übers Mikroskop, über die «Selbstanfertigung eines Elektromotors», ja sogar über die «Wasserversorgung mit Stahlwindturbinen». Parallel dazu werden Einführungen in die Buchführung angeboten, für die Landwirtschaft ebenso wie für die Geflügelzucht oder für «kleine Wirtschaftsbetriebe und für den Privatmann»; gelehrt werden kann aber auch die «rationelle Fütterung der Kleinhaustiere».

Noch stärker Einzug hält die Moderne unter dem Stichwort «geistige Bildung». So gibt es einen Ratgeber sowohl für männliche wie für weibliche Stellensuchende, aber auch über «Moderne Gartenentwürfe» und «Neuzeitliche Mietwohnungseinrichtungen»; das «Praktische Lehrbuch der Hypnose und Suggestion» mag sowohl an geheimnisumwitterte altertümliche wie moderne Techniken der Einflussnahme anschliessen

Sozial richtet sich das eher an die aufstrebenden Arbeiter- und Mittelschicht, mit einzelnen Ausreissern nach oben: Die «Chauffeurschule» ist nicht nur für den Berufs- sondern auch für den «Herrenfahrer» gedacht, und gelernt werden kann zudem die «Erziehung und Dressur des Luxushundes».

Das ist alles von apartem historischem Interesse. Einer dieser Lehrmeister hat freilich bis heute überlebt, oder besser eine Lehrmeisterin. 1912 veröffentlichte der Verlag als Nummer 187 eine Broschüre «Vegetarisches Kochen». Die ist vor ein paar Jahren, textlich unverändert, in einem neuen Verlag wieder aufgelegt worden ist. Die Autorin Irma Lindekam hatte für die «Lehrmeister-Bibliothek» zudem eine Broschüre «Ein Monat Arbeiterküche» verfasst. Die ist nun allerdings nur noch antiquarisch zu beziehen, und zwar in Lettland.


Im bücherraum f sind vorhanden

  • «Lichtstrahlen», Nummern 7/15 vom 4. April 1915, Nr. 8/15 vom 11. April 1915 und Nr. 9/15 vom 18. April 1915.
  • Stefan Heym: «Radek». Roman. München 1995.
  • Hans Manfred Bock: «Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923». Darmstadt 1993.
  • Drei Schriften von Anton Pannekoek, dazu eine Monografie von Cajo Brendel über Pannekoek, holländisch bereits 1970 erschienen, aber erst 2001 ins Deutsche übersetzt.
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